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Full text of "Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 25.1906 Iowa"

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Centralblatt 

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allgemeine Gesundheitspflege. 

Organ 

des Niederrheinischen Vereins fttr öffentliche Gesundheitspflege. 

Herausgegeben 

von 

Dr. Leut, Dr. Stubben, Dr. Kruse, 

Geb. Saiiitttsrat, Prof, in Odin. Ober-und Geh. Baurat in Berlin. a-o. Prof, der Hygiene In Bonn 



Fünfundzwanzigster Jahrgang. 

Mit 8 Abbildungen. 


Bonn, 

Verlag von Martin Hager. 
1906 


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Inhalt. 


Originalarbeiten. 




Hauptregeln für die Ernährung: und Pflege des Kindes im ersten 
Lebensjahre (Merkblatt Ües Niederrheinischen Vereins) . . . 

Ernährungsverhältnisse und Sterblichkeit der Säuglinge in Härmen. 
Eine statistische Untersuchung von Dr. Kriege, Kreisarzt, und 
Dr. Seutemann, Leiter des statistischen Amtes in Barmen 
Zur Zahnpflege in der Schule. Von Zahnarzt u. Dr. dent. surg. 

R. F. Günther in Bonn. 

Wie lässt sich in Kirchen das Auftreten von Zugerscheinungen ver¬ 
mindern? Von Herbst, städt. Heizingenieur, Cöln. 

Bericht über die Hauptversammlung des Niederrheinischen Vereins 
für öffentliche Gesundheitspflege zu Bonn am 28. Oktober 1905, 
erstattet vom Geheimen Sanitätsrat Prof. Dr. Lent in Cöln 

1. Geschäftsbericht. 

2. Festrede auf Dr. Lent von Prof. Kruse. 

3. Vortrag von Prof. Dr. Siegert-Cöln: Über die Aufgaben 

der Gemeinden im Kampfe gegen die Säuglingssterblichkeit 
mit besonderer Berücksichtigung der Versorgung der Städte 
mit Säuglingsmilch. 

4. Erörterung. 

5. Referat von Dr. Hützer: Über Walderholungsstätten und 

Waldschulen. 

6. Erörterung. 

Tuberkulose und Familienstand. Von Dr. med. W. Weinberg in 

Stuttgart. 

Die amtliche Desinfektorenschule an der Desinfektionsanstalt der 
Stadt Cöln, ihre Begründung und Tätigkeit in den beiden ersten 
Betriebsjahren 1903 und 1904. (Nach den im amtlichen Aufträge 
erstatteten Berichten.) Berichterstatter E. Czaplewski, Cöln 
Dritter Jahresbericht (1905) des Versorgungshauses für Mütter und 
Säuglinge zu Solingen-Haan. (Leitender Arzt: Dr. Paul Selter, 
Solingen.) Zugleich ein Bericht über das Auftreten einer Haus¬ 
epidemie und ein Beitrag zur Physiologie des Stillens. Von 

Dr. Otto Spiegel, ehern. Assistenzarzt. 

Polizeiliche Milchrevision und ihre hygienische Bedeutung. Zu¬ 
sammengestellt von G. Kircher, Pol.-Insp. 

Die Verteilung der Infektionskrankheiten auf Stadt und Land. Von 

Dr. Siegfried Rosenfeld .. 

Geschlechtskrankheiten und Prostitution. Von Dr. med. P. Kraut- 
wig, Beigeordneter der Stadt Cöln. 


Seite 

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211 




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IV 


Seite 

Dritter Jahresbericht über die Tätigkeit der amtlichen Desinfektoren¬ 
schule an der Desinfektionsanstalt der Stadt Cöln in dem Be 
triebsjahre 1905. (Nach dem im amtlichen Aufträge erstatteten 

Berichte.; Berichterstatter E. Czaplewski, Cöln.230 

Zur Methodik statistischer Erhebungen über Säuglingsernährung. 

Von Dr. Alfred Groth und Prof. Martin Hahn.234 

Offener Brief an Herrn Prof. Dr. Rudolf Emmerich in München. Von 
Sanitätsrat Dr. Lindemann, Oberarzt des Allgemeinen Knapp¬ 
schafts-Vereins .239 

Marktmilch, Kindermilch, Säuglingssterblichkeit. Kongressberichte 

von Dr. J. G. Rey (Aachen).242 

Für oder wider Pettenkofer? Von Prof. Kruse in Bonn .... 279 

Zur Eröffnung der Waldschule der Stadt M.-Gladbach. Von Dr. 

Schaefer, Direktor der Heilstätte M.-Gladbach. Mit Abbildung 311 
Die Verteilung der Infektionskrankheiten auf Stadt und Land. Von 

Dr. Siegfried Rosenfeld.316 

Antwort auf den offenen Brief des Herrn Sanitätsrates Dr. Linde¬ 
mann. Von Dr. Rudolf Emmerich, Kgl. Universitätsprofessor. 346 

Das Licht-Luftbad, eine neue Aufgabe für Gemeinden. Von Kom- 

munal-Baumeister Schneider, Cöln-Ehrenfeld. . ..... 387 

Wie bringe ich die Zimmerluft im Winter auf den richtigen Feuch¬ 
tigkeitsgehalt? Von Dr. Stöcker in Oberwesel a. Rh. Mit 

5 Textfiguren.395 

Die Lüftung des neuen Stadttheaters in Cöln. Von Herbst, städt. 

Heizingenieur.405 

Eine wichtige Aufgabe der Landesverwaltungen bei der Bekämpfung 
der Säuglingssterblichkeit. Von Dr. Paul Selter, Solingen. 

(Nach einer in der Vereinigung niederrh. - westfäl. Kinderärzte 

gemachten Mitteilung).413 

Säuglingsernährung und Säuglingssterblichkeit in Bromberg. Von 

Dr. Curt Boehm, Arzt in Bromberg.417 

Gesamt-Ernährung und Zahn-Ernährung. Gesamt-Entwickelung und 
Zahn-Entwickelung. Unsere Nahrung in bezug auf die Ent¬ 
wickelung der Zähne. Von Zahnarzt und Dr. dent. surg. R. F. 

Günther in Bonn.420 

IV. Jahresbericht der Lungenheilstätte Holsterhausen bei Werden- 
Ruhr (1905), erstattet von Dr. med. F. Köhler, Chefarzt. Mit 

2 Abbildungen.451 

Ergebnisse und Bedeutung der Waldschule Von Dr. H. Grau, 

II. Arzt der Heilstätte M.-Gladbach.473 

Die Schulbankfrage. Bericht des Schularztes Dr. Max Schulte- 
Cöln, erstattet in der Sitzung der Schulärzte und der städtischen 
Schuldeputation.481 


Berichte von Versammlungen. 

Siebente Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Schul- 

gesuudheitspflege. Von Privatdozent Dr. med. Selter (Bonn) 427 


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Kleine Mitteilungen. 

Seite 

Über den Wert von Bebauungsplänen für kleinere Städte (J.Stübben) 77 

Über Heizung und Lüftung der Schulräume (J. St.). 78 

Leitsätze betreffend Mund- und Zahnpflege. Von Zahnarzt u. Dr. 

dent. surg. R. F. Günther in Bonn.155 

Kursus für Kinderfürsorge.158 

Die Bevölkerung des Deutschen Reichs nach der Volkszählung vom 

1. Dezember 1905. (Vorläufige Ergebnisse).253 

Staffelbauordnungen in deutschen Städten. Von J. Stübben, 

Dr. Ing.350 

Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege.353 

XIV. Internationaler Kongress für Hygiene und Demographie . . 441 


Literaturberieht. 

Grunau, Über Frequenz, Heilerfolge und Sterblichkeit in den öffent¬ 
lichen preussischen Irrenanstalten 1875—1900 (Fuch s-Cöln). . 79 

Jessen, Die Zahnpflege in der Schule vom Standpunkt des Arztes, 

des Schulmannes und des V er waltungsbeamten (Bermbac h-Cöln) 81 

Müller, Die venerischen Krankheiten in der Garnison Metz (Zinsser- 

Cöln).*... 82 

von Domitrovich, Der Hygieniker und die Schulbank (Selter- 

Bonn) .159 

von Ziegler, Die Kurzsichtigkeit der Schüler höherer Lehranstalten, 
eine Gefahr für die Landesverteidigung und ihre Bekämpfung 

(Selter-Bonn).161 

Heller, Überbürdungspsychosen bei minderwertigen Kindern 

(Selter-Bonn).161 

Burmeister, Über die Verwendung von staubbindenden Fuss- 

bodenölen in den Schulen (Se lt er-Bonn).162 

Keferstein, Magdeburg und seine Wasserversorgung vom hygie¬ 
nischen Standpunkte (Krautwig-Cöln).163 

Deutsch, Die Übertragung ansteckender Krankheiten durch Bade¬ 
anstalten und deren Verhütung (Krautwig-Cöln).164 

Volkhausen, Der Unterleibstyphus in Detmold im Sommer und 

Herbst 1904 (Selter-Bonn).166 

Bornträger, Typhusepidemie infolge von Wasserbecken - Ver¬ 
seuchung in Gräfrath (Landkreis Solingen) (Selter-Bonn) . . 167 

Lentz, Über chronische Typhusbazillenträger (Selter-Bonn) . . 168 

Lentz und Tietz, Weitere Mitteilungen über die Anreicherungs¬ 
methode für Typhus- und Paratyphusbazillen mittelst einer Vor¬ 
kultur auf Malachitgrün-Agar (Sei t er -Bonn) 170 

Vagedes, Paratyphusbazillen bei einer Mehlspeisen Vergiftung 

(Selter-Bonn).171 

Levy und Sorgius, Ist es zweckmässig, Schutzpockenimpfungen 

in den ersten Lebensmonaten vorzunehmen? (Krautwig-Cöln) 171 
Graack, Kurpfuscherei und Kurpfuschereiverbot. Eine rechts¬ 
vergleichende kriminalpolitische Studie (Rumpe).257 

Vorberg, Kurpfuscher! Eine zeitgemässe Betrachtung. Mit einem 

Vorworte von Prof. Dr. Sahli-Bern (Rumpe).258 


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VI 


Seite 


Salomon, Die städtische Abwässerbeseitigung in Deutschland 

(St ich-Nürnberg).. . 259 

Rambousek, Lehrbuch der Gewerbehygiene (Stich Nürnberg) . 260 

Lauery, Le jardin ouvrier et la dot terrienne, comme moyen de 

rögen^rer la population fran^aise (Bermbach-Cöln) .... 262 

Hanauer, Die Arbeiterwohnungsfrage in Deutschland am Beginne 
des XX. Jahrhunderts vom ärztlich-hygienischen Standpunkt be¬ 
leuchtet (Enshoff-Cöln-Riehl).262 

Brünn, Über Lüftungsanlagen (Lohmer-Cöln).263 

Nussbaum, Über die Heizung und Lüftung von Schulhäusern 

(Lohmer-Cöln).264 

Baginsky, Die Schule im Dienste der öffentlichen Gesundheits¬ 
pflege (Krautwig-Cöln) ..264 

Weygandt, Leicht abnorme Kinder (Fuchs-Cöln).265 

Merennes, Vom HUfsschulwesen (B.).268 

Alb recht, Die neuerbaute Volksherberge in Mailand (Lohmer-Cöln) 268 
Neter, Mutterpflicht und Kindesrecht. Ein Mahnwort und Weg¬ 
weiser (Siegert-Cöln).269 

Szana, Staatliche Säuglingsfürsorge in Ungarn (Siegert-Cöln) . 269 

Backhaus, Grundsätze und Erfahrungen auf dem Gebiete der 

Kindermilchbereitung (Spiege 1-Solingen).269 

Koeppe, Säuglingsmortalität und Auslese im Darwinschen Sinne 

(Spiegel-Solingen). 270 

Oppenheimer, Über Säuglingsfürsorge in Paris mit Vorschlägen 

zum Säuglingsschutz in München (Spiegel-Solingen) .... 271 

Speck, Kühlkisten zur Kühlung der Säuglingsmilch (Spiegel- 

Solingen) .272 

Hohlfeld, Über den Umfang der natürlichen Säuglingsernährung 

(Spiegel-Solingen).272 

Schidlof, Die Ehe und ihr Einfluss auf Gesundheit und Lebens¬ 
dauer (Stich-Nürnberg).273 

Gaupp, Über den Selbstmord (Fuchs-Cöln).273 

Zuntz, Neuere Erfahrungen und Gesichtspunkte über den Eiweiss¬ 
bedarf des Menschen (Matthes-Cöln) .274 

Bircher-Benner, Grundzüge der Ernährungstherapie auf Grund 

der Energie-Spannung der Nahrung (Matthes-Cöln) .... 275 

v. Leyden, Verhütung der Tuberkulose (Matthes-Cöln) .... 275 

Schmidt, Über das im Kreise Ottweiler geübte Verfahren der 
Typhusbekämpfung mittels Aufstellung fliegender Baracken im 

Typhusgebiet (Matthes-Cöln).275 

Ko Ile, Über den Stand der Typhusschutzimpfung auf Grund der 

neuesten Untersuchungen (Matthes-Cöln).276 

Dollinger, Die Dauererfolge der operativen Behandlung des 
Krebses in der chirurgischen Universitätsklinik Nr. I in Buda¬ 
pest (Mastbaum-Cöln).276 

Goldscheider, Hygiene des Herzens (Matthes-Cöln).276 

Kuhn, Die Verhütung und operationslose Behandlung des Gallen¬ 
steinleidens (Matthes-Cöln).276 

Bericht des Wiener Stadtphysikats über seine Amtstätigkeit und 
über die Gesundheitsverhältnisse der Stadt Wien in den Jahren 

1900—1902 (Krautwig-Cöln).354 

Der Alkoholismus (Aschaffenburg) .358 

Baier, Bongert und Stetefeld, Untersuchungen über die hygie- 


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VII 


Seite 

nische Bedeutung der Kühlanlagen mit offener Salzwasser¬ 
kühlung (Grosse-Bohle-Cöln).360 

Bruns, Leitfaden für die Ausführung bakteriologischer Wasser¬ 
untersuchungen. Anweisung für Keimzähler (Bermbach-Cöln) 360 
Sen ft, Mikroskopische Untersuchung des Wassers mit Bezug auf 
die in Abwässern und Schmutzwässern vorkommenden Mikro¬ 
organismen und Verunreinigungen (Grosse-Bohle-Cöln) . . 361 

Adam, Der gegenwärtige Stand der Abwässerfrage, dargestellt für 
die Industrie unter besonderer Berücksichtigung der Textil¬ 
veredelungsindustrie (Grosse-Bohle-Cöln).362 

Dun bar, Zur Beurteilung der Wirkung von Abwasserreinigungs¬ 
anlagen (Grosse-Bohle-Cöln).362 

Imhof f, Die biologische Abwasserreinigung in Deutschland (Steuer¬ 
nage 1-Cöln) .363 

Verhandlungen des internationalen Vereins zur Reinhaltung der 
Flüsse, des Bodens und der Luft auf der 27. Generalversammlung 

in Frankfurt a. M. 1905 (Grosse-Bohle-Cöln).363 

Montigny, v., Die Kanalisation der Stadt Aachen und die biologische 

Versuchskläranlage daselbst (Grosse-Bohle-Cöln).364 

Über den augenblicklichen Stand der Abwasserreinigung nach dem 

biologischen Verfahren (Grosse-Bohle-Cöln).365 

Krüger, Die biologische Kläranlage mit intermittierendem Betriebe 

der Stadt Merseburg (Grosse-Bohle-Cöln). 366 

Dunbar, Ist die Wirkung der Oxydationskörper eine rein mecha¬ 
nische? (Grosse-Bohle-Cöln).366 

Reich, Die Beseitigung und Verwertung städtischer Fäkalien nach 

dem System Deininger-Andr6 (Grosse-Bohle-Cöln) .... 368 

Paul, Die Wirkungen der Luft bewohnter Räume (Mast- 

ba um-Cöln). 368 

Hey mann, Über den Einfluss wieder eingeatmeter Exspirations¬ 
luft auf die Kohlensäure-Abgabe (Mast bäum-Cöln) .... 369 

Ercklentz, Das Verhalten Kranker gegenüber verunreinigter 

Wohnungsluft (Mastbaum-Cöln).370 

Pfützner, Die Lüftung der Theater (Herbst-Cöln).370 

Flügge, Über Luftverunreinigung, Wärmestauung und Lüftung 

in geschlossenen Räumen (Mast bäum-Cöln).373 

Hoffmann, Überdrucklüftung mit Ventilatorenbetrieb in Schulen 

(Herbst-Cöln) ..374 

Brabböe, Die Lüftungsanlagen beim Baue der grossen Alpen¬ 
tunnels in Österreich, mit besonderer Berücksichtigung der 
Bewegung atmosphärischer Luft in Röhren (Herbst-Cöln) . . 375 

Marcuse, Die geschlechtliche Aufklärung der Jugend. — Liseh- 
newska, Die geschlechtliche Belehrung der Kinder (Selter- 

Bonn .377 

Fischer, Zur Schulbankfrage (Selter-Bonn).378 

Moses, Zur Hygiene der Schulbank in den Hilfsschulen für Schwach¬ 
befähigte (Seit er-Bonn).378 

Hei mann, Über einige neue Apparate zur Bestimmung der Hellig¬ 
keit auf Arbeitsplätzen Seit er-Bonn.379 

Leitsätze für die körperliche Ausbildung der Mittelschüler (Selter- 

Bonn) .379 

Schumacher, Die Desinfektion von Krankenhausgruben mit be- 


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VIII 


Seite 

sonderer Berücksichtigung des Chlorkalkes und ihre Kontrolle 

(Grosse-Bohle-Cöln).381 

Hilgermann, Wasserstoffsuperoxyd als Reinigungs- und Des¬ 
infektionsmittel im Friseurgewerbe (Grosse-Bohle-Cöln) . . 382 

Gressly, Das Desinfektions- und Feuerlöschsystem Clayton (Grosse- 

Bohle-Cöln) . 382 

1. Springfeld, Über endemische Herde der epidemischen Genick¬ 
starre und ihre Bekämpfung. — 2. Büsing, Eine Diphtherie- 

Epidemie in einem Hotel (Bermbach-Cöln). 382. 383 

Lüdke, Beobachtungen über die bazilläre Dysenterie im Stadtkreis 

Barmen (1904 und 1905) (Bermbach-Cöln).383 

Hetsch, Tollwut (Bermbach-Cöln).384 

Werner, Der Gesundheitszustand der preussischen Armee in hy¬ 
gienischer Beleuchtung. Ein Rückblick auf die letzten Jahr¬ 
zehnte (Graessner-Cöln).441 

Abendroth, Die bisherige und die voraussichtliche Entwickelung 

Hannovers als Grossstadt (J. St.).442 

Proskauer u. Elsner, Die neue Berliner Wohnungsdesinfektion 

(Goebel-Cöln).444 

Petruschky, Wohnungsdesinfektion mittels Formaldehyd (Goebel- 

Cöln) .444 

Philippi, Die Lungentuberkulose im Hochgebirge (Weischer- 

Rosbach a. S.).445 

Kleine, Impftuberkulose durch Perlsuchtbazillen (Meder-Cöln) . 446 

Hoffmann, Untersuchungen über die Lebensdauer von Typhus¬ 
bazillen im Aquariumwasser (Goebel-Cöln).447 

Ficker, Über die Keimdichte der normalen Schleimhaut des In- 

testinaltraktus (Goebel-Cöln).447 

Rosenfeld, Der Einfluss des Wohlhabenheitsgrades auf die Sterb¬ 
lichkeit in Wien, insbesondere an nichtinfektiösen Todesursachen 

(Bermbach-Cöln).491 

Tr et au. Öffentliche chemische Untersuchungsämter im Jahre 1902 

oder 1902/03 (Grosse-Bohle-Cöln).492 

Schreiber, Bericht über Versuche an einer Versuchsanlage der 

Jewell Export Filter Compagnie (Grosse-Bohle-Cöln) . . . 493 

Hofer, Über die Vorgänge der Selbstreinigung im Wasser (Grosse- 

Bohle-Cöln) .494 

Schreiber, Zur Beurteilung des Ozon Verfahrens für die Sterilisa¬ 
tion des Trinkwassers (Grosse-Bohle-Cöln).495 

Schreiber, Enteisenung bei Einzelbrunnen nach dem Verfahren 

Deseniss und Jacobi in Hamburg (Grosse-Bohle-Cöln). . . 496 

Dunbar, Die Abwasserreinigungsanlagen der Stadt Manchester. II. 

(Grosse-Bohle-Cöln).496 

Spitta u. Weldert, Indikatoren für die Beurteilung biologisch 

gereinigter Abwässer (Grosse-Bohle-Cöln).497 

Schmidt, Ein neuer Oxydationskörper (Grosse-Bohle-Cöln). . 498 

Hammerl, Helle, Kaiser, Müller u. Prausnitz, Sozialhygie¬ 
nische und bakteriologische Studien über die Sterblichkeit der 
Säuglinge an Magendarmerkrankungen und ihre Bekämpfung 

(Siegert-Cöln) ... 498 

Manteufel, Statistische Erhebungen über die Bedeutung der ste¬ 
rilisierten Milch für die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit 
(Siegert-Cöln).499 


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IX 


Oppenheimer, Ober die Errichtung von Beratungsstellen für 

Mütter von Säuglingen in München (Siegert-Cöln).499 

Zaubzer, Die Kuhmilch. Soli und Haben dieses Nahrungsmittels 
für die Stadt München und deren Umgebung im Jahre 1904 

(Siegert-Cöln).500 

Hempel, Über die Gewinnung einwandfreier Milch für Säuglinge, 

Kinder und Kranke (Siegert-Cöln).500 

Sieveking, Die Säuglingsmiichküchen der patriotischen Gesell¬ 
schaft in Hamburg (Siegert-Cöln).500 

Suckow, Leitfaden zur Erziehung von Kindermilchanstalten. Mit 
besonderer Berücksichtigung kommunaler Anlagen (Siegert- 

Cöln) . 500 

Lange, Schule und Korsett (Cramer-Cöln).501 

Sternthal, Geleitworte zur Fahrt in das Leben (Lent-Cöln) . . 501 

Gastpar, Über den gegenwärtigen Stand der Wohnungsdes¬ 
infektionsfrage (Bermbach-Cöln). 501 

Becker, Zur Desinfektion der Eisenbahnpersonenwagen (Berm- 

bach-Cöln).503 

Käser, Alkohol und Tuberkulose (Weischer-Rosbach-ßieg) . . 503 

Schmid, Das Arbeitsprogranim der schweizerischen Zentralkom¬ 
mission zur Bekämpfung der Tuberkulose in der Schweiz 

(Weis che r-Rosbach/Sieg).504 

Gotschlich, Über Cholera- und choleraähnliche Vibrionen unter 
den aus Mekka zurückkehrenden Pilgern. Ein Beitrag zur 

Epidemiologie der Cholera (Bermbach-Cöln).505 

Poten, Die Anzeigepflicht bei Kindbettfieber (Bertnbach-Cöln) . 506 

Maudie, Malariatilgung im Gebiete der k. k. Staatsbahndirektion 

Triest (Bermbach-Cöln).* . . . 507 

Verzeichnis der bei der Redaktion eingegangenen neuen Bücher etc. 82. 

173. 277. 386. 448. 508 


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Hauptregeln für die Ernährung und Pflege 
des Kindes im ersten Lebensjahre 1 ). 

I. Stille »ein Kind selbst! 

Ein von der Mutter genährtes Kind hat 8 — lOmal 
mehr Aussicht, gesund in das zweite Lebensjahr einzu¬ 
treten, als ein künstlich genährtes. 

Es ist darum Pflicht einer jeden Mutter, ihr Kind zu 
stillen. Jede gesunde Mutter kann auch stillen. 

Schwäche, Blutarmut, Nervosität, Kreuzschmerzen 
und ähnliche Leiden sind kein Grund, nicht zu stillen, 
sie heilen meist hei Stillenden rascher. 

Ob Du nicht stillen kannst, kann allein der Arzt entscheiden, 
in jedem Falle versuche, es wenigstens einige (6—7) Wochen 
durchzusetzen. Meist stellt sich dann, selbst bei unscheinbaren 
Brüsten, noch reichlich Nahrung ein. Zu wenig Muttermilch in 
den ersten Wochen ist immer noch besser als reichliche 
künstliche Nahrung, die besonders in den ersten Lebenstagen 
nie ohne Gefahr ist. 

Auch wenn Du ausserhalb des Hauses arbeiten musst, stille 
Dein Kind morgens, mittags und zweimal abends. 

Wirst Du krank, so setze das Kind nicht ohne weiteres ab, 
sondern frage erst den Arzt. Bis dieser entschieden hat, stille 
weiter, auch wenn Deine Brust krank wird. 

Lege Dein Kind von Anfang an nur alle drei Stunden etwa 
15 Minuten lang an die Brust. 

Ton elf Uhr nachts bis sechs Uhr morgens lass es 
schlafen. Vom dritten Monat an genügt es vollkommen, wenn 
Dein Kind fünf- bis sechsmal des Tages trinkt, etwa alle dreiein¬ 
halb bis vier Stunden. 

Vor und nach dem Stillen wasche Deine Brust mit lauwarmen 
reinem Wasser. 

1) Merkblatt des Niederrheinischen Vereins für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege. Vgl. die Verhandlungen des Vereins in diesem Heft S. 41 ff. 
Abdruck ohne Quellenangabe gestattet. 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 1 


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9 


Niemals aber wische dem Kind den Mond aus; denn dabei 
bringst Du Krankheitskeime in seinen Mund, die das Kind und oft 
auch Deine Brust beim Saugen krank machen. 

Iss, sobald Du das Wochenbett verlassen, wie Du es vor¬ 
her gewohnt warst, uud trinke noch ein Liter Milch dazu. 
Etwas leichtes Bier ist erlaubt, Schnaps sehr schädlich. 

Ob Du zu wenig Milch hast, entscheidet der Arzt, nicht 
die Hebamme, Grossmutter oder Nachbarin. In jedem Falle gib 
dem Kind wenigstens alles, was Du selbst geben kannst und nur 
das Fehlende an künstlicher Nahrung. (Siehe unter II.) 

Entwöhnt wird das Kind uie in der heissen Jahreszeit 
und im allgemeinen erst im zehnten bis zwölften Monat, 
und zwar ganz allmählich, indem erst eine, dann immer eine weitere 
Mahlzeit durch Kuhmilch ersetzt wird. Musst Du früher entwöhnen, 
so wird die Kuhmilch dem Alter des Kindes entsprechend verdünnt 
(siehe unten). 

II. Die künstliche Ernährung erfordert viel Mühe! 

Bedenke stets, dass die künstliche Ernährung nur ein Not¬ 
behelf ist, dass sie Gefahren mit sich bringt, die nur durch 
grösste Sorgfalt vermieden oder wenigstens vermindert werden 
können. 

Kulimilch oder Ziegenmilch ist die beste künstliche Nah¬ 
rung, wenn sie schnell nach dem Melken zu erhalten ist. Wo 
das nicht möglich ist, nimm wenigstens nur Milch, die aus rein¬ 
lichen Ställen kommt und gut gekühlt ist. Milch, die beim Stehen 
einen Bodensatz gibt, ist schädlich. Büchsenmilch ist lange nicht 
so gut, wie frische, reine Yollmilch. 

Die Milch musst Du sofort, nachdem sie ins Haus ge¬ 
kommen, in einem sauberen Topf fünf Minuten abkochen, den 
Topf dann mit einem gut sch liessenden Deckel versehen und durch 
Einstellen in oft erneutes, kaltes Wasser rasch abkühlen und kalt 
halten. In diesem Topf bleibt die Milch bis kurz vor dem 
Gebrauch. An sehr heissen Tagen kochst Du sie am besten 
noch ein zweites Mal am Tage. 

Um die Milch leichter verdaulich zu machen, wird sie im 
ersten Halbjahr mit abgekochtem Wasser verdünnt und mit Zucker 
wieder nahrhafter gemacht. 

Nur dazu dient der Zucker, nicht als Mittel, die Milch süss zu 
machen. Zusatz von Schleim ist bis zum dritten Monat zuweilen 
schädlich und vor dem neunten Monat meist entbehrlich. 

Gereicht wird die Milch in sauberer Strichflasche ohne Rohr 
aus Glas, Metall oder Gummischlauch, nur mit einem über- 


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3 


gezogenen Sänger. Die Mischung mit Wasser und Zucker 
^siehe unten) wird in der Flasche vorgenommen. 

Die Flasche muss nach jedem Trinken sofort grfind- 
lieh mit heissem Soda- oder Seifenwasser gereinigt, mit 
kaltem Wasser ausgesptilt und zum Auslaufen umgekehrt aufgestellt 
werden. Eine zur Reinigung benutzte Bürste muss täglich aus¬ 
gekocht werden. 

Auch der Sauger muss sofort nach dem Trinken wie die 
Flasche gereinigt, dann mit sauberem Tuch abgetrocknet und in 
sauberer Schachtel aufbewahrt werden. Er darf niemals vor dem 
Trinken angefeuchtet oder gar mit den Lippen benetzt werden. 

Selbst die beste Kuhmilch aus der saubersten Flasche 
muss mit frisch gewaschenen Händen dem Kinde gereicht und 
darf nur richtig gemischt und in geeigneter Stenge gegeben 
werden. Die grösste Gefahr bei der künstlichen Ernährung ist 
<lie Überfütterung. Deshalb gib nie mehr und nie häufiger als 
hier vorgeschrieben. In der Nacht erhält das Kind keine 
Nahrung. 

Wenn es neben der künstlichen Nahrung noch die Brust 
bekommt, erhält es entsprechend seltener die Flasche. 

Gib dem Kinde: 

im ersten Monat (bei 3—4 Kilo Körpergewicht) sieben¬ 
mal 1—2 Striche Milch, 2—4 Striche Wasser und einen ge¬ 
strichenen Kaffeelöffel Zucker oder Milchzucker, 

im 2.-3. Monat (bei einem Körpergewicht von 4—5 Kilo) 
sechsmal 3—5 Striche Milch, 3—5 Striche Wasser und 
1 Kaffeelöffel Zucker, 

im 4.—6. Monat (bei 5 1 /*—7 Kilo Körpergewicht) fttnf- 
biß sechsmal 6—8 Striche Milch, 3—4 Striche Wasser und 
1 Kaffeelöffel Zucker, 

vom siebenten (oder achten) Monat an (bei sieben und 
mehr Kilo Körpergewicht) fünfmal 9 —15 Striche Voll¬ 
milch, unter keinen Umständen aber mehr als ein Liter 
Milch am Tage. 

Bleibt das Kind hinter dem obigen Körpergewicht zurück, so 
frage den Arzt, gib aber nicht ohne weiteres mehr. 

Du kannst auch die Nahrung für den ganzen Tag auf einmal 
anfertigen, wenn Du die frisch erhaltene Milch sogleich in der an¬ 
gegebenen Weise mit Wasser und Zucker mischst, sie in einem reinen 
Topf zehn Minuten kochst und den Topf in kaltem Wasser bis zum 
Gebrauch stehen lässt. 

Wenn Du einen Soxhlet-Apparat hast, kannst Du die in der 
gleichen Weise bereitete Milch darin kochen, darfst danach aber 
nicht die Kühlung der Milch vergessen. 


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4 


Die Saugflasche wird in warmem Wasser gewärmt und 
dem Kinde trinkwarm gereicht, sie soll, ans geschlossene Auge ge¬ 
halten, angenehm warm sein. Die Milch wird vor dem Verabreichen 
ans einem Löffel probiert, nie durch Sangen an der Flasche. 
Der Sauger erhält durch Einbrennen mit der Nähnadel zu beiden 
Seiten unterhalb der Spitze so feine Löcher, dass die Milch daraus 
gerade in Tropfen heraustreten kann. Das Kind musst Du mit 
kurzen Pausen, in etwa 10—15Minuten die Flasche austrinken lassen; 
bei zu hastigem Trinken tritt Erbrechen ein. Zurückgelassene Reste 
werden weggeschftttet, dürfen keinenfalls wieder aufgewärmt 
werden. 

Vom neunten Monat an wird eine Flasche ersetzt durch eine 
leicht gesalzene Weizen-, Mehl- oder Griessuppe, später kann etwas 
Zwieback, Sago, Gries, Reis in verdünnter Milch eingekocht wer¬ 
den. Sogenannte Kindermehle sind überflüssig. 

Eier oder Fleisch, Obst, Gemüse, Kartoffel oder dergleichen 
sind im ersten Jahre niemals notwendig, oft schädlich. 

III. Pflege Dein Kind sorgfältig! 

Nimm das luftigste, sonnigste Zimmer für Dein Kind. 
Dulde nicht Staub, noch Rauch, noch Schmutz oder üblen Geruch darin. 

Bade das Kind täglich in mässig warmem Wasser (von 
33 — 35 Grad Celsius). Wenn du kein Thermometer hast, probiere 
die Wärme durch Eintauchen des nackten Ellbogens. 

Nie darf Badewasser in den Mund des Kindes oder 
seine Augen kommen. Die Augen müssen mit abgekochtem 
Wasser und besonderem reinen Schwämmchen ausgewaschen werden. 
Trockne das Kind nach dem Bade gut ab und staube es am Ge- 
säss ein mit Stärkepulver und Talk zu gleichen Teilen. Nimm nur 
saubere, trockene Wäsche. Wickle es nicht fest, sondern lasse 
ihm Raum zum Bewegen der Beine. Lege das Kind stets trocken, 
wenigstens nach jeder Flasche und wasche es dabei stets mit 
lauwarmem Wasser und Seife, ehe Du es abtrocknest und puderst, 
besonders auch* in den Hautfalten. 

Vom vierten Monat an halte das Kind fleissig ab, 
namentlich stets vor dem Trinken und bald nach dem Trinken, dann 
gewöhnt es sich bald, sich trocken zu halten. Gewöhne es nicht 
an den Schnuller, dann wird es kein Schreihals. Trage es 
nicht nnnötig umher, in keinem Falle, weil es schreit, sondern 
sieh lieber, warum es schreit, ob es nass liegt, zu fest gewickelt ist, 
ob Falten es drücken oder ob es Ungeziefer hat. Nicht, weil es 
zu wenig Nahrung bekommen hat, schreit das Kind, sondern weil 
es zu viel oder zu schnell getrunken uud davon Leibschmerzen hat. 


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5 


Lass das Kind möglichst viel in seinem Korbe oder Bettchen 
flach auf der Matraze, nicht in Federkissen liegen und fahre es 
bei gutem Wetter viel ins Freie. Wenn Du es tragen musst, 
wechsle öfter den Arm, sonst wird das Kind krumm und schief. 

Stelle Dein Kind nicht zu früh auf die Beine, lass es nie an 
der schmutzigen Erde herumkriechen, besonders nie in einem Zimmer 
mit brennendem Ofen. Stelle nie kochendes Wasser so, dass Dein 
Kind es erreichen kann. 

Gedeiht das Kind nicht, wird es blass, mager, schlaff oder 
wund, hat es keinen gleichmässigen gelben, gebundenen Stuhl, 
läuft ein Ohr, verklebt sich ein Auge, hat es Durchfall, Erbrechen, 
Schwämmchen im Mund oder gar Fieber und Krämpfe, kurz zeigt 
es irgend eine Störung, so verlass Dich nicht auf den Bat der Heb¬ 
amme oder Gevatterin, sondern eile sofort zum Arzt. Je früher 
Du den Arzt holst, um so sicherer und schneller wird Dein 
Kind gesund. 


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Ernährungsverhältnisse und Sterblichkeit 
der Säuglinge in Barmen. 

Eine statistische Untersuchung 
von 

Dr. Kriege, Kreisarzt, 

und Dr. Seutemanri, Leiter des statistischen Amtes 
in Barmen. 


Unter den deutschen Gross- und Mittelstädten steht Barmen 
in bezug auf die Säuglings-Sterblichkeit neben Osnabrück am 
günstigsten da 1 ). In der Tabelle I des Anhangs geben wir einen 
allgemeinen Überblick über die Entwicklung der Kindersterblichkeit 
unserer Stadt seit 1875, also für einen Zeitraum von 30 Jahren, 
Sie nimmt, wie in anderen deutschen Städten, ab; doch geht diese 
Erscheinung neben einer bedeutenden Abnahme der Geburtenziffer 
einher, auch ist sie keineswegs sq erheblich, wie die Abnahme der 
allgemeinen Sterblichkeit aller anderen Altersklassen. Dies ist mit 
zu berücksichtigen, wenn man sieht, dass z. B. in den Jahren 1900 
bis 1904 durchschnittlich von 100 Lebendgeborenen nur 14,3 
starben. Sehr hoch ist die Sterblichkeit der unehelichen Kinder 
(in den letzten 5 Jahren durchschnittlich 40°/ 0 ), ja sie würde noch 
höher erscheinen, wenn von den unehelich Geborenen im Laufe des 
ersten Lebensjahres nicht einige legitimiert würden, die nun nicht 
mehr als uneheliche sterben können. Andererseits fehlt es zur Zeit 
an Nachrichten darüber, wie sich in Barmen der Zu- und Abzug 
der unehelichen Kinder gestaltet. Bei den kleinen absoluten Zahlen 
fallen hier geringe Verschiebungen schon sehr ins Gewicht. Für 
die allgemeine Kindersterblichkeit kommen die als unehelich Ge¬ 
storbenen nur deshalb wenig in Betracht, weil die Zahl der un¬ 
ehelichen Geburten sehr klein ist; in den letzten Jahren beträgt 
sie durchschnittlich nur 3,4°/ 0 . 


I) Vgl.: „Die Geburten und Sterbefälle in München im Jahre 1904 
mit Rückblicken auf die Vorjahre undjVergleichungen mit anderen Städten% 
hrsg. vom Statistischen Amt der Stadt München, S. 32 u. 33. 


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7 


Wenn in Barmen weniger Säuglinge sterben, als in anderen 
Grossstädten, so ist dies durchaus kein Grund, mit den bestehenden 
Zustäuden sich zufrieden zu geben. Von dem Ideal, wie es in 
Schweden, Norwegen und Irland erreicht ist, wo von 100 Kindern 
im ersten Lebensjahr kaum 10 sterben, sind wir noch weit entfernt. 

Es ist allgemein anerkannt, dass die Sterblichkeit der Säug¬ 
linge in erster Linie von der Art und Weise abhftngt, wie sie er¬ 
nährt werden; die übrigen sanitären Verhältnisse treten dagegen 
entschieden zurück. Daher hat es nicht nur grosses Interesse, 
sondern auch praktische Bedeutung, die Ernährungsverhältnisse der 
Säuglinge möglichst genau zu ermitteln, bevor Einrichtungen zur 
Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit ins Leben gerufen werden. 

Zunächst war zu überlegen, wie und in welchem Um¬ 
fange eine solche Erhebung in Barmen durchgeführt werden 
sollte. Es war uns durch persönliche Mitteilungen bekannt, 
dass Herr Professor Kruse Ermittelungen über die Ernährungs¬ 
verhältnisse der Säuglinge in Bonn angestellt hatte. Doch sind 
die Ergebnisse nicht veröffentlicht, so dass wir daraus keine An¬ 
haltspunkte für unser Vorgehen im einzelnen gewinnen konnten. 
Auch durch die Umschau in der neuesten Literatur hatten wir eine 
nur geringe Ausbeute. Die uns bekannt gewordenen Arbeiten leiden 
daran, dass die Grundsätze der statistischen Methodik und Technik 
nicht genügend berücksichtigt worden sind 1 ). 


1) Vgl. A. Groth, Zur Beurteilung der Säuglingssterblichkeit in 
München (Zeitschrift für Hygiene u. Infektionskrankheiten, 51. Bd. 1905, 
S. 249ff.). — Ferner Dietrich, Säuglingsernährung und Wöchnerinnen- 
Asyle (dieses Centralblatt, 22. Jahrg. 1903, S. 46 ff.). — Endlich Selter, Die 
Notwendigkeit der Mutterbrust für die Ernährung der Säuglinge (dieses 
Centralblatt, 21. Jahrg. 1902, S. 377 f.). — Alle drei Arbeiten stimmen darin 
überein, dass die Ernährungstatsachen der untereinjährigen Kinder rück¬ 
fragend festgestellt sind, und zwar von Groth bei den öffentlichen Impf¬ 
terminen in München, von Dietrich durch spätere Befragung der im Cölner 
Wöchnerinnenasyl entbundenen ehelichen Mütter und von Selter auf Grund 
von Aufzeichnungen rheinischer Kinderärzte über die von ihnen be¬ 
handelten Kinder. Groth fusst auf dem grössten Material, dessen Be¬ 
wältigung er sich mit vieler Mühe angelegen sein lässt, leider mit bezug 
auf die Sterblichkeitsverhältnisse der Brust- und Flaschenkinder ziemlich 
erfolglos. Groth so wenig wie Dietrich haben deutlich erkannt, dass die 
Ernährungstatsachen bei den gestorbenen Kindern auf den Zeitpunkt des 
Todes zu beziehen sind, und dass zur Ermöglichung richtiger Beziehungen 
die Lebenden nach Alter und Ernährung gegliedert werden müssen. Sie 
operieren statt dessen stets mit Gruppen, die nach der Dauer der Brust¬ 
nahrung gebildet sind. Damit führen sie, ohne es eigentlich zu wollen, 
indirekt eine — allerdings höchst eigenartige — Altersgliederung ein; 
denn Säuglinge, die mindestens 3, 6, 9 Monate an der Brust waren, müssen 
mindestens auch 3, 6, 9 Monate alt gewesen sein. Doch besteht für 
keine dieser Gruppen nach oben eine andere Altersgrenze, als das voll- 


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8 


Um die Ernährungsverhältnisse der Säuglinge und gleich¬ 
zeitig die Sterblichkeit der Brust- und Flaschenkinder festzustellen, 
gibt es nur zwei richtige Wege. Der erste Weg ist fol¬ 
gender: Man geht von einem bestimmten Geburtenkontingent aus 
und verfolgt, wie sich dies Kontingent von Lebenswoche zu Lebens¬ 
woche oder von Lebensmonat zu Lebensmonat zahlenmässig in Brust 
und Flaschenkinder scheidet, und wie viel Abgänge durch Tod in 
jeder Lebenswoche oder in jedem Lebensmonat je die Brust- und 
die Flaschenkinder erleiden. Begreiflicherweise aber macht es 
grosse Schwierigkeiten, z. B. das Jahreskontingent der Geburten 
einer Grossstadt ein volles Jahr lang von Woche zu Woehe, ja 
man möchte sagen, von Tag zu Tag, zu beobachten. Ein Ausweg 
wäre es, nach Ablauf eines Jahres die Ernährungstatsachen, die 
Woche des Abstillens, die Ernährungsweise zur Zeit des etwaigen 
Todes u. s. w. nachträglich zu erfragen und danach rück¬ 
wärts die Abgangsordnung der Brust- und Flaschenkinder zu kon¬ 
struieren. Aber eine solche Beantwortung der Fragen nach der Er¬ 
innerung sucht man möglichst zu vermeiden; die Angaben sind zu 
unsicher und können auf ihre Richtigkeit nicht nachgeprüft werden. 
— Weit sicherer ist es deshalb, einen zweiten Weg einzuschlagen, 
der durch die hervorragenden Arbeiten des Berliner Statistikers 
R. Böckli schon seit 20 Jahren praktisch bewährt ist. Danach er¬ 
mittelt man Alter und Ernährungstatsachen der an einem be¬ 
stimmten Tage lebenden Säuglinge und setzt in Beziehung 
hierzu die innerhalb eines Kalenderjahres gestorbenen 
Säuglinge, bei denen das Alter zur Zeit des Todes und die Er¬ 
nährungsart kurz vor dem Tode berücksichtigt werden. An sich 
ist es zwar das richtigste, die gestorbenen Säuglinge eines Jahres 
auf die Geborenen desselben Jahres — statt auf die an einem 
Zähltage lebenden Säuglinge — zu beziehen, da die Zahl der an 
einem Tage lebenden Säuglinge um einen grossen Teil der im 
Laufe des Jahres gestorbenen gekürzt ist. Aber die Differenz ist 
nicht sehr belangreich. Für unseren Zweck ist sie sogar völlig 
bedeutungslos, da es uns nur auf die verschiedene Sterblichkeit der 
Brust- und Flaschenkinder ankommt. 

Die Feststellung der Ernährungsverhältnisse aller an einem be¬ 
stimmten Tage lebenden Säuglinge hätte in Barmen, ebenso wie in 


endete erste Lebensjahr. Die Sterblichkeitsziffern, die für die nach der 
Laktationsdauer gebildeten Kindergruppen berechnet werden, sind daher 
in erster Linie die Folge der ganz verschiedenen Altersverhältnisse dieser 
Gruppen. Keine noch so v komplizierte Berechnung kann diesen Fehler 
aus der Welt schaffen; ohne genaue Berücksichtigung des Alters der Säug¬ 
linge geht es schlechterdings nicht. 


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9 


Berlin, mit einer Volkszählung oder auch mit der jährlichen Per¬ 
sonenstandsaufnahme verbunden werden können. Doch lag uns viel 
daran, die Erhebung nicht so lange aufzuschieben. Ferner sind in 
den Zählpapieren die Geburtsangaben (worauf der grösste Wert zu 
legen ist) oft ungenau. Auch war zu befürchten, dass die Fragen 
vom Publikum oft missverstanden und daher unzutreffend beantwortet 
worden wären. Eine Nacherhebung aber wäre erst mehrere Wochen 
nach dem Zählungstage möglich gewesen, und die Rückbeziehung 
der Antworten auf den weit zurückliegenden Zählungstag gibt dann 
erfahrungsgemäss zu vielen Irrtümern Veranlassung. 

Deshalb beschlossen wir, uns bei der Durchführung der Er¬ 
hebung der Hülfe der Hebammen zu bedienen. Es liess sich an¬ 
nehmen, dass eine Mutter insbesondere mit der Hebamme, die ihr 
bei der Geburt des Kindes beigestanden hatte, die Ernährungs¬ 
fragen unbefangener besprechen würde, als etwa mit Polizeibeamten 
oder anderen bei der Volkszählung mitwirkenden Personen. Die 
Hebammen, die an der Hand der inzwischen gedruckten Zählkarten 
vom Kreisarzt eingehend belehrt worden waren, erklärten sich bereit, 
die Arbeit gegen die ihnen zugebilligte Vergütung von 10 Pfg. für 
jedes Kind zu übernehmen. 

Als Zählungstag war der 15. August festgesetzt. Für die an 
diesem Tage in Barmen lebenden, unter 1 Jahr alten Kinder war 
die folgende Zählkarte entworfen (s. S. 10;. 

Der Kopf der Zählkarte (enthaltend die Adressen und Personal¬ 
verhältnisse) wurde für jedes Kind, das in derZeit vom 15. August 
1904 bis 14. August 1905 in Barmen geboren war — das also am 
15. August 1905 das erste Lebensjahr noch nicht überschritten 
hatte — nach den standesamtlichen Registern ausgefüllt 1 ). Nach¬ 
dem die Adressen vom Meldeamt geprüft und berichtigt waren, 
wurden die Karten aller derjenigen Kinder ausgeschieden, die am 
15. August nicht mehr lebten, oder die inzwischen Bannen ver¬ 
lassen hatten. Die gestorbenen Kinder wurden auf besondere 
Sterbekärtchen übertragen (s. S. 11). Die verzogenen gingen mit 
Recht der Statistik verloren, da sie ja am Zahltage nicht mehr zu 
den in Barmen lebenden gehörten. Dagegen hätten die zu¬ 
gezogenen, am 15. August bis zu 1 Jahr alten Kinder eigentlich 
mit berücksichtigt werden müssen, doch konnte dies nicht geschehen, 
weil ihre Adressen unbekannt waren. Das Ergebnis kann hierdurch 
nur unerheblich beeinflusst worden sein, weil der allgemeine Zuzug 
— und somit auch die Zahl der zugezogenen Säuglinge — nur 
gering war. 

1) Das „Einkommen des Vaters“ wurde erst ganz zuletzt, nachdem 
die übrigen Fragen von den Hebammen beantwortet waren, vom Steuer¬ 
bureau eingetragen. 


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Kgl. Kreisarzt Zählkarte über die Ernährungsverhältnisse der am 

u. Stadtarzt. 15. August lebenden unter 1 Jahr alten Kinder. 


Nr.. Name des Kindes: 

männlich — weiblich — ehelich — unehelich. Geb. am 1904/05. — 

Name der Eltern: strasse Nr. 

Beruf u. Berufsstllg.: Einkommen des Vaters: JC. 


Kind am Zählungstage nachts bei der Mutter — bei Verwandten — in 
fremder Familie. 


Am Zählungstage Muttermilch? ja ganz — ja teil¬ 
weise — nein. 

„ „ Ammenmilch? ja ganz — ja teil¬ 

weise — nein. 


Wenn Ammen¬ 
milch, seit welcher 
Lebens woche? 


Wenn das Kind am Zählungst&ge nicht von der Hotter genährt wird: 

Bis zu welcher Lebenswoche hat die Mutter das Kind selbst genährt? - 
überhaupt nicht — ganz bis zur Lebenswoche — teilweise bis zur 
Lebenswoche. 

Warum hat die Mutter das Kind überhaupt nicht oder nicht länger 
genährt? 

1. Weil die Mutter gestorben ist 

2. Weil die Milch ohne erkennbaren Grund (gesunde Mutter!) nicht 
vorhanden war oder versiegte. 

3. Weil die Mutter wegen Krankheit, wegen eines Leidens, wegen 
Schwäche keine Milch mehr hatte oder nicht nähren durfte. (Art 

des Leidens:.). Eventuell welcher Arzt hat das 

Stillen verboten? (Dr. ). 

4 Weil die Mutter durch ihre Berufstätigkeit am Nähren verhindert 
war. (Welcher Art ist die Berufstätigkeit und warum ist das 
Stillen damit nicht vereinbar?) 

5. Weil die Milch infolge eines besonderen Anlasses versiegte (z. B. 

notwendige Reise, erneute Schwangerschaft). (Art dieses An¬ 
lasses:.). 

6. Weil die Mutter nicht oder nicht mehr nähren wollte (Grund: 

[z. B. Annahme einer Amme, Vergnügungsreise, Kind bereits 
9 Monate alt, Bequemlichkeit usw.] ). • 

Wenn das Kind am Zählungstage keine Brnstmilch erhält: 

Es erhält: vorwiegend Milch — teilweise Milch — sehr wenig oder gar 
keine Milch. In letzterem Falle welche Ersatzmittel: . 

Bemerkungen:. . 

Die Karte ist von mir nach sorgfältiger Erfragung gewissenhaft aus¬ 
gefüllt am .August 1905. 

(Unterschrift:) 


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11 


Die vom 15. August 1904 bis 14. August 1905 geborenen 
und in demselben Zeitraum gestorbenen Kinder wurden, 
wie erwähnt, in besondere Sterbekarten eingetragen, und zwar nach 
folgendem Muster 1 ): 

Kgl. Kreisarzt Zählkarte über die Ern ähr ungs Verhältnisse der 

u. Stadtarzt. in der Zeit vom 16. August 1904 bis 15. August 

— 1905 gestorbenen unter 1 Jahr alten Kinder. 

Nr. Name des Kindes: 

männlich — weiblich — ehelich — unehelich. Geb. am 1904/05. — 

Name der Eltern: . Strasse Nr. 

Gestorben am 1904/05. 

Todesursache 

Das Kind erhielt kurz vor dem Tode: 

Muttermilch? Ja ganz — ja teilweise — nein. 

Ammenmilch? Ja ganz — ja teilweise — nein. 

Wenn Ammenmilch, seit welcher Lebenswoche? 

Nur künstliche Nahrung? ja — nein. 

Wenn ja, seit welcher Lebenswoche? 

Bemerkungen: . 

Die Karte ist von mir nach sorgfältiger Erfragung gewissenhaft aus¬ 
gefüllt am August 1905. 

(Unterschrift:). 

Natürlich setzt sich die Sterblichkeit der Kinder, die in der 
Zeit vom 15. August 1904 bis 14. August 1905 geboren sind, nach 
dem 14. August 1905 weiter fort und dauert — soweit das Säug¬ 
lingsalter in Betracht kommt — bis zum 14. August 1906. Aus 
praktischen Gründen ist dieser Termin nicht abgewartet worden, 
vielmehr wurden weitere Sterbekarten ausgeschrieben für alle in 
der Zeit vom 15. August 1904 bis 14. August 1905 gestorbenen 
Säuglinge (also auch für diejenigen, die aus der vor dem 
14. August liegenden Geburtszeit stammen), so dass nun das Sterbe¬ 
kontingent eines vollen Jahres vorlag. — Unter den leben¬ 
den Säuglingen fehlen die zugezogenen, während sie unter den ge¬ 
storbenen richtig vorhanden sind. Umgekehrt konnten von den ge¬ 
storbenen Kindern 26 nicht berücksichtigt werden, weil die Mutter 
inzwischen verzogen war, so dass die Ernährungstatsachen sich 
nicht feststellen Hessen. Es ist dies wieder nur ein unbedeutender 
Fehler, der sich sogar in gewisser Weise mit dem ersten ausgleicht. 

]) Die „Todesursache“ wurde den ärztlichen Todesbescheinigungen 
entnommen. Das Einkommen des Vaters wurde nachträglich in derselben 
Weise hinzugefügt, wie in den Zählkarten für die lebenden Kinder. (Siehe 
Anm. S. 9.) 


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12 


Aus den Tagebüchern der Hebammen wurde nun festgestellt, 
in welchen Familien sie die Entbindungen vorgenomnien hatten, 
um die ausgeschriebenen Zählkarten (für die lebenden und für die 
gestorbenen Kinder) entsprechend verteilen zu können. Am 15. Aug. 
(dem Zählungstage) morgens waren alle Karten in ihren Händen, 
nach 10 Tagen waren die meisten Karten zurück. Sie wurden mit 
den Hebammen durchgesprochen, Rückfragen waren durch sie zu 
erledigen. 

Die Ernährungsfragen, die zu erörtern waren, sind auf den 
Zählkarten so einfach und präzise gefasst, dass nachweisbare Irr- 
tiimer nur ausnahmsweise vorgekommen sind. Insbesondere sind 
die Fragen, wie die Kinder am Zählungstage ernährt wurden, im 
grossen und ganzen wohl immer zutreffend beantwortet. Nur darf 
man die reinen Brustkinder, die „ganz Muttermilch“ erhielten, 
nicht gar zu wörtlich nehmen; dazu ist die Sitte, wenigstens den 
älteren hin und wieder einen Bissen zuzustecken, im Volke viel zu 
sehr verbreitet. — Für die gestorbenen Kinder waren nur die Er¬ 
nährungstatsachen „kurz vor dem Tode“ festzustellen. Es darf 
wohl angenommen werden, dass sich die Mutter im allgemeinen 
sicher erinnern wird, welche Nahrung das Kind in den letzten 
Tagen vor dem Tode erhalten hat, insbesondere, ob sie es noch an 
der Brust hatte oder nicht. Deshalb sind in diesem Falle „Rück¬ 
fragen“ dem Statistiker weniger bedenklich. 

Die auf Grund der Zählkarten gemachten Auszählungen sind 
in den am Schluss dieser Arbeit abgedruckten Tabellen II bis X 
so übersichtlich zusammengefasst, dass die Ergebnisse ohne weiteres 
verständlich sind. In den Tabellen II bis VI sind die Ernährungs¬ 
verhältnisse von 4139 am 15. August lebenden Säuglingen dar¬ 
gestellt. Darunter befinden sich 88 uneheliche. Die Tabellen VII, 
IX und X befassen sich mit den Ernährungstatsachen von 607 
gestorbenen unter 1 Jahr alten Kindern, während die Tabelle VIII 
eine allgemeine Übersicht über die erhöhte Sommersterblich¬ 
keit der Barmer Säuglinge von 1882 bis 1904 enthält, die nach 
Tabelle Villa lediglich auf Verdauungsstörungen zurttckzuftihren ist. 

Bei der verhältnismässig niedrigen Säuglingssterblichkeit in 
Barmen und bei der kleinen Zahl unehelicher Kinder hatten wir 
von vornherein einen günstigen Stand der Ernährungsverhältnisse 
der Säuglinge vermutet. Doch hat uns die durch Tabelle II ver¬ 
mittelte Erkenntnis überrascht, dass von 100 in Barmen lebenden 
Säuglingen (eines Tages) nicht weniger als 63 ganz und 15 teil¬ 
weise an der Brust ernährt werden, zusammen 78^o 1 ). Den 

1) Dem gegenüber wurden in Berlin bei der Volkszählung vom 
1. Dezember 1900 nur 38% Brustkinder gezählt. Auch für München be- 


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13 


3229 Brustkindern (einschliesslich der 12 Animenkinder) stehen nur 
910 künstlich ernährte Kinder gegenüber. Freilich lehrt uns die¬ 
selbe Tabelle, dass die Ernährungsverhältnisse der 88 unehelichen 
Kinder viel ungünstiger liegen, als die der ehelichen, wenngleich 
immer noch etwas über die Hälfte von ihnen ganz oder teilweise 
Brustmilch erhält. — Ist die Zahl der unehelichen Kinder (88) 
schon klein, so ist die Zahl der in fremder Pflege befindlichen 
Kinder noch kleiner: wir zählten nur 21 uneheliche und 22 eheliche 
Kinder, die sich am 15. August nachts nicht bei der Mutter be¬ 
fanden. Zudem waren von diesen 43 Kindern 16 bei nahen Ver¬ 
wandten untergebracht. 

Wenn der Ernährungsstand der Säuglinge im ganzen schon so 
günstig ist, so lässt sich annehmen, dass das Stillen bald nach der 
Geburt in Barmen geradezu die Regel sein muss. Hierüber gibt 
uns die Tabelle III genauere Auskunft. In den ersten Wochen 
nach der Geburt erhalten von 100 Sänglingen 95 Brustnahrung; 
mit zunehmendem Alter geht diese Verhältniszahl zurück, aber kurz 
vor Vollendung des ersten Jahres sind noch 61 °/ 0 ganz oder teil¬ 
weise an der Brust. 

Die Tabellen IV und V zeigen uns zahlenmässig, wie sehr 
mit zunehmender Wohlhabenheit die Brusternährung ab¬ 
nimmt. Wären die wohlhabenden Kreise stärker in Barmen ver¬ 
treten, so würde das günstige Bild des Ernährungsstandes doch 
etwas verblassen. Immerhin nähren in den Eiukommensstufen von 
über 3000 Mk. noch 45°/ 0 der Mütter ihre Kinder selbst (gegen¬ 
über 81 °/ 0 in der Klasse mit dem niedrigsten Einkommen). Bei 
höherem Alter des Kindes verschiebt sich das Verhältnis noch 


rechnet Groth (a. a. 0.) nur 40°/ 0 , ein Ergebnis, das noch viel ungün¬ 
stiger ausgefallen sein würde, wenn die Feststellung für einen be¬ 
stimmten Tag erfolgt wäre. Unter den für den 15. August 1905 von 
uns nachgewiesenen 910 Flaschenkindern befinden sich nämlich nicht 
weniger als 653, die nach der Geburt kürzere oder längere Zeit die 
Brust erhalten hatteu (s. hierzu Tabelle VI: die Zahl der Flaschenkinder 
ergibt sich nach Abzug der 12 Ammenkinder, die sich auch unter den 257 
„überhaupt nicht von der Mutter ernährten Kindern“ wiederfinden). Gün¬ 
stigere Ergebnisse liefert die geburtshülfliche Statistik in Baden, wo 
für sämtliche Neugeborene der Amtsbezirke die Ernährungsart festgestellt 
wird (s. statistische Mitteilungen über das Grossherzogtum Baden, Jahrg. 
1903, Nr. 3). Danach wurden von 100 Neugeborenen des Jahres 1902 ge¬ 
stillt z. B. im Amtsbezirk Karlsruhe 77,7, Mannheim 87,4, Freiburg 59,8, 
Heidelberg 84,7. Diese Zahlen sind aber mit unseren Ergebnissen nicht 
zu vergleichen, da dort die blosse Tatsache, dass das Kind überhaupt 
— wenn auch nur ganz vorübergehend — an die Brust genommen ist, 
genügt, um es als Brustkind erscheinen zu lassen. (Vgl. hierzu auch: 
„Die Säuglingssterblichkeit in der Stadt Karlsruhe“. Beiträge zur Statistik 
der Stadt Karlsruhe 1905, Nr. 16.) 


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14 


mehr zu ungunsten der Bessergestellten: wenn das Kind 9 Mo¬ 
nate alt ist, stehen sich die Prozentzahlen 20 und 76 gegen¬ 
über. — Von ganz untergeordneter Bedeutung ist die Ernährung 
mit Ammenmileh. Aus Tabelle II geht schon hervor, dass 
von den am 15. August lebenden Säuglingen nur 6 ganz und 
0 andere teilweise auf diese Art ernährt wurden, und darunter be¬ 
finden sich sogar 2 uneheliche Kinder. Aus den Tabellen IV und V 
ist dann ersichtlich, dass es sich eigentlich nur um 2 Ammen in 
wohlhabenden Familien handelt. Die grosse Mehrzahl hat offenbar 
aus Gefälligkeit uud Mitleid ein fremdes Kind mit an die Brust 
genommen. 

Wie kann man sich nun die weite Verbreitung des 
Selbststillens in Barmen erklären? Offenbar beruht sie zum 
grössten Teil auf guter, alter, belgischer Volkssitte, ja, man könnte 
auf den Gedanken kommen, dass diese Sitte durch die immer mehr 
abnehmende Zahl der Geburten (s. Tabelle 1) noch begünstigt würde. 
Weiter trägt die geringe Zahl der unehelichen Kinder und der 
Haltekinder sicher dazu bei. Endlich ist zu bedenken, dass Barmen 
eine Fabrikstadt ist, und dass der an Zahl weit überwiegende 
unbemittelte Teil der Bevölkerung schon aus ökonomischen Gründen 
auf das Selbststillen angewiesen ist. Die weibliche Fabrikarbeit, 
die ja ein wichtiges Hindernis bilden würde, ist zwar in der Textil¬ 
industrie sehr verbreitet, die eheweibliche ist aber in Barmen 
ganz gering 1 )- Für die Ehefrauen bietet sich auch mancherlei 
Heimarbeit, die das Selbststillen nicht hindert. 

Die Tabelle VI, die von den Gründen des Nicht¬ 
stillens und der Entwöhnung handelt, bestätigt diese An¬ 
schauung. Denn von den 922 Müttern, die am Zählungstage ihre 
Kinder nicht selbst stillten, waren nur 48 (= 5,2 °/ 0 ) durch „beruf¬ 
liche Gründe“ verhindert. 558 Mütter (— 00,5 °/ 0 ) haben „Fehlen 
oder Versiegen der Milch ohne erkennbaren Grund“ als Hindernis 
angegeben. Doch verbergen sich hierunter zweifellos manche 
Fälle, in denen bei gutem Willen aller Beteiligten das Selbststillen 
möglich gewesen wäre. Die Hebammen haben nur 51 Mütter 
(= 6,5°/ 0 ) ermittelt, die nicht stillen wollten, und unter ihnen be¬ 
finden sich 41, die ihre Kinder erst entwöhnten, als sie über 
20 Wochen alt waren. — Krankheit ist der Grund in 24 °/ 0 der 
Fälle; aber unter ihnen tiberwiegen Schwäche und Blutarmut, d. h. 
Fälle, in denen das Selbststillen meist geradezu nützlich für die 
Mutter ist. Auch in den 64 Fällen von fehlerhafter Bildung etc. 


1) 1895 wurden nur 315 verheiratete Textilarbeiterinnen gezählt, in 
anderen Industrien sind die Zahlen ganz minimal. (S. statistisches Jahrbuch 
der Stadt Barmen, Jahrg. 1904, S. 25) 


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15 


der Brustwarzen hätte bei genügender Sorgfalt gewiss noch 
manches Kind die Wohltat der Mutterbrust gemessen können. 
Tuberkulose, Kindbettfieber und andere akute Krankheiten wird 
man als Hinderungsgründe gelten lassen müssen, sie treten aber 
zahlenmässig ganz zurück. Ebenso steht es mit einigen anderen 
unvermeidbaren Ursachen, wie Tod der Mutter (0,8 °/ 0 der Fälle), 
erneute Schwangerschaft (2°/ 0 der Fälle), besondere Anlässe zum 
Versiegen der Milch (0,4 °/ 0 ), Missbildung des Kindes (0,9 °/ 0 ). 

Dass die Sterblichkeit der künstlich ernährten Kin¬ 
der auch in Barmen eine ungleich viel grössere ist, als die der 
Brustkinder, wird durch die Tabelle VII klar bewiesen. Das 
Bild ist freilich — wie in der Vorbemerkung zur Tabelle näher 
dargelegt ist — besonders für die untersten Altersstufen nicht ganz 
deutlich. Aber so viel kann mit Sicherheit gesagt werden, dass 
die Sterblichkeit der Flaschenkinder bis zum 9. Lebens¬ 
monat mindestens das Fünffache der Sterblichkeit der 
Brustkinder beträgt, und dass in den ersten Lebens¬ 
monaten das Verhältnis für die Flaschenkinder noch un¬ 
günstiger ist.. Nach dem 9. Lebensmonat verringert sich die Sterb¬ 
lichkeit der künstlich genährten Kinder, wenn auch immer noch ein 
erheblicher Unterschied zugunsten der Brustkinder bestehen bleibt. Am 
Ende des ersten Lebensjahres sind von den Brustkindern nur 7,5°/ 0 , 
von den Flaschenkindern dagegen 29,7 °/ 0 gestorben 1 ).— Unter den 
Todesursachen tiberwiegen bei den künstlich ernährten Kindern 
Magen- und Darmkatarrhe, während die Brustkinder häufiger an 
anderen, weniger vermeidbaren Krankheiten zugrunde gehen. Ja, 
die Ernährungsstörungen würden bei den letzteren unzweifelhaft noch 
mehr zurttcktreten, wenn es sich nur um Brustkinder im strengsten Sinne 
des Wortes handelte. — Eine Trennung der Verdauungskrankheiten 
in akute und chronische ist statistisch nicht möglich, weil hierzu 
die Angaben der Ärzte auf den Todesbescheinigungen nicht aus¬ 
reichen. Ferner ist zu berücksichtigen, dass von ihnen häufig 
krankhafte Zustände als Todesursache bezeichnet werden, die er- 
fahrung8gemäss bei Säuglingen meist eine Folge von Magen- und 
Darmkatarrhen sind, nämlich „Krämpfe (Eklampsie, Konvulsionen)“ 
und „Abzehrung (Atrophie, Pädatrophie)“. Auch kommen 
Todesbescheinigungen vor, in denen Darmkatarrh (Enteritis) mit 
einer anderen Krankheit (z. B. Masern, Lungenentzündung etc.) 


1) Hiermit stimmen die Ergebnisse der Berliner Statistik ganz über¬ 
ein: die Sterblichkeit der nur mit Tiermilch ernährten Kinder betrug dort 
189Ö und 1896 das Sechsfache der Sterblichkeit unter den Brustkindern. 
Bis zum 9. Lebensmonat ist das Verhältnis für die Flaschenkinder noch 
viel ungünstiger. (Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin, herausgegeben 
von Böckh, 23. Jahrg. 1898, S. 113.) 


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16 


als Todesursache angegeben ist. Von diesen Fällen ist mindestens 
die Hälfte den „Magen- und Darmkatarrhen u zuzurechnen, deshalb 
sind sie in der Tabelle als eine besondere Gruppe von Todesursachen 
zusammengefasst. 

In der Tabelle VIII ist die Steigerung der Kindersterblich¬ 
keit in den drei heissen Monaten (Juli, August, September), und 
zwar für die Jahre 1882 bis 1904, dargestellt. Im Juni ist in 
Barmen die Säuglingssterblichkeit nicht höher als in den Winter¬ 
monaten. In den letzten 5 Jahren starben durchschnittlich in jedem 
Sommer 120 Kinder mehr, als nach dem Durchschnitt der übrigen 
Monate zu erwarten gewesen wäre. Wie die Zusammenstellung von 
Pfaffenholz 1 ) lehrt, steht Barmen auch in dieser Beziehung unter 
den 9 Gressstädten des niederrheinisch-westfälischen Bezirks am 
günstigsten da. — Die vermehrte Sommersterblichkeit ist nach 
allgemeiner ärztlicher Erfahrung fast restlos den akuten Magen- 
Darmkatarrhen (Brechdurchfällen) zuzuschreiben, die bei richtiger 
Behandlung der zur Ernährung verwendeten Milch vermieden werden 
könnten. Statistisch wird dies durch die Tabelle Villa deutlich 
bewiesen. Die hier gegebenen Zahlen beruhen auf den ärztlichen 
Todesbescheinigungen aller derjenigen Kinder, die in den 3 Kalender¬ 
jahren 1900 bis 1902 vor Vollendung des ersten Lebensjahres 
gestorben sind. Diejenigen Totenscheine, auf denen Magen- und 
Darmkrankheiten, ferner Krämpfe, Atrophie oder" Darmkatarrh mit 
einer anderen Krankheit als Todesursache angegeben waren, wurden 
ausgesucht und nach den in der Tabelle angegebenen Gesichtspunkten 
für die Statistik verwertet. Man sieht, dass das Sommerplus der 
Sterblichkeit durch Verdauungsstörungen sich von den Zahlen, 
die als „Sommerplus“ überhaupt berechnet wurden (s. Tabelle VIII)* 
kaum unterscheidet. Ferner ergibt sich, dass die in der heissen 
Jahreszeit durch Verdauungskrankheiten gesteigerte Sterblichkeit in 
den höheren Lebensmonaten keineswegs bedeutend zurückgeht. Da¬ 
gegen ist sie in der untersten Altersstufe erheblich niedriger, weil 
hier auch in den kühleren Monaten die Sterblichkeit schon recht 
gross ist. — Dass dies Sommerplus an Sterbefällen nur durch die 
künstliche Ernährung bewirkt wird, veranschaulicht die 
Tabelle IX klar und deutlich. Von den reinen Brustkindern 
sterben in den Sommermonaten nicht mehr, als zu jeder anderen 
Jahreszeit. 

Endlich wird in der Tabelle X die Frage behandelt, ob 
unter günstigen sozialen Verhältnissen, die nicht nur eine besondere 


1) Wichtige Aufgaben der öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege 
auf dem Gebiete der künstlichen Ernährung der Säuglinge. (Dieses Cen¬ 
tralblatt 1902. Bd. 21, S. 393 ff.) 


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17 


Sorgfalt in der Wahl und Zubereitung der Nahrung, sondern auch 
eine sachgemässe Pflege des Kindes ermöglichen, die Nachteile der 
künstlichen Ernährung einigermassen ausgeglichen werden können. 
Auf Grund unseres Materials lässt sich diese Frage leider nur un¬ 
vollkommen beantworten, weil die Zahl der Wohlhabenden selbst 
dann zu klein ist, wenn man nur zwischen den Einkommen unter und 
über 1500 Mark unterscheidet. Zunächst ergibt sich, dass die Sterb¬ 
lichkeit sowohl der Brustkinder als auch der Flaschenkinder in der 
besser gestellten Klasse geringer ist. Allem Anschein nach ist auch 
die Sterblichkeit der Flaschenkinder gegenüber der Sterblichkeit der 
Brustkinder in der oberen Klasse verhältnismässig nicht so gesteigert, 
wie in der unteren. Doch ist hier nur den Zahlen für die 
einzelnen Altersabschnitte Bedeutung beizulegen, durch 
das Endergebnis für das ganze erste Lebensjahr darf man sich 
nicht täuschen lassen. Denn in der oberen Klasse ist —- wie 
gezeigt wurde — die Dauer der Laktation eine geringere, so dass 
sich hier relativ mehr Flaschenkinder in den höheren, an sich 
schon weniger gefährdeten Altersmonaten finden. 

Wie einleitend bemerkt wurde, ist die vorliegende statistische 
Untersuchung unternommen worden, um als Grundlage für einen 
weit ausschauenden Plan zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit 
in Barmen zu dienen. Es fragt sich nun, welche Schlüsse lassen 
sich daraus für unser praktisches Handeln ziehen. 

Vor allem wird uns wieder einmal klar vor Augen geführt, 
dass die Begünstigung und Beförderung der natürlichen Brust¬ 
ernährung die wichtigste Waffe in dem Kampfe ist. Wenn auch 
in dieser Beziehung die Verhältnisse in Barmen ungewöhnlich 
günstig liegen, so lehrt doch die Tabelle über die Gründe des 
Nichtstillens, dass noch manches geschehen kann. Wir müssten 
dahin kommen, dass keine Mutter aus nichtigen Gründen das Selbst¬ 
stillen unterlässt. Wie wir uns dabei der Hülfe der Ärzte und 
Hebammen zu bedienen haben, wie durch eine planmässige Belehrung 
die Vorurteile in der Bevölkerung zu zerstreuen sind, das näher 
auszuführen würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten. Jeden¬ 
falls müssen alle anderen Massnahmen so gehandhabt werden, dass 
die gute bergische Sitte des Selbststillens dadurch nicht nachteilig 
beeinflusst wird. 

Eine wesentliche Zunahme der Brusternährung wird sich — 
wenn überhaupt — nur ganz allmählich erreichen lassen, so dass 
mit den am Zählungstag ermittelten 910 Flaschenkindern und den 
637 Säuglingen, die nur teilweise die Mutterbrust erhielten, noch 
lange zu rechnen ist. Der tägliche Bedarf an einwandsfreier Säug¬ 
lingsmilch ergibt sich daraus von selbst. Rechnet man für jedes 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 2 


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18 


Flaschenkind s / 4 Liter und für diejenigen Säuglinge, die teilweise 
Brustmilch erhalten, die Hälfte hiervon, so wären rund 900 Liter 
zu beschaffen, die von etwa 90 Kühen geliefert werden könnten. 
Sollte, wie wir hoffen, die Stadt einen solchen Betrieb einrichten, 
so würde sie selbstredend vorsichtig und ganz allmählich vorzugehen 
haben. Aber man sieht, dass schon mit einem Musterstall von 20 
bis 25 Kühen und den nötigen maschinellen Einrichtungen zur 
Verarbeitung von 250 Litern Milch für 300 Säuglinge ein viel ver¬ 
sprechender Anfang gemacht werden könnte. Die Kosten, die sich 
auf mindestens 30 Pfg. pro Liter trinkfertiger Milch stellen w ürden, 
können dadurch verringert werden, dass man sie an Wohlhabende 
für 50 Pfg. abgibt, d. h. für einen Preis, den sie auch jetzt für 
gute Kindermilch zahlen müssen. Auch werden sich die meisten 
der besser Situierten zweifellos der städtischen Kindermilch bedienen, 
wenn etwas vorzügliches geliefert wird. Aber aus der Tabelle IV 
sehen wir, dass von den 910 Flaschenkindern nur 27 den eigentlich 
wohlhabenden Familien (Einkommen über 6000 Mark; und 51 Kinder 
dem Mittelstände (Einkommen zwischen 2)000 und 6000 Mark) an¬ 
gehören. Für die 130 Kinder, deren Väter über ein Einkommen 
von 1500 bis 3000 Mk. verfügen, würden höchstens die Selbstkosten 
(30 Pfg. pro Liter) wieder einkommen. Demnach würde die städtische 
Anstalt zur Gewinnung einer einwandsfreien Säuglingsmilch an den 
wohlhabenden Kreisen in Barmen keinen sehr grossen finanziellen 
Rückhalt haben. 

Weiter ergibt sich aus unserer Statistik, dass eine ständige 
Überwachung der unehelichen und Haltekinder nicht nur dringend 
notwendig, sondern bei der kleinen Zahl auch leicht zu bewerk¬ 
stelligen ist. Eine ausgebildete, besoldete Pflegerin würde leicht 
imstande sein, die 110 Kinder wöchentlich einmal aufzusuchen. 

Die Organisation zur Überwachung der Säuglinge, die die 
städtische Kindermilch in trinkfertigen Einzelportionen erhalten, 
wird sich iu Barmen naturgemäss an das demnächst zu errichtende 
Säuglingsheim anlehnen. Hier wäre eine sog. Mütterberatungs¬ 
stelle zunächst für die aus der Anstalt entlassenen Kinder, ferner 
für alle unehelichen und Haltekinder, endlich für alle die Kinder 
cinzurichten, die die städtische Kindermilch von der Armenverwaltung 
unentgeltlich erhalten. Andere Kinder, die mit derselben Milch 
ernährt werden, könnten von den Ärzten der Beratungsstelle zu¬ 
gewiesen werden. Auch wäre eine häusliche Kontrolle durch die 
Gemeindeschwestern oder besser durch eine zweite besoldete Pflegerin 
cinzurichten. 

Für die Einrichtung und den Betrieb des geplanten Säuglings¬ 
heims gibt unsere Statistik noch einige interessante Anhaltspunkte. 
Es wird sich empfehlen, auch hier klein anzufangen, weil die 


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19 


Zahl der in fremder Pflege untergebrachten Kinder für eine Stadt 
von 156000 Einwohnern ausserordentlich niedrig ist. Doch wird 
erfahrungsgemäss im Sommer ein gewisser Andrang stattfinden, so 
dass es sich empfehlen dürfte, mit 20 bis 30 Betten anzufangen. 
Ferner ergibt sich, dass die Anstalt nicht darauf rechnen kann, 
ihre Ammen in Barmen wieder loszuwerden, denn es fanden sich 
am Zählungstage nur 2 Ammen in wohlhabenden Familien. Um 
so mehr wird sie auf einen jährlichen städtischen Zuschuss an¬ 
gewiesen sein, der hoffentlich bewilligt werden wird, weil in dem 
Säuglingsheim alle Bestrebungen zur Bekämpfung der Säuglings¬ 
sterblichkeit gleichsam zentralisiert werden sollen. 

Wenn die angedeuteten Einrichtungen ins Leben gerufen und 
wirksam geworden sind, so ist ein zahlenmässiger ßückgaug der 
Säuglingssterblichkeit doch nur allmählich zu erwarten. Zuerst 
wird sich der Erfolg wahrscheinlich bei den unehelichen Kindern 
deutlich nacliweisen lassen. Aber auch von den 120 Kindern, die 
durchschnittlich in jedem Sommer an akuten Magen-Darmkrankheiten 
zugrunde gehen, wird voraussichtlich ein grosser Teil gerettet 
werden können. Schliesslich werden auch die übrigen Ernährungs¬ 
krankheiten, die während des ganzen Jahres Vorkommen und so 
oft zum Tode führen, weniger zahlreich werden. Ein durch¬ 
schlagender Erfolg aber wird nur dann zu erzielen sein, wenn der 
jetzige Stand der Brusternährung unangetastet bleibt. 


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I. Sterblichkeit der Banner Kinder im ersten Lebensjahr 
von 1876 bis 1905. 




Ge¬ 

1 Zahl der lebend- 

Von 

den 

lebendgeb. Kindern 


Mitt¬ 

storben 

i geborenen Kinder 

starben 

im 1. 

Lebensjahre 

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1875 

85100 

2245 

26,3 

3930 

46,2 

123 

3,1 

707 

18,o 

641 

16,8 

66 

53.7 

1876 

87 000 

2444 

28,i 

4149 

47,7 

137 

3,3 

951 

22,9 

887 

22,5 

64 

46,7 

1877 

88 200 

2215 

25,i 

4148 

47.0 

151 

3,6 

669 

16,i 

610 

15,3 

59 

39.i 

1878 

90 400 

2212 

24,:. 

4103 

45,4 

142 

3,5 

667 

16,3 

609 

15,4 

58 

40.8 

1879 

92 300 

2073 

22,5 

4090 

44,3 

141 

3,4 

561 

13,7 

511 

12,9 

50 

35,5 

1880 

94 400 

2387 

25,3 

4088 

43,3 

148 

3,6 

754 

18,4 

710 

18,0 

44 

29,7 

1881 

95 700 

2120 

22,2 

3744 

39,i 

137 

3,7 

560 

15,0 

512 

14,2 

48 

35,o 

1882 

96 300 

2514 

26,i 

3727 

38,7 

151 

4,1 

613 

16,4 

552 

15,4 

61 

40,4 

1883 

98 500 

2210 

22,4 

3765 

38,2 

129 

3.4 

632 

16,8 

587 

I 6.1 

45 

34,9 

1884 

99 800 

2233 

22,4 

3854 

38,6 

164 

4,3 

628 

16,3 

573 

15,5 

55 

33,5 

1885 

101 900 

2109 

20,7 

3822 

37,5 

189 

4,9 

569 

14,9 

523 

14,4 

46 

24,3 

1886 

104 700 

2311 

22,o 

3905 

37,3 

184 

4,7 

729 

18,7 

638 

17,1 

91 

49,5 

1887 

107 000 

2139 

20.o 

,3939 

36,8 

177 

4,5 

656 

16,7 

591 

15,7 

65 

36,7 

1888 

110 500 

1989 

18,o 

3951 

35,8 

161 

4,1 

646 

16,4 

586 

15,5 

60 

37,3 

1889 

113 200 

2210 

19,5 

4147 

36,6 

156 

3,8 

632 

15,2 

579 

14,5 

53 

34,o 

1890 

115 600 

2151 

18,6 

3864 

33,4 

137 

3.5 

651 

16,8 

593 

15,9 

58 

42,3 

1891 

118 300 

2178 

18,4 

4399 

37,2 

156 

3,5 

656 

14,9 

606 

14,3 

50 

32.i 

1892 

118 200 

2159 

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605 

15,2 

548 

14,2 

57 

46,3 

1893 

120 100 

2208 

18,4 

4166 

34,7 

123 

3,0 

639 

15,3 

585 

14,5 

54 

43,9 

1894 

122 800 

2062 

16,8 

4113 

33,5 

128 

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643 

15,»; 

590 

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1895 

125 000 

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143 

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642 

15,3 

597 

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45 

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1896 

128 700 

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16,2 

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1897 

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1898 

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1899 

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1901 

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16,4 

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14,8 

643 

13,9 

64 

44,i 

1902 

1145 600 

2241 

15,4 

4502 

30,9 

161 

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519 

12,0 

61 

37,9 

1903 

149 100 

2129 

14,3 

4637i 

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154 

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13,3! 

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12,0 

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1904 

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14,5 

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3,3 

674 

14,0 

614 

12,7 

60 

38,2 

1) Das Jahr 1905 i 

st bei der 

Korrektur hinzugefügt. 





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— 21 — 

II. Ernährungsstand der Säuglinge nach dem Familienstand 
am 15. August 1905. 

Die legitimierten Kinder (5) sind unter den ehelichen mitgerechnet. — 
Die absolute Zahl der nachgewiesenen unehelichen Kinder ist etwas zu 
niedrig. Der Abzug (20 Fälle) ist hier verhältnismässig stark gewesen. 


Von dem am 15. August im 1. Lebensjahr stehenden 
Kindern in Bannen erhielten 


stand 

Mutter- 1 

Ammen- 

Brust- 

nur 

künstl. Nahrung | 


milch | 
ganzjteilw. 

mi 

ganz 

Ich j| milch 

teilw.ijüberh. 

iteilw. 
MUcb [Milch 

j wenig 

1 Milch 

über¬ 

haupt 

zus. 

ehe- J abs. 
lieh l proz 
unehe-J abs. 
lieh l proz. 

2562 

63ß 

24 

27,? 

6091 

15,2 

22 

25, o i 

4 

0,i 

2 

2,3 

6 | 

M 

3181 

78.6 
48 

54.6 

396 | 

9.7 
20 1 

22.7 | 

318' 

7,8 

16 

18,2 

156 

3,9 

4 

4,6 

! 870 
21,4 
| 40 
! 45,6 

4051 

100,o 
88 

100,o 

zus * {proz. 

2586 

62,6 

! 631 !' 6 

15,3 |i 0,1 

! 6 I 

: o,i 1 

3229 
i 7 8,o 

416 
10,r 

! 334 
8,o 

160 
| 3,9 

910 
l 22,o 

4139 
100,o 


III. Ernährungsstand der Säuglinge nach dem Alter 
am 15. August 1905. 

Dass die Brustkinder stellenweise im späteren Lebensalter häufiger 
zu werden scheinen, beruht auf Zufall, bewirkt durch die Kleinheit der 
absoluten Zahlen. Es muss auch auffallen, dass die Lebenden des ersten 
Monats 347 betragen, die des letzten 343, obwohl infolge der Sterblichkeit 
mehr 1 Monat alte wie 12 Monat alte Kinder vorhanden sein sollten. Der 
Grund liegt z. T. darin, dass die Geburtenzahl in den Kalendermonaten 
schwankt; die einzelnen Monatsaltersklassen rekrutieren sich daher aus 
verschieden grossen Geburtskontingenten. Auch der Fortzug hat in rein 
zufälliger Weise die verschiedenen Monatsklassen verschieden betroffen. 
Endlich ist der Lebendbestand gerade der untersten Lebenswochen infolge 
der grossen Sterblichkeit gleich nach der Geburt etwas herabgedrückt. Das 
alles hat natürlich für die hier in Betracht kommenden Fragen über die Ver¬ 
teilung der Kinder auf Brust- und Flaschenkinder keine grosse Bedeutung. 



Von den 

am 15. Aug. lebenden Säuglingen erhielten 

Alter 

Brustmilch 

künstl. Nahrung 

zusammen 


abs. 

proz. 

abs. 

proz. 1 

abs. 

proz. 

bis 1 Woche. 

67 

98,5 

1 

1,5 

68 

100,0 

über 1—-2 Wochen 

i 78 

94,o 

5 

6 ,o 

83 

100 ,o 

. 2-3 „ 

80 

96,4 

3 

3,6 

83 

100.0 

- 3-4 „ 

70 

93.3 

5 

6,7 

75 

100 ,o 

.. 4-5 

80 

95,2 

4 

4,8 

84 

100,0 

* 5-6 „ 

74 

93,7 

5 

6,3 

79 

100,0 

„ 6—7 „ 

84 

90,3 

9 

9,7 

93 

100,0 

„ 7-8 

66 | 

90,4 

7 

9,ii 

73 

100,0 

bis 1 Monat. 1 

329 

'•'4,8 

18 

6 ,* 1 

347 

ioo,o 

über 1—2 Monate 

336 

92,3 

28 

7,7 

364 

100,0 

, 2- 3 „ 

326 

86,5 

51 

13,5 

377 

100,0 

„ 3- 4 „ 

299 

84,0 

57 

16,0 

356 

100,0 

„ 4- 5 „ 

310 

81,i 

72 

18,9 

382 

100 ,o 

. 5-6 „ ; 

271 

77,9 

77 

22,1 

348 

lOO.o 

i. 6— 7 „ 

279 

74,8 

94 

! 25,2 

373 , 

, LOCVo 

„ 7- 8 „ 

234 

72,7, J 

-38 

; ; 27^ i 

1 3£J 

l : igo.V 

„ 8 — 9 ' „ 

198 

(S7,e- 

' : 94 

\-\m vi 

292 

- i-bo,o 

„ 9-10 „ 

220 

7fc,i ’ ' 

"84 

I 27,6 

304 

100,9 

„ 10-11 * 

214 

65,8 

m' 

34,*' . J 

l ; 325 

100, 0 

„ 11-12 . 

213 

61,o 

156 

39.^ \1 


100, 0 

zusammen 

|| 3229 

78,o 

910 

22,0 1 

J ,4139 

100, 0 


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IT. Ernährnngsstand der ehelichen Säuglinge nach dem Beruf 
nnd dem Einkommen des Taters am 15. Angust 1905. 

Von den am 15. Aug. lebenden ehelichen 
Beruf und eingeschätztes Säuglingen^ erhielten 


Einkommen des Vaters Muttermilch Ammenmilch kttnatl. Nähr.: zusammen 




abs. 

proz. 

abs. 

proz., 

abs. 

proz. ,| abs. 

proz. 

Selbständige | 
(ie wer be¬ 
ll Handels- i 
treibende 

bis 1500 Ji 
[über 1500-3000 

1 „ 3000-6000 

| über 6000 
l zusammen 

340 

136 

25 

19 

520 

73.9 
67,o 
43,y 
52,8 1 

68,h 

2 

1 

2 

5 

0,4 

1.7 

5.8 
0,7 7 

118 

67 

31 

15 

231 

25,6 460 

33,o 203 

54.4 57 

41.o 36 

30.5 756 

100 , o 
( 100 ,o 
100,0 
100 ,o 

ioo,(7 


r bis 1500 JC 

117 

79,i II 

— 

, — 

31 

20.9 , 148 

100 ,n 

Beamte und | 

über 1500-3000 

64 ' 

73,o '] 

— 

— : 

1 23 

1 26,i . 87 

lOO.o 

liberale \ 

; „ 3000 - 6000 

9 

39,i 

— 

1 

i 14 

| 60.9 | 23 

lOO.o 

Berufe 

über 6000 

6 i 

42,9 

— 

— 

8 

57,i 14 

100 ,u 


zusammen 

196 

72,7 


-• i 

76 

27,9 272 

lOO.o 


bis 1500 Jl 

150 1 

76.5 

— 

— 

46 

23.5 196 

100 ,o 

Private | 

über 1500—3000 

84 

70,o 

1 

1 0,8 

35 

; 29;2 Ij 120 

100 ,o 

1 „ 3000—6000 

8 1 

61,5 

_ 

1 

5 

' 38,5 13 

100 ,o 

Angestellte | 

1 über 6000 

1 

20 ,o 

— 

— 

4 

80,o 5 

100 ,o 


l zusammen 

243 1 

72,3 

f 

0.3 

90 

26,9 1334 

100 ,o 

Arbeiter 
aller Art 

/ bis 1500 Jl 

2201 

82,i 

4 

0,1 

466 

17,5 2671 

100 ,o 

über 1500 — 3000 

4 : 

44,i 

— 


5 

55,o 9 

100 ,o 

[ zusammen 

2205 

82,3 

4 

0,1 

471 

17,o 2680 

100, V 


( bis 1500 Jl 

6 


— 


2 

8 


Berufslose 

über 3000—6000 

1 


— 


— 

• il 1 



l zusammen 

" 7 


— 


2 

• < 9 

i 


bis 1500 'Ji 

2814 

80,s 

6 

0,2 

662 

19,o 3482 

100,0 


über 1500-3000 

288 

68,7 

1 

0,3 

130 

31,o | 419 
53.7 f 95 

100 ,o 

überhaupt { 

„ 3000-6000 

43 

45,« 

1 

Bi 

51 

i 100 ,o 

über 6000 

26 

47,3 

2 

3,0 

27 

49,i 55 i I00,o 

' 

1 Insgesamt 

3171 

78,3 

10 

0,2 

870 

21.5 4051 

I 00 ,o 


T. Ernährungsstand der ehelichen Säuglinge nach ihrem Alter 
und dem Einkommen des Taters am 15. Angust 1905. 


Von den im Alter der Vorspalte stehenden 
Einkommen Ij Alter Säuglingen erhielten am 15. Aug. 1905 

des Vaters !| der Kinder Muttermilch Ammenmilch künstl. Nähr, zusammen 
; abs. proz. abs proz. abs. proz. ahs. proz. 



I 1 

1 bis 

3 Monate 

848 

91,i 

6 

0,6 

77 

1 8.3 

931 

lOO.o 


ii 

üb. 3 

-6 „ 

768 

83,8 >1 

— 

— 

; 148 

1 16.2 

916 

100,o 


!• Ii 

„ 6 

—9 

631 

75,9 ’ 

— 

— 

200 

! 24,1 

831 

1 lOO.o 

bis 

1500 Mk. 

- 

9 

567 

70,4 

— 


238 

29.6 

805 

100,o 


ff 

i[ 

\ 

zusammen 

2814 

80.8 ' 

6 

0,2 

663 

~ 19,0 

73483 

100,o 


|i 

bis 

3 Monate i 

91 

94,8 

— 

— 

5 

1 **’ 2 II 

96 

100,o 


II. 1 

üb. 3 

—6 „ 

82; 

73,9 

— 

— 

29 

1 26,1 

111 

lOO.o 

über 1500 

„ 6 

-9 

50 

53,2 

— 

— 

44 

46,8 i| 

94 

lOO.o 

bis 

3000 Mid 

rj 

9 

65 

55.i 

1 

0,3 

52 

44,t 

118 

lOO.o 


!| 


zusammen 

‘ 288 

68,7 ; 

1 

0,3 

130 

31,o i 

419 

100,o 



(bis 

3 Monate 

25 

75,8 1. 

1 

3,0 

7 

, 21,2 

33 

lOO.o 



üb. 3 

— 6 

14 , 

42,4 

1 

3,0 

18 

54,*; 

33 

100,o 


in. 

„ 6 

-9 

19 

46,3 

1 

2,4 

21 

51.3 

41 

100,o 

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26,2.1, 

i 


31 

73,8 

42 

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2,o 

77 

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149 

100, o 


ll 

K! 

[bis . 

.3. Monate 

964 

90,9 

1 1 

0,7 

, 89 

8.4 

1060 

100,o 

überhaupt Tn 

F.'i&A.rP :•» v 

.*864 
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81.5 

72.5 

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O.i 

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: 18,4 
27,4 „ 

1060 

966 

lOO.o 
100,o 


1 



643 | 

66,6 1 

1 I 

O.i 

321 

33,8 |l 

965 

ilOO.o 



e .r 

Ansgevnpt 

3171 

78.3 

10 

0,2 

870 

21.5 

4051 

lOO.o 


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VI. Grüude des Nichtstilleris seitens der Mutter 


23 



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24 


VII. Sterblichkeit der Brust- und Flaschenkinder nach dem Alter 

in dem vom 15. Aug. 1904 bis 14. Aug. 1905 laufenden Jahre. 

Im Text ist schon darauf hingewiesen, dass in dem Bestände der 
Gestorbenen sowohl wie der Lebenden kleine Abweichungen vorliegen. 
Namentlich ist aber in Betracht zu ziehen, dass die Zahl der an einem 
Zählungstage lebenden einjährigen Kinder für die Berechnung der Sterb¬ 
lichkeitsziffer deshalb weniger geeignet ist, weil die Bestandzahl infolge 
der grossen Sterblichkeit, namentlich gleich nach der Geburt, zu sehr ge¬ 
schwächt ist. Man bezieht die Sterbefälle der Säuglinge daher gewöhnlich 
auf die Zahl der Geborenen. Die folgende Übersicht gibt aus den ge¬ 
nannten Gründen kein ganz exaktes Bild. Die Dezimierung der Leben¬ 
den in der ersten Lebenszeit hat zur Folge, dass wir da mehr gestorbene 
als lebende Flaschenkinder haben. Den 96 Kindern, die ohne Nahrung 
bekommen zu haben, gestorben sind, steht — was ja ganz natürlich ist — 
überhaupt kein lebendes Kind in unserer Übersicht gegenüber. Wegen 
dieser augenscheinlichen Fehler, die eben durch die Art der Untersuchung 
notwendig bedingt sind, sind natürlich die Resultate für die einzelnen 
Lebensmonate nur mit verständigen Vorbehalten zu werten. Im ganzen 
kommt das entrollte Bild der Wahrheit jedenfalls sehr nahe, die praktische 
Betrachtung kann von den geäusserten theoretischen Einwänden ganz ab- 
sehen; die Sterblichkeitsziffer beträgt nach dieser Übersicht 14,7, während 
sie korrekter Weise für denselben Zeitraum auf 13,7 zu berechnen ist, ein 
für unsere Zwecke sehr geringer Unterschied. 


Brustkinder Flaschenkinder 


Zusammen 


Alter 

Lebende 
unter 1 Jahr 

am 

15. Aug. 190f> 

Oestorben 
uiit.1 Jahr ') 

Lebende 

Gestorben 
unt.l Jahr *) 

Lebende 

Gestorben 
unt.l Jahr 1 ) 

abs. 

in %, 
der 
Leb. 

unter 1 Jahr 

am 

15. Aug. 1905 

ahs. : 

ln % 

der 

Leb. 

unter l J ahr 

am 

15. Aug. 1905 

abs. 

in % 
der 
Leb. 

bis 1 Monat 

329 

| 62 

18,8 

18 

26 


347 

88 * 

53,0 

üb. 1- 2 r 

336 

35 

10,4 

28 

34 


364 

69 

19,0 

3 

n — ü n 

326 

26 

8,0 

51 

40 

78,4 

377 

66 

17,5 

«3-4 „ 

299 

1 21 

1 7,0 

57 

33 

57,9 

356 

54 

15,2 

«4—5 „ 

310 

18 

1 5.8 

72 

21 

1 29,2 

382 

39 

10,2 

„ 5— 6 „ 

271 

10 

3,7 

77 

21 

27,3 

348 

i 31 

8,9 

«6-7 „ 

279 

10 

3,o 

94 

19 

19,2 

373 

! 29 

7,8 

« 7- 8 „ 

234 

11 

4,7 

88 

92 

: 25,o 

322 

33 

10,3 

« 8 - 9 „ 

198 

7 

1 3,5' 

94 

1 18 

19,i 

292 

25 

i 8 ,c 

« 9-10 * 

220 

12 

1 5,5 

84 

8 

9,5 

304 

20 

i 6 ,r* 

* 10-11 „ 

214 

19 

8,9 

111 

10 

9,0 

325 

29 

1 8,9 

«11—12 * 

213 

10 

4,7 

136 

18 

13,2 

349 

; 28 

1 8 ,o 

Zusammen 

3229 

241 

7,5 ! 

910 

270 

29,7 | 

4139 

511* 

14.7 

Todesursachen 









1. Lebensschwäche . . . 

31 

13,4 


21 

7,5 


i52** 

10,2 

2. Magen-u. Darmkatarrh 









(akuter u. chron., ein- 









schl. Brechdurchfall) . 

67 1 

29,0 1 


153 

54,7 


1220 

43,0 

3. Krämpfe (Eklampsie, 









Konvulsionen, Abzeh¬ 









rung (Atrophie) und 









Darmkatarrh mit einer 









anderen Krankheit). . 

49 

21,2 1 


32 

11,4 


1 81 

15,9 

4. Alle übr. Krankheiten 

84 

36,41 


74 

26,4 


1158 

30,9 

Zusammen 

231 

100,ol 


280 

100,o 


511 

100,o 


1) In der Zeit vom 15. Aug. 1904 bis 14. Aug. 1905. 

*) Ausserdem 96 Kinder, die ohne Nahrung bekommen zu haben, 
gestorben sind. **) Vgl. die vorige Anmerkung 


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VIII. Die Sommersterblichkeit der Kinder im ersten Lebens¬ 
jahr in Barmen in den Jahren 1882—1904. 

Genaue Auszählungen der Kindersterblichkeit nach Kalendermonaten 
lagen für Barmen bisher nicht vor. Die folgenden Daten sind den Mit¬ 
teilungen des Kaiserlichen Gesundheitsamtes entnommen. Sie beruhen 
auf vorläufigen standesamtlichen Mitteilungen und weichen aus ver¬ 
schiedenen Gründen etwas von der Wirklichkeit ab. 


Jahr 

Absolute Zahl der 
in den 9 Monaten 
Januar bis Juni 
und Okt. bis Dez. 
gestorb. Kinder 
unter 1 Jahr 

In d. 3 heissen Monaten Juli, August, September 
starben Kinder unter 1 Jahr 

erwartungsgem äss 
(d. h. Vs d. Gestorb. 
der vorigen Spalte) 

tat¬ 

sächlich 

tatsächlich mehr als er¬ 
wartet (Sommerpins) 

abB. 

in °/ 0 der erwar- 
tungsgem.Gest. 

1882 

461 

154 

162 

8 

5,2 

1883 

440 

147 

206 

59 

40,1 

1884 

389 

130 

234 

104 

80,o 

1885 

420 

140 

146 

6 

4,3 

1886 

495 

165 

250 

I 85 

51,5 

1887 

486 

162 

206 

44 

27,2 

1888 

478 

159 

191 

i 32 

20,i 

1889 

437 

146 

223 

1 77 

52,7 

1890 

456 

152 

238 

86 

56,6 

1891 

497 

166 

188 

22 

13,3 

1892 

405 

135 

239 

1 104 

77,o 

1893 

394 

131 

1 245 1 

1 114 

87,o 

1894 

453 

151 

1 212 

61 

40,4 

1895 

456 

152 

1 199 

!; 47 

30,9 

1896 

471 

157 

211 ■ 

li 54 

34,4 

1897 

463 

154 

246 | 

92 

59,7 

1898 

530 

177 

328 

i 151 

85,3 

1899 

441 

147 

324 

t 177 

124,o 

1900 

506 

149 

! 336 

ll 187 

125,5 

1901 

452 

151 

302 

151 

100,o 

1902 

434 

145 

183 

38 

26,2 

1903 

423 

141 

I 224 

83 

58,8 

1904 

401 

134 

278 

i 

| 144 

107,4 


Villa. Sterblichkeit der Kinder unter 1 Jahr infolge von Ver¬ 
dauungsstörungen nach der Jahreszeit im Durchschnitt der 

Jahre 1900—1902. 


Alter 

Absolute Zahl der in 
den 9 Monaten Januar 
bis Juni und Okt. bis 
Dez. infolge von Ver¬ 
dauungsstörungen *) 
gestorbenen Kinder 
unter l Jahr 

In d. 3 heisse 
inf. v. Verd.-I; 

erwartnngs- 
gemäss 
('/# der Vor¬ 
spalte) 

sn Mon. Juli—i 
Stör. 1 ) Kinder 

tatsäch 
tat- wartet 

säch 

lieh abs. 

Sept. starben 
unter 1 Jahr 

lieh mehrals er- 
(Sommerplus) 

in % der erwar- 
tungsgem.Gcst. 

bis 3 Monate 

137 

34 

61 

27 

79,4 

üb. 3-6 „ 

94 

23 ; 

56 

33 

143,5 

„ 6 Mon. bis 1 J. 

99 

25 1 

58 

33 ; 

1 132,o 

Zus. bis 1J. 

230 

82 

175 

93 

113,4 


1) Sterbefälle an Magen- und Darmkrankheiten voll gerechnet; 
Sterbefälle infolge von „Krämpfen, Eklampsie, Konvulsionen, Atrophie, 
Paedatrophie, Abzehrung, Kinderzehrung, Enteritis mit einer anderen 
Krankheit“ zur Hälfte gerechnet. 


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26 — 


IX. Sterblichkeit der Brust- und Flaschenkinder unter 1 Jahr 
nach der Jahreszeit im ßeobachtnngsjahre 

(15. Aug. 1904 bis 14. Aug. 1905). 

Nicht mitgezählt sind die 96 Kinder, die überhaupt keine. Nahrung 

erhalten haben. 


Ernährungsweise 


Absolute Zahl 
der in d 9 Mon.| 
Jan. bis Juni 
u. Okt. bis Dez.| 
gestorb. Kinder 
unter 1 Jahr 


In d. 3 heissen Mon. Juli, Aug.,Sept. 
starben Kinder unter 1 Jahr 


er- , 

|\vartungs- tat ‘ 
gemäss säcli 
|(V 8 d. Vor- üch 
spalte) 


tatsüchl. mehr als er¬ 
wartet (Sommerplu> 
in " jU der er- 
, wiirtnnwrs- 
a ‘ pemHss 

Gestorbenen 


Reine Brustkinder 
Teilweise „ 
Flaschenkinder .. . 



Zusammen 


296 


46 

46 

— 

— 

10 

29 

19 

190,o 

43 

140 

97 

225/0 

99 

215 

116 

117.2 


X. Sterblichkeit der ehelichen Brust- und Flaschenkinder 
unter 1 Jahr nach dein Einkommen des Vaters. 

Vergl. für die unterste Altersgruppe die Bemerkung zu Tab. VII. 


Brustkinder i Flaschenkindei 


Alter und V o r g a n g 


Jahres¬ 
einkommen 
der Väter 


Jahres¬ 
einkommen 
der Väter 


bis über bis über 
1500 *Jt 1500 vH 1500 1500*4? 


bis 3 Monate 


üb. 3—6 


6-9 


9—12 


Lebende am 15. Aug. 1905 
Gestorbene unter 1 Jahr 1 ) 
in °/ 0 der Lebenden 

Lebende am 15. Aug. 1905 
Gestorbene unter 1 Jahr 1 ) 
in °/o der Lebenden 

Lebende am 15. Aug. 1905 
Gestorbene unter 1 Jahr l ) 
in °/ 0 der Lebenden , 

Lebende am 15. Aug. 1905 
Gestorbene unter 1 Jahr 1 ) 1 
in °/ n der Lebenden 


Zusammen 


Lebende am 15. Aug. 1905 
Gestorbene unter 1 Jahr 1 ; 
in °/ 0 der Lebenden ! 


854 

117 

77 , 

12 

99 

15 

76 : 

6 

11,6 

12.8 

98,7 i 

50,o 

768 

97 

148 1 

47 

44 

3 

56 ; 

8 

r>.7 

3,i 

37,8 

17,o 

631 

70 

200 1 

65 

27 

1 

50 

7 

4,:l 

1,4 

25,o 

10,, 

567 

77 

238 

83 

35 

4 

, 27 | 

5 

b\? 


11, t i 

6.0 

2820 

361 

662 

20s 

205 

23 

209 

26 

7,3 

£,/ 

31,6 

12.- 


1) In der Zeit vom 15. Aug. 1904 bis 14. Aug. 1905. 


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Zur Zahnpflege in der Schule. 

Von 

Zahnarzt und Dr. dent. surg. R. F. Günther in Bonn. 


Es wird oft genug: die Frage aufgeworfen, warum es gerade 
die Zähne sind, welche so viele Rücksichtnahme erfordern, dass sie 
so sorgfältig geputzt werden sollen, dass sie so regelmässig vom 
Arzte nachgesehen und untersucht werden sollen usw.j ebenso müsse 
man dann auch zum Nasen-, Hals-, Ohren-, Augen- und sonstigen 
Spezialarzte gehen, wie zum Zahnarzte. 

Oberflächlich betrachtet, scheint der Einwurf richtig. Indessen 
seine Berechtigung ist wirklich nur scheinbar. Die Frage ist sehr 
einfach zu beantworten: 

1. Kein Teil des menschlichen Körpers ist so vielen Gefahren 
und Feindseligkeiten ausgesetzt und wird so viel misshandelt wie 
gerade die Zähne. 

2. Daher kommt es, dass selbstverständlich kein Organ einen 
so hohen Prozentsatz von Krankheiten aufzuweisen hat, wie 
die Zähne. 

3. Es spricht neben dem Angeführten aber noch ein wichtiger 
Umstand ein Wort mit: 

Jeder erkrankte Teil des menschlichen Körpers kann sich 
durch die ihm innewohnende Kraft der Natur von selbst wieder 
erholen und gesunden. Wir sagen, die Möglichkeit dazu ist wenig¬ 
stens vorhanden. Nur die Zähne machen davon eine Ausnahme. Sie 
erkranken nicht von innen, sondern die Fäulnis tritt von aussen 
an sie heran. Ein im Zahn einmal entstandenes Loch kann sich von 
selbst nie wieder sehliessen. Die wenigen Fälle, wo scheinbar oder 
wirklich ein Stillstand in der Zahnfäulnis eiutritt, haben nur Belang 
für den Fachmann. Sie sind ausserdem so ausserordentlich Selten, 
dass sie in gar keinem Verhältnisse stehen zu der seuchenartig 
verbreiteten Fäulnis der Zähne. Nur durch äussere Hülfsmittel, 
d. h. durch eine Füllung, welche weitere Fäulnis im Zahn verhindert, 
kann ein Zahn vor gänzlichem Verfall geschützt werden. 

Da nun der Mund der Haupteingang in den Körper ist, er 


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28 


somit der Anfang sowohl für unsere Verdauung, wie für unsere 
Atmung bildet — d. h. für die beiden wichtigsten Dinge, welche es 
überhaupt für den menschlichen Körper gibt — so ist deshalb auf 
seinen gesunden Zustand, eigentlich ganz selbstverständlich, das 
allergrösste Gewicht zu legen. 

Wohl regt man sich überall, Lungenheilstätten zu errichten, 
wohl kämpft man gegen allerlei Ansteckungskrankheiten, wie Cholera, 
Typhus u. dgl. Wo aber bleibt die Sorge für die Gesundheit des 
Anfanges sowohl von dem Atmungs- wie von dem Verdauungswege? 

Weil, wie gesagt, ein Loch immer von aussen an den Zahn 
herankommt, deshalb kann aber auch durch vorbeugende Massregeln, 
welche in einer verständigen Mund- und Zahnpflege bestehen, die 
Zahnfäulnis wirksam und mit Erfolg bekämpft werden. Dadurch 
können also dem Menschen unnötige und ganz erhebliche Schmerzen 
erspart und er im Besitz seiner ihm so notwendigen Kauwerkzeuge 
bleiben. 

Das alles zusammen sind die Gründe, weshalb die Zahnpflege 
von Jugend auf diese grosse Aufmerksamkeit verdient. Jedenfalls 
wird auch heute noch die Wichtigkeit eines gesunden Mundes zu 
wenig gewürdigt. 

Im grossen und ganzen ist es nicht zuviel gesagt, dass 
die Zähne als Kauwerkzeuge noch weit schlechter sind, als man 
in Laienkreisen ahnt. Denn fast immer und überall ist man zu¬ 
frieden, wenn man nur keine Zahnschmerzen hat. Dass es aber der 
Hauptgewinn wäre, durch das ganze Leben hindurch gute brauch¬ 
bare Kauer zu besitzen, ist dem Menschen durchschnittlich ganz 
gleichgültig. Nur keine Schmerzen! Nur keine Unbequemlichkeit! 
Alles andere ist Nebensache! Das ist natürlich tief zu beklagen. 
Und ob unter einem solchen schweren Mangel der ganze Organismus 
leidet, danach fragt man erst, wenn es zu spät ist! 

Wenn man den Verlust nicht mehr rückgängig machen kann, 
dann sieht man erst ein, was man verloren hat. 

Unwissenheit und Gleichgültigkeit sind die beiden Hauptübel, 
welche hier bekämpft werden müssen. 

Und das kann und wird geschehen, wenn eine richtige Unter¬ 
weisung über den eigentlichen Grund des Zahnverfalls und der da¬ 
durch entstehenden Schmerzen Platz greifen und durch Wort und 
Schrift für Aufklärung gesorgt würde, wodurch das eine wie das 
andere vermieden werden kann, d. h. durch die gewissenhafte Durch¬ 
führung einer vernünftigen Mund- und Zahnpflege. 

Dabei ist ein Zusammenwirken aller hierzu Berufenen un¬ 
bedingt nötig. Der Volksfreund bedarf dabei der Mithülfe eines 
jeden, dem das Volkswohl und die Volksgesundheit irgendwie am 
Herzen liegt. Es ist nicht nur Pflicht der Eltern, Vormünder und 


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29 


Lehrherren usw., sondern aller — männlichen und weiblichen Ge¬ 
schlechts — denen überhaupt Erziehung, Förderung und Ausbildung 
der Jugend anvertraut ist, für die Durchführung der in folgendem 
gegebenen Vorschriften und dadurch für die Allgemeinheit zu 
sorgen. 

Was ganz besonders hier in der Jugend an Gutem gesät wird, 
das trägt in der Zukunft hundert- und tausendfältige Frucht. 

Was die Mund- und Zahnpflege der Kinder namentlich in 
der Volksschule betrifft, das habe ich in einer besonderen Ar¬ 
beit behandelt: „Weiteres zur Mund- und Zahnpflege besonders 
in der Volksschule.“ Deutsche zahnärztliche Wochenschrift 
VII, Nr. 6. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass das geringe Verständnis 
und die oft mangelnde Autorität der Eltern nicht genügt, der Mund- 
und Zahnpflege den nötigen Nachdruck zu verleihen. Das könnte 
einzig und allein nur die Schule besorgen. Darum sollte jene 
hochwichtige Angelegenheit auch wirklich in die Schule verlegt 
werden. In der Gemeinsamkeit fänden die Kinder keine Last, 
sondern einen bedeutenden Ansporn, diese Obliegenheiten gut zu be¬ 
sorgen, und damit ist ein Weg gezeigt, wie der Mund- und Zahn¬ 
pflege von Grund aus aufgeholfen werden könnte. 

Bei gutem Willen ist derselbe, trotz der anfänglich gross 
erscheinenden Hindernisse nicht ungangbar. 

Was z. B. die Zahnklinik in Strassburg i. E. von seiten der 
Behörden an Unterstützung und Entgegenkommen gefunden hat, ist 
ganz gewiss nicht hoch genug anzuschlagen, und ebenso ist ganz 
gewiss eine offene Hand, wie sie die städtische Verwaltung beispiels¬ 
weise zugunsten einer Zahnklinik in Darmstadt und in anderen 
Orten gezeigt hat, freudig und dankbar zu begrüssen. 

Indessen auch eine Zahnklinik kann nur wie jede andere 
Klinik wirken. Sie wird sich bloss darauf beschränken, mehr oder 
minder grosse vorhandene Schäden zu heilen. 

Es ist aber doch ganz klar, dass es sich hier um etwas an¬ 
deres handelt. Will man der Zahnfäulnis und dem geradzu seucheartig 
verbreiteten Zahnverfall wirksam begegnen und ihm entgegentreten, 
so muss selbstverständlich viel mehr geschehen. Untersuchungen 
und Statistiken über die Erkrankungen der Zähne, ferner Zahn¬ 
kliniken können da allein unmöglich Wandel schaffen. 

Aber — man soll das eine tun und das andere nicht lassen. 

Wenn man jedoch ein Haus bauen will, so fängt man be¬ 
kanntlich von unten an. 

Der Fingerzeig dazu ist in der vorher erwähnten Arbeit 
klar und deutlich angegeben. Es heisst da: 


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30 


Die Schule soll nicht nur durch Belehrung, sondern 
durch die Tat mithelfen. 

Wenn die Kinder, nach dem Frühstück — etwa in der zweiten 
Pause und nachmittags etwa vor dem Unterricht — die Mund- und 
Zahnreinigung in der Schule gemeinsam vornehmen, so würden sie 
dieselbe, wie alle anderen Schulobliegenheiten in der gleichen Weise 
besorgen. Zu Hause denkt ja doch kein Mensch daran, für die 
Zähne überhaupt etwas zu tun. Wo es wirklich einmal geschehen 
sollte, wird es von den Kindern wie eine Strafe angesehen und nur 
mit Widerwillen getan. 

In der Schule dagegen werden die Kinder, wie es bei der 
Gemeinsamkeit ganz natürlich ist, in der guten Ausführung wetteifern, 
noch dazu, wenn dafür vielleicht Belobigungen in Aussicht stehen. 

Wenn auf diese Weise und durch wiederholte Besprechung 
im Unterricht den Kindern, sozusagen spielend, ein Begriff von der 
Notwendigkeit und dem Werte einer vernünftigen Pflege beigebracht 
würde, so könnte man sich wohl einen Erfolg versprechen. Um so 
mehr, wenn hier nun besonders die Tätigkeit von Schulzahn¬ 
ärzten einsetzte und dieselben mit Rat und Tat die Schule unter¬ 
stützten. 

Dazu dürfte natürlich die Lehrerschaft nicht sauer sehen. 
Die Verrichtung soll in die Schulzeit fallen. Eine wirkliche Ver¬ 
mehrung der Arbeit würde dadurch nicht eintreten, nur anderer 
Art würde sie für die bestimmte Zeit werden. Die Lehrer und 
Lehrerinnen sollten aber dabei sowohl auf ihr eigenes, als auf das 
Wohlergehen der Kinder bedacht sein und erwägen, dass es ein 
grosser Unterschied ist, in einem geschlossenen Raum mit so viel 
Kindern zu atmen, welche ihren Mund gereinigt haben, oder mit 
so und so viel ungesäuberten Mündern zusammen zu atmen. 

Die geringe Mühe würde durch den gehobenen Gesundheits¬ 
zustand aller doppelt und dreifach aufgewogen werden. Und diese 
10 Minuten am Vor- und am Nachmittage sollten für eine so hoch¬ 
wichtige Sache übrig sein. 

Die Schule sieht es doch wohl mit als ihre Hauptaufgabe an, 
gesunde Kinder grosszuziehen. Und wenn sich nun ein Mensch 
gesund entwickeln soll, was braucht er dann in Wahrheit nötiger, 
als einen gesunden Mund? 

Von wie grosser Bedeutung die ganze Frage in sozialer Be¬ 
ziehung für das spätere Leben der ärmeren Volkskreise ist, das weiss 
ja jeder, der einen Einblick in Armen- und Krankenkassen getan 
hat, und der die vielen Bedauernswerten kennen gelernt hat, die 
fortgesetzt als Magenleidende behandelt werden, und deren Leiden 
oftmals einzig auf ihren mangelhaften Kauwerkzeugen beruht. 

Hier spielt dann die vorher erwähnte Mittellosigkeit die grosse 


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Rolle, wenn die Krankenkassen (ob mit Recht oder Unrecht, bleibe 
unentschieden) sich weigern, künstliche Gebisse zu bezahlen. 

Wieviel Groll und Unmut, wieviel Hass und Neid gegen die 
besitzende Klasse könnte hier aus der Welt geschafft werden! 

Wenn der richtigen Mund- und Zahnpflege von Jugend auf 
die ihr gebührende Aufmerksamkeit geschenkt würde, wieviel könnte 
da an' Volkskraft erhalten werden! Wieviel weniger Menschen 
brauchten frühzeitig an Infektionskrankheiten zugrunde zu gehen! 

Und weiter: Ich hebe später die Wichtigkeit des richtig¬ 
warmen Wassers als eines unentbehrlichen Reinigungsmittels her¬ 
vor. Was es damit auf sich hat, das wird jedem Einsichtigen sofort 
klar werden, wenn er nur ein einziges Mal auf diesen Punkt hin¬ 
gewiesen worden ist. 

In der Beschaffung von warmem Wasser in der Schule sollte 
man keine Schwierigkeit erblicken. Da in vielen Schuleu ja schon 
Badeeinrichtungen vorhanden sind, ist deshalb leicht warmes Wasser 
zu beschaffen. Wo solche noch nicht sind, würde es auf andere 
Weise beschafft werden müssen und beschafft werden können. In 
den Baderäumen oder einem anderen Raume wären Blechrinnen 
anzubringen, um hier die Zähne zu putzen. Für jedes Kind ist 
eine Bürste nötig, ein Becher, etwas Kreide und für die Allgemeinheit 
eine Karbollösung in Alkohol unter der nötigen Aufsicht. Wenn 
Staat und Gemeinde sich in die Ausgaben teilten, würden diese 
leicht zu tragen sein. 

Wie würde sich auch hier bei geringen Ausgaben Grosses 
leisten lassen. 

Wohl mag mein Vorschlag und meine Forderungen, weil sie 
eben neu sind, manchen befremden. Indessen andere Einrichtungen 
ähnlicher Art, welche ebenfalls anfangs auf Schwierigkeiten stiessen, 
haben sich die Anerkennung ihrer Berechtigung errungen. 

Wir brauchen nur an die Schulbäder und die Untersuchungen 
der Schulkinder auf ihren Gesundheitszustand zu deuken. Was ist 
dagegen nicht alles ins Feld geführt worden! Vielleicht darf ich 
auch darauf hinweisen, wie gegen Arbeiter- und Invaliden-Versiche- 
ruugen gezetert worden ist. Auch mit diesen Dingen findet man 
sich allmählich ab. Vergegenwärtigen wir uns ferner nur die Anfein¬ 
dungen, die das Turnen früher allenthalben bei Kurzsichtigkeit und 
Unverstand erfahren hat. Und heute können wir uns eine Schule 
ohne Turnsäle und Baderäume kaum mehr denken. Ich denke und 
hoffe, dass auch die Zeit kommen wird, in der man die Einrichtung, 
wie ich sie mir vorstelle und für die Zahnpflege vorschlage, als 
ganz selbstverständlich ansieht. 

Es müssen aber vor allem den Lehrern und Lehrerinnen schon 
in ihrem Studiengange Vorlesungen über die Zähne und das Wesen 


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32 


der Zahnfäule gehalten werden, damit sie vor allem doch einmal 
wissen, was sie überhaupt die Kinder lehren sollen. Dazu müsste 
dann die Lehrerschaft kurze Anweisungen in die Hand bekommen, 
woraus sie sich jederzeit die nötige Aufklärung verschaffen kann. 

Erst wenn das alles, was wir hier besprochen haben, in wün¬ 
schenswerter Weise ausgebaut ist und Zusammenwirken wird — 
namentlich wenn die Schule die schwierige, aber ehrenvolle Aufgabe 
übernommen hat, für die Zahnpflege zu sorgen —, und wenn es 
allmählich dahingekommen ist, dass jede Mutter es für selbstverständ¬ 
lich ansieht, auch das Kind, welches die Schule noch nicht besucht, 
schon zur Pflege der Zähne anzuhalten, und die Mutter so wiederum 
der Schule vorarbeitet, erst dann — sage ich — können wir in 
Wirklichkeit von der so dringend nötigen Mund- und Zahnpflege 
im Volke reden. 


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Wie lässt sich in Kirchen das Auftreten von 
Zugerscheinungen vermindern? 

Von 

Herbst, städt. Heizingenieur, Göln. 


Seitdem man in den letzten Jahren immer mehr dazu über¬ 
geht, auch Kirchen mit Heizeinrichtungen zu versehen, was in 
hygienischer Beziehung ausserordentliche Vorteile hat und deshalb 
nicht genug gewürdigt werden kann, tritt obige Frage immer mehr 
in den Vordergrund. 

Die Veranlassung hierzu ist unter anderem auch der Umstand, 
dass oft von dem Standpunkte ausgegangen wird, Zugerscheinungen, 
die in unbeheizten Kirchen bestanden haben, sollten nicht mehr anf- 
treten, wenn eine Heizanlage vorhanden ist. Hiezu sei aber be¬ 
merkt, dass gerade durch eine solche, sowie sie nicht dem Zwecke 
entsprechend eingebaut ist, oder, was auch oft der Fall ist, nicht 
gut bedient wird, Zugerscheinungen sogar in erhöhtem Masse ent¬ 
stehen können. 

Zur Beantwortung der gestellten Frage seien aus diesem Grunde 
zuerst ungeheizte und dann geheizte Kirchen behandelt. 

In ungeheizten Kirchen können Zugerscheinungen nur durch 
äussere Einflüsse entstehen, weil im Inneren der Kirche keine Wärme¬ 
erzeuger sind, welche eine Luftbewegung veranlassen könnten. Die 
Wärmeabgabe der Kirchenbesucher kann ausser acht gelassen werden, 
da sie im Verhältnisse zur gewöhnlichen Grösse einer Kirche viel 
zu gering ist, als dass dadurch ungünstig einwirkende Luft¬ 
bewegungen hervorgerufen werden könnten. 

Um nun Zugerscheinungen herbeiführende äussere Einflüsse 
zu vermeiden, ist dafür zu sorgen, dass die Fenster während des 
Gottesdienstes, und zwar insbesondere auf der dem Winde aus¬ 
gesetzten Seite geschlossen bleiben und dicht schliessen. Das gleiche 
muss auch bezüglich der Türen verlangt werden, was aber wegen 
des fortwährenden Verkehrs nur in Ausnahmefällen möglich ist. Es 
kann diese beim Öffnen und Schliessen einer Türe ganz unvermeid¬ 
liche, sehr lästige Zugerscheinung durch Doppeltüren mit genügendem 
Zwischenräume, der das Schliessen der einen Türe vor Öffnen der 
anderen Türe gestattet, einigermassen vermindert werden. Ferner 
dürfen die Türen nicht gegenüberliegend disponiert sein, damit 

Oentr&lbl&tt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 3 


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bei gleichzeitigem Öffnen verschiedener Türen kein Durchzug* ent¬ 
steht. Letzterer wird durch zweckentsprechend ausgeführte Doppel¬ 
türen allerdings schon ziemlich aufgehoben, aber immerhin ist dies 
zu empfehlen. Schliesslich wäre es noch günstig, bei neu zu bauenden 
Kirchen den Zweck der Doppeltüren dahin zu erweitern, dass ein 
Vorplatz eingerichtet wird und während des Gottesdienstes nur 
durch diesen die Kirche betreten werden darf. Diese Einrichtung 
hat sich schon in vielen Kirchen gut bewährt. Weitere Hülfsmittel 
halte ich für ungeheizte Kirchen zur Abwehr von Zugerscheinungen 
nicht für erforderlich. 

Anders ist es nun bei den mit Heizeinricbtungen versehenen 
Kirchen. Hier kommen ausser obigen Gesichtspunkten noch viele 
andere in Betracht. Vor allem ist die Temperaturdifferenz zwischen 
aussen und innen eine viel grössere, welche infolgedessen den 
Körper für auftretende Zugerscheinungen empfindlicher macht. 
Dann können besonders bei Luftheizungen durch die von der Heiz¬ 
einrichtung erzeugte Wärme an den Aussenwänden der Kirche Luft¬ 
strömungen auftreten; weniger ist dies bei Anordnung örtlicher 
Heizkörper der Fall, weil hierbei die Heizfläche im ganzen Raume 
verteilt ist und auf diese Weise nur eine unbedeutende Luftbewegung 
verursacht wird. Ferner ist die Abkühlung der hohen Kirchen¬ 
fenster und des davon herrührenden herabfallenden kalten Luft¬ 
stromes, sowie die von den Wänden ausstrahlende Kälte, welche 
gewöhnlich als eine Zugerscheiuung aufgefasst wird, von ungünstiger 
Einwirkung. 

Das wären im allgemeinen die Hauptursacheu,, welche in 
geheizten Kirchen Zugerscheinungen hervorrufen können. Undichte 
Fenster und Wände sowie das Öffnen der Türen sind nicht mehr 
erwähnt, weil diese Umstände bei Besprechung der ungeheizten 
Kirchen bereits angedeutet sind. 

Zur Abhaltung des Auftretens all dieser Luftströmungen und 
Zugerscheinungen seien im nachfolgenden einige Vorschläge gemacht. 

Vor allen Dingen ist es notwendig, dass die Kirche entweder 
die ganze Heizperiode durch kontinuierlich geheizt wird oder, wenn 
dies aus Sparsamkeit oder sonstigen Rücksichten nicht angängig ist, 
vor ihrem jedesmaligen Gebrauche frühzeitig angeheizt wird. Dies 
muss, worauf besonders hingewiesen sei, nicht bloss bei Zentral¬ 
heizungen, sondern auch, wenn Kohlen- oder Gasöfen aufgestellt 
sind, eingehalten werden. Es sollen nämlich die Umfassungsmauern 
der Kirchen von innen so weit erwärmt sein, dass dieselben keine 
Kälte mehr ausstrahlen, sondern möglichst die Raumtemperatur an¬ 
genommen haben. Auf diese Weise kann eine Zugerscheinung, die 
so häufig zu Klagen Veranlassung gibt, fast vollständig vermieden 
werden. 


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35 


Um die dureli die liehen Fenster entstehende kalte Luft¬ 
strömung zu belieben, empfiehlt es sich, falls das System einer Dampf¬ 
oder Wasserheizung gewählt ist, in der Kirche örtliche Heizkörper 
zu verwenden. Es können dann unterhalb der Fenster langgestreckte, 
mit Luftleitblechen und Verkleidungen versehene Heizflächen an¬ 
geordnet werden, welche die kalte Luft gleichsam auffangen und 
im erwärmten Zustande wieder abgeben. Diese Einrichtung, welche 
sich im Ulmer Münster sehr gut bewährt hat, lässt sich bei Feuer- 
Luftheizungen, die in neuerer Zeit für Kirchen oft gebaut werden, 
allerdings nicht treffen, weil in diesem Falle zu viel Apparate nötig 
wären, deren Unterbringung unmöglich ist. Wenn bei der Anordnung 
einer Luftheizung die Aussenwände der Kirche nicht ganz dicht 
sind, ist es auch ungünstig, dass, obwohl die Anheizung der Kirche 
frühzeitig erfolgte, noch belästigende Luftströmungen auftreten 
können, was oft die Veranlassung ist, die Heizanlage während des 
Gottesdienstes ausser Betrieb zu setzen. Es steigt nämlich die 
warme Luft nach oben, gibt ihre Wärme an die Aussenwände und 
besonders an die Decke ab und fällt dann abgektihlt zum Fussboden 
nieder. Die Zugerscheinung, für deren Abwehr oben erwähnte 
langgestreckte Heizkörper vorgeschlagen werden, wird auf diese Art 
durch die Luftheizung gerade noch unterstützt, ohne aber dafür 
Abhülfe zu schaffen. 

Am besten wäre es, wenn der Raum oberhalb der Decke, 
der Dachboden, auch geheizt werden könnte, doch ist dies wegen 
der baulichen Schwierigkeiten fast bei keiner Kirche möglich und 
würde viel zu hohe Betriebskosten verursachen, weshalb diese Ein¬ 
richtung auch für Versammlungsräume, die auf eine viel höhere 
Raumtemperatur geheizt werden, als dies bei Kirchen gebräuchlich 
ist, nur in Ausnahmefällen zur Ausführung gelangt. 

Sind in einer mit Luftheizung versehenen Kirche Galerien 
z. B. für die Orgel eingebaut, so empfiehlt es sich, an den Wänden 
den Fussboden der Galerien mit Gittern zu versehen, damit die 
Luftzirkulation nicht gehemmt wird und hierdurch keine Zug¬ 
erscheinung auftreten kann. 

Für Abbtilfe einer Zugerscheinnng an den Türen ist es vor 
allen Dingen wichtig, dass die natürliche Ventilation durch Dicht¬ 
machen der Wände, Fenster und Decken auf ein möglichst geringes 
Mass reduziert wird. Dann ist zu empfehlen, an denselben Seiten, 
bei welchen die Türen angeordnet sind, künstliche Luftzuführungen 
mit Heizkörpern einzurichten. Es wird dadurch erreicht, dass der 
von aussen kommende Luftstrom konstant auf das Kircheninnere 
wirken kann, indem die kalte Luft zum Heizkörper dringt und im 
erwärmten Zustande in der Kirche austritt. Wenn dadurch auch 
kein vollständiger Überdruck in der Kirche, welcher ja das Ideal 


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36 


wäre, zu erreichen ist, so wird doch immerhin der durch da» 
Öffnen einer Türe erfolgende Zug auf ein solches Minimum herab¬ 
gedrückt, wie er nur selten als belästigend verspürt werden kann. 
Diese künstliche Lufteinftihrung wirkt naturgemäss auch günstig 
auf die undichten Umfassungsmauern, indem nicht mehr so viel kalte 
Luft durch dieselben eindringen kann. 

In Nr. 3 des vorigjährigen „Gesundheitsingenieur“ schlägt Herr 
Ingenieur Schweer in Berlin vor, für Kirchenheizungen mit Heiz¬ 
körpern ausgestattete Luftkanäle herzustellen, welche an der Decke der 
Kirche die erwärmte Luft einströmen lassen. Ich glaube nicht, dass, 
abgesehen von der baulichen Schwierigkeit, solche Kanäle in Kirchen 
zu bauen, diese wirklich viel nützen würden, wenn natürlicher Weise 
auch zugegeben wird, dass wie bei obigem Vorschläge der Luft- 
einftthrung an den Türen auch hier ein Luftüberdruck sich bildet. 
Es wird sich wahrscheinlich die erwärmte Luft in den hohen Kirchen 
sehr rasch an der Decke abktihlen und dann die Kirchenbesucher 
womöglich noch belästigen. Diese Einrichtung hat auch meines 
Wissens noch bei keiner Kirchenheizung Verwendung gefunden und 
würde z. B. beim Cölner Dome kaum den gewünschten Zweck 
erfüllen. 

Ferner wird durch die einfachere und billigere oben vor¬ 
geschlagene Lufteinftihrung der Vorteil erreicht, dass an allen Seiten 
der Kirche LufteintrittsöfFnungen angeordnet werden können, und 
jeder Windanfall, nach welcher Richtung er auch sein mag, für die 
Lufterneuerung bezvv. den Lufteintritt im selben Masse direkt ein¬ 
wirkt, in welchem er beim Öffnen der Türe zur Abwehr einer Zug- 
erscbeinung nötig ist. Wenn dies bei dem Vorschläge des Herrn 
Ingenieurs Schweer erreicht werden sollte, müsste an allen vier 
Seiten der Kirche eine Luftentnahme und Hochführung eines Kanals 
bis zur Kuppel der Kirche hergestellt werden, wozu noch kommt, 
dass ausserdem durch die Länge und Biegungen der Kanäle die 
Stärke des Luftstromes wahrscheinlich vermindert würde. 

Zum Schlüsse kommend bemerke ich noch, dass es auch für 
geheizte Kirchen von grossem Vorteile wäre, wenn als Zugang zur 
Kirche eine abgeschlossene Vorhalle dienen könnte, die in dem Falle 
mit einer Heizeinrichtung zu versehen wäre. Die Nebeneingänge 
müssten dann während des Gottesdienstes geschlossen gehalten 
werden. 

Bei Ausführung obiger Vorschläge bei der Herstellung und 
späteren Bedienung einer Kirchenheizung, worunter ich auch ver¬ 
stehe, dass seitens der Kirchenverwaltung die laufenden Betriebs¬ 
kosten nicht gescheut werden, glaube ich das Auftreten von Zug¬ 
erscheinungen in Kirchen verhindern zu können. 


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Bericht über die Hauptversammlung des Nieder- 
rheinischen Vereins für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege zu Bonn 

vom 28*. Oktober 1905 

erstattet vom 

Geheimen Sanitätsrat Prof. Dr. Lent in Cöln. 


Der Vorsitzende, Prof. Dr. Kruse, begrüsst die zahlreich 
erschienenen Mitglieder und Gäste und hofft, man werde es dem 
Vorstand Dank wissen, dass man Bonn als Versammlungsort gewählt. 
In den zwölf Jahren, seitdem man zuletzt hier getagt, habe die 
Stadt viel auf hygienischem Gebiete getan. Stets stecken sich aber 
der Gesundheitspflege neue Ziele, es bleibe also immer viel zu tun. 
Hoffentlich werde die heutige Versammlung ihre Aufgabe, in wich¬ 
tigen Fragen klärend zu wirken, in vollem Umfange erfüllen. 

Das Wort erhält zunächst Herr Oberbürgermeister Spiritus: 
„Meine Damen und Herren! Ich gestatte mir, Sie namens der Stadt 
Bonn bei der heutigen Tagung herzlich willkommen zu heissen. 
Die Stadt Bonn steht seit langen Jahren zum Niederrheinischen 
Verein für öffentliche Gesundheitspflege in engster Beziehung. Von 
jeher haben hervorragende Bonner Männer in Wort und Schrift an 
den Bestrebungen des Vereins teilgenommen und sich bemüht, die 
Erfahrungen, die sie hier gesammelt, in die Tat umzusetzen. Die 
Stadt Bonn erfreut sich, wie wenige Orte, der besten Vorbedingungen 
in hygienischer Hinsicht. Sie liegt von der Natur begünstigt an 
den Ufern unseres stolzen Stromes, umrahmt von Vorgebirge und 
Siebengebirge. Fabriken, die Übelstände in sanitärer Beziehung 
mit sich bringen, sind hier selten. 

Ein Hemmnis im Fortschreiten der Stadt Bonn war der Gürtel 
der Vororte, die manche Einrichtungen in sanitärer Hinsicht er¬ 
schwerten. Dieser Gürtel ist nun durchbrochen, es hat sich die 
Stadt seit vorigem Jahr durch die Eingemeindung der Vororte 
erfreulich erweitert, so dass sie jetzt unmittelbar an die Grenzen 


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88 


des Kottenforstes stösst, der für die Bürger eine Quelle der Er¬ 
holung bildet. 

Die Kanalisation ist in Alt-Bonn seit langer Zeit vollständig 
durchgeführt; in den Vororten bestand sie bisher nicht, sie ist aber 
jetzt auch dort in Angriff genommen und bald wird Bonn allen 
hygienischen Anforderungen in dieser Hinsicht entsprechen. 

Grosse Erfolge auf dem Gebiete der Körperpflege, wie Turnen 
usw. haben wir in unserer Stadt zu verzeichnen. Von jeher waren 
für diese Frage interessierte Männer, ich nenne nur Herrn San.-Rat 
Dr. F. A. Schmidt, bemüht, unsere Jugend hierzu heranzuziehen 
und zwar mit schönstem Erfolge. Wir haben einen mustergültigen 
Sportplatz, Spielplätze, Turnhallen. Auch die Schulen haben die 
besten Einrichtungen, so weit sie für die Körperpflege in Betracht 
kommen; hierher gehören u. a. die Brausebäder. 

Eines fehlte uns; während wir gut eingerichtete Rheinbade¬ 
anstalten haben, ist keine städtische Badeanstalt innerhalb der Stadt 
vorhanden. Eine solche ist jedoch im Bau begriffen und geht ihrer 
Vollendung entgegen. Sie werden um Besichtigung dieser Anstalt 
gebeten. 

Ich wünsche Ihnen den besten Erfolg zu der heutigen Tagung, 
vor allem ist der Gegenstand, der das Hauptinteresse in Anspruch 
nimmt, die Säuglingssterblichkeit, auch für Bonn von besonderer 
Wichtigkeit. 

Der Herr Vorsitzende hat gesagt. Sie kämen nicht nach Bonn, 
lediglich um hier vergnügt zu tagen. Ich glaube das, hoffe aber 
doch, dass Sie gern gekommen sind. Viele von den Herren haben 
zu Bonn alte, gute Beziehungen aus fröhlicher Studentenzeit. Ich 
hoffe, dass Sie diese Beziehungen beibehalten und bitte Sie alle, 
Ihre freundlichen Gesinnungen, die Sie unserer Stadt entgegen¬ 
bringen, ihr dauernd zu bewahren. 14 

Der Vorsitzende dankt dem Herrn Oberbürgermeister und 
erwähnt noch einige Bonner Einrichtungen, die von hygienischem 
Werte seien, aber nicht besichtigt werden können. 

Der ständige Geschäftsführer Geheimrat Prof. Dr. Lent trägt 
folgendes vor: 

„Unser Verein, besonders der Vorstand unseres Vereins, hat 
in den letzten Tagen einen schmerzlichen Verlust erlitten: am 
16. d M. starb in Düsseldorf nach kurzer Krankheit der Landesrat 
Dr. Max Brandts, seit vielen Jahren Mitglied unseres Vereins, in 
den letzten Jahren Mitglied des Vorstandes, im vorigen Jahre Vor¬ 
sitzender unseres Vereins. 

Ein Gesamtbild seiner Lebenstätigkeit zu geben, kann hier 
nicht meine Aufgabe sein. Auf dem Gebiet der sozialen Wohlfahrt 
des Volkes, besonders auf dem Gebiet des Arbeiter-Wohnungswesens 


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39 


war er in hervorragender Weise tätig. Hier hat er durch Schrift 
und Wort auf den verschiedensten Kongressen, in vielen Vereinen 
für Armenpflege, Arbeiterwohnungen usw. unablässig gewirkt, und 
in seiner amtlichen Stellung an der Spitze der Landesversicherungs- 
Anstalt die von ihm beabsichtigten Ziele, besonders die Zwecke des 
von ihm begründeten Rheinischen Wohnungsvereins gefördert und 
hat durch die Gewährung von Darlehen aus den Überschüssen der 
Landesversicherungs-Anstalt viel Nutzen und Segen bewirkt. 

Im Vorstande unseres Vereins war er uns ein tüchtiger, treuer 
Berater, ein Mitkämpfer für die Aufgaben der öffentlichen Gesund¬ 
heitspflege und ein lieber Freund. Wir werden seinen Rat an 
dieser Stelle oft vermissen. 

Der Vorstand hat dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen 
und einen Kranz auf das Grab niedergelegt. Die Blumen und Blätter 
des Kranzes verdorren und verwesen, aber das Andenken Max 
Brandts wird nicht nur in unserrn Verein, nicht nur in unserer 
Provinz, sondern über die Grenzen dieser hinaus ein dauerndes 
und gesegnetes sein. 

Ich bitte Sie, als äusseres Zeichen dessen, sich von ihren 
Plätzen gütigst erheben zu wollen. (Geschieht.) 

Die Zahl unserer Vereiusmitglieder ist um ein geringes 
— um 23 — gesunken; ich bin überzeugt, wenn die Freunde 
unseres Vereins und besonders die Herren Geschäftsführer es sich 
angelegen sein lassen wollten, für die Werbung neuer Mitglieder 
in ihren Orten einzutreten, das seit einer Reihe von Jahren ent¬ 
standene Defizit sehr bald und leicht ausgeglichen sein würde. Der 
Verein zählt zur Zeit 1149 Mitglieder, in der Mitgliedschaft der 
Stadt* und Landgemeinden ist eine Änderung nicht eingetreten; es 
gehören 82 Stadt- und 28 Landgemeinden dem Verein an. 

Die Mitglieder verteilen sich auf die Regierungsbezirke der 
westlichen Provinzen folgendermassen (s. S. 40). 

Das Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 
ist regelmässig erschienen. Ich spreche auch hier einen Wunsch 
aus, dass die Herren Bürgermeister, Stadtbauräte, Ingenieure, Schul¬ 
räte usw. aus ihren Verwaltungen und Orten dem Centralblatt alles 
auf hygienischem Gebiete neu geschaffene und wissenswerte zur 
Veröffentlichung gütigst mitteilen möchten. 

Die Bibliothek des Vereins erfährt fortwährend Mehrung; 
wir haben dieselbe auch den Benutzern der Akademie für praktische 
Medizin, wie wir solches früher auch den Handelshochscbul-Städten 
getan, zur Verfügung gestellt. 

Auf den verschiedenen hygienischen Kongressen hat unser 
Verein sich vertreten lassen; auf dem Schulkongresse in Stuttgart 
durch Herrn Dr. Boden-Cöln, auf der Versammlung des Deutschen 


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40 


Regierungs¬ 

bezirk 

Mitglieder 

Stadt¬ 

gemeinden 

Land¬ 

gemeinden 

1903 

1904 

1903 1 1904 

1903 

1904 

Minden. 

20 

18 

2 2 

_ 

_ 

Münster .... 

19 

16 

2 2 

— 

— 

Arnsberg... 

174 

171 

19 19 

7 

7 

Aachen .... 

70 

71 

5 5 

— 


Cöln. 

264 

25S 

8 | 8 

3 

3 

Coblenz .... 

69 

62 

6 J 6 

2 

2 

Düsseldorf . 

467 

461 

36 , 36 

15 

15 

Trier. 

34 

34 

2 ! 2 

1 

1 

Kassel . 

5 

6 

1 ! 1 

— 

— 

Wiesbaden . 

25 

34 

1 1 1 

— 

| 

Auswärtige. 

25 

28 

“ j — 

— 


Zusammen 

1172 

1149 

82 ' 82 

28 

28 

1902 

1240 


t 



1901 

1131 


i 



1900 

1358 





1899 

1416 





1898 

1490 


i 




Vereins für öffentliche Gesundheitspflege durch den ständigen Ge 
schäftsführer. 

In Ausführung Ihres früheren Beschlusses hat der Vorstand 
des Vereins einen Wettbewerb zur Erlangung einer kurzen, klaren, 
der einfachsten Mutter oder Pflegerin verständlichen und mit den 
kleinsten Mitteln ausführbaren Anleitung zur richtigen Er¬ 
nährung und Pflege des Säuglings ausgeschrieben. 

Über den Erfolg dieses Ausschreibens wird Ihnen sogleich 
Herr Dr. Selter-Solingen Bericht erstatten. Ich bemerke, dass 
folgende fünf Herren Preisrichter waren: Prof. Dr. Kruse, Dr. 
Hochhaus, Dr. Siegert, Dr. Seit er-Solingen und der ständige 
Geschäftsführer Dr. Leut. 

Die ständige Kommission für die Frage der Säug¬ 
lingssterblichkeit hat den Herrn Prof. Dr. Siegert-Cöln 
kooptiert. 

Als Ort der diesjährigen Generalversammlung war ursprünglich 
B.-Gladbach in Aussicht genommen. Aus manchen Gründen, be¬ 
sonders auch von dem Gesichtspunkte aus, dass im nächsten Jahre 
die Bahnverbindung nach B.-Gladbach eine sehr viel günstigere 
sein werde, hat der Vorstand die freundliche Einladung der Stadt 
Bonn angenommen. Dem Herrn Bürgermeister von B.-Gladbach hat 
der Vorstand aber zugesagt, im nächsten Jahre die Jahresversamm¬ 
lung dort zu halten. Der Herr Bürgermeister bittet darum, dass 


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41 


die Generalversammlung diese Zusage durch einen besonderen Be¬ 
schluss bestätigen möge.“ (Geschieht.) 

Herr Dr. Selter-Solingen berichtet namens des Preisrichter¬ 
ausschusses über den vom Verein ausgeschriebenen Wett¬ 
bewerb zur Erlangung einer Anleitung zur richtigen Pflege 
und Ernährung des Säuglings. 

„Auf das vom Verein im Frühjahr erlassene Ausschreiben waren 
innerhalb der gesetzten Frist 106 Bewerbungen eingelaufen. Die¬ 
selben wurden zunächst von Herrn Siegert und dann von mir einer 
Prüfung unterworfen und hierbei 23 Arbeiten als zu engerem Wett¬ 
bewerb am besten geeignet, ausgesondert. 

Aber auch unter den übrigen 83 waren eine ganze Anzahl, 
die sich nach Inhalt und Form für den engeren Wettbewerb ge¬ 
eignet hätten, wenn nicht einzelne sachliche oder technische Fehler 
den Ausschluss von der Prämiierung bedingt haben würden. 

Auch verdienen eine ehrenvolle Erwähnung einige aus Laien¬ 
kreisen stammende Vorschriften. Wahrhaft herzerquickend wirken 
einige aus Damenfeder stammende Anleitungen, die mit einer ganzen 
Fülle weiblicher Fürsorge geschrieben sind. Ich erwähne nur Frau 
Dr. Alexandra Wiegandt, Presseck in Oberfranken, und Frau 
»Sophie Hoff mann, Malebrein i. d. Pfalz, u. m. a. 

Erfreulich ist die Anleitung eines Arbeiters, der an eigener 
Nachkommenschaft die Gefahren und Qualen der künstlichen Er¬ 
nährung kennen gelernt und sie nun zu vermeiden sucht. 

Auch die Beteiligung weit über die Grenzen Deutschlands hin¬ 
aus, selbst von jenseits des Ozeans sei erwähnt, und nicht vergessen 
die ausser Wettbewerb erfolgten Einsendungen namhafter Arbeiten, 
z. B. diejenige der Freifrau von Bechtelsheim namens des Baye¬ 
rischen Vereins vom Koten Kreuz. — Aber alle diese Arbeiten 
konnten aus sachlichen und technischen Gründen zum engeren Wett¬ 
bewerb nicht zugelassen werden. 

Die 23, zu einem engeren Wettbewerb vorgeschlagenen Arbeiten 
wurden nun von jedem der fünf Preisrichter einer eingehenden Ein¬ 
zelprüfung unterzogen und zensiert, wobei die Zensur 5 die höchste, 
die Zensur 1 bezw. 0 die niedrigste Note bedeutet. 

Bei dieser Prüfung und der sich daran anschliessenden Ge¬ 
samtbesprechung der Preisrichter wurde jedoch festgestellt, dass 
eine allen Anforderungen genügende Anleitung von keinem der Be¬ 
arbeiter geliefert worden ist. Insbesondere ist die Anleitung 
zur natürlichen Ernährung, der Brusternährung, nicht 
genügend nach allen Richtungen hin ausgeführt. 

Auch ist es keinem der Bearbeiter gelungen, in po¬ 
pulärer, allgemein verständlicher Weise die wissenschaft¬ 
liche Erkenntnis zu verarbeiten, dass nicht das Alter, 


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42 


sondern das Körpergewicht des Kindes der Massstab für 
die Menge der zu verabreichenden künstlichen Nahrung sei. 

Aus diesen beiden Gründen hauptsächlich hat sich das Preis¬ 
richterkollegium veranlasst gesehen, den 1. Preis überhaupt 
nicht zu vergeben. 

In Anbetracht jedoch, dass eine ganze Anzahl Arbeiten die 
vom Verein gestellte Aufgabe in annähernd gleicher Weise genügend 
gelöst haben, hat das Preisrichterkollegium beschlossen, die für den 

1. Preis angesetzte Summe von 150 Mk. als Preise von 50, 50 und 
50 Mk. an die nächstbesten Arbeiten als 4., 5. und 6. Preis 
zu verteilen, sowie einer weiteren Anzahl Arbeiten eiue lobende 
Erwähnung zuzuerkennen. 

Demnach würde sich die Preisverteilung wie folgt verhalten: 

1. Preis wurde nicht verteilt. 

2. Preis (100 Mk.) fiel mit 22 Punkten der Arbeit Nr. 78 
(Herrn Dr. Ludwig F. Meyer am städtischen Kinder¬ 
asyl, Berlin, Kürassierstr.) zu. 

3. Preis (50 Mk.) Arbeit Nr. 73, 20 Punkte ( Herrn Dr. Jos. 
Rosenbaum, München, Karlstr. 9;. 

4. Preis (50 Mk.) Arbeit Nr. 15, 19 Punkte (Herrn Prof. 
Dr. Falken heim, Königsberg). 

5. Preis (50 Mk.) Arbeit Nr. 79, 18 Punkte (Herrn Dr. A. 
VV ürtz, dir. Arzt der Säuglingsheilstätte, Strassburg i. E.,. 

6. Preis (50 Mk.) Arbeit Nr. 70, 17 Punkte (Herrn Dr. Jos. 
Späther, Ass. Arzt der Säuglingsmilchküche, Reinacli; 
Kinderarzt in München). 

Eine lobende Anerkennung wurde ferner deu Arbeiten des 
Herrn Kreisassistenzarzt Dr. Schreber, Liegnitz (16 Punkte), eine 
zweite Arbeit des Herrn Dr. Späther, München (15 Punkte), Herrn 
Dr. Carl Döring, Berlin, Herrn Dr. med. Georg Taurasch, So¬ 
lingen-Widdert (14 Punkte), Herrn Dr. Bruno Lamm, Cöln, Cäei- 
lienstr. 9 (12Punkte), Dr. Gustav Barthel, Darmstadt (12 Punkte), 
Prof. Dr. Wesen er, Aachen (12 Punkte). 

Das Preisrichterkollegium beauftragte ferner seine Mitglieder 
Siegel t und Selter, an Hand dieser prämiierten Vorschriften eine 
einheitliche Anleitung für die Ernährung und Pflege des Säuglings 
zusammenzustellen und dieselbe alsdann zur Genehmigung und 
Drucklegung vorzulegen. 

Der Vorsitzende bemerkt dazu, dass die Absicht bestände, die 
Arbeit zu beschleunigen, damit die Anleitung gleichzeitig mit den 
Verhandlungen dieses Tages veröffentlicht werden könne (s. S. 1). 

Geh.-Rat Dr. Lent fährt fort und bringt folgende Rechnungs- 
Aufstellung in Voranschlag für das Jahr 1906. 

Die Rechnungsprüfer Herren Dr. med. Schneider, Schrör& 


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43 


und Kramer-Crefeld haben den Kassenabschluss für 1904 geprüft 


und mit den Belägen stimmend gefunden. 

Der Kassenbestand betrug Ende 1904 . . Mk. 21 532,38 

Derjenige Ende 1903 . „ 21 103,40 

Der Reservefonds hat sich daher um . . . Mk. 428,98 

gegen das Vorjahr gehoben. 


Der Etat für 1904 wurde in der Generalversammlung vom 


7. November 1903 wie folgt festgestellt: 

a) Einnahme an Beiträgen.Mk. 9 800,— 

b) Zuschuss aus dem Reservefonds ... „ 1 200,— 

Summa Mk. 11000,— 

Die Einnahmen betrugen ohne Zuschuss . . Mk. 9 231,06 

verausgabt wurden. „ 8 802,08 

mithin weniger.Mk. 428,98 


um welche Summe, wie oben angegeben, sich der 
Reservefonds erhöht hat, ohne dass der Zuschuss 
aus dem Reservefonds um Mk. 1200 in Anspruch 
genommen zu werden brauchte. 


Die Ausgaben, auf die verschiedenen 

Titel verteilt, 

betrugen 

im Berichtsjahre: 




a) Bibliothek 




nach dem Anschläge . . . 


Mk. 

1000,— 

verausgabt . 

. . . . 

r> 

773,68 


weniger 

Mk. 

226,32 

b) Bureaukosten 




nach dem Anschläge . . . 

. 

Mk. 

700,— 

verausgabt . 

. . . . 

n 

680,— 


weniger 

Mk. 

20,— 

c) Geschäftsunkosten 




nach dem Anschläge . . . , 

. 

Mk. 

400,— 

verausgabt . 

. . . 

Ti 

232,45 


weniger 

Mk. 

167,55 

d) Druck statistischer Formulare 




nach dem Anschläge . . . 

. 

Mk. 

100 — 

verausgabt. 

. . . . 

Ti 

74,50 


weniger 

Mk. 

25,50 

e) Druck des Centralblatts 




nach dem Anschläge . . . 

. 

Mk. 

8000,— 

verausgabt . 

. . . . 

n 

6968,15 


weniger 

Mk 

1031,85 


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44 


f) ausserordentliche Ausgaben 


nach dem Anschläge.Mk. 800,— 

verausgabt.„ 73,30 


weniger Mk. 726,70 

Den Etat für 1906 erlaube ich mir vorzuschlagen: 

I. Einnahmen: 


a) Beiträge etc.Mk. 9 000,— 

b) Zuschuss aus dem Reservefonds „ 1 000,— 

Summa Mk. 10 000,— 

II. Ausgaben: 

a) Bibliothek.Mk. 900,— 

b) Bureaukosten.„ 700,— 

c) Geschäftsunkosten.„ 400,— 

d) Druck statistischer Formulare . „ 100,— 

e) Druck des Centralblattes . . „ 7 600,- 

f) Ausserordentliche Ausgaben . „ 300,— 

Summa Mk. 10 000,— 


Dr. Lent teilt ein Schreiben der Krugbäcker des Unterwester¬ 
waldkreises mit, durch welches der Gebrauch der Steinzeugkrüge 
den Glasgefässen gegenüber als besseres Gefäss empfohlen wird. 
Dasselbe lautet: 

„Die Krugindustrie im Unterwesterwaldkreise, eine alte Haus¬ 
industrie, ist durch die in den Händen einiger Grosskapitalisten be¬ 
findliche Glasindustrie in sehr bedrängte Lage gekommen. Wie aus 
dem beigelegten Gutachten des Herrn Prof. Fresenius in Wies¬ 
baden hervorgeht, gibt es aber für natürliches Mineralwasser 
kein besseres Gefäss als der Krug. 

Auszug aus dem Gutachten des Herrn Professors Fresenius 
in Wiesbaden vom 7. November 1904. 

(Das ganze Gutachten steht auf Wunsch zur Verfügung.) 

Mein Gutachten kann ich dahin zusammenfassen, dass die gegen 
die Abfüllung und Aufbewahrung von kohlensäurehaltigem Mineralwasser 
in Steinzeugkrügen geltend gemachten Vorurteile durchaus nicht gerecht¬ 
fertigt sind. 

Wie im vorstehenden nachgewiesen, hat die Erfahrung und haben 
exakte wissenschaftliche Versuche dargetan, dass kohlensäurehaltiges 
Mineralwasser sich in Steinzeugkrügen viele Jahre lang aufbewahren 
lässt, ohne an seiner Frische, seinem Wohlgeschmack, seinem Gehalt an 
Kohlensäure und an gelösten Bestandteilen überhaupt einzubüssen. 

Auch die alte Erfahrung, dass kohlensäurehaltiges Mineralwasser in 
Steinzeugkrügen die Kellertemperatur und die Kohlensäure beim Stehen 


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45 


im warmen Zimmer sowohl in verschlossenem wie in geöffnetem Gefäss 
besser bewahrt als in Glasflaschen, hat sich durch die von mir ausgeführten 
Versuche durchaus bestätigt. Prof. Dr. H. Fresenius. 

Da der Ton ein schlechterer Wärmeleiter ist als das Glas, so 
behält der Krug der Flasche gegenüber die gleichmässige kühle 
Temperatur länger bei, sowohl in geöffnetem als auch im geschlossenen 
Gefässe. 

Ferner hat der Krug der Flasche gegenüber den grossen Vor¬ 
zug, das die zersetzende Wirkung des Lichtes auf die Kohlensäure 
wegfällt: Gründe, die vom hygienischen Standpunkte aus betrachtet 
von nicht geringer Bedeutung sind. 

Eine ausführlichere Begründung bitten wir ergebenst aus dem 
vorstehenden Gutachten des Herrn Prof. Dr. Fresenius-Wiesbaden 
zu entnehmen. 

Die durch den Verband hergestellten Krüge sind garantiert 
rein und salzfrei, für sie treffen die gegen die Krüge öffentlich er¬ 
hobenen Bedenken nicht zu. 

Im Interesse der bedrängten Kleinindustriellen richten wir an 
Sie die Bitte, natürliches Mineralwasser nur in Krügen zu be¬ 
ziehen. 

Wir sind bereit, Ihnen die billigsten Bezugsquellen anzugeben 
und u. a. den Bezug zu vermitteln. 

Wir heben hervor, dass der Krug 1 Liter Wasser enthält, die 
Flaschen zum grossen Teile nur mit 3 / 4 Liter gefüllt sind.“ 

Das Wort zu diesem Bericht wird nicht verlangt; die Ent¬ 
lastung zur Rechnung für 1904 wird erteilt und der Voranschlag für 
1905 genehmigt. 

Anstelle des verstorbenen Landesrats Herrn Dr. Brandts wird 
der Beigeordnete Herr Brugger-Cöln, an Stelle der ausscheidenden 
Herren Dr. med. Selter und Stadtbaurat Steuernagel die Herren 
Prof. Dr. med. Siegert-Cöln und Stadtbaurat Quedenfeld-Duis- 
burg in den Vorstand gewählt. 

Der Vorsitzende stellt die Annahme des Vorschlages fest. 

Als Rechnungsprüfer für das Jahr 1906 werden die bis¬ 
herigen Herren Dr. Dr. Schneider, Clären und Schrörs in 
Crefeld wiedergewählt. 

Festrede des Vorsitzenden auf Dr. Lent. 

Die geschäftlichen Angelegenheiten, die auf der Tages¬ 
ordnung stehen, wären damit erledigt. Ich möchte nun aber noch 
mit Ihnen eine andere geschäftliche Angelegenheit besprechen, die 
freilich gemütlicher, ja herzlicher Art ist. Es handelt sich gewisser- 
massen um eine Familienangelegenheit des Vereins. Es ist 
Ihnen bekannt, dass unser allverehrter ständiger Geschäftsführer Herr 


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46 


Geheimrat Le nt im Sommer dieses Jahres sein 50 jähriges Doktor¬ 
jubiläum gefeiert hat. Von nah und fern strömten die Ärzte Deutsch¬ 
lands nach Cöln, um Herrn Leut, der wie kein anderer sein ganzes 
Leben lang für die Interessen ihres Standes eingetreten ist, ihre Liebe und 
Verehrung zu bezeugen, seine Mitbürger brachten ihm den Zoll ihrer 
Dankbarkeit dar für die Dienste, die er ihnen in guten und schlechten 
Tagen als hygienischer Berater geleistet, und alle Freunde der Ge¬ 
sundheitspflege, in erster Linie der Deutsche Verein für öffentliche 
Gesundheitspflege, beglückwünschten Herrn Lent zu der erfolgreichen 
Tätigkeit, die er 40 Jahre lang als Hygieniker entwickelt hat. 
Meine Damen und Herren! Unser Verein hat sich natürlich den 
allgemeinen Wünschen angeschlossen. Dies genügt jedoch nicht. 
Der Verein verdankt ja Herrn Lent im eigensten Sinne des Wortes 
sein Dasein. Herr Lent ist der Vater des Vereins, nicht nur 
weil er ihn gegründet, sondern weil er ihn auch 36 Jahre hindurch 
geführt hat. Werfen wir zunächst einen Rückblick auf die Zeit der 
Vereinsgründung. 

Es war in den sechziger Jahren. Damals war es recht un¬ 
günstig um die öffentliche Gesundheitspflege bestellt. Wenn Sie 
fragen, ob damals überhaupt hygienische Einrichtungen, wie wir sie 
jetzt allenthalben haben, in den Städten bestanden, so muss man 
fast mit „Nein“ antworten. Wasserleitungen gab es in unserem Bezirk 
kaum eine oder zwei. Kanäle fehlten ebenfalls oder stammten min¬ 
destens aus der Römerzeit, und das gleiche galt von allen übrigen 
Sanitätswerken. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung war dem¬ 
entsprechend schlecht. Wir besitzen freilich aus jener Zeit keine 
genauen statistischen Aufzeichnungen, wir wissen aber, wie verbreitet 
damals Typhus, Ruhr, Tuberkulose und Cholera waren. Das Jahr 1866 
war z. B. das schlimmste Cholerajahr, das Preussen jemals erlebt 
hat. Die Cholera hat auch den ersten Anstoss gegeben zur Grün¬ 
dung eines hygienischen Vereins und zwar zunächst nur in der Stadt 
Cöln. Der Verein wurde gegründet von dem damals 34jährigen 
Arzte Lent und nannte sich „Komitee für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege 14 . Zusammengesetzt war der Verein — und das ist wohl 
bezeichnend für den praktischen Zweck, den er verfolgte — nicht bloss 
aus Ärzten, sondern auch aus allen denjenigen Personen, die sich 
für öffentliche Gesundheitspflege interessieren: d. h. Baumeistern, 
Ingenieuren, Verwaltungs-Beamten, Gross-Industriellen und ver¬ 
schiedenen anderen Berufen, es fehlte sogar nicht an einem Bankier. 
Die Tätigkeit des Vereins wird beleuchtet durch ein Aktenbtindel, 
das sich aus jener Zeit erhalten hat, und durch einen Jahresbericht. 
Wenn Sie das Bündel durchblättern, finden Sie auf Schritt und Tritt 
eine charakteristische Schrift, nämlich die des Herrn Lent. Offen¬ 
bar war er der leitende Geist des Ganzen und leistete schon damals 


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47 


den grössten Teil der Arbeit, wie er es noch heute in unserem Ver¬ 
ein tut. Der gedruckte Jahresbericht bildet ein stattliches Heft. Er 
zeigt, dass das Komitee die wichtigsten Aufgaben der Hygiene in 
Angriff nahm. Jede Frage wurde behandelt, die für die öffentliche 
Hygiene in Betracht kommt, Wasserversorgung, Beseitigung der Abfall¬ 
stoffe, Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse usw. Wenn wir die 
damaligen Ansichten mit den heutigen vergleichen, stellt sich natür¬ 
lich ein grosser Gegensatz heraus. Die Kenntnis von den Ursachen 
der hygienischen Missstände hat eben seit 40 Jahren ungeheure Fort¬ 
schritte gemacht. Auf der andern Seite muss man aber anerkennen, 
dass der Eifer, mit dem das Cölner Komitee für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege seine Ziele erfasst hat, des höchsten Lobes würdig ist. Das 
zeigt sich schon äusserlich darin, dass das Komitee jede Woche 
mindestens eine Bitzung abhielt. Ein langes Leben war ihm freilich 
nicht beschieden, offenbar deswegen, weil es nicht einmal bei den 
Gesundheitsbehörden, geschweige denn in weiteren Kreisen der Be¬ 
völkerung für seine Ziele genügendes Verständnis fand. Es be¬ 
durfte dazu einer längeren vorbereitenden Tätigkeit und einer um¬ 
fassenden Vereinsorganisation. Herr Le nt nahm auch diese Auf¬ 
gabe wieder auf sich. Gelegenheit bot sich dadurch, dass er in ver¬ 
schiedenen Städten des Rheinlandes gleichgesinnte Freunde fand, so 
unter den Ärzten Graf und Sander, unter den Bürgermeistern Bredt, 
Jäger, Keller, Ondereyk, von Weise, unter den Stadtbaumeistern 
Schtilke. Nach längeren Vorberatungen kam am 19. Juli 1869 in 
Düsseldorf der Niederrheinische Verein für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege zustande. Zunächst zählte er allerdings nur einige 40 Mit¬ 
glieder, ein kraftvoller Aufruf bewirkte aber, dass dem Verein 
binnen kurzem 1500 Mitglieder und 45 Städte beitraten. Die Zahl 
der Gemeinden ist dann weiterhin auf 110 gewachsen. Das sind 
ungefähr alle Gemeinden von Bedeutung, die es in unserm Bezirke 
gibt. Alle diese Gemeinden sind uns dauernd treu geblieben, die 
Zahl der Einzelmitglieder hat naturgemäss geschwankt und ist jetzt, 
wie Sie gehört haben, etwas gesunken. Sie würden unserm Jubilar 
die grösste Freude machen, wenn Sie heute dem Vereine in Scharen 
beiträten. 

Das Ziel des Vereins konnte natürlich nicht darin be¬ 
stehen, dass er selbständig hygienische Anlagen schuf, sondern 
dass er zu Reformen anregte, und bei ihrer Durchführung Gemeinden 
und Privaten ratend und wenn möglich auch helfend zur Seite stand. 
Das hat der Verein versucht, durch Veröffentlichungen und Ver¬ 
sammlungen zu erreichen. Dem ersten Zweck diente zunächst das 
Correspondenzblatt, und dann das Centralblatt für allgemeine Ge¬ 
sundheitspflege, nebenbei die ersten hygienischen Zeitschriften, die 
es in Deutschland gegeben hat. Die Vereinsversammlungen sind 


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48- 


regelmässig abgehalten worden und immer gut besucht gewesen. 
Die Frucht aller dieser Bestrebungen ist nicht ausgeblieben, das 
zeigt die gewaltige Entwicklung der öffentlichen Gesund¬ 
heitspflege in den letzten Jahrzehnten. Niemand be¬ 
zweifelt sie; Sie erinnern sich vielleicht aber auch der Aus¬ 
stellung, die der Verein in Düsseldorf vor drei Jahren veranstaltet 
hat. Auf den Tafeln konnte man die trostlosen Zustände, wie sie 
früher auf dem Gebiete der WasserVersorgung, Kanalisation der 
Städte, Schlachthäuser, des Badewesens, der Krankenhäuser usw. be¬ 
standen, mit den heutigen vergleichen und gleichzeitig den starken 
Abfall der Sterblichkeit in allen Altersklassen beobachten. Nur die 
Gesundheitsverhältnisse der jüngsten Altersklassen machten eine Aus¬ 
nahme insofern, als sie heute eben so schlechte sind, wie früher; 
es war das eine dringende Aufforderung für den Verein, auch die 
Frage der Säuglingsfürsorge mehr als bisher ins Auge zu fassen. 

Natürlich gebührt das Verdienst für diese Leistungen in der öffent¬ 
lichen Gesundheitspflege in erster Linie den Männern der Praxis, 
die an der Spitze der Gemeindeverwaltungen stehend die als not¬ 
wendig erkannten Reformen mit kräftiger Hand durchgeführt haben. 
Der Fortschritt der öffentlichen Hygiene ist ferner eng verbunden 
mit denen von Wissenschaft und Technik, Wohlstand und 
Bildung. Auch dürfen die vielen Anregungen, die vom Deut¬ 
schen Verein für Gesundheitspflege ausgegangen sind, nicht un¬ 
erwähnt bleiben; für unsere niederrheinischen Bezirke hat er jedoch 
nicht so viel geleistet, wie unser Verein, schon deswegen nicht, 
weil er jünger ist, bei uns weniger Mitglieder zählt und nur ge¬ 
legentlich in einer unserer grössesten Städte tagt. Unser Verein 
steht durch seine Zusammensetzung in engerer Beziehung zur Be¬ 
völkerung, er kommt öfter mit ihr in Berührung durch seine 
Wanderversammlungen, die in allen Teilen des Bezirks, in grossen 
wie in kleinen Städten abgehalten werden. 

Das hat unserm Verein einen solchen Einfluss auf die hygieni¬ 
schen Bestrebungen in unserm Bezirke verschafft, dass man ihn 
mit Recht das hygienische Gewissen des Niederrheins 
nennen könnte. Wenn das wahr ist, dann ist es ebenso wahr, 
dass Herr Lent die Seele und das Gewissen unseres Ver¬ 
eins ist. Schon äusserlich betrachtet ist er der einzig ruhende Pol 
in der Erscheinungen Flucht. Mitglieder, Teilnehmer, Bericht¬ 
erstatter, Mitarbeiter, Vorstand haben gewechselt, der Geschäfts¬ 
führer allein blieb. Mit derselben Aufopferung, der gleichen Treue, 
nach wie vor mit jugendlicher Arbeitslust und Arbeitskraft hat Herr 
Lent diese 36 Jahre die Geschäfte des Vereins oder sagen wir 
besser den Verein selbst geführt. Alle Welt weiss das und heute 
wird es nicht zum ersten Male ausgesprochen. Es genügt indessen 


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nicht, das gelegentlich zu sagen, sondern es ist unsere Pflicht und 
unser Recht, unserer Dankbarkeit endlich einmal öffentlich Ausdruck 
zu geben. Orden und Ehrenzeichen haben wir nicht zn verteilen; 
das einzige, was wir tun können, ist, Herrn Lent zum Ehren¬ 
mitglied des Vereins zu ernennen. Im Namen des Vorstandes 
stelle ich den Antrag, dieses zu tun. 

Der Antrag wird mit Jubel angenommen und ein dreimaliges 
Hoch auf das neue Ehrenmitglied ausgebracht. 

Der Vorsitzende überreicht Herrn Geheimrat Dr. Lent die 
schon vorbereitete Urkunde. 

Der Jubilar erwidert: 

„Diese Auszeichnung ehrt mich in hohem Masse und ich bin 
Ihnen von Herzen dankbar. Es ist ja richtig, dass ich den Verein 
mit mehreren Freunden gegründet habe. Dass ich 36 Jahre lang 
für ihn tätig sein konnte, ist ein gütiges Geschick, welches mir ein 
langes arbeitskräftiges Leben gegeben, aber das ist kein Verdienst. 
Von den Mitbegründern leben nicht viele mehr. Die Pflege unseres 
Vereins ist für mich eine der schönsten Tätigkeiten meines Lebens 
gewesen; ich werde ihm treu bleiben, so lange es mir möglich ist. 
In diesem Augenblick kann ich Ihnen nur sagen: Ich danke Ihnen 
Allen aufrichtig und herzlich.“ 

Es folgt der Vortrag von Prof. Dr. Siegert-Cöln: 

Über die Aufgaben der Gemeinden im Kampfe gegen die 

Säuglingssterblichkeit mit besonderer Berücksichtigung 
der Versorgung der Städte mit Säuglingsmilch. 

Meine Damen und Herren! 29 Jahre sind verflossen, seit in 
der Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege zu Düsseldorf die bedeutendsten Vorkämpfer auf allen Ge¬ 
bieten der Kinderheilkunde, Biedert und Heubner gemeinschaftlich 
forderten: dass die Kommunen, wie für die Beschaffung eines guten 
und reichlichen Trinkwassers, auch für die einer reinen Milch, zumal 
als Säuglingsnahrung zu sorgen hätten; und dass die Errichtung von 
Musterställen zu den öffentlichen Einrichtungen gerechnet werden 
müsse, deren Herstellung eine hygienische Verpflichtung wäre, wie 
die der Schlachthäuser und anderer der Gesundheit der Bürger 
dienende kommunale Einrichtungen. 

Bewundernswerte Fortschritte sind seitdem gemacht in allen 
Fragen, welche die soziale Wohlfahrt, die Hygiene des Körpers und 
Geistes, die Prophylaxe der Erkrankungen des Erwachsenen be 
treffen. Die Kinderheilkunde als Wissenschaft wie angewandte 
Kunst hat die Ursachen der furchtbaren Säuglingssterblichkeit auf- 
gedeckt, die Mittel zur Abhülfe gesucht und Einigkeit herrscht in 

Centralblatt f. allir. Gesundheitsptteffc. XXV. Jahrpr. 4 


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ihren Anschauungen, in denen der Ärzte und der Kommunen betreffs 
der meisten Fragen. 

Was aber haben alle Fortschritte auf dem Gebiete der Hygiene, 
der sozialen Gesetzgebung, der kommunalen Wohlfahrtseinrichtungen, 
der wissenschaftlichen und angewandten Kinderheilkunde, der modern- 
ten Erzeugung tadelloser Nährpräparate zur Verwendung im Säuglings* 
alter, was die Pasteurisation, was Soxhlets unübertroffene Sterilisation 
der Kuhmilch geleistet im Kampf gegen die furchtbare Säuglings¬ 
sterblichkeit in un8erm Vaterland, in unserm Rheinland? 

Spurlos sind sie vorübergegangen an einer Mortaliät, die um 
25°/ 0 allein im ersten Lebensjahr wenig nach oben w 7 ie unten heute 
schwankt, wie vor 29 Jahren! 

Ihre Ursachen sind mannigfache und je nach dem Faktor, der 
als Waffe zur Bekämpfung von den verschiedenen Bearbeitern er¬ 
strebt wird, wird bald das soziale Elend, bald die Wohnungsnot, 
bald die Frauenarbeit und der sie begleitende Mangel der nötigen 
Säuglingspflege, der Rückgang im Stillen seitens der Mütter, die 
Unkenntnis der grössten Mehrzahl der Mütter in allem, was den 
Neugeborenen, wie das Kind in seiner Entwicklung betrifft, die 
ungenügende Überwachung der Ziehkinder, der absolute Mangel an 
auch nur einigermassen ungefährlicher Säuglingsmilch in den Vorder¬ 
grund gestellt. Alle diese Faktoren wirken zusammen. Und der 
gänzlich unzureichende Unterricht in der Kinderheilkunde im all¬ 
gemeinen, wie der Säuglingsheilkunde im speziellen an den deutschen 
Universitäten, an denen die Kinderheilkunde nicht einmal Prüfungs¬ 
fach ist, hat es mit sich gebracht, dass der so ungemein wichtige 
Zweig der Kinderheilkunde, die Säuglingsheilkunde heute noch die 
allgemeine Beachtung findet, die er verdient. Es ist ein unhaltbarer 
Zustand, dass nur an zwei preussischeu Universitäten Kinderkliniken 
vom Staat erhalten werden, an denen der Arzt einen gesunden oder 
kranken Säugling bei natürlicher oder künstlicher Ernährung be¬ 
obachten kann. 

Der rote Faden, der immer wieder hervortretend alle Fragen 
der Säuglingssterblichkeit durchzieht, bleibt die massgebende Be¬ 
deutung der natürlichen Ernährung, die erst allmählich wieder in 
ihrer ganzen Tragweite erkannt wird. 

Selbstverständlich muss bereits vor der Geburt der künftige 
Bürger geschützt werden vor Verelendung zur Zeit, wo von der 
Mutter Ernährung und Gesundheit sein Kräftezustand bei der Ge¬ 
burt abhängt. Sache der Kommunen wird es seiu, durch Schutz 
der Schwangeren, die seiner bedarf, diese und damit ihr Kind vor 
Verelendung zu bewahren. Für gänzlich Mittellose muss neben dem 
Wöchnerinnenheim, der Frauenklinik, der Hebammenschule, der meist 
die unverheiratete Schwangere körperlich und pekuniär ruinierenden 


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privaten Unterkunft, die kommunale Zufluchtsstätte treten in 
Gestalt eines Mutterhauses, welches Mütter vor wie nach der 
Entbindung aufnimrot und sich durch Besorgung der Wäsche der 
städtischen Spitäler, durch Arbeiten für die städtischen Waisen-, 
Armen-, Krankenanstalten zum grössten Teil erhält, auch auf geringe 
Beiträge der Insassen rechnen kann. Durch Aufnahme auch von 
gesunden, verlassenen oder gegen Entgelt in Pflege gelangenden 
Säuglingen und deren Pflege und Ernährung werden die mir vor- 
sehwebenden kommunalen Mutterhäuser zugleich ideale, billig und 
gut funktionierende Säuglingsheime. 

Die in Frankreich bereits versuchsweise eingeführten, auf frei¬ 
williger gegenseitiger Versicherung beruhenden Mutterschafts¬ 
kassen kann ich den Kommunen vorläufig nicht empfehlen. Sie 
•existieren nur durch Wohltätigkeit, leiden prinzipiell an dem nur 
freiwilligen, sehr beschränkten Beitritt von Mitgliedern, welche sämt¬ 
lich die Kasse beanspruchen, die dabei nicht leistungs- und lebens¬ 
fähig werden kann. Den Weg, obligatorische Mutterschaftskassen 
otwa für alle Arbeiterinnen von 18—40 Jahren einzuführen mit 
Beiträgen der Mitglieder, Arbeitgeber und Kommunen, der allein 
vielleicht zum Ziele führen könnte, wird vorläufig keine Gemeinde 
betreten können noch wollen. 

Neben der Sorge für die Schwangere tritt die für die 
Mutter in den Vordergrund. Das bereits erwähnte Mutterhaus 
umfasst die werdenden, wie gewordenen Mütter, letztere mit dem 
Kinde. Aber es soll und darf nur eintreten, wo nicht die idealere 
Pflege der Wöchnerin im Hause möglich ist, also hauptsächlich bei 
der unverheirateten Mutter. Auch diese Pflege durcjh gelernte 
Wochenbettpflegerinnen seitens der Gemeinden zu leisten, würde 
wenig Mittel erfordern und dankenswerter Weise geht inJPosen die 
Armenverwaltung so vor, während private Hauspflcgevereine in der 
grössten Anzahl von deutschen Städteu bereits mit dieser wertvollen 
Waffe die Säuglingssterblichkeit bekämpfen. Eine der schönsten 
Aufgaben erwartet hier die Frauen, welche ein Herz haben für 
Familienmütter, die besonders der Hülfe bedürfen. Dass die grösste 
wie kleinste Gemeinde hier wenigstens den Mittellosen, aber auch 
■den Minderbemittelten gegenüber eintreten müsste, lässt sich nicht 
leugnen. Durch vertragsmässige Beiträge für die Aufnahme der 
Minderbemittelten in private Mutterhäuser, Wöchnerinnenasyle und 
Säuglingsheime wäre ein Teil der kommunalen Pflichten erfüllt, wie 
dies ja auch z. B. in Cöln bereits von der Stadt geschieht. Ich 
verweise besonders auf den Bericht des Herrn Bürgermeister 
Brugger-Cöln über alle diese Fragen 1 ). 

1) Bericht auf der Jahresversammlung des Vereins für Armenpflege 
etc. in Mannheim 1905. 


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Aber alle die auf den Schutz der werdenden und ge¬ 
wordenen Mutter bedachten Einrichtungen setzen voraus, 
dass die Mutter selbst auch eine Ahnung von allem dem 
hat, was ihr Kind von ihr und von ihr allein zu erwarten 
hat. Und das ist so wenig der Fall, dass in weitesten Kreisen der 
unbemittelten Bevölkerung die natürliche Ernährung des Kindes, 
wie seine Pflege, wie erst recht die künstliche Ernährung notleiden, 
wo der Mutter die elementarsten Begriffe der Aufgaben einer Gattin 
und Mutter fehlen. Denn das leider so grosse Heer der Fabrik¬ 
arbeiterinnen verlässt mit 13—14 Jahren die Schule, tritt in die 
Fabrikarbeit ein und als verheiratete Mutter versteht die gewesene 
oder noch unverändert tätige Arbeiterin nichts vom Haushalt, von 
der Wirtschaft, von der Küche, von Kleidung und Wäsche des Mannes, 
geschweige denn des Kindes. Und das bedeutet den Ruin des häus¬ 
lichen Glückes, treibt den Mann ins Wirtshaus, führt zur Verelendung 
von Mutter und Kind, ehe letzteres noch geboren ist. Die unverheiratete 
Mutter versteht ebensowenig von dem, was eine Mutter wissen muss 
und ihr Kind sinkt ins frühe Grab. Mutterschulen tun hier bitter 
not, eingerichtet ohne Kosten von den Gemeinden, geleitet von Müttern 
oder speziell zum Beruf ausgebildeten Frauen als obligatorische 
Fortbildungsschulen für Mädchen vom Austritt der Schule 
bis zum 20sten Lebensjahr. Und ergänzt werden sie für die 
Mütter, wie wir noch hören werden, durch die Beratungsstellen 
in Verbindung mit der Säuglingsmilchabgabe. 

Hat so jedes, auch das ärmste Mädchen eine Schulung er¬ 
halten als zukünftige Frau und Mutter, ist erst der Lohn für weibliche 
Arbeit dank dem tätigen Eingreifen der Gemeinden mindestens auf 
die Minimalhöhe gebracht worden, die den Kosten des Unterhaltes 
einer alleinstehenden Arbeiterin nach den örtlichen Verhältnissen ent¬ 
sprechen, treten Stillprämien ein für unbemittelte Mütter seitens der 
Gemeinden, wie sie ja erfreulicherweise bereits gezahlt werden, dann 
erst wird wenigstens in der ersten Zeit jedem Kinde wieder der Mutter 
Brust verbleiben, wo diese nicht krankhafter Weise ihren Lebensquell 
versagt, oder in unmenschlicher Weise dem Kinde von der Mutter ver¬ 
weigert wird. Mehr aber muss einzig und allein körperliches 
Unvermögen die deutsche Fr au entbinden von einer heiligen, 
natürlichen Pflicht: dem Stillen ihres Kindes. Mehr als 
bisher, unendlich viel mehr muss es für die am niedrigsten 
wie am höchsten stehende Mutter als eine Schande, als 
entehrend gelten, wenn sie, dazu materiell und körperlich 
imstande, dem eigenen Kind den wichtigsten Lebensquell 
versagt aus Gleichgültigkeit gegen des Kindes Leben, aus Dumm¬ 
heit oder viel schlimmeren Gründen. Mehr noch müssen alle, die 
Laien und wir Ärzte die Städte unterstützen im Kampf gegen die 


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Sterblichkeit des Säuglings, im Kampf für Menschlichkeit, für Macht 
und Ehre des Vaterlandes. 

Nunmehr beschäftigen wir uns mit der wirksamsten, ent¬ 
scheidenden Waffe der Städte zur Bekämpfung der Säuglings¬ 
sterblichkeit: der Versorgung mit Säuglingsmilch, die ja leider 
durch körperliches und materielles Unvermögen der Mütter ebenso 
nötig ist, wie sie bisher fehlt. 

Immer wird die beste, tadelloseste, teuerste Säuglings¬ 
milch , unter ärztlicher Leitung in dem Hause des Reichen von geübter 
Pflegerin bereitet, nur ein Notbehelf bleiben, niemals ihr Gebrauch 
etwas anderes, als ein oftglückliches,aber stets zweifelhaftes 
Unternehmen. Diese Tatsache wird nur von denen verkannt 
oder ignoriert, welche ohne jede Erfahrung urteilen oder aber mit 
Bunge-Basel der ganz unzutreffenden, längst widerlegten Meinung 
sind, es sei die Stillfähigkeit der deutschen Frau erblich wegen 
Nichtstillens der Mütter und Grossmütter, oder durch Alkoholismus 
in der Aszendenz in weitem Masse verloren gegangen. Die weibliche 
Brustdrüse, als eines der wichtigsten, derJErhaltung der Rasse dienenden 
Organe, degeneriert nicht in dieser Weise, und sie leistet heute so 
viel, wie vor 100 Jahren. Ob eine Mutter, die dazu imstande war, 
gestillt hat, oder nicht, ist ganz gleichgültig für die Stillfähigkeit 
ihrer Tochter. Wohl ist das Stillen in erschreckender Weise 
zurückgegangen auch bei den unbemittelten Müttern, die 
zu Hause bleiben, viel mehr aber bei den reichen Müttern, 
infolge der Überschätzung der pasteurisierten, der sterilisierten Milch 
und der Patentprodukte z. B. von Backhaus, der vielen Kindermehle. 
Sicher hat Soxhlets ausgezeichneter Apparat vielen Säuglingen 
das Leben erhalten, aber oft nachdem er ihnen das Beste, der Mutter 
Brust entzog. Möchte die Zeit kommen, wo in Deutschland wieder 
jede Mutter stillen kann und stillen will. Solange aber höchstens 
50°/ 0 aller Säuglinge drei Monate die Brust erhalten, die grössere 
Hälfte aber, künstlich ernährt, alljährlich bereits wieder im ersten 
Lebensjahr zu einem Drittel ins Grab sinkt, muss die Beschaffung 
einwandsfreier Säuglingsmilch die erste Aufgabe der Kom¬ 
munen sein, nachdem erwiesen ist, dass s / 4 allersterbenden Säug¬ 
linge an Verdauungsstörungen zugrunde gehen. 8—10 mal so viel 
künstlich genährte sterben im Jahresdurchschnitt als Brustkinder, 
20 mal so viele in den heissen Sommermonaten. 

Welche Rolle spielt dabei die Säuglingsmilch? 

Als einziger Ersatz der Frauenmilch kommt die Kuh¬ 
milch in Betracht. 

Schon durch ihre Zusammensetzung, durch ihre Arteigenheit 
passt sie fürs Kalb, nicht in gleicher Weise für den neugeborenen 
Menschen. Und selbst beim Kalbe ruft sie, vom ersten Tag an 


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sterilisiert gegeben, tödliche Darmerkraukung hervor, weil sie die Bil¬ 
dung der normalen, zur Verdauung unentbehrlichen Darmflora nur 
in rohem Zustande und unverändert erlaubt. Auch junge Hunde und 
Ziegen erleiden, vom ersten Tag an nur mit sterilisierter Kuhmilch 
ernährt, ausnahmslos schwere Wachstumstörungen, welche beim Saugen 
an ihrer Mutter Brust nie Vorkommen. Verschiedene Schutzkörper, 
Fermente und für das Leben der betreffenden Tierspezies wertvolle 
Einrichtungen enthält die Milch, welche für eine andere Spezies wertlos 
sind. Damit muss gerechnet werden, und nur die chemische Ver¬ 
schiedenheit lässt sich durch Eiweissverdünnung und Zuckerzusatz 
ausgleichen. Dies muss sogar in den ersten Lebensmonaten fast 
stets geschehen, da unverdünnte Kuhmilch in dieser Zeit nur ausnahms¬ 
weise und dann nur vou durchaus gesunden Säuglingen genommen 
werden kann. Unendlich schwierig dagegen, ja vor der 
Hand noch ganz unmöglich erscheint die Versorgung de& 
Säuglings mit roher Kuhmilch. Denn diese kann nicht frei 
von Zersetzungskeimen gewonnen werden, die nur durch Kochen 
vorläufig zu zerstören sind. Durch das Kochen aber werden viele 
Eigenschaften der rohen Milch zerstört, ihre Eiweisskörper gefällt, 
die feine Verteilung des Fettes beseitigt, ihr Zucker verändert, ihre 
Kalksalze zum Teil unlöslich gemacht und andere chemische Ver¬ 
änderungen bedingt, also eine Reihe von Nachteilen gegenüber der 
rohen Kuhmilch, wieviel mehr der Frauenmilch. Dass die Kuh¬ 
milch gesundheitsgefährlich werden kann, wenn sie von 
Kranken, z. B. hochgradig tuberkulösem Vieh, von Kühen 
mit Maul- und Klauenseuche, eitrigen Geschwüren usw\ 
gewonnen ist, von Kühen kurz vor oder nach dem Kalben, oder 
von mit schädlichem Futter ernährten Kühen, ist bekannt. 

Eine gefährlichere Rolle aber spielt die Milch wegen der hoch¬ 
gradigen Verschmutzung, die sie beim Melken, beim Transport, beim 
Zwischenhändler und bei der Zubereitung im Hause erfährt. 

Ist schon der Stall, wie ganz gewöhnlich, schlecht oder gar 
nicht zu lüften, ist er schmutzig, voll Staub, liegen die Kühe auf 
faulendem Stroh, in ihrem eignen Mist, ist der Boden des Stalles 
durchlässig, sind die Krippen nicht zu reinigen, sind die Melker 
schmutzig in der Kleidung und an den Händen; werden andere 
Tiere, gar Sclnveine im Stall gehalten und fehlt es an der peinlichen 
Reinlichkeit der Melkeimer und Milchkannen, wird die Milch auf 
Wagen in die Stadt gefahren, die zurück den Spülicht und dieKtichen- 
abfälle mit den leeren Milchkannen befördern, kommt bei dem 
Zwischenhändler in der warmen Stube des Bäckers, im Souterrain 
des Kartoffel- und Gemüsehändlers noch eine Masse von Ver¬ 
unreinigungen in die Milch, so enthält diese an heissen Sommer¬ 
tagen viel mehr Bakterien, als die Mistjauche des Kuhstalles,. 


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wegen deren oft genug allein die Kühe gehalten werden, wo der 
Preis, der für die Milch gezahlt wird, die Viehhaltung gar nicht er¬ 
lauben würde. 

Und in der dumpfen, oft genug, 6, 8, ja 10 Menschen als 
einzige Behausung dienenden Stube des Proletariers kommt dann 
noch so viel von Verunreinigung hinzu, wo die Mutter fehlt oder 
jedes Verständnis entbehrt, dass selbst die sauberste Milch zum lebens¬ 
gefährlichen Trank für den Säugling wird. 

Aber auch die beste, sterilisierte Vollmilch verliert hier ihren 
Wert, wenn sie aus der schmutzigen Flasche mit sauer riechendem, 
bakterienüberfülltem Schlauch mit schmutzigem Steigrohr aus un¬ 
gereinigtem Schnuller unverändert oder verkehrt oder unter Ver¬ 
unreinigung verdünnt dem armen Säugling gereicht wird. 

Leider aber vermag auch der gebildete Laie, auch 
der Arzt nicht in jedem Fall eine gefährliche, selbst hoch¬ 
gradige veränderte Milch zu erkennen, da gewisse Schä¬ 
digungen nur bakteriologisch und selbst so nur schwer 
nachzuweisen sind. 

Dazu kommen alle absichtlichen Verunreinigungen der Milch 
durch Rahmentziehung, Wässerung, Abstumpfung der Säure, durch Pan¬ 
schen im Euter der Kuh vermittelst der Verabreichung von grossen 
Salzmengen zur Erhöhung des Trinkens und damit der Milchmenge auf 
Kosten des Fettgehaltes, durch Verfütterung von Schlempe, Zucker¬ 
melasse usw. zum gleichen Zweck. 

So spielt die schlechte Milch die Rolle des Krankheitserregers, 
sei es durch ihre natürliche Beschaffenheit, sei es durch Verfälschung, 
durch Verunreinigung auf dem Weg vom Euter der Kuh bis zum 
Säuglingsmund, durch anhaftende Krankheitskeime von der Kuh 
oder den Menschen her, durch aus dem Futter übergehende Schädlich¬ 
keiten, durch die rasche Vermehrung aller Keime bei ungenügender 
Küblhaltung. 

Wie aber muss eine „Säuglingsmilch“ beschaffen sein? 

Sie muss höhere Anforderungen erfüllen als jede, 
auch die beste gewöhnliche Marktmilch, denn der blosse 
Name „Säuglingsniilch u erweckt beim Käufer die Vor¬ 
stellung, dass es sich um eine besonders geartete, besonders 
wertvolle Milch handelt, die höher im Preise steht und 
stehen muss. 

Die Milch muss durchaus frisch sein, für den besonderen Zweck 
der Ernährung des für Verdauungsstörungen durch die Milch ungemein 
mehr als der Erwachsene empfänglichen Säuglings eine bestimmte 
Zusammensetzung haben und ihre peinlich reine Produktion wie die 
unveränderte Reinheit bis zum Genuss muss überwacht uud gewähr 
leistet werden. 


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Deshalb bedarf es der Feststellung der Erfordernisse einer 
guten Säuglingsmilch seitens der Kommunen durch ein genaues 
Regulativ. 

Fettgehalt, Schmutzgehalts-Maximum, Säuregrad, höchste Tem¬ 
peratur bei der Lieferung an den Konsumenten müssen genau be¬ 
stimmt und scharf kontrolliert werden. 

Nur gesunde Kühe, welche den verlangten Fettgehalt gewähr¬ 
leisten — Simmentaler Höhenvieh, Braunvieh —, die jährlich einmal 
mit Tuberkulin geprüft, vierteljährlich tierärztlich revidiert werden, 
nicht unter 4, nicht über 10 Jahre alt sind, müssen, getrennt von 
Kühen zur Produktion gewöhnlicher Marktmilch, in Ställen mit vor¬ 
geschriebener Einrichtung unter Ausschluss verbotener Futtermittel 
gehalten werden und durch eine unauslöschliche Marke gekennzeichnet 
sein. Bewegung im Freien ist unerlässlich, Weidegang, wenn irgend 
möglich, zu verlangen. Alle Erkrankungen, selbst Durchfall bedingen 
sofortige Ausschaltung der Tiere bis zur Heilung. Gebrauchtes Stroh 
und Abfallstoffe sind als Streu verboten. Besondere Reinlichkeits¬ 
vorschriften gelten beim Melken für Melker und Kühe. Das Warte¬ 
personal muss frei von ansteckenden Krankheiten, wie von Haut¬ 
krankheiten sein, ebenso die Zwischenhändler und Transporteure. 
Für die Gewinnung, die Milchgefässe, den Transport gelten genaue 
Bestimmungen, besonders auch für alle Gewinnungs- und Verkaufs¬ 
lokale. Der Verkauf von „Säuglingsmilch“ l ) darf nur mit polizeilichem 
Erlaubnisschein erfolgen, der zur Bezeichnung eines Lokales als 
„Milchkuranstalt“, zum Vertrieb von Milch in Einzelportionen, unerläss¬ 
lich ist und eine dauernde Beaufsichtigung durch die mit der Über¬ 
wachung des Nahrungsmittelgesetzes betrauten Behörden bedingt. 
In durchsichtigen Flaschen darf Säuglingsmilch nur vertrieben wer¬ 
den und nur bei luftdichtem Verschluss. Die Polizei-Verordnungen 
sind in den Ställen und Lokalen zur Gewinnung und zu Vertrieb 
der Säuglingsmilch an sichtbarer Stelle auszuhängen, eine Kontrolle 
ihrer strikten Durchführung steht den bestimmten Kontrollbeamten 
jeder Zeit an jedem Ort zu. Als solche haben sich in verschiedenen 
Städten zur Milchuntersuchung ausgebildete Polizeibeamte bewährt 
(Darmstadt, Hagenau). In Fällen fraglicher Beanstandung entscheiden 
die städtischen chemischen und bakteriologischen Institute. 

Die Aufstellung eines Regulativs für Säuglingsmilch ist Sache 
der Städte, resp. des Staates. Die Zeit erlaubt mir nicht, ein solches 
hier wieder zu geben, doch bin ich zur Mitarbeit gern bereit. Be¬ 
dauerlich aber ist es, wenn eine Grossstadt wie Cöln im Jahre 1905 
weder ein Regulativ für Milch im allgemeinen, noch für Säuglings- 


1) Kuhmilch, Kindermilch, sterilisierte, pasteurisierte oder irgendwie 
präparierte Kindermilch. 


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milch besitzt. Unser Verein könnte in dankbarer Weise mitwirken, 
dass alle rheinischen Städte das bisher fehlende bald nachholen. 
Nachdem aber feststeht, dass die Milchfrage in hohem 
Grade die Mortalitätsziffern der Städte beeinflusst, und 
ferner, was von einer einwandfreien Säuglingsmilch zu 
verlangen ist, fragt es sich, wie können die Städte eine 
solche allen Säuglingen zugänglich machen. 

Hier handelt es sich um eine eminent praktische Frage, und 
nur wo die Kommunen im Verein mit solchen Ärzten vorgehen, welche 
neben theoretischer Vorbildung auf dem Gebiet der Milchfragen eine 
persönliche, praktische Erfahrung in allen die Ernährung sowie die 
Prophylaxe und Therapie der Ernährungsstörungen des Säuglings be¬ 
treffenden Fragen eine gründliche Kenntnis auch der Vorstellungen 
und Vorurteile der Mütter in allen Kreisen betreffs der Säuglingspflege 
und -ernährung besitzen, wird praktische Arbeit geleistet werden. 
Die Beschaffung auch der besten Säuglingsmilch, selbst in tadellos 
sterilisierten Einzelportionen der zu fordernden 3—4 Mischungen 
wird fast spurlos an der Mortalität der Säuglinge vorüber gehen, 
wenn nicht etwa für 80 — 100000 Einwohner eine Beratungs- und 
Kontrollstation eingerichtet wird, welche unter Leitung eines in der 
Säuglingsheilkunde praktisch erfahrenen Arztes und unter Mitarbeit 
gründlich von ihm ausgebildeter weiblicher Kräfte die Mütter be¬ 
ständig belehrt, überwacht und die dem Säugling entsprechende 
Mischung und Menge vorschreibt. Dass dabei auch jeder Arzt mit¬ 
wirken und seinerseits ohne Vermittelung der Beratungsstelle die 
Mütter zur Milchabgabe weisen kann und wird, ist selbstredend. 
Die Mischungen selbst aber werden sich erst bei hunderttausendfacher 
Erprobung allmählich so fixieren lassen dass sie ohne weiteres dem 
gesunden Säugling möglichst allgemein, und mit einfachen Zusätzen 
von Wasser oder Schleim in der Hand der Ärzte auch den zahl¬ 
losen verdauungskranken Säuglingen in ganz unübersehbarer Weise 
nutzen werden. Die Kontrolle ist die Wage beim Kranken, das 
blühende Gedeihen an Körper und Geist beim gesunden Säugling. 

Dass diese Beratungs- und Kontrollstationen absolut 
unerlässlich sind, beweist das einstimmige Urteil aller 
Ärzte, die auf Grund eigener Tätigkeit in solchen Be¬ 
ratungsstellen und auf Grund eigener Erfahrung an einem 
mit Säuglingsmilch ernährten Material urteilen. 

Das beweist ferner des einstimmige Urteil aller der Begründer 
und Organisatoren der Säuglingsmilchanstalten, welche vor 8 Tagen 
im internationalen Kongress zu Paris aus allen zivilisierten Ländern 
der Erde sich versammelt haben. 

Wie aber versieht die Kommune sich und ihre Abnehmer mit 
der Säuglingsmilch? Diese Frage ist heute eine klare Geldfrage. 


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ln den Grundzügen zum Siiuglingsregulativ sind die Bedingungen 
zu ihrer Gewinnung und bis zu ihrem Gelangen an die städtische 
Milchktiche, wie für den Transport bis zum Abnehmer gegeben. 
Die moderne technische und maschinelle Ausstattung der Milch- 
ktichen ist bekannt, ebenso die einmaligen Einrichtungskosten. Sie 
richten sich natürlich nach lokalen Vorbedingungen wie Möglichkeit 
des Anschlusses an ein städtisches Schlachthaus, eine Badeanstalt, 
ein Spital, wo Lokal, Wasser, Dampf, Eis und Elektrizität ver¬ 
fügbar sind. 

Auch die laufenden Unkosten für den Betrieb an Löhnen, 
Wasser, Dampf, Eis, Elektrizität, für Flaschenbruch, Verbrauch an 
Verschlüssen, Transport zum Abnehmer, Amortisation sind ziemlich 
übereinstimmend mit etwa 25 Pfg. pro Kind und Tag festgestellt, 
die Einrichtungskosten betragen, wo Räume zur Unterbringung der 
Anstalt vorhanden sind, etwa 3000 Mk. für je 50000 Einwohner. 
Jedenfalls aber kostet eine tadellose Ausstattung der Säuglingsmilch- 
kttche in Städten unter 50000 Einwohnern nicht über 5000 Mk., die 
laufenden Kosten richten sich nach der Zahl und den Vermögens- 
Verhältnissen der Abnehmer. Den unterstützten Armen sollte die 
Milch überall gratis verabfolgt werden, den nicht Besteuerten zum 
Marktpreis, den Einwohnern bis zu 3UOÜ Mk. versteuertem Jahres¬ 
einkommen etwa 5 Pfg. pro Tag teurer, den Bemittelteren zu 
40—80 Pfg. pro Tag. 

Prinzip aber bleibt die Einrichtung und Unterhaltung 
der Anstalt durch die Kommune, wünschenswert eine 
kräftige Unterstützung durch die Wohltätigkeit der Ver¬ 
eine und reichen Bürger und, wo in Grossstädten die Mög¬ 
lichkeit gegeben ist, der Bezug der Milch aus städtischen 
Musterställen, welche als solche vorbildlich und die ganze 
Milchproduktion fördernd wirken können. 

Zum Schluss ein kurzer Überblick auf die Stellungnahme der 
deutschen Städte zur Versorgung ihrer Bewohner mit Säuglingsmilch. 

Ich entnehme ihn dem umfassenden Referat, welches Herr 
Brugger, Beigeordneterder Stadt Cöln, in Mannheim dem deutschen 
Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit im September dieses 
Jahres erstattete. 

In Kassel, Kottbus, Danzig, Düsseldorf, Halle, Leipzig, Potsdam, 
Strassburg und Trier wird pasteurisierte oder sterilisierte Milch von 
privaten Vereinigungen mit städtischer Unterstützung den Säuglingen 
der minderbemittelten Bürger zugänglich gemacht, die Städte selbst 
haben, allerdings erst in allerletzter Zeit Säuglingsrailch in trink¬ 
fertigen Einzelportionen für die minderbemittelten Klassen verfügbar 
gemacht in Aachen, Berlin, Coblenz, Crimmitschau, B.-Gladbach, 
M.-Gladbach, Hamburg, Reichenbach, Stuttgart und in mustergültiger 


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Weise in grösstem, allen Forderungen genügendem Umfang neuer- 
dings in Cöln. 

Aber nur B.-Gladbach, M. Gladbach, Malmedy und Cöln be¬ 
sitzen eigene städtische Anstalten, die in Aachen, Bonn, Eschweiler, 
Eupen, Künigshtitte, Mainz und Stollberg geplant sind. 

Wohltätigkeitsanstalten liefern trinkfertige Säuglingsmilch in 
vielen Städten, so in Berlin, Düren, Dresden, Frankfurt, Freiburg, 
Greifswald, Heidelberg, Hamburg, Stuttgart, Stettin und mehreren 
anderen Städten. 

Alle diese Bestrebungen sind der höchsten Anerkennung wert. 
Aber schliessen möchte ich mit der erneuten Betonung der For¬ 
derung: dass die Versorgung mit Säuglingsmilch eine 
Wohlfahrtseinrichtung aller Städte werden muss, selbst¬ 
verständlich, wie die Versorgung mit einwandfreiem Wasser 
und gesunden Lebensmitteln, mit Schulen, Konzertsälen, Theatern. 
Der privaten Wohltätigkeit bleibt ein weites Feld der Unterstützung 
der Säuglingsmilchanstalten, wie aller Einrichtungen zum Kampf 
gegen die erschreckende Säuglingssterblichkeit in unserm Vaterland, 
welche, ein schwerer Vorwurf in jedem zivilisierten Staate, beseitigt 
werden muss und kann. Was heute überlebt von Säuglingen na^b 
schwerer Magendarmerkrankung infolge verdorbener Milch, ist nicht 
ein besonders kräftiges, gesundes Geschlecht, sondern ein grosser 
Teil füllt wegen dauernder körperlicher Schädigung die Kranken¬ 
häuser und erweist sich später dauernd minderwertig; wegen der 
Schädigung der Sinnesorgane in dem wichtigsten ersten Lebens¬ 
jahr füllt ein anderer erst die Schulen für Schwachsinnige, die 
Idiotenanstalten und später Gefängnis und Zuchthaus. Hier vor¬ 
zugehen heisst nicht unnötig Geld ausgeben, sondern Saaten in die 
Zukunft streuen!“ 

Kreisarzt Dr. Kriege-Barmen: „Wenn eine Gemeinde in den 
Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit eintreten will, so wird sie 
gut daran tun, sich zunächst ein möglichst genaues Bild davon zu 
verschaffen, wie die Säuglinge ernährt werden, die für sie in Frage 
kommen. 

Es war mir bekannt, dass Herr Prof. Kruse derartige Er¬ 
mittelungen für die Stadt Bonn angestellt hat. Daraus habe ich 
die Anregung entnommen, in Barmen in ähnlicher Weise vorzngehen. 

Barmen ist eine Stadt mit einer verhältnismässig recht günstigen 
Säuglingssterblichkeit: in den Jahren 1900 bis 1904 starben durch¬ 
schnittlich nur 14,3°/ 0 der Lebendgeborenen. Auch ist zu bemerken, 
dass die Zahl der unehelichen Kinder, die bekanntlich am meisten 
gefährdet sind, bei uns eine sehr niedrige ist: sie macht in den 
letzten Jahren durchschnittlich nur 3,4 °/ 0 aus. Freilich ist dafür 


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-die Sterblichkeit unter diesen Kindern eine ausserordentlich hohe: 
sie beträgt für die letzten 5 Jahre durchschnittlich 40 °/ 0 . — Trotz 
dieser im ganzen günstigen Verhältnisse ist zu hoffen, dass unsere 
Stadt ganz energische Massnahmen ergreifen wird, um die Säug¬ 
lingssterblichkeit noch weiter herabzumindern. 

Um festzustellen, wie die Kinder im ersten Lebensjahre er¬ 
nährt werden, wurde folgendermassen verfahren: 

Mit dem Leiter des städtischen statistischen Amtes, Herrn 
Dr. Seutemann, habe ich gemeinsam zwei Formulare aufgestellt, 
nämlich eine Zählkarte über die Ernährungsverhältnisse der an einem 
bestimmten Tage in Bannen lebenden, unter einem Jahr alten Kinder 
und eine zweite Zählkarte über die innerhalb eines Jahres ge¬ 
storbenen Kinder der gleichen Altersstufe. Die Formulare habe 
ich für diejenigen Herren, die sich dafür interessieren, auf den 
Tisch des Vorstandes niedergelegt. Es würde mich zu weit führen, 
näher zu begründen, weshalb die Fragen gerade so und nicht anders 
formuliert werden mussten, wenn falsche Schlüsse vermieden werden 
sollten. Aber ich kann meinen Kollegen nur dringend empfehlen, 
sich mit einem erfahrenen Berufsstatistiker in Verbindung zu setzen, 
wenn sie derartige Erhebungen anstellen wollen. 

Die Personalverhältnisse wurden den standesamtlichen Büchern 
entnommen, die Adressen vom Meldeamt berichtigt. Das Einkommen 
des Vaters wurde vom Steuerbureau zuletzt eingetragen. Von vorne- 
herein war in Aussicht genommen, dass die übrigen Fragen von 
den Hebammen beantwortet werden sollten. Nachdem die letzteren 
von mir eingehend instruiert waren, wurden die Zählkarten so an sie 
verteilt, dass jede Hebamme möglichst in denjenigen Familien die 
Ermittelungen machte, in denen sie die Geburt geleitet hatte; dies 
war mit Hülfe ihrer Tagebücher leicht zu bewirken. Am 15. August — 
dem Zähltage — waren alle Karten in den Händen der Hebammen. 
Nach zehn Tagen waren die meisten Karten an das statistische Bureau 
zurückgegeben, wo sie sogleich durchgesprocben wurden. Etwaige 
Rückfragen und Ergänzungen wurden durch die Hebammen er¬ 
ledigt, denen für jede richtig ausgefüllte Zählkarte 10 Pfg. bewilligt 
waren. — Die Ermittelungen erstrecken sich auf 4139 lebende 
(darunter 88 uneheliche) und auf 607 gestorbene unter einem Jahr 
alten Kinder. 

Das Ergebnis ist von Herrn Dr. Seutemann in verschiedenen 
Tabellen übersichtlich zusammengefasst, die wir demnächst in einer 
gemeinsamen Arbeit veröffentlichen wollen. Hier sollen nur die 
wichtigsten Resultate ganz kurz mitgeteilt werden. Zunächst ergibt 
sich, dass von 100 lebenden Säuglingen am 15. August 63 ganz 
und 15 teilweise an der Brust ernährt wurden, zusammen 78°/ 0 , und 
sogar von den unehelichen Kindern erhielt etwas über die Hälfte 


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ganz oder teilweise Brustmilch. Dieses überraschend günstige Er¬ 
gebnis beruht zum grössten Teil auf alter, guter bergischer Volks* 
sitte. Auch die geringe Zahl der unehelichen Kinder und der Halte¬ 
kinder trägt dazu bei. Ferner sind sehr wenige Frauen bei uns 
mit Fabrikarbeit beschäftigt. — Aus einer zweiten Tabelle, die den 
Ernährungszustand der Säuglinge nach dem Alter zeigt, ergibt sich, 
dass in den ersten Wochen nach der Geburt das Selbststillen in 
Barmen die Regel bildet, denn 95 °/ 0 dieser Kinder erhalten Brust¬ 
milch. Selbstverständlich nimmt mit zunehmendem Alter der Kinder 
die Brusternährung allmählich ab. Doch werden selbst im 12. Monat 
noch 61 °/ 0 vorwiegend oder teilweise an der Brust ernährt. — Weiter 
ist der Ernährungszustand der ehelich geborenen Säuglinge nach 
dem Beruf und Einkommen des Vaters ausgezählt. Man sieht, 
wie mit zunehmender Wohlhabenheit die Brusternährung und be¬ 
sonders die Dauer der Laktation abnimmt. Doch nähren bei einem 
Einkommen von über 3000 Mk. immer noch 46 °/ 0 der Mütter ihre 
Kinder selbst, bei einem Alter des Kindes von neun Monaten freilich 
nur 26 °/ 0 . — In einer fünften Tabelle sind die Gründe des Nicht¬ 
stillens dargestellt, unter denen „Fehlen oder Versiegen der Milch 
ohne erkennbaren Grund“ mit 60,5°/ 0 weitaus die wichtigste und 
„Krankheiten der Mütter“ mit 24 °/ 0 die zweite Rolle spielt. Beruf¬ 
liche Hinderungsgrtinde sind nur in 5 °/ 0 der Fälle angegeben. Doch 
ergibt sich auch, dass von 910 am Zählungstag lebenden Flaschen¬ 
kindern mehr als 2 / s von der Mutter kürzere oder längere Zeit 
gestillt worden sind. Endlich wird durch eine letzte Tabelle die 
allgemeine Erfahrung auch für Barmen bestätigt, dass die Sterb¬ 
lichkeit der Flaschenkinder ungleich grösser als die der Brustkinder 
ist: bis zum 9.Lebensmonat beträgt sie mindestens das Fünffache. 
Insgesamt starben von den Flaschenkindern 29,7°/ 0 von den Brust¬ 
kindern 7,5 °/ 0 . Ernährungskrankheiten bilden bei den Flaschenkindern 
die überwiegende Todesursache, während bei den Brustkindern 
Krankheiten vorherrschen. 

Aus alledem ergibt sich, dass die Brusternährung der Säug¬ 
linge in Barmen eine wesentliche Steigerung kaum noch erfahren 
kann. Dagegen lässt sich durch eine Verbesserung der künstlichen 
Ernährung offenbar noch sehr viel erreichen. 910 Kinder unter ein 
Jahr wurden am Zähltage künstlich ernährt. Ihr Bedarf an ein¬ 
wandsfreier Säuglingsmilch ist auf etwa 800 Liter zu veranschlagen, 
die von 60 bis 70 Kühen geliefert werden könnten. Man sieht, dass 
schon mit einem Musterstall von 20 Kühen ein viel versprechender 
Anfang gemacht werden könnte. Ich zweifle nicht daran, dass dies 
in Barmen zustande gebracht werden kann. Ferner ist die 
Gründung eines Säuglingsheimes der Verwirklichung nahe. Wenn 
hierzu eine rationelle Überwachung der unehelichen und dazu der 


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sämtlichen Haltekinder tritt, so halte ich es für sehr wahrscheinlich, 
dass jährlich 150 bis 200 Kinder gerettet werden könnten, die jetzt 
elend zugrunde gehen. Dafür spricht auch, dass in den Monaten 
Juli, August und September durchschnittlich etwa 150 Kinder mehr 
sterben, als nach dem Durchschnitt der übrigen Monate zu er¬ 
warten wäre. 

Beigeordneter Brugger-Cöln. Nachdem Sie die Ärzte gehört 
haben, wird es Ihnen willkommen sein, auch einen Verwaltungs¬ 
beamten zu hören. Aus dem Beifall, welchen Sie dem Vortrage 
des Herrn Prof. Dr. Siegert gespendet haben, ist zu entnehmen, 
dass auch Sie in erster Linie die Brusternährung gefördert sehen 
wollen. Diese Förderung der Brusternährung ist nicht nur die vor¬ 
nehmste sondern auch die schwierigste Aufgabe. Blicken wir auf 
das, was heute ist, und was uns noch in Zukunft in dieser Richtung 
zu tun übrig bleibt. Zunächst wie regelt sich die Brusternährungs¬ 
frage im Hinblick auf unbemittelte Mütter, die gezwungen sind, 
hinein Broterwerb nachzugehen? 

* Wenn heute eine solche Frau einen Säugling ihr eigen nennt, 
so hat sie bestenfalls für die ersten Wochen nach der Niederkunft 
Anspruch auf die Wöchnerinnen-Unterstützung, die gesetzlich wenig 
stens die Hälfte des freilich an sich schon geringen weiblichen 
Tagelohnes ausmacht. Nun gibt es aber eine grosse Zahl von Per¬ 
sonen, für die eine Unterstützung gar nicht in Frage kommt, weil 
sie nicht in versicherungspflichtiger Beschäftigung stehen. Unter 
diesen bilden die unehelichen Mütter das Hauptkoutiugent. Wie 
ist diesen Müttern zu helfen? Es ist leicht zu sagen, dass die Ge¬ 
meinden die Aufgabe hätten, helfend beizuspringen. Soweit armen¬ 
rechtliche Hilfsbedtirftigkeit vorliegt, sind sie zur Hergabe des Nötig¬ 
sten verpflichtet. Aber gerade die öffentliche Armenhilfe erzeugt 
Nebenwirkungen (Verlust des Wahlrechts etc.), die man bei Be¬ 
kämpfung eines so allgemeinen Übels vermieden zu sehen wünscht. 
Die Aufgaben der Gemeinden und damit auch die Ausgaben, er¬ 
weitern sich in jedem Jahr. Ich meine, hier muss man zunächst 
dafür eintreten, dass von anderer Seite freiwillig Hülfe geleistet 
wird, die nicht den Charakter der Armenpflege trägt, sondern den 
der Wohlfahrtseinrichtung. Private Kreise müssen n erster Linie 
die Mittel aufbringen, um bedürftigen Müttern, welche nicht der 
Armenpflege anheimgefallen sind, durch Gewährung von Unter¬ 
stützungen während der ersten Wochen Selbststillen ihres Säuglings 
zu ermöglichen. Es ist meiner Erfahrung nach gerade für diesen 
Zweck nicht allzuschwer, erhebliche Geldmittel aufzubringen. Es 
bedarf nur einer fortgesetzten Anregung. In letzter Zeit habe ich 
ohne jede Schwierigkeit erreicht, dass eine Dame letztwillig 50 000 Mk. 


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hierzu bereitgestellt hat. Eine ganze Reihe von Vereinen könnte 
ihre Aufmerksamkeit dieser Sache zuwenden. Die Cölner Krippe 
hatte den Entschluss gefasst zur Verbreitung von Säuglingsmilch an 
Unbemittelte jährlich etwa 2000 Mk. aufzuwenden. Durch die Er¬ 
richtung einer Säuglingsmilchanstalt seitens der Stadt Cöln ist sie 
vou ihrem Vorhaben zurückgekommen. Das hierfür bestimmt ge¬ 
wesene Geld könnte z. B. dazu verwandt werden als Stilluntersttttzung 
zu dienen. Ich glaube, wenn eine hierauf bezügliche Anregung von 
und in den Vereinen, die sich der Fürsorge für Kinder widmen, 
unausgesetzt verbreitet wird, dann kann vieles geschaffen werden, 
um bedürftigen Müttern das Stillen ihrer Kinder zu erleichtern. 

Mit dem Herrn Referenten bin ich ganz der Meinung, dass 
überdies die Verbreitung der Hauspflege besonders wichtig ist, so 
dass unmittelbar nach der Niederkunft einer Mutter, die mit einer 
grossen Kinderschar gesegnet ist, die Möglichkeit gegeben wird, sich 
ihrer Neugeborenen besonders zu widmen. Im Interesse der Brust¬ 
ernährung wäre ferner nötig, für die in Fabriken arbeitenden Frauen 
Stillkrippen zu schaffen. Eine derartige Stillkrippe besteht bisher 
nur in der Jutespinnerei in Linden bei Hannover. Es handelt sich 
darum, den Frauen in Fabriken Räume bereit zu stellen, wo sie 
ihren Kindern je nach Bedürfnis die Brust reichen können. Sie ist 
weder kostspielig noch schwierig ausführbar. 

Nur wenige Worte über die Sänglingsmilchanstalt der Stadt 
Cöln. Sie dürfte die grösste in Deutschland sein. Sie hat anfäng¬ 
lich die Versorgung von 500 Säuglingen mit sterilisierter Säuglings¬ 
milch übernommen. Das Bedürfnis hat sich alsbald auf 1000 bis 
1200 Tagesportionen gesteigert, und dementsprechend sind die 
Betriebseinrichtungen vergrössert worden. Die ganze Anstalt ist 
eine Wohlfahrtseinrichtung. Ihre Benutzung hat nicht die nach¬ 
teiligen Folgen, die mit der Inanspruchnahme der Armenpflege 
verknüpft sind. Die Säuglingsmilch wird nur an solche Personen 
abgegeben, die nicht mehr als 2000 Mk. jährliches Einkommen 
haben. Die Tagesportion 6—7 Fläschchen Milch kostet 22 Pfg. 
Die Selbstkosten betragen etwa 26—28 Pfg., wir legen daher zu 
jeder Portion noch 4—6 Pfg. hinzu. Die Armenverwaltung bezieht 
ihren Bedarf für die laufend unterstützten Mütter und deren Säug¬ 
linge gegen Zahlung des Selbstkostenpreises von der Säuglings¬ 
milchanstalt l ). Die Herstellungskosten sind im Verhältnis zu den 

1) Seitens der Armen Verwaltung ist auf diesem Gebiete eine höchst 
beachtenswerte Einrichtung getroffen worden. Um durch die Abgabe von 
Säuglingsmilch die natürliche Ernährung an der Mutterbrust nicht un¬ 
günstig zu beeinflussen, gewährt sie denjenigen Müttern, welche ihre 
Kinder selbst stillen, eine höhere laufende Geld-Unterstützung, während 
sie den nicht selbststillenden Müttern an Stelle des baien Geldes Natural¬ 
unterstützung in Gestalt der sterilisierten Säuglingsmilch gibt. 


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Preisen der Privatmolkereien nicht bedeutend. Mir hat gestern 
Herr Privatdozent Dr. Neumann-Berlin sein Erstaunen über die 
geringen Kosten ausgesprochen. Gerade die Gemeinden können 
hierin besonders wirtschaftlich verfahren, wenn sie die Milchanstalten 
an einen andern städtischen Betrieb anschliessen. Wir haben die 
Säuglingsmilchanstalt im Schlachthof untergebracht, die Leitung 
der Anstalt wird durch den Direktor des Schlachthofes ausgeübt. 
Beleuchtung, Wasser und elektrische Kraft werden gegen eine geringe 
Pauschalsumme abgegeben. Wir waren uns in Cöln wohl bewusst, 
dass mit der Einrichtung der Säuglingsmilchanstalt die Gefahr einer 
Abnahme der Brusternährung heraufbeschworen und die künstliche 
Ernährung dadurch gefördert werde. Aus diesem Grunde haben 
wir Mütterberatungsstellen einzurichten beschlossen, die allen Müttern 
über die zweckmässige Ernährung und Pflege ihres Säuglings schon 
in gesunden Tagen Auskunft zu erteilen bereit sein sollen. Ihre 
Hauptaufgabe sollte in der Propaganda für die Brusternährung be¬ 
stehen. Die Milchabgabe sollte nur erfolgen, wenn sie vorher die 
Sanktion einer Mütterberatungsstelle erhalten hatte. Eine dem grossen 
Umfange der Stadt entsprechende Vermehrung dieser Stellen, von 
der allein eine wirksame Erreichung dieser Zwecke zu erwarten ge¬ 
wesen wäre, musste vorläufig unterbleiben, weil die Ärzteschaft in 
den Mütterberatungsstellen eine Schädigung ihrer Interessen erblickte, 
hauptsächlich in der Befürchtung, dass sich dieselben zu Poli¬ 
kliniken auswachsen könnten, die auch vom zahlungsfähigen Publikum 
benutzt würden. Es steht zu hoffen, dass sich in absehbarer Zeit 
diese. Bedenken ausräumen lassen und eine Verständigung mit der 
Ärzteschaft erzielt wird. 

Zum Schlüsse bemerke ich noch, dass ich eine ständige Beauf¬ 
sichtigung der Säuglinge für sehr wichtig halte. Der Kinderschutz 
muss einheitlich gestaltet werden, die Hauptsache ist jedoch, dass 
die Ärztewelt das führende Wort dabei spricht. 

Dr. Seiter-Solingen. Die Ausführungen der Herren Dr. Kriege 
und Bürgermeister Brugger haben mich beruhigt über das Schicksal 
der Milchküchen. Ich möchte jedoch gerade als Arzt im Gegensatz 
zu der von letzterem zitierten ärztlichen Meinung aussprechen, dass 
eine Mutterberatungsanstalt den ärztlichen Erwerb in keiner Weise 
schädigen wird. Bisher haben hygienische Verbesserungen immer 
nur zu vermehrter Nachfrage nach den Ärzten geführt. — Sodann 
kann nicht genug betont werden, eine Milchküche ohne Beratungs¬ 
anstalt ist eine grosse Gefahr. Bewiesen ist dieses durch die 
Geschichte der Milchkticlien in Frankreich, wo sie seit 12 Jahren 
existieren. Diesen ist mit Recht der Vorwurf gemacht worden, 
dass sie die künstliche Ernährung beförderten, und tatsächlich war 


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das der Fall, bis inan dazu tiberging, den Milchkücben Beratungs¬ 
anstalten anzuscbliessen. Ich schliesse mich deshalb den Ausführungen 
des Herrn Referenten durchaus an; ja ich sage sogar, eine Milch- 
kttche soll nur ein Appendix einer Beratungsanstalt sein. 

Professor Dr. Hagemann-Bonn-Poppelsdorf. Es scheint nach 
dem, was wir bis jetzt gehört haben, alles Heil in der Milchktiche 
zu liegen, und dieser Ansicht vermag ich mich nicht anzuscbliessen, 
sondern ich glaube vielmehr, dass die Milchküche höchstens ein Not¬ 
behelf ist und’ dass sie, wenn dieselbe nicht richtig gehandhabt wird, 
sicher mehr Schaden als Nutzen bringen wird. Ihren tibergrossen Segen 
kann ich nicht einsehen, weil jedermann es in der Hand hat, seine 
Milch zu kochen oder zu sterilisieren. Den Nutzen sehe ich wohl ein, 
der darin liegt, wenn die Herstellung der Kindermilch von der 
Stadt beaufsichtigt wird, aber ich zweifle daran, dass die Errichtung 
einer Milchktiche der zweckmässige Weg dafür ist, weil nicht die 
Gewähr dafür geboten ist, dass die Milch eine genügend gute 
Qualität besitzt. 

Das Verfahren in den Milchktichen ist meines Wissens ein 
solches, dass Milch von allerlei Herkunft entweder mit Rahm, Zucker 
und Wasser gemischt wird, oder dass sie einem Verfahren analog 
dem von Backhaus unterworfen wird; danach wird sie sterilisiert 
oder doch wenigstens pasteurisiert. Die Milch wird also erstens 
entmischt und zweitens durch die starke Erhitzung wesentlich 
verändert. Was die entmischte Milch anbelangt, so bedingt sie 
schon Gefahren für die Säuglinge. Statt entmischter Milch ist es 
besser eine Milch zu geben, die man unter Zuckerzusatz nur zu 
verdünnen hat. Wenn ich eine von Natur sehr fettreiche Milch 
nehme, dann brauche ich sie nur zu verdünnen, um in ihr Fett 
und Eiweisskörper in ähnlichem Mengen-Verhältnisse wie in der 
Frauenmilch zu erhalten; alsdann aber habe ich die natürlichen 
Substanzen, die Substanzen, die die Natur in die Kuhmilch hinein¬ 
gebracht hat, alle noch in der Milch. Der Schaden der Entmischung 
der Milch kann also dadurch beseitigt werden, dass man sehr fett¬ 
reiche Milch zur Verarbeitung auf Kindermilch nimmt. Der Herr 
Referent sagte selbst, dass die Sterilisierung der Milch Gefahren 
für die Kinderernährung einschliesst; ich mache darauf aufmerksam, 
und die anwesenden Herren Ärzte werden ja darüber unterrichtet 
sein, dass das Sterilisieren der Milch ungemein grosse Gefahren in 
sich birgt, dass die Verdauung und Resorption bei den Säuglingen 
ganz anderer Art wie bei den Erwachsenen ist, und dass die 
Resorptions- und Assimilationsprozesse beim Säugling nur richtig 
bei einer richtigen Nahrung vor sich gehen, und diese richtige Nahrung 
ist unentmi8cbte und nicht gekochte, sondern rohe, lebendige Milch 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspliege. XXV. Jahrg. 5 


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mit alleu ihren natürlichen Bestandteilen. Um ein Beispiel anzuführen, 
erinnere ich mir an die Resorption der Mineralsubstanzen, welche 
erwiesenennassen ungenügend resp. fehlerhaft bei der Verabreichung 
von gekochter Milch stattgehabt haben; ich glaube behaupten zu 
dürfen, dass die Ernährung der Säuglinge mit sterilisierter Milch 
derart ist, dass viele Kinder daran sterben. 

Der Hauptpunkt, weshalb ich das Wort ergriffen habe, und 
worin ich mich im Gegensatz zum Herrn Referenten befinde, ist 
der, dass ich die Herstellung von Säuglingsmilch nicht der schema¬ 
tischen Arbeit der Milchküche überantwortet sehen möchte, sondern 
dass die zu Kindermilch zu verarbeitende Milch von Hause aus die 
geeignete Milch ist; wenn also die Gemeinden sich der Sache an¬ 
nehmen wollen, dann sollen sie es nicht durch die Errichtung von 
Milchküchen, sondern vor allem durch die Errichtung von Muster¬ 
ställen tun. Ich sage also, man soll auch Milchküchen einrichten, 
das Hauptgewicht aber lege ich auf die Errichtung von Muster¬ 
ställen seitens der Stadtgemeinden. Wenn die Stadt sich einen 
grossen geeigneten Stall anlegt und ein gut bezahltes ßeaniten- 
personal hält, dann kann die Stadt sicher sein, eine Milch zu 
gewinnen, welche denjenigen Anforderungen entspricht, die man zu 
stellen berechtigt ist. Die Milch von Privatleuten zu entnehmen, 
ist von zwei Punkten aus betrachtet, nicht angängig. Jeder Milch¬ 
händler will etwas verdienen, und eine allen Anforderungen ent¬ 
sprechende Milch wird stellenweise (bei knappem Futter z. B.) nicht 
anders zu gewinnen sein, als dass bei dem vereinbarten Lieferungs¬ 
preise noch Geld zugegeben werden muss; denn die Haltung des 
notwendigen, reichlichen und gewissenhaften Personals wird sehr 
teuer. Das ist der eine Punkt. Der zweite Punkt ist der, dass 
gesunde Rassetiere eingestellt bezw. gezüchtet werden müssen für 
die Produktion von Milch, welche nicht, wie im Rheinlande die 
Niederungskühe, eine dünne Milch, sondern hoch konzentrierte fett¬ 
reiche Milch geben. Das wird der Milchhändler nicht tun. Die 
Gemeinde soll dies aber tun, wenn sie überhaupt der ganzen Frage 
näher treten will, und sie kann es auch, weil sie nichts an der Milch 
zu verdienen braucht, sondern gelegentlich Geld dabei zugeben darf. 

Wenn durch ein gut geschultes sauberes, und sauber arbeitendes 
Personal eine Milch gewonuen wird von einem gesunden, gereinigten 
Tier, in einem reinen Stalle, ohne Staub, und wenn man dem Tiere 
eine Schürze umhängt, so dass der etwa der Haut noch anbängende 
Schmutz nicht in die Milch hineinfallen kann, dann ist dieselbe 
ausserordentlich keimarm, so keimarm, dass man sie dann durch 
einfaches Kalthalten, durch Abkühlen auf 4—5° Celsius 24 Stunden 
und länger erhalten kann. Nur höchstens in den heissesten Sommer¬ 
monaten hat man es nötig, die Milch eine Stunde lang auf 50—60° 


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zu erhitzen und danach stark abzukühlen, um sie genügend keimarm 
zu halten; ist sie ferner sehr fettreich ermolken, dann braucht sie 
nur mit abgekochtem und danach wieder abgekühltem Zuckerwasser 
verdünnt zu werden; und dann bekommt der Säugling eine den 
natürlichen Verhältnissen am nächsten kommende Nahrung, wenn 
sie auch noch eine geringe Menge von Keimen enthält; die Schädi¬ 
gungen aber, welche das Sterilisieren und Pasteurisieren mit sich 
bringt, sind dann vermieden; und eine wirkliche Sterilisation bekommt 
man nur dann, wenn man die Milch derartig erhitzt, dass sie in 
gewisser Weise völlig zersetzt ist. 

Dr. Gram er-Bonn. Seit Jahren besteht hier ein Verein 
wohltätiger Damen, der cs sich zur Aufgabe macht, arme Wöchne¬ 
rinnen materiell zu unterstützen, und der zur Aushilfe im Haushalt 
und zur Pflege von Mutter und Kind eine Anzahl Wochenpflegerinnen 
beschäftigt. Zwei Schwierigkeiten sind es, an denen diese an sich 
äusserst segensreiche Einrichtung krankt. Diese Pflegerinnen sind 
nicht geschult und vor allem nicht in den grundlegenden Anschauungen 
über Säuglingsernährung unterrichtet. Es ist zweifellos, dass wir 
gerade durch diese in der Armenpraxis tätigen Wochenpflegerinnen 
einen bedeutenden Einfluss auf die Säuglingsfürsorge gewinnen 
könnten. Die vielbeschäftigte Armen-IIebarame kann sich nicht 
eingehend um die Pflege der Kinder kümmern, abgesehen davon, 
dass ihr das Verständnis dafür fehlt. Es wäre dringend wünschens¬ 
wert, wenn dafür Pflegerinnen mit bestimmter Schulung und Aus¬ 
bildung eintreten könnten. Wir brauchen eine staatliche 
Organisation der Wochen- und Kinderpflegerinnen. Die 
zweite Schwierigkeit ist die Geldfrage. Die Mittel der privaten 
Wohltätigkeit reichen für diese Wöchnerinnenfürsorge nicht aus. 
Die Kommune hat für diesen Zweck bereits Zuschüsse gewährt. 
Doch wäre es sehr notwendig, dass diese Unterstützungen noch 
reichlicher flössen, so dass vielleicht aus diesen Anfängen sich 
schliesslich eine kommunale Institution herausbildet. 

Oberbürgermeister Piecq-M.-Gladbach. Herr Professor Hage- 
mann hat auf den schwierigsten Punkt aufmerksam gemacht in der 
ganzen Frage, nämlich den, wo bekommt man gute Milch; uud das 
zu beantworten ist ausserordentlich schwer, w'enn man bedenkt, dass 
in den verschiedenen Ställen keine Sauberkeit herrscht, nicht zu 
reden von der Sauberkeit, dass man mit Schürzen einwickelt. In 
wie viele Ställe kommt man hinein, wo statt auf reinlicher Unter- 
läge die armen Kühe im Dünger liegen oder sogar mit dem Euter 
darin liegen. Wenn nun die Zeit zum Melken da ist, wird darauf 
nicht geachtet. Mag man nun sterilisieren oder nicht, eine solche 


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Milch ist nichts wert. Es muss darauf geachtet werden, dass io 
die Städte gute Milch geliefert wird statt verschmutzter Milch; 
erst dann kann das weitere Verfahren der Sterilisierung etwas 
helfen. In M.-Gladbach haben wir zuerst solche Milchktichen, wie 
die hier erwähnten, eingerichtet. Der Herr Prof. Hagemann scheint 
tiberseben zu haben, dass entsprechend dem Gesundheitszustände 
der Kinder, überhaupt dem Alter der Kinder, ganz verschiedene 
Präparate bereitet werden, ferner, dass auch der Milch kein Wasser 
zugesetzt wird, wie wir es machen. 

Eine zweite Schwierigkeit, die sich der Säuglingsernährung 
hindernd in den Weg stellt, entsteht in den Häusern, in denen die 
Säuglinge sich befiuden. Sie können mit Engelszungen reden, 
dann bringen sie es nicht fertig, dass das Fläschchen nicht trotz¬ 
dem verunreinigt wird. Es ist mit Recht betont worden, das& 
Milchktichen in Verbindung mit Ärzten eingerichtet werden sollen, 
denn in die Häuser kommt nicht jeden Tag ein Arzt herein. Ein 
weiteres Übel, das die grösste Gefahr mit sich bringt, ist der 
Schlauch. Die allergrösste Schwierigkeit besteht darin, dass die 
Leute die Milchflasche an ungeeignete Orte, sogar neben den heissen 
Herd stellen. 

Gegenüber solchen Missständen kann nur die Damenwelt 
helfend eingreifen. Es ist dies eine wichtige Aufgabe im Hinblick 
auf die Annen und Weisen. Jedes Kind müsste einer Dame unter¬ 
stellt werden. 

Mit geringen Kosten wird man bei der Milchlieferungsanstalt 
nicht auskommen. Wenn sie etwas erreichen wollen, müssen sie 
das machen wie wir in M.-Gladbach, den Säuglingen mit Fuhrwerk 
die Milch ins Haus fahren. Wir fahren mit zwei Fuhrwerken. 
Was spielt der Kostenpunkt eine Rolle, wenn wir die Kinder durch 
eine richtige Ernährung erhalten, soweit sie nicht durch die Brust 
erhalten werden können? Was erreichen wir für den Arbeiter, 
wenn wir ihm sein Kapital erhalten, Kinder aber sind das Kapital 
der arbeitenden Klasse. Ich stehe auf dem Standpunkte in allen 
Fragen der Fürsorge, man sollte nicht so ängstlich sein, alles Gute 
wird belohnt. 

Dr. Htitzer-Cöln: Ich habe ums Wort gebeten, mit Rück¬ 
sicht auf die Bemerkung des Herrn Bürgermeisters Brugger, dass 
Ärzte aus Furcht vor materieller Schädigung sich gegen Mütter¬ 
beratungsstellen ausgesprochen hätten. Wenn auch Herr Kollege 
Selter hierauf bereits geantwortet hat, so halte ich mich doch als 
Vorstandsmitglied des Allgemeinen ärztlichen Vereins in Cöln für 
verpflichtet, die Bemerkung des Herrn Brugger richtig zu stellen, 
da er unzweifelhaft mit seiner Äusserung einen Beschluss des All- 


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gemeinen ärztlichen Vereins gemeint hat. Der Allgemeine ärztliche 
Verein hat sich durchaus nicht aus der Befürchtung der Schädigung 
der wirtschaftlichen Verhältnisse gegen die Errichtung von Mütter¬ 
beratungsstellen ausgesprochen, sondern einzig und allein, weil wir 
der Ansicht sind, dass beratender und behandelnder Arzt ein und 
dieselbe Person sein müssen, und dass der Zweck der durch die 
Mütterberatungsstellen erreicht werden soll, nicht erreicht wird. 

Prof. Dr. Wesen er-Aachen: Auch die Stadt Aachen ist der 
Frage der Säuglingsernährung und der Bekämpfung der Säuglings¬ 
sterblichkeit durch Einrichtung einer städtischen Milchversorgungs¬ 
anstalt näher getreten. Diese Anstalt ist in diesem Sommer ins 
Leben gerufen worden; ihr Prinzip ist in gewisser Beziehung etwas 
anders wie das durch Herrn Kollegen Siegert geschilderte. Zu¬ 
nächst beabsichtigt die Stadt, die Milch selbst zu produzieren; sie 
besitzt eine Reihe von Gütern und baut auf einem derselben einen 
Musterstall, um von da aus die Milchbereitung für die Säuglinge 
vorzunebraen. Die Stadtverwaltung hat sich dann mit dem Ärzte¬ 
verein ins Einvernehmen gesetzt, welcher ebenfalls auf dem Stand¬ 
punkte steht, dass eine Verabreichung von Säuglingsmilch ohne 
ärztliche Kontrolle nichts nützt. Wie ist die ärztliche Kontrolle 
nun einzurichten? Auch die Ärzte von Aachen haben sich grade 
wie die von Cöln gegen eine zentralisierte Beratungsstelle aus¬ 
gesprochen, indem sie der Meinung sind, dass dadurch im Grunde 
nur eine neue Poliklinik geschaffen werde. Die Aachener Ärzte¬ 
schaft vertrat deshalb den Standpunkt, dass es sich empfehle, dass 
die behandelnden Ärzte auch die Beratung und Kontrolle aus- 
tibten; das wären also für die Armen die Armenärzte. Diese müssten 
dann die Verpflichtung übernehmen, die Säuglinge, welche Milch 
erhalten sollen, in der Sprechstunde zu untersuchen, fortlaufend 
hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes, Entwicklung etc. durch 
Wägungen usw. zu kontrollieren und danach die Verordnung der 
diversen Säuglingsmilcharten einzurichten. Um das durchzuführen 
wird die Milch nur verabfolgt, wenn eine jedesmalige neue Be¬ 
scheinigung des behandelnden Arztes vorliegt, die nur für acht Tage 
Gültigkeit hat. 

Um dann weiter festzustellen, ob die betreffenden Kinder die 
Milch richtig erhalten und zu Hause zweckmässig verpflegt werden, 
ist die Stadt Aachen ferner dazu tibergegangen, eine Kontrolle in 
den Wohnungen der Säuglinge einzurichten, und hat zu diesem Behufe 
eine weibliche Person als Pflegerin angestellt, welche sich in die 
Wohnungen der betreffenden Leute begibt und wegen der Behandlung 
und Darreichung der Milch Anweisungen erteilt, ausserdem aber 
sich überzeugt, ob die Säuglinge gut und reinlich gehalten werden. 


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Diese Frau ist vorher auf der Säuglingsabteilung des städtischen 
Krankenhauses ausgebildet worden, soll jedoch noch fortlaufend 
wöchentlich zweimal bei uns Unterricht erhalten. Diese Einrichtung 
hat den Zweck, die Tätigkeit der Armenärzte in den Wohnungen 
zu unterstützen. 

Medizinalrat Dr. W ex*Düren: Ich will nur eine ganz kurze 
Bemerkung machen zu den Ausführungen des Herrn Oberbürger¬ 
meisters Piecq, der mit vollem Recht auf die Verschlechterung der 
Milch hingewiesen hat, welche diese in den Häusern erfährt. Auch 
wir in Düren haben diese Erfahrung gemacht, dass die in trink¬ 
fertigen Einzelportionen gelieferte Milch in den Wohnungen der 
Leute in ganz unzweckmässiger Weise behandelt wird. Dem kann 
nur durch eine beständige Kontrolle und Unterweisung begegnet 
werden. Bei uns wird jede Geburt in einer ärmeren Familie vom 
Standesamt der betreffenden Armenpflegerin gemeldet. Diese ver¬ 
teilt die ihr zugehenden Meldungen unter die Aufsichtsdamen ihres 
Bezirks. Die Aufsichtsdame besucht die Wöchnerin etwa alle 
2—3 Tage und dringt in erster Linie darauf, dass die Mutter ihr 
Kind selbst stillt; wo dies nicht möglich ist, veranlasst sie die 
Lieferung von sterilisierter Milch in trinkfertigen Einzelportionen, 
die indes kostenfrei nur verabfolgt wird gegen eine Bescheinigung 
des Armenarztes, dass die Frau zum Selbststillen unfähig ist. So¬ 
dann erteilt die Aufsichtsdame der Mutter die nötige Belehrung 
hinsichtlich der Ernährung des Säuglings und kontrolliert die Art 
der Aufbewahrung und Verabreichung der Milch. Auch versammelt 
der Arzt des Wöchnerinnen-Asyls die Mütter an Sonntagnachmittagen 
und hält ihnen kurze belehrende Vorträge über Pflege und Ernährung 
ihrer Säuglinge und über die Behandlung der Milch. Diese Vor¬ 
träge werden regelmässig gut besucht. Diese Massnahmen haben 
bei uus die Missstände erheblich herabgesetzt. 

Schlusswort. Prof. Sie gert- Cüln: Zunächst möchte ich 
Herrn Prof. Hagemann erwidern, dass vom Säugling Milch- 
verdünnungen, besonders anfangs, besser, nicht schlechter ausgenützt 
werden als unverdünnte Kuhmilch. Auf welche Versuchsreihen 
stützte er seine Angaben über das Gegenteil? Ferner gibt es eine 
Kuhmilch mit dem von ihm gewünschten Fettgehalt nicht, hier am 
Rhein nicht einmal 3 1 / 2 ,, / 0 Fett bei Weidegang. Deshalb ist Bie¬ 
der ts Prinzip das richtige. Was das Sterilisieren im Haus des 
Unbemittelten anlangt, so kann davon so wenig die Rede sein, wie 
von Kühlung auf Eis. Zu beidem fehlen ihm die Mittel. Gerade 
die Verschmutzung im Hause ist zu bekämpfen durch Lieferung 
sterilisierter Einzelportionen. Durchaus beistimmen kann ich Herrn 


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Prof. II., wenn er Musterställe für wertvoll hält. Aber nötiger war 
in Cöln zunächst die Milchküche. 

Herrn Oberbürgermeister Piecq sei wiederholt, dass meine 
Kostenberechnung voraussetzt das Vorhandensein von Lokal, Ver¬ 
fügbarkeit von Wasser, Elektrizität, Dampf und Eis ohne grössere 
Kosten durch Anschluss der Anlage an ein Schlachthaus, ein Kranken¬ 
haus, eine städt. Badeanstalt. Betreffs der Erklärung des Herrn 
Dr. Hützer stelle ich fest, das nur da eine Gegnerschaft 
gegen die Mutterberatung und Säuglings-Kontrolle durch 
Ärzte für entbehrlich gehalten werden kann als Vor¬ 
bedingung der normalen Versorgungsstelle für die Säuglingsmilch, 
wo eigene Erfahrung in dieser Frage fehlt. Es handelt 
sich dabei nur um Beratung der Mütter gesunder Säuglinge über 
Qualität und Quantität, wie Verwendung der verabfolgten Milch, um 
Kontrolle gesunder Säuglinge. Keine Mutter eines gesunden Kindes 
kann gezwungen werden zum Armenarzt zu gehen, auf den sie nur 
im Krankheitsfall angewiesen ist. Und ohne ärztliche Mit¬ 
arbeit ist eine Säuglingsmi 1 ch-Abgabe unter Umständen 
gefährlich, eine Kontrolle ihrer Wirkung ausgeschlossen. 
Gerade der Wettbewerb vieler gleichzeitig erscheinender Mütter 
und Pflegemütter fördert die Pflege und Ernährung ihrer Kinder 
in erfreulichster Weise. So sicher, wie alle Ärzte mit eigener, 
persönlicher Erfahrung auf diesem Gebiet einstimmig die ärztliche 
Mütterberatung und Säuglingskontrolle für unerlässlich halten, so 
sicher werden sich die Bedenken von diesen Fragen ferner stehenden 
Kollegen beseitigen lassen. Entgegen Herrn Medizinalrat Wex 
betone ich, dass überall die Lieferung sterilisierter Einz el- 
portionen das zu erstrebende Ideal bleiben muss. 

Schliessen möchte ich mit dem erneuten Wunsch, bald Ärzte 
und Laien vereint mit den Gemeinden tätig zu sehen im Kampf 
gegen die Säuglingssterblichkeit. 

Das Wort zu einer persönlichen Bemerkung erhielt Beigeordneter 
B rugger-Cöln: Wir haben die Einrichtung einer Mütterberatungsstelle 
mit dem Vorstand des ärztlichen Vereins besprochen, ich habe ver¬ 
sucht die Ansichten des Vorstandes zu widerlegen, welche darauf 
hinausgingen, dass die Einrichtung einer Mütterberatungsstelle des¬ 
halb überflüssig sei, weil die Behandlung bedürftiger Kinder 
durch die Armenärzte ausreichend gewährleistet sei. Es handelt 
sich aber bei der Mütterberatungsstelle nicht nur um Säuglinge 
armenrechtlich hilfsbedürftiger Eltern, auch nicht um kranke Kinder, 
sondern um gesunde Säuglinge wenig bemittelter Eltern, die durch 
sachverständige Beratung vor Erkrankung geschlitzt werden sollten. — 
Wir sind mit Rücksicht auf die Stimmung der ärztlichen Kreise 


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nicht weiter, zu der Einrichtung von Mütterberatungsstellen über¬ 
gegangen. Es dürfte indes die Zeit nicht fern sein, dass wir mit 
dem ärztlichen Verein zur Verständigung hierüber gelangen. 

Vorsitzender: Wir sind, wie sie schon aus dem lauten 
Beifall geschlossen haben werden, dem Herrn Vortragenden für 
seinen vorzüglichen Bericht und den anderen Herren für die Bei¬ 
träge, die sie in der Besprechung geliefert haben, herzlich dankbar. 
In den wichtigsten Punkten sind wir alle einig, wenn sich auch 
in den Einzelheiten nicht volles Einverständnis erzielen liess. Die 
Bemerkung des Herrn Oberbürgermeisters Piecq, dass es bei unseren 
Bestrebungen nicht auf das Geld ankommen dürfe, hat mir besonders 
zugesagt. So dürfen wir denn hoffen, bald auch praktisch weiter 
zu kommen. Vor dein nächsten Vortrag macht Herr Beigeordneter 
Baurat Schultze-Bonn noch Vorschläge über die Art, wie am 
besten die Besichtigungen nach dem Schluss der Versammlung 
vorzunehmen seien. 

Referat des Herrn Dr. Hützer: 

Über Walderliolungsstätteii und Waldschulen. 

Einleitend bemerkt Vortragender, dass die Zahl derjenigen, für 
die ein Aufenthalt in einer Heilstätte, einer Rekonvaleszenten-Anstalt 
zu erlangen gesucht wird, von Jahr zu Jahr wächst. Während im 
Jahre 1896 z. B. bei dem Verein zur Verpflegung Genesender in 
Cöln nur von 86 Personen Landaufenthaltsanträge gestellt wurden, 
betrug die Zahl derjenigen, die in den verschiedenen Stationen des 
Vereins im letzten Berichtsjahre Aufnahme fanden 955 und der 
Verein selbst schreibt in seinem letzten Berichte, dass er sowohl in 
bezug auf Arbeit als auch in bezug auf seine Mittel über seine 
Leistungsfähigkeit hinaus in Anspruch genommen werde. Die Zahl 
der Erholungsbedürftigen ist eine so grosse, dass die vorhandenen 
Heilstätten und Rekonvaleszenten-Anstalten sowie die Mittel zur Ge¬ 
währung von Landaufenthalt nicht hinreichen, allen gerecht zu 
werden. Mit Hülfe des Vereins vom roten Kreuz richteten die 
beiden Ärzte W. Becher und R. Lennhoff in den Berliner Wal¬ 
dungen Tages Sanatorien, sogenannte Walderholungsstätten, ein. 
Die erste dieser Stätten wurde im Jahre 1900 errichtet und im ver¬ 
gangenen Jahre bereits die siebente eröffnet, und zwar nicht bloss 
für Männer und Frauen, sondern auch für Kinder. In den Berliner 
Erholungsstätten wurden gewährt im Jahre 1900: 1211 Verpflegungs¬ 
tage, im Jahre 1904: 139877 Verpflegungstage. Der Stadt Berlin 
folgte in der Errichtung von Erholungsstätten zunächst Frankfurt. 
Das Berliner Beispiel wurde in vielen Städten nachgeahmt. Nach 


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den Mitteilungen des Kollegen Feis in Frankfurt bestehen Er¬ 
holungsstätten ausser in Berlin und Frankfurt, in Leipzig, Posen, 
Hannover, Kassel, Halle, Dessau, München, Karlsruhe, Stettin, Darm¬ 
stadt, Düsseldorf. In diesem Jahre sind hier im Rheinland Er¬ 
holungstätten errichtet worden, in M-.Gladbach, Elberfeld und 
Coblenz. 

Für die Walderholungsstätten ist erforderlich eine Döckersche 
Baracke mit Küche, Vorratskammer, Geschäfts- und Schlafräurae 
für das Personal sowie die sonstigen notwendigen Nebenräume. Anstatt 
einer Baracke hat man in vier Städten Dessau, Stettin, Karlsruhe 
und M.-Gladbach, direkt einen einfachen Fachwerkbau errichtet. 
Die Kosten dieses Baues belaufen sich auf ca. 5000 Mk. In 
M.-Gladbach hat man einen Doppel bau auf geführt, für Männer und 
Frauen. Die Kosten betragen 20000 Mk. An Personal ist 
für eine Walderholungsstätte notwendig eine aufsichtsführende Per¬ 
son, in der Regel eine Schwester, sowie eine Köchin mit einer Hülfs- 
kraft. Die Kosten der ersten Einrichtung sind durch Zuwendungen 
▼on Behörden und durch Sammlungen bestritten worden. Kollege 
Becher bringt in seinen Mitteilungen über Erholungsstätten einen 
detaillierten Kostenanschlag. Hiernach sind notwendig ca. 3000Mk. 
Bezüglich des Betriebes in den Erholungsstätten ist zu bemerken, 
dass die Kranken morgens in die Stätte kommen, dort bis zum Abend 
verbleiben und den Tag über verpflegt werden. 

Zur Aufnahme in die Erholungsstätten eignen sich die eigent¬ 
lichen Rekonvaleszenten nach schweren Krankheiten, Blutarme, Neura¬ 
stheniker, Herzkranke, Lungenkranke etc. Ausgeschlossen sind 
Lungenkranke, welche Fieber, starken Husten und Auswurf haben. 
Der Aufenthalt in der Erholungstätte für einen Kranken beträgt 
2—3 Wochen. Die erzielten Resultate sind durchaus günstige. Die- 
jenigen Ärzte, welche die Überwachung der Erholungsstätten über¬ 
nommen (eine ärztliche Behandlung in den Walderholungsstätten 
findet nicht statt), haben ausführliche Statistiken über die erzielten 
Resultate veröffentlicht. Ganz speziell bezüglich der Erfolge bei 
Tuberkulösen. 

Die Kosten des Betriebes sind verschieden: dieselben schwanken 
zwischen 0,30 Mk. und 1,40 Mk. Eine vollständige und ausreichende 
Verpflegung ist unter — ,80 Mk. bis 1,— Mk. nicht möglich. Die Be¬ 
triebskosten sind gedeckt einerseits durch Jahresbeiträge von seiten 
der Landesversicherungs-Anstalten und Gemeinden, andrerseits durch 
Einnahmen von seiten der Krankenkassen resp. der Kranken und 
der Armen-Verwaltung bei Armenkranken. Einzelne Stätten sind so 
geschickt verwaltet, dass sie sich selbst erhalten. Die Leistungen 
der Krankenkassen sind verschiedene. Einzelne bezahlen ausser dem 
Krankengeld noch die ganze Verpflegung, andere nur einen Teil 


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der Beköstigung, bei anderen wiederum finden Abzüge in ver¬ 
schiedener Höhe vom Krankengelde statt. Eine Verpflichtung der 
Krankenkasse zur Gewährung einer Kur in der Walderholungsstätte 
besteht nicht. Das Kassenmitglied hat keine gesetzlichen Ansprüche 
auf Überweisung in eine Heilstätte. Nach Ansicht Mugdans sind 
die Krankenkassen berechtigt, die Ausgaben, die durch Unterbringung 
in eine Waldcrholungsstätte erwachsen, nämlich die Kosten für 
Verpflegung und Fahrt, zu tragen. (Vortragender zeigt Abbildungen 
von Walderholungsstätten.) Während die Walderholungsstätten bis¬ 
her nur im Sommer geöffnet waren, hat mau im vergangenen Jahre 
in Berlin eine Stätte für den Winterbetrieb eingerichtet, nämlich die 
Luise Stuth-Erholungsstätte in Eichkamp mit einem festen Bau, 
dessen Kosten sich auf 16000 Mk. belaufen. 

Wie für Erwachsene, so hat man, wie bereits bemerkt, auch 
für Kinder Walderholungsstätten eingerichtet, und zwar in Berlin, 
Wien, Siegen und in Charlotten bürg. Die Kosten der Verpflegung 
in den Kindererholungsstätten betragen 0,50 Mk. pro Tag. 

Da die Kinder in den Walderholungsstätten des Schulunterrichtes 
entbehrten, was bei der langen Dauer der Verpflegung ihre Aus¬ 
bildung sehr beeinträchtigte, so kam man auf den Gedanken, für 
diese Kinder besondere Einrichtungen zu treffen, sog. Waldschulen 
einzurichten. Eine solche Waldschule ist seitens der Stadt Char¬ 
lottenburg im August 1904 eröffnet worden. Die Schule liegt nicht 
allzuweit von der Stadt an einem Walde und sind auf dem 3 Morgen 
grossen eingefriedigten Terrain errichtet: 

1. eine Schulbaracke, mit zwei geräumigen Klassenzimmern, 
2. eine Wirtschaftsbaracke mit den nötigen Räumen, 3. eine offene 
Liegehalle und 4. ein leichtes Holzgebäude mit Wasch- und Bade¬ 
räumen. 

Der Unterricht in dieser Schule wird von drei Lehrern und 
einer Lehrerin verrichtet und sind sechs Klassen mit je 20 Schülern 
gebildet. Zwei Klassen sind ständig beschäftigt, während die 
anderen Kinder spielen. Jedes Kind hat drei Stunden Unterricht. 
Im übrigen ist alles ganz genau wie in den Walderholungsstätten. 
Aufgenommen werden Kinder, die infolge ihres Gesundheitszustandes 
am regelmässigen Unterricht nicht mit Erfolg teilnehmen können, 
wie bleichsüchtige, skrofulöse, herzkranke Kinder usw. Aus¬ 
geschlossen sind selbstredend schwerkranke Kinder, die in die 
Kindererholungsstätten gehen, und solche Kinder, die an ansteckenden 
Krankheiten leiden. Die Anlage und Einrichtung der Waldschule 
erforderte 29625 Mk., die laufenden Ausgaben betrugen im 
Jahre 1904 9000 Mk. Den Ausgaben stehen für 1904 3000 Mk. 
Einnahmen entgegen, indem der Besuch der Waldschulen nicht un¬ 
entgeltlich ist. Für die Verpflegung werden 0,50 Mk. erhoben. In 


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diesem Frühjahr hat die Stadt Charlottenburg infolge der sehr 
günstigen Resultate eine zweite Waldschule eingerichtet. Dem Bei¬ 
spiel Charlottenburgs folgte mit Beginn dieses Sommers Dresden. 
Pädagogen sowohl wie Arzte sprechen sich durchaus günstig über 
die Waldschulen aus, ebenfalls das Preussische Kultus-Ministerium 
in dem Septemberheft des Zentralblattes der gesamten Unterrichts- 
Verwaltung. ln dem genannten Blatte heisst es am Schlüsse des 
Berichtes: „Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Wald¬ 
schule in sanitärer Beziehung bereits mit ihrem ersten Versuche von 
drei Monaten einen ausserordentlichen Nutzen für die kranken und 
siechen Kinder gestiftet hat. In pädagogischer Hinsicht hat die 
Waldschule ebenfalls trotz der kurzen Dauer und des beschränkten 
Unterrichts sich als eine segensreiche Einrichtung bewährt. Stadt¬ 
schulrat Dr. Neu fort schreibt im 14. Jahrgang des Jahrbuches für 
Volks- und Jugendspiele.“ Jn pädagogischer Hinsicht haben wir 
alle Ursache, mit dem Erfolg der Waldschulen zufrieden zu seiu. 
Auf das Betragen der Kinder hat der Aufenthalt in der Waldschule 
günstigen Einfluss gehabt, besonders in bezug auf Ordnung, Sauber¬ 
keit und Pünktlichkeit sowie zur Verträglichkeit untereinander wurden 
die Kinder erzogen. Aus dem Berichte über die Klassenleistungen 
der ehemaligen Waldschüler geht deutlich hervor, dass das pädago¬ 
gische Ziel, das der Waldschule bei ihrer Gründung gesteckt wurde, 
erreichbar, 1 ist und von dem weitaus grössten Teil der Kinder 
auch erreicht wurde. 

An der Erörterung beteiligen sich Oberbürgermeister Piecq 
M.-Gladdbach: Bezüglich der von uns eingerichteten Walderholungs¬ 
stätte bemerke ich, dass wir von den Döckerschen Baracken ab¬ 
gesehen haben. Im allgemeinen sind sie sehr teuer, auch wenig 
luftdicht, Erfahrungen darüber, ob sie lange halten, sind nicht ge¬ 
macht worden. Pie eingerichteten Stätten sind so angelegt, dass 
durch das Haus eiue geschlossene Wand geht, welche dasselbe in 
zwei Teile teilt, für Männer und Frauen; auf jeder Seite können 
100 Personen speisen. Die Anstalt existiert im ersten Jahre Was 
die Besucherzahl anlangt, so hatten wir auf beiden Seiten ein Höclist- 
zahl von 70 Personen. Nachher hat der Besuch abgenommen und 
vor wenigen Tagen ist die Heilstätte mangels Besuches geschlossen 
worden, 

Eine grosse Erleichterung für den Betrieb dieser Wald¬ 
erholungsstätte besteht darin, dass sie an eine Lungenheilstätte an¬ 
geschlossen ist, was insofern gut ist, als die Speisen von dort her 
in einem Speisewagen der Erholungsstätte zugeführt werden können. 
Wir haben in der letzteren nur eine kleine Küche. Wenn man daher 
eine Walderholungsstätte einrichten will, dann kann ich behufs der 


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Verringerung der Kosten und behufs Verbesserung nur raten, sie mit 
irgend einer anderen Anstalt, die möglichst im Walde liegt, zu 
verbinden. 

Wir haben uns prinzipiell entschlossen im nächsten Jahre auch 
eine Waldschule auf demselben Terrain zu errichten und uns das 
Ganze so gedacht, dass die Kinder etwa zwei Monate in derselben 
verbleiben sollen. Einer grösseren Anzahl Kinder kann man dann 
einen Lehrer anreihen. Für jede einzelne Klasse einen Lehrer zu 
stellen geht nicht an. Es werden vielleicht 60 Kinder unter einer Lehr¬ 
person vereinigt werden und dementsprechend unterrichtet werden. 
Alle pädagogischen Bedenken müssen hierbei unbedingt verschwinden- 
Wenn man nun die Sache so einrichtet, dass die Erholungszeit 
immer zwei Monate umfasst, also je eine Serie von Kindern für zwei 
Monate Aufnahme findet, dann können im Jahre 4 Abteilungen zur 
Erholung gelangen. Der Unterhaltssatz pro Tag beträgt 50 Pfg. 
Wer bezahlt das? Die Kinder der Armen haben nichts, aber auch 
die Kinder der anderen Leute bezahlen erfahrungsgemäss manchmal 
nichts; aber Schwierigkeiten werden uns nicht hindern. 

Geheimrat Dr. Lent-Cöln: Eine Einrichtung, welche nur für 
einige Monate im Jahre besteht, hat immer mit grossen Schwierig¬ 
keiten zu kämpfen, und es wäre eine grosse Erleichterung, wenn 
man sie an bestehende ständige Einrichtungen anschliessen könnte. 
Ich erlaube mir daher darauf aufmerksam zu machen, dass Ge¬ 
nesungshäuser, welche je ein notwendiges Glied im System unserer 
Krankenhäuser sein müssen, sich hierfür besonders eignen werden. 
Diese Genesungshäuser sind nun für die Krankenanstalt und für die 
Kranken selbst eine grosse Wohltat. Wenn die Genesenden nicht 
in den Betten liegen, dann stören sie den Krankenhausbetrieb, und 
für diese Kranken selbst wäre es wieder ein sehr grosser Gewinn, 
wenn sie in ein Genesungshaus übergeführt würden, welches in 

günstiger Lage liegt. Im Jahre 1888 wurden von seiten des 

deutschen Vereins für Gesundheitspflege in Strassburg hierzu An¬ 

regung gegeben. Wenn die Städte nun ihre Genesungshäuser an 
Plätzen mit günstigen Verhältnissen (Wald in der Nähe), hinsetzen 
würden, dann ist die Errichtung der Walderholungsstätte sehr gut 
zu machen. Es fallen dann die Schwierigkeiten mit der Verpflegung 
ganz fort. Bei der Anlage solcher Häuser im Walde selbst, kommt 
man oft mit den Forstverwaltungen in Schwierigkeiten, indem dann 
gesagt wird: „Hier dürft Ihr keinen Herd bauen, weil dies zu ge¬ 
fährlich ist für den Wald.“ Legt man aber Genesungshäuser in 
der Nähe des Waldes an, wird die Sache viel besser sein. Ich 

glaube, dass man diese Frage mal auf die Tagesordnung unserer 
Versammlungen setze. 


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Der Vorsitzende dankt dem Vortragenden Hützer für seinen 
lichtvollen Bericht, erinnert noch einmal an die Besichtigungen und 
schliesst mit Dankesworten an die Zuhörerschaft die Versammlung. 


Kleine Mitteilungen. 


Über den Wert von Bebauungsplänen für kleinere Städte 

handelt ein Aufsatz von Prof. Franz (Charlottenburg) im Tech¬ 
nischen Gemeindeblatt (20. Septbr. 1905). Der Verfasser hebt 
die Nachteile einer allzu grossen Ausdehnung des festgesetzten 
Bebauungsplanes mit Recht hervor. Es klingt wie eine Art von 
Überhebung, wenn eine Stadtverwaltung auf viele Jahrzehnte hinaus 
den folgenden Generationen vorschreiben will, wie sie ihre Stadt 
bauen sollen. Zwar muss auch die Erweiterung einer kleineren, 
langsam wachsenden Stadt planmässig erfolgen; aber es ist eine 
Übertreibung, wenn eine Stadt, in der jährlich 50 Neubauten errichtet 
werden, ein neues Strassennetz von 50 Kilometer Länge gesetzlich 
festlegt. Weit besser ist es, möglichst grosse Teile des Erweiterungs¬ 
gebietes ins Eigentum der Gemeinde zu bringen, so dass diese 
freie Hand in ihrer Entwickelung hat und nach dem klar überseh¬ 
baren Bedürfnis schrittweise Vorgehen kann. Freilich, ohne Bebauungs¬ 
plan geht auch das nicht. Der Verf. tadelt ferner, dass die vor¬ 
zeitige Festsetzung von Bebauungsplänen die Bodenspekulation in 
schädlicher Weise anrege und die Preise des Baulandes unnötig 
steigere; ob hierin der Verf. nicht zu weit geht, sei dahingestellt. 
Die zielbewussteste Bodenspekulation setzt ein, bevor ein Bebauungs¬ 
plan besteht; oft auch wird sie durch die Festsetzung von Baulinien 
zwangsweise auf den Weg geleitet, auf welchem allein sie sich 
nützlich erweisen kann, nämlich auf die Bereitstellung fertigen 
Baulandes. „Ohne einen Plan“, so schliesst der Verf., „kann man 
auch keine Kleinstadt erweitern; es ist aber oftmals besser, diesen 
nicht mit Pauken und Trompeten zu begleiten.“ Das ist wohl so 
zu verstehen, dass man einen Bebauungsplan zwar in grösserem 
Umfang entwerfen, aber nur in kleinerem Umfang förmlich fest¬ 
stellen soll: zweifellos eine richtige und weise Massregel. Aber 
diese Massregel hat nicht bloss Wert für „kleinere“ Städte, sondern 
auch für grosse. Die Grösse, d. h. die Einwohnerzahl der Stadt r 
ist überhaupt nicht das entscheidende. Sondern wesentlich für den 
Umfang sowohl des zu entwerfenden, als des festzustellendenBebauungs- 


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planes ist das herrschende Baubedürfnis, das in einer kleineren 
Stadt gross, in einer grossen Stadt klein sein kann. Unter Umständen, 
wenn nämlich nur einige wenige Neu- und Umbauten jährlich 
stattfinden, bedarf es eines Baulinienplanes überhaupt nicht, weder 
für alte noch für neue Strassen; es genügt vielmehr die Flucht- 
linienbestimmung von Fall zu Fall. Ist aber die Bautätigkeit eine 
lebhafte, die Bevölkerungszunahme eine bedeutende, so ist die 
förmliche Festsetzung eines Bebauungsplanes für das voraus¬ 
sichtliche Bedürfnis mehrerer Jahre eine unbedingte Notwendigkeit, 
wenn man vor Überraschungen und Fehlern einigermasssen gesichert 
sein will. Die Entwcrfung des Stadtbauplanes hat sich aber 
auf eine weit grössere Zukunft, also auf ein unter Umständen sehr 
beträchtliches Erweiterungsgelände zu erstrecken, will man sicher 
sein, dass die förmlich festgestellten Teile geeignet sind, zu einem 
organischen Ganzen sieh auszuwachsen. Die nur entworfenen, und 
zwar nach sorgfältiger Überlegung auf Grund wirtschaftlicher, gesund¬ 
heitlicher und künstlerischer Gesichtspunkte entworfenen, weiteren 
Teile des Bebauungsplanes brauchen dann erst nach Massgabe des 
Baubedürfnisses, selbstredend diesem voraufschreiteud, förmlich 
festgestellt zu werden, nachdem eine erneute Prüfung ergeben hat, 
dass die dem Entwurf zugrunde liegenden Annahmen sich als richtig 
erwiesen haben. Ist letzteres nicht der Fall, sind vielmehr neue 
Bedürfnisse, neue Gesichtspunkte, veränderte Anforderungen des 
Verkehres und der Bauweise hervorgetreten, so ist es leicht, den 
durchdachten Plan den Anforderungen und Anschauungen der Gegen¬ 
wart gebührend anzupassen. Denn ein Bebauungsplan, selbst ein 
förmlich festgesetzter, erst recht aber ein bloss entworfener ist nicht 
eher unabänderlich, als bis er in die Wirklichkeit übergeführt ist. 

J. Stübben. 


Ober Heizung und Lüftung der Schulräume enthält lesens¬ 
werte Aufsätze von Ing. Ludwig Dietz und Dr. F. Zollinger die 
Vierteljahrsschrift „Das Schulzimmer“, Charlottenburg 1905 Nr. 4. 

J. St. 


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Literaturbericht. 


Grunau, Über Frequenz, Heilerfolge und Sterblichkeit in den 
öffentlichen preussischen Irrenanstalten von 1875—1900. 

Bekanntlich werden in Preussen seit dem 1. Januar 1875 an 
allen öffentlichen und privaten Irrenanstalten für alle damals vor¬ 
handenen und seitdem aufgenommenen Geisteskranken Zählkarten 
nach einem bestimmten Schema ausgefüllt, die alljährlich an das 
statistische Amt in Berlin gehen und von diesem in dreijährigen 
Abschnitten veröffentlicht werden. Es ist das Verdienst der vor¬ 
liegenden Arbeit, dieses Zahlenmaterial für die Zeit von 1875 bis 
1900 zusammengestellt, nach verschiedenen Richtungen hin be¬ 
arbeitet und damit auch für die weitere Öffentlichkeit nutzbringend 
gemacht zu haben, 

Der Hauptwert dieser Statistik liegt natürlich darin, zur Lö¬ 
sung allgemeiner Fragen beizutragen, da zur Beantwortung spe¬ 
ziellerer Fragen die Fassung der Zählkarten zu allgemein ist. 

Was zunächst die Frequenz anlangt, so gab es 
1875 öffentliche Anstalten 46 mit 14 512 Verpflegungsfällen, 
private „ 72 „ 4 249 „ 

zusammen 118 mit 18 761 „ 

1900 öffentliche Anstalten 104 mit 58 554 Verpflegungsfällen, 

private „ 144 „ 17 782 „ 

zusammen 248 mit 76 348 „ 

Die Zahl der Anstalten hat sich also seit 1875 mehr als verdoppelt, 
die der Verpflegungsfälle mehr als vervierfacht. 

1875 kamen bei 26 Mill. Einw. 1 Verpflegter auf 1386 Seelen 

1900 „ „ 34V,» „ 1 * „ 452 „ 

Verf. warnt nun aber mit Recht davor, aus diesen Zahlen sogleich 
auf eine allgemeine Steigerung der Zahl der Geisteskranken im 
Verhältnis zur Bevölkerung und auf eine dadurch bewiesene fort¬ 
schreitende allgemeine geistige Degeneration zu schliessen. Für die 
Vermehrung der Verpflegungsfälle in den Anstalten fallen nämlich 
noch eine Reihe Momente wesentlich mit ins Gewicht. Dahin sind 
z. B. zu rechnen: die zunehmende Sorgfalt bei der Zählung der 
Geisteskranken unter Mitwirkung sachverständiger Ärzte, der Fort¬ 
fall langwieriger Aufnahmeformalitäten, die Vermehrung der An¬ 
stalten und die dadurch bedingte vermehrte Aufnahmefähigkeit, 
die durch die veränderten Behandlungsmethoden erzielten besseren 


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80 


Heilerfolge und das vermehrte Vertrauen der Bevölkerung zu den 
Anstalten, wodurch verhältnismässig viel mehr Kranke den An¬ 
stalten zugeführt werden. Auch hat das Bestreben, die Gefängnisse 
und Zuchthäuser von Geisteskranken möglichst zu befreien, zur 
Einrichtung von Irrenabteilungen an den Gefängnissen (in Preussen 
fünf) und damit wieder zu einer vermehrten Zuführung von Geistes¬ 
kranken in die Anstalten geführt. Die grösste Vermehrung hat 
allerdings wohl das Gesetz vom 11./7. 95 herbeigeführt, das ja den 
Landarmen-Verbänden die Sorge für die Unterbringung und Ver¬ 
pflegung der Geisteskranken auferlegt. 

Bezüglich der steigenden Aufnahraezahlen ist nun das Eine 
zunächst auffällig, dass die Zahl der aufgenomraenen Männer die 
der Frauen bedeutend übersteigt — auf 100 Männer kommen 
87,22 Frauen —, obwohl das Verhältnis in der Bevölkerung gerade 
umgekehrt ist — auf 100 Männer 103 Frauen —. Mit Recht wohl 
nimmt Verf. als Ursache dafür die grösseren Aufregungen an, 
denen der Mann in seinem Berufs- und Erwerbsleben ausgesetzt 
ist, sowie nicht weniger den schädigenden Einfluss aller der Laster, 
denen der Mann mehr wie das Weib ergeben ist. Dieser Einfluss 
macht sich besonders geltend in der grossen Zahl der männlichen 
Paralytiker und Alkoholisten. 

Auffallend ist ferner die plötzliche Abnahme der Zahl der 
Alkoholdeliranten im Jahre 1888, wo nur 886 Aufnahmen wegen 
Del. tremens erfolgten, während z. B. das Jahr 1886 deren 1460 
zählte. Höchst wahrscheinlich kommt darin der Einfluss des Brannt¬ 
weinsteuergesetzes vom 1. Oktober 1887 zum Ausdruck, da der 
Schnaps dadurch teurer geworden und weniger getrunken wurde. 
Für die letzten Jahre hat auch wohl der wachsende Einfluss der 
Abstinenzbestrebungen die Zahl der Alkoholisten gegen die früheren 
Jahre vermindert. 

In bezug auf die Heilerfolge herrschen in den verschiedenen 
Jahren wesentliche Differenzen, eine Statistik liefert hier wohl am 
wenigsten vergleichbare Zahlen, da bei der Beurteilung der Heil¬ 
erfolge — ob geheilt, gebessert oder ungeheilt — doch zu grosse 
individuelle Faktoren bei den einzelnen Anstalten und Anstalts¬ 
ärzten mitspielen. Im allgemeinen ist aus der vorliegenden Sta¬ 
tistik die Tendenz zu entnehmen, die Erfolge mit immer skepti¬ 
scheren Augen zu betrachten, so dass das letzte Jahr prozentualiter 
die geringsten Heilerfolge aufweist, nämlich 4,37 °/ 0 , während das 
Jahr 1882 mit 9,38 °/ 0 am höchsten steht. Dass die Zahl der Hei¬ 
lungen beim männlichen Geschlecht andauernd weit grösser ist als 
beim weiblichen, ist wohl wesentlich auf die grössere Zahl der am 
Delirium tremens Erkrankten beim männlichen Geschlecht zurück¬ 
zuführen. 


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81 


In den folgenden beiden Kapiteln behandelt Verf. die Sterb¬ 
lichkeit und die Todesursachen; die prozentuale Sterblichkeit ist 
in den letzten 13 Jahren um 3 °/ 0 geringer als in den ersten 13 
Berichtsjahren. 

Den Schluss des Buches bildet eine Vergleichung der einzelnen 
Anstalten in bezug auf die vorstehenden Gesichtspunkte, doch sind 
allgemein gültige Gesetze wohl kaum daraus abzuleiten, da die 
Anstalten in vielen Punkten doch zu verschieden voneinander sind, 
als dass sie sich ohne weiteres miteinander vergleichen lassen. 
Zustimmen kann man dem Verf. wohl in der Schlussfolgerung, 
dass der Gebrauch gewisser Narcotica die Sterblichkeit zu steigern 
scheint, während die weitere Behauptung, dass die Feldarbeit in 
vielen Anstalten, die den Kranken der Hitze sowie dem Wind und 
Wetter aussetze, die Sterblichkeit gleichfalls erhöhe, doch wohl nur 
mit Vorsicht zu verwerten ist; auf der andern Seite wirkt doch der 
beständige Aufenthalt in der frischen Luft und die Abhärtung sicher 
auch lebenerhaltend ein. Die Frage, ob reine Heilanstalten — wie von 
den einen — oder reine Pflegeanstalten — wie von den andern 
behauptet wird — grössere Sterblichkeit aufweisen, hat Verf. an 
der Hand der vorliegenden Statistik weder zu bejahen, noch zu 
verneinen vermocht, es scheinen vielmehr auch die andern Faktoren 
von ausschlaggebender Bedeutung zu sein. 

In vorliegendem Referat konnte nur ein kleiner Teil von all 
dem Interessanten angedeutet werden, das in der Grunauschen 
Schrift enthalten ist. Fuchs (Cöln). 

Jessen, Die Zahnpflege in der Schule vom Standpunkt des Arztes, 
des Schulmannes und des Verwaltungsbeamten. (Strassburg 1905. 
L. Beust.) 

Bei der erschreckenden Häufigkeit (78—99%) der Zahn¬ 
krankheiten bei Schulkindern und bei der Gefahr, welche diese für 
die eigene und der Mitschüler Gesundheit darstellen, muss die 
Zahnhygiene ein integrierender Bestandteil der Schulhygiene werden. 
Anatomie und Physiologie der Mundhöhle sind im naturwissenschaft¬ 
lichen Unterricht mit Hülfe geeigneter Wandtafeln zu lehren, in 
den Kleinkinderbewabranstalten ist die praktische Zahnpflege obli¬ 
gatorisch einzuführen, in den Volksschulen vom Lehrer regelmässig 
zu kontrollieren. Vom dritten Jahre ab ist jedes Gebiss mindestens 
zweimal jährlich ärztlich zu untersuchen. 

Das Schwergewicht legen Verf. auf die kostenlose Be¬ 
handlung in einer städtischen Schulzahnklinik. Eine solche be¬ 
steht schon in Strassburg seit mehreren Jahren; nach Vollendung 
des bereits genehmigten Neubaus wird sie eine Musteranstalt sein, 
wie die dem Bache beigegebenen Tafeln beweisen. Im Jahre 1904 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 6 


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82 


wurden in der Klinik behandelt 4967 Kinder mit 4822 Füllungen 
und 6536 Extraktionen. Bei der Auswahl der Ferienkolonisten 
werden nur die Kinder berücksichtigt, die ein gesundes Gebiss auf¬ 
weisen. Durch den Besuch der Klinik wird der Unterricht nicht 
gestört, im Gegenteil, es fehlen jetzt weniger Kinder wegen Zahn¬ 
schmerzen wie früher. 

Wenn auch das Buch sonst für den Schularzt wesentlich 
Neues nicht bietet, so ist es doch freudig zu begrüssen, dass es 
durch gemeinsame Arbeit des Arztes, Schulmannes und Verwaltungs¬ 
beamten entstanden ist, ein Zeichen des fortschreitenden Ver¬ 
ständnisses für die Wichtigkeit der Schulgesundheitspflege. 

jBermbach (Cöln). 

Müller, Die venerischen Krankheiten in der Garnison Metz. (Münch. 

Med. W. 1905, Nr. 42.) 

An der Hand der Statistik der Erkrankungen an Geschlechts¬ 
krankheiten der Garnison Metz sucht Müller den Wert der mikro¬ 
skopischen Untersuchung auf Gonokokken bei der Prostituierten¬ 
kontrolle nachzuweisen. In der Tat findet sich eine ganz auf¬ 
fallende Abnahme der Gonorrhoe vom Jahre 1897/98 an, wo die 
mikroskopische Sekretuntersuchung bei der Kontrolle eingeführt 
wurde. Dass nicht etwa eine Abnahme der Geschlechtskrankheiten 
überhaupt, hervorgerufen durch irgendwelche andere Ursache, der 
Grund dafür sein kann, geht aus der Tatsache hervor, dass 
die Zahl der Syphiliskranken in der betreffenden Zeit nicht ab¬ 
genommen hat. Zinsser (Cöln.) 


Verzeichnis der bei der Redaktion eingegangenen neuen 

Bücher etc. 

Abel, Prof. Gustav, Chemie in Küche und Haus. Mit Abb. im Text und 
1 Tafel. Leipzig 1905. B. G. Teubner. Preis 1,25 Mk. 

Bruxelles. Rapport Annuel. Demographie. Hygiene Salubrit£ publi¬ 
que. — Statistique medicale 1904. 

Caspari, Prof. Dr. 0., Die soziale Frage über die Freiheit der Ehe. 
Mit Berücksichtigung der Frauenbewegung vom philosophisch-histo¬ 
rischen Gesichtspunkt. 2. Aufl. Frankfurt a. M. J. D. Sauerländer. 
Preis 2,50 Mk. 

Emmerich, Prof. Dr. R., u. Dr. Friedr. Wolter, Die Entstehungsursachen 
der Gelsenkirchener Typhusepidemie von 1901. Mit Doppelkarte, 
Illustrationen, Kurven etc. München 1906. J. F. Lehmann. 
Falkenstein, San.-Rat Dr., Die Gicht an sich und in Beziehung zu den 
anderen Stoffwechselkrankheiten, der Zuckerkrankheit und Fettsucht. 
2. Aufl. Berlin 1905. E. Ebering. 


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83 


Gürich, Dr., Der Gelenkrheumatismus, sein tonsillarer Ursprung und seine 
tonsillare Heilung. Breslau 1905. Max Woywod. Preis 2 Mk. 

21. Jahresbericht über die Fortschritte und Leistungen auf dem Ge¬ 
biete der Hygiene. Jahrgang. 1903. Herausg. von Dr. A. Pfeiffer. 
Braunschweig 1905. Friedrich Vieweg & Sohn. Preis 13 Mk. 

Neter, Dr. Eugen, Mutterpflicht und Kindesrecht. Ein Mahnwort und 
Wegweiser. München, Verlag der Ärztlichen Rundschau (Otto Gmelin). 
Preis 1,20 Mk. 

Salomon, Dr. Hermann, Die städtische Abwässerbeseitigung in Deutsch¬ 
land. Wörterbuchartig angeordnete Nachrichten und Beschreibungen 
städtischer Kanalisations- und Kläranlagen in deutschen Wohnplätzen. 
(Abwässerlexikon.) l.Bd.: Das deutsche Maas-, Rhein- u. Donaugebiet 
umfassend, nebst einem Anhang: Abwässerbeseitigungsanlagen in 
grösseren Anstalten. Mit 40 Taf., 1 geogr. Karte u. 9 Abb. im Text. 
Jena 1906. Gustav Fischer. Preis 20 Mk. 

Schidlof, Dr. B., Die Ehe und ihr Einfluss auf Gesundheit und Lebens¬ 
dauer. 2. Aufl. Berlin, W. Reuter. Preis 1,50 Mk. 

Schreiber, Dr. Karl, Enteisenung bei Einzelbrunnen nach dem Ver¬ 
fahren der Firma Deseniss & Jacobi in Hamburg. 

— — Zur Beurteilung des Ozonverfahrens für die Sterilisation des Trink¬ 
wassers. Berlin 1905. L. Schumacher. 

-Bericht über Versuche an einer Versuchsanlage der Jewell Export 

Filter Compagnie. Berlin 1906. L. Schumacher, 
de Seigneux, Dr. R., Le Livre de la Sage-Femme, et de la Garde suivi 
de quelques mots sur leTraitement du Cancer de l’Utärus. Avec un 
Agenda obstätrical et 60 feuilles d’observations. Gen&ve 1905. H. Kündig. 
Spitta, Prof. Dr., und Dr. Weldert, Indikatoren für die Beurteilung 
biologisch gereinigter Abwässer. 

Thirty-Sixth Annual Report of the State Board of Health of Massachusetts. 

Boston 190T». Wright & Potter Printing Co. 

Weinberg, Dr. Wilh., Die Tuberkulose in Stuttgart 1873—1902. Er¬ 
gebnisse der Untersuchungen einer vom Stuttgarter ärzlichen Verein 
eingesetzten Kommission. Stuttgart 1906. Carl Grüninger. 
Zeitschrift für Infektionskrankheiten, parasitäre Krankheiten und 
Hygiene der Haustiere. Herausg. von Proff. DDr. R. Ostertag, E. Joest, 
K. Wolffhügel. l.Bd., 1. Heft. Berlin 1905. Rieh. Schoetz. Preis pro 
Band 20 Mk. 

NB. Die für die Leser des „Centralblattes für allgemeine Gesundheits¬ 
pflege“ interessanten Bücher werden seitens der Redaktion zur Besprechung 
an die Herren Mitarbeiter versandt und Referate darüber, soweit der be¬ 
schränkte Raum dieser Zeitschrift es gestattet, zum Abdruck gebracht. Eine 
Verpflichtung zur Besprechung oder Rücksendung nicht besprochener Werke 
wird in keinem Falle übernommen; es muss in Fällen, wo aus besonderen 
Gründen keine Besprechung erfolgt, die Aufnahme des ausführlichen Titels, 
Angabe des Umfanges, Verlegers und Preises an dieser Stelle den Herren 
Einsendern genügen. Die Verlagshandlung. 


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Tuberkulose und Familienstand. 

Von 

Dr. med. W. Weinberg in Stuttgart. 


Literatur. 

Com et, Die Tuberkulose. Wien 1899. — Elben, R., Die Tuberku¬ 
lose in Württemberg nach Alter und Beruf in den Jahren 1899—1901. 
Württembergisches Jahrbuch für Statistik und Landeskunde. Stuttgart 
1904. — Gerhardt, Über Eheschliessung Tuberkulöser. Zeitschr. f. Tuber¬ 
kulose u. Heilstätten wesen, Bd. I, 1900. — Jacob u. Pannwitz, Ent¬ 
stehung und Bekämpfung der Lungentuberkulose, Bd. I, Berlin 1901. — 
Kirchner, Die Gefahren der Eheschliessung Tuberkulöser und deren Ver¬ 
hütung u. Bekämpfung. Kongress zur Bekämpfung der Tuberkulose. Ber¬ 
lin 1899. — Prinzing, Die hohe Tuberkulosesterblichkeit des weiblichen 
Geschlechts im Alter der Gebärfähigkeit. Centralbl. f. allg. Gesundheitspfl. 
1904. — Weinberg u. Gastpar, Die bösartigen Neubildungen in Stutt¬ 
gart 1893—1902. I. Weinberg, Die Krebstoten. Zeitschr. f. Krebsforschung, 
Bd. II, S. 195—260. — Weinberg, Die Tuberkulose in Stuttgart 1873 bis 
1902. Mediz. Korrespondenzbl. des Württ. ärztl. Landesvereins 1906, Nr. 1 
und 2. — Westergaard, Die Lehre von der Morbidität und Mortalität. 
Jena 1901 


Der Einfluss der Ehe auf die Sterblichkeit im allgemeinen 
und auf die Sterblichkeit an Tuberkulose im besonderen lässt sich 
nur beim Mann rein erfassen. Bei der Frau wird die Wirkung der 
Ehe kompliziert durch den Einfluss der Geburten. Andererseits 
kommt bei dem Mann der Einfluss der Berufsschädlichkeiten häu¬ 
figer uud damit für den Durchschnitt stärker in Betracht als bei 
der Frau. Aus diesen Gründen können Vergleiche der Tuberkulose¬ 
sterblichkeit beider Geschlechter kein endgiltiges Ergebnis liefern. 

Aus der Arbeit von Prinzing und meinen Untersuchungen er¬ 
gibt sich folgender Vergleich bei den Geschlechtern nach der geo¬ 
graphischen Verteilung (s. S. 86). 

Demnach fällt das Maximum der Tuberkulosesterblichkeit bei 
den Frauen, mit Ausnahme von Preussen und Österreich, auf das 
Alter zwischen 20—40 Jahren, Österreich hat auch in diesem Alter 
ein zweites Maximum, während es beim Mann in den verschiedenen 
Ländern bald auf ein hohes, mittleres oder niederes Alter fällt. 
Diese Verschiedenheit dürfte wohl mit der verschiedenen Genauig¬ 
keit der Todesursachenstatistik und mit der verschiedenen Behand¬ 
lung der unsicheren Diagnosen zusammenfallen. Gerade in den 

Centralblau f. all*. Gesundheitspflege. XXV. Jahrp. 7 


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86 


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1893-1902 

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Schottland 

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England 


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Tabelle I. 

Auf je 10000 Lebende kamen Todesfälle an Tuberkulose: 
























87 


Ländern mit der zuverlässigeren Statistik — Schweiz, Italien, Eng¬ 
land, Schottland — liegt auch beim Manne das Maximum in einem 
niedrigen und mehrfach in demselben Lebensalter wie bei der Frau. 

Es muss bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen werden, 
dass die von Com et im Anschluss an die Untersuchungen von 
Lehman und Würzburg verbreitete Anschauung, wonach die Tuber¬ 
kulosesterblichkeit mit dem Alter steige, nicht für alle Länder 
richtig ist. Com et verlässt sich zu sehr auf die preussische 
Todesursachenstatistik, die nur teilweise auf ärztlicher Diagnose 
beruht und viele ungenaue standesamtliche Diagnosen mitzählt. Die 
grossen Unterschiede in der Tuberknlosesterblichkeit des höheren 
Alters in Stuttgart und Württemberg spricht ebenfalls für den grossen 
Einfluss ungenauerer Diagnose im höheren Alter bei der Statistik 
ganzer Länder. 

Die Untersuchungen von Prinzing ergaben, dass die Sterb¬ 
lichkeit der Frau an Tuberkulose im Alter der stärksten Fruchtbar¬ 
keit von derjenigen des Mannes weniger verschieden ist, als in 
späterem Alter, und sie teilweise sogar übersteigt. In der Stadt 
ist während der Periode der Fruchtbarkeit die Tuberkulosesterb¬ 
lichkeit der Frau, verglichen mit der des Mannes, relativ geringer 
als auf dem Lande, und wo die Tuberkulosesterblichkeit der Frau in 
diesem Alter die des Mannes tibertrifft, erscheint der Unterschied 
auf dem Lande grösser als in der Stadt. Diese Ergebnisse scheinen 
auf den Einfluss der Geburten hinzuweisen, der sich auf dem Lande 
mit seiner stärkeren Fruchtbarkeit begreiflicherweise stärker geltend 
machen muss. Allein das gefundene Verhältnis zwischen Stadt und 
Land ist keineswegs allgemein giltig — Prinzing selbst führt 
ein widersprechendes Beispiel in Schottland an — auch darf man es 
nicht lediglich auf die stärkere Fruchtbarkeit und die geringere 
Schonung im Wochenbett bei den Frauen auf dem Lande ztirück- 
führen. Auch in der Stadt geniessen viele Frauen keine genügende 
Schonung im Wochenbett — erst die Einführung der Wöchnerinnen¬ 
pflege hat hier einige Verbesserungen gebracht. Ob der Bauer seine 
Frau im Wochenbett weniger schont als der Arbeiter, ist immerhin 
fraglich. Die geringere Häufigkeit der Geburt lebender und lebens¬ 
fähiger Kinder in der Stadt wird durch die enorme Häufigkeit der 
Aborte, die vielfach krimineller Natur sind, in bezug auf ihre gesund¬ 
heitliche Wirkung so ziemlich ausgeglichen. Mindestens mit der¬ 
selben Berechtigung wie die genannten Momente kommt das längere 
Stillen auf dem Lande und vielleicht eine raschere Folge der Ge¬ 
burten zur Erklärung der relativen Häufigkeit der Tuberkulose bei 
den Frauen auf dem Lande in Betracht. 

Der Vergleich der Sterblichkeit an Tuberkulose in Stadt und 
Land bedarf jedoch wegen der Rückständigkeit der ländlichen 


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88 


Todesursachenstatistik immerhin eines Vorbehalts. Beim Vergleich 
der Sterblichkeitsziffern von Mann und Frau in Stadt und Land ist 
ausserdem zu bedenken, dass die verschiedene Berufsgefahr für den 
Mann in Stadt und Land auch auf das Verhältnis seiner Sterb¬ 
lichkeit zu derjenigen der Frau einwirken muss. Die geringere 
Häufigkeit der Tuberkulose des Mannes auf dem Lande muss die 
Sterblichkeit der Frau an Tuberkulose relativ hoch erscheinen 
lassen im Vergleich zur Stadt. 

Endlich darf nicht vergessen werden, dass ein Austausch der 
Ortsfremden in der amtlichen Statistik so gut wie nicht erfolgt: es 
stirbt allerdings eine Anzahl Landbewohner in städtischen Spitälern 
an Tuberkulose, die Zahl derjenigen Personen, welche die Tuber¬ 
kulose in der Stadt erwerben und bei ihren Verwandten auf dem 
Lande sterben, dürfte mindestens nicht geringer sein. Dieses Moment 
betrifft allerdings hauptsächlich ledige Personen, insbesondere Dienst¬ 
boten. 

Aus diesen verschiedenen Gründen ist es auch für das Studium 
des Einflusses der Geburten als ein Fortschritt zu begrtissen, dass 
die Untersuchung der Tuberkulosesterblichkeit nach dem Familien¬ 
stand möglich geworden ist. 

Die ersten Angaben über den Einfluss des Familienstandes 
auf die Tuberkulosesterblichkeit finden sich in der italienischen 
Statistik. Sie sind aber erst durch die Mitteilung Prinzings wei¬ 
teren Kreisen bekannt geworden. Die Angaben von Prinzing über 
den Einfluss des Familienstandes bei der Frau in Italien kann ich 
hier durch seine gütige Mitteilung bezüglich des Mannes vervoll¬ 
ständigen. 

Tabelle II. 

In Italien kamen 1896—1897 Todesfälle an Tuberkulose auf je 

10000 Lebende 


Alter 

männliche 

weibliche 

ledige 

i 

ver- | 
heiratete 

i 

ver¬ 

heiratet 

gewesene 

ledige 

ver¬ 

heiratete 

| ver¬ 
heiratet 
gewesene 

1 

15 — 19 Jahre j 

13,7 

13,6 

_ 

24,4 

16,7 

24,7 

20-29 

n 

27,8 

14,7 

34,2 

30,8 

24,2 

37.3 

30-39 

n 

28,2 

14,1 

37,9 

29,6 

20,8 

23,3 

40-49 

V 

22,4 

12,8 

25,3 

20,5 

15,3 

14,5 

50—59 


19,9 

12,5 

20,4 

14,7 

11,8 

11.6 

60-69 

» 

13,6 

12,1 

15,3 

12,8 

10,7 

10,5 

70-79 

n 

10,8 

12,1 

10,7 

13,7 

11,2 

10,7 

80-99 

V 

15,9 

6,1 

6,8 

10,0 

13,5 

6,8 


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89 


Diese Tabelle ergibt bis in ein ziemlich hohes Alter eine 
wesentliche Übersterblichkeit der Ledigen beider Geschlechter; von 
den verheiratet gewesenen weisen nur die Männer bis ins höhere 
Alter eine Übersterblichkeit auf, während diese bei der Frau schon 
nach dem vierzigsten Lebensjahre verschwunden ist. Die Sterblich¬ 
keit der Verheirateten an Tuberkulose erscheint also sehr günstig. 
Ähnliches haben verschiedene Untersuchungen über den Einfluss 
des Familienstandes auf die Allgemeinsterblichkeit (ohne Unterschei¬ 
dung der Todesursachen) ergeben. 

Dort wie hier darf man aber mindestens nicht den ganzen 
Unterschied auf Rechnung des günstigen Einflusses der Ehe setzen. 
Eine Reihe schwächlicher Personen kommt nicht zu Verheiratung. 
Es handelt sich also nicht unwesentlich um eine Ausleseerscheinung 
und dieselbe Auslese findet bei den verheiratet Gewesenen statt. 
Auch unter ihnen haben die Schwächlichen weniger Aussicht auf 
Wiederverheiratung. Bei den Witwern wirkt die Auslese stärker 
als bei den Witwen, denn von ersteren gelangt ein weit grösserer 
Prozentsatz zur Wiederverheiratung. 

Immerhin dürfte ein Teil des gefundenen Unterschieds in der 
Sterblichkeit der verschiedenen Familienstandskategorien auf die ge¬ 
ordneten Verhältnisse des ehelichen Lebens zurttekzuführen sein. 
Ein Vergleich der Tuberkulosesterblichkeit zwischen Mann und Frau 
ergibt eine hohe Sterblichkeit der verheirateten Frauen bis zum 
fünfzigsten Lebensjahr, also bis zum Ende der Fruchtbarkeitsperiode 
des Weibes. Ausserdem ist der Unterschied zwischen der Sterblich¬ 
keit der Ledigen und Verheirateten bei der Frau geringer als beim 
Mann, obgleich der Unterschied in der Berufsschädlichkeit zwischen 
Ledigen und Verheirateten bei der Frau grösser ist, als beim Mann, 
da sich Fabrikarbeiterinnen und Näherinnen hauptsächlich aus den 
Ledigen rekrutieren. Beides weist auf den stärkeren Einfluss der 
Geburten bei den Verheirateten hin. 

Die für Italien gefundenen Verhältnisse kommen jedoch nur 
durch einen Vergleich mit anderen Statistiken ins rechte Licht. 
Der Einfluss des Familienstandes liess sich zunächst auch für ein 
weiteres Land, nämlich Württemberg im Jahre 1899, berechnen. Es 
kamen Todesfälle an Tuberkulose auf je 10000 Lebende (Tab. III). 

Die württembergische Statistik bestätigt völlig den Einfluss der 
Auslese bei den Familienstandskategorien, auch hier zeigt er sich 
bei den ledigen Frauen geringer als bei den ledigen Männern, die 
Übersterblichkeit der Witwen erstreckt sich hier bis in das fünfte 
Lebensjahrzehnt. Die Übersterblichkeit bei den verheirateten Frauen 
im Vergleich mit den verheirateten Männern erstreckt sich hier nur 
bis zum dreissigsten, nicht wie in Italien bis zum fünfzigsten 
Lebensjahr. 


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90 


Tabelle III. 


Es kamen Todesfälle an Tuberkulose auf je 10000 Lebende 
in Württemberg 


Alter 


männliche 

I! 


weibliche 


ledige 

! 

ver¬ 

heiratete 

ver- !| 
heiratet j 
gewesene jj 

ledige 

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31,7 

60—69 „ 

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31,5 

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70-99 „ 

33,1 

37,1 

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12,2 

49,1 

36,7 


Dies hängt zum Teil damit zusammen, dass in Italien die 
Sterblichkeit der Frau an Tuberkulose überhaupt bis zum 60. Jahr 
grösser ist als beim Mann, während dies in Württemberg nur bis 
zum Ende des 25. Jahres der Fall ist. Dieser Unterschied ist 
seinerseits wieder bedingt durch die stärkere Vertretung industrieller 
Bevölkerung in Württemberg, welche die Sterblichkeit des Mannes 
an Tuberkulose stärker hinaufdrückt als bei der Frau. Ausserdem 
mag auch ein Unterschied in der gesamten Lebenshaltung die Frau 
in Württemberg begünstigen. 

Leider ist es bis jetzt nicht möglich, eine Untersuchung des 
Einflusses des Familienstands für Stadt und Land getrennt durch¬ 
zuführen. 

Die wtirttembergische Statistik ermöglicht aber wenigstens zu 
berechnen, wie sich das Verhältnis der Zahl der an Tuberkulose 
gestorbenen verheirateten Männer zu dem der verheirateten Frauen 
nach Gemeindegrössenklassen im Jahre 1899 gestaltete. 

Es starben an Tuberkulose verheiratete und verheiratet ge¬ 
wesene : 

in der Hauptstadt ..116 Männer 72 Frauen 

in den Städten mit über 10000 Einwohnern 289 „ 212 „ 

in den Oberämtern mit Gemeinden von 5 bis 

100000 Einw. nach Abzug obiger Städte 522 „ 384 „ 

in den Oberämtern ohne Gemeinden mit 5000 

und mehr Einwohnern. 525 „ 458 „ 

Auf 100 an Tuberkulose gestorbene verheiratete und ver¬ 
heiratet gewesene Frauen kommen also: 


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in der Hauptstadt . 169 an Tnberk. gest. verh. u. verb. gew. Männer 

in den Städt. mit 5 bis 

10000 Einwohnern 136 _ _ _ _ _ „ 

in den Oberämtern mit 
Gemeinden v. 5 bis 

10000 u. m. Einw. 136 „ „ „ _ _ _ _ 

in den Oberärat. ohne 
solche Gemeinden 115 „ 

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Bei den Verheirateten ohne verheiratet Gewesenen ist die Ver- 
hältniszahl der Männer zu den Frauen: 

für die Hauptstadt.— 107:56 oder 191:100 

bei den Städten mit 10—10000 

Einwohnern.— 257:170 oder 147:100 

für die Oberämter mit Gemeinden 
v. 5—10000 Einw. ohne die obig. 

Städte.— 434:305 oder 142:100 

für die Oberämter ohne Gemeinden 
mit 5—10000 Einwohnern . . — 454:342 oder 133:100 


Dieses Ergebnis, auf das wir später zurückkommen werden, 
weist darauf hin, dass die verheirateten Frauen nur in der Stadt 
eine wesentlich günstigere Tuberkulosesterblichkeit haben als die 
verheirateten Männer. Wäre es möglich, den Altersaufbau genügend 
zu berücksichtigen, so würde sich vielleicht sogar eine geringe 
Übersterblichkeit der verheirateten Frauen auf dem Land im Ver¬ 
gleich mit den Männern ergeben. 

Über den Einfluss des Familienstandes in der Stadt gibt die 
von mir bearbeitete Stuttgarter Statistik Auskunft. In Tabelle IV 
sind die Todesfälle an Lungentuberkulose, anderweitiger Tuber¬ 
kulose und mit unsicherer Diagnose von 1873—1902 nach Alter, 
Geschlecht und Familienstand ausgezählt, in Tabelle VI die leben¬ 
den nach denselben Kategorien. Tabelle VI gibt eine Übersicht 
über die Sterbeziffern an Tuberkulose in Stuttgart ohne Unter¬ 
scheidung des Familienstandes 1 ). 

In den drei Tabellen IV—VI sind mit Rücksicht auf die Ab¬ 
nahme der Tuberkulosesterblichkeit drei Jahrzehnte unterschieden. 
Wir haben im Laufenden nur die Sterblichkeit an Tuberkulose über¬ 
haupt ohne die unsicheren Fälle behandelt. Auf Grund von Tabelle V 
lassen sich aber auch diese mitzählen oder ist es möglich nur die 
Lungenschwindsucht allein zu untersuchen. Der Unterschied ist 
aber, wie ich mich überzeugte, unwesentlich. 


1) Siehe auch meine Arbeit: Die Tuberkulose in Stuttgart 1873 bis 
1902. In der vorliegenden Arbeit sind noch fünf Zahlen berichtigt. 


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94 


Tabelle V. 

Durchschnittliche Einwohnerzahl im Stadtdirektionsbezirk Stuttgart 
_nach Alter, Geschlecht und Familienstand._ 


Alter 

Jahre 

Männer 

1873-82 1883-92 

1893-1902 

1873-82 

Frauei 

1883-92 

1 

1893—1902 

15-19 

6170 

7601 

9446 

6340 

8389 

10125 

20-24 

8069 

8760 

11975 

6989 

8005 

11162 

25-29 

5442 

5529 

8252 

6037 

6428 

8967 

30-34 

4727 

4609 

6390 

5205 

5326 

6854 

35-39 

3875 

4268 

4979 

4264 

4894 

5703 

40-44 

2910 

3919 

4338 

3293 

4558 

4951 

45-49 

2191 

3182 

3724 

2548 

3793 

4257 

50-54 

1681 

2336 

3243 

j 2102 

2895 

4133 

55-59 

1244 

1686 

2579 

| 1685 

2205 

3342 

60-64 j 

897 

1174 

1789 

! 1302 

1748 

2517 

65-69 

608 

783 

1081 

927 

12b3 

1677 

70-74 

391 

479 

678 

583 

| 813 

1113 

75-79 

195 

251 

337 

266 

428 

583 

80-84 

76 

105 

133 

91 

: 168 

273 

85-89 

17 

30 

i 30 

33 

48 

69 

90-99 

3 

4 

5 

4 

i 5 

7 


| 38136 

44716 § 58979 
darunter: ledi 

| 41669 

ig 

| 50966 | 

1 65733 


15—19 

6169 

7600 

, 

1 9442 

6271 

8341 

| 10079 

20-24 

7770 

8477 

11562 

5659 

6752 

9410 

25-29 

3228 

3521 

; 5012 

2926 

3373 

j 4488 

30-39 

1876 

2070 

2552 

2627 

2778 

, 3536 

40-49 

545 

699 

855 

1275 j 

1508 

| 1721 

50—59 

298 

311 

463 

814 i 

955 

j 1179 

60-69 

126 

166 

208 1 

406 

578 

710 

70-79 

40 

58 

71 

122 | 

199 

299 

80-89 

3 

10 

14 

17 

36 

1 64 

90-99 

— 


— 

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Insgesamt | 

20866 

22913 

30179 

1 24621 

| 28391 

[ 31487 


verheiratet (ohne verheiratet Gewesene) 


15-19 

i 

1 i 

1 

4 

| 

69 | 

41 

46 

20-24 

296 

249 

416 ' 

1317 1 

1190 

1741 

25-29 

2128 

2008 

3204 

3069 

2746 

4398 

30-39 

6596 

6701 

8703 

6387 1 

6921 

8555 

40-49 

4360 

6159 

6985 

3772 

5626 

7323 

50-59 

2394 

3365 

4954 

1767 ! 

2611 

4184 

60-69 

1055 

1404 

2187 

647 

913 

1442 

70-79 , 

291 

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1 99 

145 1 

239 

80-89 

25 i 

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5 

6 , 

33 

90-99 

— 1 

| 1 

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17146 , 

20317 

27087 „ 17132 | 

20399 | 

27961 


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95 


Tabelle VI. 

Die Sterblichkeit an Tuberkulose bei der über 15 Jahr alten Be¬ 
völkerung Stuttgarts ohne Ortsfremde nach Alter und Geschlecht 

1873—1902. 


Auf je 10000 Lebende kamen jährlich Todesfälle 
im Alter von 

15-19120-24 ;25-29120-29130-39 (40-49,50-59 ; 60-691 70-99 
Jahren: 


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Männern | 


Bei den 
Frauen 


Bei den 
Männern 

Bei den 
Frauen 


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Männern| 


Bei den 
Frauen 






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enschwindsucht. 



1873- 

■1882 

8,4 ' 

19,1 

44,8 

23,5 

62,8 

66,1 

60,9 

53,2 

24,9 

1883- 

1892 

15,4 

21,9 

35,4 

27,2 

52,0 

66,5 

54,2 

49,6 

19,6 

1892- 

1902 

11,6 

19,0 

23,6 

20,9 

35,5 

43,4 

42,9 

34,1 

20,3 

1873- 

■1882 

12,8 

15,9 

25,8 

20,5 

29,4 

21,9 

19,0 

16,2 

18,4 

1873- 

-1892 

13,2 

13,9 

22,6 

17,7 

28,9 

22,6 

16,9 

12,0 

9,6 

1893- 

1902 

13,5 

14,4 

19,9 

16,8 

19,7 

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71,0 

65,0 

57,1 

26,4 

1883- 

-1892 

18,9 

24,5 

38,7 

30,0 

55,2 

69,1 

56,7 

56,2 

20,7 

1893- 

1902 

13,9 

21,5 

26,4 

23,5 

38,4 

47,9 

46,2 

39,3 

26,2 

1873- 

1882 

14,8 

18,5 

27,0 

22,4 

31,3 

24,0 

21,1 

21,5 

21,5 

1883- 

-1892 

15,7 

16,7 

24,7 

20,3 

30,9 

24,2 

18,4 

15,6 

13,0 

1893- 

1902 

15,9 

16,3 

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74,1 

70,4 

67,8 

36,7 

1883- 

-1892 

20,0 

25,6 

40,5 

31,4 

57,1 

72,7 

60,7 

60,8 

29,9 

1893—1902 

14,5 

21,9 

27,5 

24,2 

39,1 

49,1 

50,8 

45,3 

28,7 

1873- 

-1882 

14,8 

19,2 

27,7 

23,1 

31,9 

24,7 

23,0 

30,1 

! 33,8 

1883- 

-1892 

16,6 

17,7 

1 25,0 

21,0 

32,7 

25,4 

20,6 

20,6 

21,2 

1893- 

-1902 

16,8 

17,7 

122,6 

19,7 

22,5 

19,8 

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16,2 

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Tabelle Vll gibt einen Überblick über die Tuberkulosesterb¬ 
lichkeit beider Geschlechter nach dem Familienstand für den ganzen 
Zeitraum 1873—1902. 

Aus dieser Tabelle ergibt sich für die Männer ein ähnlicher 
Unterschied in der Sterblichkeit der verschiedenen Familienstands¬ 
kategorien, wie für Württemberg und Italien, bei den Frauen aber 
ein wesentlich anderes Bild, indem die Sterblichkeit der ledigen am 
geringsten erscheint. Die Unterschiede der Farailienstandskategorien 
gleichen sich im höheren Alter bis zu einem gewissen Grade aus. 

Bei der starken Abnahme der Tuberkulosesterbliebkeit in den 
Jahren 1873 —1902 bedarf eine über diese ganze Zeit sich er¬ 
streckende Statistik der Möglichkeit einer Prüfung durch Unter¬ 
suchung kleinerer Zeitabschnitte. Diese wurde in der Weise vor¬ 
genommen, dass für die drei Dezennien 1873—1882, 1883—1892, 


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96 


Tabelle VII. 

In Stuttgart starben jährlich an Tuberkulose 1873—1902 von 
je 10000 lebenden 


Alter 

| Männern 

Frauen 

ledigen 

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heirateten 

| ver- 
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| ge wes. 

ledigen 

ver¬ 

heirateten 

ver¬ 

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_ 

15,4 

24,7 

67,5 

25-29 „ 

36,2 

36,1 

37,3 

18,8 

29,1 

64,6 

30-39 „ 

76,0 

42,6 

182,9 

21,1 

28,7 

43,3 

40- 49 „ 

101.5 

56,5 

142,2 

15,1 

22,4 

33,6 

50-59 „ 

80,2 

37,3 

162,9 

17,0 

17,8 

28,4 

60-69 „ 

64,0 

52,1 

35,4 

13,7 

13,3 

18,8 

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56,1 

15,8 

28,8 

20,8 

9.5 

10,0 


1892—1902 auf Grund der Sterbeziffern an Tuberkulose überhaupt 
in Tabelle I die erwartungsmässigen Todesfälle jedes Alters be¬ 
rechnet und mit den eingetroffenen Todesfällen verglichen worden. 
Das Ergebnis ist in Tabelle VIII niedergelegt. 

Hiernach beträgt die tatsächliche Sterblichkeit in °/ 0 der er¬ 
wartungsmässigen für den Zeitraum von 1873—1902 
beid. ledigen Männern aller Alter 118 im Alter v. 20—49 Jahren 116 
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115 
196 

116 


111 

256 

139 


Die für Italien und Württemberg gefundene Auslese bei den 
Ledigen zeigt sich in Stuttgart nur beim Mann und ist bei diesem 
erst nach dem 30. Jahr von Belang. Die Erklärung für letzteren 
Umstand liegt in der starken Garnison und der sonstigen Zu¬ 
wanderung körperlich kräftiger Elemente vom Lande, sowie in einer 
Abwanderung tuberkulös gewordener in ihre Heimat. Die beiden 
letzteren Momente kommen auch für die Untersterblichkeit der 
ledigen Frauen in Betracht, ausserdem dürfte aber der Umstand 
eine Rolle spielen, dass der Städter weniger auf körperliche Tüchtig¬ 
keit seiner Frau sehen muss und sieht, wie der Bauer. Endlich 
kommen vielleicht auch noch soziale Einflüsse bei der verheirateten 
Frau in Betracht, worüber weiteres später. 

Bei den Witwern und geschiedenen Männern ist die Über¬ 
sterblichkeit auch in Stuttgart wieder grösser als bei den verheiratet 


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Tabelle VIII. 

Erwartungsmässige und eingetroffene Todesfälle an Tuberkulose bei den 


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98 


gewesenen Frauen. Der Zusammenhang dieser Tatsache mit den zahl¬ 
reichen Wiederverheiratungen von Witwern geht aus Folgendem hervor: 

In Berlin kamen 1899 auf 3443 durch den Tod der Frau ge¬ 
löste Ehen 1605 oder 47 °/ 0 Wiederverheiratungen von Witwern, 
von denen 584 = 16 °/ 0 im ersten Jahr nach dem Tod ihrer Frau 
heirateten, hingegen auf 5768 durch den Tod des Mannes gelöste 
Ehen 1011 oder 18 °/ 0 Wiederverheiratungen von Witwen, von 
denen 63=6°/ 0 im ersten Jahr der Witwenschaft heirateten. Eis 
bleiben also von den Witwen ca. 82 u / 0 , von den Witwern nur 55°/o 
unverheiratet, dabei heiraten die Witwer aber viel rascher wieder. 

Im Vergleich zu den verheirateten Männern besteht eine Über¬ 
sterblichkeit der verheirateten Frauen in Stuttgart nur bis zum 
25. Lebensjahr, während sie in Württemberg bis zum 30. und in 
Italien bis zum 50. Lebensjahr dauert. Der Einfluss der Geburten 
erscheint also auch hier wie bei der Sterbeziffer ohne Berücksichti¬ 
gung des Familienstandes für die Stadt geringer als für das ganze 
Land beziehungsweise ländliche Verhältnisse. 

Auf dem Lande sind, wie bereits hervorgehoben, die Lebens¬ 
bedingungen für Frau und Mann weniger verschieden als in der 
Stadt. Man wird es daher als ein Ergebnis der bisherigen Unter 
suchungen betrachten dürfen, dass bei gleichen Lebensbedingui gen 
für beide Geschlechter der Einfluss der Geburten sich in der Sterbe¬ 
ziffer an Tuberkulose noch stärker äussern muss, als bei den bisher 
möglichen Vergleichen, wenn dieser Einfluss wirklich erheblich ist. 

Zum vollen Verständnis des Einflusses des Familienstandes 
gehört eine Untersuchung der Verhältnisse bei den einzelnen sozialen 
Klassen. Leider lässt sich eine solche nach genauen Methoden nur 
beim Mann durchführen, da die letzte Berufszählung die soziale 
Stellung der Frauen nur soweit nach Altersklassen unterscheidet, 
als diese selbst erwerbstätig sind. Richtiger wäre eine Auszählung 
sämtlicher verheirateter Frauen nach der sozialen Stellung der 
Männer. 

Auch die Darstellung des Einflusses der sozialen Stellung des 
Mannes war aus den anderweit angeführten Gründen mit Schwierig¬ 
keiten verknüpft. Ich glaube jedoch, diese soweit überwunden zu 
haben, dass eine wesentliche Abweichung von dem exakten Ver¬ 
hältnis nicht vorliegt. 

Ich habe das Material diesmal etwas anders eingeteilt als zu 
meiner Untersuchung über die bösartigen Neubildungen. Zunächst 
wurden aus der von der Berufszählung unterschiedenen Gruppe a 
die Dienstmänner, Hausierer und Leichenträger entfernt. 

Die von mir unterschiedene erste soziale Gruppe A besteht 
aus den übrigen selbständigen Mitgliedern der sozialen Klasse a der 
Berufszählung in den Berufsgruppeu A-C und E, sowie den An- 


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99 


gehörigen der Gruppe F, der im Geschäft ihres Vaters arbeitenden 
Eaufleute und den angestellten Chemikern und Ingenieuren. Die 
soziale Gruppe B besteht aus den nicht selbständigen Kaufleuten, 
mittleren Beamten, Schreibern und Kommis, soweit letztere unter C 
enthalten sind. Der Rest ist unter Gruppe C zusammengefasst. 

Ist diese Einteilung auch keine ideale, lässt sie namentlich 
eine völlige Ausscheidung der oberen Zehntausend nicht zu, so 
liefert sie doch genügende praktische Ergebnisse. 

Die Haushaltungsangehörigen ohne Beruf wurden nach der 
Alters- und Familienstandsverteilung der einzelnen sozialen Klassen 
unter diese verteilt. Die Soldaten und Unteroffiziere mussten wegen 
ihrer besonderen Sterblichkeitsverbältnisse ausgeschieden werden. Das 
Militär entlässt seine tuberkulösen Mannschaften und hat deshalb eine 
viel zu geringe Tuberkulosesterblichkeit. Die Haushaltungsangehöri¬ 
gen der niederen Militärpersonen wurden in Klasse C eingereiht. 

Über die Stärke der unterschiedenen sozialen Gruppen nach dem 
Alter nach der Berufszählung von 1895 gibt Tabelle IX Auskunft. Auf 


Tabelle IX. Die erwachsenen Männer am 1. Juni 1895 nach 
Alter, Familienstand und sozialer Stellung. 



Alter 

20 - 29,30-39140- 49,50-59160-69170-79 
Jahre 

Soziale 1 

ledig. 

929 

592 

304 

667 

112 

54 

Gruppe 

1 verheiratet . . . 

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2422 

2909 

2412 

1117 

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268 

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Soziale 

ledig. 

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13 

_ 

Gruppe < 

verheiratet . . . 

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1336 

913 

468 

104 

22 

B. 

| verheiratet gewes. 

2 

17 

29 

29 

34 

5 

Soziale 

1 ledig. 

7701 

1087 

385 

184 

44 

17 

Gruppe 

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1670 ! 

3685 

2813 

1779 

562 

62 

C. 

verheiratet gewes. 

17 1 

62 

128 

173 

147 

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Soldaten 

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— 

— 

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11 

4 

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16 

13 

6 

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1 


2 

1 

6 

12 



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10137 

7769 

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101 


Grand derselben wurde in Tabelle X die erwartungsmässige Ver¬ 
teilung der Todesfälle von 1893—1902 in den einzelnen Alters¬ 
klassen nach sozialer Stellung wie folgt berechnet. 

Sind in einer Altersklasse ledige Angehörige der Klasse A, d des¬ 
gleichen bei der Klasse B, c der Klasse C, m ledige niedere Militär- 
personen und f ledige Familienangehörige und beträgt die Gesamt¬ 
zahl der Todesfälle an Tuberkulose T, so ist die erwartungsmässige 
Zahl der Todesfälle an Tuberkulose bei den ledigen 

in Klasse A a T 

a+b+c+m+ 

B b T 

a-f-b-f-c-J-m 

C _c_ fm T 

a+b+c+m + T ' a+b+c * a+b+c+d+f 

In Tabelle X ist auch die tatsächliche soziale Verteilung der 
Tuberkulosetodesfälle hier angegeben; dies ermöglicht den Vergleich 
zwischen erwartungsmässigen und eingetroffenen Todesfällen an 
Tuberkulose. 

Hieraus ergibt sich als Verhältnis der Erfahrung zur Erwartung 
in Prozenten 



für das Alter 20 - 60 J. 

für das Alter 20—99 J. 

in Klasse.| 

A 

B 

C 

A 

B 

C 

bei den ledigen Männern 

123 

124 

159 

119 

124 

162 

verheiratet. 

60 

46 

119 

58 

49 

121 

verheiratet gewesen. . 

89 

35 

405 

52 

74 

419 


Von besonderer Wichtigkeit ist der Vergleich der sozialen 
Klasse A und C. Klasse B ist verhältnismässig schwach vertreten. 
Ihre Sterbeziffer in den einzelnen Familien und Standeskategorien 
erscheint allerdings teils nicht grösser, teils kleiner als bei A, doch 
hängt dies weniger mit einer Degeneration der höchsten sozialen 
Schichten als mit der Schwierigkeit zusammen, kleine Gewerbe¬ 
treibende und grosse Unternehmer gesondert zu behandeln. Diese 
Schwierigkeit ist durch die mangelnde Sonderung bei der Berufs¬ 
zählung der Lebenden bedingt. Infolgedessen mussten die kleinen 
Gewerbetreibenden mit ihrer teilweise hohen Berufssterblichkeit zu 
Klasse A gezählt werden. 

Vergleicht man zunächst die einzelnen sozialen Schichten nach 

Centralblatt f. all*?. Gesundheitspflege. XXV. Jahr?. 8 


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102 


dem Familienstand *), so spiegeln sich die bei der Untersuchung ohne 
Berücksichtigung sozialer Einflüsse gefundenen Verhältnisse, wobei 
die verheirateten Männer am günstigsten dastehen, in allen Schichten 
wieder. Jedoch ist in der niedersten Schicht der Unterschied 
zwischen Ledigen und Verheirateten geringer, zwischen beiden 
Gruppen verheiratet Gewesener aber meist grösser als in den zwei 
höheren Schichten. Ersteres erklärt sich durch eine besondere Ver¬ 
stärkung gerade der niederen Schichten durch Zuzug ländlicher 
Elemente, und dementsprechend ist in der Altersklasse 20—30 Jahre 
der Unterschied in der Sterblichkeit der ledigen Klasse C keines¬ 
wegs höher, vielmehr niedriger als in den beiden andern Klassen. 
Der häufig unsolide Lebenswandel der männlichen Jugend in den 
höheren Ständen mag dazu noch sein Teil beitragen. 

Betrachtet man andere Faktoren als ausgeschlossen, so würde 
die Verheiratung dem Arbeiter im Vergleich zum ledigen Stand 
relativ weniger grosse gesundheitliche Aussichten bieten als denen 
der höheren Stände. Die auffallend hohe Übersterblichkeit der 
Witwen in der Schicht C hingegen weist auf die stärkere Heirats¬ 
frequenz der Witwen dieser Stände hin. Der Arbeiter kann seine 
mutterlosen Kinder meist nur durch Wiederverheiratung versorgen. 
Die hohe Frequenz der Wiederverheiratung verwitweter Arbeiter 
geht übrigens aus der grossen Häufigkeit der Wiederverheiratung 
von Witwen Tuberkulöser hervor. 

Von 488 überlebenden Ehemännern lungenschwindstichtiger 
Franen, die 1873—1882 starben, kamen bis Ende 1904 865 oder 
75°/ 0 zur Wiederverheiratung, davon 231 oder 49°/ 0 im ersten Jahr 
der Witwerschaft. Eine derartige Heiratsfrequenz muss unter den 
nicht wieder zur Verheiratung gelangenden eine starke Auslese ge¬ 
sundheitlich Minderwertiger zurücklassen. 

Von 845 Witwen lungenschwindsüchtiger gelangten nur 226 
oder 27 °/ 0 überhaupt und nur 46=5°/ 0 im ersten Jahr der Witwen¬ 
schaft zur Wiederverheiratung. Auch diese Zahlen sind erheblich 
höher als die oben für Berlin gefundenen. 

Der Vergleich der einzelnen Familienstandskategorien in den 
verschiedenen sozialen Klassen ergibt folgendes: Während die all¬ 
gemeine Sterblichkeit an Tuberkulose in den einzelnen sozialen 
Klassen A, B, C von 64 auf 79 und 147 °/ 0 der Erwartung steigt, 
ist die Steigerung bei den ledigen mit 119, 124 und 162°/ 0 ver¬ 
hältnismässig gering, bei den verheiratet gewesenen aber mit 52, 
74 und 419°/ 0 ausserordentlich stark. Die Steigerung bei den Ver- 


1) Eine entsprechende Untersuchung ohne Berücksichtigung des 
Familienstandes findet sich in meiner Arbeit: Die Tuberkulose in Stutt¬ 
gart 1873—1902. 


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103 


heirateten ist mit 58, 49 und 121 °/ 0 sehr erheblich, geht aber über 
die Steigerung der Sterbeziffer ohne Berücksichtigung des Familien¬ 
standes nicht hinaus. Insofern erscheint der Vorteil der Ehe für 
den Arbeiter doch grösser als bei dem Vergleich der verschiedenen 
Familienstandkategorien in derselben Schicht. 

Die Sterblichkeit an Tuberkulose bei den verheirateten Männern 
in Klasse C beträgt nur wenig mehr als das Doppelte derjenigen 
von Klasse A. 

Dasselbe Verhältnis würde sich ergeben, wenn man den Alters¬ 
aufbau beider Klassen nicht berücksichtigt hätte. Es kommen näm¬ 
lich 1893— 1902 Todesfälle an Tuberkulose ausschliesslich Familien¬ 
angehöriger auf 

10026,86 verheir. Männer der Berufszählung in Klasse A 262=2,60/ 00 

10601,37 * „ „ C 553=5,20/ 00 

Wenn die Vernachlässigung des Einflusses des Alterseinflusses 
bei dem Vergleich der verheirateten Männer in Klasse A und C 
keinen wesentlichen Fehler ergibt, so wird man dasselbe auch für 
die verheirateten Frauen mit ziemlicher Berechtigung anuehmen 
dürfen. 

Es kamen Todesfälle an Tuberkulose auf die Frauen der 
10003 verheirat. Männer der Berufszählung in Klasse A 157 = 16 °/ 0 

10531 „ „ * * „ C 337=32°/ 0 

Die Steigerung ohne Berücksichtigung des Alters ist also bei 
beiden Geschlechtern dieselbe. 

Eine direkte Kontrolle dieses Ergebnisses durch Berücksichtigung 
des Alters der lebenden Frauen nach den sozialen Schichten ist 
nicht möglich. Es gibt jedoch einen indirekten Weg, der bis jetzt 
allerdings nicht beschritten wurde. Man kann auf Grund des Alters¬ 
aufbaus der lebenden verheirateten Männer und des Alters der Ehe¬ 
gatten beim Tode ihrer Frauen berechnen, wie viele Ehemänner jedes 
Alters ihre Frauen durch den Tod verlieren. Bei 513 von 537 
Fällen ist das Alter der Ehemänner beim Tode ihrer Frauen an Tuber¬ 
kulose bekannt, es betrug 

20- 29 Jahre.in 76 Fällen 

30-39 *. 208 „ 

40-49 ... 129 * 

50-59 ..„ 69 „ 

60—69 ..„23 * 

70 70 „ 8 „ 

Nimmt man eine gleiche Altersverteilung bei den übrigen 24 Fällen 
an, so ergibt sich aus Tabelle X eine Sterblichkeit an Tuberkulose 
für die Frauen 


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104 


20—29 jähriger Männer = 0,00241 pro Jahr 


30—39 „ 

40-49 „ 

50—59 „ 

60—69 „ 

70—79 „ 


= 0,00290 „ B 

= 0,00207 „ „ 

= 0,00183 „ „ 

= 0,00139 „ „ 

= 0,00172 „ „ 


Demnach berechnen sich die Todesfälle an Tuberkulose einschliess¬ 
lich Haushaltungsangehöriger bei den Frauen der verheirateten Männer 
in Klasse A erwartungsmässig 207,84, tatsächlich 157 

„ „ B „ 82,81, „ 43 

„ „ C „ 246,35, „ 337 

wobei unter C auch die Frauen der Unteroffiziere und Soldaten in¬ 
begriffen sind. 

Auf die Wiedergabe der Einzelheiten der Rechnung wurde ver¬ 
zichtet, sie hat sich an das Schema bei den Männern gehalten. 
Die Erfahrung beträgt somit in Prozenten der Erwartung 


für Klasse A.56°/ 0 

* * B.51 °/ 0 

„ „ C einschliessl. niederen Militärs 139 °/ 0 

Da die Zahlen für C etwa l^mal so gross sind als für A, so er¬ 
hält man bei dieser Berechnung einen grösseren Unterschied als 
ohne Berücksichtigung des Alters. 

Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass diese Rechnungsmethode 
maximale Unterschiede ergeben muss. Denn sie beruht auf der 
Voraussetzung, dass bei gleichem Alter der Männer das Alter der 
Frauen in den verschiedenen sozialen Klassen dasselbe sei. Dies 
ist aber nicht ganz richtig. Wenn man die Angaben von Wester- 
gaard und Rubin über das Heiratsalter der verschiedenen Stände 
verfolgt, so ergibt sich bei gleichem Alter der Männer ein jugend¬ 
licheres Alter der Frauen in den höheren sozialen Schichten. Dem¬ 
entsprechend muss man bei der Frau in der höheren sozialen Klasse A 
eine etwas geringere, bei der der Klasse C eine etwas grössere Zahl 
erwartungsmässiger Todesfälle aunehmen, als sie obige Rechnung 
ergibt, und dadurch wird der Unterschied des Verhältnisses von 
Erwartung und Erfahrung ebenfalls geringer. 

Der Einfluss der sozialen Stellung auf die Tuberkulosesterb¬ 
lichkeit bewegt sich demnach bei der verheirateten Frau in den¬ 
selben Grenzen wie beim verheirateten Mann. Dies entspricht auch 
dem Ergebnis der Untersuchungen von Sörensen, die ohne Be¬ 
rücksichtigung des Familienstandes nach 10jährigen Altersklassen 
durchgeführt sind (siehe Westergaard). 

Für das Studium sozialer Verhältnisse ist auch die Gebürtig- 
keit von Bedeutung. 


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105 


Tabelle XI gibt Aufschiass über die Verteilung des Familien¬ 
standes bei den in Stuttgart geborenen und eingewanderten Lebenden 
nach Alter und Geschlecht 1 ). 

Tabelle XI. 

Die Einwohner Stuttgarts am 1. Dez. 1900 nach dem Geburtsort. 
(St in Stuttgart geboren, Fr auswärts geboren.) 

Alter 

20-29 | 30-39 | 40-49 | 50-59 | 60-69 | 70-79 
Jahre 

Männer 


ledig.j 

[St 

| 3864 

651 

202 

99 

53 

30 

[Fr 

14254 

2069 

706 

405 

172 

65 

verheiratet . . . J 

[St 

1132 

1708 

1112 

915 

473 

184 


[Fr 

2984 

8857 

6029 

4496 

1982 

517 

verheiratet ge wes. 

[St 

10 

17 

30 

30 

108 

124 

[Fr 

24 

92 

175 

175 

408 

367 




Frauen 





ledig.| 

[St 

4368 

1049 

436 

323 

202 

125 

[Fr 

11737 

2765 

1317 

919 

534 

2604 

verheiratet . . . j 

[St 

2004 

1931 

1174 

905 

325 

| 65 

.Fr 

4844 

5339 

5232 

3780 

1312 

255 

verheiratet gew. j 

’St 

30 

104 

232 

447 

452 

397 

.Fr 

63 

348 

914 

1818 

1751 

1159 


Auf Grund dieser Verteilung sind die erwartungsmässigen Todes¬ 
fälle bei den verschiedenen Familienstandskategorien der geborenen 
Stuttgarter und Fremden in Tabelle XII berechnet. 


Die Erfahrung betrug in Prozenten der Erwartung für alle Alter 


bei den 

orts¬ 


orts- 



gebürtigen 

fremden gebürtigen 

fremden 


Männern 

Frauen 

ledigen. 

192 °/ 0 

106 o/ 0 

126 °/o 

71% 

verheirateten. 

73 o/ 0 

83% 

75o/o 

H50/0 

verheiratet gewesenen . . 

ohne Unterschied des Fami¬ 

60 °/ 0 

261 o/o 

151 o/o 

105 o/ 0 

lienstandes . 

in°/o 

96 o/o 

104% 

SO 0 /, 

Während die verheirateten und verheiratet gewesenen geborenen 


1) Siehe auch meine Arbeit: Die Tuberkulose in Stuttgart 1873—1902. 


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Tabelle XII. 

Erwartungsmässige und eingetroffene Todesfälle an Tuberkulose 1893—1902 betrafen Ortsangehörige (St) 
und auswärts Geborene (F) Erwachsene nach Alter, Geschlecht und Familienstand 


107 


Stuttgarter den Fremden gleichen Familienstandes gegenüber eine 
Untersterblichkeit aufweisen, ist bei den ledigen das Verhältnis um¬ 
gekehrt. Dieser Gegensatz ist aber lediglich bedingt durch die 
Untersterblichkeit der auswärts geborenen ledigen im 21—30. Le¬ 
bensjahr. 

Auf 100 erwartungsmässige Todesfälle dieses Alters an Tuber¬ 
kulose kommen eingetroffene 

ortsgebürtige ledige Männer 207, Frauen 145 
auswärts geborene „ „ 72, „ 67; 

nach dem 30. Lebensjahr kommen auf 100 Todesfälle der 
ortsgebürtigen ledigen Männer 151, Frauen 85 
auswärts geborenen „ „ 187, „ 88. 

Die relativ geringe Übersterblichkeit der ledigen Männer in 
Stuttgart und die Untersterblichkeit der ledigen Frauen gegenüber 
den verheirateten findet also, wie bereits früher angedeutet, in der 
Einwanderung kräftiger Individuen von auswärts und dem, leider 
bezüglich seiner Grösse nicht kontrollierbaren Abgang tuberkulös ge¬ 
wordener auswärts gebürtiger namentlich im jugendlichen Alter. 

Die Aufzeichnungen der Einwohnermeldeämter sollten aller¬ 
dings die Bedeutung letzterer Faktoren festzustellen ermöglichen. 
So lange dies nicht möglich ist und eine strenge Scheidung von 
Stadt und Land nicht nur bezüglich der Tuberkulosesterblichkeit,, 
sondern überhaupt der Sterblichkeit nicht angängig sein. 

Der Einfluss des Familienstandes auf die Häufigkeit der Tuber¬ 
kulose bewegt sich innerhalb des sozialen Abschlusses so ziemlich 
in derselben Richtung mit dem Einfluss des Familienstandes auf 
die Sterblichkeit ohne Unterschied der Todesursachen. Über letzten 
Gegenstand liegt eine Reihe von Untersuchungen vor (siehe Wester- 
gaard). Ich vergleiche in folgendem die Erfahrungen von Wttrttem 
berg bei sämtlichen Todesursachen und bei der Tuberkulose der 
Lungen (Tab. XIII). 

Ein zuverlässiges Bild des Einflusses der Geburten auf 
die Tuberkulosesterblichkeit des Weibes lässt sich durch den Ver¬ 
gleich der verschiedenen Kategorien des Familienstandes allein 
nicht gewinnen. Man vergleicht nur Gruppen mit verschiedener 
Geburtshäufigkeit. Einen genaueren Aufschluss darf man von dem der 
direkten Untersuchung der Tuberkulosensterblichkeit der Schwängern 
und Gebärenden erwarten, und zwar in der Weise, dass man unter Be¬ 
rücksichtigung der sozialen Unterschiede und des Alters die Sterblich¬ 
keit der erkraukten Schwangeren und Wöchnerinnen an Tuberkulose 
mit derjenigen nicht in diesen Zuständen befindlichen verheirateten 
Frauen vergleicht. Eine von mir in dieser Richtung für Stuttgart durch¬ 
geführte, demnächst erscheinende Untersuchung Hess den Einfluss der 
Geburthäufigkeit nicht allzu gross erscheinen. Dabei ist allerdings zu 


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108 


Tabelle XIII. 

Von je 10000 Lebenden starben 1899 
a) überhaupt an Tuberkulose, b) an allen Todesursachen 


Alter 

ledige 

verheiratete 

verheiratet 

gewesene 


a | b 

a | b 

a | b 


Männer 


20—24 Jahre 

28,1 

55,9 

28,1 

42,8 

— 

— 

25-29 

n 

36,5 

69,2 

21,4 

30,2 

267,9 

356,2 

30— 39 

n 

39,0 

99,1 

! 22,4 

54,2 

111,4 

232,1 

40—49 

n 

65,2 

195,5 

' 39,7 

112,6 

65,1 

178,9 

50-59 

V 

83,4 

306,4 

1 58,5 

218,4 

108,4 

368,6 

60-69 

» 

50,7 

605,9 1 

|i 47,9 

411,5 

55,2 

533,5 

70—99 

n 

33,1 

| 1475,2 | 37,1 

Frauen 

1023,1 

34,3 

1492,9 

20—24 Jahre 1 

25,9 

48,1 

26,6 

51,0 

87,7 

88,7 

25—29 

» 

27,9 

57,9 

24,9 

56,6 

36,5 

54,7 

30-39 

» 

29,3 

73,9 

21,8 

69,1 

24,1 

72,3 

40-49 

w 

30,9 

94.3 

24,5 

94,0 

38,6 

122,3 

50-59 

» 

38,9 

223,7 

36,6 

179,3 

31,7 

190,7 

60—69 

it 

37,0 

433,7 

31,5 

372,8 

36,6 

489,0 

70-99 

y> 

12,2 

1237,3 

49,1 

1059,7 

23,7 

1330,9 


berücksichtigen, dass das Stillen in Stuttgart nur sehr unbedeutend in 
die Wagscbale fällt und ein Vergleich mit ländlichen Verhältnissen 
wäre sehr wünschenswert. Der schädliche Einfluss rascher Geburten¬ 
folge soll damit nicht bestritten werden, es dürfte aber ziemlich 
schwer werden, ihn bevölkerungsstatistisch festzulegen. 

Immerhin wird man angesichts des von mir gewonnenen Er¬ 
gebnisses bezüglich des Einflusses an Schwangerschaft und Wochen¬ 
bett daran denken müssen, ob nicht noch eine andere Erklärungs¬ 
möglichkeit für die eingangs dieser Arbeit gefundenen Differenzen 
in dem Ablauf der Sterblichkeitskurven beider Geschlechter vorhanden 
ist. Es muss darauf hingewiesen werden, dass die grösste relative 
Annäherung der Sterblichkeitskurven beider Geschlechter bezw. eine 
Übersterblichkeit des weiblichen Geschlechts keineswegs in das Alter 
der stärksten Geburtenfrequenz, sondern in das die Entwicklung des 
menschlichen Geschlechts sich direkt anschliessende von 15—19 
Jahren stellt. 

Drückt man die relative Tuberkulosesterblichkeit des Weibes 
in Prozenten der Tuberkulosesterblichkeit des Mannes aus (s. Prin- 
zing S. 361), so erhält man folgendes Ergebnis. 

Die Tuberkulosesterblichkeit der Frau betrug in Prozenten 
derjenigen des Mannes (siehe S. 109). 


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Alter 


10—14 Jahre 
15-19 ff 
20-24 , 

25-29 . 

30-34 ff 
35-39 „ 

40-44 „ 

45-49 „ 

50-54 „ 

55—59 „ 

60 -64 ff 
65-69 w 
70-74 „ 

15-79 „ 

30—89 „ 



141 

97 

| 79 
J 55 
| 39 

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101 

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69 


73 

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169 

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84 

95 

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83 


69 

54 

48 

51 

63 


Wollte man also dieses Verhältnis als massgebend betrachten, 
so würde der Entwicklung bei dem weiblichen Geschlecht ein noch 
weit grösserer Einfluss auf der Entstehung der Tuberkulose zu- 
kotnmen als der Schwangerschaft und ihren Folgen. 

Bei der relativ stärkeren Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit 
des weiblichen Geschlechts ist in Betracht zu ziehen, dass der Mann 
viel länger erwerbstätig bleibt als die Frau.. Die meisten Ar¬ 
beiterinnen gehen mit der Heirat oder nach Geburt des ersten 
Kindes nicht mehr in Fabrikbetriebe und übernehmen erst viel 
später wieder Dienste als Lauf- und Waschfrauen. Bei dem Mann 
summieren sich daher viel häufiger die Wirkungen der jahre- und 
jahrzehntelanger ungesunder Tätigkeit als bei der Frau und hierin 
ist wohl der Hauptgrund für die langsame Abnahme seiner Sterblich¬ 
keit an Tuberkulose zu sehen. Alle derartige Betrachtungen beziehen sich 
aber nur auf den gesundheitlichen Durchschnitt der Bevölkerung, 
bei den gesundheitlich minderwertigen Frauen kann daher trotzdem 
der Einfluss der Geburten nicht unerheblich sein. 

In Stuttgart werden verhältnismässig wenige Kinder längere 
Zeit gestillt, auch aus diesem Grund mag der Einfluss des Wochen¬ 
betts gering erscheinen 

Wünschenwert wäre daher die Möglichkeit weiterer Unter¬ 
suchungen im ganzen Lande sowohl als in ländlichen Bezirken. 


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— 110 - 

Wenn man auch berechtigt ist, einen nicht unbeträchtlichen 
Teil der gefundenen Beziehungen zwischen Tuberkulose und Familien¬ 
stand auf Vorgänge sozialer und physischer Auslese zurückzuführen, 
so ist doch anzuerkennen, dass der Ehe mit ihrem regelmässigen 
Leben, auch in geschlechtlicher Hinsicht, ein nicht zu unterschätzen¬ 
der günstiger Einfluss zukommt. Dem Gesunden wird die Ehe wie 
bezüglich anderer Krankheiten so auch bezüglich der Tuberkulose 
einen gewissen Schutz bieten. Ganz anders jedoch ist die Frage 
zu beurteilen, ob und wann man einem Kranken oder krank Ge¬ 
wesenen zur Ehe raten soll. Jacob und Pannwitz fassen diese 
Frage etwas optimistisch auf, wenn sie auch für den kranken oder 
krank gewesenen Arbeiter in der Ehe einen gesundheitlichen Vor¬ 
teil erblicken. Sie geben allerdings zu, dass diese Auffassung nur 
bei günstiger Geschäftslage und der Möglichkeit genügender Er¬ 
nährung gilt. Allein die Sorgen, die mit der wachsenden Kinder¬ 
zahl auch bei günstiger Geschäftslage sich bald einstellen und zu 
einer Einschränkung der Lebenshaltung führen, stellen für den nicht 
genügend widerstandsfähigen tuberkulös Gewesenen ein äusserst ge¬ 
fährliches Moment dar. Derartige im Grunde rein akademische An¬ 
sichten sollen um so vorsichtiger ausgesprochen werden, als ihr 
Bekanntwerden dazu beitragen müsste, die ohnehin grosse Zuversicht 
der Phthisiker und ihre Lebenslust zu steigern. 

Man darf ohnehin die Frage nicht lediglich von dem Interessen¬ 
standpunkt des Phthisikers aus beurteilen. Gerade diesen Patienten 
gegenüber muss auf das Entschiedenste hervorgehoben werden, dass 
die weitgehende Fürsorge für Tuberkulose namentlich durch das 
Heilverfahren der Versicherungsanstalten auch wohl eine Gegenleistung 
in Gestalt von Rücksichtnahme auf den Nebenmenschen, auf die 
Folgen vorzeitigen Heiratens für Frauen und Kinder gegenübersteht. 

Die Frage, wie lange nach Behandlung eines tuberkulösen 
Prozesses die Heilung erfolgen darf, wird verschieden behandelt. 
Gerhardt fordert mindestens 1 Jahr, Jacob und Pannwitz 3 Jahre. 
Über den Erfolg bei Einhaltung verschiedener Zeitgrenzen liegen 
bis jetzt keine genügenden Mitteilungeu vor. Leider hat der Arzt 
hier nur eine beratende Stellung und muss in den meisten Fällen 
sehen, wie seinem Rat zuwidergehandelt wird. 

Die Konzessionen, welche Jacob und Pannwitz dem Phthisiker 
machen, gelten wesentlich nur dem Mann, für die Frau erfassen 
auch sie nicht den gleichen Nutzen. Indessen wird wohl der 
Einfluss der Schwangerschaft auf die Entstehung von dem Vater 
der Tuberkulose unterschätzt. Für die gesunde Frau dürfte er 
nach den von mir gemachten Untersuchungen nicht zu erheblich sein, 
wenn die einschläglichen Verhältnisse günstig sind und die Ge¬ 
burten nicht zu rasch aufeinander folgen. Kirchner spricht 


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111 


sieb besonders gegen frühes Heiraten ans. Auch dies durfte kaum 
in erheblichem Masse zutreffen. Schwächliche Personen unterlassen 
es zweckmässiger auch in späterem Alter. — Für den Mann wäre 
ein niedrigeres Heiratsalter sogar entschieden wünschenswert, ins¬ 
besondere in den höheren sozialen Schichten. Wie viel Gesundheit 
geht durch das unregelmässige Junggesellenleben verloren. Allein 
hier Wandel zu schaffen gehört wohl zu den schwierigsten Auf¬ 
gaben. Die niedrigen Anfangsgehalte namentlich der Beamten 
spielen hier wesentlich mit. Es wird nicht genügend berücksichtigt, 
dass die späten Heiraten der Beamten die Kosten der Versorgung 
ihrer Witwen und Waisen erhöhen. 

Von gesetzlichen Massregeln gegen das Heiraten Tuberkulöser 
lässt sich leider nicht viel erwarten. Ein direktes Heiratverbot, 
wie es selbst von ärztlicher Seite schon verlangt wurde, lässt sich 
nicht durchführen. Vorläufig wird man auf die Belehrung des 
Volkes angewiesen sein. Die Heiratskandidaten und ihre Eltern 
müssen eben mehr Wert auf die Wahl gesunder Ehegatten bezw. 
Schwiegersöhne und Schwiegertöchter zu legen lernen. Diese Sorge 
kann der Staat dem Einzelnen nicht abnehmen, wohl aber auf die 
drohenden Gefahren durch an geeigneten Stellen angebrachte Er¬ 
mahnung zur Einforderung eines Gesundheitsattestes aufmerksam 
machen. 


Ergebnisse. 

Die verheirateten Männer haben in Stadt und Land eine 
wesentlich geringere Tuberkulosesterblichkeit als die ledigen und ver¬ 
heiratet gewesenen. An dem geringen Unterschied zwischen Ledigen 
und Verheirateten in der Stadt sind Wanderungen und soziale Ein¬ 
flüsse, sowie eine gesundheitliche Auslese neben den Vorteilen der 
Ehe nicht unwesentlich beteiligt. 

Die verheirateten Frauen stehen in der Stadt mit ihrer Tuber- 
kulosesterblichkeit zwischen den ledigen und verheiratet gewesenen. 
Auch hier spielen Wanderungen und physische Einflüsse eine Rolle. 
In ganzen Ländern ist die Tuberkulosesterblichkeit am geringsten 
bei den verheirateten Frauen. 

Der Einfluss des Familienstandes auf die Tuberkulosesterb¬ 
lichkeit bewegt sich bei beiden Geschlechtern in der gleichen Richtung, 
wie der Einfluss auf die allgemeinen Sterbeziffern. 

Dev Einfluss der sozialen Stellung ist bei den verheirateten 
beiden Geschlechtern ziemlich gleich stark, beim Manne ist der Ein¬ 
fluss der Farailienstandskategorien auf die Tuberkulosesterblichkeit 


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112 


verschieden gross. Bei den verheirateten Männern aller sozialen 
Schichten ist die Tuberkulosesterblichkeit geringer als bei den ledigen 
und verheiratet gewesenen. 

Der Einfluss der Gebürtigkeit erscheint unter Berücksichtigung 
des Familienstands erheblich hängt mit den Wanderungen, sozialen 
Einflüssen und gesundheitlicher Auslese zusammen. Die Sterblich¬ 
keit der verheirateten Frauen an Tuberkulose ist im Alter der 
stärksten Fruchtbarkeit von diejenigen der Männer weniger ver¬ 
schieden als später. Dies ist auf die Schwangerschaften und Ge¬ 
burten, auf das Stillen nur teilweise zurückzuführen, daneben kommt 
die häufigere Summierung langdauernder ungünstiger Berufsverhält¬ 
nisse bei den Männern in Betracht, welche bei diesen die Tuber¬ 
kulose-Sterblichkeitskurve bis in ein höheres Alter hinein nur wenig 
absinken lässt. 

Beim Vergleich des verschiedenen Kategorien des Familien¬ 
standes für jedes Geschlecht unter sich erscheint der Einfluss der 
Geburten entschieden geringer als beim Vergleich der Tuberkulose- 
Sterblichkeit beider Geschlechter in derselben Altersklasse. 

Bei den Witwern findet durch die häufigeren Wiederheiraten 
eine stärkere gesundheitliche Auslese statt als bei den Witwen, da¬ 
her erscheint die Tuberkulosesterblichkeit der ersteren ganz be¬ 
sonders hoch. 


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Die amtliche Desinfektorenschule an der 
Desinfektionsanstalt der Stadt Cöln, ihre 
Begründung und Tätigkeit in den beiden 
ersten Betriebsjahren 1903 und 1904. 

(Nach den im amtlichen Aufträge erstatteten Berichten.) 
Berichterstatter E. Czaplewski, Cöln. 


Durch Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 27. April 
1899 war die Formaldehyddesinfektion in der städtischen Des¬ 
infektionsanstalt für Cöln eingeführt worden. Da sich dieselbe im 
Betriebe durchaus bewährte, wünschten andere Gemeinden ent¬ 
sprechende Einrichtungen nach Cölner Vorbild einzurichten. Es war 
naturgemäss, dass sie sich wegen der Ausbildung der hierzu erforder¬ 
lichen Desinfektoren an die Ausgangsstelle des Verfahrens, an die 
Cöluer Anstalt wandten. Diese, privater Initiative entsprungenen, 
Bestrebungen einzelner Gemeinden fanden bald auch die amtliche 
Förderung, da der Regierung die Wichtigkeit und hervorragende 
Bedeutung der Formaldehyddesinfektion nicht entgangen war. Unter 
dem 19. Mai 1900 bereits wandte sich der Herr Regierungspräsident 
Freiherr von Richthoven zu Cöln an den Herrn Oberbürgermeister 
von Cöln mit einer diesbezüglichen Anfrage. Er beabsichtige, die 
im Stadtbezirke Cöln bereits mit Erfolg zur Anwendung gelangte 
Formalindesinfektionsmethode auch in den übrigen Kreisen des 
Regierungsbezirks Cöln einzuführen. Zu diesem Zwecke, und um 
überhaupt eine sachgemässe Bekämpfung der ansteckenden Krank¬ 
heiten zu ermöglichen, bedürfe es der Ausbildung von Desinfektoren, 
und zwar würde die Ausbildung dazu geeigneter Personen mit Rück¬ 
sicht auf die in Cöln gemachten Erfahrungen am zweckmässigsten 
in der stadtcölnischen Desinfektionsanstalt und unter Aufsicht des 
Direktors des bakteriologischen Laboratoriums stattzufinden haben. 
Vor Erlass der entsprechenden Weisungen an die in Frage stehenden 
Polizeiverwaltungen frug er jedoch an, ob und unter welchen Be¬ 
dingungen seitens der städtischen Desinfektionsanstalt die Ausbildung 
von Desinfektoren erfolgen könne. Die Dauer des Ausbildungs- 


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114 


kursus würde möglichst zu beschränken sein. Auf diese Anfrage 
antwortete die Stadt unter dem 6. Juni 1900 grundsätzlich zustim- 
mend. Nur würde es zur Bedingung zu machen sein, dass der 
Stadt keine Kosten erwachsen dürften, und es ihr freistände, nur 
so viele Auszubildende gleichzeitig zuzulassen, dass der ordnungs- 
mässige Betrieb der Anstalt nicht gestört würde. Wegen des Zeit¬ 
punktes der Ausbildung würden sich die in Frage kommenden 
Gemeinden zweckmässig mit dem Direktor des bakteriologischen 
Laboratoriums in Verbindung setzen. 

Diesen Vereinbarungen gemäss wurde verfahren und in der 
Folge eine grössere Zahl Desinfektoren für Städte und Gemeinden 
auch aus den anderen Kreisen des Regierungsbezirkes ausgebildet. 
Auch wurde vom Herrn Oberbürgermeister unter dem 10. Juli 1900 
die Ausbildung der Chirurgenlehrlinge in der Desinfektion allgemein 
genehmigt. 

Die Frage der Ausbildung von Desinfektoren kam in ein neues 
Stadium, als der Herr Minister der geistlichen, Unterrichts- und 
Medizinal-Angelegenheiten unter dem 11. März 1902 an den Herrn 
Regierungspräsidenten von Cöln das Ersuchen richtete, bei der 
grossen Wichtigkeit der Ausbildung eines zuverlässigen Desinfektions¬ 
personals für die Seuchenbekämpfung mit den geeigneten Stellen 
wegen Schaffung einer ähnlichen Einrichtung in seinem Bezirk, wie 
die Desinfektorenschulen in Breslau, Posen und Danzig, in Verbin¬ 
dung zu treten. Diesbezügliche Verhandlungen mit Bonn scheiterten, 
da nach Mitteilung des Direktors des hygienischen Institutes Herrn 
Professor Dr. Finkler die Ausbildung der Desinfektoren im dortigen 
Institute wegen Kleinheit desselben auf Schwierigkeiten stiess. 
Infolgedessen erging an die Stadt Cöln unter dem 7. Oktober 1902 
die Anfrage, ob und unter welchen Bedingungen die Ausbildung 
von Desinfektoren für den Cölner Regierungsbezirk in der Cölner 
Desinfektionsanstalt unter Leitung des Verfassers stattfinden könnte. 
Auf diese Anfrage antwortete der Herr Oberbürgermeister, i. V. 
Brugger unter dem 21. September 1902 im wesentlichen zustim¬ 
mend unter Zugrundelegung der früheren Bedingungen. (Antwort 
der Stadt vom 6. Juni 1900 auf die Anfrage der Kgl. Regierung 
vom 19. Mai 1900.) Bisher seien bereits 110 Leute als Desinfektoren 
in der Cölner Anstalt ausgebildet. Es stehe nichts im Wege, unter 
den gleichen Bedingungen auch fernerhin Desinfektoren für den 
hiesigen Regierungsbezirk unter Leitung des Direktors des bakterio¬ 
logischen Laboratoriums ausbilden zu lassen. Die Auswahl der 
Lehrlinge entsprechend den für den Regierungsbegirk Breslau 
erlassenen Bestimmungen, die Abhaltung einer Schlussprüfung und 
die Erteilung eines Prtifungszeugnisses würden zweifellos eine Ver¬ 
besserung der bisherigen Einrichtung ergebeu, weil unbrauchbares 


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115 


Material an ausznbildenden Personen von vornherein zurückgewiesen 
und durch die Prüfung eine wirksame Kontrolle der erworbenen 
Kenntnisse erzielt würde. Die Regierung nahm unter dem 27. Sep¬ 
tember 1902 das Entgegenkommen der Stadt mit Dank an. Weitere 
spezielle Verhandlungen führten unter dem 12. Dezember 1902 zu 
-dem Schlüsse, dass unter Zugrundelegung der bisherigen Erfahrungen 
höchstens 6—8 Teilnehmer an einem Kurse zuzulassen wären. 
Die Dauer der Ausbildung sollte mindestens 8 Arbeitstage betragen. 
Betont wurde ferner von seiten der Stadt, dass die bisher zur 
Ausbildung überwiesenen Personen zum Teil erheblich an Intelligenz 
zu wünschen übrig gelassen hätten, und dass es sich empfehlen 
dürfte, die Gemeinden nachdrücklich auf die Zusendung nur intelli¬ 
genter Leute hinzuweisen. Auf die bezügliche Anregung der 
Regierung betreffs Unterbringung und Verpflegung der auszubildenden 
Personen musste leider wegen zu beschränkter Raumverhältnisse in 
der Desinfektionsanstalt und im Augustahospital verzichtet werden. 

Auf Grund dieser Vorverhandlungen erliess der Herr Regierungs¬ 
präsident unter dem 18. Dezember 1902 folgenden Erlass an die 
Herren Kreisärzte des Regierungsbezirks . Cöln. 

Cöln, den 18. Dezember 1902. 

Der Regierungspräsident. 

A 10 723 

Nachdem die Stadt Cöln sich damit einverstanden erklärt 
hat, dass auch fernerhin die Ausbildung von Desinfektoren für 
den hiesigen Regierungsbezirk unter Leitung des Direktors des 
hiesigen städtischen bakteriologischen Laboratoriums, Dr. Cza- 
plewski, stattfindet, soll auf Veranlassung des Herrn Ministers 
der geistlichen etc. Angelegenheiten nunmehr eine Desinfektoren¬ 
schule bei dem bakteriologischen Laboratorium der Stadt Cöln 
errichtet werden. Für die Ausbildung der Desinfektoren gelten 
in Zukunft die in der Anlage aufgeführten Grundsätze. Ich 
mache darauf aufmerksam, dass die Ausbildung künftig 8 Arbeits¬ 
tage umfasst und wie früher kostenfrei ist, ferner dass an Prüfungs¬ 
gebühren 10 Mk. zu zahlen sind.. 

Nach einer Mitteilung des Direktors des bakteriologischen 
Laboratoriums haben die geistigen Fähigkeiten der früher zur 
Ausbildung überwiesenen Personen häufig zu wünschen übrig 
gelassen. In Rücksicht hierauf ersuche ich, bei der Auswahl 
dieser Personen besonders sorgfältig zu verfahren und nur solchen 
Bewerbern das nach No 3b der Grundsätze erforderliche Zeugnis 
auszustellen, von denen vorausgesetzt werden kann, dass sie sich 
4en Unterrichtsstoff vollkommen anzueignen vermögen. 

Bei den beschränkten Raumverhältnissen der hiesigen Des 


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116 


infektions&DStalt und des Augustahospitals ist es nicht möglich, 
den Schülern in einer dieser Anstalten Unterkunft und Ver¬ 
pflegung zu gewähren, sie werden also hierfür selbst zu sorgen 
haben. 

Die Herren Kreisärzte werden von dem Prüfungstermine der 
aus ihrem Bezirk ausgebildeten Desinfektoren benachrichtigt 
werden. Es soll ihnen frei stehen, bei der Prüfung zugegen zu 
sein, doch werden Reisekosten und Tagegelder für die Teilnahme 
an den Prüfungen im allgemeinen nicht bewilligt werden können. 

Ich behalte mir vor, zu einigen Prüfungsterminen die betr. 
Kreisärzte besonders zu laden. Um nach Möglichkeit Sicherheit 
dafür zu schaffen, dass die Desinfektoren ihre amtliche Tätigkeit 
stets vorschriftsmässig und gewissenhaft ausüben und dass ihnen 
die erworbenen praktischen und theoretischen Kenntnisse erhalten 
bleiben, ersuche ich die Herren Kreisärzte, bei Gelegenheit der 
Feststellung von Krankheiten oder bei andern dienstlichen Ver¬ 
anlassungen die Tätigkeit der Desinfektoren zu kontrollieren und 
sich die Weiterbildung derselben angelegen sein zu lassen. 

Sollten jetzt bereits im Amt befindliche oder künftig ange- 
stellte Desinfektoren in ihren Leistungen oder Kenntnissen als 
ungenügend befunden werden, so ist hiervon dem Herrn Landrat 
bezw. dem Herrn Oberbürgermeister sofort Anzeige zu machen. 

gez.: von Balan. 

An den Herrn Kreisarzt hier. 


Es ist zweifellos, dass die Errichtung der hierdurch ins Leben 
gerufenen amtlichen Desinfektorenschule einen grossen Fortschritt 
gegenüber der bisherigen regellos geübten Ausbildung von Des¬ 
infektoren fremder Gemeinden in der Cölner Anstalt bedeutete. Die 
Auswahl der Leute, die Zeit der Ausbildung war nunmehr fest und 
einheitlich auf Grund der bisherigen Erfahrungen geregelt. Durch 
die amtliche Prüfung, welche unter dem Vorsitz des Herrn Reg.- 
und Geh. Med.-Rats Dr. Rusak von diesem, unter Mitwirkung des 
Direktors des bakteriologischen Laboratoriums und des Desinfektions¬ 
beamten vorgenommen wurde, war es möglich, das ausgebildete 
Desinfektorenmaterial möglichst eingehend und unparteiisch zu be¬ 
werten und unbrauchbare Elemente auszuschliessen. Ferner war es 
dadurch ermöglicht, auch unter Mitwirkung der Herren Kreisärzte 
die ausgebildeten Desinfektoren weiter unter Auge zu behalten und 
event. für weitere Ergänzung und Auffrischung ihrer Kenntnisse zu 
sorgen. 


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117 


Der Regierungspräsident. Cöln, den 18. Dezember 1902. 

A 10 723. 

Grundsätze für die Ausbildung der Desinfektoren. 

I. Anmeldung. 

1. Die Anmeldung von Personen* welche sich zu öffentlichen 
Desinfektoren ausbildcn lassen wollen, hat bei den Regierungs¬ 
präsidenten durch Vermittlung des Landrats (Oberbürger¬ 
meister), welcher vor Weitergabe der Anmeldung den Kreis¬ 
arzt zu hören hat, zu geschehen. 

2. In der Regel werden nur solche Bewerber zur Ausbildung 
zugelassen, deren Anstellung als öffentlicher Desinfektor 
seitens einer Gemeinde in Aussicht genommen ist. 

3. Der Anmeldung ist beizuftigen: 

a) ein Zeugnis der Ortspolizeibehörde über die Unbescholten¬ 
heit und das für die verantwortliche Tätigkeit eines 
Desinfektors nötige Mass von Zuverlässigkeit des Aspi¬ 
ranten ; 

b) ein Zeugnis des zuständigen Kreisarztes über die körper¬ 
lichen und geistigen Fähigkeiten des Bewerbers zum 
Desinfektionsschüler. 

4. Der Regierungspräsident setzt sich zwecks Festsetzung der 
Zeit des abzuhaltenden Ausbildungskursus unter Mitteilung 
eines namentlichen Verzeichnisses der Angemeldeten mit dem 
Direktor des bakteriologischen Institutes in Cöln in Verbin¬ 
dung und veranlasst die Einberufung der Aspiranten. 

o. Zu jedem Kursus sollen zunächst nur etwa sechs Schüler ein¬ 
berufen werden. 

II. Ausbildung. 

1. Die Ausbildung ist eine theoretische und praktische und hat 
einen Zeitraum von etwa zehn Tagen zu umfassen. 

2. Die einheitliche Leitung des ganzen theoretisch-praktischen 
Ausbildungskursus liegt in den Händen des Direktors des 
bakteriologischen Institutes. 

III. Prüfung. 

1. Die Prüfungskommission besteht aus dem Regierungs- und 
Medizinalrat als Vorsitzenden, dem Direktor des bakteriolo¬ 
gischen Institutes und dem städtischen Desinfektionsbeamten*). 


*) Derselbe führt jetzt den Titel „Verwalter der Desinfektions, 
anstalt". Cz. 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 9 


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118 


2. Die Prüfung zerfällt in einen praktischen und theoretischen 
Teil. 

3. Sogleich nach Schluss der Prüfung wird denjenigen Prüf¬ 
lingen, welche bestanden haben, ein von den Mitgliedern der 
Prüfungskommission unterzeichnetes Fähigkeitszeugnis als 
staatlich geprüfter Desinfektor zur Anstellung als öffentlicher 
Desinfektor ausgefertigt und durch Vermittlung des Regierungs¬ 
präsidenten dem Landrat (Oberbürgermeister) zwecks Aus¬ 
händigung an den Kandidaten zugestellt. 

4. Die Ausbildung geschieht unentgeltlich. 

An Prüfungsgebühren sind lü Mk. zu zahlen. 

gez.: von Bai an. 

Aasbildung von Desinfektoren vor Begründung der amtlichen 
Desinfektorenschule. 

Bis dahin vor Errichtung der amtlichen Desinfektorenschule 
waren die fremden Desinfektoren nur in der Formaldehyddesinfek¬ 
tion ausgebildet worden. Und zwar waren vom 23. März 1900 bis 
31. Oktober 1902 72 Kurse mit 110 Desinfektionsschtilern abge¬ 
halten worden. 

Die Zahl der Kursteilnehmer betrug: 


51 mal 1 

Mann .... 

. . . 51 Leute 

11 „ 2 

...... 

... 22 „ 

6 „ 3 

71 

... 18 „ 

3 „ 4 

,. 

• • • 12 * 

0 „ 5 

1 * .... 

• • • o „ 

ü „ 6 

71 

. . . 0 „ 

1 7 

n 

■ • • 7 „ 

Summa 110 Leute 

Dauer der 

Kurse betrug: 


2 Tage .... 

. . 2 mal 

3 

r .... 

• . 18 * 

4 

71 .... 

• • 24 „ 

5 

r • 

. . 21 „ 

6 

71 .... 

. . 5 „ 

7 

71 .... 

• • Ir 

8 

71 .... 

• • Ir 


Summa 72 mal. 


Die Teilnehmer verteilten sich auf folgende Städte und Ge¬ 
meinden: 


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119 


Personen 


Aachen 1 

Andernach 1 

Asbach 1 

Barmen 2 

Beller 1 

Beuel 1 

Bonn 6 

Bornheiun 1 

Bottrop 1 

Baisdorf 1 

•Cöln 13 

Dattenberg 1 

Daufenbach 1 

Dierdorf 1 

Effem 1 

Eitorf 1 

Emmersweiler 1 
Engere 1 

Euskirchen 1 

Eversberg 1 

Feien berg 1 

Frechen 1 

Friesheim 1 

Geyen 1 


Personen 


Berg.-Gladbacb 7 

Goch 1 

Godesberg 3 

Hannover 1 

Hargarten 1 

Heddesdorf 2 

Heimbach 1 

Hermtilheim 1 

Herrig 1 

Hoeningen 2 

Honnef 1 

Jabrsfeld 1 

Kalk 3 

Königswinter 1 

Küdinghoven 1 

Linz 1 

Mülheim a. Rh. 5 

Münster 1 

Neustadt 1 

Neuwied 1 

Obercassel 1 

Ober-Casbacli 1 

Oberpleis 1 

Palmesheim 1 


Beruf. 


Personen 


Poppelsdorf 2 

Poulheim 1 

Rengsdorf 1 

Resse 1 

Rheinbach 1 

Rodenkirchen 3 

Satzvey 2 

Sinzig 1 

Solingen 1 

Siegburg 2 

Steimel 1 

Stockum 1 

Troisdorf 1 

Unkel 1 

Wahl 1 

Waldbreitbach 1 
Weiden 1 

Weilerswist 1 

Weinsberg 1 

Wesseling 1 

Wiesbaden 1 

Worringen 1 

Zülpich 1 


Zahl 

Ackerer.1 


Arbeiter.9 

Brandwacbtmeister . . . 1 

Ohirurgengehtilfe .... 16 

Oigarrenarbeiter .... 1 

Dachdecker . 1 

Desinfektions-Aufseher . . 1 

Fassbinder.1 

Feuerwehrmann .... 6 

Feldhüter.2 

Fleischbeschauer.... 3 

Flurschtitz.1 

Friseur.3 

Gemeindediener .... 1 

Heilgehtilfe.5 

Kaufmann.1 


Zahl 

Krankenwärter .... 4 

Krankenbesucherin ... 1 

Lazarettaufseher .... 1 

Maler.1 

Musiker.1 

Photograph.1 

Polizeisergeant .... 30 

Polizeidiener.4 

Polizei-Wachtmeister . . 1 

Portier.1 

Schneider.2 

Strassenmeister . . . . 2 

Strafanstalts-Aufseher . . 1 

Schutzmann.4 

Tagelöhner.1 

Wege Wärter ..... 2 


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120 


Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, dass die Ausbildung 
entsprechend der verschieden langen Ausbildungszeit ungleichartig 
sein musste. Die Dauer der Kurse wurde entsprechend dem sich bei 
der Ausbildung fühlbar machenden Bedürfnis mehr und mehr ver¬ 
längert. Von der Abhaltung einer Schlussprtifung und Ausstellung 
von Zeugnissen wurde abgesehen. Nur auf speziellen Wunsch wurde 
einigen Heimatsbehörden bescheinigf, dass die von ihnen zur Aus¬ 
bildung geschickten Desinfektorenschtiler sich genügende Kenntnisse 
in der Formalindesinfektion erworben hatten. Insofern war die Er¬ 
richtung der amtlichen Desinfektorenschule ein grosser Fortschritt, 
zumal bekanntlich die Angst vor der Prüfung und der Ehrgeiz, ein 
gutes Zeugnis nach Hause zu bringen, den Lerneifer erheblich zu 
fördern pflegt. 


Amtliche Desinfektorenschule. Erstes Berichtsjahr 1903. 


Die amtliche Desinfektorenschule wurde am 3. Februar 1903 
eröffnet. Im ersten Berichtsjahre (1. Januar bis 31. Dezember 1903) 
wurden in der Zeit vom 3. Februar 1903 bis Ende Dezember 1903 
in 8 Kursen insgesamt 38 Desinfektoren ausgebildet. 

Die Kurse fanden statt: 


Tabelle 1. 







Dauer 

Taffe 

Teil¬ 

nehmer 

Zensur 

1. Kurs 

3./2. 

bis 10./2. 

03 

8 

1 i 

noch nicht gegeben (aber gut). 

2. 

n 

2./3. 

„ 10./3. 

03 

9 

7 

1 sehr gut, 3 gut, 3 genügend. 

3. 

•? 

11./3. 

* 19./3. 

03 

9 

6 

1 sehr gut, 5 gut. 

4. 

n 

29/4. 

. 6-/5. 

03 

8 

5 

2 sehr gut, 3 gut. 

5. 

y> 

5./7. 

bis 15./7. 

03 

11 

5 

1 mit Auszeichnung, 2 sehr gut r 
1 recht gut, 1 gut. 

6. 

f» 

30./7. 

„ 8.18. 

03 

10 

4 

3 gut, 1 genügend. 

7. 

V 

12/10. 

m 22./10. 03 

11 

5 

4 sehr gut, 1 gut. 

8. 

V 

25./11. 

* 5./12. 

03 

11 

77 

5 

1 38 

3 gut, 2 genügend. 


Eine weitere Tabelle zeigt, wieviel der ausgebildeten Des¬ 
infektoren auf die einzelnen Regierungsbezirke, Kreise und Ort¬ 
schaften entfallen. 


Regierungsbezirk Aachen. 
Kreis Düren .... 2 Pers. 
Derichsweiler (1) 

Weissweiler (1) 

Kreis Schleiden ... 11 „ 

Blankenheim (1) 


Blumenthal (1) 
Dreiborn (1) 
Eicks (1) 
Gemünd (1) 
Heimbach (1) 
Mechernich (1) 


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121 


Schleiden (1) 

Schmidtheim (1) 

Soetenich (1) 

Zingsheim (1) 

Sa. 13 Pers. 

Regierungsbezirk Coblenz. 
Kreis Altenkirchen . . 2 Pers. 

Altenkirchen (1) 

Kirchen (1) 

Kreis Kreuznach . . 2 „ 

Kreis Meisenheim (Glan) 1 „ 

Breitenheim (1) 

Sa. 5 Pers. 

Regierungsbezirk Cöln. 
Kreis Cöln . . . .12 Pers. 

Brühl (1) 

Cöln (6) 

Esch (1) 

Stommeln (1) 


Vingst (1) 

Euskirchen (1) 

Commern (1) 

Kreis Mülheim ... 3 Pers. 
Bensberg (2) 

Blindenaaf (1) 

Kreis Sieg.1 „ 

Neunkirchen (1) 

Sa. 16 Pers. 

Regierungsbezirk 
D Usseldorf. 

Kreis Grevenbroich. . 1 Pers. 

Grevenbroich (1) 

Kreis Kempen ... 1 „ 

Dülken (1) 

Kreis Remscheid . . 2 „ 

Ruhrort (1) 

Beek (1) 

Sa. 4 Pers. 


Die folgende Tabelle 2 ergibt die Verteilung der Desinfektoren 
auf einzelne Berufe. 

Tabelle 2. 


Beruf 

Zahl 

Bemerkungen 

Ackerer. 

5 

Davon 1 Fleischbeschauer und 1 Barbier. 

Ohirurgenlehrlinge . . 

7 


Erdarbeiter. 

1 


Fabrikarbeiter .... 

1 


Feldhüter ...... 

2 


Gärtner. 

1 


Gerätewart. 

2 


Kaufmann. 

1 


Maler und Anstreicher. 

1 


Maurer und Stuckateur 

1 


Polizeidiener .... 

6 

1 Polizeisergeant und 1 Schutzmann. 

Schneider. 

1 

■Schornsteinfegermeister 

1 


Schuhmacher .... 

2 


Schuldiener. 

1 


Waldarbeiter .... 

2 

1 Waldwärter. 

Wegearbeiter . . . . | 

i 

3 

38 

1 Wege wart. 


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122 


Die Einrichtung der Kurse wurde in der Weise getroffen, dass 
die Leute in der Desinfektionstalt der Stadt Cöln praktisch und 
theoretisch im Desinfektionsdienst vom Desinfektionsbeamten Kelter¬ 
born unterwiesen wurden. Besonders wurde darauf geachtet, dass 
sie bei allen während ihrer Ausbildungszeit vorkommenden Des¬ 
infektionsarbeiten unter Anleitung und Aufsicht eines älteren gut¬ 
geschulten städtischeu Desinfektors mitarbeiten mussten. Seit den 
letzten Kursen wurde, was leider anfangs versäumt wurde, jedem 
Desinfektor bescheinigt, an wieviel Wohnungsdesinfektionen er prak¬ 
tisch teilgenommen hat. Im allgemeinen hat wohl jeder mindestens 
7—11 Desinfektionen mitgemacht. Ausserdem wurden sie in der 
Bedienung des stationären Schimmelschen und fahrbaren Buden¬ 
berg sehen Dampfapparates unterwiesen. Für die Zukunft erschien 
es empfehlenswert, den Schülern auch andere Typen von Dampf¬ 
desinfektionsapparaten in anderen städtischen Hospitälern vorzu¬ 
führen. 

Von Formalinapparaten ist in Cöln der Apparat Colonia ein¬ 
geführt, doch sind die andern Typen fast alle in einzelnen Exem¬ 
plaren vorhanden und werden den Schülern in Tätigkeit gezeigt. 
An sonstigen Lehrmitteln ist allmählich eine ganze Sammlung der 
gebräuchlichen Desinfektionsmittel in Musterflaschen für den An¬ 
schauungsunterricht zusammengestellt worden nebst einigen kleineren 
zum Verständnis notwendigen Apparaten. 

Beim Unterricht der Desinfektoren, welchen Verfasser durch 
theoretische Unterweisungen in Form eines Colloquium ergänzte, 
wurde grundsätzlich von dem Prinzip abgewichen, den Desinfektoren 
nur ein formelles Wissen beizubringen. Vielmehr wurde mit Absicht 
darauf hingearbeitet, ihnen nicht leeren Formelkram, sondern wirk¬ 
liches Verständnis der für die Desinfektionsanstalt und ihren Beruf 
notwendigen einschlägigen Verhältnisse zu geben. Hierdurch hat 
sich das Lehrgebiet natürlich bedeutend erweitert, da scheinbar 
ganz abseits liegende Gegenstände in den Kreis des Unterrichts 
gezogen werden mussten. Dafür aber hat diese Methode den grossen 
Vorteil gehabt, dass die Leute mit regstem Interesse und grossem 
Lerneifer dem Unterricht folgten und wegen des erlangten Verständ¬ 
nisses der Vorgänge, den Stoff viel sicherer beherrschten, so dass 
anzunehmen ist, dass das Gelernte fester sitzen wird als bloss mecha¬ 
nisch angelernte Regeln. Aus den Fragen und Antworten beim 
Unterricht ist allmählich gelegentlich der verschiedenen Kurse ein 
Katechismus der Desinfektion entstanden, welchen sich die Des¬ 
infektionsschüler etc. in Ermangelung eines gedruckten Leitfadens 
für ihre späteren Repetitionen abschreiben mussten. 

Was die Zeitdauer der Desinfektionskurse anlangt, so hat die 
früher hierfür verlangte geringere Zeitdauer von 5—8 Arbeitstagen 


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123 


unserer Auffassung nach nicht genügt. Wir sind deshalb dazu 
Ubergegangen, 10 volle Tage zu verlangen. Für einigermassen 
intelligente Leute dürften diese 10 Tage wohl genügen, wenn zu¬ 
gleich, wie in unserer Anstalt, ein reiches tägliches Material von 
Desinfektionen für die praktische Ausbildung zu Gebote steht. 
Doch dürfte es sich immerhin empfehlen, der Sicherheit der Aus¬ 
bildung wegen 14 volle Arbeitstage zur Ausbildung zu verlangen, 
schon damit die Leute möglichst viele Desinfektionen praktisch mit¬ 
machen können. 

Auch wären die Gemeinden, welche Leute zur Ausbildung als 
Desinfektoren schicken, immer wieder im eigenen Interesse darauf hin¬ 
zuweisen, dass sie nur nicht zu alte, aber aufgeweckte Leute mit guter 
Schulbildung (Lesen, Schreiben, Rechnen!) hierfür bestimmen, da 
in bezug hierauf das Leutematerial noch vielfach zu wünschen 
übrig Hess. 

Nach beendigtem Kurse werden die Desinfektionsschüler von 
der Prüfungskommission, welche aus dem Herrn Regierungs- und 
Geh. Medizinalrat Dr. Rusak, dem Unterzeichneten und dem Des¬ 
infektionsbeamten Kelterborn bestand, unter dem Vorsitz des 
ersteren zuerst theoretisch, danach praktisch geprüft. 

Da bei den vor Errichtung der Desinfektionsanstalt ausgebil¬ 
deten Leuten die Ausbildungszeit kürzer und daher die Ausbildung 
unvollkommen war, empfahl Berichterstatter, diese Personen, welche 
noch kein amtliches Zeugnis als ausgebildeter Desinfektor besitzen, 
nach einiger Zeit zu einem Wiederholungskurse mit Prüfung wieder 
heranzuziehen. Auch für die übrigen Desinfektoren dürfte ein 
Wiederholungskursus nach zirka 2 Jahren zweckmässig sein. 

Amtliche Desinfektorenschule. Zweites Berichtsjahr 1904. 

Im zweiten Berichtsjahre (1. Januar bis 31. Dezember 1904) 
fanden 5 Desinfektorenkurse statt. 

Die praktische Ausbildung wurde bei den beiden ersten Kursen, 
wie im Vorjahre von dem verdienten Desinfektionsbeamten, Herrn 
Kelterborn, geleitet. Als er am 4. März erkrankte und wegen 
seines schweren Nierenleidens, welchem er am 1. Oktober erlag, den 
Dienst nicht mehr versehen konnte, trat vom dritten Kurse ab an 
seine Stelle der Oberdesinfektor der reinen Seite Hombach, welcher 
nunmehr auch vom 1. Januar 1905 ab als Verwalter der Des¬ 
infektionsanstalt Nachfolger des Verstorbenen geworden ist. Die 
theoretische Ausbildung wurde von dem genannten und vom Bericht¬ 
erstatter geleitet. 

Die Prüfungen wurden von Herrn Regierungs- und Geh. 
Medizinalrat Dr. Rusak als Vorsitzenden, dem Berichterstatter sowie 
dem Desinfektionsbeamten resp. dessen Nachfolger abgehalten. 


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124 


Die Kurse fanden statt: 



Dauer 

Tage 

Teil- 



Zensur 



nehmer 

Ia 

I 

ii 

111 

0 

00 

1. Kurs 

3./*2. 

bis 13./2. 04 

10 ! 

5 


3 

i 

i i 

i 

1 __ 

_ 

2. „ 

3./5. 

„ 20./5. 04 

10 ; 

5+1 

i 

4 

1 

i 

— 

1 

1 _ 

3. « 

1./8. 

„ 11/8. 04 

10 ; 

9 

— ! 

4 

4 

1 i 

— 

— 

4. n 

3./10. 

„ 13./10. 04 

10 

8 

2 ! 

2 

2 

2 

— 

— 

5- . 

21-/11. 

„ 1./12. 04 

10 

9+1 

i 

i 

6 

1 1 

1 

— 

1 




50 

36+2 

i 


i 

i 





Die Zensuren bedeuten: 

Ia mit Auszeichnung. 

I sehr gut. 

II gut. 

III genügend. 

0 zurückgetreten. 

00 zurückgewiesen. 

Eine weitere Tabelle zeigt die Verteilung der ausgebildeten 
Desinfektoren auf die einzelnen Regierungsbezirke, Kreise und Ort¬ 
schaften. 


Regierungsbezirk Aachen. 

Kreis Aachen (Stadt) . 1 Pers. 

Kreis Aachen (Land) . 7 „ 

Alsdorf (1) 

Büsdorf (1) 

Eilendorf (1) 

Eschweiler (1) 

Herzogenrath (1) 

Hoengen (1) 

Vorscheid (1) 

Kreis Düren .... 3 „ 

Düren (1) 

Kreuzau (1) 

Vettweis (1) 

Kreis Heinsberg. . . 2 „ 

Heinsberg (1) 

Wehr (1) 

Sa. 13 Pers. 


Regierungsbezirk Coblenz. 

Kreis Simmern ... 1 Pers. 

Simmern (1) 

Sa. 1 Pers. 

Regierungsbezirk Cöln. 

Kreis Cöln (Stadt) . . 2 Pers. 

Kreis Cöln (Land) . . 1 „ 

Kreis Bonn .... 1 r 

Poppelsdorf (1) 

Kreis Euskirchen . . 1 Pers. 

Grohwenich (1) 

Kreis Sieg .... 1 „ 

Donrath (1) 

Kreis Waldbroel . . 2 „ 

Eckenhagen (1) 

Waldbroel (1) _ 

Sa. 8 Pers. 


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125 


Regierungsbezirk 
Düsseldorf. 

Barmen.1 Pers. 

Kreis Cleve . . . 2 „ 

Cleve (2) 

Kreis Krefeld . . . 4 „ 

Krefeld (3) 

Boekura (1) 

Kreis Geldern ... 1 „ 

Kevelaer (1) 

Die folgende Tabelle ergibt, 
Desinfektoren augehören. 


j Kreis M.-Gladbach . . 1 Pers. 

| Odenkirclien (1) 

| Kreis Rees .... 1 „ 

; Wesel (1) 

, Kreis Ruhrort ... 1 „ 

j Kreis Solingen . . . 4 „ 

Ohligs (1) 

Opladen (1) 

Solingen (2) 

Sa. 15 Pers. 
welchem Stande die einzelnen 


Beruf 


Zahl 


Bemerkungen 


I). 


Barbier .... 

Brand Wachtmeister 
Chirurgenlehrling 
Desinfektor und Schlo.s: 
Feldhüter . . 
Fleischbeschauer 
Gärtner . . . 
Grenzaufseher a. 
Heildiener . . 

Heilgehülfe . . 
Krankenwärter 
Leichendiener. 
Polizeisergeant 
Polizeidiener . 
Rathausdiener. 
Schornsteinfegermeisto 
Schreiner . . 

Schuster . . . 
Stadtparkwärter 
Trichinenbeschauer 

Sa. . . 


Davon 1 Nachtwächter. 


36 


Wenn wir die Ergebnisse der Prüfung betrachten, so müssen 
dieselben als verhältnismässig recht gut betrachtet werden, da über 
die Hälfte (52,5 °/ 0 ) mit sehr gut, ein viertel (25 °/ 0 ) mit gut und 
nur 1 °/ 0 bloss genügend bestanden, während 3 Leute (=8,3°/ 0 ) 
sich derartige Kenntnisse erworben hatten und dabei eine derartig 
sichere Beherrschung des ganzen Lehrstoffes sowohl in praktischer 
wie in theoretischer Hinsicht zeigten, dass ihnen von der Prttfungs- 


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126 


kommission einstimmig das Prädikat mit Auszeichnnng zuerkannt 
werden musste. Ein zur Ausbildung angemeldeter Desinfektor trat 
während des Kursus zurück, weil er von der Ausübung seines 
Berufes als Desinfektor eine Schädigung seines Geschäftes (er war 
ein Kleinhändler) befürchtete. Ausserdem nahm an der letzten 
Prüfung ein auswärts ausgebildeter Desinfektor teil, der unseren 
Kurs nicht mitgemacht hatte. Es zeigte sich bei der Prüfung, dass 
er offenbar mit dem ihm dortseits vorgetragenen Lehrstoff Bescheid 
wusste, dass er aber den höheren Anforderungen, welche wir an 
unsere Schüler stellen, nicht entsprach und infolge seines Lehr¬ 
ganges Angaben, z. B. über die Dosierung des Formaldehyds machte, 
welche wir direkt für falsch halten. Wir haben infolgedessen von 
der Ausstellung eines Zeugnisses abgesehen und anheimgestellt, bei 
uns noch einen Kurs mitzunehmen, um sich dann einer zweiten 
(unentgeltlichen) Prüfung zu unterziehen. 

Es dürfte sich daher für die Zukunft nicht empfehlen, fremde 
Desinfektoren ohne Ausbildung in diesseitiger Anstalt nur zur Prü¬ 
fung zuzulassen. 

Es erhielten als Zensur: 

Sa. la I II III 

1903 38 1 11 20 9 

1904 36 3 19 9 5 

Und vergleichen wir die Prozentverhältnisse der Zensuren 
gegen das Vorjahr, so ergeben sich: 

Ia I II III 

1903 2,6 °/ 0 29,0 «/ 0 52,9 °/ 0 16,0 °, 0 

1904 8,3 „ 52,5 „ 25,0 „ 13,9 „ 

Dass die Resultate der Prüfungen so viel besser geworden 
sind, obwohl wir in unseren Anforderungen eher schärfer geworden 
sind, ist zunächst wohl darauf zurückzuführen, dass uns das über¬ 
wiesene Leutematerial selbst, wohl durch unsere Anregung veran¬ 
lasst, sorgfältiger ausgewählt wurde. Es ist zu betonen, dass hier¬ 
auf auch in Zukunft nicht genug geachtet werden kann. Es liegt 
im Interesse der Gemeinden selbst, nur intelligente und gewandte 
Leute zur Ausbildung zu schicken, da nur solche den Stoff nach 
jeder Richtung hin bewältigen und sich das notwendige Verständnis 
aneignen können. Für den Erfolg der Kurse war es ferner wichtig, 
dass wir volle 10 Arbeitstage für die Ausbildung beibehalten haben. 
Sehr zu statten kommt ferner unseren Schülern die grosse Zahl der 
Desinfektionen, welche für die Ausbildung in der städtischen Des¬ 
infektionsanstalt zur Verfügung stehen. Dadurch wurde es ermög¬ 
licht, dass jeder Schüler wenigstens 8, in der letzten Zeit sogar 
15! Wohnungsdesinfektionen mitmachen konnte. Um den Lehrstoff, 


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127 


welchen sich die Schüler bis dahin zuerst handschriftlich notieren mussten, 
den Schülern in bequemer und authentischer Form darzubieten, hat 
Verf. das Wissenwerteste in einem kleinen Buche zusammengestellt, 
im Druck erscheinen lassen als „Kurzes Lehrbuch der Desinfektion 
als Nachschlagebuch für Desinfektoren, Ärzte, Medizinal- und Ver¬ 
waltungsbeamte unter Zugrundelegung der Einrichtungen der Des¬ 
infektionsanstalt der Stalt Cöln u (Verlag von Martin Hager, Bonn. 
II. Aufl.). 

Dieses Buch hat uns bei der Ausbildung wesentliche Dienste 
geleistet, zumal die früher zum Abschreiben verwandte Zeit gespart 
werden konnte. 

Wir haben beim Unterricht, wie schon im vorjährigen Bericht 
hervorgehoben wurde, immer gestrebt, den Schülern nicht bloss 
mechanische Fertigkeit, sondern wirkliches Verständnis des Lehr¬ 
stoffes beizubringen. Es war hierbei unausbleiblich, dass auf Fragen 
näher eingegangen werden musste, welche scheinbar zunächst ferner 
liegen, z. B. um den Leuten die Begriffe Barometer, Thermometer 
und die verschiedenen Formen der trockenen und feuchten Hitze 
und ihrer Wirkungen zu erklären. Es ist von manchen Seiten 
diesbezüglich die Befürchtung ausgesprochen worden, dass wir den 
Leuten hierin zuviel zumuteten. Diese Befürchtung hat sich jedoch, 
wie schon aus dem Ausfall der Zensuren ersichtlich, nicht bestätigt. 
Vielmehr zeigten die Leute ein um so regeres Interesse, je mehr 
ihnen der Weg zu einem wirklichen Verständnis für den Grund der 
für sie in Betracht kommenden Arbeiten geöffnet wurde. 

Die Lehrmittelsammlung wurde weiter vervollständigt. 

Bei der Anstalt selbst ist seit längerer Zeit die Einrichtung 
getroffen, dass 60 Leute der Strassenreinigung aushülfsweise der 
Reihe nach als Hülfsdesinfektoren bei der Anstalt beschäftigt werden. 
Um hierbei über einen zuverlässigen Stamm zu verfügen, ist auf 
Anregung des Berichterstatters vom Herrn Oberbürgermeister ver¬ 
fügt, dass sie nunmehr auch die amtliche Prüfung als Desinfektor 
ablegen müssen. 

Sehr störend hat es sich erwiesen, dass die Gemeinden viel¬ 
fach ganz verschiedene und z. T. in der Praxis unzweckmässige 
oder sogar vollkommen unbrauchbare Apparate bloss auf Reklame¬ 
empfehlungen einiger Firmen hin, anschaffen. Es liegt dies auch 
nicht im Interesse der Gemeinden selbst, da ihnen hierdurch unnütze 
Mehrkosten erwachsen*). 


1) Über die Bedingungen der Forinalindesinfektion und die Kritik 
der einzelnen Formalinapparate habe ich das Notwendige in meiner Schrift 
„Dfe Wohnungsdesinfektion mit Formaldehyd in Cöln* (Verlag von Seitz. 
& Schauer in München, 1902) ausführlich auseinandergesetzt. Verf. 


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128 


In den beiden ersten Jahren des Bestehens der Desinfektoren- 
schule sind 1903: 38, 1904: 36, also insgesamt 74 Teilnehmer zu 
amtlich geprüften Desinfektoren ausgebildet. Damit ist jedoch nur 
ein kleiner Teil des stets wachsenden Bedürfnisses nach Des¬ 
infektoren gedeckt, zumal immer mehr Gemeinden zur Einführung 
der obligatorischen Desinfektion übergehen. Auch die früher nur 
in der Formalindesinfektion ausgebildeten nicht amtlich geprüften 
Desinfektoren bedürfen eines Wiederholungskurses mit amtlicher 
Prüfung. So steht zu hoffen, dass im Laufe der Jahre der ganze 
Regierungsbezirk mit Desinfektionseinrichtungen und geschulten 
Desinfektoren ausgerüstet sein wird, so dass die Bekämpfung der 
Seuchen gerade auch auf dem Lande immer erfolgreicher durch¬ 
geführt und damit einer Wiedereinschleppung von dort nach den 
Städten vorgebeugt werden kann. 


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Dritter Jahresbericht (1905) 

des 

Versorgungshauses für Mütter und Säuglinge 
zu Solingen-Haan. 

(Leitender Arzt: Dr. Paul Selter, Solingen.) 

Zugleich ein Bericht über das Auftreten einer Hausepidemie 
und ein Beitrag zur Physiologie des Stillens. 

Von 

Dr. Otto Spiegel, ehern. Assistenzarzt. 


Das Jahr 1905 brachte im Betriebe der Anstalt mancherlei 
Veränderungen. Bei der stetig wachsenden Frequenz zeigte sich, 
dass das bisherige Hans zu klein war, um auch nur den aller¬ 
notwendigsten Anforderungen zu genügen. Die Keuchhustenepidemie 
des Winters 1904/05 hatte die Notwendigkeit einer getrennt liegen¬ 
den Quarantänestation als dringend erforderlich bewiesen; Ver¬ 
waltung, Milchküche, Laboratorium und Pflegeräume litten unter 
dem Raummangel. So wurde denn das auf dem Grundstück der 
Anstalt liegende Vorderhaus, das bis dahin privaten Zwecken ge¬ 
dient hatte, dem Betriebe der Anstalt angegliedert. Im Erdgeschoss 
wurden untergebracht: die Verwaltung in drei Zimmern. Neben 
der Milcbküche und dem Sptilraum wurde ein eigener Anrichteraum 
eingerichtet. Von der Milchküche führt eine Treppe direkt in 
einen gut gemauerten Ktiblkeller, wo mit Hilfe einer Regensprüh¬ 
vorrichtung die Temperatur dauernd unter 10° C. gehalten wird. Das 
Laboratorium fand in einem hellen geräumigen Zimmer Unterkunft, 
so dass die Apparate zu bakteriologischen und chemischen Unter¬ 
suchungen zur Aufstellung kommen konnten. Ferner befindet sich 
im Erdgeschoss ein Arztzimmer. Vom Erdgeschoss führen zwei ge¬ 
trennte Treppen in das Obergeschoss. Zwei geräumige Zimmer 
dienen als Quarantänestation, die jedes von aussen kommende Kind 
mindestens 3 Wochen lang zu passieren hat, ehe es in die Pflegestation 
verlegt wird. Zwei Zimmer dienen als Krankenstation für schwer 
kranke Kinder, deren Isolierung notwendig erscheint. Ein voll- 


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130 


kommen getrennt liegendes Zimmer ist als Isolierraum bei etwaiger 
Infektionskrankheit eingerichtet. Ferner befinden sich im Oberstock 
-die Teeküche, das Zimmer der Stationsschwester und ein Zimmer 
bestimmt zur Aufnahme von Müttern aus besseren Ständen, die sich 
von ihrem kranken Kinde nicht trennen wollen. Dass die Einrichtung 
eines derartigen Zimmers notwendig war, bewies uns die sofortige 
Benutzung. Das Dachgeschoss dient verschiedenen häuslichen 
Zwecken. 

Für eine kurze Zeit schaffte die Einrichtung des Vorder¬ 
hauses Platz in den ttberbelegten Räumen der Pflegestation. Aber 
jnit Beginn des Sommers und besonders im Hochsommer mussten 
wir trotz Neuanschaffung von 12 Betten viele wieder doppelt be¬ 
legen. Wir überschritten damit die vorgesehene Belegstärke von 
insgesamt 60 Säuglingen, glaubten dieses aber tun zu müssen, da 
wir die Pfleglinge noch immer unter erheblich bessere hygienische 
Bedingungen brachten, als wenn wir sie in den überfüllten Proletarier¬ 
wohnungen gelassen hätten. Die Einschleppung ansteckender Krank¬ 
heiten in unsere Pflegestation hoffen wir durch streng durchgeführte 
Quarantäne für immer zu vermeiden. 

Entsprechend dem Wachsen der Anstalt musste auch das Per¬ 
sonal vermehrt werden. Ein zweiter Assistenzarzt wurde angestellt, 
drei neue Bethesda-Schwestern wurden von dem Mutterhause zur 
Verfügung gestellt, für die Milchküche, Waschküche, Hausktiche 
und die Nähstube wurden geeignete Leiterinnen gewonnen. Wenn 
die absolute Vermehrung des Personals gegen das Vorjahr auch 
beträchtlich ist, so genügt der jetzige Bestand doch bei weitem 
nicht den Bedürfnissen der Anstalt. Besonders war die Belastung 
der Pflegerinnen zu Zeiten, wo Krankheit oder ein notwendiger 
Erholungsurlaub ihre Zahl zeitweise verringerte, übermässig gross. 
Dass sie trotzdem unermüdlich ihrer Pflicht nachkommen, sichert 
ihnen nicht nur den Dank der Ärzte und der Verwaltung, sondern 
auch den der so aufopferungsvoll versorgten Pfleglinge. 

Die folgende Übersicht über Personal und Pfleglinge entspricht 
den Angaben, die der leitende Arzt der Anstalt Dr. Selter-Solingen 
auf der diesjährigen Generalversammlung gab. 

Bericht über Personal und Pfleglinge des Jahres 1905. 

An Personal waren vorhanden: 

2 Assistenzärzte 
1 Verwaltungsschwester 
6 Pflegeschwestern 
1 Schwester für den Haushalt 
1 Milchköchin 
1 Hilfspflegerin 


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131 


1 Leiterin für die Waschküche 
1 Leiterin für die Nähstube 
1 Elevin. 

In dem Berichtsjahr wurden 206 Personen verpflegt. 

Mädchen: Bestand vom Vorjahr 14 
aufgenommen . . 48 

”62 

In der Anstalt wurden entbunden 35 

ausserhalb.15 

50 

Die übrigen 12 waren schwanger oder zur Beobachtung ein¬ 
gewiesen. 

Entlassen wurden 38 Mädchen: 

als Ammen ... 9 

als Dienstmädchen 12 
nach Hause ... 15 

in andere Anstalten 2 

Von den 38 entlassenen Mädchen waren eingewiesen: 


Von der Provinzialfttrsorge.2 

von Armenverwaltungen.2 

von Privatleuten.34 


Es blieben am 31. Dezember 1905 im Bestand 24. 

Es starb kein Mädchen. 

Von nennenswerten Erkrankungen seien angeführt: 
Brustdrüsenentzündung ... 3 mal 

Geschlechtskrankheiten . . . 4 „ 

Lungenkrankheiten (Tuberkulose) 4 „ 

Die 35 im Hause stattgefundenen Entbindungen sind ohne 
Eunsthilfe verlaufen. Sämtliche Kinder lebten. Die in der Anstalt 
Niedergekommenen stillten alle, — mit Ausnahme einer schwer tuber¬ 
kulösen Buckligen, die aus äusseren Gründen gleich nach der Ent¬ 
bindung zur Entlassung kam, — wenigstens teilweise ihre Kinder. 

Was die Fürsorge der obdachlosen und Schutz suchenden 
Mütter angeht, so war es das Bestreben der Anstalt, zunächst die 
Mutter zum Stillen ihres Kindes anzubalten, um unter Benutzung 
des natürlichen Gefühles der Mutterliebe erzieherisch einzuwirken 
und das Band zwischen Mutter und Kind möglichst lange zu er¬ 
halten. Leider ist die Anstalt aus pekuniären Gründen nicht in 
der Lage gewesen, in gewünschtem Masse heilpädagogisch auf 
die Mütter, die z. T. aus den allerverwahrlosesten Verhältnissen 
kamen, zu wirken; dem Chefarzt fehlte in seiner ehrenamtlichen 
Tätigkeit die Zeit, und eine besondere Kraft dafür anzustellen war 
bisher nicht möglich. Immerhin ist es dank der erzieherischen Ein- 


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132 


Wirkung der geordneten Arbeit in geordneten Verhältnissen unter 
Benutzung des mächtigen Heilfaktors der Mutterliebe gelungen, 21 
der entlassenen Mädchen in dauernde Stellungen und geordnete Ver¬ 
hältnisse zu bringen. Wie viele von den nach Hause entlassenen 
Mädchen in geordeten Verhältnissen leben, lässt sich zur Zeit nicht 
abschätzen. Wünschenswert für die Tätigkeit des Hauses würde 
es sein, wenn eine pflichtgemässe Überweisung von seiten der Heb- 
ammenlehraustalten zu ermöglichen wäre. 

An Kindern waren von 1904 im Bestand 45 


aufgenommen wurden.73 Pfleglinge 

26 Kranke *) 
Gesamtzahl: 144. 

Entlassen wurden: 

als gesund.62 

als gebessert.6 

ungeheilt.0 

gestorben sind.19 


Gesamtzahl: 87. 


Es blieben im Bestand am 31. Dezember 1905 57 Kinder. 
Todesursachen: 


Keuchhusten, Lungenentzündung . . 

sonstige Lungenerkrankungen . . . 

Miliartuberkulose. 

chronische Magendarmkatarrhe . . . 

akute Milchvergiftung. 

akute Mehlvergiftung. 

Sepsis. 

angeborene Syphilis. 

innerer Wasserkopf. 

Frühgeburt, Lebensschwäche . . . 

Gesamtzahl 


2 

5 

1 

5 

1 

1 

1 

1 

1 

1 

19 Todesfälle. 


Das entspricht einer Gesaratmortalität von 13,19 °/ 0 . Von deu 
19 Gestorbenen starben vier bevor seit der Aufnahme 3x24 Stunden 
verflossen waren. Nach Abrechnung dieser Fälle, wo die heilen¬ 
den Faktoren der Anstaltsbehandlung noch nicht zur Wirkung kommen 
konnten, würde die Mortalität 10,71% betragen. Von den Ge¬ 
storbenen sind ausserdem noch zwei auf Rechnung der vorjährigen 
Keuchhustenepidemie zu setzen. Von den 19 Gestorbenen waren 
zwei in der Anstalt, 17 ausserhalb geboren. 


1) Als Kranke sind diejenigen bezeichnet, die wegen einer Krank¬ 
heit zum Zwecke der Heilung für die Dauer der Erkrankung eingewiesen 
wurden; als Pfleglinge alle anderen zum grössten Teil auch kranken Kin¬ 
der, die der Fürsorge der Anstalt dauernd überwiesen werden. 


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133 


Aus diesen Zahlen ist, glaube ich, ersichtlich, dass die Anstalt 
mit Erfolg für die Erhaltung des jungen Nachwuchses tätig war. 
Da aber die unehelichen Kinder fast alle körperlich minderwertig 
sind, so wäre es wünschenswert, wenn eine möglichst frühzeitige 
Überweisung in die Anstalt erfolgen könnte. Die pflichtgemässe 
Überweisung aus den Hebammenlehranstalten wäre auch aus diesem 
Grunde erstrebenswert. Wie sehr dieses von Wichtigkeit ist, zeigt 
die Tatsache, dass von den in der Anstalt geborenen unehelichen 
35 Kindern nur 2=5,7% starben, von den 83 auswärts geborenen 
dagegen 20,4 %. Sechs Kinder wurden ungeheilt bezw. als ohne 
besondere Pflege voraussichtlich nicht entwicklungsfähig gegen den 
Willen der Anstalt entlassen. Da uns eine General Vormundschaft 
fehlt, so war es uns rechtlich unmöglich, diese Kinder in Anstalts¬ 
pflege zu halten. 

Der Haushaltungsetat wurde mit Ausgaben und Einnahmen 
im Betrage von 25 854,59 Mk. balanziert; dieses war jedoch nur 
mit Hilfe einer vom Oberpräsidenten gütigst genehmigten Haus¬ 
kollekte möglich. 

Nun sei es mir gestattet, über eine Hausepedemie zu berichten 
und einige Erfahrungen über die Physiologie des Stillens mitzuteilen. 

Über das Auftreten und die Verbreitung einer Epidemie 
von Schleimkatarrhen. 

Während zu Anfang des Winters der Gesundheitszustand unter 
den Pfleglingen der Anstalt ein sehr günstiger war, setzte gegen 
die Mitte des Monats November eine Epidemie von Darmkatarrhen 
ein, die durch das Auftreten zahlreicher stark schleimhaltiger Stühle 
gekennzeichnet war. Sie verbreitete sich mit unheimlicher Schnellig¬ 
keit im ganzen Hause und versetzte unsere Pflegestation eine Zeit¬ 
lang in einen Zustand, der fast an den Hospitalismus der vor¬ 
antiseptischen Zeit erinnerte. Am 10. November zeigten sich in 
den auch der Zahl nach vermehrten Stühlen des Kindes Werner Sch. 
Schleimbeimengungen, die schon makroskopisch erkennbar waren. 
Das Kind zeigte klinisch sonst keine Erscheinungen, Temperatur, 
Puls, innere Organe zeigten normalen Befund. Kein Intertrigo. 
Die Nahrung bestand aus Buttermilch und 200 gr abgedrtickter 
Brnstmilch. Am 16. November erkrankte ein zweites Kind Erwin B. 
unter gleichen Erscheinungen. Dieses Kind lag noch in der Qua¬ 
rantäne, also räumlich weit entfernt in einem andern Gebäude, und 
wurde mit Laktoserve Böhringer, einer Buttermilchkonserve, die 
wir gerade probeweise an eine grössere Auzahl Kinder verfütterten, 
ernährt. Wir vermuteten natürlich bis jetzt noch keinen ätiologischen 
Zusammenhang der beiden Fälle. Am 22. November erkrankten 

Cenrralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV Jahrg. . 10 


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134 


darauf drei Kinder mit schleimigen Stühlen. Sie lagen alle im 
Rückgebände, aber in verschiedenen Zimmern, wurden von ver¬ 
schiedenen Pflegerinnen versorgt und erhielten an Nahrung, das 
erste Milch, das zweite Buttermilch und das dritte Laktoserve. Ich 
gebe nun in der folgenden Tabelle eine Übersicht über die er¬ 
krankten Kinder, den Tag des Beginns der Erkrankung, die Er¬ 
nährung, Lagerung und Besorgung. 


Name 1 

Tag der 
, Erkran¬ 
kung 

Nahrung 

; Pflegezimmer 



1. Werner F. 

10 

XI 

Buttermilch, Brust 

Rückgebäude 

Zimmer Nr.20 

2. Erwin B. 

16 

XI. 

1 Laktoserve 

Vorderhaus 

» 

9 

1 

3. Karl H. 

22 

XI. 

Milch 

Rückgebäude 

» 

9 

22 

4. Elisabeth F ... 

22. 

XI. 

| Buttermilch 

* 

9 

9 

23 

5. Hildegard M .. 

22 

XI 

Laktoserve 

9 

9 

9 

17 

6. Karl F. 

23. 

XI. 


9 

9 

9 

14 

7. Luise K. 

23. 

XI. 

j Buttermilch 

9 

9 

9 

17 

8. Grete W. 

26. XI 

Laktoserve 

9 

9 

9 

20 

9. Hermann K. .. 

28. 

XI. 

Buttermilch 

n 

V 

9 

19 

10. Erich W. 

30 

XI. 

» 

9 

9 

9 

22 

11. Elli B. 

10 

XII. 

9 

9 

9 

9 

20 

12. Walter A . 

14 

XII. 

•Milch 

Vorderhaus 

9 

9 

2 

13. Johann Z. 1 

15. 

XII. 

Brust 

9 

9 

9 

1 

14 Martha 0. 

15 

XII 

r 

n 

9 

9 

1 

15. Fritz Z. 

15 

XII. 

9 

Rückgebäude 

9 

9 

20 

16. Alfred K. 

16 

XII. 

Milch 

» 

9 

9 

17 

17 Rudolf W . 

17. 

XII. 

Buttermilch 

9 

9 

9 

19 

18. Anna W . 

17. 

XII, 

Laktoserve 

9 

9 

9 

23 

19. Walter M . 

19. 

XII. 

Buttermilch 

9 

9 

9 

22 

20. Grete A . 

21. 

XII.! 

Milch 

Vorderhaus 

9 

9 

2 

21. Frieda Z . i 

25. 

XII. 

Buttermilch 

Rückgebäude 

9 

9 

19 

22. Ruth P . 

26. 

XII. 

* 

Vorderhaus 

9 

9 

2 

23. Elisabeth F_I 

27. 

XII. 

9 

» 

9 

9 

2 

24. Franz M.! 

28. 

XII,: 

n 

Rückgebäude 

9 

9 

23 


Im ganzen erkrankten also 24 Kinder. Wenn es natürlich 
unsere erste Pflicht sein musste, für die Erkrankten zu sorgen, so war 
es für uns ebenso streng geboten, eine Weiterverbreitung zu ver¬ 
meiden, d. i. die Krankheitsursache zu suchen und auszuschalten. 

In erster Linie musste man an eine Verschleppung der Krankheits¬ 
erreger von Kind zu Kind denken. In unserer Anstalt ist das 
Boxensystem — wo jedes Kind von seinem Nachbar durch eine 
Wand, womöglich Glaswand, getrennt ist, wo jeder Pflegling seine 
eigenen Pflegesachen, wie Puderbüchse, Thermometer, Spül- 
Tohr etc. aseptisch in seinem Verschlag aufbetvahrt bekommt, — nicht 
eingeführt. Es konnte bei den dürftigen Mitteln, die bei der Grün¬ 
dung der Anstalt zur Verfügung standen, nicht durchgeführt werden. 


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135 


und später gelangten wir zu der Überzeugung, dass es bei einem 
geschulten Personal überflüssig ist. Die Regeln der Asepsis sind 
unseren pflegenden Schwestern so in Fleisch und Blut übergegangen, 
es ist so selbstverständlich, dass nur was ausgekocht oder desinfiziert 
ist als „rein“ betrachtet wird, dass die Mütter nur ihr eigenes Kind 
berühren und besorgen dürfen, dass es uns Ärzten von vornherein 
schwer fiel, an diese Art der Übertragung zu glauben; und wirklich 
gelang es auch trotz genauester Beobachtung nicht einen Fall der¬ 
artiger Übertragung nachzuweisen. Die Nahrung. Es erkrankten 
ohne bestimmte Auswahl, Kinder die an der Brust tranken und 
Kinder, die künstlich mit Milch, Buttermilch oder Laktoserve er¬ 
nährt wurden. So erkrankten z. B. am 15. Dez. (s. Tabelle) drei 
Brustkinder, die von ihren Müttern gestillt wurden, und räumlich 
auf verschiedene Zimmer des Vorder- und Rtickgebäudes verteilt 
lagen. Trotzdem kehrten wir für einige Tage von der Pasteuri¬ 
sierung der Milch zur Sterilisation zurück, wie immer wurde die 
Kühlung peinlichst beobachtet, die Sauger jedesmal nach dem Ge¬ 
brauch ausgekocht, die leeren Flaschen sterilisiert. Die Infektion 
ging weiter. Sie musste eine Ursache haben, die alle Kinder 
unabhängig von der Nahrung gleichmässig schädigte. Da machte 
eine Schwester die Mitteilung, ihr sei eine Windel, in der sich 
noch alte Kotspuren befanden, als „rein“ zum Gebrauch aus der 
Waschküche geliefert worden. Bei der Revision des Wäschebestandes 
und der Waschküche fand sich nun folgendes. Ein Reservevorrat 
an Windeln war überhaupt nicht mehr vorhanden. Bei dem schnellen 
Wachsen des Hauses und den damit verbundenen grossen Ausgaben 
für Neuanschaffungen hatte der Wäschebestand nicht erhöht werden 
können aus Mangel an Mitteln. Er war vielmehr durch die Aus¬ 
rangierung verschlissener Stücke gesunken und die Zahl der Ver¬ 
braucher hatte sich dabei stark vermehrt. Im Sommer, wo im 
Garten schnell getrocknet wurde, konnte zur Not noch den An¬ 
forderungen genügt werden, im Winter aber konnte trotz des Vor¬ 
handenseins einer Trockenanlage der Bedarf oft nicht gedeckt 
werden. Dazu kam noch, dass das grosse Waschfass, das zum Auf¬ 
spülen der gereinigten und gekochten Windeln diente, einen Defekt 
•erlitt, der aber nicht gemeldet wurde und daher auch nicht ab¬ 
gestellt werden konnte. Die gewaschenen und gekochten Windeln 
wurden nun vom Waschküchenpersonal in einem Zuber aufgespült, 
der zur ersten groben Reinigung der schmutzigen Windeln diente. 
Das war die Quelle der Verbreitung der Infektion. Nun wurde 
sofort für eine ausgiebige, gründliche Reinigung gesorgt und die 
Windeln jedesmal eine Stunde lang ausgekocht. Vom 26. Dez. 
datieren diese Vorschriften. Am 27. und 28. Dez. erfolgte noch je 
■eine Neuerkrankung, dann klang die Epidemie ab. Ein Kind, und 


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136 


zwar das zuerst erkrankte starb, alle anderen genasen oder befinden 
sich auf dem Wege der Genesung. 

Wie die Stickhustenepidemie des Winters 1904 uns zur Ein¬ 
richtung der getrennt liegenden Quarantäne führte, so ist jetzt in 
dem Garten unserer Anstalt an Stelle der vollständig unzureichenden 
Wascheinrichtung eine Waschanlage projektiert, die mit den 
modernsten Einrichtungen versehen den Erfordernissen des Hauses 
entsprechen wird 

Bei einer derartigen Massenerkrankung war es für die Ärzte 
geboten, nach dem Erreger der Krankheit zu forschen. Das bakterio¬ 
logische Institut der Universität Bonn stellte in zuvorkoramenster 
Weise seine Dienste zur Verfügung. Die Ergebnisse der Unter¬ 
suchungen werden an anderer Stelle facbwissenscbaftlich zur Be¬ 
sprechung kommen 1 ). 

Ein Beitrag znr Physiologie des Stillens. 

Im Jahre 1905 wurden im Haaner Versorgungshause 35 Mäd¬ 
chen entbunden, 15 auswärts Entbundene fanden mit ihren Kindern 
Aufnahme. Es waren also 50 Mütter im Hause. Von diesen stillten 
alle bis auf zwei ihre Kinder. Bei der einen Nichtstillenden han¬ 
delte es sich um eine schwer tuberkulöse bucklige Person, die sofort 
nach der Entbindung zur Entlassung kam. Die zweite wurde erst 
am 14. Tage nach der Entbindung aufgenommen. Draussen war 
nicht einmal der Versuch gemacht worden, das Kind zum saugen 
an den schlecht entwickelten Warzen, die als Hohlwarzen an¬ 
gesprochen wurden, zu bringen. Jetzt war trotz entsprechender 
Behandlung — Warzeupflege, Anlegung kräftig saugender Kinder, 
Massage — die Milchsekretion nicht mehr in Gang zu bringen. Von 
den 48 Stillenden reichte bei 12 die Nahrung nur zum Allaitement 
mixte, 10 konnten ihr eigenes Kind vollständig stillen, 23 neben 
ihrem eigenen Kinde noch einem andern die Brust reichen, 3 waren 
imstande, drei Kinder zu gleicher Zeit zu versorgen. 

Bei den spärlich fliessenden Brüsten zeigte sich an der Hand 
der genauen Kontrolle der abgetrunkenen Milchmengen und des 
Körpergewichtes vermittels der Wage bald der Termin, wann die 
Beikost einsetzen musste. Wenn in der dritten Lebenswoche die 
Gewichtskurve nicht eine aufsteigende Tendenz hatte, so war dieses 
die Indikation zur Beifütterung, falls das Kind sich weniger als 
7ü Kalorien für das Kilogramm Körpergewicht — d. i. ungefähr die 
Milchmenge, bei der das Körpergewicht weder steigt noch fällt — aus 
der Brust herausholte und die Stuhlkontrolle eine gute Ausnützung der 

1) Vergleiche Sitzung der Vereinigung rhein.-westf. Kinderärzte am 
4. II. 0ö in Cöln a. Rh. 


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137 


Nahrung ergab. In Verabreichung der Beikost lernten wir am meisten 
das französische Regime schätzen, wo nach jeder der sechs Brust¬ 
mahlzeiten eine kleine Menge künstlicher Nahrung hinterher gegeben 
wird und zwar soviel, dass der Säugling durch Brust und künst¬ 
liche Nahrung zusammen vollkalorisch ernährt wird, d. h. die Nah¬ 
rungswerte erhält, die bei guter Ausnutzung einen gleichmässigen 
Ansatz von Körpersubstanz verbürgen. Bei diesen spärlich fliessenden 
Brüsten machten wir noch eine interessante Erfahrung. In einigen 
Fällen mussten wir in der dritten Woche zur Beikost übergehen. 
Aber nach einiger Zeit batte sich der Säugling — es handelte sich 
fast immer um schwach geborene und daher auch schwach saugende 
Individuen — soweit gekräftigt, dass er sich nun das genügende 
Quantum Milch aus der Brust herausholen und die Zufütterung auf¬ 
hören konnte. Eine solche Stillende konnte später sogar neben 
ihrem Kinde zwei weiteren Kindern die Brust reichen. Gewiss ein 
schönes Beispiel dafür, wie man eine Amme ziehen kann. 

Ein zweiter gefährlicher Termin für die Sekretionstätigkeit 
der Brustdrüse besonders bei Erststiilenden liegt nach unseren Er¬ 
fahrungen in der 5. bis 7. Woche nach der Entbindung, wenn die 
Mütter die Folgen des Wochenbettes überstanden haben und das 
Wiedereintreten der Menstruation die Wiederkehr der normalen 
Funktionen der Sexualorgane anzeigt. Um diese Zeit sehen wir 
häufig ein beträchtliches Absinken der Milchmenge. Das ist ge¬ 
wöhnlich für die ärztlich nicht beratene Mutter das Signal zum 
Beifüttern oder gar zum Abstillen. Wir haben dagegen gelernt, 
dass es am besten ist, regelmässig weiter anzulegen, ohne beizufüttern, 
selbst auf die Gefahr hin, dass das Kind einige Gramm Körper¬ 
gewicht verliert. Der hungernde Säugling wird um so kräftiger 
saugen, und dieser physiologische Reiz ist das beste Mittel, um 
diesen kritischen Moment zu überwinden und die träge Sekretion 
der Drüse anzuregen. 

Überhaupt möchte ich an dieser Stelle betonen, dass in Über¬ 
einstimmung mit anderen Beobachtungen in unserer Anstalt ein 
„allmähliches Versiegen“ der laktierenden Brust nur selten beobachtet 
wurde. Wenn nicht abgestillt werden soll, halten wir die Sekretion 
bei der dauernden Anwesenheit zahlreicher kräftiger Sauger beliebig 
lange in Gang. 

Bei Gruppe II, 10 Mütter umfassend, reichte die Milchmenge 
zur Ernährung des eigenen Kindes aus. 

In Gruppe III finden wir 23, also fast die Hälfte aller (48) 
Mütter, die neben ihrem eigenen Kind noch ein anderes ganz oder 
teilweise mitnähren konnten. 

Drei Mütter waren sogar imstande, neben dem eigenen zwei 
fremde Kinder mitzustillen. 


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138 


Bei dem starken polnischen Einschlag der hiesigen Bevölke¬ 
rung fanden auch sechs Polinnen in der Anstalt Aufnahme. Sie 
konnten sämtlich mehr als ein Kind stillen und zeigten relativ 
grossen Milchreichtum, während die absolut grösste Milchmenge 
einer deutschen Amme zukam. 

Während die meisten Mütter 2 bis 3 Monate nach der Entbindung 
die Anstalt verlassen, haben wir eine Anzahl, nämlich die von der 
Provinzialfürsorge eingewiesenen, die ein Jahr und länger bleiben; 
wollte ich daher eine Durchschnittszahl angeben, wie lange den un¬ 
ehelichen, bei uns aufgezogenen Kindern die Mutterbrust erhalten 
bleibt, so würde diese Zahl falsch und zwar zu günstig ausfallen, 
deshalb verzichte ich darauf. 

Dagegen möchte ich noch zwei Fragen kurz berühren. Wie 
soll die Ernährung der Stillenden sein? Was können wir vor und 
nach der Entbindung tun, um die Milchsekretion zu fördern? 

Entsprechend dem Charakter der Anstalt — die Mädchen sind 
nach der Entbindung ohne Entgelt im Hause — ist die Verpflegung 
äusserst einfach, aber kalorisch berechnet vollwertig. Dreimal 
wöchentlich wird Fleisch verabreicht. Es werden 5 Mahlzeiten 
gegeben: 

I. Frühstück: bestehend aus dünnem gesüssten Milchkaffee und 

3 frischen Semmeln. 

II. Frühstück: gesüsster Milchkaffee mit Butterbroten. 

Mittags: Nährende Suppen, Gemüse, Kartoffeln, dreimal wöchent¬ 
lich Fleisch. 

Nachmittags: gesüsster Milchkaffee mit Butterbroten. 

Abends: nahrhafte Milch- oder Schleimsuppen, Butterbrote. 

Jede Stillende erhält ausserdem täglich 1 Liter Milch. So ge¬ 
waltige Flüssigkeitsmengen, wie sie den Ammen oft aufgedrängt 
oder von ihnen verlangt werden (es wird von 9 Litern Flüssigkeit 
berichtet), werden bei uns nie bewilligt. Man sieht also aus 
unseren Erfahrungen, dass auch eine äusserst einfach ernährte 
Frau, wie es ja unsere Arbeiterfrauen draussen auch sind, zum 
Stillgeschäft gut befähigt ist. Während in anderen Säuglings¬ 
heimen die Ammen bezahlt sind, das Stillen also ihr Geschäft ist, 
und sie selbst an einer möglichst hohen Milchproduktion das grösste 
Interesse haben, bekommen unsere Mütter nicht die geringste Ent¬ 
schädigung für das Mitstillen anderer Kinder. Indem so erzieherisch 
gewirkt wird, nähern wir uns zugleich den alten Zuständen, wo die 
Mutter dem Kinde der kranken Nachbarin aus reiner Nächstenliebe 
wie dem eigenen die Brust reichte. 

Was können wir vor und nach der Entbindung tun, um die 
Milchsekretion zu fördern? 


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139 


Vor der Entbindung beschränken wir uns auf die Pflege und 
Abhärtung der Warzen. Sie werden 6 Wochen vor der Entbindung 
täglich mit absolutem Alkohol abgerieben, und auf diese Weise die 
Haut abgehärtet und auf die Anforderungen des Stillgeschäftes 
vorbereitet. 

Die Brustdrüsen selbst in Behandlung zu nehmen, halten wir 
nicht für zweckmässig. Es ist eine alte Erfahrungs-Tatsache, dass 
kleine, wenig versprechende Drüsen zu ergiebigen Milchspenderinnen 
wurden, und dass üppige, vielversprechende Brüste oft kaum zum 
Allaitement mixte ausreichen. Also hier kann jede Voraussage 
irrig sein, und ob später die Brust trotz oder wegen der Vor¬ 
behandlung ihre Funktion erfüllt, kann niemand sicher entscheiden. 

Von allen milch treibenden Mitteln, Lactagoga, soviele auch 
angepriesen werden, sahen wir nie einen sichern Erfolg. Anders 
von der mechanischen Beeinflussung. Ein kräftiger Sauger bringt 
meist auch die spärlich fliessende Brust in Gang, falls man lange 
genug regelmässig anlegt. Die Massage der Drüse im Sinne der 
Entleerung ist ein gutes Unterstützungsmittel. Jede Bewegung, die 
die Brustmuskulatur in Tätigkeit setzt und so einen erhöhten Blut¬ 
zufluss nach der Brust bewirkt, wirkt zugleich günstig auf die 
Milchsekretion. Schon die alten Römer kannten diese Tatsache 
und Hessen ihre Ammen Mandelmühlen drehen, um sie milch- 
reicher zu machen. Wir folgen ihrem Beispiel, lassen Armübungen 
machen und beschäftigen die jungen Mütter mehrmals am Tage 
für kürzere Zeit an der Kurbel der Wäschemangel, der Wring¬ 
maschine, des Flaschensptilapparates oder am Waschbrett. In letzter 
Zeit benutzen wir die Bi er sehe Saugstauung zur Hyperämisierung 
der Brustdrüse. Zu welchem Resultate diese Versuche führen 
werden, darüber soll später, wenn reichere Erfahrungen vorliegen, 
berichtet werden. 


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Polizeiliche Milchrevision und ihre hygienische 

Bedeutung. 

Zusammengestellt von 

G. Kircher, Pol.-Insp. 


Vorwort. 

Die nachfolgende Schrift soll nicht die Literatur über Milch 
vermehren und unerprobte Vorschläge machen, sie soll nur in kurzen 
Ausführungen die in ihr enthaltene Polizeiverordnung erläutern. Sie 
soll die Möglichkeit und Notwendigkeit einer intensiven polizeilichen 
Kontrolle der Milch beweisen und schliesslich den bisher erzielten 
Erfolg vor Augen führen. Die Anregung zu der Ausstellung der 
Polizei-Verordnung etc. auf der Ausstellung für Säuglingspflege gab 
der Kinderarzt, Herr Dr. Selter, welcher schon lange Jahre sich 
um die Förderung des Kinderwohles verdient gemacht hat. 

Ich bemerke, dass in der kurzen Zusammenstellung nicht alles 
das Aufnahme finden konnte, was zur genauen Beurteilung der an¬ 
gewandten Methode notwendig ist. Immerhin wird die Schrift einen 
kleinen Überblick über die hier geübte Milchkontrolle bieten und 
sollte es mich freuen, wenn schon ein Teil der Stadtverwaltungen 
Nutzen daraus ziehen kann. Zu näheren Aufklärungen und Rat¬ 
schlägen bin ich gern bereit. 

Der Verfasser. 


Über die Wichtigkeit der Milch als Nahrung für Säuglinge 
herrscht allgemeine Übereinstimmung. Zahlreiche Schriften nam¬ 
hafter Arzte und insbesondere Kinderärzte behandeln diese Frage, 
sowie ihren Einfluss auf die Kindersterblichkeit, die grösstenteils 
in direktem Zusammenhänge mit der Ernährung steht. Aus diesem 
Grunde sind auch alle Unternehmungen zur Herstellung und Abgabe 
einwandfreier Kindermilch lebhaft zu bcgrüssen. Es bleibt aber 
vorläufig die Tatsache bestehen, dass die grösste Mehrzahl der Säug- 


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141 


linge und insbesondere diejenigen der mittleren und ärmeren Be¬ 
völkerung entweder ganz oder neben der Mutterbrust durch ge¬ 
wöhnliche, sogenannte Marktmilch, ernährt wird. Diese 
Milch wird vom Händler entnommen und alsdann von der Mutter 
in irgend einer Form verwendet. In der Überzeugung, dass in den* 
nächsten Jahrzehnten hierin keine wesentliche Änderung eintreten 
wird, erscheint neben der Schaffung von Verkaufs- oder Abgabe¬ 
stellen von Kindermilch eine systematische und wirksame Kontrolle 
der zum Verkauf gelangenden Marktmilch durch die Polizei dringend 
notwendig, „denn mit den Säuglingen allein ist es nicht abgetan, gute 
Milch ist auch für ältere Kinder nötig, für die Mütter, welche die 
Säuglinge stillen sollen und für Kranke und empfindliche Erwachsene, 
ja am Ende für Alle. u (Biedert.) 

Polizeiliche Kontrollen bestehen schon seit langen Jahren, sie 
sind aber zum Teil stark bekämpft worden und dadurch zum grossen 
Teil in falsche Bahnen gelenkt und wirkungslos. Um sich ein Bild 
von der beabsichtigten Wirkung machen zu können, muss man zu¬ 
nächst die Anforderungen erkennen, welche an eine gute Milch ge 
stellt werden müssen. Die Milch soll unverdorben und unverfälscht 
sein. Verdorben kann die Milch hauptsächlich sein durch Ver¬ 
schmutzung. Verfälscht in der Regel durch Wasser oder durch teil¬ 
weise Entrahmung bezw. durch Zusatz entrahmter Milch. (Die 
sonstigen Verfälschungen kommen wenig in Betracht und sollen hier 
nicht besprochen werden.) 

Die Verfälschung durch Wasser führt, sofern dasselbe nicht 
einwandfrei ist, auch Milchverderbnis herbei. 

Verschmutzt kann die Milch werden schon beim Melken, durch 
unsauberes Vieh, durch unreine Hände, unreines Melkgeschirr etc. 
Ferner beim Transport durch unreine Kannen, unreine Messgefässe 
usw. Die Verschmutzung führt der Milch eine grössere oder kleinere 
Menge von Bakterien zu, welche, da sie einen äusserst günstigen 
Entwickeluugsboden finden, sich ungemein schnell vermehren und 
durch ihr Wachstum die Milch mehr oder weniger zersetzen. 

Dementsprechend muss die polizeiliche Kontrolle folgende 
Punkte umfassen: 

1. Möglichste Revision der Ställe und der Personen, welche 
das Vieh melken. 

2. Revision der Transportmittel (Wagen, Karren) und der Trans- 
portgefässe (Kannen, Flaschen etc.). 

3. Revision der Milch selbst auf Verdorbensein oder Ver 
fälschung. 

Es ist zweifellos, dass die zu Punkt 1 und 2 geforderten 
Revisionen sehr wohl von entsprechend belehrten Polizeibeamten 
vorgenommen werden können und erübrigt es sich daher, weitere 


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142 


Ausführungen hierzu zu machen. Zweifelhafter erscheint auf den 
ersten Blick die Möglichkeit, Milch durch Polizei-Beamte sachgemäß» 
auf ihre Verunreinigung und Verfälschung hin zu untersuchen. Ins¬ 
besondere haben verschiedene Lebensmittelchemiker diese Frage 
verneint. Sie haben angegeben, dass die vorhandenen Apparate 
trügerische Resultate ergeben könnten. Dass z. B. sehr fette Milch 
spezifisch gleiche Schwere wie gewässerte Milch haben könne und 
dass schliesslich eine ganz einwandfreie Feststellung der Verfälschung 
nur durch einen Chemiker erfolgen dürfe. Infolge dieser Auslassungen, 
die teilweise weitere Verbreitung durch Zeitschriften erhalten haben 
(z. B. Professor Dr. Hey er, Dessau, Deutsche Gemeinde-Zeitung 
Nro. ö pro 1903;, uud auch infolge Gerichtspraxis, wonach häufig 
Milchfälscher nur in solchen Fällen bestraft wurden, wenn die 
Fälschung durch Lebensmittel-Chemiker bewiesen worden war, haben 
bereits viele Stadtverwaltungen und Gemeinden die eigentliche poli¬ 
zeiliche Kontrolle entweder ganz abgeschafft und durch eine Kontrolle 
des Lebensmittel-Chemikers ersetzt, oder sie haben die polizeilichen 
Kontrollen sehr eingeschränkt. Viele Städte lassen lediglich die 
Milchproben durch Polizei-Beamte von den Wagen und Karren oder 
aus den Geschäften entnehmen und dem Chemiker zugehen, ebenso 
wie die Probeentnahme von Butter, Käse oder anderen Nahrungs¬ 
mitteln geschieht. Einige überlassen die ganze Revision dem Lebens 
mittel-Ohemiker. Auch die Entschädigung für den Lebensmittel- 
Chemiker ist ganz verschieden. Einige Städte bezahlen denselben 
pauschal, andere pro übergebene Probe, wieder andere pro beanstandete 
Probe. Nach einer weiteren Rundfrage werden pro übergebene 
Probe durchschnittlich 4 Mk. bezahlt, abgesehen von einigen wenigen 
Abweichungen. 

Das Gesetz über die Nahrungsmittelkontrolle schreibt poli¬ 
zeiliche Revisionen vor, von solchen ist auch nur in den betreffen¬ 
den Ministerial-Erlassen die Rede. Weil nun, wie oben ausgeftthrt, 
die chemische Zusammensetzung der Milch nicht allein die Ungeeignet¬ 
heit derselben ausmacht, sind die genannten Bedenken verschiedener 
Chemiker nicht zutreffend. Jedenfalls soweit nicht, wie die allgemeine 
Kontrolle vorgenommen werden muss und es sich nicht um Fest¬ 
stellung zur richterlichen Bestrafung wegen Fälschung 
der Milch handelt. 

Aber selbst für die Ermittelung und Überführung des Fälschers 
ist die polizeiliche Kontrolle gut, zur Erzielung einer allgemeinen 
Regelung des Milchverkehrs erscheint sie unerlässlich notwendig und 
kann hierfür nicht entbehrt werden. 

Milch, insbesondere Kuhmilch, hat eine gleichmässige Beschaffen¬ 
heit. Sie hat ein spezifisches Gewicht von 1,028 bis 1,034 bei 15 
Grad Celsius und einen Fettgehalt von mindestens 2,8 °/ 0 (nach den 


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143 


Angaben des Reichsgesundheitsamtes). Diejenigen Fälle, wo Milch* 
in den Handel gebracht wird, welche entweder ausserordentlich fett 
oder ausserordentlich mager ist und wo das normale spezifische Ge¬ 
wicht der Milch nicht vorgefunden wird, trotzdem es sich um. 
unverfälschte Milch handelt, sind ganz äusserst selten und wahr¬ 
scheinlich nur dann anzutreffen, wenn durch unsachgemässes Um¬ 
schatten der Milch in ein Gefäss zu viel oder zu wenig Rahm ge¬ 
langte, oder wenn die Kühe, von welchen die Milch stammte, krank 
waren. Allerdings kann durch ganz besondere Fütterung auf kurze 
Zeit eine solche Abweichung hervorgerufen werden, dass das spezi¬ 
fische Gewicht ausserhalb der angegebenen Grenzen bleibt. Aber 
auch dies kann vermittelst der vorhandenen Apparate durch einen 
geschulten Laien festgestellt werden resp. ergibt sich durch die 
Stallprobe. Besonders sei hervorgehoben, dass in Solingen während 
der langen Jahre besprochener Revision kein solcher Fall konstatiert 
worden ist und dass der Verfasser in seiner früheren langjährigen 
Tätigkeit an anderem Orte ebenfalls keinen solchen Fall erlebt hat. 
Wenn es einmal schien, als seien abnorme Verhältnisse vorhanden, 
weil Vorprobe und Stallprobe gleich schlechte Zahlen aufwiesen, 
dann zeigte sich bei sofortiger scharfer Nachkontrolle, dass irgend¬ 
wo und wie eine Täuschung vorlag, die Stallprobe beispielsweise 
ebenfalls gefälscht war, oder ähnliches. 

Ferner sei bemerkt, dass auch der Lebensmittel-Chemiker die 
Mitarbeit der Polizei-Beamten nicht entbehren kann und wird, wie 
z. B. bei der Entnahme der Probe und der Stallprobe. Wenn aber 
derjenige Beamte, welcher die Probe und Stallprobe entnimmt, über 
die Bedeutung der Milchrevision und ihre Handhabung nicht gründ¬ 
lich unterrichtet ist, so wird er niemals eine richtige, sachgemässe 
Entnahme der Probe bewirken können. Bei der jetzt fast allgemein 
üblichen Entnahme der Probe auf der Strasse von den Wagen etc. 
kann er in vielen Fällen schon deshalb keine richtige Probe ent¬ 
nehmen, weil ihm die notwendigen Geräte hierzu fehlen. 

Eine unrichtig entnommene Milch- und Stallprobe muss aber 
in jedem Falle ein trügerisches Bild von der Beschaffenheit der 
Milch geben. 

Um eine sachgemässe Kontrolle der Milch auszuüben, musa 
zunächst eine entsprechende Polizei-Verordnung erlassen worden sein* 
In der Stadt Solingen bestand aus dem Jahre 1896 eine Polizei- 
Verordnung, welche durchweg die allgemeinen Bestimmungen der 
Verordnungen aller grösseren Städte enthielt. Die Kontrolle der 
Milch geschah in der Weise, dass die Polizei-Beamten ein Laktoden¬ 
simeter in die Milchkannen eintauchten und nach dem an dem vor¬ 
genannten Instrument befindlichen roten Strich oberflächlich be¬ 
urteilten, ob die Milch gefälscht war oder nicht. Diese Methode 


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war den Beamten von dem früheren Chemiker angegeben worden. 
Die Folge war, dass niemals Milchfälschnngen gefunden wurden, es 
sei denn, dass irgendwo ein Milchkäufer wegen allzu grosser Wässe¬ 
rung eine Probe zum Stadtchemiker brachte und diese Milch rein 
ehemisch untersuchen liess. Auch das Laktodensimeter der Polizei- 
Beamten war ungeeignet, ganz abgesehen davon, dass selbst mit 
einem geeigneten Instrument auf vorbeschriebene Weise kein 
einwandfreies Resultat erzielt werden kann. 

Als ich im Jahre 1898 meine Stelle hier antrat, führte ich 
eine grundlegende Änderung der Milchrevision ein. 

Bei meinen ersten Untersuchungen konstatierte ich, dass die 
Milch fast durchweg von allen Bauern und Händlern gefälscht war. 
Die Milch zeigte fast ausschliesslich ein spezifisches Gewicht von 
1,024 bis 1,026 hei 15° Celsius und dementsprechenden Fettgehalt. 
Die Fälscher wurden zur Verantwortung gezogen und bestraft und 
so besserte sich die Qualität der Milch nach und nach in steigendem 
Masse. So günstige Resultate erzielt worden waren, zeigte in der 
Folge sich doch, dass die Polizei-Verordnung, die an und für sich 
nicht bemängelt werden soll, nicht alle diejenigen Vorschriften ent¬ 
hielt, welche zur wirksamen Bekämpfung herrschender Unsitten 
(unter anderem auch der Verschmutzung der Milch) resp. zur Durch¬ 
führung einer intensiven Kontrolle ausreichten. Deshalb wurde im 
Jahre 1901, als auch das Königliche Ministerium durch Verfügung 
vom 23. Juli 1889 I. J. 3682 Direktiven für den Erlass von Polizei- 
Verordnungen über die Milchkontrolle gegeben hatte, eine neue Ver¬ 
ordnung zusammengestellt, die möglichste Abhilfe schaffte. 

Dieselbe lautet: 

Polizei-Verordnung betreffend die Regelung des Ver¬ 
kehrs mit Kuhmilch. 

Auf Grund der §§ 5 und 6 c des Gesetzes über die Polizei- 
Verwaltung vom 11. März 1850 (G.-S. S. 265 ff.) und des § 144 des 
Gesetzes über die allgemeine Landesverwaltung vom 30. Juli 1883 
{G.-S. S. 195 ff.) wird unter Aufhebung der Polizei-Verordnungen 
vom 21. April 1896 und vom 10. Mai 1899 mit Zustimmung der 
Stadtverordneten-Versammlung für den Bezirk des Stadtkreises 
Solingen nachstehende Polizei-Verordnung erlassen: 

§ 1. Wer im Stadtkreise Solingen gewerbsmässig Milch ver¬ 
kaufen will, hat dies der Polizeibehörde vorher anzuzeigen. 

§ 2. Besitzer mehrerer Kühe dürfen die gesamte Milch nur 
gemischt in den Handel bringen. (Mischmilch.) 

§ 3. Frische Kuhmilch darf nur als Vollmilch und Magermilch 
in den Handel gebracht werden. 

Als Vollmilch gilt nur eine nach dem Abmelken in keiner 


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Weise entrahmte oder sonst veränderte Milch mit einem spezifischen 
Gewicht von mindestens 1,028 bei 15° Cels. und einem Fettgehalt 
von mindestens 2,7 °/ 0 . 

Magermilch ist die von Rahm grösstenteils befreite, sonst un¬ 
veränderte Milch. Das spezifische Gewicht derselben muss mindestens 
1,033 bei 15° Cels. betragen. 

§ 4. Abgekochte, sterilisierte oder einem sonstigen Verfahren 
unterworfene Milch ist nur unter der entsprechenden ausdrücklichen 
Bezeichnung in den Verkehr zu bringen. 

Lediglich abgekochte Milch darf nicht als sterilisierte Milch 
bezeichnet werden. Als abgekocht gilt diejenige Milch, welche bis 
zum Auf kochen erhitzt oder einer Temperatur von 90° Cels. mindestens 
15 Minuten lang ausgesetzt worden ist. 

Als sterilisiert darf nur solche Milch bezeichnet werden, welche 
sofort nach dem Melken von Schmutzteilen befreit und spätestens 
innerhalb 12 Stunden nach dem Melken in dem Sterilisierapparat 
ordnungsmässig behandelt worden ist. 

Der in Gebrauch zu nehmende Apparat muss von dem zustän¬ 
digen Nahrungsmittel-Chemiker als wirksam anerkannt sein. Die 
Flaschen sind während desErhitzens der Milch mit luftdichtem Ver¬ 
schluss zu versehen, und muss derselbe bis zur Abgabe der Milch 
an die Konsumenten unversehrt bleiben. 

§ 5. Vom Verkehr auszuschliessen ist: 

a) Milch, die wenige Tage vor dem Abkalbetennin und bis zum 
sechsten Tage nach dem Abkalben abgemolken ist; 

b) Milch von Kühen, welche an Milzbrand, Lungenseuche, 
Rauschbrand, Tollwut, Pocken, Krankheiten mit Gelbsucht, 
Ruhr, Euterentzündung, Blutvergiftung, fauliger Gebärmutter- 
Entzündung und anderen fieberhaften Erkrankungen (nament¬ 
lich Pyämie, Septipyämie) leiden, sowie von Kühen, bei denen 
die Nachgeburt nicht abgegangen ist oder bei denen krank¬ 
hafter Ausfluss aus den Geschlechtsteilen besteht; 

c) Milch von Kühen, die mit giftigen Arzneimitteln, welche in 
die Milch übergehen (wie Arsen, Brechweinstein, Niesswurz, 
Opium, Eserin, Pilokarpin und anderen Alkaloiden) behandelt 
werden; 

d) Milch von Kühen, welche an Eutertuberkulose oder an mit 
starker Abmagerung oder Durchfällen verbundener Tuber¬ 
kulose leiden; 

e) Milch, welche fremdartige Stoffe, wie Eis, insbesondere irgend¬ 
welche chemische Konservierungsmittel enthält; 

f) Milch, welche blau, rot oder gelb gefärbt, mit Schimmel¬ 
pilzen besetzt, bitter, faulig, schleimig oder sonstwie ver¬ 
dorben ist, Blutreste oder Blutgerinnsel enthält; 


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g) Milch, welche von Gehöften stammt, in welchen Epidemien 
(Typhus, Cholera etc.) ausgebrochen sind, bis zur Ent¬ 
scheidung des beamteten Arztes. 

§ 6. Milch von Kühen, welche an Maul- und Klauenseuche 
•oder an Tuberkulose, welche nicht unter §5d fällt, erkrankt sind, 
darf nur abgekocht oder sterilisiert in den Handel gebracht 
werden. 

§ 7. Saure und Buttermilch, Molken und dergleichen dürfen 
nicht aus Milch der unter § 5 a—g bezeichneten Herkunft bereitet 
und nur unter richtiger Bezeichnung in den Verkehr gebracht werden. 

§ 8. Beim Melken ist die grösste Sauberkeit ge¬ 
boten. Die Milch muss durch Seihen, die Zentrifuge oder gleich¬ 
wertige Einrichtungen von Schmutzteilen gehörig befreit werden. 
Mehr wie 10 Milligramm pro Liter Milchschmutz ent¬ 
haltende oderangesäuerte Milch darf nicht verkauft werden. 

§ 9. Die für den Verkauf bestimmte Milch darf nur in Räumen 
aufbewahrt werden, welche stets sorgfältig gelüftet, reingehalten und 
trocken sind, auch nicht als Wohn-, Schlaf- oder Krankenzimmer 
benutzt werden. Stehen sie mit solchen in Verbindung, so muss 
eine verschliessbare Tür vorhanden sein, die, solange zum Verkauf 
bestimmte Milch aufbewahrt wird, verschlossen zu halten ist. Per¬ 
sonen, welche an ansteckenden Krankheiten (Typhus, Gastrisches¬ 
oder Schleimfieber, Cholera, Ruhr, Masern, Röteln, Scharlach, Keuch¬ 
husten, Diphtherie, Rose) leiden, oder mit solchen Personen in un¬ 
mittelbare Berührung kommen, oder an Ekel erregenden Geschwüren 
und Ausschlägen an den Händen und im Gesiebte oder Hauttuber¬ 
kulose mit geschwürigem Zerfall leiden, dürfen sich in keiner Weise 
mit der Gewinnung, Aufbewahrung, dem Transporte und dem Ver¬ 
triebe der Milch beschäftigen. Den Anordnungen des beamteten 
Arztes ist Folge zu leisten. Bettstroh darf als Futter und Streu - 
material nicht verwendet werden. 

§ 10. Gefässe aus Kupfer, Messing, Zink, gebranntem Ton 
mit schlechter, schadhafter Glasur, Eisen mit bleihaltigem, rissigem 
oder bruchigem Email oder verrostete Gefässe sind sowohl als Trans¬ 
port-, wie als Standgefässe zur Aufnahme von Milch verboten. Glas- 
und Porzellangefässe sind als Transportgefässe nur für Vorzugsmilch 
(Kinder-, Kranken- etc. Milch), deren Gewinnungsort gemäss §§ 19 
bis 26 unter besonderer Vorschrift und Kontrolle steht, gestattet. 

Transport- und Standgefässe müssen mit einem Deckel ver¬ 
sehen sein. 

§ 11. Milchgefässe von 2 Liter und mehr Inhalt sollen eine 
so weite Öffnung haben, dass die Hand eines Erwachsenen bequem 
eingeführt werden kann. Die zum Ausmessen der Milch dienenden 
Gefässe müssen ebenfalls aus einwandfreiem Material bestehen resp. 


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mit einer geeigneten Handhabe versehen sein, so dass die Hand des 
Messenden mit der Milch nicht in Berührung kommen kann. 

§ 12. Lappen, Papier und dergleichen sind als Verschluss 
und Dichtungsmittel bei Milchgefässen auszuschliessen. Gummiringe 
als Dichtungsmittel dürfen kein Blei enthalten (Gesetz vom 25. Juni 
1887, § 2 R.-G.-Bl. S. 273). 

Sämtliche Milch- und Milchmassgefässe sind peinlich sauber zu 
halten. Kaltes Wasser genügt zur Reinigung nicht. 

§ 13. Die aus Milchgefässen oder geschlossenen Milchwagen 
führenden Zapfhähne sollen nur aus einwandfreiem Material be¬ 
stehen oder gut verzinnt sein und inwendig stets sauber gehalten werden. 

§ 14. Die Transport- und Standgefässe für Milch^ sollen mit 
deutlichen und unabnehmbaren Bezeichnungen, welche dem Inhalte 
entsprechen, versehen sein; aufgeklebte oder angebundene Zettel 
sind nicht zulässig. Standgefässe müssen in den Verkaufsstätten 
so aufgestellt sein, dass der Käufer die Bezeichnung lesen kann. 
Die Verwendung von Milchgefässen jeder Art zu anderen Zwecken 
Ist verboten. 

§ 15. Die zum Transport der Milch nach und in der 
Stadt benutzten Fuhrwerke sind stets sauber zu halten 
und darf in dem für die Milchgefässe bestimmten Raum 
ausser den zur Benutzung bei dem Verkaufe der Milch 
bestimmten Massen und Gefässen nichts anderes unter¬ 
gebracht sein. Sogenanntes Gesptil, Küchenabfälle, 
andere faulige oder leicht faulende Gegenstände und der¬ 
gleichen dürfen auf dem Milchwagen nur vollkommen ab¬ 
gesondert und auch überhaupt nur dann mitgeftihrt wer¬ 
den, wenn sie sich in Gefässen mit dicht schliessenden 
Deckeln befinden. 

Diese Gefässe sind nach jedesmaliger Füllung wie¬ 
der dicht zu scbliessen und von etwa aussen ihnen an¬ 
haftendem Schmutz oder Teilen des Inhalts sofort zu 
reinigen; Säcke sind nicht zu gebrauchen. 

§ 16. Die Milchgefässräume des Wagens, sowie die 
zum Einstellen der Milchflaschen dienenden Fachkasten 
und Flaschenkörbe müssen täglich einer gründlichen 
Reinigung unterzogen werden. 

§ 17. Milchgefässe dürfen auf Strassen oder in offe¬ 
nen Hausfluren, Höfen und Toreinfahrten nicht ohne Auf¬ 
sicht gelassen werden. 

§ 18. Die Milchverkäufer sind verpflichtet, den 
Polizei-Beamten zwecks Untersuchung der Milch, Revi¬ 
sion der Wagen und ihres Inhalts, der Milchgefässe etc. 
in die jeweilig bestimmte Kontrollstelle zu folgen. 


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§ 19. Für die .Verkäufer von Kindermilch, Knrmilch oder 
dergleichen Milch, die in dem Käufer den Glauben erwecken soll 
oder kann, dass es sich um eine besonders beschaffene Milch handele, 
gelten daneben noch folgende Bestimmungen. 

§ 20. Die Gewinn ungs- und Verkaufsstätten für Kindermilch 
werden besondere überwacht, ebenso der Betrieb, die Reinhaltung 
der Stallräume, der Aufbewahrungsräume und Gefässe, der Gesund¬ 
heitszustand, die Fütterung und die Haltung der Kühe. Die Stall¬ 
räume müssen geräumig, hell und luftig mit undurchlässigen, leicht 
zu reinigenden Fussböden und ebensolchen Krippen, mit Wasser¬ 
spülung und guten Abflussvorrichtungen versehen sein. In dem 
Stalle dürfen nur Kindermilchktibe aufgestellt werden, welche mit 
einer unauslöschlichen Marke K. M. (Kindermilch) zu versehen sind. 

§ 21. Die Fütterung mit Molkerei-, Brauerei- und Brennerei- 
Rückständen, mit Rüben, Rübenschnitzeln, Rapskuchen, Küchen¬ 
abfällen und ähnlichem ist untersagt. Trockentreber dürfen ver¬ 
wendet werden. 

§ 22. Der Gesundheitszustand von Kühen für Kindermilch- 
gewinnung wird vor ihrer Einstellung durch einen für das Deutsche 
Reich approbierten Tierarzt untersucht, insbesondere auf Tuberkulose 
durch Tuberkulinimpfung. Die Untersuchung (nicht Impfung) ist alle 
drei Monate zu wiederholen. 

Über die Untersuchungen ist Buch zu führen. 

Der zur Überwachung zuständige Beamte ist befugt, jederzeit 
Einsicht in das Buch zu nehmen. 

§ 23. Jede Erkrankung von Kühen einer Sondermolkerei an 
den in § 5 genannten Krankheiten ist, unbeschadet der zur Be¬ 
kämpfung der Viehseuchen vorgescbriebenen Anzeige an die Polizei¬ 
behörde unverzüglich dem zuständigen beamteten Tierarzt anzuzeigen. 
Derartige Kühe, sowie an Verdauungsstörungen resp. Durchfall oder 
Lecksucht erkrankte oder der Tuberkulose verdächtige Kühe sind 
sofort aus dem Stalle bis zur Entscheidung des beamteten Tierarztes 
zu entfernen. Die Milch von solchen Kühen darf nicht als Kinder- 
bezw. Vorzugsmilch etc. verwertet werden. 

§ 24. Die Benutzung von gebrauchten Stroh- resp. Abfall¬ 
stoffen als Streumaterial in solchen Stallungen ist verboten. 

§ 25. Die Kindermilchkühe sind besonders sauber zu halten, 
die Euter vor dem Melken sorgfältig zu reinigen, die Striche (Zitzen) 
zu waschen. Die melkenden Personen haben sich grösster Sauber¬ 
keit zu befleissigen und vor dem Melken Hände und Arme mit Seife 
zu waschen, sowie saubere Schürzen anzulegen. Das Füttern der 
Kühe darf erst nach dem Melken geschehen. Mit Ausschlägen be¬ 
haftete oder an ansteckenden Krankheiteu, wozu z. B. auch Blut¬ 
schwären zu rechnen sind, leidende Personen dürfen nicht melken. 


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Die Kindermilch darf beim Abgeben an die Konsumenten keinen 
Säuregrad über 4 nach Soxhlet nnd keine Temperatur über 16° Cels. 
aufweisen. Der Scbmutzgehalt darf nicht Ober 5 Milligramm pro 
Liter betragen. 

§ 26. Die Kinder- etc. Milch daTf nur in allseitig geschlossenen 
Wagen oder Kasten transportiert nnd in ungefärbten (weissen oder 
balbweissen) Glasgefässen in den Verkehr gebracht werden. 

§ 27. Die Polizei-Verordnung ist in Kindermilch-Gewinnungs¬ 
anstalten an sichtbarer Stelle auszubftngen. 

§ 28. Wer die Bestimmungen dieser Polizei-Verordnung flber- 
tritt, wird, falls nicht nach den allgemeinen Strafgesetzen höhere 
Strafen Platz greifen, mit Geldbusse bis zu 30 Mk., im Unvermögens¬ 
falle mit entsprechender Haft bestraft. Milch, welche den Anforde¬ 
rungen dieser Vorschrift nicht genügt, kann von der Polizei-Behörde 
eingezogen werden. 

§ 29. Diese Polizei-Verordnung tritt am 1. August 1901 
in Kraft. 

Solingen, den 15. Juni 1901. 

Die Polizei-Verwaltung. 

Der Ober-Bürgermeister: Dicke. 

Diese Verordnung enthält eine Reihe von neuen Bestimmungen; 
die wesentlichen derselben sind durch gesperrten Druck besonders 
hervorgehoben. 

Sie betreffen einerseits die Revision der Ställe und Vorschriften 
über das Melken, sowie die Reinhaltung der Milchkannen etc. Ferner 
die Anordnung, dass die Milchhändler den Polizeibeamten 
zwecks Kontrolle der Milch an die jeweilige Kontroll¬ 
stelle zu folgen haben. Die ersteren Bestimmungen sprechen 
für sich, bemerkt Bei aber, dass, während früher die Milch mit aller¬ 
hand Abfällen zusammen auf Karren verladen wurde, oftmals leere 
Milchkannen zur Mitnahme von Spülicht oder Küchenabfällen Ver¬ 
wendung fanden, verschmutzte Milchkannen, Flaschen und Deckel 
häufiger vorgefunden worden sind, jetzt allgemeine Sauberkeit in 
vorbenannten Teilen beobachtet wird. 

Um die letztere Bestimmung richtig würdigen zu können, er¬ 
scheint es notwendig, das System der polizeilichen Untersuchung 
klar zu legen und vorher noch die Gründe für dieses System zu er¬ 
läutern. Durchschnittlich werden pro Kopf der Bevölkerung und 
Tag etwa ‘/* Liter Milch in die Stadt eingeführt. Diese Milch be¬ 
findet sich in Kannen resp. Flaschen von 1 bis 15 oder sogar 
20 Liter, durchschnittlich 10 Liter. Das macht bei einer 
Stadt von 50000 Einwohner pro Tag 25000 Liter oder 2500 Kannen. 

Cantralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 11 


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Die Qualität der Milch in den einzelnen Kannen kann verschieden 
sein. Demnach kann jede Probe nur für eine Kanne gelten. Des¬ 
halb ist es erforderlich, dass bei einer Kontrolle die Milch des be¬ 
treffenden kontrollierten Händlers sämtlich untersucht wird, weil 
sonst sehr leicht trotz der Kontrolle Betrügereien Vorkommen können. 
Wenn täglich 2500 Kannen eingeführt werden, ergibt dies für das 
Jahr 910500 Kannen resp. Probeneinheiten. Um eine wirksame 
Kontrolle zu haben, müssen mindestens l l 2 °lo zur Untersuchung ge¬ 
langen. Das sind für eine Stadt von 50000 Einwohner 4150 Einzel- 
proben. Schon aus dieser Zusammenstellung ergibt sich, dass die 
Kontrolle der Lebensmittelchemiker allein bei weitem nicht aus- 
reichen kann, resp. dass die rein chemisch vorgenommenen Kon¬ 
trollen viel zu teuer werden würden, weil jede Probeuntersuchung 
5 Mark mindestens kostet. Wenn deshalb, wie dies tatsächlich der 
Fall ist, grössere Städte von 200—300000 Einwohnern chemische 
Kontrollen ausführen lassen von 3000 Proben und dadurch alles 
nur mögliche getan zu haben glauben, so ist nach obigem die Un¬ 
zulänglichkeit leicht festzustelleu, sie untersuchen nur 0,05%. 

Das System der Untersuchung hierselbst ist so eingerichtet, 
dass es volle Gewähr für die Sicherheit bietet. Es arbeiten der 
Lebensmittel-Chemiker und die Polizei Hand in Hand, indem durch 
die Voruntersuchung alle diejenigen Proben ausgeschieden werden, 
welche als zweifellos unverfälscht und unverdorben keiner weiteren 
chemischen Untersuchung bedürfen. 

Wie schon angegeben, hat der Milchverkäufer (Händler, Land¬ 
wirt) dem Polizeibeamten an die jeweilige Kontrollstelle zu folgen. 
Diese Kontrollstellen werden derart bestimmt, dass die Händler 
in ihrem Verkaufsbezirk kontrolliert werden können, also keinen 
weiten Weg zur Kontrollstelle zurückzulegen haben. Dies geschieht 
in der Absicht, die Leute nicht in ihrem Gewerbe unnötig zu be¬ 
hindern. 

Die Kontrollstelle ist entweder in einem öffentlichen Ge¬ 
bäude (Polizei-Bezirks-Bureau, Markthalle etc.) oder in einem an¬ 
deren geeigneten Raum etabliert. Daselbst hat ein Tisch Auf¬ 
stellung gefunden, ein grosses Gefäss mit entsprechender Ausguss¬ 
tülle zum Umgiessen der Milch, ein Holzspatel zum Umrühren, grosse 
Glaszylinder und grosse Laktodensimeter mit Thermometer sind 
vorhanden. Dass alle Teile in sauberstem Zustande erhalten werden, 
sei als selbstverständlich nur nebenbei bemerkt. 

Ein in der Milchkontrolle ausgebildeter Polizei-Beamter (Wacht¬ 
meister, Kommissar) oder an gewissen Tagen der städtische 
Nahrungsmittelchemiker leitet die Untersuchung, resp. 
nimmt sie vor. Die Milch wird kannenweise langsam in das Um- 
giessgefäss geschüttet und hierbei das Augenmerk auf den zuletzt 


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151 


nuszugiessenden Teil und den Boden der Kannen gerichtet. Schmutz 
senkt sich beim Pahren der Milch bereits zu Boden, so dass, falls 
eine Verschmutzung der Milch stattfand, diese hierbei beobachtet 
werden kann. 

In dem Umgiessgefäss wird die Milch umgerübrt, ein Teil in 
einen Glaszylinder gegossen und auf ihr spezifisches Gewicht ge¬ 
messen. Besonderes Augenmerk ist auf den Wärmegrad 1 ) zu legen, 
-eventuell dieser bei der Berechnung in Rücksicht zu ziehen, wobei 
eine vorhandene Umrechnungstabelle zweckmässige Benutzung findet. 
Gleichzeitig findet eine Prüfung der Milch nach Geruch und Aus¬ 
sehen eventuell Geschmack statt. Die Kannen werden innen und 
aussen einer eingehenden Revision auf Sauberkeit unterzogen, eben¬ 
so die Wagen und Karren. 

Wird Milch vorgefunden, welche den Anforderungen nicht 
entspricht oder zweifelhaft erscheint, so wird eine Probe zur 
weiteren chemischen Untersuchung entnommen und der 
Händler darauf aufmerksam gemacht, dass seine Milch diese oder 
jene Mängel habe, er auch berechtigt sei, eine Gegenprobe ent¬ 
nehmen zu lassen 2 ). (Nahrungsmittelgesetz.) 

Scheint eine Fälschung der Milch zweifellos, so wird mög¬ 
lichstschnell die Fettbestimmung vorgenommen, wozu sichere Apparate, 
insbesondere nach Dr. N. Gerber, auf dem Polizei-Amtszimmer vor¬ 
handen sind. Die gesamte fragliche Milch wird unterdessen zurtick¬ 
gehalten. Ergibt sich auch bei der Fettbestimmung die Fälschung, 
so wird die gefälschte Milch eingezogen und sofern sie nicht ver¬ 
dorben ist, an Arme verschenkt. Zur Einleitung und Durchführung 
der gerichtlichen Bestrafung wird eine Probe und, wenn angängig, 
möglichst bald eine entsprechende Stallprobe dem Nahrungsmittel¬ 
chemiker übergeben. Werden Transportmittel und Transportgefässe 
in Unordnung gefunden, so erfolgt polizeiliche Bestrafung. 

In keinem Falle sind wesentliche Unterschiede zwischen der 
vorbeschriebenen und der chemischen Untersuchung festgestellt 
worden, vielmehr war durchweg Übereinstimmung zu bemerken. 
Die Untersuchung selbst erledigt sich auf diese Weise äusserst 
schnell, in der Regel sind die einzelnen Händler in fünf bis 
sieben Minuten abgefertigt, sie werden also in ihrem Gewerbe 
nicht wesentlich gestört. 

Allwöchentlich werden etwa 15 Händler revidiert, die jeder 
-durchschnittlich sieben Kannen mit sich führen. Dies sind rund 


1) Inwieweit der Wärmegrad von Einfluss auf die Entwickelung der 
Bakterien ist, findet sich Seite 154 ausgeführt. 

2) Schmutzig befundene oder darauf verdächtige Milch wird auf 
Bchmutzgehalt untersucht, sauer riechende oder schmeckende Milch auf 
Bäuregehalt etc., beides durch den Lebensmittel-Chemiker. 


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105 Proben pro Woche oder ca. 5460 Proben pro Jahr = 0,6 °/ 0 . 
Ängstlichen Gemütern sei bemerkt, dass trotzdem bei der vor¬ 
handenen Anzahl der Händler (ca. 400) jeder erst alle Halbjahr 
einmal revidiert wird. 

Nachstehend zeigt eine graphische Darstellung die Anzahl der 
Einzelrevisionen pro Jahr im Verhältnis za denjenigen von mehreren 
grossen Städten des Westens im Durchschnitt auf 50000 Einwohner: 



Auch die graphische Darstellung der direkten Kosten für eine 
Einzelprobe im Gegensatz zu denjenigen Kosten der Untersuchung 
durch den Lebensmittelchemiker lasse ich folgen: 

Graphische Darstellung 

der ungefähren Kosten für eine einzelne Untersuchung der Milch¬ 
proben nach Art des Verfahrens in Solingen im Gegensatz zu 
mehreren grossen Städten der Rbeinprovinz. 



Bemerkenswert sind die erzielten Resultate: 

Milch von normaler Beschaffenheit, welche durch Wasserzusatz 
ein spezifisches Gewicht von 1,026 bei 15° Celsius erhalten hat, 
ist mit etwa 15 bis 20 °/ 0 Wasser verdünnt. Demnach ist solche 
Milch in Wirklichkeit nicht den gezahlten ortsüblichen Preis von 
20 Pfennigen, sondern nur 16—17 Pfennige wert. Hieraus ergibt 
sich der Verlust, den z. B. eine kinderreiche Familie, 
welche täglich drei bis vier Liter Milch gebraucht, erleidet. Er 
beträgt pro Jahr ca. 45Mark, ungeachtet der Kosten, die durch 


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die in Folge der Verschmutzung entstehenden Krankheiten erwachsen, 
nngeachtet der Schäden, die durch Verschmutzung der Milch dem 
kindlichen Körper zugefügt werden. 

Wie gross die indirekten Vorteile durch günstige Ernährung 
der Kinder sind, lässt sich zahlenmässig nicht feststellen. Darin 
aber stimmen alle hier praktizierenden Ärzte überein, dass trotz 
vielfacher künstlicher Ernährung der Säuglinge allein oder neben 
-der Mutterbrust die Sterblichkeit derselben in den letzten Jahren 
eine sehr geringe gewesen ist. Auch die Veröffentlichungen des 
Kaiserlichen Gesundheitsamtes bestätigen diese Angaben. 

Auf 1000 lebend Geborene starben von 0 bis ein Jahr pro 
1904 = 130, pro 1904 nur 121, während die Durchschnittssterblich¬ 
keit für Preussen 208 °/ 00 beträgt und selbst die günstigsten Re¬ 
gierungs-Bezirke noch grössere Sterblichkeit aufweisen (pro 1876, 
81, 86, 91 starben auf lOOOJLebendgeborene in Aurich 143, Osna¬ 
brück 171, Stade 172, Minden 183, Arnsberg 185, Lüneburg 193 
— Cöln 293, Potsdam 355, Breslau sogar 397). Biedert. 

Graphische Darstellung 

•der Kindersterblichkeit pro 1904/05 von Solingen im Gegensatz zur 
Durchschnitts-Kindersterlichkeit in Preussen: 



Die vorbeschriebene Polizeiverordnung hat sich durchaus be¬ 
währt, ebenso die Art der Durchführung. Dieselbe wird auch in 
allen grösseren Städten ähnlich angewendet werden können, um 
ähnliche Resultate zu erzielen. 

Um allen Polizeiverwaltungen gleiche Massnahmen möglich zu 
machen, wird von der Stadtverwaltung bereitwilligste Auskunft er¬ 
teilt. Allerdings wird die Verordnung noch nicht für ganz aus¬ 
reichend in ihren Bestimmungen angesehen. In dieselbe hätte später 
noch die Vorschrift Aufnahme zu finden, dass die Milch gleich nach 
dem Melken gekühlt und nicht mit einem Wärmegrad von über 
16 °/ 0 Celsius in den Handel gebracht werden darf. Ob diese For¬ 
derung in den nächsten Jahren durchführbar sein wird, ist noch 
nicht zu übersehen, jedenfalls würde der Nutzen ein bei weitem 


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grösserer sein, wie es auf den ersten Blick erseheint. Klarer wird 
die Beurteilung, wenn man die Ausführungen von Dr. Paffenholz, 
in Düsseldorf in seiner Broschüre „Säuglingssterblichkeit und Kinder- 
milch“ auf Seite 14 liest. 

Es heisst dort: 


„Die Konservierung. 

Dass das Soxhlet-Verfahren in manchen Fällen nicht vor Er¬ 
krankung schützt, hat seinen Grund vor allem darin, dass das Wachs¬ 
tum, also die Lebenstätigkeit der Bakterien eine chemische Ver¬ 
änderung der Milch hervorgerufen hatte; dann aber auch darin, 
dass eben eine völlige Keimfreiheit niemals erzielt wird, und beim 
Erkalten die übrig gebliebenen Bakterien ihre Wirksamkeit sofort 
zu entfalten beginnen. Es genügt also nicht, die Milch möglichst 
keimarm zu gewinnen und im Haushalt zu sterilisieren, sondern es 
müssen die nicht zu vermeidenden Bakterien vor und nach dieser 
Sterilisation in der weiteren Entwickelung gehemmt werden. Wie 
rapide die Vermehrung der Bakterien in der Milch im Sommer vor 
sich geht, beweist die Tatsache, dass eine Milch, die bei der Durch¬ 
schnitts-Sommertemperatur von 25° Celsius in 1 ccm 

9300 Bakterien enthielt 


nach 

3 Stunden 

18000 „ 

7) 

71 

6 n 

173000 „ 

71 

71 

9 n 

1 Million „ 

n 

n 

24 „ 

V 7t 

71 


Folglich muss die Methode der aseptischen Milcbgewinnung 
notwendig durch eine geeignete Konservierung ergänzt werden; 
denn in der Praxis wird meist die am Abend gemolkene Milch auch 
zum Verkauf verwendet, muss also die Nacht über stehen und 
noch den Transport mitmachen und gelangt erst nach 12—15 Stunden 
zum Konsumenten. 

Es werden also die Bestrebungen der Stall-Hygiene fast wertlos 
sein, wenn nicht nachher gegen die Verderbnis der Milch Fürsorge 
getroffen wird. Am einfachsten geschieht dies durch so¬ 
fortiges starkes Abkühlen nach dem Melken und durch 
Ktihlhalten bei einer [Temperatur von höchstens 16°/ 0 Cel¬ 
sius bis zur Ablieferung. Alle Kindermilch-Verordnungen ent¬ 
halten deshalb eine entsprechende Vorschrift, und es ist nicht zu 
verstehen, wie in einer der neuesten (Düsseldorf 1901) dieser Punkt 
vollständig übergangen ist. u 

Diese Ausführungen beziehen sich allerdings bei Paffenholz 
nur auf Kindermilch, aber, wie vorne angegeben, wird die gewöhn¬ 
liche Milch durch die Hausfrau zur Kindermilch präpariert. Wie 


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155 


soll dies nun eine brauchbare Kindernahrung darstellen, wo die 
Milch schon vorher hierfür ungeeignet war? 

Deshalb muss es heissen, vorwärts auf dem Gebiete der Milch¬ 
versorgung. 

Es wird gehen! 

In einigen Jahren werden Kühlwagen und Ktihlkannen Ver¬ 
wendung finden können, Eis und kaltes Wasser sind überall zu 
haben. 

Die wenigen laufenden Ausgaben bedeuten nichts gegen den 
geschaffenen Nutzen zum Gedeihen des Nachwuchses, zur Hebung 
des Wohlstandes und zum Segen des Vaterlandes. 


Kleine Mitteilungen. 


Leitsätze betreffend Mund- und Zahnpflege. 

Von Zahnarzt u. Dr. dent. surg. R. F. Günther in Bonn. 

Derselbe Verfasser, welchem wir den Aufsatz über: „Zahn¬ 
pflege in der Schule“ verdanken (vergl. voriges Heft S. 27), hat 
folgende Leitsätze über die Mund- und Zahnpflege aufgestellt, die 
wir hier ihrer Wichtigkeit wegen wiedergeben: 

1. Gewissenhafte und sorgfältige Mund- und Zahn¬ 
pflege ist allein imstande, die Zähne zu erhalten. 

Nur reine Zähne, d. h. diejenigen, welche regelmässig und 
aufmerksam gepflegt werden, können gesund bleiben. Selbst starke 
Zähne, wenn sie schlecht behandelt werden, müssen auf die Dauer 
den vielen Angriffen unterliegen, denen sie fortwährend ausgesetzt 
sind. Sie werden krank, machen viele Schmerzen und brechen 
zuletzt ab. 

2. Man bürste die Zähne auf allen Seiten und reinige 
den ganzen Mund überall, wohin man mit der Bürste nur 
kommen kann. 

Bis zu den hintersten Zähnen müssen auch die Kauflächen 
und Innenseiten, und namentlich diese stark gebürstet werden. 
Ebenso muss man Zahnfleisch, die Kiefer und den harten Gaumen 
reiben. Dabei soll man namentlich für die hinteren Zähne niemals 
den Mund straff, sondern mässig weit öffnen. 

3. Man putze erstens nach dem Frühstück, zweitens 
nach dem Mittagessen, drittens vor dem Schlafengehen. 

Zum Putzen nehme man Kreide oder etwas medizinische Seife, 


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als Mundwasser: 20 Teile Karbol auf 100 Teile Spiritus, davon 
10 Tropfen in ein Glas warmes Wasser. Man vergesse nie, dass 
erst Mund und Zähne gereinigt werden, bevor man das Mundwasser 
anwendet. 

Das gewöhnliche, flüchtige Putzen mit kaltem Wasser beruht 
nur auf einer ganz verkehrten Gewohnheit, auf Bequemlichkeit und 
hat nur ganz geringen Wert. 

4. Man brauche zum Putzen nie kaltes oder laues 
Wasser. Nur wer richtig-warmes Wasser zum Putzen 
nimmt, bekommt wirklich reine Zähne. 

Einzig und allein richtig-warmes Wasser macht die Zähne 
rein, weil es allen Schleim im Munde und Fett und Unreinlichkeiten 
von den Zähnen von selbst leicht löst. Dadurch wird das Putzen 
ungemein vereinfacht und bekommt so erst richtigen Wert. 

Man nehme aber nie kaltes Wasser. Denn, da die Zähne im 
Munde beständig warm gehalten werden, so ist es unmöglich, die 
Zähne mit kaltem Wasser abzuhärten, wie ganz falsch angenommen 
wird. Das richtige Wasser kann nur dafür sorgen, dass die Zähne 
rein sind, nicht dass sie hart werden. 

Letzteres hängt von ganz anderen Dingen, unter anderem von 
der ganzen Erziehungs- und Ernährungsweise von Jugend auf mit ab. 

5. Weiches Zahnfleisch ist krank und blutet leicht. 
Nur durch Reiben wird Zahnfleisch hart und gesund, 
niemals durch Tinkturen oder etwa durch kaltes Wasser. 

a) Nur wenn man das Zahnfleisch gut reibt, bleibt es gesund. 
Das Bluten beim Bürsten schadet nichts, sondern ist ein Zeichen, 
dass das Zahnfleisch krank ist. Schonung einerseits und Ansatz von 
Schleim und Zahnstein andrerseits haben es krank werden lassen. 

b) Bei der Pflege der bleibenden Zähne ist ein Zahnhölzchen 
nötig, um die Lücken zwischen den Zähnen zu reinigen und die 
Zahnfleischzipfel wohltätig zu reiben. Sie gerade müssen ganz 
besondere Sorgfalt erfahren, weil sie mit der Bürste nie richtig 
getroffen und gereinigt werden können. Das Zahnhölzchen, das 
durch nichts anderes ersetzt werden kann, gehört auf den Wasch¬ 
tisch und soll beim Zähneputzen, aber nicht als Zahnstocher in 
Gegenwart anderer Menschen gebraucht werden. 

6. Schon die ersten Zähne (Milchzähne) müssen durch 
gute Pflege und Reinlichkeit erhalten werden, bis sie 
von selbst ausfallen. 

a) Die ersten Zähne sind für das Kind ebenso unentbehrlich 
zum Kauen wie für den Erwachsenen die zweiten oder bleibenden 
Zähne, deshalb für die gesunde Entwicklung, das Wachstum des 
Kindes selbstverständlich wichtig. 

b) Die ersten Zähne müssen für die später durchbrechenden 


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zweiten Zähne den Platz offen halten. Wenn sie bis zu ihrem 
natürlichen Ausfall dableiben, bekommen auch die zweiten Zähne 
eine gute Stellung. Milchzähne haben so gut ihre Wurzeln wie die 
bleibenden Zähne. Wenn der natürliche Ausfall der ersten Zähne 
ein tritt, sind ihre Wurzeln von den neuen und kräftigeren zweiten 
Zähnen abgenagt. 

c) Die Milchzähne sollten auch deshalb gesund bleiben, weil 
häufige Entzündungen oder gar Eiterungen an ihren Wurzeln den 
Kieferknochen schädigen, in welchem sich zu derselben Zeit die 
bleibenden Zähne entwickeln. 

7. An die Stelle der zwanzig ausfallenden Milchzähne 
tritt nach und nach die gleiche Anzahl bleibender Zähne. 
Zu diesen zwanzig kommen noch hinzu zwölf grosse 
Backen-oder Mahlzähne. Besonders ist zu beachten, dass 
die ersten dieser Mahlzähne schon im 6. Jahre erscheinen. 

Die letzteren, die „Sechsjährigen“, gesund zu erhalten, ist 
nicht nur wegen ihrer Stellung im Munde so wichtig, sondern, 
weil sie um die Zeit des Zahnwechsels fast allein das Kauen zu be¬ 
sorgen haben. 

Die sechsjährigen Mahlzähne werden meist noch für Milch¬ 
zähne gehalten. Daher glaubt man, sie fielen von selbst aus, wenn 
dieselben krank werden. Viele Schmerzen können verhütet und viel 
Leid kann erspart werden, wenn gerade diese Zähne die grösste 
Sorgfalt erfahren. Nachdem die sechsjährigen Mahlzähne erschienen 
sind, dann beginnt der eigentliche Zahnwechsel. Zuerst vorn, 
dann an der Seite, bis alle Milchzähne gewechselt sind. Das dauert 
etwa bis zum 12. oder 13. Jahre. 

Um das 14. Jahr herum kommt dann der zweite bleibende 
Mahlzahn, der „14 jährige“, im 18. oder später der dritte Mahlzahn, 
der „Weisheitszahn“. 

8. Die Pflege des Mundes und der Zähne ist für 
Kinder ebenso wichtig oder wichtiger, wie das Hände¬ 
waschen oder andere Reinlichkeit am Körper. Gerade 
der Mund — als Anfang für die Atmung und für die Ver¬ 
dauung — bedarf der grössten Sauberkeit und Sorgfalt. 

Kinder können nicht früh genug zur Mund- und Zahnpflege 
angehalten werden. Sie sollten nur öfters den Mund und seinen 
Zustand im Spiegel besehen und z. B. untersuchen, ob sie erst 20 
oder schon 24 Zähne haben, |damit sie von klein auf, sozusagen 
spielend, mit diesen Dingen vertraut würden. 

9. Ausser dieser Pflege durch den Menschen selbst 
bedarf jeder, der gute Zähne behalten will, der Pflege 
und Hülfe des Zahnarztes. 

Wenn aus allzugrosser, aber unberechtigter Furcht diese Hülfe 


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nicht immer hinausgeschoben wird, so ist dieselbe eine grosse 
Wohltat. Zusammen mit der eigenen Pflege ist sie das einzige 
Mittel, die Zähne zu erhalten. 

a) Es müssen bei Kindern, wie bei Erwachsenen, die Zähne 
regelmässig nachgesehen werden, damit entstehende Löcher auf¬ 
gefunden und gefüllt werden. Das sollte etwa zweimal im Jahre 
geschehen. Durch Füllungen werden natürlich nicht nur die 
angefaulten Zähne selbst erhalten, sondern es wird gleichzeitig 
dafür gesorgt, dass Nachbarzähne nicht angesteckt werden. 

b) Von den Zähnen muss der grüne Ansatz und der Zahnstein 
entfernt werden. 

c) Um weitere möglichst grosse Reinlichkeit zu erzielen, 
müssen kranke Zähne, welche nicht zu erhalten sind, vor allem 
aber faulende oder eiternde Wurzeln entfernt werden. 

10. Künstliche Zähne müssen so beschaffen sein: 

a) dass sie zum Kauen wirklich gebraucht werden 
können; 

b) dass sie weder den eigenen Zähnen, noch dem 
Munde überhaupt Schaden bringen (durch Scheuern, 
Wetzen oder ungebührlichen Druck und behinderte Rein¬ 
lichkeit usw.). 

[ Nur mit Backenzähnen und nur, wenn solche oben und unten 
vorhanden sind, kann man ordentlich kauen. Vordere Zähne sind da¬ 
für ziemlich wertlos. Darin lasse man sich nur von einem tüchtigen 
Fachmanne beraten und nie etwas Halbes machen. Anfängliche 
Spielereien erzeigen sich gerade hier später meist für unzureichend. 
Zunächst sollen künstliche Zähne eine Beihülfe zu noch vorhandenen 
eigenen Zähnen sein. Nach und nach brauchen dieselben erst die 
verloren gehenden ganz zu ersetzen. Der Übergang zu einem 
vollständigen Ersatz kann sich vollkommen unmerklich vollziehen. 


Kursus für Kinderfürsorge. 

Wie früher veranstaltet die Zentrale für private Fürsorge zu 
Frankfurt a. M. auch heuer vom 23. April bis 5. Mai einen Aus¬ 
bildungskursus in der Kinderfürsorge. Zur sachgemässen Aus¬ 
bildung von freiwilligen und besoldeten Hilfskräften in Fragen 
der Organisation und Technik moderner Kinderfürsorge werden 
die wichtigsten Anstalten besucht, woran sich erläuternde Vorträge 
von hervorragenden Fachleuten anschliessen. Zur Verhandlung 
kommt diesmal das Gebiet der Säuglingsftirsorge, des Vormund¬ 
schaftswesens und der Sorge für gefährdete, verwahrloste und 
schwachbefähigte Kinder. Sowohl die ärztlichen Massnahmen zur 


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Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, wie die Aufgaben der 
Berufsvormundschaft zur Besserung der Lage der unehelichen 
Kinder, deren Rechtsschutz und Berufsausbildung werden eingehend 
untersucht. Aus dem Gebiete des Kampfes gegen Verwahrlosung 
und Verbrechen Jugendlicher seien als Verhandlungsthemen hier 
nur erwähnt: Erziehungsverfahren nach dem B. G. B. und Armen¬ 
gesetzgebung, Vormundschaft und Zwangserziehung, Mitwirkung 
von Gemeindewaisenrat und Schule, Beobachtungsstation für Zwangs¬ 
zöglinge, deren Unterbringung in FamiJienpflege, Fürsorge für 
jugendliche Gefangene. Im Zusammenhang damit wird dann die 
Erziehung geistig und sittlich Minderwertiger in Hilfsschulen und 
Arbeitslehrkolonien, erörtert. Das reichhaltige Programm verspricht 
für die Teilnehmer, die sich wie in früheren Jahren aus Mitgliedern 
der öffentlichen und privaten Fürsorge zusammensetzen werden, 
mannigfaltige Anregung. 

Eine Programmschrift, Ausbildungskurse in der Fürsorgearbeit 
1904, die gegen Einsendung von 80 Pf. von der Geschäftsstelle 
der Zentrale, Börsenstrasse 20 I zu beziehen ist, gibt nähere Aus¬ 
kunft über die Einrichtung dieser Kurse. Das ausführliche Pro¬ 
gramm wird jedem Interessenten auf Verlangen zugesandt. An¬ 
meldungen sind bis spätestens 10. April ds. Js. an die obige Ge¬ 
schäftsstelle zu richten. 


Literaturbericht. 


von Domitrovich, Der Hygieniker und die Schulbank. (Internat. 

Arch f. Schulhyg., Bd. I, Heft 1.) 

Die Anforderungen, welche die Hygiene an die Schulbank 
stellen muss, teilt Verfasser in 2 Gruppen ein: 

1. In Anforderungen, die in direkter Beziehung zum Körper 
der Schulkinder stehen; 

2. In solche, durch die indirekt auf die Gesundheit der 
Kinder eingewirkt wird. 

In der ersten Gruppe ist das Prinzip der Individualisierung 
des Gestühls (Universalbank) von der Generalisierung (Feste Grup¬ 
penbank) zu unterscheiden: Eine vollkommene Anpassung in allen 
Teilen ist nur mit der Gruppenbank zu erzielen. Um hiermit den 
Anforderungen der Hygiene gerecht zu werden, ist aber zuerst 
der Unterschied in den Körpergrössen des grössten und kleinsten 
Kindes festzustellen. Um ein hinreichend genaues Verhältnis der 


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Extremitäten zur Körpergrösse za erhalten, sind an möglichst vielen 
Orten Messungen vorzunehmen. Für die Höhe des Sitzes der 
Schulbaak ist allein die Länge des Unterschenkels massgebend; 
der Fass des Sitzenden soll bei vertikaler Lage des Unterschenkels 
auf der Unterlage voll ausruhen. Für die Tiefe des Sitzes ist die 
noch mögliche maximale Sitzfläche des Körpers zu ermitteln, wo¬ 
bei man ausser der genügenden Flächentiefe auch die genügende 
Flächenbreite berücksichtigen muss. Die Tiefe soll niemals gleich 
der ganzen Länge des Oberschenkels sein, sondern nur mit 2 / s bis 
höchstens s / 4 desselben angenommen werden. Für die Form des 
'Sitzbrettes ist es am besten, wenn dasselbe sich der Sitzfläche des 
Körpers anpasst und dementsprechend ausgehöhlt ist. Die Höhe 
des Sitzraumes (Differenz) soll gleich dem vertikalen Abstand der 
Ellenbogenspitze, bei lotrecht herabhängendem Arm, von der vor¬ 
deren Kante des Sitzbrettes +2 bis 3 cm für die zum Schreiben not¬ 
wendige Drehung des Armes nach vorn sein, dass es dem^Schreiber 
möglich ist, zu schreiben, ohne die Kreuzstütze zu verlassen. Die 
Lehne soll sich unterhalb des Kreuzstützpunktes mit einer dem 
oberen Gesässteil angepassten Höhlung fest an das Sitzbrett an- 
schliessen. Für jeden Schüler ist eine besondere Lehne anzubringen. 
Der Sitzraum soll für jeden Schüler so breit bemessen sein, dass 
beim Auflegen der Unterarme auf die Tischplatte, parallel zur 
Tischkante, die Spitzen der ausgestreckten Finger einer Hand die 
Handwurzel der anderen berühren. Die Tischplatte ist in der 
Neigung von Ve anzubringen. 

Die zweite Gruppe der hygienischen Anforderungen beziehen 
sich auf die sonstigen Momente, welche auf die Gesundheit des 
Kindes einwirken können. Hier sind folgende Punkte in den 
Vordergrund zu stellen. 

1. Die Möglichkeit zur gründlichen Reinigung des Fussbodens 
muss gegeben sein. Ein gleichzeitiges Hochheben der gesamten 
-Subsellien wäre das ideale, lässt sich aber wegen der technischen 
Schwierigkeiten nicht möglich machen. Es genügt jedoch auch 
das Umlegen der einzelnen Bank. 

2. Das Schulgestübl soll mit einem geschlitzten oder gerillten 
Fussrost versehen sein, um den Schmutz von dem Schuh werk der 
Kinder entfernen zu können, und um im Winter ein Nass- und 
Kaltwerden der Füsse zu verhüten. 

3. Das Schulgestühl soll nicht mehr als zweisitzig sein, um 
^ine gleichmässige Verteilung der Kinder zu bewirken und da¬ 
durch einer Stagnation der schlechten Luft vorzubeugen. 

4. Die für die Tagesbeleuchtung ungünstig gelegenen Arbeits¬ 
plätze, d. h. die der innersten Sitzreihen, müssen an die Fenster 
herangerückt werden können. Erforderlich für diesen Zweck sind 


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zweisitzige Bänke mit verkürztem Sitz, wodurch der Zwischenraum 
zwischen den Bänken eingeengt werden kann. 

5. Zum Aufstehen soll das Kind ganz aus der Bank heraus¬ 
treten. Hierbei tritt der Fuss des Aufstehenden auf den tiefer als- 
das Fussbrett liegenden Boden, wozu ein geringerer Kraftaufwand 
nötig ist, als wenn dos Kind sich auf dem Fussbrett aufrecht er¬ 
heben muss. Ein den hygienischen Anforderungen entsprechendes 
Gestühl soll in allen Teilen fest sein, mit einem für das Schreib - 
sitzen bemessenen Lehnenabstand. Gestühle mit beweglichen Teilen 
sind zu verwerfen, einmal wegen des unvermeidlichen Geräusches,, 
dann wegen der den Kindern gegebenen Gelegenheit zum Unfug 
und zuletzt wegen der Möglichkeit einer körperlichen Verletzung 
der Kinder. Selter (Bonn). 

von Ziegler, Die Kurzsichtigkeit der Schüler höherer Lehranstalten ,. 

eine Gefahr für die Landesverteidigung und ihre Bekämpfung. 

(Monatsschrift für das Turnwesen 1905, Heft 8.) 

Sich stützend auf die Untersuchungen von Cohn-Breslau über 
die Kurzsichtigkeit der Studenten rechnet Verfasser aus, dass der 
Landesverteidigung lediglich wegen Kurzsichtigkeit ca. 3000 Ein¬ 
jährig-Freiwillige jährlich entgehen. Um die gerade unter den 
Schülern der höheren Schulen so sehr verbreitete Kurzsichtigkeit 
zu mindern, müssten die Schulen eine regelrechte Gymnastik des 
Auges, Übung im Erkennen kleiner Gegenstände in der Ferne und 
Einprägen bestimmter Entfernungen, einführen, wie sie im Forst- 
fach und beim Militär schon lange mit Erfolg betrieben wird. Auf 
dem Turnplatz, während der Schüler Wanderungen und vor allem 
an den Spielnachmittagen Hessen sich derartige Uebungen mit 
Leichtigkeit einschieben. Sehr wertvoll für die Augen sind Schätzen 
grösserer Distanzen, Geradeausgehen auf weite Strecken und die 
militärischen Rieht- und Deckübungen. Die Einführung von Schiess¬ 
übungen, wie sie Kormann auf der 2. Jahresversammlung des¬ 
deutschen Vereins für Schulgesundheitspflege in Wiesbaden 1901 
vorschlug, um die Augen der Kinder wieder für weite Entfernungen 
einzustellen, hält Verfasser von seinem Standpunkte aus nicht für 
angebracht. Er glaubt, dasB diese Schiessübungen einmal wegen 
der damit verbundenen Gefahr und Verantwortung bedenklich 
seien, und vom militärischen Standpunkt nicht empfehlenswert, da 
leicht Fehler angezogen werden, die später schwer beseitigt werden 
können. Selter (Bonn). 

Heller, Überbürdungspsychosen bei minderwertigen Kindern. (Zeit- 

sehr. f. Schulgesundheitspflege 1905, Nr. 11.) 

Immer stärker wird die Forderung, dass die Schwachbegabten 
einer besonderen individuellen Behandlung beim Unterricht bedürfen,. 


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und dass gerade hier geistige Überbiirdung leicht zu Psychosen 
führen kann. Verfasser teilt einige solcher Fälle (aus seiner Praxis) 
mit, welche er durch eine geeignete Beschäftigungs- und Arbeits¬ 
therapie unter sachverständiger Aufsicht zur Heilung bringen 
konnte. Selter (Bonn). 

Burmeister, Über die Verwendung von staubbindenden Fussboden- 
ölen in Schulen. (Internat. Arch. f. Schulhvg. I, 2, 1905.) 

Schon seit einer Reihe von Jahren haben sich die Fussboden- 
öle zur Beseitigung der Staubplage in den Schulen bewährt, indem 
der Keimgehalt der Luft um das 3—4fache herabgesetzt wurde. 
Am meisten Verwendung hatte bisher das Dustless-Öl (Dustless-Ge- 
sellschaft in Mainz) gefunden. Verfasser untersuchte die staub¬ 
bindende Kraft eines neuen Fussbodenöles von der Firma J. A. Wilke 
in Burg bei Magdeburg, dessen Preis bedeutend niedriger ist wie 
der des Dustless-Öles. Die experimentellen Untersuchungen ergaben, 
dass ein Unterschied in der Wirkung der beiden Öle nicht be¬ 
stand. Im Vergleich zu nicht geölten Zimmern zeigte sich eine 
Herabsetzung der Keimzahl um das 3—4facbe. Nach 7 Wochen 
hatte die Wirkung der Fussbodenöle erheblich nachgelassen. Ver¬ 
fasser untersuchte auch, ob in dem Schulstaub sich Tuberkel¬ 
bazillen nachweisen Hessen, indem er mit kleinen sterilisierten 
Schwämmchen den Staub von verschiedenen Stellen aufwischte, und 
zwar vom Katheder, von einer Schulbank, vom Schrank, vom 
Kleiderständer und vom Fussboden. Eine Verimpfung des in 
Bouillon aufgeschwemmten Staubes im Meerschweinchen ergab stets 
ein negatives Resultat. Tuberkelbazillen Hessen sich also nicht 
nachweisen. Die Ergebnisse seiner Versuche fasst Verfasser in 
folgendem zusammen: 

„Die Fussbodenöle sind vorzügliche Mittel zur Vermin¬ 
derung der Staubplage in Schulen, in denen wegen mangelnder 
Mittel eine tägliche feuchte Reinigung nicht möglich ist. Die Dauer 
der staubbindenden Kraft der Fussbodenöle ist verschieden, sie 
hängt von der Beschaffenheit der Fussböden, der Häufigkeit der 
Benutzung der Zimmer und der Anzahl der Schüler ab; bei Volks¬ 
schulen mit Klassenzimmern von 40—60 Schülern und schlechtem 
Fussboden muss eine Imprägnierung mit dem Fussbodenöl alle 6 
Wochen erfolgen, Das Wilkesche Fussbodenöl ist dem Dustless-Öl 
vollkommen gleichwertig; es ist daher dem beinahe um die Hälfte 
billigeren Fussbodenöl der Firma Joh. Arnold Wilke in Burg der 
Vorzug zu geben.“ Selter (Bonn). 


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Keferstein, Magdeburg und seine Wasserversorgung vom hygie¬ 
nischen Standpunkte. (Vierteljahrsschrift f. gerichtl. Medizin 1905, 
II. Heft) 

Die Stadt Magdeburg hatte im Jahre 1876 eine Wasserleitung 
mit 6 Filtern und 6 Klärbecken gebaut, welche das Wasser aus 
der Elbe bezog. Obwohl im Jahre 1887 infolge des Wachstums 
der Stadt bereits 2 neue Filter und 1893 weitere 3 neue Filter 
und 3 Klärbecken angelegt wurden, hat sich doch in der letzten 
Zeit vorübergehend eine Wasserkalamität ausgebildet. Im Sommer 
1904 sank der Wasserstand der Elbe ganz erheblich; dagegen 
stieg der Wasserverbrauch ausserordentlich. Um genügend Wasser 
zu sehaffen, vermehrte das Wasserwerk den Überdruck. Nunmehr 
ergab sich aber, dass durch das ausserordentlich verschlammte 
Elbwasser die Filter schon nach 2 Tagen leistungsunfähig wurden. 
Die Keimzahl des Wassers stieg so, dass der Magistrat sich ge¬ 
nötigt sah, öffentlich vor dem Genuss ungekochten Leitungswassers 
zu warnen. Es mehrten sich auch die Fälle von sporadisch auf¬ 
tretendem Unterleibstyphus in auffallender Weise. 

Auch früher war schon öfter beobachtet worden, dass bei 
geringem Wasserstand der Elbe der Wassereinfluss des Wasser¬ 
werks höher lag, als der Wasserspiegel des Flusses. Der Ausweg, 
nunmehr das Wasser mittels Wasserstrahlelevator aus der Elbe 
hoch zu heben, war einmal sehr kostspielig und dann auch tech¬ 
nisch schwierig. Dazu kam, dass das Elbwasser in den letzten 
Jahren immer mehr durch Zuflüsse aus den Bergwerken im Strom¬ 
gebiet der Saale und durch Zufluss von Industrieabwässern ver¬ 
schmutzte. Gelegentlich wurde so das Elbwasser in eine dicke 
Schmutzbrühe umgewandelt. Wenn dazu noch der reichliche 
Schlamm, der von den Zuckerfabriken herkam und ohne genügende 
Beimengung von feinem Ton und Lehm war, die Filter passierte, 
so bildete sich nicht immer die notwendige Filterschlammhaut. 
Nunmehr wurde aber die Filtrationswirkung eine absolut ungenü¬ 
gende, so dass die Wasserleitung wochenlang ein trübes, übel¬ 
riechendes Wasser liefert. 

Wenn die städtischen Behörden dieser Kalamität gegenüber 
eine vorläufige Verbesserung des Wasserwerks durch eine erwei¬ 
terte Filteranlage: Herstellung einer Vorfilteranlage und Anlage 
eines Saugrohres hinüber nach dem rechten Elbufer planten, so 
ist damit die Magdeburger Wasserfrage doch noch nicht gelöst. 
Das Elbwasser ist eben allmählich so verschmutzt worden, dass 
auch die beste Filtration nicht mehr genügt, zumal man immer 
mit vorübergehenden Betriebsstörungen rechnen muss, namentlich 
bei niedrigem Wasserstande und Frostwetter, wo die Selbstreinigung 
des Flusses gehemmt ist und die Leistungsfähigkeit der Filter ganz 


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aufhört ; schliesslich kann der unangenehme Salzgehalt des Elb¬ 
wassers durch Filtration überhaupt nicht geändert werden. 

Darum ist die Stadt Magdeburg der Frage näher getreten, 
ob sie nicht gutes Grundwasser aus der Nähe beziehen kann. 
Bohrversuche am Nordabhange des Fläming ergaben überreiches, 
einwandfreies Grundwasser, dessen Eisenhaltigkeit leicht zu be¬ 
seitigen wäre. Die Stadt will zunächst einen Versuchsbrunnen 
anlegen und dann längere Zeit hindurch die Wasserverhältnisse, 
zumal auch die Ergiebigkeit prüfen. Allerdings würde durch die 
neue Grundwasserleitung der Preis des cbm Wasser auf 20 Pfg. 
sich erhöhen, während bisher nur 12 Pfg. bezahlt wurden. 

Krautwig (Cöln). 

Deutsch, Die Übertragung ansteckender Krankheiten durch Bade* 
anstalten und deren Verhütung. (Vierteljahrsschrift für gerichtl. 
Medizin, 1906. II. Heft.) 

Da von manchen Seiten die öffentlichen Bäder beschuldigt 
wurden, dass sie gelegentlich zur Übertragung ansteckender Krank¬ 
heiten Veranlassung gäben, so ist die genaue und sachgemässe 
Besprechung dieses wichtigen Themas durch den Verf. sehr er¬ 
wünscht. Beim Baden in offenen Gewässern besteht zweifellos die 
Möglichkeit, dass gelegentlich infektiöse Keime aus dem Wasser 
auf den Badenden übergehen. Besonders interessant und beweis¬ 
kräftig sind von Militärärzten gemachte Erfahrungen, die sich fast 
ausschliesslich auf die sogenannte Weilsche Krankheit beziehen. 
Zunächst konnte Jäger feststellen, dass bei mehreren Soldaten in 
Ulm, die nach dem Baden in der Donau erkrankten und starben, 
sich aus den Organen und Sekreten dieselbe Proteusart züchten 
liess, die er oberhalb des Badeplatzes in einem der Donau zu- 
fliessenden Gewässer nachweisen konnte. In dieses Flüsschen wurde 
krepierendes Geflügel hineingeworfen, in dessen Organen dieselben 
Bazillen zu Anden waren wie bei den Soldaten. In ähnlicher Weise 
können Typhus und Cholera übertragen werden, darum verlangt 
Deutsch als Vorkehrungen gegen solche Gefahren möglichste Ver¬ 
hütung der Verunreinigung von Flussläufen, Anlage der Bade¬ 
anstalten an Orten, an welchen das Wasser möglichst wenig 
verunreinigt ist, Schliessung der Badeanstalten im Falle herrschender 
Epidemien an Cholera und Typhus. 

Bei der zweiten Art von Bädern, den Bassinbädern, sind solche 
zu unterscheiden, die unfiltriertes Oberflächenwasser und solche, 
die Brunnen- oder Leitungswasser benutzen. Die erstem haben 
dieselben Nachteile, wie die Flussbäder, wenn man nicht die Be¬ 
denken durch zweckmässige Auswahl der Entnabmestellen (oberhalb 
des Ortes) und durch evtl, zwischengeschobene Klärbecken herab- 


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mindert. Werden dagegen die Bäder von Brunnen- oder Leitungs 
w&sser gespeist, so ist dieses Wasser ja zunächst einwandfrei, es 
kann aber durch die Badenden selbst sehr leicht verunreinigt 
werden. Zweifellos können auch pathogene Keime von den 
Badenden her ins Wasser gelangen, so Typhusbazillen durch Un¬ 
reinigkeit des Afters und durch Urin, Diphtheriebazillen durch Aus¬ 
spucken von Rekonvaleszenten. Am meisten Aufsehen hat bis 
jetzt eine Konjunktivitis-Epidemie in Berliner Schwimmbädern, 
beschrieben von Fehr, Schulz und Maschke hervorgerufen. 
Die Verunreinigungen des Badewassers können erheblich vermieden 
werden durch häufige Erneuerung des Badewassers. Ein brauch¬ 
barer, sicherer Indikator, der uns die Notwendigkeit, das Wasser 
zu erneuern, erkennen Hesse, fehlt uns leider noch. Bakteriologische 
Untersuchungen haben sogar das auffallende Resultat erbracht, 
dass die Zahl der Mikro-Organismen nach längerem Gebrauch, also 
auch nach grösserer Verunreinigung abfiel. Im allgemeinen muss 
man bei stark besuchten Bädern tägliche Erneuerung des Wassers 
verlangen; dazu noch einen beständigen Zu- und Abfluss, der 
zumal den Schmutz der Oberfläche abschwemmt. Vor jeder Er¬ 
neuerung ist natürlich das Bassin, das am besten aus glattem 
Zement bezw. Terrazzo besteht, gründlich zu reinigen. Dass sich 
der Badende vor Gebrauch des Bassins durch ein Fussbad und 
Brausebad gehörig zu reinigen hat, wird allgemein verlangt. 
Speirinnen werden nicht viel benutzt. Die Vorschrift, dass Personen 
mit ansteckenden Krankheiten das Bassin nicht benutzen dürfen, 
ist schwer zu kontrollieren. Berechtigt erscheint das Verlangen 
Deutschs, dass die Zahl der gleichzeitig das Bassin benutzenden 
Personen begrenzt sei. Als Massstab mag die Angabe Schulz es 
dienen, dass für jeden Schwimmer etwa eine Wassermenge von 8 cbm 
zu verlangen sei. D. wünscht, dass Nichtschwimmer, die von dem 
Bassin keinen besonderen Vorteil hätten, zu diesem gemeinschaft¬ 
lichen Bad nicht zugelassen würden. 

Salonbäder, d. h. grosse Badezellen, in denen mehrere Per¬ 
sonen zu gleicher Zeit baden, ohne aber hier schwimmen zu können, 
verwirft D. mit Recht. 

Fast ohne Gefahren sind die Wannenbäder, die mit einwand¬ 
freiem Wasser gefüllt und nach jedem Gebrauch ausreichend ge¬ 
reinigt werden können. 

Am wenigsten bedenklich bezüglich Übertragung ansteckender 
Krankheiten sind die Brausebäder, da es unmöglich ist, dass das 
hier gleich abfliessende Wasser noch mit weiteren Badenden in 
Berührung kommt. 

Dass alle Badeanstalten in bezug auf bauliche Einrichtung 
und die Gebrauchsgegenstände den Anforderungen hygienischer 

OentralMatt f. all?. GeHunriht-itspflege. XXV. Jahr?. 12 


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Sauberkeit genügen müssen, ist selbstverständlich: also geeignete 
Fussböden und Decken, saubere Aborte und Pissoire, tageshelle 
Erleuchtung. Badewäsche, Kämme und Bürsten können gelegent¬ 
lich Infektionsträger sein. Soweit nicht jeder Badende seine 
eigenen Sachen benutzt, muss für ausreichende Reinigung ge¬ 
sorgt werden. (Auskochen der Wäsche.) 

Wenn nach diesen Ausführungen auch die Schwimmbäder 
etwas grössere hygienische Bedenken zunächst zu veranlassen 
scheinen, so verwahrt sich doch Deutsch mit Recht gegen den 
Schluss, dass diese Bäder deshalb gegen Wannen- und Brausebäder 
zurücktreten müssten. Dafür ist das Schwimmbad zu populär, 
dafür bietet es zu viel Genuss und gesundheitliche Vorteile durch 
Muskelanstrengung und Sport. Die Gefahren sind aber bei einiger 
Vorsicht fast nur theoretischer Art. Krautwig (Cöln). 

Volkhausen, Der Unterleibstyphus in Detmold im Sommer und 
Herbst 1904, (Zeitschr. f. Medizinalbeamte 1905, Nr. 17.) 

Ähnlich der vorhergehenden ist auch die in Detmold August 
und September 1904 ausgebrochene Typhusepidemie als eine 
Trinkwasserepidemie zu bezeichnen. Von ca. 13 000 Einwohnern 
erkrankten im ganzen 740, also etwa 6 °/ 0 , und zwar in der ersten 
Woche gleich 177. Obwohl trotz der sorgfältigsten Untersuchungen 
Typhusbazillen im Leitungswasser nicht gefunden wurden, ist 
diesem doch die Schuld zuzuschreiben, da einmal die Epidemie 
mit plötzlich 177 Erkrankungen über die ganze Stadt verbreitet 
einsetzte. Dann konnten alle anderen Ursachen (Milch u. s. w.) mit 
Sicherheit ausgeschlossen werden. Auch die Untersuchung der 
von Prof. Emmerich, der selbst nach Detmold gekommen war, 
mitgenommenen Proben von Erde, Staub u. s. w. muss wohl negativ 
ausgefallen sein, da man nichts Weiteres davon gehört hat. Ferner 
waren alle Häuser, die eine eigene Wasserleitung hatten, wie die 
fürstlichen und eine Reihe der herrschaftlichen in einem abgelegenen 
Stadtviertel, mit 189 Personen von dei Epidemie verschont ge¬ 
blieben. Der Ursprung der Infektion konnte mit Gewissheit nicht 
festgestellt werden. Nach Meinung des Verfassers muss die Wasser¬ 
leitung an der Quelle, welche sich in einem in den Berg hinein¬ 
gemauerten Stollen befindet, direkt infiziert worden sein. Zwar 
stand diese Quelle, wie später durch Kochsalzversuche bewiesen 
wurde, in naher Verbindung mit einer freiliegenden, von Touristen 
häufig benutzten Quelle, an welcher sich stets zahlreiche spielende 
Kinder herumtrieben. Jedoch kann zur fraglichen Zeit eine In¬ 
fektion von hier aus nicht zustande gekommen sein, da die frei 
liegende Quelle kein Wasser hatte und infolgedessen wohl nicht 
benutzt wurde. Sonderbar ist, dass etwa 2 Monate später aus der 


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Wasserleitungsquelle Typhusbazillen gezüchtet wurden, — über¬ 
haupt schon ein wegen seiner Seltenheit bemerkenswerter Befund—, 
ohne dass eine neue Epidemie ausbrach. Eine Erklärung hierfür 
kann Verf. nicht geben. Dieses Mal scheint das Leitungswasser 
von der freiliegenden Quelle aus infiziert worden zu sein, da mehrere 
Arbeiter, die mit der Einfassung dieser Quelle betraut waren, 
Typhusrekonvaleszenten waren, und im Urin des einen, sowie im 
Boden bei der Quelle Typhusbazillen nachgewiesen werden konnten. 

Wenn nun auch für die eigentliche Typhusepidemie letztere 
Quelle ausgeschlossen werden musste, und überhaupt kein direkter 
Anhaltspunkt für eine Infektion des Leitungswassers gegeben war, 
so muss man doch an dem Begriff der Trinkwasserepidemie fest- 
halten, da die „Leitungsquelle“ in einem kalkhaltigen Gebirge 
liegt; in diesem werden sich wohl zahlreiche Spalten befinden, 
durch die von weither bei einem heftigen Regen Krankheitskeirae 
direkt zur Quelle geführt werden können. Um diese Gefahr für 
die Zukunft auszuschliessen, empfiehlt Verf. der Stadtverwaltung 
als einzigstes Mittel, das Leitungswasser durch das Ozonisierungs¬ 
verfahren keimfrei zu machen, die Quellen selbst aber in Ruhe zu 
lassen. Selter (Bonn). 

BorntrAger, Typhusepidemie infolge von Wasserbecken - Ver¬ 
seuchung in GrAfrath (Landkreis Solingen). (Klinisches Jahrbuch 
Bd. XIV, Heft 5.) 

Verfasser teilt eine im Herbst 1904 wahrscheinlich durch 
infiziertes Trinkwasser hervorgerufene Typhusepidemie in dem 
Gräfrath anliegenden Dorf Oben-Flacbsberg mit. Von 420 Ein¬ 
wohnern waren 106 erkrankt. Von 101 Haushaltungen wurden 
46 und von 68 Häusern 33 ergriffen. Von den 68 Häusern waren 
11 an die einwandsfreie Wasserleitung aus Wald angeschlossen, 
19 würden durch Privatbrunnen versorgt, und 38 Häuser mit 
45 Haushaltungen und 213 Bewohnern benutzten eine gemeinsame 
öffentliche Wasserversorgung. Letztere war als die Ursache der 
Erkrankungen anzusehen. Die Wasserversorgung bildete eine 
gegen Verunreinigungen von aussen und oben nicht genügend ge¬ 
schützte Quelle, die ausserdem nur durch eine 0,75 m breite durch¬ 
lässige Bodenschicht von einem aufgemauerten Waschbassin ge¬ 
trennt war, welches durch zwei übereinander liegende Rohre in 
direkter Verbindung mit der Quelle stand. Beim Ablassen des 
Waschbassins sah man, dass das Mauerwerk undicht war und sich 
mehrere Gänge zwischen Quelle und Bassin gebildet hatten. Das 
Waschbassin wurde von fast ganz Oben-Flachsberg dazu benutzt, 
die schmutzige Wäsche zu waschen. Die Verbindung der Quelle 
mit dem Waschbassin war derart, dass bei plötzlich ein tretendem 


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168 


Tiefstand der Quelle (Schöpfen von mehreren Eimern Wasser schnell 
hintereinander) ein Rückfluss aus dem Waschbassin in die Quelle 
stattfinden konnte. In eines der dem Waschbassin anliegenden 
Häuser wurde der Ansteckungsstoff von Wald her ühertragen. Es 
erkrankten alle vier Insassen. Die Wäsche aus diesem Hause 
wurde zusammen mit der Wäsche einer in Wald an Typhus ge¬ 
storbenen Frau in dem Waschbassin gereinigt, und war hierdurch 
aller Wahrscheinlichkeit nach das Quellwasser zu wiederholten 
Malen mit Typhusbazillen infiziert worden. Durch bakteriologische 
Untersuchungen (etwa 2—3 Wochen nach erfolgter Infektion) konnten 
in Wasserproben der Quelle und des Bassins Typhusbazillen nicht 
nachgewiesen werden; in dem Schlamm des Bassins fand man 
Kolibazillen. Aber aus der Verteilung der Erkrankungsfälle auf 
die Häuser und aus dem Verlauf der Epidemie konnte man mit 
Sicherheit darauf schliessen, dass das Wasch- und weiter das Quell¬ 
wasser die Erkrankungsursache gewesen sein muss. Von den 
38 Häusern nämlich, die die öffentliche Trinkwasserquelle be¬ 
nutzten, waren 29 (von im ganzen 33), und zwar im Anfang der Epi¬ 
demie ergriffen. Von den mit Privatbrunnen versehenen 19 Häusern 
wurden 5 und von den mit Wasserleitungswasser versorgten 
11 Häusern 1 befallen. Letztere Krankheiten traten grösstenteils 
später auf und Hessen sich entweder auch auf Genuss des in¬ 
fizierten Trinkwassers in einem der ersten Häuser, oder auf Kon¬ 
takt zurückführen. Von der v Gesamtzahl der Erkrankungen können 
67,6 °/ 0 als Wasserinfektionen und 31,35 °/ 0 als Kontaktinfektionen 
aufgefasst werden; ein Fall ganz im Anfang der Epidemie war 
unbekannten Ursprungs. Einen Beweis dafür, dass infiziertes Quell- 
w’asser und nicht das Waschwasser die Erkrankungen hervor¬ 
gerufen habe, sieht Verfasser darin, dass vorwiegend und zuerst 
Männer erkrankt waren. 

Die Epidemie konnte durch Ausschaltung der Wasser- und 
Waschanlage und durch sonstige geeignete Massnahmen innerhalb 
eines Monates unterdrückt werden. Verfasser betont zum Schluss 
die Gefährlichkeit offener Waschbassins ohne Gewährleistung fort¬ 
laufender Wassererneuerung und fordert deren Beseitigung, be¬ 
sonders, wenn sie derart an Trinkwasserbrunnen angeschlossen 
sind, dass diese von den Bassins aus verunreinigt und verseucht 
werden können. Selter (Bonn). 

Lentz, Über chronische Typhusbazillenträger. (Klinisches Jahrbuch 
Bd. XIV, Heft 5.) 

In neuerer Zeit hat inan verschiedentlich eine Beobachtung 
machen können, die viel dazu beitragen wird, uns Aufklärung über 
die immer und immer wieder sporadisch auftretenden Typhus 


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169 


erkrankungen zu geben, für welche uns bisher jeder Anhaltspunkt 
fehlte. Es handelt sich um die Beobachtung der sogenannten 
^chronischen Bazillenträger“, d. h. nach dem Erlass des Kultus¬ 
ministers „vom Typhus klinisch Genesene, welche länger 
als 10 Wochen nach Beginn der Krankheit, oder, falls 
letztere durch ein Rezidiv kompliziert war, 10 Wochen 
nach Beginn des Rezidivs noch Infektionserreger aas¬ 
scheiden“. Verfasser findet ira allgemeinen, dass, wenn die Ba¬ 
zillenausscheidung einmal die zehnte Woche nach Beginn eines sonst 
normalen Typhus überdauert hat, sie meistens auch auf lange Zeit 
bestehen bleibt. Unter 400 als typhuskrank beobachteten Patienten 
wurden sechs gefunden, welche länger als zehn Wochen die Infektions¬ 
erreger ausschieden und dann nach Monaten frei von ihnen wurden, 
bei welchen man also von einer Spätgenesung im bakteriologischen 
Sinne sprechen kann. In der bakteriologischen Untersuchungs¬ 
anstalt in Idar a. d. Nahe werden vom Verfasser 15 genesene 
Typhuskranke beobachtet, bei welchen, nachdem sie einmal in das 
chronische Stadium eingetreten waren, die Bazillenausscheidung 
anhält. Bei einem von diesen werden schon 1Jahre lang Ty¬ 
phusbazillen im Stuhl gefunden. Ausserdem hat das Institut 20 
Personen (Angehörige, Hausgenossen von Typhuskranken u. a.) 
feststellen können, welche, ohne jemals erkrankt zu sein, Typhus- 
bezw. Paratyphusbazillen ausscheiden. Mutmasslich haben einige 
der beobachteten Typhusbazillenträger bis zu 12, 15, ja so¬ 
gar einer bis zu 42 Jahren, Typhusbazillen ausgeschieden. Merk¬ 
würdig ist die starke Beteiligung der Frauen; unter 22 Typhus¬ 
bazillenträgern sind 16 Frauen, 3 ledige weibliche Personen und 
3 Männer. Verfasser macht hierfür vor allem die bei Frauen so 
häufig auftretenden Stoffwechselstörungen (nach Häufung der Wochen¬ 
betten bei schlechten sozialen Verhältnissen, Überanstrengung bei 
Verrichtung der häuslichen und Berufs -Arbeiten usw.) und dann 
weiter mangelhafte Pflege in der Rekonvaleszens verantwortlich. 
Bei sorgfältiger Pflege in gesunden häuslichen Verhältnissen oder 
im Krankenhause, und wenn die Rekonvaleszens gewissenhaft ab¬ 
gewartet wird, hört die Ausscheidung der Krankheitserreger zu 
ganz normaler Zeit auf. 

Die Mehrzahl der chronischen Bazillenträger ist subjektiv voll¬ 
kommen gesund. Bei 10 von 11 Bazillenträgern, deren Blut regel¬ 
mässig untersucht wurde, ist die Vidalsche Reaktion fortdauernd 
bis zur Verdünnung von 1 : 50 positiv, so dass die Typhusbazillen 
doch nicht so ganz ohne Einfluss zu sein scheinen. 

Die von den chronischen Typhusbazillenträgern gezüchteten 
Typhusbazillen unterscheiden sich in nichts von den aus Faeces, 
Milz und Blut von Typhuskranken isolierten, sowohl was kulturelles 


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170 


Verhalten, als auch Agglutination, Pfeiferscher Versuch, und Viru¬ 
lenz den Versuchstieren gegenüber anbetrifft. Dafür, dass sie auch 
dem Menschen gegenüber ihre Virulenz bewahrt haben, stehen 
Verfasser Beobachtungen zu Gebote, bei denen diese Bazillen zu 
neuen Infektionen Veranlassung gaben. 

Die chronischen Bazillenträger bieten daher eine ständige 
Infektionsquelle und so eine grosse Gefahr für ihre Umgebung. 
Eine medikamentöse Behandlung, um die Bazillen im Darm zu 
vernichten, hilft mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln 
nicht. Die einzig wirksame Bekämpfung ist Beobachtung der Ba¬ 
zillenträger, Belehrung der Umgebung und sorgfältige Desinfektion 
der Abgänge. Die Kosten für die Desinfektion sollte die Gemeinde 
oder der Staaat tragen. Selter (Bonn). 

Lentz und Tietz, Weitere Mitteilungen über die Anreicherungs¬ 
methode für Typhus- und Paratyphusbazillen mittelst einer Vor¬ 
kultur auf Malachitgrün-Agar. (Kliu. Jahrbuch XIV. Bd., Heft 5.) 

Verfasser beschreiben die Vorzüge ihres Nährbodens für die 
Diagnose des Typhus und Paratyphus. Sie fanden in dein Malachit¬ 
grün einen Stoff, der das Wachstum der Koli- und vor allem der 
Proteusbazillen, diese bei der bakteriologischen Typhusdiagnose so 
gefürchteten Nebenbuhler, fast ganz zurückhält. Das Malachitgrün I 
(Hoechst) wird dem flüssigen Agar, welcher einen bestimmten 
Alkaleszensgrad haben muss, in einer Verdünnung von 1 :6000 
zugesetzt. Dieser Malachitgrün-Agar dient als Vorkultur, indem 
der Stuhl oder Urin ausgestrichen und die so beschickte Platte 
nach etwa 20ständigem Verweilen im Brutschrank mit physiologischer 
Kochsalzlösung abgeschwemmt wird. Hierbei lösen sich die Typhus- 
und Paratyphuskolonien auf und verteilen sich in der Flüssigkeit, 
während die Kolikolonien entweder fest bleiben, oder sich in toto 
ablösen und bald wieder zu Boden sinken. Von der Aufschwemmung 
werden dann einige Ö§en weiter auf Drigalski-Conradischen Platten 
verarbeitet. Verfasser konnten unter 416 Typhusbazillenbefunden 
83mal die Krankheitserreger nur durch die Anreicherung mittelst 
der Malachitgrün-Agarplatte nachweisen. Von 44 Paratyphuskranken 
gelang bei 15 der Nachweis der Paratyphusbazillen nur mit Hilfe 
der Malachitgrün-Agarplatte. Gerade bei den letzteren Bazillen 
liefert das von den Verfassern angegebene Verfahren vorzügliche 
Resultate. Dies konnte durch Nachuntersuchungen im hygienischen 
Institut in Bonn bestätigt werden. Die Vorkultur mittelst der 
Malachitgrün-Agarplatte hat uns somit einen wichtigen Schritt bei 
der Stellung der Typhusdiagnose, die den Bakteriologen schon 
manche Schwierigkeit bereitet hat, weiter gebracht, wofür wir den 
Verfassern dankbar sein können. Selter (Bonn). 


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171 


Vagedes, Paratyphusbazillen bei einer Mehlspeisenvergiftung. (Kli¬ 
nisches Jahrbuch XIV. Bd., Heft 5.) 

Ein grosses Interesse vom bakteriologischen und noch mehr 
vom gerichtlich medizinischen Standpunkt beanspruchen die Fleisch- 
und Nahrungsmittelvergiftungen, welche durch zur Paratyphus¬ 
gruppe zu rechnende Bakterien hervorgerufen werden. Verfasser 
verfolgte eine sieben Krankheitsfälle umfassende Vergiftung nach 
dem Genuss einer Griesspeise. Letztere war aus Gries, Zwieback, 
Äpfeln, Milch, Zucker, Vanillepulver und drei Enteneiern bereitet 
worden. Alle, die von der Speise gegessen hatten, erkrankten 
nach 36—60 Stunden, am frühesten (36 Stunden) und heftigsten 
ein 14jähriger Knabe und ein 8jähriges Mädchen, welche beide 
am meisten gegessen hatten, mit Durchfall und Fieber. Bei dem 
Knaben trat rasch völlige Benommenheit ein, und unter zunehmender 
Cyanose und andauernden Durchfällen trat eineinhalb Tage nach 
Beginn der Krankheit der Tod ein. Das Mädchen schwebte einige 
Tage in äusserster Lebensgefahr; erst nach 6 Tagen fiel das Fieber 
(anfangs 40,5) ziemlich schnell ab. Die übrigen Erkrankten erholten 
sich bald wieder. Bei der Sektion des Knaben fanden sich ausser 
einer ausgesprochenen Anschwellung der Peyerschen Haufen keine 
besonderen Veränderungen. Weder in den Darmentleerungen noch 
in den Leichenteilen konnte durch chemische Untersuchung ein 
Gift nachgewiesen werden. Bei der bakteriologischen Untersuchung 
der Darmentleerungen und Leichenteile konnten aus denselben 
Bazillen fast in Reinkultur isoliert werden, die zur Gruppe der 
Paratyphusbazillen zu rechnen sind. Agglutinationsversuche mit 
dein Blutserum der Erkrankten auf die gefundene Bakterienart 
fielen positiv aus, wodurch der Beweis erbracht war, dass diese 
Bakterien die Urheber der Erkrankung gewesen waren. Aus der 
Griesspeise konnten die Bazillen nicht gezüchtet werden, da die 
Kinder dieselben bis auf den letzten Rest verzehrt und die Schüssel 
ausgeleckt hatten. Verfasser hält für möglich, dass durch die 
verwendeten Enteneier die Krankheitserreger in die Speise gekommen 
sein könnten. Die Milch glaubt er ausschliessen zu können, da 
bei den übrigen Kunden des Milchhändlers keinerlei Gesundheits¬ 
störungen ermittelt werden konnten. Selter (Bonn). 

Levy u. Sorgius, Ist es zweckm&ssig, Schutzpockenimpfungen in 
den ersten Lebensmonaten vorzunehmen? (Hyg. Rundschau 1905, 
Nr 19.) 

Die Ansicht vieler Ärzte, die auch von Gast seiner Zeit 
experimentell begründet wurde, dass bei ganz jungen Kindern die 
Erstimpfung einen milderen Verlauf nehme, als bei ältern, wurde 
-von den Verfassern systematisch nachgeprüft. Sie beobachteten 


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172 


den Impferfolg aber nicht nur am Tage der gesetzlichen Nachschau 
(am 7. Tage), sondern fügten noch eine zweite Nachschau am 14. 
Tage hinzu. Normale Bläschen, d. h. solche ohne stärkere Reaktion 
fanden sich bei der ersten Nachschau bei 1 bis 4 Monate alten 
Kindern in 85°/ 0 , bei ältern Erstimpflingen bis zu 1*/* Jahren 
nur in 74°/ 0 und bei noch ältern Kindern sogar nur in 39°/ 0 der 
Fälle. Von den ganz jungen Kindern hatten 36 °/ 0 Fieber, von 
den ältern 50 °/ 0 . 

Allein die zweite Nachschau am 14. Tage wies ein ganz 
anderes Bild auf. Die Verfasser fanden bei nicht weniger wie 
34°/ 0 der ganz jungen Kinder eine Nachentwicklung der Pusteln, 
dagegen bei ältern Kindern nur in 22°/ 0 . Unter dieser Nachent¬ 
wickelung verstehen sie ein frisches Aufflackern des Prozesses, be¬ 
stehend in einer Neubildung der Pusteln bis zu 2 —3 facher Grösse 
der primären Pusteln und heftiger Entzündung der Umgebung. 
Aus diesen Beobachtungen ziehen sie den Schluss, dass in bezug 
auf die Heftigkeit der Reaktionserscheinungen bei den verschiedenen 
Altersstufen ein Unterschied nicht besteht, während bei den ganz 
jungen Kindern die sekundären Reaktionserscheinungen etwas 
später auftreten, wie bei den ältern Erstimpfungen. 

Es wäre wünschenswert, das diese Beobachtungen an grösseren* 
Material nachgeprüft würden. Krautwig (Cöln). 


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173 


Verzeichnis der bei der Redaktion eingegangenen neuen 

Bücher etc. 

Burwinkel, Dr. 0., Die Herzleiden, ihre Ursachen und Bekämpfung. 
Gemeinverst. Darstellung. 7. bis 9. Aufl. München 1906. Verlag der 
ärztl. Rundschau. Preis 1,20 Mk. 

Cholewa, Dr. R., Herzschwäche und Nasenleiden. II. Folge. München. 

Verlag der ärztl. Rundschau. Preis 1 Mk. 

Emmerich, Prof. Dr. R., u. Dr. F. Wolter, Die Entstehungsursachen 
der Gelsenkirchener Typhusepidemie von 190L Auf* Grund der für 
die Verhandlungen des Gelsenkirchener Prozesses erstatteten Sach- 
verständigen-Gutachten dargestellt. München 1906. J. F. Lehmann. 
Preis 20 Mk. 

Erhard, Dr. F., Ketzerische Betrachtungen eines Arztes. München. 

Verlag der ärztl. Rundschau. Preis 1,40 Mk. 

Ewald, Prof. Dr., Die Kunst alt zu werden. München 1905. R. Olden- 
bourg. Preis 80 Pfg. 

Hanauer, Dr. W., Die Arbeiterwohnungsfrage in Deutschland. Leipzig 
1903. J. F. W. Schumann. Preis 1,50 Mk. 

Kirstein, Dr. F., Leitfaden für Desinfektoren in Frage und Antwort. 

8. Aufl. Berlin 1906. Jul. Springer. Preis 1,40 Mk. 

Kleintjes, Dr. L. L., Hygiene in den Bergen. München 1906. Verlag der 
ärztl. Rundschau. Preis 50 Pfg. 

v. Körösy, Dr. J., Die Sterblichkeit der Haupt- und Residenzstadt Buda¬ 
pest 1901 — 1905 und deren Ursachen. II. Teil, 4. Heft, 1904. Buda¬ 
pest 1905. Carl Grill. Preis 1 Mk. 

v. Leyden, Prof. Dr. E., Grundsätze der Ernährung für Gesunde und 
Kranke. München 1905. R. Oldenbourg. Preis 30 Pfg. 

Sänger, Dr. M., Über Inhalations-Therapie und ihre gegenwärtig üblichen 
Anwendungsformen. Halle 1906. Carl Marhold. Preis 1 Mk. 
Suchier, Dr., Der Orden der Trappisten und die vegetarische Lebens¬ 
weise. 2. Aufl. München 1906. Verlag der ärztl. Rundschau. Preis 
60 Pfg. 

NB. Die für die Leser des „Centralblattes für allgemeine Gesundheits¬ 
pflege* interessanten Bücher werden seitens der Redaktion zur Besprechung 
an die Herren Mitarbeiter versandt und Referate darüber, soweit der be- 
«chränkte Raum dieser Zeitschrift es gestattet, zum Abdruck gebracht. Eine 
Verpflichtung zur Besprechung oder Rücksendung nicht besprochener Werke 
wird in keinem Falle übernommen; es muss in Fällen, wo aus besonderen 
Gründen keine Besprechung erfolgt, die Aufnahme des ausführlichen Titels, 
Angabe des Umfanges, Verlegers und Preises an dieser Stelle den Herren 
Einsendern genügen. Dje Verlagshandluilfl. 


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Die Verteilung der Infektionskrankheiten 
auf Stadt und Land. 

Von 

Dr. Siegfried Rosenfeld. 


Der hygienische Gegensatz von Stadt und Land ist schon des 
öfteren der Vorwurf von Abhandlungen gewesen. Als eine seiner 
Folgen stellten sich Verschiedenheiten der Sterblichkeit dar. Während 
es auf den ersten Blick klar ist, dass sich in der Stadt hygienische 
Schädlichkeiten häufen, welche die Sterblichkeit an vielen Todes¬ 
ursachen erhöhen müssen, Schädlichkeiten, welche dem Lande fehlen, 
kann man doch für das Verhalten der Infektionskrankheiten kein 
vorgreifendes Urteil fällen. Allerdings sollte man meinen, dass die 
Stadt im Nachteile ist, soweit die von Mensch zu Mensch über¬ 
tragbaren Infektionskrankheiten in Frage kommen. Bietet doch 
die stärkere Menschenansammlung, das dichtere Beisammenwobnen 
der Infektionsmöglichkeit Vorschub. Doch darf man dabei nicht 
übersehen, dass die meisten der übertragbaren Infektionskrankheiten 
das Kindesalter in erster Linie betreffen, ein Alter, wo auch am 
Lande man mehr in Gesellschaft ist, teils bei Spiel, teils in der 
Schule, so dass auch hier die gleiche Infektionsmöglichkeit wie in 
der Stadt gegeben ist. Ob wirklich die gleiche Infektionsmöglich¬ 
keit, ist allerdings die Frage. Denn es wäre ja denkbar, dass 
zur Übertragung Zusammensein von einer bestimmten Minimaldauer 
notwendig ist, wie es z. B. H. Fidler (Beitrag zur Epidemiologie 
der Diphteritis. Czasopismo lekarskie 1904) für die Übertragung 
der Diphterie mit 6 Stunden an beraumte. Für die Ausbreitung 
der übertragbaren Infektionskrankheiten kommen ausser der ge¬ 
nannten Infektionsmöglicbkeit noch viele zum Teile bekannte, zum 
Teile unbekannte Faktoren in Betracht, von denen das Mass ihrer 
Wirksamkeit in Stadt und Land sich nicht voraus bestimmmen 
lässt. Möglich wäre es, dass man der Erkenntnis der unbekannten 
epidemiologischen Faktoren einen Schritt näher macht, wenn man 
die Ausbreitung der Infektionskrankheiten in Stadt und Land ein- 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 13 


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176 


gehender studiert. Welche Vorteile daraus der Prophylaxe er¬ 
wachsen könnten, wie vielen Menschen Gesundheit, ja sogar Leben 
dadurch erhalten werden könnte, bedarf keiner Auseinandersetzung. 

Mittelst welcher statistischer Hilfsmittel soll eine derartige 
Untersuchung vorgenommen werden? Ein richtiges Bild der Aus¬ 
breitung einer Krankheit gibt nur die Morbiditätsstatistik. Aber 
eine richtige Morbiditätsstatistik besitzen wir nicht einmal für 
städtische, geschweige denn für ländliche Gemeinden, wofern wir 
überhaupt für dieselben eine Morbiditätsstatistik haben. So bleibt 
denn nichts anderes übrig, als die Zahl der Todesfälle als Mass¬ 
stab für die Verbreitung der Infektionskrankheiten zu verwerten. 
Doch muss die Unzuverlässigkeit auch dieses Massstabes betont 
werden. Nicht bloss, dass sich die Letalität einer Infektionskrank¬ 
heit nicht gleich bleibt, dass also die grössere Letalitat in einer 
Gegend eine stärkere Ausbreitung Vortäuschen kann, ist die Diagnose 
selbst auch nicht sicher, da die Zahl der ärztlich beglaubigten Todes¬ 
ursachen oder gar der in ärztlicher Behandlung Verstorbenen von 
Gegend zu Gegend wechselt. Über diese Unzuverlässigkeit der 
Statistik muss man sich hinwegsetzen, Täte man es nicht, müsste 
überhaupt jede Todesursachenstatistik unterlassen werden. 

Im folgenden soll die Ausbreitung der Infektionskrankheiten 
in Stadt und Land in Österreich gemessen an der Zahl der Todes¬ 
fälle der Jahre 1895—1901 untersucht werden. In der Todes¬ 
ursachenstatistik Österreichs erscheinen seit dem Jahre 1895 folgende 
Rubriken für Infektionskrankheiten: 1. Tuberkulose, 2. Lungen¬ 
entzündung, 3. Diphterie, 4. Keuchhusten, 5. Blattern, 6. Scharlach, 
7. Masern, 8. Flecktyphus, 9. Bauchtyphus, 10. Ruhr, 11. Cholera 
asiatica, 12. einheimischer Brechdurchfall bei Kindern, 13. ein¬ 
heimischer Brechdurchfall ausser dem Kindesalter, 14. Kindbettfieber, 
15. Wundinfektionskrankheiten, 16. andere Infektionskrankheiten. 
Nicht alle diese Rubriken erscheinen in der folgenden Unter¬ 
suchung verwertet. Einige schied ich aus, weil die Zahl der ent¬ 
fallenden Todesfälle allzu gering ist, andere, weil sie eine exzep¬ 
tionelle Stelle einnehmen, derentwegen ich sie in eigenen Ab¬ 
handlungen auf ihre Verbreitung hin untersucht habe (Tuberkulose, 
Lungenentzündung). Ich wählte das Jahr 1895 als Beginn der Be¬ 
obachtungszeit nicht bloss wegen Neurubrizierung der Todesursachen, 
sondern auch weil mit diesem Jahre eine Aufteilung der Todes¬ 
ursachen nach der Volkszahl der Wohnorte vorgenommen wurde, 
wodurch diese Untersuchung erst ermöglicht worden ist. 

Ich beginne mit dem Kindbettfieber, für das ich sowie für 
alle anderen Infektionskrankheiten (Blattern und Flecktyphus aus¬ 
genommen) die Ausbreitung in jedem einzelnen Kronlande wieder¬ 
gebe. Es geschieht das in der folgenden Tabelle. 


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177 


Es starben an Kindbett- 

'Geber in Ortschaften mit 

-500 

Einw. 

501- 

2000 

Einw. 

2001- 

5000 

Einw. 

5001- 

10000 

Einw. 

10001- 

20000 

Einw. 

über 

20000 

Einw. 

Summe 

Wien. 

_ 


_ 

_ 

_ 

620 

620 

Niederösterr. excl. Wien 

206 

183 

53 

15 

16 

22 

549 

Oberösterreich .... 

279 

73 

3 

9 

1 

30 

395 

Salzburg. 

47 

17 

2 

1 

— 

15 

82 

Steiermark. 

293 

157 

29 

14 

« 

99 

600 

Kärnten. 

67 

14 

3 

2 

— 

20 

106 

Kram. 

156 

23 

5 

— 

— 

8 

192 

Triest s. Gebiet . . . 


2 

1 

— 

— 

55 

58 

Görz und Gradiska . . 

36 

37 

2 

2 

— 

4 

81 

Istrien. 

53 

1 61 

13 

8 

— 

16 

150 

Tirol.. . 

142 

166 

31 

11 

6 

12 

368 

Vorarlberg. 

6 

23 

15 

4 

— 

— 

48 

Böhmen. 

780 i 

733 

287 

156 

121 

259 

2 336 

Mähren. 

160 

263 

122 

39 

102 

71 

757 

Schlesien. 

36 | 

97 

90 

26 

29 

8 

286 

Galizien. 

1319 ; 

4 614 

1 267 

271 

161 

361 

7 983 

Bukowina. 

17 

213 

202 

26 

27 

43 

528 

Dalmatien. 

30 | 

| 

59 

17 

3 

11 

— 

120 

Österreich. 

3 681 | 

6 735 

2 142 j 

587 

472 

1642 

15259 


Dass ich mit dem Kindbettfieber beginne, hat in der eigen¬ 
artigen und zuverlässigen Berechnung der Verhältniszablen für das¬ 
selbe seinen Grund. Ich beziehe nämlich die Zahl der Todesfälle 
an Kindbettfieber nicht auf die Bevölkerungszahl, auch nicht auf 
die Zahl der weiblichen Bevölkerung, noch auch auf die Zahl der 
im Alter der Gebärfähigkeit stehenden Frauen, sondern auf die 
Zahl der Geburten. Damit ist für eine Infektionsmöglichkeit allent¬ 
halben die gleiche Bedingung hergestellt. An Stelle der Geburten¬ 
zahl muss ich die mir zu Gebote stehende grössere Zahl der Ge¬ 
borenen nehmen. Dies beeinträchtigt jedoch den Wert der Ver¬ 
hältniszahlen wenig, da Mehrlingsgeburten, an und für sich nicht 
allzu häufig, keine ins Gewicht fallenden Schwankungen in den 
einzelnen Kronländern aufweisen. Aber ein anderer Fehler haftet 
dieser Berechnungsart ebenso an wie den späteren. Der Form ent¬ 
spricht nicht immer der Inhalt, da mit der stetigen Zunahme der 
Bevölkerung so mancher Ort der einen Kategorie schon in die nächst 
höhere gehört, wohin er jedoch erst bei der nächsten Volkszählung 
verwiesen wird. 

Auf je 100000 Geborene Österreichs kamen Todesfälle an 
Kindbettfieber in Ortschaften bis 500 Einwohner 205, über 500 bis 
2000 Einwohner 246, über 2000 bis 5000 Einwohner 220, über 


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178 


5000 bis 10000 Einwohner 185, über 10000 bis 20000 Einwohner 
207 und über 20000 Einwohner ebenfalls 207. In den kleinsten 
wie in den grössten Ortschaften haben wir also dieselbe Sterblich¬ 
keit an Kindbettfieber, die höchste Sterblichkeit finden wir in den 
grösseren Dorfgemeinden, die kleinste in den kleineren Mittel¬ 
städten. Dieses Resultat dürfen wir jedoch nicht als unbedingt 
massgebend betrachten. Die Kronländer mit ihrer sehr verschiedenen 
Sterblichkeit sind in den sechs Grössenkategorien der Ortschaften 
nicht mit den gleichen Anteilen vertreten; in einer Kategorie domi¬ 
nieren z. B. Kronländer, welche in einer anderen stark in den Hinter¬ 
grund treten. Dies hat dann auch einen grossen Einfluss auf di er 
Sterblichkeitshöhe der Kategorien. Aus diesem Grunde sollte jede* 
Kronland für sich untersucht werden. Da jedoch das vorhandene 
Material für so manches Kronland zu klein ist, müssen wir durch 
Zusammenziehung örtlich zusammengehörender und durch geo¬ 
graphisch und ethnologisch gleiche Faktoren gekennzeichneter Kron¬ 
länder Gruppen bilden. Es sind dies: 1. Wien, 2. Alpenländer 
(Niederösterreich exclusive Wien, Oberösterreich, Salzburg, Steier¬ 
mark, Kärnten, Tirol, Vorarlberg), 3. Karstländer (Krain, Triest, 
Görz-Gradiska, Istrien, Dalmatien), 4. Sudetenländer (Böhmen, 
Mähren, Schlesien) und 5. Karpathenländer (Galizien und Bukowina). 

Es kamen Todesfälle an Kindbettfieber auf je 100000 Ge¬ 
borenen in Ortschaften mit 



-500 

Einw. 

501- 

2000 

Einw. 

2001 - 

5000 

Einw. 

6001 — 
10000 
Einw. 

10001 - 

20000 

Einw. 

über 
20 000 
Einw. 

Wien. 


_ 

_ 


_ 

162 

Alpenländer. 

191 

191 

146 

1 138 

95 

‘299 

Karstländer. 

150 

104 | 

106 

| 85 

136 

150 

Sudetenländer. 

139 

125 

141 

142 

189 

206 

Karpathenländer. 

399 

357 1 

i 

299 

' 280 

278 

325 


Nirgend finden wir eine konstante Zu- oder Abnahme der 
Sterblichkeit an Kindbettfieber, mit zunehmender Ortsgrösse. Eines 
finden wir in allen vier Ländergruppen, dass die Grossstädte (hier 
im Sinne von Städten mit über 20000 Einwohnern), wenn sie nicht 
überhaupt die höchste Sterblichkeit an Kindbettfieber aufweisen, 
jedenfalls eine grössere Sterblichkeit als die Kleinstädte (2001 bia 
5000 Einw.), kleineren Mittelstädte (5001 bis 10000 Einw.) und 
grösseren Mittelstädte (10 000 bis 20000 .Einw.) haben. In den 
Alpen- und Karpathenländern und vielleicht auch in den Karstländem 
(Kleinheit des Beobachtungsmaterials!) zeigen die Klein- und Mittel- 


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179 


Städte die geringste Sterblichkeit. In den Sudetenländern nimmt 
die Sterblichkeit an Kindbettfieber in den Städten mit ihrer Grösse zu. 

Bei den Ursachen des Kindbettfiebers denken wir in erster 
Linie an den geburtshilflichen Beistand. Je weniger man sich um 
Kreissende bemüht, um so weniger ist ceteris paribus eine Möglich¬ 
keit der Infektion gegeben. Nun ist es im allgemeinen ausgemacht, 
dass dort der geburtshilfliche Beistand verhältnismässig öfter ge¬ 
leistet wird, wo er leichter zu erreichen ist, und das ist in Städten, 
zumal in Grossstädten. Bei gleich strenger Handhabung der Asepsis 
und Antisepis in Stadt und Land muss daher — immer sonst gleiche 
Bedingungen vorausgesetzt — das Kindbettfieber am Lande weniger, 
in der Stadt, insbesondere in der Grossstadt mehr verbreitet sein. 
Tatsächlich finden wir auch in den Alpen- und Sudetenländern, viel¬ 
leicht auch in den Karstländern in den Grossstädten überhaupt die 
höchste Sterblichkeit an Kindbettfieber, in den Karpathenländern 
eine grössere Sterblichkeit als in den Klein- und Mittelstädten. 
Wir müssen daher als einen Faktor für die Verbreitung des Kindbett¬ 
fiebers die Polypragmasie der Ärzte und Hebammen anschuldigen *). 
Wie rasch oft ungeduldige Ärzte zur Operation schreiten, die durch 
Abwarten noch vermieden werden kann, wie oft die Hebammen 
ganz unnötigerweise innere Untersuchungen vornehmen, ist ja be¬ 
kannt. Je weniger aber dies geschehen würde, um so geringer 
wäre die Infektionsmöglichkeit. Ärzten und Hebammen müsste also 
aufs eindringlichste eingeschärft werden, sich in Geduld zu fassen 
und so wenig als möglich zu untersuchen und zu operieren. Es ist 
daher nur mit Freuden zu hegrüssen, wenn auf manchen Kliniken 
die innere Untersuchung überhaupt untersagt wird. 

Ein anderer in Frage kommender Faktor ist die Reinlichkeit 
der Schwangeren, des Arztes und der Hebamme. Die Schwangeren« 
pflege ist in den Grossstädten und Städten überhaupt sicherlich 
besser als in den Dörfern, wo Schwangere den regelmässigen Bäder¬ 
gebrauch so gut wie gar nicht kennen. Ebenso kann man wohl an¬ 
nehmen, dass zwar der Landarzt der Asepsis und Antisepis sich nicht 
minder wie der Stadtarzt befleissigt, dass aber die Landhebammen 
sich mehr als die Stadthebammen dagegen verfehlen. Bildet ja 
doch auch der Hebammenberuf für die Landhebamme, wie schon 
oftmals betont wurde, eine Art Nebenerwerb, während die Stadt¬ 
hebamme nur noch ihre häuslichen Obliegenheiten ausser dem 
Hebammenbandwerk betreibt. Diese beiden Umstände müssen eine 
stärkere Verbreitung des Kindbettfiebers in den Dörfern bewirken 
und ihnen könnte man nur durch eine Verbesserung der Stellung 


1) Vgl. S. Rosenfeld: Zum Schutze der Gebärenden. Ztschr. f. Ge¬ 
burtshülfe und Gynäkologie, 57. Bd. 


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180 


der Landhebammen (Bezirks- und Gemeindehebammen mit aus¬ 
kömmlichem Gebalte, zwangsweise Wiederholungskurse von zwei- 
bis vierwöchentlicher Dauer) und durch populäre Vorträge über 
Schwangerenpflege entgegentreten, obzwar ich mir von letzteren 
nicht viel verspreche. Mit obigem stimmt unsere Statistik gut 
überein, welche in den Alpen-, Karst- und Karpathenländern eine 
grössere Sterblichkeit an Kindbettfieber in den Dorfgemeinden ala 
in den Klein- und Mittelstädten aufweist. 

Wenn wir uns fragen, wo Arzt und Hebamme es notwendiger 
haben, sich gründlich zu reinigen, auf dem Lande oder in der Stadt, so 
lautet die theoretische Antwort darauf, dass es sich gleich bleibt, 
da ja die Erreger des Kindbettfiebers mit den Erregern anderer 
Eiterungen die Eigenschaft der Ubiquität gemeinsam haben, daher 
sowohl in Dorf als in Stadt die Hände des Arztes und der Hebamme 
zufällig verunreinigen können. Ausser an diesen zufälligen Ver¬ 
unreinigungen müssten wir auch noch an wissentliche denken, ent¬ 
standen aus vorhergegangener Behandlung von Eiterkrankheiten. 
Der Hebamme, die eine fiebernde Wöchnerin hat, ist es zwar unter¬ 
sagt, eine andere Entbindung zu gleicher Zeit vorzunehmen, aber 
diesem Verbote wird nicht immer Folge geleistet und kann auf 
dem Lande auch nicht Folge geleistet werden, wenn eine zweite 
Hebamme nicht so bald zu beschaffen ist. Es müsste also für Er¬ 
satzhebammen gesorgt werden. Für den Arzt besteht eine der obigen 
Vorschrift ähnliche nicht, offenbar weil man dachte, dass man ea 
bei seinem Bildungsgrade seiner Gewissenhaftigkeit überlassen könne. 
Weder auf dem Lande noch bei der nicht wohlhabenden und sieb 
daher keines Spezialisten bedienenden Bevölkerung der Städte 
wird es verhütet werden können, dass der zur Geburtshilfe berufene 
Arzt nicht mit Eiter an diesem Tage zu tun gehabt hat. Je grösser 
die Praxis des Arztes, um so grösser die Wahrscheinlichkeit, dasa 
er Eiterkokken an sich hat. Der vielbeschäftigte Arzt der städti¬ 
schen Armenviertel wird daher der Infektion günstigere Chancen 
bieten, als der Spezialist, und auch günstigere als der Landarzt. 
Diese günstigere Chance der Dorfschwangeren wird wieder da¬ 
durch wett gemacht, dass die Dorfhebammen nicht allzu selten 
Kurpfuscherei betreiben; insbesondere wird ihnen gerne die Be¬ 
handlung von FussgeschwUren an vertraut. Diese Umstände lassen 
es erklärlich erscheinen, dass die Sterblichkeit an Kindbettfieber, 
wie es unsere Statistik auch zeigt, in Klein- und Mittelstädten 
kleiner als in Grossstädten und zumeist auch kleiner als in Dorf¬ 
gemeinden ist. Diesen Übelständen könnte man nur begegnen 
durch strenge Bestrafung eines jeden Falles von Hebammen¬ 
kurpfuscherei, durch Untersagung geburtshilflicher Operationen bei 
Ärzten, die am selben Tage mit Eiter schon zu tun hatten, und. 


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181 


wofern dies nicht einführbar ist, wie es ja auch schon in Dörfern 
an der überhaupt schweren Erreichbarkeit ärztlicher Hilfe ein Hinder¬ 
nis hat, durch Anstellung von Armengeburtshelfern in Grossstädten, 
denen eine andere als geburtshilfliche und gynäkologische Praxis 
untersagt bleiben müsste. 

Noch kommt ein Umstand in Betracht. Bisher sprachen wir 
nur von den Ursachen des Entstehens des Kindbettfiebers. Wir 
müssen aber auch von einer Ursache des letalen Ausganges sprechen. 
Bei wenigen Krankheiten kann ärztliche Hilfe, rechtzeitig be¬ 
schafft, so lebensrettend wirken wie gerade beim Kindbettfieber. 
Und sie wird auch in Städten, selbst bei der Armenbevölkerung 
derselben, ziemlich rechtzeitig geholt. Nicht so auf dem Lande, zu¬ 
mal in den kleinen entlegenen Ortschaften, mit ihren weit zer¬ 
streuten, oft in Einöden liegenden Häusern. Kein Wunder daher, 
dass die kleineren Dorfgemeinden überall eine höhere Sterblichkeit 
an Kindbettfieber aufweisen als die grösseren Dorfgemeinden. Dies 
tritt in gebirgigen Gegenden, wo wie in den Karstländern ärztliche 
Hilfe überhaupt selten ist, am stärksten hervor. Darauf möchte 
ich auch die stetige Zunahme der Sterblichkeit mit abnehmender 
Ortsgrösse (Grossstädte ausgenommen) in den Karpathenländern 
zurückführen. 

Ist dies richtig, so muss sich auch ein entsprechender Unter¬ 
schied in der Sterblichkeit an Kindbettfieber der landwirtschaft¬ 
lichen und der nicht landwirtschaftlichen Bevölkerung zeigen. 
Diese beiden Kategorien umfassen nur den Beruf, ohne Rücksicht 
auf den Wohnort. Deshalb haben wir auch in Grossstädten land¬ 
wirtschaftliche Bevölkerung und ein guter Teil der Insassen der 
Dorfgemeinden zählt zur nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung. Die 
entsprechenden Daten gibt die S. 182 folgende Zusammenstellung 
wieder. 

Der supponierte Unterschied der landwirtschaftlichen und nicht 
landwirtschaftlichen Bevölkerung hinsichtlich der Sterblichkeit an 
Kindbettfieber besteht nur für Niederösterreich, Oberösterreich, Krain, 
Görz-Gradiska, Istrien, Tirol, Galizien und Bukowina. Dass er für 
Wien und Triest nicht besteht, lässt sich begreifen und erklären. 
Die landwirtschaftliche Bevölkerung dieser beiden Grossstädte hat 
denselben Anteil an den sanitären Einrichtungen wie die nicht land¬ 
wirtschaftliche Bevölkerung, hat dieselben Ärzte, dieselben Hebammen, 
ist aber vielleicht Dank ihrer Beschäftigung der Berührung mit 
Eitererregern weniger ausgesetzt. Ausser in den beiden Grossstädten 
ist die Sterblichkeit an Kindbettfieber bei der nicht landwirtschaft¬ 
lichen Bevölkerung grösser in Salzburg, Steiermark, Kärnten, Vorarl¬ 
berg, Böhmen, Mähren, Schlesien und Dalmatien. In dieser Gruppe 
finden wir mit Ausnahme Niederösterreichs alle Länder mit hoch- 


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182 


entwickelter Industrie wieder, und überdies noch Dalmatien, Salz¬ 
burg und Kärnten. Kärnten ist das Kronland, welches den höchsten 
Prozentsatz unehelich Geborener aufweist, welche die Städte mehr 
als das Land belasten; da nun die hygienischen Verhältnisse un¬ 
verheirateter Wöchnerinnen hinter denen der Verheirateten zurück¬ 
stehen, ist die grössere Morbidität an Kindbettfieber und daher auch 
Mortalität begreiflich. Dalmatien wiederum hat ein zu geringes Be¬ 
obachtungsmaterial. 


Es starben an Kindbettfieber: 



über! 

landwirt¬ 

schaft¬ 

liche 

Bevölk 

laupt , 

nicht | 
landwirt- 1 
schaft- ; 
liehe 
erung 

auf je 10 
bori 

landwirt¬ 

schaft¬ 

liche 

Bevölk 

0000 Ge- 
ene 
nicht 
landwirt¬ 
schaft¬ 
liche 
erung 

Wien. 

4 

616 

115 

162 

Niederösterreich exkl. Wien 

281 

268 

184 

168 

Oberösterreich. 

223 

172 

229 

197 

Salzburg. 

39 

43 

173 

215 

Steiermark. 

340 

260 

186 

223 

Kärnten. 

66 

40 

121 

133 

Krain. 

152 

40 

164 

109 

Triest s. Gebiet. 

4 

54 

109 

157 

Görz und Gradiska . . . 

59 

22 

148 

123 

Istrien. 

126 

24 

189 

98 

Tirol. 

263 

105 

243 

141 

Vorarlberg. 

11 

37 

148 

206 

Böhmen. 

770 

1566 

134 

158 

Mähren. 

294 

463 

93 

149 

Schlesien. 

109 

177 

141 

158 

Galizien. 

6604 

1379 

373 

279 

Bukowina. 

421 

107 

251 

237 

Dalmatien. 

103 

17 

75 

92 

Österreich. 

9869 

j 5390 

255 

182 


Bei der Sterblichkeit an Kindbettfieber spielt nicht ein, sondern 
mehrere ursächliche Momente mit. Die Wirksamkeit eines jeden 
derselben wird um so auffälliger, ein je grösseres Gewicht es den 
anderen gegenüber erlangt oder je weniger gegenteilig wirkende 
Momente im Spiele sind. So stimmt es mit den früheren Aus¬ 
einandersetzungen gut, wenn die stärkere Entwicklung der Industrie 
sich in vielen Ländern durch eine höhere Sterblichkeit an Kind¬ 
bettfieber der nicht landwirtschaftlichen Bevölkerung gegenüber der 
landwirtschaftlichen kundgibt. Da ferner die landwirtschaftliche Be- 


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183 


völkerung der Gebirgsländer in relativ höher gelegenen Orten als 
die nichtlandwirtschaftliche wohnt, so wird sich die bakterienfreiere 
Gebirgsluft durch eine Herabsetzung der Kindbettfiebersterblichkeit 
der landwirtschaftlichen Bevölkerung kundtun. So wie wir aber 
von der ersten Tatsache eine Ausnahme bei Niederösterreich finden, 
so von der zweiten in Tirol. Immerhin aber können wir, da wir 
stets nur eine Ausnahme vor uns haben, an die Existenz der Regel 
glauben, und müssen es um so schärfer als hygienischen Missstand 
rügen, wenn wir die Kindbettfiebersterblichkeit der landwirtschaft¬ 
lichen Bevölkerung höher als die der nichtlandwirtschaftlichen finden. 
Unter anderen finden wir dies in Görz-Gradiska, Istrien, Galizien 
und Bukowina, das sind jene 4 Kronländer, bei welchen die pro¬ 
zentuelle Verteilung der Ärzte am meisten zu wünschen lässt. 

Die vorgebrachten Auseinandersetzungen lassen es begreiflich 
erscheinen, dass die Autoren über die Kindbettfieberfrequenz in 
Stadt und Land in ihren Anschauungen nicht einig sind, und dass 
auch die Frequenzdifferenzen sehr stark variiren. So lesen wir 
z. B. im 19. Jahresberichte über die Fortschritte und Leistungen 
auf dem Gebiete der Hygiene, dass im Jahre 1900 die Sterblich¬ 
keit an Kindbettfieber betrug in den Städten Österreichs 0,07, im 
ganzen Staate 0,03, in den Städten der Schweiz 0,07, im ganzen 
Staate 0,06. Dem entspricht die Angabe, dass im Jahre 1877 in 
Bayern von je 10000 Lebenden an Kindbettfieber auf dem Lande 
1,4, in den Städten 1,6 starben. Dagegen widerspricht die Angabe 
Noders (Die Gesundheitsverhältnisse in Grossstädten und auf 
dem Lande. Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege 34. Band) über die Morbidität an Kindbettfieber, welche 
in Augsburg 0,9, in Schwaben 1,2 auf 10000 Lebende betrug. 

Bei der Darstellung der Frequenz der anderen Infektions¬ 
krankheiten in Stadt und Land stossen wir auf erheblichere Schwierig¬ 
keiten als beim Kindbettfieber. Sie beruhen erstens auf der Fluk¬ 
tuation der Bevölkerung, zweitens in der Wahl der richtigen Alters¬ 
klassen. Schon die natürliche Zunahme der Bevölkerung durch 
den Geburtenüberschuss variirt in Stadt und Land, um wie viel 
mehr aber die faktische Zunahme durch den Geburtenüberschuss 
und die Wanderungsverhältnisse. Richtig wäre daher nur als Be¬ 
obachtungszeit das auf eine Volkszählung folgende Jahr zu benutzen. 
Dagegen aber spricht ausser anderem hauptsächlich der Umstand, 
dass man dabei Zufälligkeiten ganz und gar preisgegeben ist. Aus 
diesem Grunde muss eine längere Beobachtungszeit gewählt werden, 
welche ihrerseits wieder die Wahl der Ergebnisse von mehr als 
einer Volkszählung zur Berechnung der Verhältniszahlen bedingt. 
Dies verursacht für die Frequenz der Krankeiten nach Wohnorts¬ 
grösse einige Verwirrung, da viele Orte ihre Kategorie wechseln. 


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184 


Insbesondere bei einigen Kronländern ist dies sehr auffallend. Dem 
muss man dann durch Zusammenziehung mehrerer Kategorien zu 
begegnen trachten. Dabei muss man sich stets vor Augen halten, 
dass die Kategorie des kleinsten Wohnortes nur die natürliche Zu¬ 
nahme hat, dafür aber einen Teil ihres Inhaltes bei der nächsten 
Volkszählung an die nächste Kategorie abgegeben hat. Während 
die folgenden Kategorien nun von den niedrigeren Kategorien auf¬ 
nehmen und an die höheren abgeben, nimmt die höchste Kategorie 
nur auf, ohne abzugeben. Dadurch verwischen sich einigermassen 
die etwa für jede Kategorie vorhandenen eigentümlichen Krankheits¬ 
frequenzen. 

Wenn wir sonst die Ergebnisse zweier Volkszählungen einer Be¬ 
rechnung zugrunde legen, so können wir aus ihnen irgend eine 
Mittelzahl in der sicheren Voraussetzung bilden, dass sich beide Er¬ 
gebnisse eigentlich auf dasselbe Substrat beziehen. Anders bei den 
Wohnortskategorien. Da dieselben ihren Inhalt stark gewechselt 
haben, beziehen sich beide Volkszählungen eigentlich auf ein ganz 
anderes Substrat. Wir dürfen daher nicht, um der Bevölkerungs¬ 
zunahme gerecht zu werden, aus beiden Ergebnissen irgend eine 
Mittelzahl bilden, sondern müssen die Jahre bis 1900 inklusive auf 
das Volkzählungsergebnis von 1890, das Jahr 1901 auf das Volks¬ 
zählungsergebnis von 1900 beziehen. Ich werde dies jedoch nicht 
so machen, sondern entsprechende Zahlen der Berechnung zugrunde 
legen, welche aus 6 / 7 der Zahlen von 1890 und 1 / 7 der Zahlen von 
19U0 bestehen. Für die landwirtschaftliche und nichtlandwirtschaft¬ 
liche Bevölkerung besteht diese Schwierigkeit nicht. Hier kann 
für die Beobachtungszeit von 1895—1901 als Fundamentalzahl eine 
Zahl gewählt werden, welche aus Vs der Zahl vom Jahre 1890 
und Vs der Zahl von 1900 besteht; für die Beobachtungszeit 1898 bis 
1900 wird nur V* der Zahl des Jahres 1890 und 3 / 4 der Zahl des 
Jahres 1900 genommen. 

Eine weitere Frage ist, welche Zahlen sollen gewählt werden? 
Bei einigen von den zu behandelnden Infektionskrankheiten handelt 
es sich um sog. Kinderkrankheiten; da wäre es weit gefehlt, wie 
es leider so oft geschieht, der Berechnung die Zahl für die Ge* 
Samtbevölkerung zugrunde zu legen. Hier müssen wir uns auf eine 
bestimmte Alterklasse beschränken. Die Richtigkeit der Wahl er¬ 
hält dadurch eine gewisse Kontrolle, dass wir die Todesursachen 
der landwirtschaftlichen und nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung 
für die ersten 5 Lebensjahre angegeben finden. Leider fehlt aber 
in der Publikation der Volkszählungsergebnisse die korrespondierende 
Angabe der Zahl der im Alter bis zu 5 Jahren stehenden land¬ 
wirtschaftlichen und nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung und 
müssen uns diese erst aus der angegebenen Zahl der im Alter bis 


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185 


zu 10 Jahren stehenden Bevölkerung konstruieren. Ich werde stets- 
angeben, welche Altersklassen ich der Berechnung zugrunde lege;, 
über die Gründe für die Wahl verweise ich auf meine beiden dies¬ 
bezüglichen Arbeiten (Die Infektionskrankheiten in Wien nach Ge¬ 
schlecht und Alter. Centralbl. f. allgem. Gesundheitspflege 21. Bd. 
und die Infektionskrankheiten in Österreich und Preussen nach Alter 
und Geschlecht. Klin.-therap. Wochenschrift 1903). 

Betrachten wir zuerst die Infektionskrankheiten, deren Ver¬ 
hältniszahlen wir auf Grund der Bevölkerung aller Altersklassen 
berechnen. Da ist in erster Linie der Bauch typ hus, dessen ein¬ 
schlägige Statistik in beiden folgenden Tabellen (S. 185. 186) bringen. 


Es starben an 

Bauchtyphus 

überhaupt 

im 

Alter bis 

5 Jahren 

zu 

landwirt¬ 

schaftliche 

Bevöl¬ 

kerung 

M. | W. 

nicht land- 
wirtschaftl. 
Bevöl¬ 
kerung 

M. W. 

1 landwirt¬ 
schaftliche 
Bevöl¬ 
kerung 

m. ; W. 

nicht land- 
wirtschaftl. 
Bevöl¬ 
kerung 

M. | W. 

Wien. 

3 

_ 

353 

247 

_ 

_ 

1 

2 

Niederösterr. excl. Wien 

222 

260 

343 

287 

3 

3 

5 

2 

Oberösterreich .... 

113 

170 

208 

150 

— 

1 

2; 

1 

Salzburg. 

42 

62 

60 

47 

— 

— 

_ | 

— 

Steiermark. 

301 

292 

312 

225 

6 

— 

3 1 

— 

Kärnten . 

120, 149 

117 

59 

1 

1 

— 

— 

Krain. 

324 

429 

136 

126 

7 

7 

— 1 

2“ 

Triest s. Gebiet . . . 

17 

5 

108 

103 

2 

— 

i 

1 

Görz und Gradiska . . 

99 

114 

60 

52 

) 13 

9 

_| 

2 

Istrien. 

156i 182 

172 

97 

| io 


| 


Tirol . 

448 

548 

283 

235 

1 

11 

12 

5 

6- 

Vorarlberg. 

13 

6 

18 

13 



1 


Böhmen. 

674 

817 

1873 

1582 

13 

14 

31 

26 

Mähren. 

571 

648 

859 

681 

7 

9 

9 1 

& 

Schlesien. 

149 

215 

299 

216 

5 

6 

8 

10 

Galizien. 

10089 

10 665 

2 500 

2 059 

433 

424 

74 

77 

Bukowina. 

1 197 

1201 

263 

197 

66 

63 

14 

10 

Dalmatien. 

147 

143 

67 

301 

10 

12 

*1 

3 

Österreich. 

14 685 

15 906 

8 081 | 

6 406 

577 

561 

154 | 

150 


Die Daten der zweiten Tabelle beziehen sich wie die Daten der 
folgenden ähnlichen Tabellen auf die Jahre 1895—1901, ebenso* 
der erste Teil der ersten Tabelle. Dagegen gilt die Sterblichkeit 
im Alter bis zu 5 Jahren nur für die Jahre 1898—1900; vor 1898 
und nach 1900 fehlen der offiziellen Statistik die entsprechenden 
Daten. 


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Österreich. 4 232 4 471 10 772 11 361 3 454 3 392 1033 880 850 


186 


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Es starben an Bauchtyphus —500 501—200 2001 — 5000 5001—10000 10001—20000 über 20000 

Einwohner Einwohner Einwohner Einwohner Einwohner Einwohner 

in Ortschaften mit 





























187 


Es starben an Bauch typhus von je lOOOOOO der Bevölkerung 
aller Altersklassen 



landwirtscl 

liehe 

Bi 

M. | W. | 

baft- 

e v ö 11< 
B.G. i 

nicht land’ 
schaftlicl 
l erung 
! M. | W. 

wirt- 

le 

B.G. 

Wien. 

50 

i 

26 

67 

44 

55 

Niederösterreich exkl. Wien 

102 

117 1 

110 

128 

110 

119 

Oberösterreieh. 

82 

118 

100 

148 

108 

128 

Salzburg. 

138 

205 1 

171 

174 

133 

154 

Steiermark. 

123 

111 

117 

143 

109 

127 

Kärnten. 

164 

184 

175 

223 

120 

173 

Krain. 

277 

324 1 

302 

264 

239 

251 

Triest s. Gebiet. 

449 

133 

285 

199 

177 

188 

Görz und Gradiska . . . 

179 

210 ; 

195 

237 

209 

223 

Istrien. 

187 

227 

206 

460 

290 

380 

Tirol. 

252 

300 

276 

252 

205 

228 

Vorarlberg. 

65 

37 ; 

52 

78 

47 

61 

Böhmen. 

88 

93 j 

90 

142 

118 

130 

Mähren. 

158 

151 , 

154 

196 

155 

175 

Schlesien. 

199 

227 

214 

204 

152 

178 

Galizien. 

538 

550 

544 

435 

364 

400 

Bukowina. 

661 

665 

663 

401 

307 

354 

Dalmatien. 

86 

86 

86 

211 

99 

156 

Österreich. 

319 j 

324 | 

322 

195 

154 

175 


Würden wir nur das Resultat für den ganzen Staat in Be¬ 
tracht ziehen, wären wir schnell mit unserem Urteile fertig. Wir 
würden erklären, dass die landwirtschaftliche Bevölkerung beiderlei 
Geschlechtes und ihrer Gesamtheit eine grössere Typhussterblichkeit 
hat als die nichtlandwirtschaftliche und würden dies auch begreif¬ 
lich finden, indem wir an die von verschiedenen Autoren geschil¬ 
derten der Typhusverbreitung günstigen Verhältnisse auf dem Lande 
uns erinnern und andrerseits an die durch die genauere Einhaltung 
der Anzeigepflicht in Städten ermöglichte Abwehr der Infektions¬ 
krankheiten denken würden. Aber mit diesem Urteile müssen wir 
sofort zurückhalten, sobald wir weiter ins Detail eingehen; denn 
da ändert sich das Bild ganz gewaltig. 

Schon die Beteiligung beider Geschlechter ist anders bei der 
landwirtschaftlichen, anders bei der nichtlandwirtschaftlichen Be¬ 
völkerung. Bei ersterer finden wir fast überall, wo grössere 
Zahlen in Betracht kommen, beim weiblichen Geschlechtc 
eine grössere Typhussterblichkeit als beim männlichen; 
gerade das Gegenteil ist bei der nichtlandwirtschaftlichen 
Bevölkerung der Fall, und zwar mit grösseren Differenzen ala 


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188 


bei der landwirtschaftlichen Bevölkerung. Die Erklärung dafür 
acheint nahe zu Hegen. Sowohl in Stadt als in Land hat die weib¬ 
liche Bevölkerung die Pflege der Typhuskranken über und ist da¬ 
mit einer Ansteckungsmöglichkeit ausgesetzt, welche das männliche 
Geschlecht gar nicht oder nur wenig zu fürchten hat. Die Folgen 
dieser Ansteckungsmöglichkeit dürfen jedoch nicht allzuhoch ver¬ 
anschlagt werden, wie aus den Zahlen hervorgeht. Neben dieser 
Typhusbedrohung, welche sowohl in Stadt als in Land das weib¬ 
liche Geschlecht ausschliesslich oder beinahe ausschliesslich betrifft, 
haben wir noch eine weitere Typhusbedrohung durch den Beruf, 
den Verkehr infolge des Berufes und den Verkehr überhaupt. Von 
diesen Schädlichkeiten wird in der Stadt das männliche Geschlecht 
weit stärker als das weibliche getroffen, auf dem Lande ist das 
nicht der Fall; ja wenn wir uns vor Augen halten, dass die Wirt¬ 
schaft mit der Milch, welche als Typhusverbreiterin eine so grosse 
Rolle spielt, hauptsächlich der Frau zukommt, so werden wir auch 
in dieser Hinsicht eine stärkere Bedrohung des weiblichen Geschlechtes 
auf dem Lande erwarten müssen. Es stehen also die statistischen 
Daten insoweit in Einklang mit den theoretischen Erwägungen und 
sie fordern, dass die Typhusprophylaxe auf dem Lande stärker die 
Tätigkeit des weiblichen Geschlechtes berücksichtigt, dass das weib¬ 
liche Geschlecht in Stadt und Land über die Infektionsgefahr durch 
die Se- und Exkrete Typhöser aufgeklärt werde, dass ferner die 
ländliche Bevölkerung die Rolle verstehen lerne, welche das Wasser 
bei der Verbreitung des Typhus spielt, und die Wichtigkeit der 
Reinhaltung der Brunnen und Wasserläufe erfasse. 

Die Typhussterblichkeit der landwirtschaftlichen Bevölkerung 
-ist in Salzburg, Kärnten, Krain, Triest, Tirol, Schlesien, Galizien 
und Bukowina grösser als die der nichtlandwirtschaftlichen Be¬ 
völkerung. Daran ist die Typhussterblichkeit des männlichen Ge¬ 
schlechtes weniger schuld als die des weiblichen. Denn die Typhus¬ 
sterblichkeit des in der Landwirtschaft beschäftigten männlichen 
Geschlechtes ist nur in Krain, Triest, Galizien und Bukowina grösser 
als die des nicht in der Landwirtschaft beschäftigten männlichen 
Geschlechtes, dagegen ist die Typhussterblichkeit der landwirt¬ 
schaftlichen Frauen in Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, 
Steiermark, Kärnten, Krain, Görz und Gradiska, Tirol, Schlesien, 
Galizien und Bukowina grösser als die der nichtlandwirtschaftlichen 
^Frauen. 

Die Sterblichkeit der Kinder an Typhus ist gering. Ausser 
-für den Staat kommen nur noch für Galizien, und sodann höchstens 
noch für Bukowina und Böhmen die Daten in Betracht. Die ge¬ 
nügend grossen Daten für den ganzen Staat zeigen, dass Knaben 
und Mädchen hinsichtlich der Typhussterblichkeit dasselbe Verhalten 


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189 


bei der landwirtschaftlichen, wie bei der nichtlandwirtschaftlichen 
Bevölkerung zeigen. Da also Geschlechtsdifferenzen nicht in Frage 
kommen, so können wir, was die Kleinheit des Materials ohnehin 
notwendig macht, die Typhussterblichkeit der Kinder mit Weg¬ 
lassung der Geschlechtsdifferenzierung betrachten. 

Die Berechnung der Verhältniszahlen ist Mangels direkter 
Daten nur unter einer Voraussetzung möglich, deren Richtigkeit un¬ 
kontrollierbar, aber sehr wahrscheinlich ist. Die Volkszählung bringt 
nämlich nur die Zahl aller bis 5 Jahre alten Kinder, dann aller 
Kinder bis zum vollendeten 10. Jahre, letztere auch nach Berufs¬ 
gruppen aufgeteilt. Wir müssen nun die Voraussetzung machen, 
dass sich die Zahl der landwirtschaftlichen zu der der nichtland¬ 
wirtschaftlichen Kinder bis zum 5. Lebensjahre in jedem Kronlande 
gerade so verhält wie bis zum vollendeten 10. Lebensjahre. Unter 
dieser Voraussetzung berechnen wir uns die Zahl der landwirtschaft¬ 
lichen Kinder bis zum 5. Jahre. 

Von je 1000000 Kindern im Alter bis zu 5 Jahre starben an 
Bauchtyphus in 

landwirtschaftliche nichtiand wirtschaftliche 

Böhmen 30 40 

Galizien 337 224 

Bukowina 543 304 

Österreich 201 70. 

Die Daten für den Staat werden durch die Daten für Galizien und 
Bukowina beeinflusst. In diesen beiden Ländern, daher auch im 
Staate, ist die Typhussterblichkeit der landwirtschaftlichen Kinder 
grösser als die der nichtlandwirtschaftlichen. Dass dies nicht über¬ 
all zutrifft, zeigt uns das Beispiel Böhmens. 

Fs starben ferner an Bauchtyphus von je 1000000 Lebenden 
der betreffenden Ortschaften 

A. Männer 











190 



-500 

E. 

501- 2001 — 
2000E. 5000E. 

1 1 1 

5001- 
10000 E. 

10 001- 
20000 E. 

über 
20000 E. 

Mähren. 

157 

175 

1 

193 

190 

322 

215 

Schlesien. 

228 

209 

182 

225 

262 

404 

Galizien ....... 

335 

654 

512 

492 

417 

532 

Bukowina. 

393 

821 

550 

430 

672 

480 

Dalmatien. 

78 

94 

203 

280 

214 

— 

Österreich. 

165 

| 361 

322 

291 

265 

231 


B. Weiber 


Niederösterreich exkl. Wien 

125 

102 

107 

| 92 

| 240 

222 

Oberösterreich. 

108 

92 

101 

1 37 . | 

250 

Salzburg. 

174 

225 


225 ! 

— 

99 

Steiermark. 

109 

99 

198 

1 150 

122 

Kärnten. 

149 

136 

273 

215 

— 

312 

Krain. 

299 

361 

393 

— 

— 

189 

Görz und Gradiska . . . 

163 

235 

389 

- 1 

1 — 

144 

Istrien. 

336 

201 

85 

74 

787 

Tirol und Vorarlberg . . 

215 

266 

222 

246 

220 

197 

Böhmen. 

83 

103 

112 

184 

108 

223 

Mähren. 

152 

156 

193 

171 

203 

184 

Schlesien. 

209 

209 

180 

142 

149 

130 

Galizien. 

323 

676 

503 

411 

353 

320 

Bukowina. 

393 

874 

568 

352 

524 

293 

Dalmatien. 

78 

92 

151 

122 

69 

— 

Österreich. 

169 

363 

303 

242 

194 

148 


C. Beide Geschlechter 


Niederösterreich exkl. Wien 

124 

96 

122 

100 

277 

232 

Oberösterreich. 

83 

97 

115_ 

74 

287 

Salzburg. 

160 

192 


239 

— 

168 

Steiermark. 

106 

113 

265 

307 

140 

Kärnten *. 

151 

203 

371 

275 

_ 

301 

Krain. 

282 

361 

260 

— 


241 

Görz und Gradiska . . . 

171 

220 

336 

— 


186 

Istrien. 

305 

185 

79 

87 

912 

Tirol und Vorarlberg . . 

218 

259 

220 

249 

223 

237 

Böhmen. 

82 

107 

118 

192 

130 

278 

Mähren. 

154 

165 

167 

180 

263 

199 

Schlesien. 

218 

209 

181 

184 

204 

262 

Galizien. 

329 

665 

508 

451 

385 

403 

Bukowina. 

393 

843 

559 

392 

598 

387 

Dalmatien. 

78 

93 

177 

201 

142 

— 

Österreich . 

167 | 

362 

312 

266 

229 

189 


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191 


Während in den Ortschaften bis zu 5000 Einwohnern die 
Typhussterblichkeit des männlichen Geschlechtes bald grösser bald 
kleiner als die des weiblichen Geschlechtes ist, ist sie in den Ort¬ 
schaften mit über 5000 Einwohnern stets grösser und scheinen die 
Differenzen mit der Grösse der Städte zuzunehmen. Diese Tatsache 
stimmt mit dem früher Gefundenen gut überein und hat auch den¬ 
selben Erklärungsgrund. 

Im ganzen Staate nimmt überhaupt, sowie für jedes Geschlecht 
einzeln, die Typhussterblichkeit mit der Grösse des Wohnortes ab 
mit Ausnahme der kleinsten Ortschaften, welche auch die geringste 
Sterblichkeit haben. Diese Regel trifft aber für kein einziges 
Kronland zu. Die Kurve der Typhussterblichkeit nach Wohnorts¬ 
grösse ist für jedes Kronland verschieden, selbst benachbarte Kron- 
länder zeigen nicht bloss kleine Verschiedenheiten. Dies deutet 
meiner Meinung nach mit Bestimmtheit darauf hin, dass für die 
Häufigkeit des Bauchtyphus lokale Ursachen in erster 
Linie massgebend sind. Ich erinnere z. ß. nur an die Typhus¬ 
epidemie in Pola, wodurch die hohe Frequenz in den bevölkertsten 
Orten Istriens erklärt ist, an die Typhusverhältnisse Prags, wo¬ 
durch die böhmischen Städte mit über 20000 Einwohnern so be¬ 
lastet erscheinen etc. Derartiges macht sich dort überaus stark 
geltend, wo die Typhusfrequenz im allgemeinen nicht exzessiv ist. 
Wo aber die Typhusfrequenz im ganzen Lande häufig ist (Galizien, 
Bukowina), dort zeigen sich die besseren Wasserversorgungs- und 
Kanalisierungsverhältnisse der Städte in der Herabsetzung der Höhe 
der Typhussterblichkeit. Aber auch hier haben die kleinen Dörfer 
die kleinste oder fast die kleinste Typhussterblichkeit. Darin aus¬ 
schliesslich einen Ausdruck des Mangels der Diagnosenstellung durch 
den Arzt zu sehen, gebt wohl nicht an. Wir müssen zur Erklärung 
vielmehr auch daran denken, dass die kleinsten Ortschaften fast 
stets aus zerstreut liegenden Häusern bestehen, deren Wasser¬ 
versorgung absolut nicht zentralisiert ist. Darin liegt für die kleinen 
Orte, trotz der oft miserablen sanitären Verhältnisse, der beste 
gleichsam von der Natur aus gewährte Schutz gegen Typhusausbrei¬ 
tung, welcher uns die Richtigkeit unserer Anschauungen über die Ver¬ 
breitungswege des Typhus bestätigt und uns einen Fingerzeig für 
die Richtung gibt, welche die Typhusprophylaxe in Dörfern ein¬ 
zuschlagen hat. 

Der Flecktyphus ist nur in Galizien und Bukowina stärker 
verbreitet, so dass die Anführung der Daten für diese beiden Länder 
nebst den Daten für den Staat genügt. An dieser Todesursache 
starben 


Oantralblatt f. aUg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 14 


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192 


in Ortschaften mit 

1 

Galizien | 

Bukowina 

Österreich 



M. 

W. 

BG. 

M 

W. 

BG. 

M. | W. 

BG. 

bis 500 Einwohnern 


289 

258 

547 




329 299 

628 

501-2000 


1435 

1275 

2710 

18 

13 

31 

1477 1325 2802 

2001-5000 


453 

382 

835 

9 

4 

13 

475| 397 

872 

5001—10 000 


90 

68 

185 1 

1 

— 

1 

102 81 

183 

10 001-20 000 


29 

12 

41 

2 

— 

2 

39 13 

52 

über 20 000 „ 


41 

38 

79 

4 

3 

7 

51 42 

93 

überhaupt. ... 

2337 

2033 

4370 

34 

20 

54 

2473 2157 4630 

landwirtschaftliche \ 

Bevöl- 

2000 

1780 

3780j 

23 

15 

38 

2080 1855'3935 

nichtlandwirtschaftl. J 

kerung 

337 

253 

590 

11 

5 

1 16 

393 302 

695 

| landwirt- 

Kinder bis | schaftlichen 

j Bevöl- 

00 

53 

113 

— 

1 

1 

73 63 

136 

5 Jahren derl nichtland- 
] wirtschaftl. 

| kerung 

5 

12 

17 


— 

— 

11 17 

1 

28 


Die Verbältniszahlen seien jedoch nur für Galizien berechnet. 
In diesem Lande starben an Flecktyphus von 1000000 Lebenden 





M. 

W. 

B. G. 


[ — 500 Einw. 

60 

52 

57 


501— 2000 

n 

123 

107 

115 


2001— 5000 


115 

94 

104 

in Ortschaften mit < 

5001-10000 

7t 

101 

75 

88 


10001—20000 

7t 

40 

18 

29 


über 20000 

7t 

32 

31 

31 

landwirtschaftliche 

1 RoirfilL’ üiMin n* 

107 

92 

99 

nichtlandwirtschaftliche f 

63 

45 

54 

Kinder bis j der landwirtschaftlichen 

1 Bevöl- 

47 

41 

44 

5 Jahren { nichtlandwirtschaftlichen 

j kerung 

15 

27 

21 


Der Flecktyphus zeigt in Galizien ähnliches Verhalten wie der 
Bauchtyphus: häufigeres Vorkommen bei der landwirtschaftlichen 
Bevölkerung, Abnahme der Frequenz mit zunehmender Grösse des 
Wohnortes (wieder mit Ausnahme der kleinsten Ortschaften), grössere 
Differenz in dem Verhalten beider Geschlechter bei der nichtland¬ 
wirtschaftlichen Bevölkerung (mit Ausnahme der grössten Städte). 

Die Ursachen des Flecktyphus sind ganz andere als die des 
Bauchtyphus, auch ist die Übertragbarkeit von Person zu Person 
eine unvergleichlich grössere. Den Ursachen zufolge begreifen wir 
die grössere Ausbreitung des Flecktyphus in den ärmeren länd¬ 
lichen Gegenden, die grössere Ansteckungsfähigkeit lässt bei der 


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193 


-schwächeren Frequenz der Städte die Wirkung der Prophylaxis in 
rechtem Lichte erscheinen. Die Statistik des Flecktyphus ver¬ 
stehen wir also ganz gut. Wenn wir nun zwischen ihr und der 
des Bauchtypbus trotz der obgenannten grossen Verschiedenheiten 
-eine weitgehende Ähnlichkeit antreffen, so liegt der Gedanke an 
eine sehr oft vorkommende Verwechslung beider Krankheiten nabe. 
Dem mag sein, wie ihm wolle, Tatsache ist, dass die typhösen Fieber 
4U Galizien in den Städten seltener als auf dem Lande sind und dass 
wir Grund zur Annahme haben, dass dieser Umstand, den — wenn 
such nicht um vieles — besseren sanitären Zuständen der Städte zu 
-danken ist. 

An die typhösen Fieber schliessen wir die Ruhr an, deren 
Statistik die beiden folgenden Tabellen enthalten. 


Es starben an Ruhr 

überhaupt 

im 

Alter bis zu 

5 Jahren 

landi 

schafl 

B< 

völke 

M. 

-r 

wirt¬ 

liche 

3- 

irang 

W. 

i- 

nichl 

wirts 

liehe 

völke 

M. | 

tland- 
chaft- 
) Be¬ 
irung 

W. 

land 

schaf 

B 

völke 

M. 

wirt- 

tliche 

e- 

irung 

W. 

nichtland¬ 
wirtschaft¬ 
liche Be¬ 
völkerung 

M. I W. 

Wien. 

__ 

_ 

18 

11 

__ 

_ 

1 

1 

1 

Niederösterr. exkl. Wien 

13 

11 

29 

18 

4 

4 

3 

2 

Oberösterreich .... 

5 

9 

3 

13 

1 

— 

1 

— 

Salzburg. 

2 

— 

1 

— 

— 

— 

— 


^Steiermark. 

303 

284 

96 

56 

35 

35 

25 

10 

Kärnten. 

48 

39 

38 

20 

19 

11 

4 

9 

Krain. 

572 

517 

143 

118 

104 

92 

22 

23 

Triest s. Gebiet . . . 

2 

5 

37 

1 24 

— 

— 

3 

— 

*Görz und Gradiska . . 

449 

424 

108 

; 92 

} 168 

192 

44 

32 

Istrien. 

120 

118 

24 

! 16 

1 




Tirol . 

214 

190 

92 

63 

1 30 

23 

19 

10 

Vorarlberg . 

2 

— 

5 

3 

1 




Böhmen . 

44 

37 

178 

121 

8 

11 

20 

12 

Mähren . 

95 

83 

80 

96 

11 

7 

1 

— 

'Schlesien . 

34 

35 

26 

27 

2 

5 

1 

1 

‘Galizien . 

9 279 

7 950 

1073 

943 

2 301 

1940 

216 

185 

Bukowina . 

1117 

993 

97 

92 

334 

293 

31 

24 

Dalmatien. 

540 

596 

41 

60 

61 

60 

7 

3 

Österreich. 

12 839 

11284 

| 2089 

1773 

3 078 

2 673 

! 

00 

CO 

312 


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194 



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195 


Berechnen wir nun aus diesen Tabellen die Verhältniszahlen. 
Es starben von je 1000000 Lebenden an der Ruhr: 



landwirtschaftliche 

nichtlandwirtschaftl. 


Bevölkerung 

Bevölkerung 


M. 

W. 

BG. 

M. 

W. | 

BG. 

Wieu. 

_ 

_ 

_ 

3 

2 

2 

Niederrösterreich exkl. Wien 

6 

5 

5 

11 

7 

9 

OberÖsterreich. 

4 

1 

2 

2 

9 

6 

Salzburg. 

7 

— 

3 

3 

— 

1 

Steiermark .. 

124 

108 

116 

44 

27 

36 

Kärnten. 

66 

48 

57 

72 

41 

57 

Krain. 

489 

378 

437 

278 

223 

250 

Triest s. Gebiet. 

53 

133 

93 

68 

41 

54 

Görz und Gradiska . . . 

808 

786 

793 

426 

369 

898 

Istrien. 

143 

147 

145 

64 

48 

56 

Tirol. 

120 

104 

112 

82 

55 

68 

Vorarlberg. 

10 

— 

5 

22 

11 

16 

Böhmen. 

6 

4 

5 

13 

9 1 

1 11 

Mähren. 

26 

19 

22 

18 

22 

20 

Schlesien. 

46 

37 

41 

18 

19 

18 

Galizien. 

494 

410 

452 

187 

167 

177 

Bukowina . 

616 | 

551 

583 | 

1 148 

143 

145 

Dalmatien. 

315 

1 

357 

336 

129 

198 

163 

Österreich. 

279 

j 230 

254 

51 

! * 

47 


In einer Reihe von Kronländern — Wien, Niederösterreich, 
Oberösterreich, Salzburg, Vorarlberg, Böhmen — ist Ruhr sehr 
selten; in diesen Ländern kommt sie bei der landwirtschaftlichen 
Bevölkerung noch etwas seltener als bei der nichtlandwirtschaft¬ 
lichen vor. In drei anderen Ländern — Kärnten, Mähren, Schlesien 
— ist Ruhr nicht allzu selten; in diesen Ländern ist sie bei der 
landwirtschaftlichen Bevölkerung keineswegs seltener als bei der 
nichtlandwirtschaftlichen. In allen anderen Ländern, wo Ruhr häufig 
ist, manchmal sogar häufiger als Bauchtyphus, wo sie also unter 
der Bevölkerung gut gekannt ist, ist sie bei der landwirtschaftlichen 
Bevölkerung weit häufiger als bei der nichtlandwirtschaftlichen. Da 
bei der Ruhr die Ansteckung von Person zu Person nicht sehr ins 
Gewicht fällt, da vielmehr die bei einer Epidemie Befallenen ihre 
Krankheit so ziemlich aus der gleichen Quelle bezogen, so müssen 
wir annehmen, dass die Quellen für die Ruhr bei der landwirt¬ 
schaftlichen Bevölkerung häufiger und stärker sind als bei der nicht¬ 
landwirtschaftlichen, sei es von Natur aus, sei es durch Mangel 
.künstlicher Eindämmung. 

Die Ruhr ist in weit höherem Grade als die typhösen Er- 


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196 


krankungen eine anch im Kindesalter vorkommende Krankheit.. 
Ihre Frequenz im Kindesalter wollen wir nnr für jene L&nder, wo 
Ruhr im ganzen häufiger ist, berechnen. Von je 1000000 Kinder 
im Alter bis zu 5 Jahren starben an Ruhr. 



landwirtschaftliche 

Bevölkerung 

nicht¬ 

landwirtschaftliche 

Bevölkerung 


M. 

W. 

| BG. 

1 M. | 

W. 

BG. 

Steiermark. 

272 

256 

264 

! 

275 

111 

193 

Krain. 

1362 

1192 

1276 

856 

891 

873 

Qörz und Gradiska, Istrien . . . 

2012 

2348 

2175 

1402 

1037 

1221 

Tirol und Vorarlberg. 

310 

238 

274 

285 

155 

221 

Galizien. 

1821 

1515 

1667 

628 

558 

594 

Bukowina. 

2800 

2476 

2639 

800 

597 

697 

Dalmatien. 

567 

585 

i 

576 

532 

228 

376 


Auch bei den Todesfällen der Kinder zeigt es sieb, dass dort,, 
wo die Ruhr häufiger ist, die Kinder der landwirtschaftlichen Be¬ 
völkerung weit häufiger als die der nichtlandwirtschaftlichen er¬ 
griffen werden. In Steiermark, Tirol und Dalmatien sind die Dif¬ 
ferenzen relativ klein, in Krain, Görz-Gradiska und Istrien, besondere, 
aber in Galizien und Bukowina sehr gross. 

Auch die Frequenz der Ruhrtodesfälle nach Grösse des Wohn¬ 
ortes will ich nur für jene Kronländer berechnen, wo Ruhr häufiger 
ist, überdies noch für Böhmen und Mähren. Von je 1000000- 
Lebender starben an Ruhr (s. Tab. S. 197). 

In jenen Fällen, wo uns ein genügend grosses Beobachtungs¬ 
material zur Verfügung steht, sehen wir im allgemeinen die Häufig¬ 
keit der Ruhrtodesfälle mit der Grössenzunahme des Wohnortes ab¬ 
nehmen. Die Abnahme findet jedoch zumeist erst bei einer Ein¬ 
wohnerzahl von über 2000 Einwohnern statt, da die kleinsten Ort¬ 
schaften im Görz-Gradiska, Tirol, Galizien und Bukowina weniger 
Rubrtodesfälle aufweisen als die nächste Grössenkategorie. Dies¬ 
bezüglich sei auf das beim Typhus Gesagte verwiesen. 

Eine weitere Todesursache, deren Verhältniszahlen aus der 
Gesamtbevölkerung berechnet werden, sind die Wundinfektionskrank¬ 
heiten, deren Statistik die beiden Tabellen auf S. 198 u. 199 bringen. 

Zu den Wundinfektionskrankheiten gehört vor allem Rotlauf,, 
dann Sepsis und Pyaemie und Tetanus; eine spezielle Form der 
Sepsis und Pyaemie, das Puerperalfieber, ist, wie wir gesehen 
haben, hier nicht mitgezählt. 

Von je 1000000 Lebenden starben an Wundinfektionskrank¬ 
heiten: (s. Tab. S. 198 unten). 


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197 



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198 


Es starben an Wund¬ 
infektionskrankheiten 

überhaupt 

im Alter bis 
5 Jahren 

zu 

landwirt¬ 

schaftliche 

Be¬ 

völkerung 

M. | W. 

nichtland¬ 
wirtschaft¬ 
liche Be¬ 
völkerung 

M. | W. 

landwirt¬ 

schaftliche 

Be¬ 

völkerung 

M. | W. 

nich 

wirts 

liehe 

völk 

M. 

tland- 

chaft- 

Be- 

örung 

W. 

Wien. 

23 

14 

1 1144 

990 

2 

2 

170 

105 

Niederösterr. exkl. Wien 

368 

: 304 

! 545 

375 

83 

60 

84 

58 

Oberösterreich .... 

182 

123 

I 252 

150 

20 

13 

16 

15 

Salzburg. 

44 

32 

74 

46 

2 

4 

2 

5 

Steiermark. 

398 

349 

685 

469 

86 

59 

138 

99 

Kärnten. 

91 

61 

113 

84 

7 

5 

10 

7 

Krain. 

92 

73 

| 46 

35 

4 

2 



Triest s Gebiet . . . 

33 

8 

117 

89 

5 


10 

6 

Görz und Gradiska . . 

53 

40 

36 

16 


16! 



Istrien. 

86 

41 I 

53 

47 

} 17 


15 

4 

Tirol. 

278 

220 I 

218 

123 

\ ~ 




Vorarlberg. 

29 

12 j 

41 

48 

37 

32 

20 

19 

Böhmen. 

992 

796 

2168 

1877 

147 

122 

335 

289 

Mähren. 

518 

398 

746 

603 

106 

72| 

102 

93 

Schlesien. 

96 

84 | 

208 

213 

12 

19 

32 

33 

Galizien. 

799 

675 ; 

1094 

891 

64 

54 

194 

152 

Bukowina. 

90 

77 ] 

106 

86 

9 

6 

12 

15 

Dalmatien. 

191 

152 

45 

42 

15 

14 


5 

Österreich. 

4363 

3459 ! 

7691 j 

6184 J 

616 | 

480| 

1140 

905 


(Zu S. 196 unten.) 



landwirtschaftliche 

Bevölkerung 

M. | W. | BG. 

nichtlandwir 
liehe Bevöll 
M. | W. 

tschaft- 

cerung 

BG. 

Wien. 

386 

255 

323 

217 

176 

196 

Niederösterreich exkl. Wien 

170 

137 

153 

204 

143 

174 

Oberösterreich. 

132 

85 

108 

180 

108 

144 

Salzburg .... 

144 

106 

125 

215 

130 

172 

Steiermark . . . 

Kärnten .... 

162 

125 

133 

75 

147 

99 

313 

216 

228 

170 

272 

193 

Krain .... 

79 

55 

66 

89 

66 

77 

Triest s. Gebiet. 

871 

212 

543 

216 

152 

183 

Görz und Gradiska .... 

96 

74 

85 

142 

64 

103 

Istrien . . . 

102 

51 

77 

142 

141 

| 141 

Tirol .... 

157 

120 

138 

194 

107 

150 

Vorarlberg . . . 

145 

73 

113 

177 

172 

174 

Böhmen 

128 

90 

108 

164 

140 

152 

Mähren ... 

143 

93 

116 

170 

137 

154 


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199 



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200 



landwirtschaftliche 

Bevölkerung 

M. | W. BG. 

nichtlandwirtschaft¬ 
liche Bevölkerung 
M. i W. BG. 

Schlesien ........ 

128 

89 

106 

142 

1 

150 , 

, 146 

Galizien . . 

43 

35 

39 

191 

157 | 

174 

Bukowina. 

50 

43 

46 

1 162 

134 

| 148 

Dalmatien. 

112 

91 

101 

| 142 

138 

> 140 

i 

Österreich. 

95 

i 70 

82 

187 

149 

168 


Von je 1000000 Lebenden im Alter bis zn 5 Jahren starben 
an Wundinfektionskrankheiten (Kronländer mit nur wenig Todes¬ 
fällen nicht berechnet): 


Niederösterreich. 

744 

536 

640 

601 

408 j 

| 504 

Oberösterreich. 

303 

196 

251 

235 

217 

226 

Steiermark. 

647 

431 

537 

1515 

1101 

1308 

Görz-Gradiska und Istrien . 

204 

195 

199 

478 

130 

305 

Tirol und Vorarlberg . . . 

382 

331 

357 

300 

295 

297 

Böhmen. 

331 

275 

303 

469 

402 

435 

Mähren. 

474 

319 

396 

424 

387 

405 

Schlesien. 

243 

370 

308 

368 

383 

375 

Galizien. 

51 

42 

46 

564 

459 

512 

Bukowina. 

75 

51 

63 

310 

380 

345 


Um die Häufigkeit der Wundinfektionskrankheiten richtig 
würdigen zu können, wäre, so sollte man glauben, die Kenntnis 
der Frequenz der Wunden notwendig. Dies ist aber nicht ausführ¬ 
bar. Tritt doch z. B. der Tetanus nach beinahe ganz unbeachtet 
gebliebenen Verletzungen auf und auch die meisten Einbruchspforten 
des Rotlaufgiftes entziehen sich der Beachtung als Wunden. Unsere 
Kenntnis der Verletzungsfrequenz beschränkt sich aber nur auf 
grössere Verletzungen und dehnt sich nicht auf die für die Wund¬ 
infektionskrankheiten so wichtigen unscheinbaren Verletzungen aus. 
Über die Häufigkeit der grösseren Verletzungen klärt uns die 
Statistik der Unfallversicherungsanstalten auf. In vielen industriellen 
Betrieben ist die Verletzungsfrequenz sehr hoch. Aber auch die 
land- und forstwirtschaftlichen Betriebe weisen eine hohe Unfall¬ 
gefahr auf, so dass uns die Unfallstatistik kein aprioristisches Urteil 
über die Häufigkeit der Todesfälle an Wundinfektionskrankheiten 
bei der landwirtschaftlichen und nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung 
zu fällen gestattet. Wir können nun ruhig annehmen, dass die Zahl 
der unscheinbaren Verletzungen Legion ist und dass erst auf ihrer 
unendlich viele ein Todesfall an Wundinfektionskrankheiten kommt, 
so dass wir auf die entferntere Veranlassung letzterer keine Rück¬ 
sicht zu nehmen brauchen, um ihre Frequenz würdigen zu können. 


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201 


Die Wundinfektionskrankheiten spielen als Todesursache bei 
der landwirtschaftlichen Gesamtbevölkerung eine kleinere Rolle als» 
bei der nichtlandwirtschaftlichen. Mit zwei Ausnahmen, welche 
die beiden Grossstädte Wien und Triest betreffen. Dadurch wird 
ein Zweifel an der Richtigkeit obiger Tatsache angeregt, ob nicht 
etwa die Grundlagen der statistischen Daten auf Irrtum beruhen, 
bedingt durch den Mangel ärztlicher Beglaubigung. Dafür sprechen 
auch noch andere Momente. So sehen wir, das die landwirtschaft¬ 
liche Bevölkerung Galiziens und der Bukowina eine auffallend geringe 
Sterblichkeit an Wundinfektionskrankheiten auf weisen, ohne das& 
auch die Sterblichkeit der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung 
abnorm niedrig wäre, so dass man nicht etwa an einen geographisch, 
begrenzten Mangel eines Epidemiefaktors glauben kann. Überhaupt 
ist die Sterblichkeit der landwirtschaftlichen Bevölkerung in allen 
Kronländern, wo es um die Beschaffung ärztlicher Hilfe schlecht 
bestellt ist, am geringsten; ausser Galizien und Bukowina gehören 
hierher noch Krain, Görz-Gradiska, Istrien, Dalmatien. 

Noch deutlicher trifft dies bei der Kindersterblichkeit hervor, 
wo Galizien und Bukowina einen enormen Unterschied zwischen 
landwirtschaftlicher und nichtlandwirtschaftlicher Bevölkerung zu¬ 
tage treten lassen. Auch finden wir hier zum ersten Male, dasa 
die Kindersterblichkeit sich nicht ähnlich wie die Gesamtsterblichkeit 
verhält. Wir finden nämlich in Niederösterreich, Oberösterreich, 
Tirol-Vorarlberg, dass die Kinder der landwirtschaftlichen Be¬ 
völkerung häufiger als die der nichtlandwirtschaftlichen an Wund¬ 
infektionskrankheiten sterben. Allenthalben aber finden wir, dass 
die Kindersterblichkeit grösser als die Gesamtsterblichkeit ist, woran 
wohl das häufige Vorkommen des Rotlaufs im ersten Lebensjahre 
schuld ist. Am wenigsten trifft dies für die landwirtschaftliche 
Bevölkerung in Galizien und Bukowina zu, was eine weitere Be¬ 
stätigung obiger Zweifel liefert. 

Ich möchte nach alledem die Ergebnisse der Statistik nicht 
als sicher annehmen und der landwirtschaftlichen Bevölkerung eine 
geringere Sterblichkeit an Wundinfektionskrankheiten zuschreiben. 
Im Gegenteile bin ich durch die Ergebnisse einer anderen Arbeit 
zur Annahme gedrängt worden, dass die Beschäftigung mit der 
Landwirtschaft und der Aufenthalt in landwirtschaftlicher Umgebung 
zumindest in Wien das Entstehen der Wundinfektionskrankheiten 
begünstigt. Bei der bekannten Ubiquität der Erreger der Mehrzahl 
der hierher gehörigen Krankheiten wäre ein gleiches Verhalten der 
landwirtschaftlichen und der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung 
am ehesten zu erwarten gewesen. Auch lässt die geringere Mortalität 
bei grösserer Morbidität der Frauen an Rotlauf es begreifen, dass 
die Sterblichkeit der Frauen an Wundinfektionskrankheiten sowohl 


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202 


bei der landwirtschaftlichen als bei der uichtlandwirtschaftlichen 
Bevölkerung grösser ist als die der Männer. 

Nach der Grösse des Wohnortes verteilen sich die Todesfälle 
an Wundinfektionskrankheiten so, dass auf je 1000000 Lebende 
kamen: 

A. Männer 



-500 

E. 

601— 

2000E. 

2001- 

5000E. 

5001- 
10000 E. 

10001- 
20000 E. 

: 

über 
20000 E. 

Niederösterreich exkl.Wien 

218 

150 

207 

134 

528 

188 

Oberösterreich. 

127 

128 

220 

125 

446 

Salzburg. 

125 

202 

— 

— 1 

— 

427 

Steiermark. 

123 | 

200 

340 

640 

438 

961 

Kärnten. 

86 

141 | 

1 627 1 

— 

814 

Krain. 

76 

117 

I “ 

1 — 

— 

74 

Görz-Gradiska. 

77 

101 

210 

_ 

236 

Istrien. 

49 

52 

117 

378 

_ 

296 

Tirol. 

145 

165 

167 

207 

345 

405 

Vorarlberg. 

150 

124 

224 

282 

220 

— 

Böhmen . 

114 

127 

178 

259 

224 

321 

Mähren. 

133 1 

131 

204 

151 

297 

282 

Schlesien. 

52 

112 

151 

225 

410 

353 

Galizien. 

25 

44 

69 

181 

157 

537 

Bukowina. 

— 

40 

44 

96 

159 

460 

Dalmatien ....... 

84 

95 

324 

280 

166 

— 

Österreich. 

103 

96 | 

137 

225 | 

250 

342 


B. 

Weiber 




Niederösterreich exkl.Wien 

140 

146 

155 

| 96 

! 245 

241 

Oberösterreich. 

89 

90 

92 

j 25 

263 

Salzburg. 

84 

94 

— 

— 

— 

318 

Steiermark. 

95 

160 

243 

579 

173 

644 

Kärnten. 

64 

106 

306 I 

— 

622 

Krain. 

56 

89 

1 “ 

— ! 

— 

45 

Görz-Gradiska. 

71 

66 

118 

— 

66 

Istrien. 

21 

38 

115 

272 

— 

223 

Tirol. 

88 

126 

120 

158 

110 

228 

Vorarlberg. 

95 

107 

238 

142 

246 

— 

Böhmen. 

91 

103 

137 

205 

165 

262 

Mähren. 

110 

97 

129 

99 

231 

201 

Schlesien. 

114 

79 

159 

296 

239 

236 

Galizien. 

29 

36 

65 

162 

125 

399 

Bukowina. 

— 

32 | 

43 

147 

110 1 

339 

Dalmatien. 

68 

75 

i 

260 

214 

235 

- 

Österreich. 

79 

77 | 

108 | 

185 

170 

255 


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203 


C. Beide Geschlechter 



-500 

E. 

1501- 2001— 
2000E. 5000E.I 
i__L_ 

5001— 
10 000 E. 

10001— 
20000 E. 

über 
20000 E. 

Niederösterreich exkl. Wien 

178 

148 

181 

116 

378 

213 

Oberö8terreieh. 

105 

106 

166 

1 74 i 

357 

Salzburg. 

105 

148 

— 

___ 

— 

371 

Steiermark. 

109 

180 

293 

609 

310 

796 

Kärnten. 

75 

123 

464 

— 

721 

Krain. 

66 

103 

— 

— 

— 

59 

Göra-Gradiska. 

74 

84 

1 163 j 

— 

144 

Istrien. 

35 

45 

116 

326 

— 

269 

Tirol. 

116 

145 

143 

181 

224 

318 

Vorarlberg. 

122 

116 

231 

213 

233 j 

— 

Böhmen. 

102 

115 

156 

232 

194 

290 

Mähren. 

121 

113 

165 

124 

262 

240 

Schlesien. 

85 

95 

155 

260 

322 

293 

Galizien. 

27 

40 

67 

171 

141 

469 

Bukowina. 

— 

36 

43 

121 

134 

400 

Dalmatien. 

76 

_i 

85 

293 

1 247 

i 

200 

— 

Österreich. 

90 

: 

i 86 

1 

122 

205 

208 

298 


In dieser Zusammenstellung ist trotz vielfacher Abweichungen 
nicht zu verkennen, dass mit der Grösse des Wohnortes die Todes¬ 
fälle an Wundinfektionskrankheiten zunehmen; dies finden wir nicht 
bloss bei dem Dorfe gegenüber der Stadt, sondern auch bei den 
Städten je nach ihrer Grössenkategorie ausgeprägt. Dies könnte 
vielleicht so erklärt werden, dass die grössere Bevölkerungsdichte 
nicht bloss die Infektionsraöglichkeit erleichtert, sondern auch dem 
Virus die für die Steigerung seiner Virulenz etwa notwendige mensch¬ 
liche Zwischenpassage gewährt. Letzterer Gefahr könnte man durch 
die Art der Städteerbauung begegnen: Vermeiden der Zinskasernen 
und Umgeben jedes Hauses mit Gartenanlagen, hygienischer Wünsche, 
deren Erfüllung jedoch der hohe Preis von Grund und Boden in 
Grossstädten entgegenstebt. 

Unter dem Begriffe „andere Infektionskrankheiten“ werden 
eine Reihe der heterogensten Infektionskrankheiten zusammengefasst, 
wie z. B. Influenza, epidemische Genickstarre, Rückfallfieber, Malaria, 
deren Bedeutung für jedes Kronland wechselt. Rückfallfieber finden 
wir zumeist nur und auch da selten in Galizien und Bukowina, 
während Malaria eine grosse Rolle in den südlichen und östlichen 
Kronländern spielt 1 ). Wenn wir daher für die Rubrik der „anderen“ 


1) Einen etwas genaueren Einblick in den Inhalt der Rubrik au- 


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204 


Infektionskrankheiten die divergierendsten Resultate erhalten, darf 
uns dies nicht wundernehmen. Die absoluten Daten enthalten die 
beiden folgenden Tabellen. 







im Alter bis 

zu 



überhaupt 

! 

i 

5 Jahren 


Es starben an anderen 

l&ndwirt- 

nichtland- 

j landwirt- i 

nichtland- 

Infektionskrankheiten 

schaftliche 

wirtschaftl. 

schaftliche wirtschaftl. 

Bevöl- 

Bevöl- 

1 Bevöl- 1 

Bevöl- 


kerung 

kerung 

kerung 

kerung 


M. 

1 W. 

M. ! 

w. | 

I M. 

W. 

i M. | 

1 W. 

Wien . 

7 

4 

377 

331 

___ 

1 

83 

85 

Niederösterr. exkl. Wien 

130 

118 

134 

144 

18 

11 

23 

20 

Oberösterreich .... 

112 

127 

151 

146 

19 

14 

24 

19 

Salzburg. 

48 

39 

41 

41 

14 

9 

7 

8 

Steiermark. 

182 

219 

304 

336 

36 

25 

66 

66 

Kärnten . 

46 

54 

42 

39 

13 

10 

5 

3 

Krain. 

82 

93 

38 

57 i 

13 

14 

11 

6 

Triest s. Gebiet .... 

7 

3 

81 

i 55 1 

— 

— 

13 

15 

Görz und Gradiska . . 

55 

71 

24 ) 

14 

i 

1 93 

87 

15 

12 

Istrien. 

327 

309 

59 

72 | 

1 



Tirol. 

613 

V 

239 

250 

i 

l 

|40 

34 

33 

26 

Vorarlberg. 

12 

30 

50 

68 

1 



Böhmen. 

358 

370 

1097 

1012 

67 

83 

272 

252 

Mähren . 

194 

180 

314 

304 

44 

30 

61 

61 

Schlesien. 

27 

38 

73 | 

72 

6 

1 6 

12 

19 

‘Galizien . 

1885 

1 891 

1025 

915 i 

343 

323 

174 

143 

Bukowina . 

194 

201 

52 

50 

17 

21 

5 

9 

Dalmatien . 

619 

696 

104 

69 

129 

120 

13 

13 

Österreich . 

1 4 898 

5060 

4 205 

3 975 

j 852 l 

788 

817 

1 

757 


<iere Infektionskrankheiten geben folgende, drei Aufsätzen über die In¬ 
fektionskrankheiten der Jahre 1899, 1900 und 1901 in „Das österreichische 
Sanitätswesen* entnommenen Daten; die Daten für Syphilis beziehen sich 
bloss auf das Jahr 1901. Es starben an 



ce 

2 

I 

Malaria 

Epid. Ge¬ 
nickstarre 

Syphilis 

Pellagra 


Influenza 

Malaria 

® £ 

'd jj 
‘S..2 
ÜJL 

.2 

1 

!£ 

öS 

i 

iß 

CU 

Niederösterreich 

231 

1 

22 

135 

— 

Tirol . . . 

538 

— 

2 

11 

443 

Ober Österreich 

239 

— 

1 

18 

— 

Vorarlberg . 

99 

— 

— 

— 

1 

Salzburg . . 

84 

— 

— 

8 

— 

Böhmen . . 

488 

— 

150 

106 

— 

Steiermark. . 

341 

— 

22 

54 

_ 

Mähren . . 

219 

— 

1 13 

35 

— 

Kärnten . . . 

86 

— 

3 

4 

— 

Schlesien . . 

71 

1 

1 2 

14 

— 

Krain . . . i 

125 1 

2 

1 

— 

— 

Galizien . . 

1853 

187 

183 

1 76 

— 

Triest . . . | 

29! 

8 

1 

7 

— 

Bukowina 

146 

7 

9 

20 

66 

Görz-Gradiska ' 

44 ; 

13 j 

— 

— 

17 

Dalmatien . 

11 

667 

1 

17 

! — 

J strien . . . 

267 | 

187 | 

3 ; 

1 

— 

Staat . . . 

4871 

10731 413 

506 

532 


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206 


Von je 1000000 Lebenden starben an anderen Infektions¬ 
krankheiten : 



landwirtschaftliche 

Bevölkerung 

nichtlandwirt¬ 

schaftliche 

Bevölkerung 


M. 

W. 

| BG. 

M. 

| W. 

BG. 

Wien. 

118 

73 

96 

72 

59 

65 

Niederösterreich exkl. Wien 

60 

53 

57 

50 

56 

53 

Oberösterreich. 

81 

88 

85 

108 

105 

106 

Salzburg. 

157 

129 

148 

119 

116 

118 

Steiermark. 

74 

83 

79 

139 

163 

151 

Kärnten. 

63 

67 

65 

80 

79 

80 

Krain. 

70 

70 

70 

74 

108 

91 

Triest s. Gebiet. 

185 

80 

132 

150 

94 

121 

Görz-Gradiska. 

99 

131 

115 

95 

56 

76 

Istrien. 

388 

386 

387 

158 

215 

185 

Tirol. 

345 

337 

341 

213 

218 

216 

Vorarlberg. 

60 

183 

115 

216 

244 

230 

Böhmen. 

46 

42 

44 

83 

76 

79 

Mähren. 

54 

42 

47 

71 

69 

70 

Schlesien. 

36 

40 

38 

50 

51 

50 

Galizien. 

105 

97 

101 

178 

162 

170 

Bukowina. 

107 

111 

109 

79 

78 

78 

Dalmatien. 

362 

417 

389 

328 

227 

279 

Österreich. 

106 ; 

103 

105 

102 

96 

99 


Im ganzen Staate besteht fast gar kein Unterschied zwischen 
landwirtschaftlicher und nichtlandwirtschaftlicher Bevölkerung hin¬ 
sichtlich der Sterblichkeit an anderen Infektionskrankheiten, wohl 
aber in den einzelnen Kronländern. Die Sterblichkeit der land¬ 
wirtschaftlichen Bevölkerung ist in Wien, Salzburg, Görz-Gradiska, 
Istrien, Tirol, Bukowina und Dalmatien entschieden grösser, in 
Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, Krain, Vorarlberg, Böhmen, 
Mähren, Schlesien und Galizien entschieden kleiner. Zwischen der 
Sterblichkeit beider Geschlechter herrscht weder bei der landwirt¬ 
schaftlichen, noch bei der nichtlandwirtschaftliehen Bevölkerung in 
der Regel ein grosser Unterschied. 

In drei Kronländern ist die Sterblichkeit hoch, in Istrien, 
Dalmatien und Tirol; dies kommt ausser in Tirol wahrscheinlich 
auf Rechnung der Malaria, welche auch noch in Galizien, Görz- 
Gradiska und Triest zahlreichere Opfer hinwegrafft. In diesen 
Ländern ist die Sterblichkeit der landwirtschaftlichen Bevölkerung 
grösser. Wer die Ätiologie der Malaria kennt, musste dieses Er¬ 
gebnis von voraeherein erwarten, da es weit wahrscheinlicher ist. 


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207 


dass auf Sumpfboden landwirtschaftliche als nichtlandwirtschaftliche 
Bevölkerung angesiedelt ist. Auch die Trinkwasserverhältnisse sind 
bei der landwirtschaftlichen Bevölkerung der Malariaverbreitung 
günstiger als bei der nichtlandwirtschaftlichen; während wir bei 
letzterer Wasserleitungen und Brunnen zu erwarten haben, finden 
wir bei ersterer, besonders in Dalmatien, Cysternen, die nach den 
Aussagen dort ansässiger Ärzte von Mflckenlarven wimmeln. Für 
die Bekämpfung der Malaria in Dalmatien spielt die Beschaffung 
guten Trinkwassers mit Auflassung des Cysternensystems eine wich¬ 
tige Rolle. 

Ausser Tirol, wo die Pellagra ausschlaggebend ist, ist nur 
noch Salzburg das einzige Alpenland, in welchem die Sterblichkeit 
an anderen Infektionskrankheiten bei der landwirtschaftlichen Be¬ 
völkerung entschieden grösser als bei der nicbtlandwirtschaftlichen 
ist. In Niederösterreich sind beide Bevölkerungen ungefähr gleich 
gestellt, in den anderen Alpenländern ist die Sterblichkeit der nicht- 
landwirtschaftlichen Bevölkerung grösser. Das Hauptkontingent zu 
dieser Todesursachenrnbrik stellt in den Alpenländern die Influenza, 
die möglicherweise bei der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung 
nur häufiger diagnostiziert wird, ohne auch häufiger zu sein. Einen 
Beleg dafür würde das Verhalten von Wien und Triest liefern. 
Ich meinerseits glaube, ohne bindende Beweise für diese Ansicht 
liefern zu können, dass Influenza der Pneumonie gleicht, die bei 
im freien ausgeübten Berufen häufiger ist. Doch stehen Analogie¬ 
schlüsse oft auf schwankenden Füssen und so könnte es tatsächlich 
auch umgekehrt bei der Influenza der Fall sein. Dann würden 
wir damit auch die Mehrsterblichkeit der nichtlandwirtschaftlichen 
Bevölkerung in den Sudetenländern (Böhmen, Mähren, Schlesien) 
in Verbindung bringen können. Wir könnten uns übrigens auch 
denken, dass Influenza bei der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung 
nicht häufiger als bei der landwirtschaftlichen ist, dass sie aber 
von ersterer schwerer ttberstanden wird. Gehört doch dazu vor 
allem ein gesundes Herz und sind einerseits die Einwirkungen der 
Influenza auf das Herz, andererseits die grössere Häufigkeit der 
Herzkrankheiten in den Städten bekannt. Wenn wir weiter in 
Betracht ziehen, dass Syphilis als Todesursache fast nur in Städten 
erscheint, und zwar hier in keineswegs gegenüber der Influenza 
geringem Masse, so werden wir durch die statistischen Daten um 
so mehr zur Annahme einer grösseren Verbreitung der Influenza 
auf dem Lande gedrängt. 

Galizien und Bukowina, welche sich bisher stets ganz ähnlich 
verhielten, zeigen bei den anderen Infektionskrankheiten verschiedenes 
Verhalten; schuld daran trägt die Verschiedenheit in der Frequenz 

Otntnlblttt f. tilg. Gessndheltaptiege. XXV. Jahrg. 15 


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208 


bei der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung. Oie Ursache dafür 
vermag ich nicht anzugeben. 

Von je 1000000 Kindern im Alter bis zu 5 Jahren starben an 
anderen Infektionskrankheiten 



landwirtschaftliche 

Bevölkerung 

nichtland¬ 

wirtschaftliche 

Bevölkerung 


M. 

W. 

BG. 

M. 

W. 

BG. 

Niederösterreich exkl. Wien 

161 

98 

130 

164 

141 

153 

Oberösterreich. 

288 

213 

251 

363 

274 

313 

Salzburg. 

927 

634 

785 

457 

468 

463 

Steiermark. 

271 

183 

226 

725 

732 

729 

Kärnten. 

337 

261 

299 

201 

120 

161 

Krain. 

170 

181 

176 

428 

232 

380 

Görz-Gradiska, Istrien . . 

1111 

1064 

1088 

478 

389 

434 

Tirol, Vorarlberg. 

413 ! 

352 

383 

494 

403 

449 

Böhmen. 

151 

187 

169 

381 

362 

366 

Mähren. 

197 

133 

165 

253 

254 

263 

Schlesien. 

126 

117 

119 

138 

220 

179 

Galizien . .. 

271 

252 

262 

506 

432 

469 

Bukowina. 

142 

177 

164 

129 

224 

177 

Dalmatien. 

1199 

1170 

1184 

988 

966 

977 

Österreich. 

302 

277 

289 

377 

351 

364 


Wir finden, abgesehen von der Grössendifferenz der Verhältnis¬ 
zahlen, fast überall dieselben Verhältnisse bei den Kindern wie bei 
der Gesamtbevölkerung. Grössere Ausnahmen finden sich nur bei 
Kärnten, Tirol und Vorarlberg und Bukowina, bei Tirol und Buko¬ 
wina wohl durch die mitgerechnete Pellagra verursacht. 

Es starben ferner an anderen Infektionskrankheiten von je 
1000000 Lebenden in Ortschaften mit 



—500 

E. 

501- 

2000E. 

2001 - 

5000E. 

i 

5001- 
10000 E. 

10001 — 
20000 E. 

über 
20000 E. 


A. Männer. 




Nieder Österreich exkl. Wien 

68 

41 

73 

12 

45 

205 

Oberösterreich. 

89 

106 

92 

90 

43 

144 

Salzburg. 

169 

135 j 


— 

— 

94 

Steiermark. 

68 

96 


| 106 

356 

Kärnten. 

67 

88 j 

! 94 1 

— 

68 

Krain. 

73 

50 

106 

— 

— 

92 

Görz-Gradiska. 

109 

109 

88 

— 

— 

39 

Tstrien. 

439 | 

313 1 

282 

353 

— 

148 

Tirol. 

296 

330 ; 

315 

| 164 

57 

325 

Vorarlberg. 

123 

136 

316 

63 | 

— 


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209 



—500 

E. 

501— 

2000E. 

2001- 

5000E. 

5001- 
10000 E.| 

10001— 
|20000 E. 

über 
20000 E. 

Böhmen. 

54 

63 

93 

86 

73 

156 

Mähren. 

48 

56 

99 

46 

102 

101 

Schlesien. 

29 

41 

52 

37 

113 

114 

“Galizien. 

72 

115 

136 

146 

75 

412 

Bukowina. 

54 

! 114 

80 

85 

244 

187 

Dalmatien. 

542 

1 275 

472 

467 

i 428 

— 

Österreich. 

91 

| 106 j 

| 122 

108 

1 91 

160 


B. Weiber. 


Niederösterreich exkl. Wien 

65 

53 

45 

37 

20 

174 

Dberösterreich. 

88 

120 

92 

53 

92 

142 

Salzburg. 

136 

167 

— 

— 

— 

70 

Steiermark. 

80 

102 

— 

82 

388 

Kärnten. 

64 

94 

122 | 

— 

72 

Krain. 

85 

74 

98 

_ i 

— 

54 

Görz-Gradiska. 

104 

136 

101 

— 

— 

22 

Istrien. 

381 

392 

236 

360 

— 

270 

Tirol. 

283 

312 

324 

198 

55 

381 

Vorarlberg. 

257 

226 

290 

1 205 | 

— 

Böhmen. 

47 

! 61 

| 70 

83 

63 

141 

Mähren. 

43 

j 45 

1 81 

74 

49 

136 

Schlesien. 

52 

I 37 

46 

79 

124 

47 

Galizien. 

75 

1 110 

122 

130 

99 

356 

Bukowina. 

29 

1 130 

104 

70 

232 

123 

Dalmatien. 

612 

348 

400 

184 

196 

— 

Österreich. 

90 

1 106 

109 

| 108 

| 76 

| 139 


C. Beide Geschlechter. 


Niederösterreich exkl. Wien 

66 

47 

59 

24 ! 

32 

190 

Gberösterreich. 

88 | 

113 

92 

71 ! 

66 

143 

Salzburg. 

152 

151 


— | 

— 

82 

Steiermark.. 

74 

99 


94 

372 

Kärnten. 

65 

91 

108 1 

— 

70 

Krain. 

79 

62 

102 

— 

— 

73 

Görz-Gradiska. 

106 

122 

94 

— 

! — 

30 

Istrien. 

411 

352 

259 

356 

— 

194 

Tirol. 

289 

321 

319 

181 

I 56 

352 

Vorarlberg. 

190 

180 

303 

135 

— 

Böhmen. 

50 

62 

81 

85 

68 

148 

Mähren. 

45 

50 

90 

61 

76 

119 

Schlesien. 

42 

39 

49 

54 

119 

79 

Galizien. 

74 

112 

129 

138 

87 

385 

Bukowina. 

41 

122 

92 

78 

238 

155 

Dalmatien. 

577 

311 

437 

324 

313 

— 

Österreich. 

90 | 

106 

115 

I 108 

83 

! 149 


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210 


Eine entschiedene Zunahme der Todesfälle an anderen In¬ 
fektionskrankheiten so wohl bei Männern als bei Weibern mit der 
Grössenzunahme des Wohnortes, sei es, dass die Zunahme kontinuier¬ 
lich ist, sei es, dass sie wenigstens die beiden höchsten Kategorien 
betrifft, finden wir bei Steiermark, Mähren, Schlesien, Bukowina, 
vielleicht auch Galizien und Böhmen, eine entschiedene Abnahme 
bei Salzburg, Görz-Gradiska, vielleicht Istrien und Dalmatien. Allzu 
deutlich ist aber sowohl Zu- wie Abnahme nicht. Bei den anderen 
Kronländern finden wir keinen entschieden ausgeprägten Einfluss 
der Wohnortsgrösse auf die Frequenz der Todesfälle an anderen 
Infektionskrankheiten. Wenn auch im allgemeinen diese Resultate 
eine Bestätigung des bei der landwirtschaftlichen und nichtland¬ 
wirtschaftlichen Bevölkerung gefundenen Ergebnisses bilden, so 
fragt es sich doch, woher die geringer ausgeprägte Deutlichkeit 
des Ergebnisses stammt. In dieser Hinsicht gibt einen Fingerzeig 
der Umstand, dass die volkreichsten Ortschaften sowohl die Zu- 
als die Abnahme, wo solche vorhanden sind, am deutlichsten zeigen. 
Bodenhygiene als Kampfmittel gegen Malaria wird eben in den 
grössten Ortschaften am besten gehandhabt, ja man kann sagen, 
dass Sumpfboden ein Hindernis für die Ausdehnung einer Stadt ist. 
Andererseits wird in Grossstädten z. B. die Diagnose Influenza aus 
den früher angegebenen Gründen häufiger angetroffen werden. Die 
Diagnose Syphilis als Todesursache finden wir überhaupt fast nur 
in Städten. (Forts, folgt.) 


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Geschlechtskrankheiten und Prostitution. 


Von 

Dr. med. P. Krautwig, 

Beigeordneten der Stadt Cöln. 


Die sozialen Bestrebungen unserer Zeit haben auch dem 
medizinischen Forschen und Handeln mächtige Impulse gegeben. 
Gerade die ärztlichen Feststellungen sind oft erst die Vorbedingungen 
zu klarem Erkennen und Wägen der Gefahren, die auf den einzelnen 
oder die Gesamtheit aus der heutigen Gestaltung der Lebens¬ 
und Arbeitsverhältnisse einwirken. Ich brauche nur an die Schlag¬ 
worte: Ausreichende Ernährung, maximale Arbeitszeit, Wohnungs¬ 
fürsorge usw. zu erinnern. Die soziale Medizin hat sich vor allen 
Dingen in den letzten Jahrzehnten mit kraftvoller, weitgreifender 
Organisation den Volksseuchen entgegengeworfen, die an Gesundheit 
und Leben und schliesslich auch am nationalen Wohlstände so 
grausame Verheerungen anrichten. Wir alle wissen, dass der 
Kampf zunächst und vor allem sich gegen die Tuberkulose richtete, 
an der in Preussen allein etwa 70000 Menschen jährlich dahin¬ 
sterben. In schneller Zeitfolge wurde dann auch ein planmässiger 
Kampf gegen den Krebs, die Säuglingssterblichkeit und schliesslich 
die Geschlechtskrankheiten organisiert. Von den Geschlechts¬ 
krankheiten nicht zu trennen ist die Prostitution, die als trüber 
Sumpf den Hauptzufluss und Abfluss für deren Infektionsstoff 
darstellt. 

Gerade diese Verbindung der Venerie mit der Prostitution 
hebt die Bedeutung des Kampfes so gewaltig und zieht das Interesse 
und die Fürsorge der weitesten Kreise herbei. Es wäre nichts 
unrichtiger, als wollte man die Prostitution nur unter dem Gesichts¬ 
winkel des Arztes betrachten und behandeln. Gewiss bedroht sie 
die Gesundheit des Volkes in erschreckendem Masse, aber sie be¬ 
droht ebenso die öffentliche Sicherheit und Sittlichkeit, die soziale 
Gesundheit des Volkes. 

Darum sind auch gewaltige soziale und ethische Kräfte nötig, 
mit welchen vereint wir Ärzte den ernsten Kampf führen wollen. 


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212 


Im Jahre 1899 hat sich im Anschluss an die Internationale Konferenz 
zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Brüssel die Socifete 
internationale de prophylaxie sanitaire et morale gebildet, ala 
deren Unterabteilung in Deutschland die „Deutsche Gesellschaft 
zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten sich konstituierte. 
Sie will die Zentralstätte sein für alle Bestrebungen, welche sich, 
mit dem vielgestaltigen Problem der Geschlechtskrankheiten und. 
der Prostitution beschäftigen. Darum sucht sie Verbindung mit 
Gesellschaften und Kongressen, die auf ethischem, sozialem, und 
erzieherischem Gebiet in derselben Richtung, wenn auch mit 
verschiedenen Mitteln tätig sind. Es ist das unbestreitbare Verdienst 
der Gesellschaft, dass sie ohne Prüderie über die bestehenden 
Gefahren der Öffentlichkeit Aufklärung gab. Mit ihr werden die 
weitesten Kreise der Bevölkerung der Überzeugung sein, dass eine 
völlige Ausrottung der Prostitution nur ein frommer Wunsch ist 
und bleiben wird, dass wir aber energisch auf die Eindämmung 
der Prostitution, und zumal auf die Herabminderung ihrer Gefahren 
für Leben und Gesundheit durch vorbeugende und heilende Mass¬ 
nahmen hinwirken müssen. Wir Ärzte haben den Wunsch, dass 
der Deutsche Verein zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 
den neutralen Boden bilden werde, auf dem sich alle Volksklassen 
der verschiedensten Richtungen zu gemeinsamer Arbeit zusammen¬ 
finden können. Dieses Zusammenarbeiten wird verhüten, dass der 
eine nur moralisierend und der andere nur mit problematischen 
sozialen Zukunftsideen den Kampf führen will, während ein wirk¬ 
licher Erfolg nur durch praktische, auf das Erreichbare gerichtete 
Mitarbeit der weitesten Kreise zu erringen ist. Schon heute 
kann man sagen, dass die genannte Gesellschaft, die in 22 Orts¬ 
gruppen und Zweigvereinen über 4000 Mitglieder umfasst, durch 
belehrende Vorträge, durch Verteilung von Merkblättern für Männer 
und Frauen in beharrlicher Kleinarbeit bereits viel Segensreiches 
gewirkt hat. 

Ehe wir die Gefahren und die Verbreitung der Geschlechts¬ 
krankheiten besprechen, seien mir zunächst einige Worte über das 
Wesen derselben gestattet. In Betracht kommen eigentlich nur 
Tripper und Syphilis. Eine dritte Krankheit, der sogenannte weiche 
Schanker, ist zwar verbreitet genug, besitzt aber nicht im ent¬ 
ferntesten weder für den einzelnen noch für die Gesellschaft die 
gefährliche Bedeutung wie die beiden anderen Krankheiten. 

Der Tripper, der etwa zwei Drittel aller Geschlechtskrankheiten 
umfasst, wurde früher oft für eine gesundheitlich gleichgültige, 
harmlose Lokalerkrankung gehalten, die höchstens mal die Blase 
oder Niere in Mitleidenschaft zieht. In dieser Auffassung hat sich 
aber schon seit vielen Jahren in den ärztlichen Kreisen eine 


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213 


gründliche Wandlung vollzogen. Wir wissen heute, dass der Tripper 
weiter in das Körperinnere Vordringen kann, dass er die keim¬ 
bereitenden Organe bei Mann und Fran zerstören kann, zumal aber 
dass er bei Frauen oft genug zu chronischen Entzündungsprozessen 
der Unterleibsorgane führt. Manche junge Frau findet durch diese 
Erkrankung an Stelle des erhofften Eheglückes langjähriges, schmerz¬ 
haftes Krankenlager, ja völliges Siechtum. Ja, es können die 
Krankheitserreger, auf dem Blutwege weiterwandernd, schwere Ent¬ 
zündung der Gelenke und des Herzinnern hervorrufen. Jahrelang 
kann der Tripper in seinen Folgezuständen besonders beim weib¬ 
lichen Geschlecht allen Heilbemühnngen trotzen, und ist er wirklich 
abgeheilt, so schützt nichts den einmal schon Erkrankten vor neuer 
Ansteckung. Im Gegensatz zum Tripper, der wenigstens häufig 
lokal sich begrenzt, ist die dem Volke als gefährlicher bekannte 
Syphilis stets eine Allgemeinerkrankung des Körpers. Sie behält 
für gewöhnlich ihre Ansteckungsfähigkeit auf Jahre und äussert 
beim Träger ihre verderblichen Wirkungen oft noch nach Jahr¬ 
zehnten. Man unterscheidet bei ihr drei Stadien. Im ersten Stadium 
zeigt sich einige Wochen nach der Ansteckung an der Stelle, an 
welcher das Gift in den Körper gedrungen ist, gewöhnlich also an 
den Geschlechtsteilen, eine Verhärtung oder ein Geschwür: der sog. 
harte Schanker. Gleichzeitig schwellen die benachbarten Lymph- 
drüsen an. In weiteren 3—5 Wochen entwickelt sich im zweiten 
Stadium unter leichtem Fieber Ausschlag und Geschwüre auf der 
Haut und Schleimhaut: Das Gift ist bereits in den Körper auf 
dem Blutweg eingedrungen In diesen beiden Stadien ist die 
Ansteckungsfähigkeit der Syphilis oTine Zweifel eine ausserordentlich 
grosse. In dem dritten Stadium verliert die Syphilis nach allgemeiner 
Auffassung ihre Ansteckungsfähigkeit, dafür gewinnt sie aber bei 
dem Träger der Krankheit ausserordentlich an Gefährlichkeit. 
Nicht nur, dass sie durch Zerstörungen der Knochen zu entstellenden 
Verstümmlungen führen kann, dass sie die Sinnesorgane in der 
empfindlichsten Weise beeinflussen kann, nein, sie kann direkt 
lebensgefährlich werden, indem ihr eigentümliche, schnell wachsende 
und schnell zerfallende Geschwülste sich in lebenswichtigen inneren 
Organen ansiedeln. Manche schwere Nervenerkrankung — ich 
nenne nur die progressive Paralyse (der sog. Gehirnerweichung) 
und die Rückenmarkschwindsucht—werden zwar nicht ausschliesslich, 
aber doch wesentlich auf eine frühere Syphilis ursächlich bezogen. 
Des weiteren schafft die Syphilis ohne Frage einen günstigen Boden 
für frühzeitige Veränderungen des Blutgefässsystems, zumal für 
frühzeitige Schlaganfälle. Beiden Krankheiten gemeinsam ist ihre 
Einwirkung auf die Fortpflanzung. Während die Folgen des Trippers 
manchmal durch Zerstörung der keim bereitenden Organe eine 


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214 


Schwangerschaft überhaupt nicht zustande kommen lassen — man 
führt etwa ein Viertel aller Fälle von Kinderlosigkeit auf diese 
Erkrankung zurück, — kommt es bei syphilitischen Frauen wohl 
zur Schwangerschaft, aber die von dem Ansteckungsstoff auch be¬ 
fallenen Kinder entwickeln sich nur in einer Minderzahl der Fälle 
bis zur völligen Reife, um dann an Lebensschwäche meist noch zu¬ 
grunde zu gehen. Gerade das Bild des greisenhaft verfallenen, 
trotz aller Hülfe unter Schmerzen dahinsiechenden syphilitischen 
Säuglings, welches der Arzt in der Grossstadt nicht selten sieht, 
redet eine ernste, schrill ins Gewissen klingende Sprache. In den 
meisten Fällen kommt es aber bei Syphilis der Eltern gar nicht bis 
zur vollen Entwicklung der Kinder, sondern zu gehäuften Fehl¬ 
und Frühgeburten. Wenn wir nun in Deutschland in den letzten 
Jahren über das deutliche Herabsinken der Geburtenziffer, wenigstens 
in einzelnen Landesstrichen, anfangen beunruhigt zu werden, dann 
sehen wir nach dem Gesagten mit einem Blick, welche Bedeutung 
den Geschlechtskrankheiten für die Bevölkerungsziffer und für die 
Wehrkraft unseres Vaterlandes zukommt. 

Ich würde nicht vollständig sein, wenn ich nicht noch einige 
bekanntere Fälle von schuldloser Übertragung beider Erkrankungen 
kurz skizzierte: Unsere Blindenanstalten wissen davon zu erzählen, 
wie mancher ihrer Insassen die Blindheit nur der Übertragung des 
Trippergiftes der Mutter auf die Augen des Kindes beim Geburtsakt 
verdankt 1 ). Auch durch Zusammenschlafen mit ihren Kindern und 
durch gemeinsamen Gebrauch von Schwämmen und Handtüchern 
kann die tripperkranke Mutter das Gift auf ihre Kinder übertragen. 
Dass auch die Syphilis aussergeschlechtlich durch kranke Ammen 
auf gesunde Kinder, und umgekehrt von kranken Säuglingen auf 
gesunde Ammen, durch die Berufstätigkeit auf Ärzte und Hebammen 
übertragen werden kann, ist reichlich bekannt. Auch Ess- und 
Trinkgeschirre, Rasiermesser und andere gemeinsame Gebrauchs¬ 
gegenstände vermögen das Gift auf ahnungslose Menschen weiter 
zu schleppen. 

Dieses trübe Bild möchte ich nicht verlassen, ohne ernstliche 


1) Im Jahre 1900 wurden in Preussen 21571 Blinde gezälht, von 
denen 1 j i etwa seit frühester Jugend blind waren. Man geht nicht fehl, 
wenn man diese Fälle der Hauptsache nach den Trippererkrankungen 
der Augen zur Last legt. Glücklicherweise ist die Zahl der durch Tripper¬ 
infektion der Augen verursachten Erblindungen erheblich gesunken, 
seitdem das Credesche Verfahren (Einträufeln einer Höiiensteinlösung 
in die befallenen Augen) bei uns in Übung gekommen ist. Folgende 
Zahlen, die ich Prof. Greff in Berlin entnehme, zeigen den Segen des 
Credßschen Verfahrens. Auf 100000 Sehende kamen in Preussen 1871: 
95 Blinde, 1880 : 82, 1895 : 60. In Blindenanstalten zählte man früher 60 °/ 0t 
heute 13 °/ 0 durch Tripper Erblindete. 


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215 


Mahnung, dass doch jeder Kranke frühzeitig beim Arzt Hülfe und 
Heilung sucht. Die Aussichten einer frühzeitigen und energischen 
Behandlung sind durchaus gute. Keiner kann es heute weder sich 
noch seiner Familie gegenüber rechtfertigen, wenn er leichtfertig 
und gleichgültig die Krankheit vernachlässigt, wenn er sich einem 
geradezu gemeingefährlichen Kurpfuscher zur Heilung in die Hand 
gibt oder sogar bei gewissenlosen Menschen Heilung auf brieflichem 
Wege versucht. Dass die von der heutigen Medizin angewandten 
Heilmittel, das Jod und das Quecksilber, in der Hand des vor¬ 
sichtigen Arztes die Syphilis ausserordentlich günstig beeinflussen, 
kann füglich nicht bezweifelt werden. Die nicht oder mangelhaft 
behandelten Kranken stellen den grössten Prozentsatz zu den 
schweren Erkrankungsformen der tertiären Syphilis. Wo dahin¬ 
siechende Kinder das Glück der Ehe durch Jahre hindurch in 
der grausamsten Weise vernichteten, da hat diese zu Unrecht 
angefeindete Kur oft genug es erreicht, dass mit gesunden Kindern 
wieder Glück und Zufriedenheit in der Ehe sich einstellten. Bei¬ 
läufig will ich erwähnen, dass, während der Erreger des Trippers, 
der sog. Gonokokkus, bereits längere Jahre uns durch die Entdeckung 
Neissers bekannt ist, es nunmehr auch den rastlosen Forschungen 
Schaudins gelungen zu sein scheint, des Erregers der Syphilis, 
einer sog. Spirochaete, habhaft zu werden. 

Am meisten werden von den Geschlechtskrankheiten, wenn 
ich von den Prostituierten absehe, Studenten, Kaufleute, Arbeiter 
und Soldaten befallen. Nach einer Statistik von Blaschko erkranken 
in Berlin jährlich 4 bis 5°/ 0 der Soldaten, 8°/ 0 der Arbeiter, 
13 bis 30°/ 0 der Kellnerinnen (Angaben verschiedener Statistiken), 
16,5°/ 0 der Kaufleute und 25°/ 0 der Studenten. Ebenso ist durch 
vielfache Zahlenreihen bekannt, dass die meisten ansteckenden 
Geschlechtskrankheiten im Alter von 20 bis 25 Jahren erworben 
werden, und zwar etwa 50 °/ 0 , dann 18 °/ 0 bereits vor dem 20. Lebens¬ 
jahre und 32°/ 0 nach dem 25. Lebensjahre. Fragt man sich, ob 
die Zahl der Geschlechtskrankheiten im Laufe der letzten Jahr 
zehnte erheblich gegen früher zugenommen hat, so ist hierauf eine 
zahlenmässig sichere Antwort nicht möglich. Ob die Menschen 
heute unsittlicher veranlagt sind als früher, mag dahin stehen. Das 
allerdings muss allerseits zugegeben werden, dass das heutige 
Verkehrsleben und das Anwachsen der Grossstädte für die Ver¬ 
breitung der Geschlechtskrankheiten einen erheblich günstigeren Boden 
geschaffen haben. Verwertbare statistische Mitteilungen stehen uns 
nur in geringem Masse zur Verfügung, da wir nur für ansteckende 
Krankheiten im engeren Sinne (Diphtherie, Scharlach etc.) auf 
Grund einer gesetzlich begründeten Anzeigepflicht umfassende und 
zuverlässige Zahlen haben. Einen gewissen Massstab gibt die Unter- 


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216 


suchung der Armee, bei der allerdings infolge strenger Überwachung 
die Geschlechtskrankheiten in langsamem Abnehmen begriffen sind. 
Es besteht aber in sachverständigen Kreisen die Meinung, dass in 
der Zivilbevölkerung eher eine Zunahme der Seuche anzunehmen 
ist. Was wir aus den Statistiken der Krankenkassen und der 
Krankenhäuser erfahren, gibt auch kein richtiges Bild, weil einmal 
die Neigung bei den Kranken besteht, ihre Krankheit zu verheimlichen 
und womöglich zum Kurpfuscher zu gehen, und andrerseits manche 
Folgezustände der Geschlechtskrankheiten in einem späteren Stadium 
auch vom Arzt nicht mehr mit Sicherheit mit der veranlassenden 
Geschlechtskrankheit in ursächlichen Zusammenhang gebracht werden 
können. Noch nicht der dreissigste Teil der Geschlechtskranken 
sucht übrigens ein Krankenhaus auf. 

Unter diesen Umständen war es eiu verdienstliches Vorgehen, 
als der Preussische Kultusminister am 30. April 1900 eine Anfrage 
bei allen Ärzten über die zur Zeit von ihnen behandelten Geschlechts¬ 
kranken erliess. 63 °/ 0 der Ärzte beteiligten sich bei dieser Statistik, 
welche einen Bestand von 40902 Geschlechtskranken an dem ge¬ 
nannten Tage ergab. Bedenkt man, dass eine Reihe Ärzte die 
Anfrage nicht beantworteten, und ferner, dass gerade bei den Ge¬ 
schlechtskranken eine Statistik niemals alle Kranke erfassen wird, 
so kann man mit grösster Wahrscheinlichkeit für Preussen einen 
täglichen Bestand von etwa 100000Geschlechtskranken berechnen. 
Daraus wäre weiter eine jährliche Erkrankung von etwa 500000 
Menschen für Preussen und etwa 800000 für das Deutsche Reich 
zu berechnen. Etwa drei Viertel aller Erkrankten sind Männer, 
ein Viertel Frauen. Dass aber in der Tat der Prozentsatz der 
erkrankten Frauen ein erheblich grösserer ist, kann nicht bezweifelt 
werden. Die Frauen warten sehr lange, ehe sie zum Arzt gehen; 
eine falsche Scham veranlasst viele, den Rat des Kurpfuschers oder 
brieflichen Rat einzuholen. Die Zahl der in den Krankenhäusern 
behandelten Frauen ist nur wenig geringer als die Zahl der Männer* 
Für den Regierungsbezirk Cöln ist eine Zahl von etwa 2500 ärztlich 
behandelten Geschlechtskranken für den genannten Tag mitgeteilt 
worden. 

Ein grosses Interesse bietet die Berechnung, welche daa 
Preussische statistische Bureau über den Prozentsatz der Erkrankten 
für die einzelnen Städte angestellt hat. Es kamen am 30. April 1900 
in Preussen auf 10000 Einwohner 28 männliche Geschlechtskranke: 
in Berlin 142, in Städten über 100000 Einwohner im Durchschnitt 
100, in Städten über 30000 Einwohner im Durchschnitt 45 und in 
Städten unter 30000 Einwohner im Durchschnitt 15 Geschlechts¬ 
kranke. Besser als viele Worte demonstrieren diese Zahlen den 
Einfluss der Grossstadt auf die Häufigkeit der Geschlechtskrank- 


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217 


heiten. Aus obigen Zahlen lässt sich berechnen, dass in einer 
Grossstadt wie Berlin jährlich von 1000 jungen Männern zwischen 
20 und 30 Jahren der fünfte Teil an Tripper und 24 an frischer 
Syphilis erkranken. Es würde demnach von den Männern, die über 
30 Jahre alt in die Ehe treten, jeder die Vermutung gegen sich 
haben, dass er zweimal Tripper überstanden habe, während bei 
jedem 4. oder 5. auch die Erkrankung an Syphilis anzunebmen 
wäre. Die genannte statistische Erhebung hat den zablenmässigen. 
Beweis dafür erbracht, dass in allen Städten, in denen viele junge 
unverheiratete Menschen zusammenströmen, die Geschlechtskranke 
beiten ihre grösste Entwicklung finden. Hier sind besonders die 
Hafenstädte, die grossen Städte mit Hochschulen, mit Garnison und 
Arbeiterbevölkerung zu nennen. In den Truppenteilen der preussischen 
Armee wurden am 30. April 1900 von etwa 460000 Mann 669 venerisch- 
erkrankte Soldaten gezählt. Somit steht die Armee mit einer 
Erkrankungsziffer von etwa 15 auf 10000 gegenüber der preussischen. 
Durchschuittsziffer von 28 auf 10 000 ziemlich günstig da. Dagegen 
sind die Mannschaften der Marine, die in den gleichmässig ver¬ 
seuchten Hafenstädten des In- und Auslandes den geschlechtlichen 
Verkehr mit Prostituierten suchen, erheblich mehr verseucht. 62 von 
10000 waren hier am Zählungstag venerisch krank. 

Uns in Cöln interessiert die Stellung, die Cöln in der Häufig¬ 
keitsskala der Erkrankungen einnimmt. Der Regierungsbezirk Cöln 
folgt, allerdings in weitem Abstand, gleich hinter der Stadt Berlin^ 
und rangiert etwa in gleicher Reihe mit Wiesbaden. Nehmen wir 
jedoch einzelne Städte zum Vergleich, so sind Städte wie Königs¬ 
berg, Wilhelmshaven, Saarlouis, Frankfurt doch noch Cöln voraus* 
Wir sind heute gewohnt, bei allen Krankheiten uns die Frage 
zu stellen, in welcher Weise sie auf den nationalen Wohlstand ein¬ 
wirken. Schätzt man annähernd den Verlust an National vermögen r 
wie er bei diesen Krankheiten durch geminderte Einnahmen und 
vermehrte Ausgaben herauskommt, so gelangt man zu einer täglichen 
Verlustsumme von 250000 Mark oder einer jährlichen Einbusse an 
Nationalvermögen von 90.000.000 Mark. Viel schlimmer verwüstet 
auch kaum die Tuberkulose unsern Wohlstand; alle andern Seuchen 
reichen mit ihrer Schädigung lange nicht an diese Summe heran* 
Diese Zahlen und Angaben dürften genügen, um uns ein Bild 
über die heutige Verbreitung der Geschlechtskrankheiten zu geben. 
Wir wissen ja, wie auch in früheren Zeiten diese Krankheiten 
seuchenartig um sich griffen und unsägliches Leid über die Mensch¬ 
heit brachten. Ich erinnere nur daran, dass die Geschichte una 
ein getreues Bild aufbewahrt hat über die unheimliche Verbreitung, 
welche die Seuche, die durch die Schiffe des Kolumbus als unan¬ 
genehme Beigabe zur Entdeckung der neuen Welt in Europa ein- 


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218 


geschleppt wurde, in dem Heere Karls VIII. von Frankreich fand, 
als dieses im Kampfe gegen Neapel in Italien einmarschierte. Es 
ist sogar wahrscheinlich, dass die Seuche, der berüchtigte morbus 
gallicus, damals mit erheblich schwereren Erscheinungen auftrat, 
als das heute der Fall ist. Denn es war, wie uns die Chronisten 
überliefern, die Bevölkerung von einem solchen Schrecken ergriffen, 
als ob die Pest ihren unheimlichen Beutezug durch die Menschheit 
angetreten hätte. Aber der Umfang des heutigen Elendes ist 
erschreckend gross genug, um das öffentliche Gewissen zu schärfen 
und uns zu energischem Kampfe zu bestimmen. 

Wenn wir nun von Neisser erfahren, dass etwa 90°/ 0 aller 
Geschlechtskrankheiten durch unehelichen Geschlechtsverkehr ent¬ 
stehen, und dazu erwägen, dass die Prostitution immer wieder von 
neuem die giftspendende Quelle des Ansteckungsstoffes ist, so ist 
schon damit klar erwiesen, dass man mit den Gefahren der Ge¬ 
schlechtskrankheiten die Gefahren der Prostitution nur in gleichem 
Atemzuge nennen kann. Unter einer Prostituierten versteht man 
bekanntlich eine solche Frauensperson, welche sich gewerbsmässig 
und wahllos an zahlreiche Männer hingibt. Dass der Beruf ein 
schauderhafter, jedes Gefühl von menschlicher Würde verleugnender 
ist, bestreitet keiner, mag er einer politischen und religiösen Richtung 
angehören, welche sie auch sei. In der Ergrtindung der ursäch¬ 
lichen und begünstigenden Momente, welche die Frauen zu diesem 
Berufe hinführen, gehen dagegen die Ansichten weit auseinander. 
Dass sie ein reiu aus der sozialen Not geborenes Gebilde sei, kann 
in vollem Umfange wohl nicht behauptet werden. Es gibt auch 
manche Prostituierte, die eine gute Erziehung genossen und die 
Not des Lebens nie gekannt hat, die schliesslich doch durch Leicht¬ 
sinn und Verführung auf den Abweg geraten ist. Ebenso übers 
Ziel geschossen sind wohl die zumal von medizinischer Seite aus¬ 
gehenden Versuche, in den Prostituierten nur krankhaft veranlagte 
Persönlichkeiten zu sehen, die gewissermassen zu ihrem Berufe ge¬ 
boren seien. Ich denke da an die Anschauung Lombrosos von 
der „geborenen Prostituierten“. Ist aber die Theorie Lombrosos 
auch im weiteren Umfange sicher nicht richtig, so wird doch grade 
ein Arzt nicht verkennen, dass die Charakterschwäche der Pro¬ 
stituierten in einzelnen Fällen angeboren und von derartigem Umfange 
ist, dass man direkt von einer krankhaften Veranlagung sprechen 
muss. Hierin haben die Prostituierten viele Berührungspunkte mit 
den Verbrechern, unter denen wir heute dank der vorgeschrittenen 
psychiatrischen Kenntnisse in manchen Fällen den sogenannten 
moralischen Schwachsinn, eine wirkliche Geisteskrankheit, als die 
Ursache erkennen, welche sie zur Verbrecherlaufbahn geführt hat. 
Ein so vorsichtiger und erfahrener Arzt wie Bonnhöfer hat bei 


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219 


einer grösseren Anzahl von Untersuchungen von Prostituierten in 
28°/ 0 einen mehr oder weniger grossen Grad von angeborenem 
Schwachsinn feststellen können. 

Bestimmend für die Frage, welche Mädchen schliesslich in 
das grosse Heer der Prostitution einrücken, ist aber in den meisten 
Fällen sicher die Beeinflussung des Individiuras durch die soziale 
Gestaltung des Lebens. Leichtsinnige und sinnlich veranlagte 
Mädchen werden durch schlechte soziale Daseinsbedingungen ge¬ 
radezu auf den Weg der Prostitution hingedrängt. Zumal die 
Mädchen, welche eine schlechte Erziehung genossen, das Wohnungs¬ 
elend und seine Gefahren frühzeitig gekostet und schliesslich dann 
in jungen Jahren in fremden, vielleicht schlecht bezahlten Dienst 
hineinkommen, werden in der Grossstadt gar leicht in die Netze 
der Prostitution geraten. Wenn ich an Stelle der Prostituierten 
die weiblichen Fürsorgezöglinge supponiere, die ja bekanntlich zu 
einem ausserordentlich hohen Prozentsatz der Prostitution später 
anheimfallen, so ist über deren Vergangenheit festzustellen, dass 
etwa 20°/ 0 unehelich geboren und weitere 30% Vater oder Mutter 
oder beide bis zum 12. Lebensjahre verloren haben. Aus diesen 
Zahlen werden wir den grossen Wert einer guten Erziehung gerade 
in unserer Frage unmittelbar ableiten können. Ausser der mangel¬ 
haften Erziehung sind noch als prädisponierende Momente zum 
Dirnenberuf das heutige Wohnungselend mit dem Schlafstellen wesen, 
ein unzureichender Verdienst und schliesslich der Alkohol in den 
Vordergrund zu stellen. So erklärt es sich, dass die Dirnen sich 
vorwiegend aus den niederen Volksklassen rekrutieren. Bemerkens¬ 
wert ist, dass die Fabrikarbeiterinnen im Durchschnitt nur zu einem 
geringen Prozentsatz der Prostitution anheimfallen. Der niedrige 
Prozentsatz in diesen Kreisen mag ebenso wie die gleiche Erscheinung 
bei den Bauernmädchen zum grossen Teil darauf zurückzuführen 
sein, dass dieselben den geschlechtlichen Verkehr hauptsächlich mit 
den jungen Männern derselben Berufsklasse pflegen und im Falle, 
dass Folgen aus dem Verkehr sich entwickeln, gewöhnlich die 
Heirat mit ihren Liebhabern eingehen. Auffallend nach der andern 
Richtung ist der hohe Prozentsatz von Dienstmädchen, welche in 
der Stadt der Verführung anheimfallen, dann durch die Geburt 
eines unehelichen Kindes in Not geraten und so nicht selten der 
Prostitution sich ergeben, zumal der Vater in diesen Fällen ge¬ 
wöhnlich den sogenannten bessern Ständen angehört und an eine 
Heirat nicht denkt. Die meisten Statistiken berechnen, dass etwa 
30 bis 60% der Prostituierten ehemalige Dienstmädchen waren. 
Diese Zahl wird auch für unsere Cölner Verhältnisse annähernd 
zutreffen. In welch zunehmendem Masse gerade die Dienstmädchen, 
welche frisch vom Lande in eine städtische Stelle hineinkommen, 


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220 


.zur Prostitution übergehen, ergibt sich aus folgender Berliner 
.Zusammenstellung. In Berlin waren unter den neu Einge¬ 
schriebenen im Jahre 1855 80 °/ 0 Berlinerinnen, 1875 44%, 1898 
.25%. Aus diesen Zahlen kann man die zunehmende Gefährdung 
'der vom Lande in die Stadt gehenden Mädchen herauslesen. Falsch 
wäre es dagegen, aus diesen Zahlen einen geringeren Zugang der 
städtischen Mädchen mit Bestimmtheit herauszufinden; man wird 
wohl annehmen dürfen, dass die Städterinnen vorsichtiger und 
schlauer gegenüber der Polizei sich verhalten und in zunehmender 
Menge unter der Flagge eines Scheinberufs (Kellnerinnen u. dergl.) 
Ahr Gewerbe betreiben. 

Über die Zahl der Prostituierten werden meines Erachtens 
• heute vielfach ganz übertriebene Angaben gemacht. Die Zahl ist 
aber, wenn man auch bei den Tatsachen bleibt, noch gross und 
erschreckend genug. Für Berlin gibt man 5000 kontrollierte und 
50000 nicht inskribierte Dirnen an. Für Cöln hat man früher be¬ 
reits die Zahl von 700 eingeschriebenen und 7000 nicht ein¬ 
geschriebenen Dirnen in die Öffentlichkeit gebracht. Auf Grund 
der Erfahrungen, die ich als Polizei- und Gefängnisarzt hier in 
-Cöln habe sammeln können, und im Einklang mit den Angaben 
der mit der Überwachung der Prostitution beschäftigten amtlichen 
Stellen muss ich diese Zahl erheblich reduzieren. Zur Kontrolle 
kommen in Cöln etwa 300 Dirnen. Rechnet man zu diesen noch 
die Dirnen hinzu, welche sich der Kontrolle entziehen, oder zur 
Verbüssung von Strafen im Gefängnis bezw. im Arbeitshaus und 
zur ärztlichen Behandlung sich in dem Krankenhaus Lindenburg 
befinden, so kommt man höchstens auf eine Zahl von 450—500 
Inskribierten, von denen aber tatsächlich nur 300 in der Lage sind, 
jeweilig ihr Gewerbe auszuüben. Die Schätzung der geheimen 
Prostituierten auf das Zehnfache der Inskribierten ist eine absolut 
willkürliche und trifft gewiss nur in einzelnen Fällen zu. Ich 
glaube, dass man kein Recht hat, in Cöln über 1000 im geheimen 
ihren Beruf ausübende Dirnen anzunehmen. 

Über die Häufigkeit der Prostitution in verschiedenen Gross- 
Städten gibt folgende Tabelle, welche ich einem Vortrage von 
Dr. Zinsser (Cöln) entnehme, Aufschluss: 



Prostituierte 

Einwohner 


Berlin 

4500—5000 

884848 

1: 311 

Breslau 

1000—1100 

422709 

1 : 384 

Hamburg 

750 

705738 

1: 927 

Cöln 

700 

372529 

1: 503 

München 

700 

499932 

1 : 714 

Frankfurt 

400-500 

288900 

1: 577 

Hannover 

400 

235649 

1 : 589 


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221 


Braunschweig 

Prostituierte 

350 

Einwohner 

128226 

1 : 366 

Leipzig 

300 

456124 

1 : 1520 

Dresden 

250 

479671 

1 :1918 

Strassburg 

130 

151000 

1 : 1169 

Bremen 

50 

224697 

1 :4494 

Stuttgart 

30 

181000 

1 :6033 


Für Cöln würde ich aber unter Zugrundelegung der neuer¬ 
dings festgestellten Einwohnerzahl von 425000 und einer Zahl von 
400 Prostituierten ein erheblich günstigeres Verhältnis der Zahl 
der Prostituierten zur Zahl der Bevölkerung herausrechnen, nämlich 
ein Verhältnis von 1 : 1062. Demnach würde Cöln ziemlich in der 
Mitte stehen. 

Während in den meisten Städten die Zahl der inskribierten 
Prostituierten in den letzten Jahren kaum stärker als im gleichen 
Verhältnis zum Anwachsen der Bevölkerung zugenommen hat, ist 
man sich darüber einig, dass die Zahl der geheimen Prostituierten 
eine erhebliche, in Zahlen allerdings nicht genau anzugebende Zu¬ 
nahme erfahren hat. Die nicht eingeschriebenen Prostituierten sind 
aber viel gefährlicher als die eingeschriebenen. Sie siud noch zu 
unerfahren, um sich gegen ansteckende Krankheiten zu schützen. 
Sind sie erkrankt — und das Schicksal blüht ihnen sehr bald —, 
so gehen sie aus Unwissenheit, Gleichgültigkeit oder Angst nicht 
zum Arzt und bilden somit eine ausserordentliche Gefahr für die 
Weiterverbreitung der Krankheit, um so mehr, da sie als die jüngeren 
und hübscheren Mädchen gerade die gesuchtesten sind. Dass man 
gerade die jungen, der Polizei noch nicht bekannten Dirnen durch 
die bisherige Reglementierung, durch Kasernierung und Bordells 
nicht dem geschlechtlichen Verkehr entziehen kann, ist einer der 
Hauptvorwürfe, welchen man der bisherigen Reglementierung vieler- 
seits macht. 

Aus unsern Cölner Erfahrungen kann ich mitteilen, dass von 
den inskribierten Dirnen durchweg 2 °/ 0 krank befunden wurden, 
während die der Prostitution verdächtigen, soweit sie von der 
Polizei aufgegriffen waren, eine Erkrankungsziffer von ungefähr 
30°/ 0 auf wiesen. Im ganzen werden hier in Cöln im Jahre etwa 
5—600 der Prostitution verdächtige Personen von der Polizei auf¬ 
gegriffen. 

Es findet sich hier Gelegenheit, über die Reglementierung, 
wie sie in Cöln ausgeübt wird, einige Worte zu sagen: Die ein¬ 
geschriebenen Dirnen werden wöchentlich zweimal in dem Unter¬ 
suchungshaus an der Spinnmühlengasse ärztlich untersucht. Der 
Dienst der 3 Sittenärzte ist derart verteilt, dass die Dirnen an den 
zwei wöchentlichen Terminen jedesmal von einem andern Arzt unter- 


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222 


sucht werden. Werden sie krank befunden, so müssen sie zur 
Heilung in das Krankenhaus Lindenburg. Weiter werden von seiten 
der Polizeiärzte noch im hiesigen Gefängnis diejenigen Dirnen unter¬ 
sucht, welche dort eine Strafe zu verbüssen haben und diejenigen 
Frauenspersonen, welche von der Polizei als der Prostitution ver¬ 
dächtig angetroffen worden sind. Diese aufgegriffenen Personen 
sind zum grossen Teil minderjährig, wenn auch die Pariser Zahlen, 
wonach über 70°/ 0 aller Prostituierten bereits im minorennen Alter 
ihr Gewerbe anfingen, hier nicht ganz erreicht werden. Man macht 
der Polizei vielfach darüber Vorwürfe, dass sie ein der gewerbs¬ 
mässigen Unzucht verdächtiges Mädchen allzuleicht in die Liste 
der Prostituierten aufnimmt und damit geradezu diesen Mädchen 
die Rückkehr zu geordneten Verhältnissen unmöglich mache. Damit 
wir über diesen schwerwiegenden Vorwurf uns einigermassen ein 
Urteil erlauben können, wird es nötig sein, die hier bei der Polizei 
gültigen Vorschriften kennen zu lernen: 

Unter sanitätspolizeiliche Aufsicht werden gestellt 

I. Grossjährige, zurechnungsfähige Weibspersonen, wenn 
sie einen reellen Erwerb nicht haben und ihr ganzes Verhalten die 
Annahme rechtfertigt, dass sie gewerbsmässig Unzucht betreiben 
unter folgenden Voraussetzungen: 

1. wenn sie ihre Stellung unter sanitätspolizeiliche Aufsicht 
selbst nachsuchen, 

2. wenn sie wegen gewerbsmässiger Unzucht gerichtlich 
bestraft sind oder 

3. wenn sie anderwärts schon unter Kontrolle waren, 

4. wenn sie an ansteckender Krankheit leiden. 

II. Minderjährige Prostituierte werden nicht unter sanitäts¬ 
polizeiliche Aufsicht gestellt, sondern es wird ihre Überweisung zur 
Fürsorgeerziehung veranlasst bezw. das Vormundschaftsgericht um 
Massnahmen aus § 1666 und 1838 des B. G. B. angegangen. Ist 
das hiesige Vormundschaftsgericht nicht zuständig zu solchen Mass¬ 
nahmen, so erfolgt tunlichst Ausweisung der Minderjährigen aus 
Cöln auf Grund des § 2 des Freizögigkeits Gesetzes und gleich¬ 
zeitig die Benachrichtigung der Polizeibehörde des augenblicklichen 
Wohnsitzes und der Eltern bezw. des Vormundes. 

Behufs Einschränkung der übergrossen Anzahl der hier zu¬ 
ziehenden Prostituierten werden ferner aus Cöln ausgewiesen: 

a) alle verheirateten Prostituierten, welche nicht die Zustimmung 
ihrer Ehemänner zu ihrem Aufenthalt in Cöln nachweisen, auf Grund 
des § 2 des Freizügigkeits-Gesetzes, 

b) alle erheblich vorbestraften Prostituierten auf Grund des 
Gesetzes über die Zulassung zuziehender Personen vom 30. 12. 42. 

Durch die Reglementierung werden die Prostituierten ausser 


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223 


zu der ärztlichen Untersuchung noch zur Anzeige des Wohnungs¬ 
wechsels angehalten. Ferner sind ihnen eine ganze Menge genauer 
bezeichneten Strassen und Häuser zum Wohnen verboten; sie dürfen 
keinen Verkehr mit Zuhältern und Kupplern unterhalten, in ihrer 
Wohnung nicht durch Winke und Zeichen anlocken, auf der Strasse 
nicht durch ihr Äusseres auffallen, keine Mannsperson ansprechen 
und nicht in offenen Wagen fahren. Es ist ihnen verboten, von 
April bis Ende September von abends 9 Uhr ab und vom Anfang 
Oktober bis Ende März von abends 7 Uhr ab auf der Strasse oder 
in öffentlichen Lokalen sich zu zeigen. Eine ganze Reihe von 
Strassen und Plätzen dürfen sie weder betreten noch überschreiten; 
sie dürfen unerwachsenen Personen keinen Eintritt in ihre Wohnung 
gestatten und kein weibliches Dienstpersonal halten. Damit sie 
aber nicht ganz ohne Hülfe sind, ist ihnen hier gestattet, dass sie 
zu zweien in einer Wohnung zusammen wohnen. In Cöln existieren 
etwa 100 Dirnenhäuser meist in engen, von alters her zu diesem 
Zwecke benutzten Gassen, in welchen eine zahlreiche ärmere Be¬ 
völkerung ansässig ist. Es ist eine bekannte Erfahrung, dass gerade 
die armen Leute vielfach in der Nähe der Dirnen Wohnung nehmen, 
weil hier einmal die Mieten relativ niedrig sich halten, und weil 
sie weiterhin sehr häufig durch Botengänge für die Prostituierten 
noch Nebenverdienst gewinnen. Gerade hier sind wir an einem 
Punkte angelangt, der ausserordentlich bedenklich für das Allgemein¬ 
wohl ist. Die städtische Armenverwaltung hält darauf, dass die 
von ihr unterstützten Familien in diesen Dirnenstrassen nicht Wohnung 
nehmen. Ausser diesen 100 Dirnenhäusern, welche für etwa 200 Dirnen 
Raum geben, sind dann noch 176 sogenannte Meldewohnungen der 
Polizei bekannt. Hier wohnen die Prostituierten mit Wissen der 
Polizei, dürfen aber in dieser Wohnung ihre Gewerbe nicht aus- 
tiben. Gerade diese Prostituierten bevölkern trotz aller Verbote die 
Strassen und Plätze, um die Männer abzufangen und mit zu den 
sogenannten Absteigequartieren zu nehmen, deren der Polizei 53 be¬ 
kannt sind. Die Besitzer dieser Absteigequartiere werden von der 
Polizei besonders scharf verfolgt und auf Grund des bekannten 
§ 180 R. St. G. B. sehr häufig zur Verantwortung gezogen. Hy¬ 
gienisch sind diese Absteigequartiere, in welchen oft 5 Prostituierte 
hintereinander ihr unsauberes Gewerbe in demselben Bett austiben, 
am allerbedenklichsten. Es muss an dieser Stelle betont werden, 
dass eine Unstimmigkeit darin besteht, dass die Gesetze einmal die 
Prostitution zulassen und andererseits durch den Kuppler-Paragraph 
sie in oft zweckloser, vexatorischer Weise bekätnpfen. Die Folge 
ist nur die, dass einmal wieder die gefürchtete geheime Prostitution 
anwächst, und dass zweitens die Mieten seitens der mit vielen Geld¬ 
strafen bedrohten Kuppler ins Ungeheuerliche getrieben werden. 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jabrg. 16 


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224 


Noch neulich war ich am Gericht Zeuge einer Verhandlung, bei 
der eine Prostituierte bekundete, dass sie für ein kleines Häuschen, 
welches sie mit einer andern teilte, 600 Mark monatlich bezahlen 
musste. Schliesslich sei erwähnt, dass die Kosten für die Ver¬ 
pflegung der als krank in das städtische Hospital verwiesenen Pro¬ 
stituierten, welche von der Stadt aufgebracht werden müssen, im 
Jahre 1904 sich auf 24000 Mk. 1903 auf 48000 Mk. und 1902 auf 
46000 Mk. beliefen. 

Während in Cöln demnach die Prostituierten ihre Wohnungen 
in gewissen Grenzen frei wählen können und trotz einer Vorliebe 
für bestimmte Strassen doch noch recht zerstreut in der Stadt herum 
wohnen, ist man in andern Städten zu begrenzter Anweisung der 
Wohnungen in Kontrollstrassen oder Kontrollhäusern, sogenannten 
Bordells, ttbergegangen. Eine Kontrollstrasse hat z. B. Bremen. 
Während die Polizei den hier wohnenden Prostituierten, die auch 
einer strengen ärztlichen Aufsicht unterstehen, gewisse Freiheiten 
überlässt, bekämpft sie mit aller Schärfe die frei in der Stadt 
wohnenden Prostituierten. Fast als privilegierter Kuppler tritt 
aber die Polizei auf, wenn sie die Prostituierten in sogenannte 
Bordells einweist, unter denen man solche Häuser versteht, in welchen 
Prostituierte wohnen gewissermassen als Angestellte einer Ver¬ 
walterin und ihr Gewerbe ausüben, wobei diese der Polizei für die 
wirtschaftliche und sanitäre Ordnung verantwortlich ist. Früher 
bestand in Deutschland und auch in unserer Stadt eine ganze Menge 
Bordells. Das allgemeine Preussische Landrecht verwies im § 999 
(Teil II Tit. 20) liederliche Weibspersonen, welche mit ihrem Körper 
ein Gewerbe treiben wollen, ausdrücklich in die unter Anfsicbt des 
Staates geduldeten Hurenhäuser. Der § 180 R. St. G. B. hat aber 
nach allgemeiner Auffassung die Bordells ungesetzlich gemacht, 
wenn sie auch unter Zuhülfenahme einer etwas weitherzigen Inter¬ 
pretation des genannten Paragraphen von einzelnen Polizeibehörden 
noch geduldet werden. 

Eine kurze Besprechung der Reglementierung im allgemeinen, 
der Kasernierung und Bordells im besondern, und auf der andern 
Seite des sogenannten Abolitionismus wird sieb nicht umgehen 
lassen, zumal die Gründe für und wider zum guten Teil das sani¬ 
täre Gebiet berühren. Seit dem Jahre 1875 hat unter dem Namen 
Abolitionismus von England her eine Bestrebung ihren Ausgang 
genommen, welche vorzugsweise aus humanitären Gründen die Pro¬ 
stitution als legale oder geduldete Einrichtung ausrotten wollte. Die 
Abolitionisten verwerfen die Ausnahmemassregeln der Polizei, auch 
die ärztliche Kontrolle der Prostituierten; sie wollen den Ursachen 
zu Leibe gehen durch soziale, erziehliche und nötigenfalls auch ge¬ 
setzliche Reformen; sie wollen für Selbstbeherrschung, Hebung des 


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225 


sittlichen Verantwortungsgefühls, für Schutz der Minderjährigen und 
frühe Heiratsfähigkeit eintreten. Diese Bewegung hat unbestritten 
in vielen Ländern an Ausdehnung gewonnen, unter anderm auch 
in Deutschland, wo vorzugsweise Frauenrechtlerinnen, aber auch 
namhafte Ärzte und Soziologen für Abolition eintreten. Was man 
zu der bisherigen Reglementierung pro und contra vorzubringen hat, 
ist folgendes: 

Zunächst sieht man eine Ungerechtigkeit gegenüber den Frauen 
darin, dass nur die geschlechtskranken Frauen zwangsweise unter¬ 
sucht und eventl. inskribiert werden, während die Männer ebenso 
gefährlich seien, aber frei ausgingen. Gegen diesen Einwurf hat 
man eingewandt, dass doch auch weite Kreise der männlichen Be¬ 
völkerung — es sei nur an Soldaten und Seeleute erinnert — sich 
einer zwangsweisen Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten unter¬ 
ziehen müssen. Ein weiterer Grund wiegt m. E. aber schwerer, 
nämlich der, dass es das Recht und die Pflicht des Staates ist, 
gegenüber der gemeingefährlichen Seuche der Venerie, die erwiesener- 
massen vorzugsweise durch die Prostitution unterhalten wird, doch 
die Bevölkerung so wirksam wie möglich zu schützen, selbst auf 
•die Gefahr hin, die Rechtsansprüche der Prostituierten etwas zu 
beleidigen. Es sei daran erinnert, dass es auch ein gewaltsamer 
Eingriff in die persönliche Freiheit erheblichster Art ist, wenn etwa 
diphtherie- und scharlachkranke Kinder aus der Familie gegen den 
Willen der Eltern zum Schutz der Öffentlichkeit herausgerissen und 
zwangsweise dem Hospital zugefübrt werden, auf Grund bestehender 
und bis jetzt nicht angegriffener Bestimmungen. Des weiteren ist zu 
bedenken, dass der geschlechtskranke Mann für gewöhnlich doch 
alles tut, um wieder gesund zu werden, während die Prostituierte 
in erster Linie das Interesse hat, ihre Krankheit zu verheimlichen 
und ihr Gewerbe fortzusetzen. Wenn heute ein Mann, der geschlechts¬ 
krank ist, in leichtfertiger Weise seine Krankheit auf andere über¬ 
trägt, so ist das natürlich in gleicher Weise zu missbilligen und 
kann auch schon auf Grund bestehender, eventl. ja noch zu ver¬ 
bessernder Gesetze seine Ahndung finden 

Ein weiterer Einwand, dass die Inskription die Mädchen aus 
•der Gesellschaft ausstösst und sie entrechtet, trifft leider zu; aber 
einmal wird doch erst dann die Einschreibung unter die Prostitution 
vorgenommen, wenn bereits eine ganze Reihe vergeblicher Hülfe- 
und Besserungsversuche gemacht worden sind; dann ist aber doch 
eigentlich nicht die Inskription, sondern der Beruf dasjenige Moment, 
das die Mädchen ihrer menschlichen Würde fast entäussert. Wer 
als Arzt Prostituierte untersucht hat, weiss sehr wohl, dass jedwede 
Spur von Scham denselben fehlt. Immerhin ist dieser Einwurf sehr 
der Beachtung wert. 


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226 


Wenn man nnn des weiteren einwendet, dass die Reglemen¬ 
tierung ohne sanitären Erfolg ist, so muss das dahin eingeschränkt 
werden, dass sie ohne durchgreifenden Erfolg ist. Gewiss können 
bei einer etwas summarischen Untersuchung, wie sie bei der grossen 
Zahl von Prostituierten in Gressstädten nur möglich ist, nicht alle 
Krankheiten erkannt werden. Wenn aber auch nur eine Minder¬ 
zahl eruiert wird, so bedeutet das doch schon eine nicht zu unter¬ 
schätzende Einschränkung weiterer Übertragungsmöglichkeiten. 

In ähnlicher Richtung bewegen sich die Einwände gegen die 
Kasernierung und gegen das Bordell. Der wichtigste Einwand, 
dass die geheime Prostitution nicht hineingeht, muss in weitem 
Masse als berechtigt zugegeben werden. Es ist sogar nicht unmög¬ 
lich, dass ein Bordell mit einer strengen Ordnung geradezu die 
geheime Prostitution vermehrt. Leider haben wir aber auch in den 
neuesten Vorschlägen Lessers und Neissers (fast ausschliesslich 
sanitäre Kontrolle)*) und selbst in der sanitären Wohnungskontrolle 
nach dem Vorschläge Kampffmeiers, der ohne Zweifel der weitest¬ 
gehende und wirksamste zu sein scheint, kein durchgreifendes Mittel 
gegen die geheime Prostitution. 

Dass die Geschlechtskrankheiten in den Bordellen schwerer 
verliefen, wird von dem einen behauptet, von dem andern bestritten. 
Dasselbe gilt von dem Vorwurf, dass die Bordells der Tummelplatz 
der schlimmsten Geschlechts-Perversitäten seien. Dass sie früher 
und auch jetzt noch an vielen Stellen zu einem schamlosen Mädchen¬ 
handel geführt haben, insofern der Bordellwirt, um auf seine Kosten 
zu kommen, immer wieder frische Mädchenware feilbieten wollte, 
ist zuzugeben, wäre aber bei einer strammen Beaufsichtigung durch 
die Polizei wohl auch anders möglich, wie das besonders von 
Wolff in Strassburg betont wird. Einen letzten Einwurf, dass die 
Mädchen aus den Bordells nie mehr die Rückkehr zum ehrlichen 


1) Lessers Vorschlag geht dahin, neben der Sittenkontrolle eine 
sanitäre Gelegenheit zur unentgeltlichen Überwachung und Behandlung 
von Prostituierten zu schaffen. Wer sich dieser Behandlung unterstellt, 
hat damit einen Freibrief gegen die Polizei; diesen Freibrief verliert die 
Dirne, wenn sie im Erkrankungsfalle den Vorschriften der Ärzte nicht 
nachkommt. Ohne das Schreckgespenst der Sittenpolizei im Hintergründe 
vermag also auch Lesser nicht auszukommen. — Neisser will eben¬ 
falls an Stelle der polizeilichen eine sanitäre Überwachung. An Stelle 
der Sittenpolizei wünscht er eine aus einem Medizinalbeamten, Richter 
und Laien zusammengesetzte Kommission, welche die ihr zugeführten 
kranken Personen über ihre Krankheit und die straf- und zivilrechtlichen 
Folgen fortgesetzten Geschlechtsverkehrs belehren und verwarnen sollte. 
Die kranken Personen sollen möglichst ärztlich behandelt, event.. im 
Krankenhaus untergebracht werden. Die Prostituierten erhalten eine 
Erkennungskarte. Wer den Anordnungen der Kommission zuwiderhandelt, 
kann bestraft und unter Polizeiaufsicht gestellt werden. 


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227 


Leben fänden, wiegt allerdings sehr schwer und wird nur dadurch 
^twas gemindert, dass überhaupt jeder Besserungsversuch an einer 
Prostituierten fast eine Sisyphusarbeit bedeutet. 

Man übersehe gegenüber diesen Angriffen auf Reglementierung 
und Kasernierung nicht deren Vorteile, wie ich sie zu den einzelnen 
Punkten zum Teil bereits angegeben habe. Auf alle Fälle wird 
die Strasse reiner und damit die Gelegenheit und Anreizung zum 
ausserehelichen Geschlechtsverkehr erheblich gemindert. Gerade 
in Cöln haben wir ja die Übelstände der vagierenden Strassen- 
dirnen in den letzten Jahren zur Genüge erfahren. Die Beschränkung 
auf bestimmte Wohnungen und Viertel, aus denen insbesondere die 
Kinder fortzuhalten sind, hat ganz gewiss grosse sittliche Vorteile. 
Zu verschweigen ist allerdings nicht, dass eine Kasernierung und 
Bordellierung im eigentlichen Sinne bei einer so grossen Anzahl 
von Dirnen, wie sie z. B. hier in Cöln ist, nur durch Bereitstellen 
ganz ausserordentlicher Geldmittel zu erreichen wäre. Wir sehen 
demnach, dass die Frage, ob Reglementierung oder Abolitionismus 
ausserordentlich vielseitig und schwierig ist. So viel steht aber 
fest, das jeder, der sich heute für eine Reglementierung mehr sani¬ 
tärer Art erklärt und für eine Art Kasernierung in dem Sinne, dass 
eventl. unter Bereitstellung öffentlicher Mittel die Wohnungen der 
Prostituierten mit möglichster Berücksichtigung der öffentlichen 
Interessen gewählt würden, sich dabei nicht verhehlen darf, dass 
diese Massnahmen mehr äusserlicher und abwehreuder Art sind, 
und dass sie ergänzt werden müssen durch mächtige soziale und 
religiös ethische Massregeln im Sinne des aufbauenden Teils des 
Programms der Abolitionisten. Diese müssen einmal vorbeugender 
Natur sein, insofern sie die Prostitution an ihren Daseinsbedingungen 
anfassen und andererseits heilender Art, insofern wir verpflichtet 
sind, die Prostituierten, die vielfach weniger durch ihre Schuld als 
durch die Schuld der Gesellschaft in ihren Beruf hineingeraten sind, 
der Gesellschaft wiederzugewinnen. 

Zu ersterem Punkte sei nur programmatisch bemerkt, dass 
wir die Pflicht haben, uns der unehelichen und der elternlosen 
Kinder anzunehmen, dass wir für gute Wohnungen, ausreichenden 
Verdienst und für Beratung derjenigen Mädchen sorgen, welche 
unerfahren in das Getriebe der heutigen Grossstädte hineingeworfen 
werden. 

Zum zweiten Punkte können wir die Hülfe freiwilliger Damen- 
yereine, deren Mitglieder am ersten noch den Weg zum Herzen der 
Dirnen finden, nicht entbehren. Dass bei diesen Versuchen, die 
Dirnen der Gesellschaft wiederzugewinnen, man nicht mit Vor¬ 
würfen und Gefühlen des Abscheus und der Entrüstung vorgehen 
kann, sondern dass man auch diesen Geschöpfen das wohlverdiente 


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228 


Mitleid und die Absicht werktätiger Hülfe entgegenbringen muss,* 
ist selbstverständlich. Die Aussichten solcher Liebeshülfe sind aller¬ 
dings herzlich schlecht. 

Kehren wir zu dem Ausgangspunkte unserer Erörterungen zu 
den Geschlechtskrankheiten zurück, so werden wir hier, um zu 
einem guten, gedeihlichen Resultat zu kommen, vorbeugend und 
heilend wirken müssen. Wir müssen unsere Jugend über die Ge¬ 
fahren, die ihr drohen, aufklären, wenn auch nicht im volksschul¬ 
pflichtigen Alter, dann aber sicher doch in der Fortbildungsschule 
und in den höheren Klassen des Gymnasiums. Wir werden der 
Meinung entgegentreten müssen, dass der Verkehr mit einer ärztlich 
kontrollierten Dirne gesundheitlich unbedenklich ist. Diese Ansicht 
ist grundfalsch und für manchen schon verhängnisvoll geworden. 
Demgegenüber müssen wir als Ärzte auf die Tatsache hinweisen,. 
dass die Enthaltsamkeit vom Geschlechtsverkehr für den gesunden 
Menschen keine schädigende Folgen hat. Nur wenige Arzte stimmen 
diesem Satze in seiner Allgemeinheit nicht zu, machen aber auch 
eine Einschränkung nur für einen kleinen Teil krankhaft veranlagter 
Menschen. Die Erziehung hat durch Beispiel und durch gesunde 
Ablenkung auf Spiel und Sport das ihrige mitzuwirken. Dazu 
kommt als wichtigstes Hülfsmittel die Bekämpfung des Alkoholismus. 
Ein wahres Wort sagt, dass der Weg zum Bordell durch die 
Kneipe führt. 

Demjenigen aber, welcher sich eine Geschlechtskrankheit zu¬ 
gezogen hat, sollen wir nicht durch herzloses und sittlich überheben¬ 
des Wesen unsere Missachtung bezeugen, sondern ihm Gelegenheit 
zur Heilung in reichem Masse zuteil werden lassen. Die Heilung 
kann nur durch einen gewissenhaften Arzt erfolgen. Das gegen 
kurpfuscherische Versuche gerade bei diesen Krankheiten aufs 
schärfste vorgegangen wird, liegt im Interresse der Volksgesundung. 
Für die arme Bevölkerung muss reichlich Gelegenheit zur Heilung 
eventl. in Polikliniken sein, die Hospitäler müssen ihre Abteilung 
für Geschlechtskranke nicht minderwertig gestalten, sondern zweck¬ 
mässig, man möchte fast sagen, einladend wie die übrigen Abtei¬ 
lungen ausgestalten. 

Ganz besonders sei aber allen jungen Männern, die sich eine 
Geschlechtskrankheit zugezogen, ins Gewissen gerufen, das sie nicht 
eher heiraten, bis ein Arzt nach gewissenhafter Untersuchung diesen 
Schritt für gesundheitlich unbedenklich erklärt. Der viel aus¬ 
gesprochene Rat, dass die Eltern einer Braut nicht nur durch Er¬ 
kundigung über den Geldbeutel und die Stellung, sondern auch 
über den Gesundheitszustand des Schwiegersohnes das Glück ihrer 
Tochter sichern sollen, verdient gewiss alle Beachtung. 

In dem heute hin- und herwogenden Kampf der Meinungen 


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229 


für und gegen Reglementierung wird man sich sein Urteil noch 
etwas reservieren müssen. Vorurteilslose und erfahrene Männer 
kämpfen teils für Reglementierung, teils für Abolition. Da dürfen 
wir mit dem Deutschen Verein zur Bekämpfung der Geschlechts¬ 
krankheiten unsere Befriedigung darüber aussprechen, dass die 
Preussische Staatsregierung bereit ist, eine grössere Kommission mit 
der Frage der staatlichen Behandlung der Prostitution zu befassen. 
Wir wollen der Hoffnung Ausdruck geben, dass die Arbeiten recht 
bald von ernsten Männern und Frauen aller Richtungen aufgenommen 
werden. Zuerst klar sehen und dann gründlich heilen, das wünschen 
wir alle. 


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Dritter Jahresbericht 

über die Tätigkeit 

der amtlichen Desinfektorenschule an der 
Desinfektionsanstalt der Stadt Cöln 
in dem Betriebsjahre 1905. 

(Nach dem im amtlichen Aufträge erstatteten Berichte.) 
Berichterstatter E. Czaplewski, Cöln. 


In Heft 3/4 dieses Centralblattes konnte der Berichterstatter 
über die Begründung der amtlichen Desinfektorenschule an der 
Desinfektionsanstalt der Stadt Cöln und ihre Tätigkeit in den 
beiden ersten Betriebsjahren 1903 und 1904 Mitteilung machen. 

Es sollen nunmehr die Mitteilungen über das dritte Betriebs¬ 
jahr 1905 ergänzend folgen. 

Im Berichts-(Kalender-)jahre 1905 fanden bei der amtlichen 
Desinfektorenschule an der Desinfektionsanstalt der Stadt Cöln im 
ganzen 7 Kurse statt [1903 (8), 1904 (5)], in welchen insgesamt 
47 Desinfektoren [1903 (38); 1904 (38)] ausgebildet wurden. Die 
praktische Ausbildung lag wie im Vorjahre in den Händen des 
Verwalters der Desinfektionsanstalt, Hombach. Der theoretische 
Unterricht wurde von dem Genannten und darnach zum Schluss jeder 
Ausbildungszeit vom Unterzeichneten erteilt. 

Die Prüfungen wurden von Herrn Reg.- und Geh. Med.-Rat 
Dr. Rusak als Vorsitzenden, dem Unterzeichneten und Verwalter 
Hombach abgehalten. 

Die Kurse fanden statt: 



Dauer 

Tage 

Teil¬ 

nehmer 

| Zensur 

Ia 

I 

1 n 

m 

0 

00 

1. 

Kurs 

vom 

11./1. bis 21./1. 05 

10 

4 

— 

4 

_ 

— 

_ 

_ 

2. 

n 

» 

24./1. „ 4/2. , 

10 

7 

— 


2 

5 

— 

— 

3. 

V 

n 

6.12. . 16./2. „ 

10 

8 

— 

1 

2 

5 

— 

— 

4. 

n 

n 

10../4. „ 20./4. . 

10 

7 


5 

2 

— 

— 

— 

5. 

y> 

n 

2Ö./5. , 9-/6. , 

10 

9 

— 

8 

1 

— 

— 

— 

6. 

n 

Jt 

30./10. „ 10./11. , 

10 

9 

— 

3 

3 

3 

— 

— 

7. 

r> 

n 

13./12. „ 23./12. „ 

10 

— 

— 

2 

* 

— 

2 

1 


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231 


Die Zensuren bedeuten: 

Ia mit Auszeichnung, 

I sehr gut, 

II gut, 

III genügend, 

0 zurtickgetreten, 

00 zurückgewiesen. 

Die Verteilung der ausgebildeten Desinfektoren auf die ein¬ 
zelnen Regierungsbezirke, Kreise und Ortschaften ist aus der folgen¬ 


den Tabelle zu ersehen. 
Reg.-Bez. Aachen. 

Kreis Aachen (Stadt) . 1 Pers. 

Kreis Aachen (Land) . 3 „ 

Brand (1) 

Kornelimünster (1) 

Stolberg (1) 

Kreis Düren .... 1 „ 

Bergbuir (1) 

Kreis Eupen .... 1 „ 

Eupen (1) 

Kreis Geilenkirchen . 3 „ 

Brachein (1) 

Gangelt (1) 

Scherpemeel (1) 

Kreis Jülich .... 8 „ 

Coslar (1) 

Dürwis (1) 

Freialdenhoven (1) 

Mersch (1) 

Münz (1) 

Niedermerz (1) 

Rödingen (1) 

Siersdorf (1) _ 

Sa. 17 Pers. 

Reg.-Bez. Cöln. 

Kreis Cöln (Stadt) . . 9 Pers. 

Kreis Bonn . . . . 2 „ 

Bonn (1) 

Rösberg-Burg (1) 

Kreis Euskirchen . . 1 „ 

Zülpich (1) 

Sa. 12 Pers. 


Reg.-Bez. Düsseldorf. 

Kreis Düsseldorf . . 5 Pers. 

Benrath (2) 

Hilden (1) 

Lintorf (1) 

Ratingen (1) 

Kreis Geldern . . . 1 „ 

Geldern (1) 

Kreis Kempen . . . 2 „ 

Amern-St. Georg (1) 
Kaldenkirchen (1) 

Kreis Lennep . . . 2 „ 

Tannenhof (2) 

Kreis Mettmann . . . 2 „ 

Haan (1) 

Heiligenhaus (1) 

Kreis Mörs .... 1 „ 

Homberg a. Rh. (1) 

Kreis Neuss .... 1 „ 

Rommerskirchen (1) 

Kreis Oberhausen . . 2 „ 

Oberhausen (2) 

. Kreis Rees .... 1 „ 

Rees (1) 

Kreis Ruhrort . . . 4 „ 

Bruckhausen (2) 

Friedrichsfeld (1) 

Meiderick (1) 

Sa. 21 Pers. 


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232 


Die folgende Tabelle zeigt, welchem Stande die einzelnen Des¬ 
infektoren angehören 


Städt. Abdecker . 

... i 

Hülfspolizeidiener . . 

. 

1 

Ackergeh ülfe . . 

... i 

Krankenkontrolleur. . 

. 

1 

Anstreicher. . . 

... 1 

Krankenpflegerin . . 

. 

1 

Barbier .... 

. . . 3>) 

Nachtwächter u. Gemeindebote 1 

Badewärter. . . 

. . . i 

Oberbruder .... 

. 

1 

Desinfektor. . . 

... 2 

Polizeidiener .... 


10 

Diakon .... 

... 1 

Polizeisergeant . . . 


2 

Drechsler . . . 

... 1 

Rasierer u. Heilgehülfe 


1 

Fleischbeschauer . 

... 1 

Scbuldiener .... 


1 

Friedhofswärter . 

... 1 

Samenzüchter . . . 


1 

Friseur .... 

... 2 

Schuhmacher .... 


1 

Gerber .... 

... 1 

Totengräber .... 


1 

Hausvater . . . 

. . . 1 

Vollziehungsbeamter . 


1 

Heilgehülfe. . . 

... 1 

Vorarbeiter .... 


1 

Hülfsdesinfektor . 

. . . 8 ; 


Sa. 

50 


Die Prtifungsergebnisse sind zwar nicht so gut wie im Vor¬ 
jahre, aber doch nicht als ungünstig zu bezeichen; von den 47 Teil¬ 
nehmern konnten 23, also 49 °/ 0 das Prädikat I (sehr gut) zuerkannt 
werden. 11 (=23 °/ 0 ) erhielten das Prädikat II (gut), 13 (=27 °/ 0 ) 
bestanden die Prüfung mit Zensur III (genügend). Das Prädikat 
mit Auszeichnung konnte keinem Teilnehmer zuerkannt werden. 

Zwei Bewerber traten beim letzten Kurs zurück, weil sie nicht 
genügend Zeit aufwenden wollten. Ein Teilnehmer konnte wegen 
gänzlicher Unfähigkeit zur Prüfung nicht zugelassen werden. Die 
im allgemeinen nicht ganz so günstigen Resultate wie im Vorjahre 
sind vorwiegend dem Umstande zuzuschreiben, dass der Desinfektoren¬ 
schule ein viel weniger gutes Leutematerial überwiesen wurde. 
Berichterstatter muss bei dieser Gelegenheit nochmals betonen, was 
er bereits in den früheren Berichten und in seinen Schriften über 
Desinfektion wiederholt hervorgehoben hat, dass die Auswahl des 
Leutematerials von grösster Bedeutung ist und dass es im Interesse 
der Gemeinden selbst liegt, nur intelligente, zuverlässige und 
nüchterne Leute mit elementarer Vorbildung zur Kursbildung zu 
schicken. 

Auf Grund früherer Erfahrung war die Ausbildungszeit auf 
durchweg 10 Arbeitstage festgesetzt worden. Es zeigte sich dabei 
ferner, dass sich die Leute die praktische Seite der Desinfektion 
viel eher und sicherer aneigneten, als die theoretische. Wir haben 
grossen Wert darauf gelegt, dass die Teilnehmer möglichst viele 


1 Davon 1 Fleischbeschauer und 1 Heilgehülfe. 


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233 


Wohnungsdesinfektionen praktisch unter Anleitung unserer Des» 
infektoren in der Stadt mitraachten. 

Es haben von den Teilnehmern mit ausgeführt: 


2 

Teilnehmer . . . 

8 Desinfektionen 

5 

V ... 

10 

8 

Ti ... 

11 

12 

n ... 

12 

13 

7) ... 

13 

4 

11 ... 

14 

1 

71 ... 

15 

1 

71 ... 

16 

1 

„ ... 

18 

Dadurch 

ist die Ausbildung 

naturgemäss viel gründlicher 


geworden, zumal die Teilnehmer dadurch Gelegenheit hatten, Des¬ 
infektionen unter den verschiedensten Wohnungsverhältnissen kennen 
zu lernen. Es i3t das ein Vorteil, der in der kurzen Ausbildungs¬ 
zeit nur bei dem reichen Material einer Grossstadt geboten werden, 
kann. Die Durchführung war nur möglich dadurch, dass wir selbst 
eine solche Zunahme der Zahl der Desinfektionen (vielleicht infolge 
des Gesetzes zur Bekämpfung übertragbarer Krankheiten) zu ver¬ 
zeichnen hatten, dass an einem Tage die bis dahin nie erreichte 
Zahl von 33 Zimmern mit Formalin-Desinfektion zu bewältigen war. 

Auch in der Dampfdesinfektion konnten die Leute an den 
beiden stationären grossen Schimmelschen Apparaten (ä4 cbm) und 
dem fahrbaren Budenbergschen Apparat genügend ausgebildet 
werden. 

Für die Folge wird besonders darauf zu achten sein, dass 
der Desinfektorenschule nur ausgesuchte, intelligente, zuverlässige und 
nicht zu alte Leute (am besten im Alter zwischen 20—30 Jahren, 
jedenfalls nicht über 40) zur Ausbildung überwiesen werden. Bei 
der Ausbildung selbst wird weiter darauf gesehen werden, dass 
jeder Teilnehmer möglichst viele Desinfektionen selbsttätig mit¬ 
zumachen hat. 

Meist pflegen bei der Ausbildung der Desinfektoren auch die 
notwendigen Desinfektionseinrichtungen geschaffen zu werden. Es 
wird darauf hinzuwirken sein, dass diese Einrichtungen tunlichst 
einheitlich und in wirklich zweckentsprechender Weise getroffen 
werden. Versuche sind im Gange, um auch ärmeren Gemeinden 
die Anschaffung von billigen und doch wirksamen Formalinapparaten, 
zu ermöglichen. 


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Zur Methodik statistischer Erhebungen über 
Säuglingsemährung. 

Von 

Dr. Alfred Groth und Prof. Martin Hahn. 


In der von Kriege und Seutemann in Nr. 1 dieses Blattes 
veröffentlichten Abhandlung „Ernährungsverhältnisse und Sterblichkeit 
der Säuglinge in Barmen“ finden sich auf S. 7 folgende Worte: 
„Die uns bekannt gewordenen Arbeiten leiden daran, dass die 
Grundsätze der statistischen Methodik und Technik nicht genügend 
berücksichtigt worden sind“ und in einer beigefttgten Bemerkung 
wird diese Behauptung des näheren zu beweisen und zu erklären 
gesucht. Soweit diese Kritik auf die von dem einen von uns (Gr.) 
in Nr. 51 der Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten 1905 
erschienene Arbeit „Statistische Unterlagen zur Beurteilung der 
Säuglingssterblichkeit in München“ Bezug nimmt, gipfelt die Kritik 
der beiden Verfasser in dem Satze: „Die Sterblichkeitsziffern, die 
für die nach der Laktationsdauer gebildeten Kindergruppen be¬ 
rechnet werden, sind daher in erster Linie die Folge der ganz 
verschiedenen Altersverhältnisse dieser Gruppen.“ Das ist zweifellos 
richtig, nur ist nicht einzusehen, in wiefern diese Erkenntnis uns, 
in diesem Falle Gr., entgangen sein soll, da in dem der Tabelle III f., 
worauf sich wohl die Bemerkung bezieht, unmittelbar folgenden 
Text, nur mit anderen Worten, derselbe Gedanke ausgeführt wird. 
Es findet sich daselbst sogar ausdrücklich folgender Satz: „Ein 
•direkter Vergleich ohne Berücksichtigung dieses Punktes ist darum 
natürlich nicht gestattet“, womit doch deutlich genug ausgesprochen 
ist, dass auf diese Berechnung kein Wert gelegt wird. Schon als 
Gr. im Jahre 1904 in der Münch. Med. Wochenschr. Nr. 21 eine 
ähnliche Berechnung veröffentlichte, damals aber tatsächlich ohne 
die Erkenntnis ihrer Mängel, hat uns Dr. A. Gottstein* Berlin in 
privatem schriftlichen Verkehr darauf aufmerksam gemacht, dem 
wir hiermit gern das Recht der Priorität, auf diesen Mangel 
statistischer Berechnung hingewiesen zu haben, einräumen. 

Anders dagegen steht es mit der Tabelle III g, die, soweit das 


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235 


überhaupt von Berechnungen gesagt werden darf, vollkommen einwand¬ 
frei ist. Hier sind nur solche Kindergruppen miteinander verglichen, 
die in gleichem Lebensalter stehen, aber verschieden ernährt wurden. 
Selbstverständlich darf man jedoch hier, wie auch aus dem be¬ 
gleitenden Texte deutlich ersichtlich ist, nicht Rubriken miteinander 
vergleichen, die nichts miteinander zu tun haben, was vielleicht 
durch falschen Druck etwas erleichert ist. Vergleichen darf man 
nur die jeweils über-, nicht die nebeneinander gesetzten Rubriken. 
Wie sehr gerade hier Alter des Kindes und Laktationsdauer von¬ 
einander geschieden sind, sagen doch gewiss die darauffolgenden 
Worte: „Darnach würde ein von Anfang an künstlich genährtes 
Kind erst nach 9 Monaten dieselbe Widerstandsfähigkeit gegen¬ 
über den Schädlichkeiten des letzten Lebensvierteljahres erlangen, 
die ein etwa 3—6 Monate altes, aber bis dahin gestilltes Kind 
gegenüber den Schädlichkeiten des zweiten Lebenshalbjahres 
besitzt. 14 

Die Herren Kriege und Seutemann dürften um so weniger 
berechtigt sein, einen Vorwurf wie den oben skizzierten gegen den 
einen von uns zu erheben, als die von ihnen publizierte Tabelle VII 
auf einer — medizinisch gesprochen — wertlosen Berechnungsart 
beruht. In dieser Tabelle steigen die lebenden Flaschenkinder 
mit dem zunehmenden Alter an Zahl; während es lebende, unter 
einem Monat alte Flaschenkinder am 15. August 1905 in Barmen 
nur 18 gab, waren es am Ende des ersten Lebensjahres stehende 
Flaschenkinder 136 an Zahl. Diese Vermehrung hat, wie aus 
Tabelle VI hervorgeht, darin ihren Grund, dass von den Brust¬ 
kindern mit zunehmendem Alter immer mehr von der Brust ab¬ 
gesetzt werden. Es ist zwar vielleicht technisch statistisch richtig, 
aber, medizinisch gedacht, sinnlos, ein Kind, das z. B. 10 Monate 
gestillt und dann erst künstlich ernährt wurde, als Flaschenkind 
zu betrachten nur deshalb, weil es im 12. Lebensmonat zur Zeit 
seiner Registrierung nicht mehr gestillt wurde. Seine Lebens¬ 
wahrscheinlichkeit kann nicht verglichen werden mit der eines 
von Anfang an künstlich genährten Kindes. Die sog. Flaschen¬ 
kinder in Tabelle VII sind daher nur zum kleinsten Teil aus¬ 
schliesslich als solche zu bezeichnen, zum grössten Teil sind es 
Kinder mit sehr verschiedener vorausgegangener Laktationsdauer und 
daher auch von sehr verschiedener Lebenswahrscheinlichkeit, trotzdem 
sie in gleichem Alter stehen. Jede einzelne dieser nach Lebens¬ 
monaten abgeteilten Kindergruppen — und das gilt namentlich von 
denen der höheren Lebensmonate — setzt sich zusammen aus 
Kategorien, die sich je nach dem Alter, in welchem das Kind zur 
Zeit seiner Entwöhnung stand, verschieden abstufen. Und das 
lässt sich ebenso von den lebenden wie von den in der gleichen 


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236 


Tabelle VII aufgeführten, im ersten Lebensjahre verstorbenen 
Kindern sagen, über welch letztere leider die sonst so eingehende 
Arbeit von Kriege und Seutemann nur weniges bringt 

Nun zu der Methode der Herren Kriege und Seutemann, 
Alter und Grnährungstatsachen der lebenden Säuglinge an einem 
bestimmten Tage zu ermitteln. Die Verfasser haben die Nachteile, 
welche der Methode anbaften, bereits selbst so ausführlich erörtert, 
dass die Behauptung, die sie später aufstellen, „das in Tabelle VII 
entrollte Bild komme der Wahrheit jedenfalls sehr nahe“, immerhin 
etwas gewagt erscheinen muss. Wir möchten den von den Ver¬ 
fassen) selbst angeführten Mängeln noch einen weiteren hinzufügen, 
nämlich den, dass man auf diese Weise doch nur einen zeitlich 
sehr beschränkten Einblick in die Ernährungsverhältnisse der 
Säuglinge erhält. Die Verfasser haben diesen Nachteil dadurch 
auszugleichen gesucht, dass sie durch eine Rückfrage feststellten, 
bis zu welcher Lebenswoche das am Zählungstage nicht mehr 
gestillte Kind früher von der Mutter selbst genährt wurde. Aber 
aus leicht begreiflichen Gründen sind Angaben darüber, wie lange 
die natürliche Ernährung bei jedem einzelnen Kind fortgeführt 
wurde, ganz besonders wichtig. Nun wird aber dieses wichtige 
Moment bei den Erhebungen, die an einem bestimmten Tage er- 
folgen, trotz der erwähnten Rückfrage nie genügend berücksichtigt 
werden können, denn da unter den registrierten Kindern auch eine 
grosse Zahl von solchen sind, die noch in den ersten drei Lebens¬ 
monaten stehen — in Tabelle VII stehen 30 °/ 0 aller Brustkinder in 
diesem Alter — so sind eben auch eine grosse Zahl darunter, die 
später künstlich ernährt werden, jedenfalls Kinder, die nach sehr 
verschiedenen Zeiträumen erst entwöhnt werden. Wir betrachten 
es dem gegenüber als einen besonderen Vorteil der von dem einen 
von uns (Hahn) 1 ) vorgeschlagenen Methode, die Art der Ernährung 
auf dem Impftermin festzustellen, dass wir dabei nur mit Kindern 
über drei Monate zu rechnen haben, meist mit solchen, die den 
sechsten Lebensmonat schon überschritten haben. Freilich müssen 
wir ohne weiteres zugeben, dass, wenn auch in geringerem Grad, 
auch unserer Methode dieser Mangel anhaftet, dass sie kein voll¬ 
ständiges Bild von der Ernährung der Säuglinge während des ge¬ 
samten ersten Lebensjahres bietet. 

Immerhin dürfte die Statistik auf dem Impftermin in dieser 
Richtung noch die einfachste und billigste Methode sein, um Massen¬ 
resultate zu erhalten. Gegenüber der Art, wie Kriege und Seute¬ 
mann ihr Material gewonnen haben, bietet sie aber auch u. E. die 
grössere Sicherheit. Die Hebammen, welche der Mutter bei der 


1) s. Münch, med. Wochenschr. Nr. 21, 1904. 


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237 


Geburt beigestanden haben, zu derartigen Erhebungen zu verwenden, 
müssen wir nach unseren Erfahrungen für sehr bedenklich halten. 
Der eine von uns (Gr.) ist in der Lage, eine ganze Reihe von 
Beweisen zu liefern, dass die Angaben der Hebammen den tat¬ 
sächlichen Verhältnissen gegenüber ganz beträchtliche Differenzen 
aufweisen. In München sind es 25°/ 0 , in anderen Gegenden noch 
mehr. Und das gilt namentlich dann, wenn sie ihrem Vorgesetzten, 
dem Kreisarzt, Daten zu liefern haben. Dass wir Ärzte nicht für 
die künstliche Ernährung begeistert sind, darüber ist sich auch eine 
Hebamme klar, und sie wird daher gerade dem Kreisarzt mit Vor¬ 
liebe zeigen, wie gewissenhaft sie ihren guten Einfluss auf die von 
ihr entbundenen Frauen sich auszuüben bemühte. Wie berechtigt 
diese unsere Anschauung ist, geht aus den eigenen Worten der 
Verfasser hervor, wenn sie schreiben: „Bei der verhältnismässig 
niedrigen Säuglingssterblichkeit in Bannen und bei der kleinen Zahl 
unehelicher Kinder hatten wir von vornherein einen günstigen 
Stand der Ernährungsverbältnisse vermutet. Doch hat uns die 
durch Tabelle II vermittelte Erkenntnis überrascht, dass von 100 in 
Barmen lebenden Säuglingen (eines Tages) nicht weniger als 63 ganz 
und 15 teilweise an der Brust ernährt werden, zusammen 78 °/ 0 . u 
Diese 78 °/ 0 entsprechen aber doch lediglich, wie ganz richtig von 
den Verfassern bemerkt wird, dem bestimmten Tag, an welchem 
die Zählung vorgenommen wurde. Tatsächlich würde es in Barmen, 
wenn die Erhebungen einwandfrei wären, nach Tabelle VI sogar 
nur etwa 6 °/ 0 reine Flaschenkinder geben, während 94 °/ 0 , wenn 
auch zum Teil nur kurze Zeit, an der Mutterbrust ernährt werden, 
also eine ganz ausserordentlich hohe Zahl, die aber den nicht 
überrascht, der die Angaben der Hebammen auf ihren Wert richtig 
einschätzt. 

Ohne weiteres ist aber auch klar, dass beliebige andere 
Personen zu derartigen Erhebungen nicht zu brauchen sind und 
darin liegt der grosse Fehler der Methode, wie sie von R. Böckh 
zuerst geübt wurde. Anders stehen dagegen die Verhältnisse beim 
Arzte, der imstande ist, da, wo ihm Aussehen des Kindes und 
Angaben der Mutter im Widerspruch zu stehen scheinen, durch 
eingehende Fragen die Richtigkeit der Antworten zu prüfen. Der 
Arzt, namentlich wenn er, wie das beim Impfarzte sehr häufig der 
Fall ist, einer grossen Anzahl der Mütter schon seit Jahren bekannt 
ist, ist die einzige Persönlichkeit, welche richtige Erhebungen 
erzielen kann, und darum sind auch die öffentlichen Impftermine 
eine ganz vortreffliche Gelegenheit zur Vornahme derartiger Er¬ 
hebungen. 

In diesem Falle scheint uns auch die rückfragende Methode 
jede andere an Wert zu ttbertreffen. Gewiss ist sie nicht gerade 


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238 


eine ideale, aber sie ist immer noch die einzige, die bei uns bis 
jetzt in grösserem Massstabe befolgt werden kann und ihr sind 
auch die Verfasser der Abhandlung nicht ganz entgangen, wie der 
Satz ihrer Zählkarte zeigt: „Wenn das Kind am Zählungstage nicht 
von der Mutter genährt wird: bis zu welcher Lebenswoche hat 
die Mutter das Kind selbst genährt?“ Hier liegt also, wie auch 
bei den folgenden Fragen, ebenfalls eine Rückfrage vor. 

Es besteht also u. E. auch was die Zuverlässigkeit der ge¬ 
wonnenen Daten anlangt, kein Grund, die öffentlichen Impf¬ 
termine nicht zur Statistik über die Ernährung der Säug¬ 
linge auszunützen. Die Ausdehnung dieser Art von Erhebungen 
auf das ganze Königreich Bayern, die durch das Entgegenkommen 
der Impfärzte ermöglicht wurde, hat ein höchst bemerkenswertes 
Material geliefert, das noch nicht vollständig bearbeitet ist, aber 
uns jedenfalls ermutigt, auch die Impfärzte anderer deutscher Landes¬ 
teile zu solchen Erhebungen im weitesten Umfange aufzufordern. 
Wir sind nach wie vor überzeugt, dass diese Methode, die den 
grossen Vorzug vor anderen in Krankenhäusern gepflogenen Er¬ 
hebungen hat, vor allem gesunde Kinder zu berücksichtigen* 
allmählich eine klare Erkenntnis ermöglichen wird. 


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Offener Brief an Herrn Prof. Dr. Rudolf Emmerich 

in München. 


Herr Professor! 

In Ihrer Abhandlung: „Die Entstehungsursache der Gelsen- 
kirchener Typhusepidemie von 1901“, die erst in den letzten Tagen 
in meine Hände gelangte, richten Sie auf S. 195/196 an mich per¬ 
sönlich einige Fragen, auf die ich Ihnen die Antwort nicht schuldig 
bleiben will. 

Ich möchte zunächst einem Irrtume Vorbeugen. Ihre Dar¬ 
stellung ist geeignet, bei Personen, denen die Vorgänge nicht näher 
bekannt sind, den Irrtum zu erregen, als ob ich in der Gerichts¬ 
verhandlung Ihr Gutachten als „demagogische Hetze“ bezeichnet 
hätte. Das ist unzutreffend. Ich habe in der Stadtverordneten¬ 
sitzung, in der die Verwaltung und die Bürgerschaft der Stadt 
Gelsenkirchen einmütig Protest gegen Ihr Gutachten einlegte in 
meiner Eigenschaft als Stadtverordneter Ihr Gutachten ungefähr 
mit folgenden Worten kritisiert: „Pathos und Schwulst und mass- 
lose Übertreibung, die geeignet ist zu demagogischer Aufreizung, 
sind hässlich hervortretende Eigenschaften des Emmerich sehen Gut¬ 
achtens, ihm fehlen Sachlichkeit und Ruhe, die nach meiner Auf¬ 
fassung unerlässliche Eigenschaften eines medizinischen Gutachtens 
sein sollen“. Von dieser Kritik kann ich kein Wort zurücknehmen. 
Auffallend ist es, dass Sie sich aufspielen wollen als Vorkämpfer 
für die „von den Trinkwassertheoretikem mit Füssen getretene und 
fast schon erdrosselte Wahrheit“, und als Vorkämpfer für „die 
Ehre und Freiheit der Angeklagten“. Auch ich liebe die Wahr¬ 
heit. Wenn Sie in dem Kampfe „für die gefährdete Wahrheit“ 
kein Mittel, auch nicht die „demagogische Hetze scheuen“, so ist 
das Geschmackssache. Meinem Geschmacke ist dieser Grundsatz 
zuwider, weil er dem bekannten „der Zweck heiligt das Mittel“ 
zu nahe verwandt ist. 

Wenn Sie fragen: „Welchen Zweck hätte die »demagogische 
Hetze 1 im Gerichtssaale zu Essen a. d. Ruhr gehabt, in dem, die 
Frau Torbegen mit ihrem historischen Nachttopf und Genossen aus- 

Oentralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahr*. 17 


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240 


genommen, doch grösstenteils nur Aristokraten waren“, dann möchte 
ich Ihnen, wenn wir uns duzten, mit Paul Werner zurufen: „Kerl, 
ich glaube, Du liest ebensowenig die Zeitung, als die Bibel“. 
Glauben Sie denn wirklich, Herr Professor, die Verhandlungen des 
Gelsenkirchener Typhusprozesses seien in den Wänden des engen 
Gerichtssaales verklungen, haben Sie wirklich keine Zeitungen in 
den Tagen gelesen, ist es Ihnen wirklich unbekannt geblieben, dass 
auch der Reichstag sich mit dieser Angelegenheit beschäftigt hat? 

Weder Sie, Herr Professor, noch ich waren mit der Ver¬ 
teidigung der Angeklagten betraut. Auch nicht die Ehrenhaftigkeit 
der Angeklagten war uns zur Begutachtung vorgelegt. Die Ent¬ 
stehungsursache der Typhusepidemie war das Beweisthema. Zu 
diesem habe ich mich, wie ich geschworen, „unparteiisch und 
nach bestem Wissen und Gewissen“ als sachverständiger Zeuge 
geäussert. Wenn Sie dasselbe von sich sagen können, soll es mich 
freuen. Ob mir bei der Abgabe meines Gutachtens „kühl bis ans 
Herz hinan war“, das zu beurteilen fehlt Ihnen doch augenschein¬ 
lich die nötige Menschenkenntnis. Dass Sie die Frage aufwerfen 
können: „Gibt es für Herrn Dr. Lindemann keine Inkubationszeit 
beim Typhus“ kann ich mir nur dadurch erklären, dass Sie es für 
überflüssig gehalten haben, den Ausführungen eines praktischen 
Arztes Beachtung und Aufmerksamkeit zu schenken. Denn sonst 
könnte es Ihnen nicht entgangen sein, dass ich in der Gerichts¬ 
sitzung, in der Sie mich um ein Exemplar meiner kleinen Abhand¬ 
lung: „Über Grundwasserleitung und Typhus“ baten — Sie waren 
also anwesend —, veranlasst war, mich über die Inkubations¬ 
zeit des Typhus zu äussera. Ich habe damals ausgeführt, dass 
nach meiner Überzeugung die mittlere Inkubationszeit 14 Tage 
beträgt. Das heisst doch, dass Fälle mit kürzerer und längerer 
Inkubation nebenher gehen. Jeder, der einige Erfahrung am 
Krankenbette hat, weiss, dass die Fälle, bei denen 8—9 Tage nach 
erfolgter Infektion die Krankheitserscheinungen deutlich ausgeprägt 
sind, keine Seltenheit bilden. In diesem Sinne habe ich mich 
dahin geäussert, dass 14 Tage später, nachdem am 30./31. August 
1901 durch grosse Regenmengen Schmutzstoffe und mit diesen 
Typhuskeime in die Ruhr geschwemmt waren, die Typhusepidemie 
offenkundig war. Sie sagen: „Das stimmt also gar nicht.“ Ich 
sage: „Das stimmt also sehr gut.“ 

Wenn Sie nun weiter sagen: „Aber gesetzt den Fall, die 
Regen zu Ende August hätten das Unglück verursacht, dann hätten 
doch die stärkeren Regen zu Mitte September noch viel verheeren¬ 
der wirken müssen, da nunmehr die Typhusdejektionen der schon 
so zahlreichen Kranken in noch viel grösserem Masse in den Fluss 
gelangen mussten, als zu Ende August“, so vergessen Sie ganz. 


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241 


Herr Professor, dass der grösste Teil des vom Typhus heim- 
gesuchten Gebietes seine Abwässer nicht der Ruhr, sondern dem 
Em8cherflus8e zuftihrt, und dass der kleine Teil des Gebietes, 
•der seine Abwässer nach der Ruhr ableitet, diese unterhalb der 
Pumpstation des Wasserwerkes dem Flusse zuführt. Ausserdem 
wurde nach Mitte September überhaupt nicht mehr direkt aus der 
Ruhr gepumpt. Am 22. (?) spätestens am 24. September war das 
Stichrohr aus der Ruhr definitiv beseitigt. Da bestand also kein 
direkter Zufluss zur Wasserleitung aus der Ruhr mehr. Das ist 
•doch nicht schwer zu begreifen. 

Auf wen von uns beiden nun Ihr Wort passt: „Wer so leicht¬ 
hin in so schwerwiegenden Fragen Schlüsse zieht, sollte mit der 
Kritik Anderer vorsichtiger sein“, will ich gerne dem Urteile un¬ 
parteiischer Fachgenossen überlassen. 

Als Sie, von Ihrer Reise nach Detmold zurückgekehrt, mir 
auf der Strasse in Gelsenkirchen begegneten, sagten Sie etwa: „Ich 
komme soeben von Detmold, dort haben sie auch eine schwere 
Typhusepidemie, dort haben sie aber kein Stichrohr.“ Ich konnte 
nur erwidern: „Detmold kenne ich nicht — aber haben Sie auch 
ordentlich nachgeschaut?“ Wenn ich nun der Mitteilung eines 
medizinischen Fachblattes (Zeitschrift für Medizinalbeamte Nr. 17, 
Jahrgang 1905: Der Unterleibstyphus in Detmold im Sommer und 
Herbst 1904 von Medizinalrat Dr. Volkhausen) Glauben schenken 
darf, so, hat auch die Quelle der Detmolder Wasserleitung durch 
•direkte Verbindung mit der sog. unteren Wildsuhle verseuchten 
Zufluss erhalten. 

Ich bin mit dem Ausgange des „Kampfes um die Wahrheit“ 
in unserem Streitfälle zufrieden, denn die Stichrohre und ähnliche 
Notanlagen, auf deren grosse Gefahr ich bereits im Jahre 1890/91 
hingewiesen hatte, sind, wie man annehmen darf, bei den Wasser¬ 
werken der Ruhr verschwunden. 

Soviel im Interesse der Wahrheit, und damit will ich mich 
von Ihnen verabschieden. 

Bochum, den 27. April 1906. 

Sanitätsrat Dr. Lindemann, 

Oberarzt des Allgemeinen Knappschafts-Vereins. 


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Marktmilch, Kmdermilch, Säuglingssterblichkeit. 

Kongressberichte 

VOU 

Dr. J. G. Rey (Aachen). 


Mitte Oktober vergangenen Jahres fanden za Paris zwei Kon¬ 
gresse statt, deren Verhandlungen einen interessanten Überblick 
gewähren über den jetzigen Stand der Milchfrage, sowohl in land¬ 
wirtschaftlicher als kaufmännischer und nicht znletzt in hygienischer 
Hinsicht. Landwirte, Molkereibesitzer und Ärzte der verschiedensten 
Länder tauschten auf dem Congrfes international de laiterie 
ihre Meinungen gegenseitig aus und teilten sich ihre Erfahrungen 
und Forderungen auf dem Gebiete der Milchproduktion, dem Milch¬ 
handel und dem Milchgebrauche mit. Auffallend für uns Deutsche 
ganz besondere war der Umstand, dass die Forderungen, die die 
Ärzte an eine gute Milch stellen müssen und deren Erfüllung uns 
hier von der Landwirtschaft und den Molkereien als unmöglich 
stets hingestellt wird, im Auslande von der Landwirtschaft und 
Molkerei verlangt und vielfach auch durchgeführt worden sind. 
Gerade aus diesem Grunde sind die Ausführungen der Redner selbst 
in den rein landwirtschaftlichen Sektionen dieses Kongresses für 
die Hygiene von besonderem Interesse. Das genauere Studium der 
gedruckten Rapporte ist jedem Interessenten zu empfehlen. 

Der wenige Tage später stattfindende Congrfes international 
de gouttes de lait gibt in seinen Verhandlungen und Beschlüssen 
wichtige Aufschlüsse über die beste Art der Bekämpfung der Säug¬ 
lingssterblichkeit, wie sie nach langjähriger Erfahrung im Auslande 
und durch den Meinungsaustausch der grössten Kapazitäten auf 
diesem Gebiete in fast einstimmig angenommenen Thesen festgelegt 
wurde. Auch hieraus ersehen wir Deutsche, dass die von einzelnen 
Städten noch recht zaghaft betretenen Wege nicht die besten zu 
sein scheinen und dass wir auch hierin vom Auslande lernen können, 
und nicht durch weiteres Herumtasten Zeit und Geld vergeuden 
sollen. 

In Sektion I des Congrfes international de laiterie wurde 
zunächst die Frage diskutiert: „Einfluss der Rasse und des 


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Individuums auf den Gehalt, die Qualität und die Quan¬ 
tität der verschiedenen Komponenten der Milch.“ Von 
den drei Vortragenden (Gouin, Loehnis, Touchard) wurde im 
wesentlichen an der Hand zahlreicher Versuche festgestellt, dass 
der Einfluss der Rasse auf den Fettgehalt der Milch bei weitem 
nicht so gross sei, als die Verschiedenheit beim einzelnen Tier. 
In jeder Rasse lassen sich durch Auswahl und Zucht in aus¬ 
gedehntem Masse Verbesserungen der Milchtiere erreichen. 

2. „Einfluss der Ernährung auf den Gehalt, die 
Qualität und Quantität der verschiedenen Komponenten 
der Milch. Gebrauch von Zucker und Melassefutter zur 
Fütterung der Milchkuh. Hierzu führt Herr Guerault aus, 
dass die Fütterung und auch das Getränk von grossem Einflüsse 
auf die Butter sei, er widerrate besonders Rübenblätter, Rübsamen, 
Senf, Raps und besonders Bier- und Branntweinscblempe. Fauliges 
Wasser lasse sich oft im Geschmacke der Butter erkennen. Herr 
Malpeaux gibt eine genaue Auseinandersetzung des Einflusses der 
Ernährung auf den Fettgehalt der Milch, der ausserdem grossen 
Schwankungen unterliegt, je nach Rasse, Individuum, Zeit des 
Melkens, Temperatur, Witterung, Schwangerschaft. Der Produzent 
hat durch Auswahl der Fütterung es völlig in der Hand, die Tiere 
bei völliger Gesundheit zur höchsten und besten Produktionsfähigkeit 
zu bringen. 

3. „Natürliches Melken, mechanisches Melken, Ver¬ 
gleich der beiden Verfahren miteinander.“ Nach Diffloth 
ist das natürliche Melken dem maschinellen in jeder Hinsicht über¬ 
legen, das maschinelle beeinträchtigt die Ergiebigkeit des Tieres, 
den Fettgehalt der Milch, den zootechnischen Wert des Milchtieres. 
Vom Standpunkte des Asepsis ist der Melkapparat ebenfalls zu 
verwerfen. Ausserdem verliert beim Vakuumapparat die Milch 
ihren Gasgehalt zum grossen Teile, so dass eine so gewonnene Milch 
nach dem Kochen 60°/ 0 der assimilierbaren Phosphate verloren bat. 
Schliesslich erweisen die Melkapparate sich als unpraktisch in ihrer 
Handhabung; sie sind also nach jeder Richtung hin verwerflich. 

4. Praktische Verwendung der entrahmten, aus¬ 
gelabten, entzückerten Milch als Futter für Kälber und 
Schweine (M. Ricard). Herr Alquier empfiehlt obligatorische 
Einführung der Kontrolle über die Ergiebigkeit der einzelnen Milch¬ 
tiere, wie sie in Dänemark mit grossem Erfolge bereits von pri¬ 
vater Seite durch Gesellschaften eingeführt ist, unrentable Tiere 
werden auf diese Weise rasch entdeckt und ausgeschieden. Über 
diese dänischen Kontrollgesellschaften spricht des genaueren noch 
Herr Nils Hanson und hebt deren enormen Wert für Hebung der 
rationellen Milchviehzucht hervor. 


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Sektion I Sous-Sektion 2B. Frage 1: Welches sind 
die praktisch besten Mittel, die Milchtiere unter den- 
besten hygienischen Verhältnissen zu halten und Verun¬ 
reinigungen der Milch während des Melkens zu verhüten* 
Die Herren Baron und Dechainbre präzisieren die Forderungen 
der Stallhygiene in bezug auf Geräumigkeit, Einrichtung, Stellung 
der Tiere, Lüftung, Reinigung etc. Die Milch nimmt leicht die 
verschiedensten Gerüche ihrer Umgebung an, daher geruchlose Des¬ 
infektion. Die Euter sind in denkbar reinlichstem Zustande zu 
erhalten, mit lauwarmem weichem Wasser (nicht kaltem) zu waschen 
und abzutrocknen, die Streu jeden Tag zu erneuern. Der Melker 
soll seine Hände sorgfältig waschen. Das Melken im Stalle selbst 
ist unzweckmässig, weil der Stall stets staubig, besonders beim 
Einwerfen des Futters. Es soll daher ausserhalb des Stalles ge¬ 
molken werden, das Melken auf der Wiese ist demnach das zweck- 
mässigste. Im Stalle soll wenigstens nicht während des Fütterns 
gemolken werden, die gereinigten Melkgefässe sollen nicht im Stalle 
verweilen, damit die Milch möglichst wenig verstaubt und Stall¬ 
geruch annimmt. Es sind Obiges die einfachsten Forderungen, wie 
sie in jeder Wirtschaft durchführbar sind. Herr Guerault fordert 

1. Vermeidung jeder Bewegung im Stalle vor dem Melken. 

2. Waschen der Euter. 3. Absolut reine Hände. 4. Aufnahme 
der Milch in sterilisierte, verschlossene Gefässe. 5. Sofortiges Ent¬ 
fernen der Milch aus dem Stalle. 6. Sofortiges filtrieren und ab¬ 
kühlen nach dem , Melken. 7. Bedecken mit leichtem Nesseltuch. 
8. Aufbewahren an kühlem, luftigem und gesundem Platze. Herr 
Jonson bespricht die beste Methode der Einstallung und Haltung 
der Milchtiere. 

2. „Öffentliche Beaufsichtigung der Reinhaltung 
der Ställe.“ Hier erfahren wir Deutsche von Herrn Constant, 
dass es in Frankreich, in Italien, in der Schweiz, in Dänemark, 
in den Vereinigten Staaten, in Belgien Gesetze gibt, die in mehr 
weniger brauchbarer Weise die Reinlichkeit der Ställe und richtige 
Haltung der für den Milch verkauf gehaltenen Tiere verlangen; 
in Deutschland hält man das für unmöglich, was doch am nächsten 
liegen sollte. Auch Herr Märtel fordert die Kontrolle der 
Reinlichkeit im Stalle als integrierenden Teil der Milchkontrolle 
staatlicherseits. Herr Mullie fordert von den Behörden: 1. strenge 
Überwachung der Produktion von sogenannter Kindermilch, 2. zu. 
verlangen, dass jede zur Kindermilchproduktion gehaltene Kuh wieder¬ 
holt die Tuberkulinprobe bestehe und sofort entfernt werde im 
Falle der positiven Reaktion. Herr Plehn, ein deutscher Milch¬ 
industrieller, hingegen glaubt durch eine Art Selbstkontrolle der 
Produzenten innerhalb zu bildender Gesellschaften eine genügende 


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Stallkontrolle zu erzielen, die durch Polizeimassnahmen nicht zu 
erreichen sei. Seine Ausführungen, die eine Utopie darstellen, machen 
unwillkürlich den Eindruck einer Art von Schuldbewusstsein, das 
eine polizeiliche Kontrolle nicht wünscht. 

3. „Gegenwärtiger Standpunkt der Wissenschaft in 
betreff der pathologischen Zustände, die die Milch ge- 
fährlich machen für den Genuss.“ Herr Moussu bemerkt, 
dass ausser bei pathologischen Zuständen die Milch auch unter 
physiologischen Verhältnissen schädlich sein könne besonders für 
Kinder, da durch die Milchdrüse Giftstoffe, die das Tier genossen, 
ausgeschieden werden. Gewisse Giftpflanzen, vor allem die Über¬ 
bleibsel vergohrener Substanzen, ungetrocknete Rübenschnitzel, Malz 
und gewisse Ölkuchen, geben der Milch Eigenschaften, die bei 
Kindern schwere Diarrhöen und Darmkatarrhe veranlassen, ebenso 
wie bei den damit gefütterten Kälbern. Die grosse Kindersterblich¬ 
keit im Norden Frankreichs und in Lille besonders sei darauf zu¬ 
rückzuführen. Bei allen schweren pathologischen Zuständen gehen 
in die Milch, wenn auch nicht die Keime der Krankheit, so doch 
die krankhaften Ausscheidungsprodukte, organische Gifte, über. Bei 
dem aphthösen Fieber, den Pocken, der Tuberkulose des Euters 
gehen auch Krankheitskeime direkt in die Milch über. Er hält es 
für unbedingt notwendig, für den Milchhandel nur Tiere von völliger 
Gesundheit zuzulassen und daher sei die einheitliche Kontrolle aller 
Milchkühe formell unumgänglich. Was man von allen andern 
Nahrungsmitteln verlangt, muss auch von der Milch verlangt werden. 
Alle Milchkühe, deren Euter entzündet sind, sind auszuschliessen, 
alle Milchkühe mit wenn auch noch so geringer Tuberkulose sind 
auszuschliessen, in jedem Falle von aphthösem Fieber ist der Milch¬ 
verkauf ebenso wie bei Euterpocken der betroffenen Wirtschaft zu 
verbieten. Diese Milch darf nach ihrer Sterilisation nur als Tier¬ 
futter verwendet werden. Herr Leclainche hebt hervor, dass 
Tuberkelbazillen in der Milch auftreten, auch wenn die Euter noch 
gesund sind, und zwar in Mengen, die genügen Versuchstiere zu 
infizieren. Es muss deshalb die Milch aller Tiere, die auf Tuber¬ 
kulin reagierten, verdächtig sein und sterilisiert werden. Zur Säug¬ 
lingsernährung darf nur Milch solcher Tiere genommen werden, die 
nicht reagierten. Eine Kontrolle ist unbedingt nötig. Herr Märtel 
tritt ebenfalls energisch für die Notwendigkeit eines Gesetzes ein 
zur Sicherung der Milchkontrolle überhaupt und besonders der Säug- 
lingsmiich. Herr Moussu verlangt im Interesse der allgemeinen 
Hygiene sowohl als im Interesse der Milchwirtschaften selbst, zur 
Milchproduktion nur gesunde Tiere, die ein nach genauer Unter¬ 
suchung und Tuberkulinprobe ausgestelltes tierärztliches Gesund¬ 
heitszeugnis erhalten haben. Jedes Tier, das auch nur leichte 


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Reaktion zeigt, ist von der Milchwirtschaft auszuschliessen. Alle 
weiteren Milchprodukte tuberkulöser Tiere, entrahmte Milch etc. 
müssen vor ihrem Verkaufe sterilisiert werden. Jede Milchwirt¬ 
schaft ist häufig ärztlich zu kontrollieren, um alle Kranken daraus 
rechtzeitig zu entfernen. Zum Schlüsse gibt Herr Rolet einen 
Überblick über die in einzelnen Staaten besonders in Neu-York ge¬ 
forderten sanitären Einrichtungen der zur Milchabgabe zugelassenen 
Molkereien und verlangt genaue staatliche Kontrolle der Stallhygiene. 

Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass alle diese Herren Nicht¬ 
ärzte ja sogar Landwirte sind und mit einer Ausnahme, leider eines 
Deutschen, für behördliche strenge Kontrolle der Stallhygiene ein- 
treten, dass dabei in Frankreich die Milchpreise recht niedrige 
sind (in Paris 20 ctmes), so muss uns der Widerstand, den die 
deutsche Milchwirtschaft gegen diese Verbesserungen auf wendet und 
das Zaudern der deutschen Gesetzgebung in dieser Sache sehr be¬ 
fremden. 

Sektion II. befasst sich mit der Lieferung der Milch in 
die Molkereien und zu den Konsumenten. Um die Milch 
einwandfrei zu erhalten, wird saubere Gewinnung, direktes Abkühlen 
nach dem Melken, reine Gefässe, vollständiges Anftillen derselben, 
um das Rütteln möglichst unschädlich zu machen, Kühlwagen bei 
längeren Transporten verlangt. Sterilisation, Pasteurisation und Ge- 
frierung werden verworfen, ebenso Fixation der Milch. Die weiteren 
Fragen betreffen Rahm, Käse und Butter, kondensierte Milch etc. 
interessieren deshalb an dieser Stelle weniger. 

Die uns am meisten interessierende Sektion ist natürlich die 
Sektion III. Hygifene laitifere. 

Die erste Frage dieser Abteilung war die Übertragbarkeit 
ansteckender Krankheiten von Mensch zu Mensch durch 
die Milch als Infektionsträger, insbesondere Typhus und 
Scarlatina. Hierzu sprachen die Herren Sieveking (Hamburg) 
und V. Willem mit A. Miele (Gent). 

Herr Sieveking führt aus, dass, trotzdem bisher nur in einem 
Falle der bakteriologische Nachweis des Typhusbazillus in der Markt¬ 
milch gelungen sei, man auf grund der gemachten Beobachtungen, 
darau festhalten müsse, dass die Milch in bestimmten Fällen der 
Infektionsträger sein könne. Die Milchtiere sind es wohl nicht, die 
erkranken und die Milch infizieren, wohl aber die Menschen, die 
mit der Milch hantieren. Mangel an Sauberkeit ergibt tausend¬ 
fache Möglichkeit der Infektion. Es muss daher eine beschleunigte 
Anzeige und Sperrung der Milchlieferung überall da erfolgen, wo 
in ländlichen Betrieben Typhus auftritt. Ausserdem fordert er eine 
bessere Wasserversorgung für die meisten ländlichen Betriebe. Vom 
Diphtheriebazillus gilt dasselbe was vom Typhusbazillus gesagt ist. 


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Die Herren Willem und A. Miele berichten über ihre Be¬ 
mühungen, im Musterstalle Nutricia in Laken eine möglichst asep¬ 
tische Milch zu gewinnen. Im Beisein der Herren selbst wurde eine 
Milch gewonnen, die nur 8 Keime im Kubikzentimeter enthielt. Um 
aber unter Bedingungen zu arbeiten, die den gewöhnlichen Verhält¬ 
nissen entsprachen, Hessen sie die Milch vom Montage, dem be- 
kanntermassen unzuverlässigsten Tage, sich nach Gent schicken. Die 
Morgenmilch wurde direkt nach dem Melken auf Eis auf bewahrt, 
abends mit der Abendmilch gemischt per Bahn verschickt. Die Milch 
traf Dienstags tagsüber oder Mittwochs früh ein, wo sie in einem 
Raume von 12—13 °C. bis zur Untersuchung gestellt wurde. Die 
bakteriologische Untersuchung der Milch erfolgte erst zu einer Zeit, 
wo die zugleich mit ihr gemolkene Milch längst verzehrt war. Trotz 
der langen Zeit des Transportes fanden sich im Durchschnitt nach 
39 Stunden 102 Keime. Die Haltbarkeit der Milch betrug im 
Minnimum 10 Tage, meistens 17—20 Tage, zuweilen 2 bis 3 Monate 
bei einer Temperatur von 13—15°, bis zum Umgehen. Obschon 
bei der ersten bakteriologischen Untersuchung sich nur selten bacterium 
lacticum nachweisen liess — es fanden sich nur Micrococcus albus 
oder flavus —, gewannen die Milcbsäurebildner schliesslich doch die 
Überhand, da zum Schlüsse alle Proben doch gerannen. Es handelt 
sich also nicht um abnorme, sondern um durchaus normale Verhält¬ 
nisse, deren Entwicklung nur bedeutend verzögert ist. Trotzdem 
geben die genannten Erfolge durchaus nicht das höchste, was auf 
diesem Gebiete zu erreichen ist. Redner versprechen sich von ihrer 
Methode uoch bedeutend bessere Resultate. 

Die Herren Bor das, Baudran und Kohn-Abrest empfehlen, 
um die Markt milch von infektiösen Keimen, die sie nach- 
gewiesenermassen übertragen kann, zu reinigen, zunächst die 
Filtration um die gröbern Schmutzteile zu entfernen, die einer wirk¬ 
samen Pasteurisation oder Sterilisation hinderlich sind. Die Ab¬ 
kühlung der Milch von 12—3° + oder die Gefrierung bis — 10° 
geschieht nicht um Keime abzutöten, sondern um deren Entwicklung 
während 1—14 Tage zu hemmen. Eine chemische Veränderung 
erleidet die Milch dabei nicht. Eine einmal gefrorene Milch ist 
nicht leicht aufzutauen, die natürliche Homogenität der Milch stellt 
sich nicht ohne Weiteres wieder her. Die Fixation oder Homogeni- 
sation der Milch ist zu empfehlen; sie macht aber das Abrahmen un¬ 
möglich. Die zum Konsum bestimmte Mischmilch soll ihrer Meinung 
nach 1. filtriert, 2. pasteurisiert bei einer Temperatur unter 80° um 

die pathogenen Keime abzutöten, 3. auf mindestens 12°-p 3° 

abgekühlt, sofort in Gefässe gebracht werden, die bis zu ihrer Ver¬ 
sendung in dieser Temperatur zu halten sind. 

Mr. F. Schoofs (Liege) kommt im wesentlichen zu denselben 


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Resultaten wie Bor das. Er empfiehlt Filtration unmittelbar nach 
dem Melken durch ein hygienisches Filter in einem vom Stalle ge¬ 
trennten Raume. Unmittelbar nach dem Filtrieren starkes Abkühlen. 
Das Homogenisieren der Milch scheint technische Vorteile zu haben, 
ob diese mit den Forderungen der Hygiene konform sind, ist noch 
zu beweisen. 

Herr Backhaus (Berlin) empfiehlt sein Verfahren als billiger 
und besser als das Ammenwesen. Die Kommunen und Wohltätig¬ 
keitsgesellschaften könnten den hohen Preis der Milch nach Backhaus 
für die Armen bezahlen. Es wäre dies besser als eine Einrichtung 
von gouttes de lait, in denen man nicht so gut mit Milch um¬ 
zugehen verstehe, wie in privaten (seinen!) Betrieben. Ja die Kom¬ 
munen sollten seine Institute direkt unterstützen. Man solle sich 
hüten, die Verbesserung der Säuglingsnahrung den Ärzten zu über¬ 
lassen, es sei dies Sache der Molkereien! sapienti sat! Man sieht 
schon die Wirkung der energischen Zurückweisung, die B. in Meran 
erfuhr. Nachdem es bei den Ärzten nicht recht gelingen will, 
werden die Ärzte für unwissend erklärt und um so energischer die 
Reklametrommel gerührt. 

Herr Raoul Brunon (Rouen) tritt etwas energisch für die 
künstliche Ernährung ein, indem er die Möglichkeit der natür¬ 
lichen nahezu für ausgeschlossen erklärt. Was er von der künst¬ 
lichen erklärt, ist sehr lehrreich und zu bestätigen, besonders wenn 
er sagt, dass die meisten Störungen der Ernährung lediglich der 
Überfütterung zuzuschreiben seien, die von Ärzten und Laien fast 
allenthalben ausgeübt und empfohlen würde (Sehr richtig!). Er 
tritt für die Sterilisation ein, die den Nährwert in keiner Weise 
beeinträchtige, aber sofort nach dem Melken vorzunehmen sei. Die 
Maternisation verwirft er nicht absolut und empfiehlt ein einfaches 
Verfahren dazu: 2 /s der Milch bleiben unverändert, Vs wird ab¬ 
gerahmt und der Rahm mit Zusatz von Salz 1 gr und Zucker 10 gr pro 
Liter, sowie einer der fehlenden Magermilch entsprechenden Wasser¬ 
menge den unveränderten 2 /s zugesetzt. Bei 4000 Kindern hat 
diese Methode sich bewährt. Bei 7000 Kindern, die mit sterilisierter 
Milch ernährt wurden, ist kein Fall von Barlowscher Krankheit 
vorgekommen. Roh milch muss möglichst aseptisch gewonnen sein, 
sie gibt dann gute Resultate in den Fällen, wo sterilisierte Milch 
anscheinend nicht vertragen wird. 

Herr Paul Diffloth (Alfort), Prof, agricult., spricht in höchst 
interessanter Weise über die zootechnische Produktion der 
Säuglingsmilch und führt in überzeugender Weise aus, wie eine 
ganze Reihe von Dingen die Haltbarkeit und Bekömmlichkeit der 
Säuglingsmilch beeinflussen. Die Säuglingsmilch darf nur von 
Milchkühen genommen werden, deren Rasse, Alter, Haltung und 


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Pflege sich total unterscheidet von dem Typus der kaufmännischem 
Spekulation. Die Art der Fütterung dieser Tiere muss vor allem, 
eine gesundheitsmässige und auch stets sich gleichbleibende sein, 
so glaubt er die Frühjahrs- und Herbstdiarrhöen der Kinder, die 
auf unzweckmässiger und plötzlich wechselnder Fütterung der Tiere¬ 
beruhten, zu verhindern. 

Herr Hauser bespricht alsdann die Einrichtung des- 
„l’oeuvre philanthropique du lait u , das im Jahre 1900 vou 
Dr. Henri de Rothschild ins Leben gerufen wurde mit dem. 
Ziele: Milch von guter Qualität unverfälscht, wie sie aus dem Euter 
der Kuh kommt, den Leuten frisch oder sterilisiert zu verschaffen 
und zwar für die Arbeiterklasse so billig als möglich, für die Armen 
umsonst. Wenn das Institut auch nicht bloss kinderärztliches In¬ 
teresse beansprucht, da es keinerlei Ratschläge an die Konsumenten 
erteilt, und die Milchkontrolle keineswegs den Forderungen für 
Säuglingsmilch entspricht, so zwingt es uns vor allem dadurch zur 
Bewunderung, dass es in Paris für einen Preis, für den man m 
unseren deutschen Grossstädten nicht einmal die gewöhnliche meist 
grundschlechte Milch erhalten kann, tadellose Marktmilch verkauft 
und dazu noch sehr viel Milch für halben Preis und umsonst ab¬ 
gibt. Das wunderbarste dabei ist, dass das Institut schon seit 
längerer Zeit sich ohne Zuschüsse selbst erhält. Für unsere Kom¬ 
munen wäre dies ein Vorbild für die allgemeine Milch Versorgung — 
ich rede nicht von der Säuglingsernährung. Die rapide Ausdehnung 
der Einrichtung, die nun schon 37 Verkaufsstellen hat und im 
Jahre 1904 3 187 557 L. Milch abgab, illustriert am besten seine 
Nützlichkeit und gleichzeitige Rentabilität. 

Herr Edmond Juge (Paris) zeigt darauf die Ziele des 
l’oeuvre sociale du bon lait. Diese Gesellschaft wurde am 
19. April 1905 gegründet, um den ärmern Klassen, speziell den 
Müttern, die gezwungen sind ihre Kinder künstlich zu ernähren, 
Milch von guter Qualität billig zu verschaffen. Wir haben es hier 
mit einer den Anforderungen der Säuglingshygiene entsprechenden 
Einrichtung zu tun. Das ganze steht unter ausschliesslich ärzt¬ 
licher Leitung, der eine Organisation von Damen, eingeteilt nach 
arrondissement und quartier, beigeben ist, die den Müttern neben, 
materieller Unterstützung .ihre nur den Frauen anstehende moralische 
Beihülfe gewähren (assistance morale). Das Comite medical hat, 
1. die Milch mit den für am geeignetsten erscheinenden Mitteln zu 
kontrollieren, 2. den schwängern Frauen, den Müttern und Kindern 
an bestimmten Tagen in den Milch verteilungsstellen Freisprech¬ 
stunden zu geben, 3. von allen wissenschaftlichen Beobachtungen 
bezüglich der Milch und der Kinderpflege, die das Interesse der 
Gesellschaft berühren, dieser Mitteilung zu machen. Eine Kom- 


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mission von 5 Ärzten, die aus den Ärzten der Gesellschaft gewählt 
sind, verarbeitet fortgesetzt alle Mitteilungen und Fragen, die das 
Institut betreffen. 

Die Gesellschaft verteilt pasteurisierte Milch für 20 ct. das 
Liter in 24 Verteilungsstellen, die in dem äussern Umkreis von Paris 
und dessen Umgebung verstreut sind, von 5—9 h vormittags täglich. 
Die Freisprechstunden finden wenigstens einmal wöchentlich nach 
der Milchverteilung im Beisein der Milch Verteilerinnen statt, die zu¬ 
gleich Gehtilfinnen der Ärzte sind und das Wiegen der Säuglinge 
besorgen. Die Lokalitäten werden täglich oberflächlich desinfiziert, 
im Falle eine ansteckender Krankheit durch den Arzt konstatiert 
wurde, auf das sorgfältigste. Die Beratung des Arztes hat sich zu 
beschränken auf einfache hygienische Anordnungen. Die gemachten 
ärztlichen Beobachtungen werden für jedes Kind auf gesonderten 
Zetteln notiert, die für die hauptsächlichsten gesundheitlichen An¬ 
ordnungen, Ernährung, Gewicht etc. Rubriken enthalten. Auf diese 
Weise wird das Institut wertvolles Material gewinnen zum weitern 
Ausbau der Säuglingshygiene. In der Überzeugung, dass in der 
hygienischen Aufklärung des Publikums das wichtigste Moment für 
die Herabsetzung der Säuglingssterblichkeit liegt, hat die Gesell¬ 
schaft das ärztliche Komitee beauftragt, eine Instruktion auszuarbeiten, 
die unter das Publikum ausgiebigst verteilt werden soll. Es werden 
32000 Liter täglich zu 20 ct. pro Liter abgegeben. 

Unabhängig von dieser Einrichtung ist soeben eine grosse An¬ 
zahl weiterer Verkaufsstellen mit besser und teurer eingerichteten 
Lokalitäten eingerichtet worden, in denen dieselbe Milch zu 25 ct. 
verkauft wird für die wohlhabenderen Klassen. 

Zur Kontrolle der Milch ist ein Laboratorium eingerichtet, das 
in vollkommenster Weise qualitative, quantitative, chemische und 
bakteriologische Untersuchungen anstellt. Ausserdem findet Stall¬ 
kontrolle statt, die sich bis auf die Einstallung, Verbesserung der 
Milcbviehrassen, Fütterung etc. erstreckt. 

Jonkher Teixera de Mattos (Rotterdam) gibt einen Über¬ 
blick über die in Holland herrschenden Milchverhältnisse 
der gewöhnlichen Milch und der Säuglingsrailch, und stellt 
die bekannten notwendigen Forderungen auf, für die auch in Holland 
noch keine Gesetze erzielt sind. Die Krippen sind in Holland un¬ 
populär, ihre Einrichtungen sind mangelhaft besonders bezüglich der 
Ernährung, sie sind das Objekt zahlreicher berechtigter Angriffe. 
Auch die gouttes de lait sind noch wenig eingeführt, es gibt deren 
nur zwei. Ihre Einführung ist auch in Holland, wo die Säuglings¬ 
sterblichkeit nur 11 —14°/ 0 beträgt uud gute Milch allenthalben 
leicht zu erreichen ist, nur für die wirklich Armen notwendig. Wir 
sind gezwungen die gouttes de lait für Holland zu verdammen, weil 


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sie die öffentliche Meinung zuungunsten der natürlichen Ernährung 
beeinflussen. Wir kämpfen aber seit Jahren mit Überzeugung für 
Einrichtung von consultations avec des cliniques de nourissons en 
d£pendancc de maternites de l Etat nach dem Beispiel Budin’s 
und hervorragender deutscher und französischer Kollegen. 

Dann spricht Herr H. de Rothschild in sehr ausführlicher 
Weise über die Milchversorgung von Paris, deren Herkunft, die 
Anforderungen, die an eine brauchbare Marktmilch zu stellen sind 
etc. etc. 

Zum Schlüsse verbreitet sich Herr Siegfr. Weise aus Wien 
über die Milchabgabe im X. Arrondissement zu Wien. Die Armen¬ 
ärzte wählen die Kinder ihrer Klientel aus, die gar nicht oder un¬ 
genügend mit Milch versorgt sind, gleichviel ob sie krank oder 
gesund sind und verordnen die Milch des Instituts. Die Milch 
wird in Tagesrationen verteilt. Der Arzt kontrolliert 2 mal wöchent¬ 
lich. Von jedem Kinde wird im Institut genaue Anamnese auf¬ 
genommen, dasselbe wird einmal wöchentlich gewogen. Es werden 
nur Kinder unter 6 Monaten angenommen und nur verdünnte Milch 
abgegeben. Über 7 oder 8 Monate alte Kinder erhalten nur aus¬ 
nahmsweise Milch vom Institut. Er beabsichtigt die Kosten des 
Instituts durch eine Versicherung zu decken, die die Mütter beim 
Eintritt der Schwangerschaft abschliessen und durch kleine wöchent¬ 
liche Beiträge die Milch Versorgung des Kindes sich garantieren. 
Im Falle des Selbststillens erhalten die Abonnenten ihre Einlage mit 
einer darauf gegebenen Prämie zurück. 

In Sektion IV. wurde zunächst verhandelt über Tuberkel¬ 
bazillen und deren Toxine in der Milch. Herr Gedoelst 
führt aus, dass der Genuss der Milch von tuberkulöser Küben keinen 
Nachteil für den Konsumenten zu haben scheint. Das Einführen 
rohen Tuberkulins selbst in hohen Dosen ist mit keinerlei Gift¬ 
wirkung für den Organismus verbunden. Herr Baud ran beschäftigt 
sich mit dem Nachweis des Tuberkeltoxins in der Milch. 
Weiterhin beschäftigt man sich mit der Frage einheitliche Methoden 
zur Untersuchung der Milch durchzuführen, um bequemer vergleich¬ 
bare Resultate zu haben. Herr Gorini schlägt vor zum 3. Kon¬ 
gresse die Leiter öffentlicher Laboratorien einzuladen, ihr Vorgehen 
und die von ihnen angenommenen Kriterien zur Bestimmung der in 
der Milch sich findenden Bakterien in Form von Rapporten anzu¬ 
geben. Milchfälschungen und deren Entlarvung besprechen 
die Herrn Bordas, der eine neue analytische Methode durch sehr 
schnelles Zentrifugieren vorschlägt, Herr Henseval, Rolet und 
Fayolle schliesslich Butterfälschungen. 

In Sektion V. wurde über Gesetzgebung, Unterricht 
in Milchwirtschaft, Molkereigesellschaften gesprochen, 


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Fragen, die soweit sie die Hygiene interessieren bereits in den 
trüber besprochenen Verhandlungen erschöpft sind« Es bandelt sich 
tin diesen Vorträgen um Butterfälschung durch Margarine, Über¬ 
wachung des Milchverkaufes durch die Gesundheitspolizei mit Hülfe 
der Chemie, Unterricht der jungen Mädchen und Knaben vom Lande 
in der Milchtecbnik, Bezahlung der Milch entsprechend ihrem Ge- 
kalte an Fett, Molkereigenossenschaften, Käsereien etc. 

Sektion VI. befasste sich mit Transport der Milch¬ 
produkte auf grössere Entfernungen. Der Vortrag des Herrn 
Dugit-Chesal gebt eingehend auf die Besonderheiten des Trans¬ 
portes frischer Milch ein und in einem 2. Vortrage auf die Er* 
näbrung grosser Städte mit Milch in kaufmännischer Hinsicht. Herr 
-Cesar Chicote wendet sich gegen den Verkauf kondensierter 
Milch, die vor dem Verkaufe wieder entsprechend verdünnt wird. 

Im Anschluss an den Congres international de laiterie fand ein 
Congrfes des gouttes de lait 

statt. Er wurde eröffnet Freitag 20. Oktober im Institut Pasteur im 
Beisein der Präsidentin der Republik Madame Loubet. Die Zahl 
der Vorträge war enorm gross, so dass jedem nur 5 Minuten zu¬ 
gestanden waren. Die Quintessenz des Ganzen wurde in der Schluss¬ 
sitzung folgendermassen formuliert und ohne Diskussion angenommen. 

Die Goutte de lait ist ein Unternehmen, das gegen die Kinder¬ 
sterblichkeit mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln ankämpft; 

1. es gibt ärztlichen Rat den Müttern, 

2. es unterstützt und ermutigt die natürliche Ernährung, 

3. es verteilt Milch in den Fällen, wo die Brust versagt oder 
nicht ausreicht. 

Es wird anerkannt (considerant), dass es stets Frauen geben 
wird, die nicht nähren können. 

Es wird anerkannt, dass diese letzteren meistens der dürftigen 
.Bevölkerung angehören. 

Folgende Wünsche werden als Resolutionen angenommen. 

1. Die öffentlichen Behörden sollen alle Vorkehrungen treffen, 
die geeignet sind, die Zahl der zum Nähren des Kindes 
unfähigen Mütter zu verringern. 

2. Die Gouttes de lait sollen in ausgedehntestem Masse Ver¬ 
breitung finden. 

3. Alle Gouttes de lait sollen unter ärztlicher Leitung stehen. 

4. Die öffentlichen Gewalten sollen ihre Ausbreitung und Ent¬ 
wicklung erleichtern. 

5. Die öffentlichen Gewalten sollen mit allen Mitteln die Ver¬ 
breitung der Kenntnis über Kinderhygiene erleichtern. 


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6. Durch strenges Gesetz soll in jedem Lande die Säuglings- 
milch überwacht werden. 

7. Es soll eine Union internationale des Gouttes de lait mit 
ständigem Bureau geschaffen werden. 

Die Aussprache der einzelnen Diskussionsredner, besonders 
Herrn Esch er ichs, brachten die Aufstellung obiger Thesen, die den 
wirklichen Bedürfnissen und Forderungen entsprechen, zur Annahme. 

Das Studium der Rapports beider Kongresse ist eine ausser¬ 
ordentlich anregende Arbeit und kann nur dringend einem jeden 
Interessenten, zumal den Stadtverwaltungen, das Studium derselben 
empfohlen werden. Dieselben geben ein genaues Bild der heutigen 
Milchtechnik vom Tier und seiner Haltung bis zur Konsummierung, 
wie es leider den allerwenigsten Ärzten, am wenigsten nicht selten 
den Ratgebern der Kommunen bekannt ist. 


Kleine Mitteilungen. 


Die Bevölkerung des Deutschen Reichs 

nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1905. 
(Vorläufige Ergebnisse.) 

(Vierteljahrshefte des Deutschen Reichs 1906, I. Heft.) 

Zuwachs von Jahresfünft 
zu Jahresfünft 


Am 

1. Dezember 1871 

Einwohner 

41058 792 

absolut 

v. H. 

n 

1 . 

n 

1875 

42 727 360 

1668568 

4,06 

7t 

1 . 

n 

1880 

45234061 

2506 701 

5,87 

71 

1 . 

TI 

1885 

46 855 704 

1621 643 

3,59 

71 

1 . 

V 

1890 

49428470 

2572 766 

5,49 

'n 

2. 

n 

1895 

52279901 

2 851431 

5,77 

71 

1 . 

V 

1900 

56367 178 

4 087 277 

7,82 

71 

1 . 

V 

1905 

60605183 

4238 005 

7,52 


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254 


Im ganzen hat die Einwohnerzahl des Reiches sich seit 1871 
um 19546 391, also um 47,61 v. H. vermehrt. 

Was die Bevölkerungs-Dichtigkeit betrifft, so kommen jetzt — bei 
Zugrundelegung der im Jahre 1900 mit 540 742,6 qkm festgestellten 
Reichsfläche — 112,1 Einwohner auf 1 qkm des Reichs. Wie sehr 
sie sich im Laufe der letzten Jahrzehnte erhöht hat, ergibt folgen¬ 
der Yergleich. — Auf 1 qkm kommen Einwohner: 


1871 . . . . 

. . . 75,9 

1875 . . . . 

. . . 79,0 

1880 . . . . 

00 

03 

1885 . . . . 

. . . 86,7 

1890 . . . . 

. . . 91,4 

1895 . . . . 

. . . 96,7 

1900 . . . . 

. . . 104,2 

1905 . . . . 

. . . 112,1 


I. Die Bevölkerung der Grossst&dte (mit 100000 und mehr Binw.). 


Lfde. Nr. 

Grossstädte 

Orts¬ 
anwesende 
Bevölke¬ 
rung am 

1 1.12.05 

© 

T5 

Grossstädte 

Orts¬ 
anwesende 
Bevölke¬ 
rung am 
| 1.12.05 

1 

Rp.rlin 

2 040 222 

22 

Halle a/S. 

169 899 

2 

Hamburg 1 . 

808 090 

23 

1 Altona. 

168 301 

3 

München. 

538 393 

24 

Strassburg i/E. ... 

167 342 

4 

Drpssdp.n. 

514 283 

25 

Kiel. 

163 710 

5 

Leipzig. 

502 570 

26 

Elberfeld. 

162 682 

6 

Breslau. 

470 751 

27 

Mannheim. 

162 607 

7 

Cnln . 

428 503 

28 

Danzig: . 

159 685 

8 1 

Frankfurt a/M. .. 

334 951 

29 

Barmen . 

156 148 

9 

Nürnberg . 

294 344 

30 

Rixdorf . 

1 153 650 

10 

! Düsseldorf . 

253 099 

31 1 

' Gelsenkirchen 

147 037 

11 

Hannover . 

250 032 

32 

! Aachen . 

143 906 

12 

Stuttgart .1 

249 443 

33 

Schoeneberg . 

140 992 

13 | 

Chemnitz . 

244 405 

34 

Braunschweig 

136 162 

14 l 

! Magdeburg . j 

240 661 

35, 

Posen. 

{ 137 067 

15 

1 Charlottenburg ... 

239 512 

36 

! Cassel.j 

120 446 

16 i 


231 396 

37 

Bochum. 

118 455 

17 I 


224 078 

38 

| Karlsruhe.j 

111200 

18 

i Königsberg.| 

219 862 

39 

' Crefeld.i 

110 347 

19 | 

| Bremen. 

214 479 

40 | 

Plauen.i 

1 105182 

20 , 


192 227 

41 

Wiesbaden.| 

100 955 

21 

1 

Dortmund. 

1 

175 575 


Sa. der Grossstfidtel 

j 11498 049 


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255 


II. Gemeinden mit 20000 und mehr Einwohnern. 

(Die Namen der Landgemeinden sind mit einem + versehen.) 


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*+4 

Namen 

der Gemeinden 

Ortsan¬ 
wesende 
Bevölke¬ 
rung am 
1. 12.05 

1 

Prov. Westfalen« 

a) Reg.-Bez. Münster. 
Münster. 

81 439 

2 

Recklinghausen . . 

44 392 

3 

Buer f. 

40 291 

4 

Bottrop f. 

34 285 

5 

Recklinghausen + . . 

27 016 

6 

Bocholt f . . . . 

23 918 

7 

Gladbeck f . . . . 

20 771 

8 

Osterfeld. 

20 055 

9 

b) Reg.-Bez. Minden. 
Bielefeld. 

71 797 

10 

Herford. 

28 831 

11 

Paderborn. 

26 466 

12 

Minden. 

25 42K 

13 

c) Reg.-Bez. Arnsberg. 
Hagen. 

77 498 

14 

Hamm. 

38 430 

15 

Witten. 

35 831 

16 

Herne. 

33 258 

17 

Wanne f. 

30 582 

18 

Iserlohn. 

29 594 

19 

Lüdenscheid .... 

28 921 

20 

Hörde. 

28 461 

21 

Siegen. 

25 199 

22 

Wattenscheid . . . 

23 762 

23 

Langendreer + . . . 

23 053 

24 

Eickel f. 

20361 

25 

Prov. Hessen-Nassau. 

a) Reg.-Bez. Kassel. 
Hanau . 

i 

31637 

26 

Fulda. 

20 420 

27 

Marburg ..... 

20137 

28 

Prov. Rheinland. 

a) Reg.-Bez. Coblenz. 
Coblenz. 

53 902 

29 

Kreuznach .... 

i 

22 862 


ü 

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6 

TJ 

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J 

Namen 

der Gemeinden 

Ortsan¬ 
wesende 
Bevölke¬ 
rung am 
1.12.05 

30 

b) Reg.-Bez. Düssel¬ 
dorf. 

Mülheim a. d. Ruhr 

93 598 

31 

Hamborn f . . . . 

67 494 

32 

Remscheid. 

64 341 

33 

M. Gladbach . . . . 

60 714 

34 

Borbeck +...., 

59 545 

35 

Oberhausen .... 

52 096 

36 

Solingen. 

49006 

37 

Rheydt. 

40151 

38 

Altenessen + . . . . 

33 421 

39 

Neuss. 

30 494 

40 

Viersen. 

27 582 

41 

Ohligs. 

24 264 

42 

Wesel. 

23 238 

43 

Wald. 

23 047 

44 

Sterkrade f . . . . 

21 213 

45 

Rotthausen f . . . 

21 132 

46 

c) Reg.-Bez. Cöln. 

Bonn. 

81 997 

47 

Mülheim a. Rh. . . . 

50 807 

48 

Kalk. 

25 477 

49 

Merheim f . . . . 

20 727 

50 

d) Reg.-Bez Trier. 

Trier. 

46 698 

51 

Malstatt-Burbach . . 

38 548 

52 

Neunkirchen + . . . 

32 358 

53 

Saarbrücken .... 

26 942 

54 

St. Johann a. d.Saar. 

24117 

55 

Sulzbach f . . . . 

21 636 

56 

c) Reg.-Bez. Aachen. 

Düren. 

29 770 

57 

Eschweiler. 

23 630 


Gentralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahr*. 18 


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256 


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257 


Literaturbericht. 


Oraack, Kurpfuscherei uud Kurpfuschereiverbot. Eine rechtsver¬ 
gleichende kriminalpolitische Studie. (Jena 1906. Fischer.) 

Von den mancherlei Schriften über das Unwesen der deutschen 
Kurpfuscherei stammen die weitaus meisten aus der Feder von 
Ärzten; sind sie doch auch am ehesten in der Lage, die schädlichen 
Wirkungen der Kurierfreiheit zu beobachten. Aber das hat zur 
Folge, dass die Öffentlichkeit jene Schriften weniger beachtet, 
weil man ihnen den Brotneid anwittert. Um so erfreulicher ist 
^s, wenn auch Nicht-Ärzte diesem Gegenstand nahetreten, und die 
vorliegende Arbeit des Berliner Juristen verdient um so mehr 
Beachtung, weil sie eine Fülle exakten Wissens mit klarem Urteil 
verbindet und leichtverständlich geschrieben ist. Graack be¬ 
handelt die Gesetzgebung zur Kurpfuscherei zunächst nach dem 
römischen und dann nach dem früher in Deutschland geltenden 
Rechte, schildert die Umstände, unter denen 1869 im Norddeutschen 
Bunde — ganz gegen Erwarten und gegen Wunsch der Regierung! — 
plötzlich alle Kurpfuscherei verböte aufgehoben wurden, und wie 
dann, bald für ganz Deutschland gültig folgender Rechtszustand 
geschaffen wurde: „Jeder Person, mag sie männlich oder weiblich 
sein, ist es im Deutschen Reiche gestattet, die Heilkunde in allen 
ihren Zweigen auszuüben; sie darf sich nur nicht als Arzt be¬ 
zeichnen oder sich einen arztähnlichen Titel beilegen, wenn sie 
nicht approbiert ist. u 

Weiterhin geht Graack die Gesetzgebung aller Auslands¬ 
staaten durch, unter Einschluss der Vereinigten Staaten, Brasiliens, 
Chinas und Japans und zeigt, dass überall die Ausübung der 
Heilkunde ohne Approbation verboten ist mit Ausnahme von England 
und den schweizerischen Kantonen Glarus und Appenzell, doch 
sind auch in diesen Staaten zur Ausübung amtlicher Funktionen 
nur staatlich anerkannte Ärzte befähigt. (In Deutschland sind 
zeitweilig sogar bei den gesetzlichen Krankenkassen die Arbeits¬ 
unfähigkeitsatteste der Kurpfuscher offiziell anerkannt worden. 
Ref.) „Bestraft wird (in den Verbot-Ländern) die Kurpfuscherei 
an sich. Der Umstand, dass durch dieselbe ein Schaden ent¬ 
standen ist oder dass die Behandlung unsachgemäss war, ist 
nirgends Voraussetzung der Bestrafung. Auch ist das Bewusstsein 
des Kurpfuschers, dass seine Handlung keine schädlichen Folgen 
haben könne und werde, überall ohne Belang. 44 (In Deutschland 


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258 


erfolgte selbst bei Todesfällen schon reichsgerichtliche Freisprechnng^ 
„weil dem Angeklagten bei seinem Bildungsgrade nicht zu* 
zumuten gewesen sei, dass er die Gefährlichkeit seiner Handlung 
habe erkennen müssen“ — Fall Petersen, Reichsger.-Entsch. vom 
23. Dez. 1901. Ref.). 

Diese deutschen Rechtszustände der Gegenwart bespricht 
auch Graack und kennzeichnet weiterhin die enorme Ausbreitung* 
der Kurpfuscherei seit 1869 sowie den grossen Schaden, den die 
Volksgesundheit namentlich hinsichtlich der ansteckenden (spez. 
Geschlechts-) Krankheiten erleidet und der sich ebenfalls auf die 
materielle Ausbeutung des Volkes erstrekt (teure nutzlose Kuren, 
wertlose Gesundheitsbücher in riesenhafter Auflage usw.). 

Der letzte, fast interessanteste Abschnitt behandelt die Rechts¬ 
gründe, die gegen die Wiedereinführung des Kurpfuscherei* 
Verbotes angeführt zu werden pflegen. Graack erkennt diese 
Gründe nicht an und widerlegt Flügge, der bekanntlich 1903 in 
der deutschen Juristenzeitung ein solches Verbot als juristisch 
unstatthaft, weil in das Verfügungsrecht des Einzelnen eingreifend 
bezeichnet hatte, und bespricht dann die lex ferenda. Sie muss 
unbedingt auch in Deutschland wieder zur Aufhebung der Kurier¬ 
freiheit führen, wobei nur die Frage bleibt, ob neben der gewerbs¬ 
mässig, auch die geschäftsmässig betriebene Kurpfuscherei zu be¬ 
strafen sei. Auf die letztere glaubt Verf. verzichten zu können, 
„weil sie verhältnismässig selten vorkommt“. Das ist jedoch ein 
Irrtum, denn wir Ärzte wissen genügend, welchen Nimbus grade 
die Behandlung um Gottes Lohn, z. B die pastorale Kurpfuscherei, 
geniesst. Graacks Schlusssatz gipfelt dann in dem Vorschlag, 
dass ein deutsches Sondergesetz folgenden Wortlautes erlassen 
werde: „Wer ohne vorschriftsmässig approbiert zu sein oder mit 
Überschreitungen seiner durch die Approbation erlangten Befugnisse, 
ausser im Notfälle, gewerbsmässig Mitmenschen ärztlich behandelt, 
wird mit Haft bestraft, auch kann ihm die Approbation, die er 
überschritten hat, bis zur Dauer von 6 Monaten entzogen werden. 
Hat er sich gleichzeitig einen Titel beigelegt, durch den der 
Glaube erweckt wird, er sei eine entsprechend approbierte Medizinal¬ 
person, so ist seine Verurteilung öffentlich bekannt zu machen.“ 

Möchte die Abhandlung viele Leser und Anhänger finden! 

Rumpe. 

Vorberg, Kurpfuscher! Eine zeitgemässe Betrachtung. Mit einem 
Vorworte von Prof. Dr. Sahli-Bern. (Wien 1905. Deuticke.) 

Der Verf. bringt in der vorliegenden Abhandlung ein um¬ 
fangreiches, aber vorzüglich gesichtetes Material über die Aus¬ 
dehnung der Kurpfuscherei (speziell in Deutschland) und deren 


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stets wachsenden Agitation gegen die wissenschaftliche Medizin. 
Er ergeht sich dabei nicht in allgemeinen Hinweisen, bespricht 
vielmehr die einzelnen Heilsysteme der Kurpfuscher, wie sich die 
Natnrheiler unter sich bekämpfen, in ihren eigenen Schriften aber 
auch selbst Lügen strafen. Wenn er dann am Schluss seines Buches 
dem Arzte den Rat gibt, das Kurpfuschertum zu bekämpfen; 
1. durch hygienische Aufklärung des Volkes, 2. durch die Macht 
der Persönlichkeit, die er (der Arzt) der „übernatürlichen“, ge¬ 
heimnisvollen Macht des Kurpfuschertums entgegenstellt“, so drängt 
er damit den Hauptwert seiner Arbeit in den Hintergrund, d. h. 
dass sie jeden Arzt und Nicht-Arzt befähigt, im Einzelfalle wie in 
der Öffentlichkeit die Lobpreisungen des Kurpfuschertums mit 
dessen eigenen Waffen zu schlagen und mit den unveräusserlichen 
Tatsachen der Wissenschaft zu widerlegen. In dieser Hinsicht 
gehört, wie auch Sahli im Vorworte betont, diese Abhandlung 
wohl zu dem Besten, was über das Kurpfuschertum geschrieben ist. 

Rumpe. 

Salomon, Die städtische Abwftsserbeseitigung in Deutschland. 

Wörterbuchartig angeordnete Nachrichten und Beschreibungen städti- 
scher Kanalisation»- und Kläranlagen in deutschen Wohnplfttzen. (Ab¬ 
wässerlexikon.) 1. Bd. (Jena, G. Fischer.) 

Der etwas lange Titel des Buches, den Verf. selbst, „wenn 
auch nicht gerade schön, aber zweckmässig“, in Abwässer¬ 
lexikon verkürzt haben will, sagt in Verbindung mit dem Vor¬ 
wort des Werkes, was der Verf. will: er will schaffen ein Sammel-, 
Nachschlage- und Quellenwerk, eine Inventur über das auf dem 
Gebiete der städtischen Abwässer-Beseitigung, der Kommunal- 
Verwaltung und der Tiefbautechnik in Deutschland bisher Geleistete. 
Das Werk soll ein Gegenstück sein zu dem Gr ah ns auf dem Ge¬ 
biete der städtischen Wasserversorgung. 

Ein grossartiges Werk, das Zeugnis gibt von dem weit¬ 
sichtigen Verständnis und von unüberwindlichem Fleiss des Ver¬ 
fassers! Welche Ausdauer, welche Geduld und Schaffensfreude 
gehört dazu, in zielbewusster Arbeit im Zeiträume von fünf Jahren 
aus eigener Anschauung, von zahllosen Behörden und Beamten, 
aus unendlich vielen Jahresberichten, Zeit-, Fest- und Gelegenheits¬ 
schriften diese Fülle von Mitteilungen zu bringen, die uns der vor¬ 
liegende erste Band des Abwässerlexikons gewährt! Er umfasst 
•das Maas-, Rhein- und Donaugebiet. — Wenn ein allgemeines Be¬ 
dürfnis für das Abwässerlexikon bisher nicht vorlag, so ist ein 
solches jetzt mit dem Erscheinen des Buches sicher geschaffen. 
Verwaltungs-, Bau- und Medizinalbeamte, die sich mit der Abwässer¬ 
frage zu befassen haben, werden das Werk einfach nicht mehr 


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entbehren können und wollen, wenn sie »ich über einschlägige Ver- 
hältnisse unterrichten müssen. Dass in den meisten Fällen ausser¬ 
dem persönliche Einsichtnahme einzelner wichtiger Anlagen not¬ 
wendig ist, bedarf keiner besonderen Begründung. 

Der ganze Inhalt des Werkes ist nach Flussgebieten geordnet, 
was Referent für ausserordentlich praktisch hält, weil die Möglich¬ 
keit gegeben ist, den Grad der Flussyerunreinigung schon zu über¬ 
sehen, ohne Studien an Ort und Stelle machen zu müssen. Dass 
das Werk zunächst auf Vollständigkeit keinen vollen Anspruch, 
machen kann, ist dem Verf. am wenigsten verborgen geblieben; 
man bedenke nur, dass ca. 1266 Städte in Frage kommen. Verf. 
bittet die Verwaltungen aller Wohnplätze, die in seinem Lexikon 
nicht oder unvollständig erwähnt sind, ihm entsprechende Nach¬ 
richten zukommen zu lassen, damit er diese in einem späteren 
Nachtrag bringen kann. — Die Städte, die Referent zu kontrollieren 
in der Lage war, sind genau nach dem derzeitigen Stand der Ab¬ 
wässerfrage beschrieben. Es ist selbstverständlich, dass das Werk 
bald veraltet sein würde, wenn nicht neue Auflagen, oder vorher 
Nachträge und Ergänzungen erscheinen würden; diese stellt uns 
Verf. von zwei zu zwei Jahren in Aussicht. Ich vermisse in dem 
Werke die Kanalisationsanfänge verschiedener kleiner Städte Mittel¬ 
frankens, die sicher Erwähnung gefunden hätten, wenn sie dem 
Verf. zur Kenntnis gebracht worden wären. Einer der ersten 
Nachträge bei den gesetzlichen Vorschriften des Werkes über die 
Reinhaltung der Gewässer wird ferner das Wassergesetz für das 
Königreich Bayern sein, dass z. Z. der Beratung im bayerischen 
Landtag unterliegt. 

Einen weiteren Vorzug des Werkes bildet der Umstand, dass 
sich Verf. jeder Kritik über den grösseren oder geringeren Wert 
der einzelnen Anlagen enthält. — Referent ist von der übersicht¬ 
lichen Anordnung, von der sachgemässen Durchführung des Werkes 
begeistert und überzeugt, dass dasselbe in keiner grösseren Kom¬ 
munalverwaltung, bei keinem Verwaltungs-, Bau- und Medizinal¬ 
beamten auf dem Schreibtisch fehlen darf, sobald und solange 
diese mit der Abwässerfrage zu tun haben. — Die Ausstattung ist 
vornehm, der Druck deutlich. Stich (Nürnberg). 

Rambousek, Lehrbuch der Gewerbehygiene. (Wien u. Leipzig, Hart¬ 
lebens Verlag.) 

Ein kleines, für gewerbliche Unterrichtsanstalten geschriebenes, 
ausserordentlich kompendiös und geschickt angelegtes Lehrbuch, 
welches in zwei Hauptstticke geteilt ist: die eigentliche Gewerbe¬ 
hygiene und Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen. Den genannten zwei 
Hauptstücken schickt Verf. eine kurze Einleitung über die Defi- 


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nition der Hygiene nnd Gewerbehygiene voraus; er nennt die letz¬ 
tere den wichtigsten Zweig der Berufshygiene und macht in dem 
Kapitel über die Bedeutung der Gewerbehygiene darauf aufmerk¬ 
sam, dass Gesundheit und körperliche Kraft die Arbeitslust des 
Arbeiters erhöhen und dadurch das Gedeihen des Betriebes wesent¬ 
lich fördern. Um die Bedeutung der Gewerbehygiene für den Ar¬ 
beiter und die Umgebung des Betriebes recht deutlich vor Augen 
zu führen, fügt Verf. kurze, aber sehr instruktive statistische Be¬ 
merkungen an. 

In dem 1. Hauptstück bespricht Verf. zunächst die Ursachen 
der Luftverderbnis und die Mittel zur Verhütung derselben. Kurz, 
aber sehr fasslich für den gedachten Leserkreis wird die Luft¬ 
verunreinigung im allgemeinen, die Luftfeuchtigkeit, der Kohlen¬ 
säuregehalt der Luft und die Bedeutung derselben für den mensch¬ 
lichen Organismus besprochen. Ein ganz vorzügliches Kapitel ist 
„Der Staub im Gewerbe“; eine Reihe schematischer Zeichnungen 
erleichtert den Schülern das Verständnis; die schädlichen Gase sind 
ausführlich geschildert. 

Dann geht Verf. über zur Besprechung der Mittel zur Ver¬ 
hütung der Luftverderbnis im Gewerbe; hierzu dient die Bemessung 
der Raum Verhältnisse in den Betriebsanlagen, natürliche und künst¬ 
liche Lüftung; ferner die Ventilation zum Zwecke der Beseitigung 
der gewissen Gewerben eigentümlichen Luftverunreinigung. — In 
einem weiteren Abschnitt werden die Gefahren und Nachteile be¬ 
sprochen, die durch das Arbeitsmaterial bedingt sind; im 3. Ab¬ 
schnitt endlich die Schädigung der Arbeiter durch die Temperatur, 
die Beleuchtung, die Muskelarbeit und Körperhaltung und durch 
bestimmte Arbeitsarten hervorgerufene Einflüsse. — Den Erkran¬ 
kungen der Arbeiter durch Ansteckung wird entsprechende Auf¬ 
merksamkeit gewidmet. 

Das 2. Hauptsttick umfasst die Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen: 
Wohnungen, Arbeitszeit, Arbeitsdauer, Einteilung der Arbeit; Sorge 
für jugendliche und gewerbliche Arbeiter, Sonntagsruhe, Erholungs¬ 
zeit, Ernährung des Arbeiters, Körperpflege, Kleidung, Bade- und 
Wascheinrichtungen, sowie zum Schluss Einrichtungen zur Verbesse¬ 
rung und Hebung der sozialen Verhältnisse und der Lage der Ar¬ 
beiter; Krankenpflege, Altersversorgung, Besserung der Vermögens¬ 
verhältnisse, Erholungs- und Bildungsstätten. — Ein sorgfältiges 
Register erleichtert dem Nachschlagenden das Aufflnden gesuchter 
Aufschlüsse. 

Das kleine Lehrbuch kann zur Einführung in das grosse Ka¬ 
pitel der Gewerbehygiene nicht warm genug empfohlen werden. — 
Arbeiter und Fabrikherren, Schüler und Architekten werden vieles 
aus demselben lernen. Stich (Nürnberg). 


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Laucry, Le jardin ouvrier et la dot terrienne, oomme moyen de 
r6g6n6rer la population fr&ngaise. (Ann. d’hyg. publ. et de m6d. 
16g. Paris, Sept. 1905.) 

Um die Sache der Arbeitergärten in Frankreich haben sich 
Lemire (Paris), Frau Hervien (Sedan), Volpette (Saint-Etienne) und 
Verfasser (Dunkerque) die grössten Verdienste erworben. Während 
der Jahre 1885 bis 1900 entstanden deren 1800. Verf. sieht in 
ihnen jedoch nur eine Vorstufe zu den dots terriennes, einer Ein¬ 
richtung, die im wesentlichen darin besteht, dass den bedürftigen 
Eheleuten bei der Hochzeit ein Stück Land von 24 Ar (=2400 qm) 
zugewiesen wird, und zwar in Nutzniessung bis zum Tode des über¬ 
lebenden Gatten. Der in jedem Bezirk zu bildenden Verwaltungs¬ 
stelle müssten die nötigen Geldmittel zufliessen von seiten des 
Staates, des Departements und der Gemeinden, sowie durch private 
Schenkungen und Vermächtnisse. (Eine ähnliche Einrichtung be¬ 
steht in Fort-Mardick schon seit 235 Jahren, und sie hat auch 
dem Verf. als Muster vorgeschwebt.) 

Für die Million bedürftiger Familien, die für Frankreich in 
Betracht käme, würde in toto eine Landfläche erforderlich sein von 
der Ausdehnung des Seinedepartements. 

Auf die näheren Einzelheiten der L.’sehen Vorschläge kann 
wegen Raummangels hier leider nicht eingegangen werden. 

Bermbach (Cöln). 

Hanauer, Die Arbeiterwohnungsfrage in Deutschland am Beginne 
des XX. Jahrhunderts vom ärztlich-hygienischen Standpunkt be¬ 
leuchtet. (Leipzig, Schürmann, Medizinische Volksbücher.) 

Auf 120 Seiten gibt das Büchlein eine gedrängte, treffliche 
Übersicht über alle das Arbeiter-Wohnungswesen berührende Fragen. 
Die 5 Seiten über hygienische Minimalforderungen an Arbeiter- 
Wohnungen und 5 Seiten über die gesundheitlichen Folgen der 
Wohnungsnot rechtfertigen zur Not den Zusatz des Titels „von ärzt¬ 
lich hygienischem Standpunkte aus beleuchtet“. 

Wie das Vorwort angibt, ist in der Broschüre die Arbeiter- 
Wohnungsfrage „in allen ihren vielfachen Beziehungen zu kom¬ 
munalpolitischen, finanziellen, Steuer- und verkehrspolitischen 
Fragen“ behandelt. 

Nach Erörterung der grundlegenden Fragen: — hygienische 
Minimalforderungen, die tatsächlichen Wohnungszustände, die Folgen 
der Wohnungsnot, die Ursachen der Wohnungsnot, — nehmen die 
„Abhülfsmassregeln“ natürlich den meisten Raum der Broschüre 
ein. Die Aufgaben der Gemeinde, der Arbeitgeber, gemeinnütziger 
Vereine, der Baugenossenschaften, der Versicherungsanstalten, des 
Reiches und der Bundesstaaten sind in trefflicher und erschöpfen- 


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der Weise dargestellt. Auch das Vorgehen gegen die ungesunden 
und schlechten Wohnungen wird ausführlich behandelt. 

Es gibt wohl kaum eine Frage in dem grossen Gebiete des 
Arbeiter-Wohnungswesens, welche vom Verfasser nicht berührt ist. 
Die Einteilung des Büchleins ist übersichtlich, die Fassung der 
Gedanken klar und prägnant. 

Der Gebildete sucht sich heutzutage durch kleine Broschüren 
einen möglichst klaren und raschen Überblick über die ihn inter¬ 
essierenden Gegenstände zu verschaffen; diesem Bedürfnisse ist der 
Verfasser des vorliegenden Büchleins in allerbester Weise entgegen¬ 
gekommen. 

Die weiteste Verbreitung in den ärztlichen Kreisen wäre ihm 
auch deshalb zu wünschen, weil es geeignet ist, das Interesse 
für die Arbeiter-Wohnungsfrage zu wecken. 

Ein kurzes Inhaltsverzeichnis, welches jetzt leider fehlt, würde 
den Wert der Broschüre erhöhen. Ens ho ff (Cöln-Riehl). 

Brünn, Über Lüftungsanlagen. (Ges.-Ingen. 1906, Nr. 1 u. 2.) 

Versuche, die Brünn in zwei Schulsälen einer Münchener 
Volksschule mit einem vereinfachten Ltiftungssystem machte: Luft¬ 
entnahme von aussen durch exakt einstellbare Oberl ich tfltigel bei 
Anordnung der Gesamtheizfläche unterhalb der Frischlufteintritts- 
öffnungen, ergaben, wie durch eine Zeichnung und eine Tabelle 
näher erläutert wird, folgende Nachteile dieses Systems: 1. Eintritt 
von Zugbelästigungen bei abreguliertem Heizkörper, bei Windeinfall 
oder bei zu weit geöffneten Oberlichtflügeln; 2. ungleichenässige 
Wärme Verteilung in den Schulsälen; 3. Mehrverbrauch von Brenn¬ 
material. Deshalb erscheint dies vereinfachte Lüftungssystem spe¬ 
ziell für Schulgebäude und Krankenhäuser nicht geeignet. 

Brünn wendet sich sodann gegen den von Nussbaum (die¬ 
selbe Zeitschrift 1905, Nr. 32) gemachten Vorschlag, die Lüftung 
der Klassen lediglich während der Unterrichtspausen mittels Durch¬ 
zugs kraftvoll zu gestalten. Diese vorübergehende Durchlüftung 
würde für den langen Aufenthalt von wenigstens 50 Minuten und 
für einen stark besetzten Schulsaal von gewöhnlich 58 Schulkindern 
nicht genügen und zum Schlüsse des Unterrichts das Güteverhältnis 
der Raumluft den Anforderungen der Hygiene nicht mehr ent¬ 
sprechen. Zudem würden immer einige kränkliche Kinder wegen 
der kalten rauhen Witterung während der Unterrichtspausen das 
Schulzimmer nicht verlassen dürfen, ein Umstand, welcher der 
kraftvollen Durchlüftung ein Hindernis in den Weg stellen würde. 
Ferner bringt die genaue Regulierung vieler während der Pausen 
auf Höchsttemperatur zu stellenden Heizkörper grosse Anforderungen 
an die Geschicklichkeit und Gewissenhaftigkeit des Heizers mit 


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sich. Auch Brünn sah viele verschmutzte Lüftungseinrichtungen; 
diese Unsauberkeit führt er z. T. auf mangelhafte bauliche Anlage 
zurück. Deshalb hat der Gesundheitstechniker auf die Bauausführung 
zentralisierter Lüftungsanlagen sein besonderes Augenmerk zu rich¬ 
ten. Auch die Schul- und Krankenhausverwaltungen müssen zur 
Innehaltung peinlichster Sauberkeit bei den Lüftungsanlagen an¬ 
gehalten werden. Dann sind die zentralisierten Lüftungsanlagen 
mit Luftvorwärmung zu den besten und angenehmsten Lüftungs¬ 
systemen für Krankenhäuser und Schulgebäude zu rechnen. 

Lohmer (Cöln). 

Nussbaum, Über die Heizung und Lüftung von Schulh&usern. 

(Ges.-Ingen. 1905, Nr. 32.) 

Nussbaum bezweifelt, dass das von K. Schmidt in den 
Dresdener Schulen eingeführte System von Heizung und Lüftung 
(Ges.-Ing. 1905, Nr. 17) wirtschaftlich durchführbar ist. Er weist 
ferner darauf hin, dass die Luftkammern und Luftkanäle der Schul¬ 
gebäude meist in einem hygienisch recht bedenklichen Zustande 
von Verstaubung und Verschmutzung gefunden werden. Deshalb 
erscheint auch aus Gründen der Schulhygiene ihre weitere An¬ 
wendung zur Schulzimmerentlüftung fragwürdig. Nussbaum 
schlägt vor, in Schulen auf diese Art der Lüftung zu verzichten 
und die Lüftung der Klassen auf die Unterrichtspausen zu be¬ 
schränken, dann aber mittels Durchzugs sie kraftvoll zu gestalten. 
Dies setzt eine gute Regulierungsfähigkeit der Heizkörper voraus, 
die während der Unterricbtspausen auf Höchsttemperatur zu halten 
sind, möglichst aber nicht auf über 70° C., umStaubzersetzung mit 
Sicherheit ausschliessen zu können. Bei besetzter Klasse darf der 
Wärmegrad 60° C. nicht übersteigen. Eine auch zur Hintanhaltung 
der Überbürdung in Vorschlag gebrachte Kürzung der Unterrichts¬ 
stunde auf 40—45 Minuten, die Festsetzung der Pause auf 10 bis 
15 Minuten würden eine ausgiebige Durchlüftung der Klassen 
während der Pausen gewährleisten. Lohmer (Cöln). 

Baginsky, Die Schule im Dienste der öffentlichen Gesundheits¬ 
pflege. (Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Med. 1905, 2. Heft.) 

Baginsky bespricht die Frage, wie die Schule ihrer Aufgabe, 
das Kind harmonisch nach der körperlichen und nach der geistigen 
Seite zu bilden, gerecht zu werden vermag. 

Schon der Eindruck der stattlichen, modernen Schulbauten 
auf das Kind ist ein mächtiger und nachhaltiger. Es findet hier 
meist grössere und gesundere Räume, als zu Hause; es erhält hier 
vielleicht zum erstenmal den Eindruck fester Regeln und zweck¬ 
mässiger Ordnung. Mit der Gewöhnung an Ordnung, die die 


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Grundlage zum körperlichen Gedeihen schafft, kommt gleichzeitig 
der Begriff für Masshalten und Reinlichkeit. Gerade in letzterem 
Punkte kann die Schule vorbildlich und erzieherisch wirken, wenn 
sie die Kinder zur Sauberkeit des Körpers und der Kleidung an¬ 
hält (Schulbäder). Das gelehrige Kind wird nicht nur in der Schule, 
sondern auch zu Hause eine gute Sitzhaltung beobachten und seine 
Arbeiten an gut belichteter Stelle ausführen. Durch Belehrung über 
notwendige Zahnpflege, durch Gewährung von warmer Fussbeklei- 
dung, von warmen Speisen und Trank an Bedürftige kann die 
Schule weiterhin die gesundheitliche Entwickelung unserer Jugend 
mächtig fördern. Aber auch zur Heranbildung geistig normaler 
Individuen ist die Schule wohl der mächtigste Faktor unseres 
Volkslebens. Ihre straffe Organisation mit der verlangten Unter¬ 
werfung des Willens der Kinder unter den Willen verständiger 
Pädagogen sind von ausserordentlichem Wert für die Charakter¬ 
bildung. Die Ausbildung zum Schönen und sittlich Reinen dient 
indirekt auch den Zwecken der öffentlichen Gesundheitspflege. Be¬ 
lehrungen über die Frage des Alkohol- und des Tabakgenusses 
vermögen gleichzeitig körperliche und geistige Schädigungen zu 
verhüten. 

Wenn man neuerdings immer mehr den Turnunterricht, Spiel 
und Sport, Erholungsstätten, Waldschulen und Ferienkolonien den 
Schulzwecken angliedert, so ist der grosse Nutzen dieser Be¬ 
strebungen zumal im Kampfe gegen Skropliulose und Tuberkulose 
kaum zu übersehen. Auch in der Bekämpfung der Infektions¬ 
krankheiten kann die Schule durch Belehrung und strikte Durch¬ 
führung des gesetzlich Gebotenen zum Wohle des Ganzen viel mit- 
wirken. 

Baginsky wünscht noch die Lehre von der Gesundheit nicht 
zu einem besondern Unterrichtsgegenstand für die Kinder gemacht. 
Sein Ausspruch, dass die Gesundheitslehre von den Kindern nicht 
gelernt, sondern gelebt und erlebt und ausgeübt werden müsse, 
wird bei vielen Anerkennung Anden. Aber die Lehrer müssen im 
Interesse dieser Bestrebungen in Seminarien und Hochschulen Ge¬ 
legenheit haben, sich hygienische Kenntnisse zu verschaffen. Auch 
unsere Schulärzte, die durch längere Übung sicher eine immer 
grössere Erfahrung erlangen, sind zumal bei gemeinsamen Kon¬ 
ferenzen mit den Lehrern sehr wohl imstande, die Lehrer mit 
den Kenntnissen der öffentlichen Gesundheitslehre bekannt zu machen. 

Krautwig (Cöln). 


Weygandt, Leicht abnorme Kinder. 

In demselben Masse, wie die schwachsinnigen Kinder, über 
die schon vielfach und eingehend geschrieben ist, nehmen auch die 


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leicht abnormen Kinder das Interesse des Forschers in Anspruch, 
weil wir durch deren Studium mit am ehesten hoffen können, zu 
einer Erkenntnis des Seelenlebens des normalen Kindes zu gelangen. 

Verf. begrenzt die Kindheit von der Zeit des Sprechenlernens 
beim normalen Kinde bis zur Pubertätszeit, also etwa vom 
2. bis 14. Lebensjahre. Unter „abnorm“ versteht er „vom Durch¬ 
schnitt abweichend“, es braucht das aber nicht immer ein krank¬ 
hafter Zustand zu sein. Als Hauptursachen für Abnormitäten 
kommen in Betracht: 

1. Äussere Umstände, welche die Kinder von der richtigen 
Erziehung und dem Unterricht fernhalten; nach ihrem Schwinden 
braucht kein bleibender Defekt zurückzubleiben. Dahin sind zu 
rechnen: häufiges Verziehen der Eltern und dadurch bedingter 
öfterer Schulwecbsel, Verwahrlosung der Kinder infolge von Krank¬ 
heit oder schlechtem Beispiel der Eltern (Trunksucht des Vaters. 
Prostitution der Mutter u. dergl. m.), überanstrengende Beschäftigung 
der Kinder durch Berufsarbeit (Kinderarbeit) ausserhalb der Schul¬ 
stunden; auch Kinderkrankheiten und Genuss von Spirituosen 
können ungünstig auf die psychische Entwickelung wirken. 

2. Solche leichteren Erkrankungen der Hirnrinde, die in 
schwereren Fällen zu Imbezillität und Idiotie führen (Hydro- 
cephalus internus, Mikrocephalie, Enzephalitis, Alkoholismus der 
Erzeuger etc.); hier tritt eine dauernde Schädigung in der psychischen 
Entwickelung ein. 

3. Ererbte Disposition zu schweren Neurosen und Psychosen; 
diese pflegt sich häufig schon in der Kindheit in Form von 
Abnormitäten bemerkbarer zu machen. 

Meist ist es jedoch nicht eine einzige Ursache, sondern eine 
Kombination von schädlichen Momenten, welche geistige Minder¬ 
wertigkeit im Kindesalter bedingt. 

Bei der Symptomatologie sind zu berücksichtigen psychische, 
nervöse und somatische Symptome. 

In psychischer Hinsicht erweist sich häufig die Perzeption 
schon beeinträchtigt, indem die Einreihung des Empfindungsmaterials 
in den Bewusstseinsinhalt unvollständig und flüchtig ist. Sinnes¬ 
täuschungen — die in der Zeit körperlicher Krankheit auch bei 
sonst gesunden Kindern Vorkommen — scheinen bei Nervösen 
auch unter ganz ruhigen Umständen auftreten zu können in der 
Form von Illusionen oder auch Wachhalluzinationen. Die leb¬ 
haften Träume der Kinder und das Vorherrschen der Phantasie¬ 
tätigkeit sind ebenfalls hierher zu rechnen. 

Ferner erleidet das Urteils- und Schlussvermögen häufig 
eine Störung, besonders abstrakte Begriffe werden nur unvoll¬ 
kommen gebildet. Die einseitig gute Entwickelung des Gedächt- 


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nisses — das bei Minderwertigen sonst meist mangelhaft ist —, 
führt in einzelnen Fällen zn recht guten Leistungen im Multiplizieren r 
während Addieren, Subtrahieren etc., wobei Überlegung notwendig 
ist, weniger gut gelingen. 

Im Gefühlsleben wird häufig eine Änderung der Gefühls¬ 
töne beobachtet, einmal der Intensität nach (Weinerlichkeit, leichte 
Bestimmbarkeit, Missmut etc.), dann auch der Qualität nach (Freude 
am Schrecklichen, unmotivierte Zornausbrüche, Schreckhaftigkeit, 
lächerliche Furchtempfindungen u. dergl. m.). 

Auch im psychomotorischen Verhalten treten Störungen auf, 
die sich z. T. als Mitbewegungen bei jeder sonstigen motorischen 
Äusserung zeigen (Grimassieren, Tic-Bewegungen etc.) Bedenk¬ 
licher sind die triebartigen Handlungen, die manchmal zu auffallenden 
Wanderungen, Schulschwänzen der Kinder, aber auch zu ver¬ 
brecherischen Taten Veranlassung geben. Überhaupt ist ein sozial 
bedenkliches Verhalten bei leicht abnormen Kindern nichts Seltenes 
(Neigung zu Bosheit, zum Lügen und Stehlen, zu schamlosem Ver¬ 
halten). Von nervösen Störungen sind zu beobachten Überempfind¬ 
lichkeit der Haut, der Haare und Nägel, ferner die Neigung zu 
Krämpfen und Ohnmächten, Störungen des Schlafes. 

Auf somatischem Gebiete trifft man häufig Ohnmächten, Rha- 
chitis, Tuberkulose, oft auch Degenerationszeichen an. 

Bei der Gruppierung nach klinisch-psychologischen Gesichts¬ 
punkten scheidet der Verf. zunächst die durch das Milieu und 
durch vorübergehende körperliche Störung bedingten Fälle aus. 

Fs bleiben dann als Hauptgruppen: 

I. Die leichteren Formen von klinisch sonst ausgeprägteren 
Krankheitsbildern, und zwar 

a) psychisch leicht abnorme epileptische Kinder; 

b) Kinder mit leicht hysterischen Symptomen; 

c) Kinder mit konstitutionell neurasthenischen Symptomen. 

II. Bei den übrigen handelt es sich um Störungen des psy¬ 
chischen Gleichgewichts, und zwar um 

a) gleichmässige Minderleistungen im Bereiche der Gefühle 
und Empfindungen (Debile); 

b) Defekte in der intellektuellen Sphäre bei vorherrschen¬ 
dem Gefühlsleben (phantastische, reizbare und haltlose 
Kinder); 

c) Defekte wesentlich nach der Seite des Gefühlslebens hin, 
während sie intellektuell leidlich entwickelt sind (mo¬ 
ralisch defekte Kinder). 

Bei der Behandlung dieser abnormen Kinder fällt dem Arzt 
wesentlich die diagnostische, dem Pädagogen mehr die therapeu¬ 
tische Aufgabe zu. 


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Die Diagnosenstellung ist zunächst Sache des Hausarztes, dann 
des Schularztes, besonders tritt aber Verf. dafür ein, dass die 
psychiatrisch-neurologischen Polikliniken, deren Einrichtung sich 
immer mehr empfiehlt, auf die abnormen Kinder ihr Augenmerk 
richten sollen. 

In pädagogischer Beziehung wäre zu fordern — neben den 
Hülfsschulen für Schwachsinnige —, dass besondere Klassen für 
die intellektuell leicht Abnormen eingerichtet würden, sog. Wieder¬ 
holungsklassen, wie sie das Mannheimer Förderklassensystem dar¬ 
bietet; für die moralisch Defekten, die einer dauernden Beaufsich¬ 
tigung bedürfen, sind besondere Anstalten notwendig, event. nach 
Art der sog. deutschen Landerziehungsheime. Fuchs (Cöln). 

Jferennes, Vom Hilfsschulwesen. Sechs Vorträge. 

Das Buch ist mit grosser Sachkenntnis und Umsicht ge¬ 
schrieben. Dem Lehrer der Hilfsschule können die auf Erfahrung 
gestützten Winke als Richtschnur für seine gesamte Tätigkeit dienen, 
zumal da er auch in der so reich angegebenen Literatur fast alle 
für ihn in Frage kommenden Fälle behandelt findet. Aber auch 
dem Lehrer der Volksschule bietet das Werkchen manchen beachtens¬ 
werten Fingerzeig, besonders dann, wenn sich bei einem Kinde 
vorübergehend Abweichungen von der normalen körperlichen und 
geistigen Entwickelung zeigen. Mancher Lehrer und Schulbeamte, 
der bis dahin der Einrichtung der Hilfsschulen kühl oder ablehnend 
gegenüber gestanden hat, wird beim Lesen der klaren und objek¬ 
tiven Begründung für die Notwendigkeit einer Sonderbehandlung 
der geistig Zurückgebliebenen seine Ansicht ändern. B. 

Albrecht, Die neuerbaute Volksherberge in Mailand. (Ges.-Ingen. 

1906, Nr 2.) 

Vor einiger Zeit ist in Mailand das „Albergo Popolare“ er¬ 
öffnet worden. Das Gebäude enthält 530 kleine Schlafkammern 
(1,70 : 2,20 : 3,20 m), Rauchsaal, Speise- und Lesezimmer, Kon¬ 
ferenzzimmer etc. Die Wasch Vorrichtungen haben kaltes und warmes 
Wasser, über das beliebig verfügt werden kann. Ausser der Bade¬ 
einrichtung, die gegen geringen Entgelt zu benutzen ist, steht den 
Herbergsgästen die Benutzung einer sehr zweckmässigen Einrichtung 
für Fusswaschung unentgeltlich zur Verfügung. Die Einwohner 
können in der Küche sich ihre Speisen selbst zubereiten. Der 
Preis von 50 Centesimi für ein Nachtlager und besonders der Zwang 
zur Innehaltung vieler Vorschriften und Verbote brachte es mit 
sich, dass sich die grosse Menge der Armen und Obdachlosen von 
dieser Herberge fern hält. Die Gäste werden geradeswegs zur 
Sauberkeit erzogen. Lohmer (Cöln). 


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Neter, Matterpflicht und Kindesrecht. Ein Mahnwort und Weg¬ 
weiser. (20. Heft von »Der Arzt als Erzieher“. München, Verlag der 
ärztlichen Rundschau [Otto Gmelin].) 

Ein ausgezeichnetes Büchlein, das jede junge Frau, jede 
junge Mutter besitzen und wiederholt lesen sollte! Und auch in 
der Hand des Arztes, jedes Arztes wird es seinen berechtigten 
Platz einnehmen, zum lernen und mehr noch zum lehren. Den 
Müttern gewidmet, behandelt es die Ernährung des Kindes an der 
Mutterbrust, die Technik des Stillens, seine Bedeutung für Mutter 
und Kind, die Diät und Lebensweise der Stillenden, die Beikost 
beim ungenügenden Stillen, die Entwöhnung. Das letzte Kapitel 
gilt der Ammenfrage. Druck und Ausstattung sind gut, besser 
und zweckentsprechender ist die Notwendigkeit der natürlichen 
Ernährung der Mutter noch nicht geschildert worden. Es sei jedem 
Arzt, jeder Mutter warm empfohlen. Siegert (Cöln). 

Szana, Staatliche S&uglingsfürsorge in Ungarn. [Vortrag, gehalten 
in der 25. Jahresversammlung des deutschen Vereins für Armenpflege 
und Wohltätigkeit in Mannheim, 1906.] (Münch, med. Woch. 1905, Nr. 44.) 

Der Hauptvorzug des ungarischen Systems besteht darin, 
dass es vom romanischen System die rasche, sofortige Auf¬ 
nahme des Säuglings übernommen hat, vom germanischen dagegen 
die Anschaung, dass eine weitgehende moralische und reelle Ver¬ 
pflichtung der Mutter oder des Vaters gegenüber dem Waisen- 
säuglig besteht, es vermeidet also die Begünstigung des Leicht¬ 
sinnes der Eltern, wie die Zeitraubende, behördliche Prüfung der 
Dürftigkeitsfrage, während deren das Kind bis zur Unheilbarkeit 
leiden kann. Die behördliche Ermittelung der Bedürftigkeit erfolgt 
nach der Aufnahme! Ein zweiter Vorzug ist in Ungarn die ein¬ 
heitliche, staatliche Regelung des Säuglings- und Kinderschutzes, 
unabhängig von der Kommune. Der 3. und bei weitem grösste Vor¬ 
zug aber ist der, dass das ungarische System, wenn nur irgend 
möglich, Mutter und Kind vereinigt lässt, resp. vereinigt und da¬ 
mit die natürliche Ernährung des Säuglings erzielt. Alle Fürsorge¬ 
säuglinge werden fortlaufend ärztlich kontrolliert, Säuglingsmilch 
darf nur nach erlangter Konzession hergestellt, nur auf ärztliche 
Anweisung abgegeben werden. 

Eine hohe Säuglingsmortalität wirkt auf die Mortalität der 
nächsten Lebensjahre nicht vermindernd, sondern im Gegenteil ver¬ 
mehrend. Siegert (Cöln). 

Backhaus, Grundsätze und Erfahrungen auf dem Gebiete der 
Kindermilchbereitung. (Münch, med. Wochenschr., 32. Jahrg., Nr. 39.) 

B. hält heute noch seine 5 Grundsätze für rationelle Kinder¬ 
milchbereitung, die er 1895 aufstellte, aufrecht: 


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1. fabrikweise Herstellung im Gegensatz zur Hausverarbeitung; 

2. sorgfältige Gewinnung der Rohmilch; 

3. möglichste Annäherung der Säuglingsnahrung an die Zu¬ 
sammensetzung der Frauenmilch; 

4. Füllung in Portionsflaschen; 

5. Sterilisation. 

In Punkt 2 und 4 wird B. der Zustimmung aller Praktiker, das sind 
in diesem Falle die Ärzte und Kinderärzte, sicher sein, auch Punkt 5 
die Sterilisation bietet gegenüber der schonenderen Pasteurisation 
keinen grundlegenden Unterschied. Dagegen kann man sich nicht 
scharf genug gegen Punkt 3 betreffend die Maternisierung wenden. 
Wenn Herr B. sich mit den neueren Forschungen auf dem Gebiete 
der Biochemie bekannt gemacht hätte, würde er die Unmöglichkeit 
seines Beginnens erkannt haben. Wer einmal die toxischen, durch 
die Peptone der Backhausmilch hervorgerufenen, Darmkatarrhe 
gesehen hat, wird nie wieder in die Versuchung kommen, jemals 
wieder die durch Tryptinisierung „verdaulicher“ gemachte Back¬ 
hausmilch zu verfüttern. Wenn B. behauptet, dass die mit seiner 
Milch ernährten Kinder eine 4—5 mal geringere Sterblichkeit zeigen, 
so ist wohl nie eine Statistik auf willkürlicheren Beobachtungen 
aufgebaut. Nur die Reichen können sich den Luxus leisten, für 
1 1 Backhausmilch 50 Pfg. aufzuwenden, und der überwachende 
Arzt wird bei den ersten Zeichen des unausbleiblichen Backhaus¬ 
katarrhs sofort eine richtige Ernährung in die Wege leiten. Nicht 
durch die Backhausmilchanstalten, sondern die kommunale Be¬ 
sorgung einwandsfreier Kindermilch nach dem alten Vorschläge 
Biederts müssen wir die Säuglingssterblichkeit herabzumindern 
suchen. Wenn B. sich auf Dr. de Rotschild-Paris beruft, so 
möge hier darauf hingewiesen sein, dass eben Rotschild es war, 
der nach kurzer Verirrung mit der Backhausmilch, eine gross¬ 
artige kommunale Milch Versorgung für Paris durchführte. Wenn 
B. dem Kinderarzt die Befähigung abspricht, einen Milchbetrieb zu 
überwachen, so haben die Kinderärzte auf der letzten Naturforscher¬ 
versammlung in Meran nicht gezögert ihm die Antwort zu erteilen, 
dass seine Milch mehr als entbehrlich sei. Es ist die höchste Zeit, 
dass die Masse des gebildeten Publikums erfährt, dass es in der 
Backhausmilch für teures Geld keine dementsprechende Ware er¬ 
hält. Über die Gewinnbeteiligung des Herrn B. an seinen Ver¬ 
triebsanstalten „Nutritia“ war bis jetzt keine klare eindeutige Aus¬ 
kunft zu erlangen. Spiegel (Solingen). 

Koeppe, Säuglingsmortalität und Auslese im Darwinschen Sinne 

(Münch, med. Woehenschr., 52. Jahrg., Nr. 32.) 

Koeppe zeigt durch eine äusserst exakte tabellarische Statistik, 


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die sich über die Jahre 1884—1893 und über das Material der 
Stadt Giessen erstreckt, dass eine hohe Säuglingssterblichkeit nicht 
zur Ausrangierung der minderwertigen Individuen im Sinne der 
Darwinschen Auslese und Zuchtwahl führt. Er findet vielmehr, 
dass in dem Jahre, das einem solchen mit hoher Säuglingssterb¬ 
lichkeit folgt, die Kinder des 2. Lebensjahres, also die überleben¬ 
den Säuglinge des angeblich gesichteten vorhergehenden Jahrganges, 
in relativ grösserer Zahl interkurrenten Krankheiten erliegen. 
Koeppe zieht aus seinen statistischen Zusammenstellungen den 
richtigen Schluss: „Bei hoher Säuglingssterblichkeit sind nicht nur 
die Schwachen dahingerafft worden, sondern auch die Starken in 
ihrer Gesundheit geschädigt. Durch Bekämpfung der Säuglings¬ 
mortalität heben wir den Gesundheitszustand, die Kraft des Volkes.“ 

Spiegel (Solingen). 

Oppenheimer, Ober Säuglingsfürsorge in Paris mit Vörschlägen 
zum Säuglingsschutz in München. (Münch, med. Wochenschrift, 
52. Jahrg., Nr. 37.) 

0. berichtet aus eigenen Anschauungen, über die Tätigkeit 
der bedeutendsten Pariser Ärzte zur Erhaltung des kindlichen 
Lebens. In Paris gibt es 25 öffentliche Beratungsstellen, wo den 
Müttern unentgeltlich Rat erteilt wird und sie vor allem dazu er¬ 
zogen und angehalten werden, ihrem Kinde die Brust zu reichen. 
Budin hat es so erreicht, die Sterblichkeit seiner Klientel auf 
4,6°/ 0 gegen 17,8 °/ 0 der allgemeinen Kindersterblichkeit in Paris 
herabzumindern. Die Kinder müssen alle 14 Tage in die öffentliche 
Sprechstunde gebracht werden, werden gewogen und erhalten die 
entsprechenden Verordnungen. Nach Fernbleibenden wird genau 
recherchiert. Fleissige Besucherinnen erhalten Wäschestücke als 
Geschenk, Mütter, die 4 Monate stillen, erhalten eine Geldprämie. 
Während Budin und seine Schüler die aus den Entbindungsanstalten 
entlassenen Mütter weiter im Stillgeschäft leiten und überwachen, 
sorgen die Milchküchen mit den ihnen angegliederten Beratungs¬ 
anstalten — z. B. die von Variot und die Fourtado-Heine Stiftung 
— für die Durchführung einer richtigen künstlichen Ernährung. 
Oppenheimer tritt auch an dieser Stelle dafür ein, — wie er es 
in Paris gehört hat und auch in seinem Ambulatorium seit langem 
übt, — dass das gesprochene Wort, nicht Broschüren und gedruckte 
Anweisungen der richtige Weg der Aufklärung ist. Nur ganz 
kurz wird die grossartige Leistung des Pariser Kinderarztes H. de 
Rotschild erwähnt, der durch Zentralisierung der Milchproduzenten 
es fertig gebracht hat, für 25 Pfg. einen Liter einwandsfreie Kinder¬ 
milch zu liefern. Das ist der Weg, auf dem wir weiter arbeiten 
müssen, die Verwirklichung der alten Idee Biederts von der kom- 

Oentralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 19 


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munalen Milchversorgung. Auf Grund seiner reichen Erfahrungen 
und Beobachtungen macht 0. Vorschläge zur Bekämpfung der Säug¬ 
lingssterblichkeit in München, die auch für andere Städte nützlich 
sind. Sie gipfeln in der Propaganda für das Stillen. 

Spiegel (Solingen). 

Speck, Eühlkisten zur Kühlung der Säuglingsmilch. (Deutsche med. 

Wochenschr., 31. Jahrg., Nr. 32.) 

Die Erfahrung, dass hohe Temperatur und künstliche Er¬ 
nährung an dem Aufsteigen der Säuglingssterblichkeitskurve meist 
beteiligt sind, hat Speck dazu geführt, Massnahmen zu suchen, um 
die Temperatur der Milch niedrig zu halten auf dem ganzen Weg 
vom Euter der Kuh bis zum Munde des Kindes. Unter kühl ver¬ 
steht er eine Temperatur von 18—20° C. Nach dem Prinzip der 
bekannten Kochkisten, wo die Eigenwärme durch mehrfache Um¬ 
hüllung des Gefässes mit Isolierschichten erhalten bleibt, konstruiert 
er seine Kühlkiste, die bei Herz und Ehrlich, Breslau, für 2,85 Mk. 
zu beziehen ist. Auf diese Weise ist es nach Specks Versuchen 
im hygienischen Institute der Universität Breslau in Städten mit 
Grundwasserversorgung (Flusswasser ist zu warm) möglich, in ein¬ 
facher und billiger Weise die Säuglingsmilch vor schädlichen Tem¬ 
peratureinflüssen zu bewahren. Spiegel (Solingen). 

Hohlfeld, Über den Umfang der natürlichen Säuglingsernährung. 

(Deutsche med. Wochenschr., 31. Jahrg., Nr. 35.) 

H. gewinnt seine Zahlen aus dem Material der Leipziger 
Univ.-Kinderpoliklinik an 5023 Kindern darunter 1666 Säuglingen. 
Häufigkeit und Dauer der ausschliesslichen Brusternährung, min¬ 
destens 8 Tage, wurde festgestellt. 55,71 °/ 0 der Kinder wurden 
gestillt. H. nimmt eine sechsmonatige Stillzeit als ausreichend an 
für die physiologischen Bedürfnisse, und findet, dass nur 27,51 °/ 0 
diese Bedingung erfüllen und eine genügende Brustnahrung er¬ 
halten. Bei 2000 Nichtgestillten forschte er nach den Gründen, 
nur 46 mal lag er beim Kinde. 425 Mütter hatten angeblich keine 
Nahrung, 325 waren durch Krankheit und 126 schliesslich durch 
ihre soziale Lage gehindert, ihrer Mutterpflicht nachzukommen. 
H. bespricht dann in bekannter Weise, dass von den beiden ersten 
Kategorien, 425 + 325 Mütter umfassend, bei richtiger Behandlung 
und Beratung sicher der weitaus grösste Teil stillfähig gewesen 
wäre. Bei Kategorie HL, meist Uneheliche umfassend, ist das Säug¬ 
lingsheim nach seiner Ansicht der beste Ersatz. Stillkrippen, wo 
den Kindern ihre natürliche Ernährung bliebe, sind sicher noch 
zweckentsprechender. Sp i egel (Solingen). 


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Schidlof, Die Ehe und ihr Einfluss auf Gesundheit und Lebens¬ 
dauer. (Berlin, W. Reuter.) 

Ein lesenswertes, interessantes Buch, welches, wie sich der 
Verf. auch gar nicht verhehlt, bei mancherlei Zustimmung viel 
Widerspruch hervorrufen wird. Eine in physischer und psychischer 
Beziehung so wichtige Einrichtung wie die Ehe bietet selbstverständ¬ 
lich vielfach Veranlassung zu Auseinandersetzungen, ohne dass eine 
endgiltige Lösung der vielerlei Fragen zu erwarten ist. — So klein 
das vorliegende Büchlein auch ist, so schwer ist es, eingehend über 
dasselbe zu referieren, man muss es eben lesen. — Schon die Ein¬ 
leitung lässt eigenartiges erwarten, denn sie schliesst mit den Worten: 
Keine vollkommene Ehe ohne Gesundheit, keine vollkommene Ge¬ 
sundheit ohne Ehe! Ehe im Sinne des Verf. genommen: Geschlechts¬ 
verkehr! Die Kapitel über die Zeit der Ehereife, die Arten der 
Ehe, die Konsanguinität, Rasseninzucht und Rassenkreuzung über¬ 
gehe ich; aus seinen Besprechungen über die Wirkungen der Ehe 
im allgemeinen lässt Verf. aber erkennen, dass er zweifellos seine 
Beobachtungen und Erfahrungen ln Ehen gesammelt hat, die keines¬ 
wegs als mustergültig anzusehen sind und die, Gott sei Dank, doch 
nur eine kleine Minderzahl bilden. Den wichtigsten Teil bietet der 
Abschnitt V: Der Einfluss der Ehe auf einzelne Krankheiten; er 
kann im Referat nicht besprochen werden, ebenso nicht das Ka¬ 
pitel Ehe und Lebensdauer, aus welchem jedoch zweifellos hervor¬ 
geht, dass sie einen günstigen Einfluss auf die Lebensdauer hat. 
Am meisten Widerspruch wird Verf. erfahren in seinem Nachwort: 
Zölibat, Monogamie, Polygamie oder Bigamie; er entscheidet sich 
für die fakultative Bigamie. Sonderbar, höchst sonderbar! Warum 
nicht gleich für Aufhebung der Ehe? Stich (Nürnberg). 

Oaiipp, Über den Selbstmord. 

In der vorliegenden Studie bringt Verf. einen Beitrag zur 
wissenschaftlichen Erforschung des Selbstmordes, insofern derselbe 
als eine soziale Erscheinung mit unserer heutigen Kultur zusammen¬ 
hängt; ausser Betracht lässt er alle Formen altruistischen Selbst¬ 
mordes, wie ihn manche Religionen und jung aufstrebende Völker 
aufweisen. 

Statistisch steht zunächst fest, dass in Europa zurzeit jähr¬ 
lich etwa 60000—70000 Selbstmorde zur Kenntnis der Behörden 
kommen, und dass in fast allen Staaten die Zunahme der Selbst¬ 
morde stärker ist als die Zunahme der Bevölkerung. In Deutsch¬ 
land z. B., wo wir seit 80 Jahren eine brauchbare Selbstmord¬ 
statistik besitzen, hat sich in der Zeit die Bevölkerung etwa ver¬ 
doppelt, während die Zahl der Selbstmorde sich vervierfacht hat. 
Eine Ausnahme von dieser Regel macht Norwegen, wo seit den 


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sechziger Jahren der Selbstmord immer seltener geworden ist; ea 
fällt dies zeitlich zusammen mit dem Beginn der erfolgreichen Be¬ 
kämpfung der Trunksucht, so dass ein Zusammenhang zwischen 
beiden wohl nicht abzustreiten ist. 

Ferner zeigt die Statistik, dass die germanischen Stämme eine 
grössere Neigung zum Selbstmord haben, wie die romanischen, 
keltischen und slavischen. Während in Europa die männlichen. 
Selbstmörder bedeutend überwiegen, ist in Japan und Indien im 
Gegenteil die Zahl der weiblichen grösser. 

Die Statistik zeigt uns auch den Einfluss, den Lebensalter, 
Familienstand, Jahreszeit, Religion und wirtschaftliche Verhältnisse 
auf die Häufigkeit des Selbstmordes ausüben. 

Weniger Aufschluss vermag uns dagegen die seitherige Sta¬ 
tistik über die Ursachen und Motive des Selbstmordes zu geben, 
da nur selten alle Faktoren von der registrierenden Behörde be¬ 
rücksichtigt werden können, schon deshalb, weil die Ursachen meist 
tief verborgen liegen. Unzweifelhaft steht wohl fest, dass der 
Selbstmord in Europa in der Regel eine egoistische Handlung ist, 
d. h. dem Täter erscheint im Moment der Tat sein Leben unerträg¬ 
lich. Oft ist das bedingt durch Geisteskrankheit; Bedeutung kommt 
auch zu der Trunksucht, unheilbaren körperlichen Leiden und 
geistiger Degeneration. Es lässt sich endlich auch nicht bezweifeln, 
„dass eine Abnahme des religiösen Glaubens, vor allem des Glaubens 
an eine Auferstehung der einzelnen Persönlichkeit nach dem Tode 
für das Überhandnehmen des Selbstmordes von Bedeutung ist.“ 

Fuchs (Cöln). 

Zuntz, Neuere Erfahrungen und Gesichtspunkte über den Eiweiss¬ 
bedarf des Menschen. (Fortschlitte der Medizin 1905, Nr. 20.) 

Die Arbeit ist ein gutes zusammenfassendes Referat. Zu¬ 
nächst werden die von Zuntz und seinen Schülern Caspary, Glässner, 
Albu angestellten Versuche, die Eiweisszufuhr unter das Voitsche 
Kostmass herabzusetzen, besprochen; dann werden die wohl nicht 
Jedermann leicht zugängliche, vorzügliche Monographie Chittendens 
(Physiological Economy in Nutrition New-York 1904), sowie die 
Arbeiten Fletschers kritisch besprochen. 

Das Resultat aller Arbeiten ist, dass in der Tat das Voitsche 
Kostmass 18,9 gr N. als notwendiger Bedarf ohne Schaden selbst 
jahrelang auf die Hälfte herabgesetzt werden kann unter voller 
Erhaltung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, dass 
also die Berechtigung einer eiweissarmen Kost in der Krankendiät 
zugestanden werden muss. Matthes (Cöln). 


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275 


Bircher-Benner, Grundzüge der Ern&hrung8therapie auf Grund 
der Energie-Spannung der Nahrung. (Berlin 1906. Sallo.) 

Das von einem Sanatoriumsleiter, also einem Praktiker ge¬ 
schriebene Buch ist in vieler Beziehung lesenswert. Zunächst hat 
Bircher-Benner sowohl die Bungesche Physiologie als auch nament¬ 
lich die Rubnerschen Gesetze des Energieverbrauches augenschein¬ 
lich studiert. Der leitende Gedanke des Buches ist aber der 
Oswaldsche Satz, dass wir von Sonnenenergie leben, und dass für 
die Leistungen unseres Körpers es nicht nur auf die Energiemenge, 
sondern auch auf das Potential dieser Energie ankömmt. 

Die theoretischen Auseinandersetzungen sind flüssig und in¬ 
teressant geschrieben, aber die praktischen Folgerungen! 

Rein aus theoretischen Gründen werden die Nahrungsmittel 
in Akkumulatoren erster, zweiter, dritter Ordnung eingeteilt und 
dieser der Elektrizitätslehre entlehnte Vergleich hinkt wie alle 
Vergleiche. 

Die Akkumulatoren erster Ordnung sind rohe Pflanzen, da 
sie ja die Sonnenenergie im unveränderten höchsten Potential ent¬ 
halten. Es folgt daraus, dass Vegetarismus, und zwar womöglich 
Rohkost die naturgemässe Ernährung für den Menschen sei. 

Das Buch wird, das muss bei aller Anerkennung des ernsten 
wissenschaftlichen Strebens des Verfassers gesagt sein, in den 
Händen von Laien und vielleicht auch von nicht ganz mit der 
einschlägigen Literatur vertrauten Ärzten manche Verwirrung an- 
richten wegen seines weit über das Ziel hinausschiessenden und 
darum kritiklosen Fanatismus einerseits und wegen seiner gewandten 
'über Schwierigkeiten hinweggleitenden Diktion andrerseits. Referent 
möchte deshalb ausdrücklich für Leser, die sich für die Frage der 
wissenschaftlichen Berechtigung des Vegetarismus interessieren, auf 
die vorzügliche Darstellung Magnus Levys in dem soeben er¬ 
schienenen Handbuch der Pathologie des Stoffwechsels v. Noordens 
hin weisen. Matth es (Cöln). 

v. Leyden, Verhütung der Tuberkulose. [Veröffentl. d. deutschen 
Vereins f. Volkshygiene, Heft I.] (München u. Berlin 1904. Oldenbourg.) 

Populärer Vortrag über die Prophylaxe, der alles Wesent¬ 
liche in gut allgemeinverständlicher Form berücksichtigt. 

Matthes (Cöln). 

Schmidt, Über das im Kreise Ottweiler geübte Verfahren der 
Typhusbek&mpfung mittels Aufstellung fliegender Baracken im 
Typhusgebiet. (Klinisches Jahrbuch 1905.) 

Der interessante Bericht ergibt, dass es möglich war unter 
erschwerendsten Umständen (entlegenes kleines Dorf, ohne Eisen- 


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276 


bahn und Wasserleitung, 10° Kälte) zwei moderne Döckersche 
Baracken Plan DW 13 k 12 Betten, die eine binnen 8 Tagen, die 
andere binnen 6 Tagen aufzustellen und in Betrieb zu nehmen* 
Der Plan derselben ist im Original ausführlich beschrieben. Die 
Kosten betrugen 24500 Mk. Die Betriebskosten 5.33 Mk. pro Kopf 
und Pflegetag. Matth es (Cöln). 

Kölle, Ober den Stand der Typhusschutzimpfung auf Grund der 
neuesten Untersuchungen. (Deutsche med. Woch. 1905, Nr. 12.) 

Kritische Besprechung der älteren Verfahren (Wright, Neisser 
und Shiga) und ausführliche Darstellung des Impfverfahrens, das 
bei den für Südwestafrika bestimmten Truppen angewendet wurde* 
Zum kurzen Referat ist der Aufsatz nicht geeignet. 

Matthes (Cöln). 

Dollinger, Die Dauererfolge der operativen Behandlung des Krebses 
in der chirurgischen Universitätsklinik Nr. I in Budapest. (Deut¬ 
sche med. Wochenschr. 1905, Nr. 37.) 

Die grosse Anzahl der Krebskranken, die in zunehmender 
Menge die Hilfe des Chirurgen aufsuchen, macht es zur Pflicht, 
die chirurgisch therapeutischen Massnahmen, die gegen dieses Übel 
zur Verfügung stehen, auf ihre Dauererfolge zu untersuchen. 

Verfasser erläutert zunächst die Art seiner Statistik, dann 
die Gesichtspunkte, nach welchen in seiner Klinik die Operation 
vorgenommen wird. 

Was nun die Dauererfolge derjenigen operierten Krebskranken, 
deren weiteres Schicksal bekannt ist, anbelangt, so ergibt sich, 
dass von den einmal Operierten mindestens 3 Jahre nach der 
Operation 41,33 °/ 0 , von den mehrmals Operierten 32°/ 0 ; mindestens 
5 Jahre nach der Operation von den einmal Operierten 41,93 °/ 0 , 
von den mehrmals Operierten 38,88 °/ 0 rezidivfrei leben. 

Mast bäum (Cöln). 

Goldscheider, Hygiene des Herzens. [Veröffentl. d. deutschen Vereins 
f. Volkshygiene, Heft IX.] (München u. Berlin 1905. Oldenbourg.) 

Eine ausgezeichnete und wirklich populäre Darstellung der 
Funktion des Zirkulationsapparates, der Schädigungen, die auf den¬ 
selben körperlich und psychisch wirken, der Aufgaben endlich, die 
der Prophylaxe in den verschiedenen Lebensaltern zufallen. 

Matthes (Cöln). 

Kuhn, Die Verhütung und operationslose Behandlung des Gallen¬ 
steinleidens. Gemeinverständliche Darstellung. (Heft 10 von „Der 
Arzt als Erzieher*. München 1905. Gmelin.) 

Das 94 Seiten starke Heft ist eine ganz geschickte populäre 


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Darstellung, die namentlich die prophylaktischen Massnahmen aus¬ 
führlich erörtert. Man wird dem über das Korsett, über Leib¬ 
binden, über Sport usw. Gesagten im ganzen zustimmen können, 
ebenso den Auseinandersetzungen über die anatomischen Verhält¬ 
nisse und über die Entstehung der Gallensteine. 

Dagegen gehören Skalen über die Magen- und Gallendes¬ 
infektion nicht in ein populäres Buch und ebensowenig eine breite 
Erörterung der Therapie, die namentlich in der hier gegebenen 
Form bei Laien nur Verwirrung anrichten kann. 

Matthes (Cöln). 


Verzeichnis der bei der Redaktion eingegangenen neuen 

Bücher etc. 

Die Arb eit s lehr ko lo nie: I. Ärztl. Vorwort von Dr. Lagner. II. Besuch 
in der Handarbeitskolonie für schwachbefähigte Knaben in Gräbschen 
bei Breslau von Direktor Dr. Sioli. III. Vorschläge von Dr. Klumker. 
IV. Gutachten von Ingenieur Grohmann, Zürich. Dresden 1906. 0. V. 
Böhmert. 

Berger, Dr. H., Trockene Fussbekleidung für die Kinder in der Schule. 

Charlottenburg 1906. P. J. Müller. Preis 40 Pfg. 

Biedert, Ph., Das Kind, seine geistige und körperliche Pflege bis zur 
Reife. Stuttgart 1906. F. Enke. Lfg. 1/3. Preis k 1,60 Mk. 
Diagnostisch-Therapeutisches Lexikon für praktische Ärzte. Mit 
zahlreichen Abbild. Berlin 1906. Urban & Schwarzenberg. Lfg. 1. 
Preis 1,20 Mk. 

Engel, Dr. H., Die Nierenleiden, ihre Ursachen und Bekämpfung. Ge¬ 
meinverständliche Darstellung. Mit 1 Abbild. München 1906. Verlag 
der ärztlichen Rundschau (Otto Gmelin). Preis 1,40 Mk. 

Esch, Dr., Die Stellungnahme des Arztes zur Naturheiikunde. München 
1906. Verlag der ärztlichen Rundschau (Otto Gmelin) Preis 40 Pfg. 
Fay, R., Mensch, bewege dich! Mit zahlreichen Abbildungen. Leipzig, 
Grethlein & Co. Preis 70 Pfg. 

Fürth, Dr. E., Die rationelle Ernährung in Krankenanstalten und Er¬ 
holungsheimen. Mit 3 lithogr. Tafeln. Wien 1906. F. Deuticke. Preis 
3 Mk. 

Gregerz, Th. v., Bildung und Unterhaltung in Volksheilstätten. Dresden 
1906. O. V. Böhmert. 

Günther, Dr. R. F., Die Zähne des Menschen. Verfall und Erhaltung. 

Mit 3 Tafeln. 76 S. Bonn 1906. M. Hager. Preis 2 Mk. 
Holitscher, Dr., Alkohol und Tuberkulose. Eine Erwiderung. 
Wissenschaftliche Mitteilung aus Bad Kreuznach. Den Ärzten über¬ 
reicht von der städtischen Kur-Kommission. 

Luerssen, Dr. A., Die Cholera, ihre Erkennung und Bekämpfung. Ein 
Erfolg der modernen Naturforschung. Gemeinverständlich dargestellt. 
Berlin, J. Püttmann. Preis 70 Pfg. 


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Murreil, M. D. E. F., Leibesübungen für Kranke und Leidende, heraus¬ 
gegeben von einem deutschen Arzte. Leipzig 1906. Krüger & Co. 
Preis 1,50 Mk. 

Pfaff, Dr. W., Die Alkoholfrage vom ärztlichen Standpunkt. Vortrag ge¬ 
halten am 10. Dez. 1903 im Württ. ärztl. Bezirksverein (Ulm). 2. Aufl* 
München 1906. E. Reinhardt. Preis 1,20 Mk. 

Philippi, Dr. H., Die Lungentuberkulose im Hochgebirge. Die Indika¬ 
tionen und Kontraindikationen desselben sowie die Anwendung des 
alten Kochschen Tuberkulins. Stuttgart 1906. F. Enke. Preis 6 Mk. 
Die Säuglings-Milchküchen der patriotischen Gesellschaft in Ham¬ 
burg. Erster Jahresbericht 1904/5 erstattet von Physikus Dr. Sieveking. 
Hamburg 1906. C. Bovsen. Preis 60 Pfg. 

Schlossmann, Prof. Dr. A., Über die Fürsorge für kranke Säuglinge 
unter besonderer Berücksichtigung des neuen Dresdner Säuglings¬ 
heimes. Mit 12 Taf., 11 Textabb., 5 Kurven. Stuttgart 1906. F. Enke. 
Preis 4 Mk. 

Sommer, Dr. E., Radium und Radioaktivität. Mit 1 Abbild. München 
1906. Verlag der ärztlichen Rundschau (Otto Gmelin). Preis 1,20 Mk. 
Suckow, E., Leitfaden zur Errichtung von Kindermilch-Anstalten. Mit 
besonderer Berücksichtigung kommunaler Anlagen. Praktische Winke, 
Erfahrungen und Erfolge in der Bekämpfung der Säuglingssterblich¬ 
keit. Mit 8 Tafeln. Hannover 1906. M. & H. Schaper. Preis 2 Mk. 
Vogel, Dr. A. v., Drei Kartogramme nebst erklärendem Text zu: „Die 
wehrpflichtige Jugend Bayerns“. München, J.F. Lehmann. Preis 1,50 Mk. 
Mitteilungen über das Wassmuthsehe Inhalationsverfahren. Apparate 
patentiert in den meisten Kulturstaaten. Alfred Wassmuth, Moosach 
b. München. 

Weidert, Dr., Versuche über die Brauchbarkeit verschiedenartigen Ma¬ 
terials zum Aufbau von Tropfkörpern. Mit 1 Abbild. 

Wolff-Eisner, Dr. A., Das Heufieber, sein Wesen und seine Behandlung. 
Mit 10 Kurven u. Abbild., 2 Tabellen. München 1906. J. F. Lehmann, 
Preis 3,60 Mk. 

NB. Die für die Leser des „Centralblattes für allgemeine Gesundheits¬ 
pflege“ interessanten Bücher werden seitens der Redaktion zur Besprechung 
an die Herren Mitarbeiter versandt und Referate darüber, soweit der be¬ 
schränkte Raum dieser Zeitschrift es gestattet, zum Abdruck gebracht. Eine 
Verpflichtung zur Besprechung oder Rücksendung nicht besprochener Werke 
wird in keinem Falle übernommen; es muss in Fällen, wo aus besonderen 
Gründen keine Besprechung erfolgt, die Aufnahme des ausführlichen Titels 
Angabe des Umfanges, Verlegers und Preises an dieser Stelle den Herren 
Einsendern genügen. Dle Verlagshandlung. 


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Für oder wider Pettenkofer? 


Von 

Prof. Kruse in Bonn. 


Im vorigen Jahre war ein halbes Jahrhundert verflossen, seit¬ 
dem Pettenkofer seine „Untersuchungen und Beobachtungen über 
die Verbreitungsart der Cholera“ hat erscheinen lassen. Es war 
eine sehr gründliche Arbeit und zugleich diejenige, durch die 
sich Pettenkofer, der damals noch Professor der medizinischen 
Chemie in München war, zuerst auf dem Gebiete der Hygiene be¬ 
tätigte. Allgemein anerkannt ist die Bedeutung, die Pettenkofers 
weitere Forschungen gehabt haben, die Begründung der Hygiene 
als besondere Wissenschaft verdanken wir ihnen. Die Erinne¬ 
rung daran durch eine Festschrift wachzuhalten, lag nahe genug. 
Weit weniger begreiflich ist es freilich, dass Emmerich und 
Wolter ihre eben erschienene umfangreiche Abhandlung als 
„Jubiläumsschrift zum 50jährigen Gedenken der Begründung der 
lokalistischen Lehre a bezeichnen und darin das Ziel verfolgen, gerade 
diese Lehre, den angreifbarsten Teil der Pettenkofersehen Bestre¬ 
bungen, der unseres Erachtens nur einen historischen Wert hat, ge- 
wissermassen zu neuem Leben zu erwecken. Pietät hat doch in der 
Wissenschaft keine Stätte. Nun würden mich offengestanden diese ver¬ 
geblichen Wiederbelebungsversuche nicht zu einer ausführlichen Ab¬ 
wehr bewogen haben, wenn ich nicht fürchtete, dass sie in manchen, 
vor allem nicht medizinischen Kreisen, die aber mit der öffentlichen 
Gesundheitspflege die engste Berührung haben, bedenkliche Täu¬ 
schungen hervorrufen könnten. Gipfelt doch die lokalistische Theorie 
in den beiden Behauptungen, dass durch Trinkwasser und persönliche 
Übertragung gerade diejenigen Volkskrankheiten, deren Bekämpfung 
die öffentliche Gesundheitspflege von jeher sich angelegen sein 
lässt, nicht verursacht werden können. Das halte ich, um es klipp 
und klar zu sagen, für eine ebenso falsche wie gefährliche Lehre, 
sie führt, wie der Erfolg gezeigt hat, in der Praxis zu sehr 


1) München 1906. J. F. Lehmann. 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 20 


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280 


bedenklichen Erscheinungen. Zur Abwehr fordert auch auf der 
etwa gleichzeitig veröffentlichte Bericht Grahns 1 ): „Die Ge¬ 
richtsverhandlungen über die Gelsenkirchner Typhusepidemie im 
Jahre 1901.“ Die Bemühungen dieses technischen Sachverständigen, 
auch die hygienische Seite der Frage unparteiisch zu behandeln, 
erkenne ich gerne an, aber die Unparteilichkeit darf nicht dazu 
führen, Dinge, die längst festgestellt, als zweifelhaft zu behandeln. 
Hier heisst es, Farbe bekennen. 

Zunächst habe ich einiges einzuwenden gegen die Kampf¬ 
methode, die von Emmerich beliebt wird. Der Ton, den Emme¬ 
rich in seiner Beweisführung, deren ehrliche Begeisterung ich 
selbstverständlich in keiner Weise in Zweifel ziehe, „im Interesse 
der von den Trinkwassertheoretikern mit Füssen getretenen und fast 
ganz erdrosselten Wahrheit“ anzuschlagen für gut befindet, ist 
namentlich für eine wissenschaftliche Schrift entschieden mehr als un¬ 
gewöhnlich und darum schon von anderer Seite, wie wir sagen müssen, 
mit vollem Recht zurückgewiesen worden. Er ist um so weniger 
am Platze, als Emmerich doch keinen Augenblick im Zweifel sein 
konnte, dass er mit seiner Ansicht recht vereinzelt dasteht. Da wäre 
um so mehr Masshalten angebracht. Andernfalls dürfte sich Emme¬ 
rich nicht wundern, wenn man auf der Gegenseite die Geduld ver¬ 
löre, sich mit ihm zu beschäftigen. 

Eine andere Vorbemerkung, die ich zu machen habe, betrifft 
eine harmlosere Angelegenheit, sie richtet sich gegen die neuerdings 
hervortretende, durch die Tatsachen keineswegs gerechtfertigte Nei¬ 
gung, den Gegensatz, gegen die Pettenkofersche Schule in der 
Trinkwasserfrage auch auf eine Schule, die K och sehe, zurückzuführen. 
Auf den Laien, und zu diesen gehören natürlich in unserm Falle sowohl 
die Juristen wie die Techniker, muss das manchmal den Eindruck 
machen, als ob es sich um einen Streit handele, bei der es 
auf beiden Seiten nur auf eine Rechthaberei oder gar auf private 
Zu- und Abneigungen ankomme. Ein ähnlicher Eindruck wird aber 
leider auch bei vielen Ärzten erweckt, die mit der Sachlage durch 
eigene Studien nicht vertraut sind und aus ihrer akademischen 
Vergangenheit wissen, dass man auch in der Medizin nicht gar zu 
selten auf die Worte des Meisters schwört. Man kommt sich dann 
wohl recht unparteisch vor, wenn man schliesst, Autorität stehe 
gegen Autorität, die Wahrheit werde wohl in der Mitte liegen, sei 
zum mindesten noch nicht festgestellt. 

Ebenso unrichtig ist die Bezeichnung der beiden Standpunkte 
als des bakteriologischen und epidemiologischen, womit der Vor¬ 
wurf ausgesprochen wird, dass die „Trinkwassertheoretiker“, die 


1) Journal für Gasbeleuchtung u. Wasserversorgung 1905. 


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281 


Bakteriologen, einseitige Fanatiker seien, die ihren Laboratoriums- 
•erfabrungen zuliebe die „grossen Tatsachen der Epidemiologie“ un¬ 
berücksichtigt lassen. Eigentlich liegt die Sache gerade umgekehrt: 
Die Trinkwasserlehre, deren Ursprung man übrigens kaum an 
-einen bestimmten Namen knüpfen kann, ist viel älter wie die 
Pettenkofersche Theorie, und erst recht älter wie die 
Koch sehe Schule. Sie ist entstanden auf Grund epidemiologischer 
Erfahrungen, die namentlich in England früher gemacht wurden, 
weil es dort länger Wasserleitungen gab, als bei uns. Die grosse 
Mehrzahl der Ärzte hat sich von jeher der Beweiskraft der 
Trinkwassertheorie nicht verschlossen. Koch sowie die meisten 
Bakteriologen machen davon keine Ausnahme, ich selbst, der ich nicht 
zur Kochschen Schule gehöre, ebensowenig. Natürlich gab es 
auch Leute, die die Trinkwasserlehre bekämpften, in erster 
Linie, wie das ja nur menschlich ist, die Interessenten, die Wasser¬ 
lieferanten, aber auch ernste Forscher. Unter diesen war Pettenkof er 
sicher der gewichtigste Gegner, und er hat es in der Tat durch 
seine ebenso geist- wie temperamentvolle und unermüdliche Behandlung 
der Frage dazu gebracht, dass ein grosser Teil der ärztlichen und 
vor allem auch der nichtärztlichen Kreise zur Boden- und Grundwasser¬ 
theorie sich bekannte. Lange hat das, namentlich bei den Fach¬ 
männern aber nicht gedauert, selbst von der engeren Petten¬ 
kof er sehen Schule fiel einer nach dem andern ab, zuletzt noch, 
bezeichnenderweise durch die Beweiskraft der Gelsenkirchener 
Epidemie dazu gezwungen, der Verfasser eines der bekanntesten 
Lehrbücher. Pettenkofer, der bis zuletzt dafür zu kämpfen nicht 
auf hörte, musste den allmählichen Zusammenbruch seiner Lehre mit 
ansehen. Es liegt ein tragisches Verhängnis darin, denn es war6eine 
Lieblingstheorie, diejenige, der er vielleicht den grössten Teil 
seiner Arbeit und Zeit gewidmet hatte. Ein schlechter Trost konnte 
es nur für Pettenkofer sein, dass seine Boden- und Grundwasser- 
theorie in vielen Lehrbüchern, namentlich auch in denen von 
-Nahrungsmittelchemikern und Technikern fortfuhr, eine grosse Rolle 
zu spielen und sogar von solchen Ärzten und hygienischen Fach¬ 
männern, die nicht im mindesten zögerten, die Entstehung des 
Typhus durch Trinkwasser zuzugeben, gewissermassen als Hülfs- 
theorie für diejenigen Fälle festgehalten wurde, die sich mit 
«ler Trinkwassertheorie nicht ohne Zwang erklären Hessen. Ich 
sage, das war ein schwacher Trost, denn gerade darüber hat 
Pettenkofer selbst nicht den mindesten Zweifel gelassen, dass ein 
vermittelnder Standpunkt für ihn unannehmbar sei, dass, weim der 
Ursprung von Typhusepidemien aus dem Trinkwasser bewiesen, seiner 
eignen Lehre der Todesstoss versetzt sei. Auch Emmerich und 
Wolter halten hieran im wesentlichen noch fest. Das scheint 


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28 2 


zwar sehr folgerichtig, stellt aber um so höhere Anforderungen an 
ihre Beweisführung, denn sie müssten, streng genommen, alle in 
der Literatur angeführten Beispiele von Trinkwasser- und Eontakt¬ 
epidemien unter die kritische Lupe nehmen und die Unhaltbar- 
keit des angenommenen Zusammenhanges zwischen Wasser und Ty¬ 
phus, persönlicher Ansteckung und Typhus darlegen. Pettenkofer 
selbst hat sich diese Mühe, wenigstens was den ersten Teil der 
Aufgabe angeht, nicht verdriessen lassen und ist in besonders aus¬ 
führlicher Weise 1874 in dem 10. Bande der Zeitschrift für 
Biologie gegen die Trinkwassertheorie zu Felde gezogen. An 
Scharfsinn hat er es dabei sicher nicht fehlen lassen. 
Ein näheres Eingehen auf diese Erörterungen erscheint aber, wie 
Liebermeister 1 ), ein berühmter Kenner des Typhus sagt, „nicht 
erforderlich: die Tatsachen werden durch Dialektik doch 
nicht geändert, und ob die Unbefangenheit des Urteil^, die 
für eine richtige Würdigung der Tatsachen die notwendige 
Voraussetzung bildet, dadurch gewinne, dürfte mindestens zweifel¬ 
haft sein. u Viel zu leicht macht sich aber Emmerich die Sache, 
und damit komme ich zu einem Hauptyorwurf, der den sachlichen 
Teil seiner Arbeit trifft: er geht so gut wie gar nicht auf die 
der Trink wasserlehre zugrunde liegenden epidemiolo¬ 
gischen Tatsachen ein. Dazu war er aber verpflichtet, wenn seine 
Ehrenrettung der Pettenkoferschen Theorie mehr als einen Scheinerfolg 
— vor Gericht — haben sollte. Der Grund dafür ist freilich leicht 
genug einzusehen: Wenn Pettenkofer noch im Jahre 1874 von 
„jenen seltenen Ausnahmefällen u sprechen konnte, in welchen „Typhus¬ 
epidemien in ihrer örtlichen und zeitlichen Entwicklung, mit örtlich 
und zeitlich begrenztem Trinkwassergenuss, nach meiner Ansicht zu¬ 
fällig, koinzidieren“, so ist die Zahl solcher Beweise für die Trink¬ 
wassertheorie seitdem ganz gewaltig angewachsen. So ganz selten, 
wie Pettenkofer es hinstellt, waren die sicheren Beispiele auch 
seiner Zeit zwar nicht, aber allerdings mussten sie seltener sein, als 
heutzutage, aus dem einfachen Grunde, weil einerseits damals 
der Typhus selbst viel häufiger, ja fast allgemein ver¬ 
breitet, die Wasserleitungen aber viel seltener waren*). 
Die endemische Verbreitung des Typhus machte die Erkennung 
der Epidemie als Wasserepidemie weit schwieriger, das Fehlen der 


1) Abdominaltyphus in Ziemssens Handb. d. spez. Path. u. Ther. 
1876, 2. Bd., S.J62. 

2) Nach unserer Feststellung besassen z. B. die Städte Rheinlands 
und Westfalens vor 1870 nur ausnahmsweise Wasserleitungen, heute sämt¬ 
lich. Vgl.|Eruse und Laspeyres, dies. Centralblatt 1903, 1. Heft, S. 25, 
Karte I. 


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283 


Leitungen liess isolierte Wasser-Epidemien von bemerkenswertem 
Umfang kaum entstehen. 

Es ist nun natürlich hier ganz unmöglich, das gesamte 
Tatsachenmaterial vor dem Leser auszubreiten. Unnötig ist es 
fttr den Fachmann, denn jeder praktisch tätige Hygieniker kennt 
aus eigner Erfahrung eine Reihe von Beispielen und die Zeit¬ 
schriften und Jahresberichte veröffentlichen Jahr aus Jahr ein immer 
neue. In diesem Centralblatt habe ich selbst 1900 1 ) einige Typhus- 
ausbrflche in Wald und Gräfrath beschrieben. Sie waren dadurch 
interessant, dass im ersten Jahr eine Grundwasser-Leitung, die beide 
Orte versorgt, im zweiten eine Quellwasser-Leitung, die Gräfrath 
allein versorgt, verseucht war. Man konnte hier, wo die verschieden 
versorgten Häuser regellos durcheinander lagen, ganz besonders schön 
das Zusammenfallen des „Wasserfeldes“ mit dem „Typhusfeld“ und 
•die gänzliche Unabhängigkeit der Infektion von der Bodenbeschaffen¬ 
heit feststellen. Ein anderes Beispiel, das den Wert eines gelun¬ 
genen Experimentes besitzt, ist von mir in der Gerichtsverhandlung 
in Essen mitgeteilt worden *). Der inzwischen verstorbene Leiter 
der Wasserwerke von Duisburg kam eines Tages zu mir, um mich 
um Rat zu fragen. Sein Grundwasserwerk hätte in den 20 Jahren 
seines Bestehens immer genttgend Wasser geliefert, seit einigen 
Wochen aber den Ansprüchen nicht mehr genttgt. In Ermangelung 
anderer Hülfsquellen habe er ein Rohr zu der benachbarten Ruhr 
gelegt und aus diesem die fehlende Wassermenge ergänzt. Obwohl 
er der Ansicht sei, dass der raschströmende Fluss sich von den in 
seinem Oberlauf empfangenen Verunreinigungen durch Selbst¬ 
reinigung im Sinne Pettenkofers befreit habe, seien ihm doch 
Bedenken gekommen, ob die Massregel, wenn auch nur zeitweise, 
hygienisch zulässig sei. Meine Antwort kann man sich denken. 
Als das Notrohr geschlossen wurde, war das Unglück schon nicht 
mehr aufzuhalten: eine Typhusepidemie von beträchtlicher Aus¬ 
dehnung, die sich plötzlich über die ganze Stadt verbreitete, und 
deren Zusammenhang mit dem Wasser niemand bestritt, bewies 
wieder einmal die Gefährlichkeit der doppelten Pettenkoferschen 
Lehre von der Unschädlichkeit des Trinkwassers und der Wirksamkeit 
der Selbstreinigung. Ich bemerke noch, dass die genannte rheinische 
Stadt weder vorher noch nachher von einer ähnlichen Typhusepidemie 
heimgesucht worden ist. Die Erweiterung der Wasserwerke machte 
bald derartige bedenkliche Notmassregeln auf die Dauer unnötig. Es 
ist aber bekannt, dass in der Essener Gerichtsverhandlung noch andere 


1) Heft 1/2 S. 39. 

2) Auch im Gesundheitswesen des Preussischen Staates für 1900 
erwähnt. 


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284 


ähnliche Vorkommnisse zur Sprache gekommen sind. In manchen 
Fällen ist zwar allerdings ebenso wie für die Gelsenkirchener Epi¬ 
demie — nach meiner Ansicht ohne genügenden Grand — der Zu¬ 
sammenhang zwischen „Stichrohr“ und Typhus in Abrede gestellt, 
in anderen von den eigenen Verwaltungen der Werke erkannt worden. 
Und diese Erkenntnis ist nicht nur sehr wertvoll für 
die Trinkwassertheorie, sondern hat sich auch als sehr 
segensreich erwiesen, denn wo sie einmal befestigt war, 
ist man sofort zu einer Verbesserung der Wasserversor¬ 
gung übergegangen und hat damit auch die Wiederkehr 
ähnlicher Typhusepidemien tatsächlich verhütet. In 
Essen, dass früher durch zahlreiche Epidemien heimgesucht worden 
war, fällt der Typhus seit 1896 plötzlich ab und hat sich nie wie¬ 
der auch nur annähernd auf eine ähnliche Höhe erhoben. Auch 
in Gelsenkirchen bat die Erweiterung der Werke in den der Epi¬ 
demie folgenden Jahren zu einer Erniedrigung der Typhuszahlen 
geführt, die früher dort niemals erreicht war (s. Tabelle weiter 
unten). 

Wer solche Beispiele von Wasserepidemien selbst erlebt hat, dem 
ist die ablehnende Haltung Pettenkof ers und seiner Schüler völlig 
unverständlich; aber auch derjenige, der, wie ich es von Emmerich 
und Wolter annebmen muss, Uber keine eigenen Erfahrungen ver¬ 
fügt, könnte sich durch die anderwärts veröffentlichten Beschrei¬ 
bungen überzeugen lassen. Die durch Quellwasser verursachten 
Typhus-Epidemien hat z. B. A. Gärtner vor kurzem in einem vor¬ 
trefflichen Buche x ) gesammelt. Dort findet der Leser auch eine 
authentische Darstellung über die berühmten Pariser Epide¬ 
mien von 1894 und 1899. Sehr zu bedauern ist es, dass Emme¬ 
rich *) nicht diese, durch die Arbeiten einer amtlichen Kommission 
von Fachleuten — darunter auch „logisch denkenden technischen 
Sachverständigen“ — aufgeklärten Seucheausbreitungen erwähnt, son¬ 
dern nur eine frühere, lange nicht so gut studierte Pariser Epi¬ 
demie. Abgesehen von vielen anderen Beweisen konnte der Zu¬ 
sammenhang dieser neueren Epidemien mit dem Wasser der sog. 
Vanne-Leitung durch den Umstand festgestellt warden, dass die 
Stadt Sens, die ebenfalls durch die Vanne-Leitung, aber 
mehr als 100 km oberhalb von Paris, versorgt wird, beide 
Male genau gleichzeitig vom Typhus betroffen wurde. 
Hätte Pettenkofer, wenn er diese Epidemien gekannt, auch hier wohl 
noch von „zufälliger Koinzidenz“ gesprochen? Um so bedauerlicher 


1) Die Quellen in ihren Beziehungen zum Grundwasser und zum 
Typhus 1902 (auch Klin. Jahrb. 9. Bd.). 

2) S. 246/47. 


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285 


ist die Nichtberücksichtigung dieser Epidemie durch Emmerich, 
als sie ihn auch von der Irrigkeit zweier anderer grundlegender Petten- 
koferscher Lehren überzeugt hätten. Erstens kann es nicht weit 
her sein mit der Bedeutung der „Selbstreinigung“ des Wassers, 
wenn sie nicht genügt, um auf einer mindestens 140 km langen 
Strecke von den Quellen bis Paris die Typhusbazillen unschädlich zu 
machen. Zweitens wird das Dogma von der heilbringenden Wir¬ 
kung starker Regengüsse, die im Verlaufe von Typhusepidemien 
Vorkommen, bündig widerlegt durch die in Paris und Sens gemachte 
Beobachtung, dass einem starken Regenfall hier gerade die 
Hauptsteigerung in der Zahl der Erkrankungen auf dem 
Fusse folgte. Für jeden Unbefangenen liegt allerdings die Er¬ 
klärung dafür klar zutage. Während schon in trockner Zeit die 
Kreidefelsen des Quellengebiets den von der Oberfläche her in 
das Wasser hineingeratenen Typhusbazillen nicht den Durch¬ 
tritt verwehrten, diente der reichlich fliessende Regen dazu, die 
Krankheitserreger in besonders grossen Mengen in das Wasser hin¬ 
einzutreiben und dort die Kreide in die Leitung zu spülen. In dem 
Buche von Gärtner sind ebenfalls erwähnt die bekannten Epide¬ 
mien von Paderborn, die in ähnlicherWeise zu erklären sind, wie 
die in Paris, natürlich aber noch nicht die von Detmold, die ge¬ 
rade kurz vor der letzten Gerichtsverhandlung im Jahre 1904 aus¬ 
brach und, wie es die vom Reichsgesundheitsamte gemachten Ver¬ 
suche sehr wahrscheinlich machen, ebenfalls auf die Durchlässigkeit 
der Felsen der Kreideformation zurückzuführen sind. Sie ist eine 
der schwersten Wasserepidemien l ), die man sich denken kann. 
Binnen der ersten drei Wochen erkrankten allein von den Zivil¬ 
bewohnern 466, d. i. 3*/* °/ 0 der Bevölkerung, und zwar waren die 
Fälle von Anfang an gleichmässig über‘die ganze Stadt verbreitet, 
und betrafen fast nur solche Einwohner, deren Häuser an die 
Wasserleitung angeschlossen waren. Nach Volkhausen kam je ein 
Typhusfall vor auf 2,4 angeschlossene Häuser, aber erst auf 20 nicht 
angeschlossene. Die wenigen (9) Ausnahmen, die überhaupt beob¬ 
achtet wurden, erklären sich höchst wahrscheinlich dadurch, dass 
die betreffenden Personen (Schüler, Arbeiter usf.) Gelegenheit hatten, 
ausser dem Hause Leitungswasser zu gemessen. Ausser dem Trink¬ 
wasser gab es eine andere Krankheitsursache, die die Bewohner 


1) Vgl. Volkhausen, Ztschr. f. Medizinalbeamte 1905, Nr. 17. Beck 
u. Ohlmüller, Arb. d. K. Gesundheitsamtes 24,139/06. Auch Auerbach 
behandelt in dem Journ. für Gesundheitspflege u. Wasserversorgung 1905 
Nr. 40 und 41 die Detmolder Epidemie, aber vom lokalistischen Stand¬ 
punkte aus, und mit den entsprechenden Fehlern in den Schlussfolge¬ 
rungen (s. u.). 


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286 


angeschlossener Häuser sonst etwa gleichmäßig and gleichseitig 
hätte treffen können, hier ebensowenig, wie bei den anderen Wasser¬ 
epidemien, z. B. erfolgte die Milch- und Fleischversorgung aas zahl¬ 
reichen verschiedenen Quellen. Luft and Boden kamen schon des¬ 
wegen nicht in Betracht, weil sie für die angeschlossenen and nicht 
angeschlossenen Häuser die gleichen waren. Es bedurfte also in 
Detmold, wie auch sonst gewöhnlich, keines grossen Scharfsinns and 
bedeutender Gelehrsamkeit, sondern nur des gesunden Menschen¬ 
verstandes, um den Schiass za ziehen, dass das Leitangswasser die 
Ursache des Typhus sei. 

Alle diese massenhaften Erfahrungen darf man natürlich nicht 
ausser Augen lassen, wenn man daran geht, die Gelsenkirchener 
Epidemie za beurteilen. Es handelt sich eben hier nicht um eine 
allein dastehende und daher vielleicht noch zweifelhafte Erscheinung, 
sondern nur um ein neues Beispiel für eine alte Regel. Um so mehr 
bedauerlich ist es m. E. vom Standpunkt der öffentlichen Gesundheits¬ 
pflege, dass der Gerichtshof in unserem Falle so wenig Wert dar¬ 
auf gelegt hat, sich und das grosse Publikum über die Grundlagen der 
Trinkwasserlehre zu unterrichten, obwohl ihm das nahe genug gelegt 
worden ist. Keinesfalls durften aber Emmerich und Wolter über alle 
übrigen Beweise der Trinkwassertheorie so kurzer Hand hinweggehen, 
wie sie es getan haben. Freilich wären wir ihnen schon dankbar ge¬ 
wesen, wenn sie nur die Verhältnisse der Gelsenkirchener Epidemie 
selbst richtig erkannt und dargelegt hätten. Sie sind belehrend genug. 
In einem Gebiet, das etwa 100 Quadratkilometer und eine Bevöl¬ 
kerung von 300000 Seelen umfasst, meist dicht, teilweise aber auch 
dünn bevölkert ist, nicht unerhebliche Höhen- und Bodenunterschiede 
aufweist, zu drei Regierungsbezirken und zahlreichen, teils an¬ 
einander anstossenden, teils voneinander getrennten Gemeinden ge¬ 
hört , entsteht plötzlich und in fast gleichmäßiger Verbreitung eine 
Epidemie, die schon in den ersten 3 Wochen 1200, in den folgen¬ 
den Monaten noch weitere 1800 Opfer forderte. Das erinnerte 
sofort an eine Wasserepidemie. Zuerst stellte sich allerdings ihrer 
Erklärung die Schwierigkeit entgegen, dass das in Frage kommende 
Wasserwerk ausser dem betroffenen Gebiet noch andere daran- 
stossende versorgte, die von der Seuche freigeblieben waren. Bei 
näherer Betrachtung ergab sich aber, dass der verseuchte Bezirk 
sein Wasser von einem besonderen Hochbehälter (Leythe) erhielt, 
der seinerseits durch ein eigenes Druckrohr von der Pumpstation 
aus gespeist wurde, während die nicht betroffenen Ortschaften von 
einem anderen Behälter oder Druckrohr aus ihr Wasser erhielten. 
Kleinere Unregelmässigkeiten in der Peripherie des Bezirks stammten 
daher, dass in diese andere Wasserversorgungen eingriffen. Mit 
einem Schlage war also die Epidemie erklärt, wenn man an- 


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287 


nahm, dass die Typhuskeime der Bevölkerung durch das Wasser 
des Leyther Hochbehälters zugeführt worden waren 1 ). 

Was wendet nun Emmerich gegen diese bändige Beweis- 
ftihrung ein? Er macht es zunächst, so wie es Pettenkofer 
seinerzeit bei den von ihm kritisierten Trinkwasser-Epidemien gemacht 
hat, d. h. er sucht sich aus dem grossen epidemischen Bezirke die¬ 
jenigen Fälle heraus, in denen anscheinend zwischen Erkrankung oder 
Nichterkrankung und Wasserversorgung keine Beziehungen bestehen, 
und schliesst aus der mangelnden Koinzidenz auf die Fehlerhaftig¬ 
keit der Trinkwasserlehre. Nun ist es ja ganz selbstverständlich, 
und um so natürlicher, je grösser der verseuchte Bezirk ist, dass 
derartige scheinbar nicht in das Bild passende Fälle Vorkommen 
mflssen. Es gibt in jeder Bevölkerung eine mehr oder weniger 
grosse Anzahl Personen, die nicht nur in dem Hause, in dem sie 
wohnen, und das vielleicht eine einwandfreie Wasserversorgung hat, 
Wasser trinken, sondern auch an anderen Stellen (Arbeitsstätten, 
Schulen), wo sie unter Umständen verseuchtes Wasser bekommen. 
Wenn man dann genau nachforscht, kann man oft genug die rich¬ 
tige Ansteckungsquelle nachweisen. — So war es auch bei der von 
mir beschriebenen Epidemie in öräfrath. In den ersten 25 Tagen 
wurden daselbst Erkrankungen festgestellt: 

in 133 Häusern mit unverdächt. Wasser 9, d.b. 6,8 auf 100 Häuser, 

in 112 „ „ verseuchtem Quellwasser 65, d. h. 58,0 auf 

100 Häuser. 

Ging man aber jenen 9 Fällen nach, so handelte es sich um 
6 schulpflichtige Kinder, die auf dem Schulwege, beim Spielen usw. 
genügende Gelegenheit fanden, Quellwasser aus den Laufbrunnen 
des Ortes zu trinken. Zweien unter ihnen war es sogar von ihren 
Eltern ausdrttcklich verboten worden, anderes ab Quellwasser zu ge¬ 
messen, aus dem einfachen Grunde, weil ihre Wohnung an eine Lei¬ 
tung angeschlossen war, die im Jahre vorher verseucht gewesen war. 
Die übrigen 3 Fälle betrafen eine Näherin, die in Häusern mit 
Quellwasserleitung gearbeitet hatte, eine Fabrikarbeiterin und einen 
Handlanger. Nur die letzten beiden Fälle, d. h. 2 von 74, blieben 
aus Mangel an Nachrichten unaufgeklärt. In der Gelsenkirchner 
Epidemie kamen in dem peripherischen Bezirke mit vermischter 
Versorgung natürlich genug Erkrankungen in Häusern, die nicht 
von dem Leyther Hochbecken versorgt wurden, vor, aber auch hier 
liess sich auf Grund der unmittelbar an Ort und Stelle angestellten 
Nachforschungen, wie Springfeld und seine Mitarbeiter schrift- 


1) Springfeld, Die Typhusepidemien im Regierungsbezirk Arns¬ 
berg usw. Klin. Jahrb. 10, 1903. 


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lieh und mündlich bezeugt haben, gewöhnlich dennoch ein Zusammen¬ 
hang der Erkrankung mit dem Oelsenkirchner Wasser nachweisen. 

Emmerich hat diese Untersuchungen erst einige Jahre später 
und nur in kleinstem Masstabe nachgeprüft, glaubt aber den- 
noch eine Tatsache gefunden zu haben, die „ein Todesstoss ist für 
die Trink wassertheorie“. Er fand nämlich, dass in den Gemeinden 
Eickel und Holsterhausen von 30 Typhusfällen während der Epidemie 
von 1901 nur 6 auf Häuser mit Gelsenkirchner Leitung und 24 auf 
solche mit Bochumer Leitung oder Brunnen fielen. Angenommen, 
die Zahlen sind richtig, stürzen sie wirklich die Trink wassertheorie? 
Soll man wegen dieser paar Dutzend Fälle, die scheinbar Ausnahmen 
sind, die tausend Fälle, die die Regel darstellen, für nichts achten? 
Lohnt sich da nicht mindestens ein Versuch, die Ausnahmen zu erklären, 
indem man den einzelnen Fällen nachgeht und ihren etwaigen Zu¬ 
sammenhang mit dem verseuchten Wasser aufspürt? Diese zwar 
etwas mühsamen Einzelforschungen wären doch gerade für den Wort¬ 
führer der Pettenkoferschen Schule, die sich ja so sehr viel besser 
als andere auf die Epidemiologie versteht, das Gegebene gewesen. 
Nichts dergleichen hören wir von Emmerich, die paar Zahlen 
genügen ihm. Noch bedenklicher wird die Sache aber, wenn man 
diese Zahlen in der Nähe betrachtet. Wenn sie überhaupt irgend¬ 
wie beweiskräftig sein sollen, müsste die Voraussetzung gerecht¬ 
fertigt sein, dass der grössere Teil der beiden Gemeinden von der 
Gelsenkirchner Leitung versorgt worden wäre. Emmerich ist das 
anscheinend gleichgültig, da er nichts darüber bemerkt. Aber bei 
Springfeld finden wir die Angabe, dass Holsterhausen aus Brunnen, 
Eickel zum grössten Teil vom Bochumer Wasserwerk, zum kleinsten 
Teil aus der Gelsenkirchener Leitung versorgt wurde. Genauere Mit¬ 
teilungen fehlen, aber könnte es nicht sein, das von den 23 400 Ein¬ 
wohnern beider Gemeinden nur 600 an das Gelsenkirchner Werk an¬ 
geschlossen waren? Dann haben wir das Verhältnis von 6:600 
— 1 °/ 0 Erkrankten in den nach unserer Auffassung durch die Leitung 
verseuchten Häusern, das ist angefähr der gewöhnliche Satz, und 
24:23000, d. h. nur etwa 0,1 °/ 0 Erkrankte unter den übrigen Ein¬ 
wohnern, die ihre Erkrankungen von auswärts, z. B. bei der Arbeit 
auf verseuchten Werken bezogen haben könnten. So betrachtet, 
haben die Emmerichschen Zahlen schon nichts Auffallendes mehr. 

Aber nicht genug damit, diese Zahlen bieten uns noch weiteren 
Grund zur Kritik. Emmerich rechnet frischweg zu der Epidemie 
zwei Fälle, die schon im Mai und Juni vorgekommen sind, und, 
ohne sie zu unterscheiden, 17 andere, die erst vom 17. Oktober an 
gemeldet wurden. Dabei berücksichtigt er nicht, dass die Trink¬ 
wassertheorie nicht etwa alle Typhusfälle der Gelsenkirchener Epi¬ 
demie dem Leitungswasser zur Last legt, sondern mit Sicherheit 


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289 


nur diejenigen, die in den ersten 3 Wochen des September und 
mit einer grossen Wahrscheinlichkeit noch einen Teil derjenigen, die- 
bis zur Mitte Oktober entstanden sind. Was nachher kam an In¬ 
fektionen, ist durch Ansteckung von Person zu Person u. dgl., d. h. 
durch Berührung [Kontakt] veranlasst worden (s. u.). Diese ganze 
Unterscheidung ist nun freilich Emmerich und Wolter ein Dorn im 
Auge. Kontaktansteckungen sind ja fttr Pettenkofer Ausnahmen 
oder überhaupt ausgeschlossen. Die grosse Mehrzahl der Arzte denkt 
heute anders; aber wir können es vorläufig getrost unentschieden 
lassen, ob es eine unmittelbare Übertragung von Person zu Person gibt 
oder nicht, so viel ist sicher, dass die Unterscheidung zwischen 
der ersten und der zweiten Hälfte der Wasserepidemien uns- 
aufgedrungen wird durch die Tatsachen. Wenn wir finden, 
dass z. B. in der ersten Hälfte der Gräfrather Epidemie die oben 
angeführten Zahlen gelten, die ein so ungeheures Überwiegen der 
Erkrankungen in den an eine bestimmte Leitung angeschlossenen 
Häusern ergeben, und wenn wir andererseits sehen, dass in der 
zweiten Hälfte 

in 133 Häusern mit unverdächtigem Wasser 24 Pers. d. h. 18 °/ 0 , 
„112 „ „ (vorher) verseuchtem Quellwasser 45 Pers*. 

d. h. 40% 

also nur etwas mehr als doppelt soviel erkranken, so folgt mit 
einer Wahrscheinlichkeit, die auch die mathematischen Gewährs¬ 
männer Pettenkofers und Emmerichs (s. u.) sehr hoch bemessen 
würden, daraus, dass die Ursachen der Infektion in der 
ersten Hälfte der Epidemie mit dem Trinkwasser etwae 
zu tun gehabt haben, in der zweiten Hälfte der Epidemie 
aber andere geworden sind. Das gleiche Verhältnis wieder¬ 
holt sich bei fast allen Typhusepidemien. Man darf also keines¬ 
falls beide Perioden zusammenwerfen, wie es Emmerich und 
Wolter tuen. Es bleiben nach diesem Abzüge von den 30 Fällen 
Emmerichs nur 11 für unsere Streitfrage übrig. Lohnt es sich 
wirklich, von allem anderen abgesehen, auf diese paar Fälle über¬ 
haupt Wert zu legen? Können bei ihrer Entstehung nicht Zufällig¬ 
keiten aller Art eine Rolle gespielt haben? Ich bin meinerseits auf 
diese „Epidemie“ von Eickel und Holsterhausen nur deswegen so aus¬ 
führlich eingegangen, weil sie nach Emmerich der Trinkwasser¬ 
theorie den Garaus machen sollte. M. E. hat sie uns nur gelehrt, 
wie man nicht Epidemiologie treiben soll. 

Auf ähnlich schwachen Füssen stehen die weiteren Beispiele,, 
die Emmerich als mit der Trinkwassertheorie in Widerspruch stehend 
anführt. So legt er, wie Wolter, der die Sache entdeckt bat r 
darauf erhebliches Gewicht, dass die Gemeinde Löchter, obwohl 
nicht an die verdächtige Leitung angeschlossen, eine so hohe Typhus- 


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290 


morbidität (ca. 20 °/ 00 ), wie kaum eine andere der verseuchten Ort¬ 
schaften, gehabt habe. Ein Blick auf die Karte lehrt, dassLöchter 
eigentlich ganz ausserhalb unseres Gebietes liegt, und schon deshalb 
kaum in unsere Epidemie hineinzuziehen ist. Die vermeintliche 
Epidemie in diesem Ort beschränkte sich ferner auf 5 oder 6 F&lle, 
•die wie die Gerichtsverhandlung zeigte, noch dazu erst seit der 
zweiten Hälfte Oktober vorgekommen und nach den Ermittelungen 
der zuständigen Medizinalbeamten wahrscheinlich durch Einschleppung 
von einem ganz anderen Orte her entstanden sind. Die Gemeinde 
Buer, die gleichfalls mit ein paar Fällen angeführt wird, kommt nicht 
in Betracht, weil ihr weitaus grösster Teil nicht von dem Gelsen- 
kirchener (Steeler), sondern von dem Wittener Werk versorgt wor¬ 
den ist. Die quantitativen Verhältnisse werden ebenfalls nicht ge¬ 
nügend berücksichtigt, wenn man, wie es Emmerich und andere 
in den Prozessverhandlungen getan haben, das Freibleiben einzelner 
Bevölkerungsgruppen, z. B. der Arbeiter am Wasserwerk selbst und 
der Insassen des Gelsenkirchener Gefängnisses, gegen den Ursprung 
der Epidemie aus dem Trinkwasser ins Feld führt. Im ersten Falle 
handelt es sich um einige Dutzend Leute, die noch dazu aus ver¬ 
schiedenen Quellen ihr Wasser bezogen haben können, im letzten 
wird die Zahl überhaupt nicht angegeben. Ausserdem ist aber klar, 
dass, wenn in der übrigen Bevölkerung in der ersten Hälfte der 
Epidemie, die sicher auf den Trinkwassergenuss zurückzuführen war, 
nur etwa 1 l 2 °lo erkrankte, auf 200 Gefangene nur ein Fall hätte 
zu kommen brauchen 1 ). 


1) In diesem Zusammenhang sei noch folgendes erwähnt. Die auch 
von Anhängern der Trinkwassertheorie als unerklärt hingestellte Tatsache, 
dass in der Detmolder Epidemie das Dorf Berlebecke, durch das der 
Überschuss der damals verseuchten Quelle floss, von der Seuche frei¬ 
geblieben sei, wird m. E. dadurch verständlich, dass hier überhaupt nur 
10—15 Häuser auf den Bezug von Bachwasser angewiesen waren, und dass 
ferner, wie ich mich mit eigenen Augen überzeugte, der verseuchte 
Quellenabfluss durch den Bach, in den er sich ergiesst, erheblich ver¬ 
dünnt wurde. Auf die desinfizierende Wirkung des Lichtes, die bei der 
kurzen Strecke auch zweifelhaft ist, braucht man gar nicht zurück zugreif en. 
Das Freibleiben der Kinder, die eine am Bache liegende Schule besuchten 
und Bachwasser zu trinken pflegten, erklärt sich schon daraus, dass in der 
kritischen Zeit Ferien waren. Eine Vernachlässigung der quantitativen 
Verhältnisse scheint ebenfalls die Auffassung, die Stadt Herne sei von 
der Bochumer Epidemie des Jahres 1900 nicht betroffen, und daher könne 
üie letztere nicht durch die Leitung verursacht worden sein, ihr Dasein 
zu verdanken. Nach dem Bericht, den Tenholt von dieser Epidemie 
gegeben, und der Sterblichkeitsstatistik fehlte es zu jener Zeit in Herne 
durchaus nicht an Typhuskranken; dass sie nicht so zahlreich waren, wie 
in Bochum und den anderen von der Bochumer Leitung versorgten Ge¬ 
meinden, lag daran, dass nur ein Teil von Herne von dieser Leitung ver- 


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291 


Ein Hauptschlag gegen die Trinkwassertheorie soll es sein,, 
dass die Epidemie durchaus nicht überall zu gleicher Zeit aus- 
gebrochen ist. Gewiss wirkt es zunächst auffällig, wenn wir 
hören, dass in den gleichmässig vom Leyther Hochbehälter ver¬ 
sorgten Bezirken Gelsenkirchen Stadt, Ückendorf, Amt Bismarck 
und Wanne die Epidemie in den ersten Tagen des September oder 
schon in den letzten des August, in der Stadt Wattenscheid und 
den Ämtern Wattenscheid, Schalke, Eickel und der Bürgermeisterei 
Stoppenberg erst 1—l 1 /* Wochen später, in dem Amt Buer erst 
3 Wochen später begonnen habe. Tatsächlich handelte es sich aber 
in der Zeit vom 29. Aug. bis zum 7. Sept. im ganzen nur um 
19 Fälle, erst vom 8. Sept. an kamen in den einzelnen Tagen je 
9, 5, 23, 10, 27, 30, 32, 41, 91, 75 und dann immerfort steigende 
Zahlen zur Beobachtung. Es ist gar nicht ausgemacht, dass die 
ersten Fälle sämtlich zu unserer Epidemie gehörten. Auch in den 
früheren Tagen des August bis zum 24. wurden in Gelsenkirchen,. 
Ückendorf, Bismarck und Wanne Typhusfälle gemeldet. Die Ent¬ 
scheidung darüber, ob die Infektion auf das Leitungswasser oder 
auf andere Ursachen zurückzuführen, ist bei einzelnen Fällen be¬ 
kanntlich oft unmöglich. Ich selbst neige dazu, die Epidemie erst 
vom Ende der ersten Septemberwoche zu datieren, auch deswegen, 
weil ich glaube, dass ein Zusammenhang zwischen dem Platzregen, 
der nach langer Trockenheit am 31. Aug. erfolgte, und dem Aus¬ 
bruch der Seuche besteht. Selbst wenn man aber einen früheren 
Anfang annähme, könnte schon eine geringe Ungleichmässigkeit 
in der Zuverlässigkeit des Meldeweeens einen Teil der Unterschiede 
erklären, bis zum 15. September war die Kontrolle der Meldungen 
durch die Kreizärzte überall sehr lückenhaft. Der Tag der Meldung 
entsprach ferner in dieser ersten Zeit durchaus nicht immer dem dei 
Erkrankung. Dass die Ungleichmässigkeit des Meldewesens bei dem 
verschiedenen Beginne der Epidemie eine Rolle spielte, ist schon mit 
grosser Wahrscheinlichkeit deswegen vorauszusetzen, weil der ver¬ 
seuchte Bezirk sich auf drei Regierungsbezirke verteilt. In dem am 
meisten beteiligten Bezirk Arnsberg waren schon damals strengere 
medizinalpolizeiliche Vorschriften im Gebrauch als in den beiden 
übrigen; daher sind die Meldungen hier wohl durchschnittlich pünkt¬ 
licher eingegangen. Dass besonders in Buer die Meldungen sehr 


sorgt war. Im übrigen erfolgte die Versorgung von Herne bald von 
dem Wittener, bald von dem Bochumer Werk, ein Schieber zwischen bei¬ 
den Wasserleitungssystemen ermöglichte, dass zu Zeiten das letztere ganz 
ausgeschaltet war. Erst eine urkundliche Darstellung des damaligen Zu¬ 
standes der Wasserversorgung, die auch während des Wasserprozesses nicht 
gegeben worden ist, würde die Sache vermutlich völlig aufhellen. 


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verspätet eingingen, folgt aber ohne weiteres daraas, dass sie ganz 
plötzlich mit grossen Zahlen nachgeholt wurden. 

Der viel spätere Beginn der schwachen Epidemie in den Bürger¬ 
meistereien Borbeck und Steele und im Amt Königssteele kann nicht 
überraschen, da sie gar nicht vom Leytber Hochbehälter, sondern 
^om Frillendorfer Behälter oder von den zugehörigen Druckrohren 
versorgt wurden. Wieweit es sich hier überhaupt um eine Wasser- 
Epidemie gehandelt hat, müssen wir um so mehr unentschieden lassen, 
weil hier sicher jüngere und ältere Kontaktinfektionen in Frage 
kommen. 

Über Kleinigkeiten ähnlicher Art Hesse sich noch manches sagen, 
ich halte es aber für überflüssig, mich weiter darauf einzulassen. 
Die genaue Kenntnis aller Einzelheiten, die eine derartige Erörte¬ 
rung fruchtbar machen könnten, haben ja weder Emmerich noch ich, 
noch wegen der gewaltigen Ausdehnung der Epidemie selbst die 
Medizinalbeamten, die die Untersuchungen an Ort und Stelle geführt 
haben. Die Springfeldsche Darstellung und die Aufklärungen, die 
man während der Gerichtsverhandlung erhielt, mussten eben des¬ 
wegen noch vielfach lückenhaft*) bleiben, wenigstens zu lückenhaft, 
um Zweifler wie Emmerich in jedem Punkte widerlegen zu 
können. Die Blütenlese, die ich aus den Einwänden Emmerichs 
gegeben, beweist aber, dass sie da, wo man ihnen nachgehen kann, 
in nichts zerfallen. 

Ein ebenso naheliegendes, wie häufig angewandtes, aber 
dennoch ganz verfehltes Verfahren, um die Glaubwürdigkeit der 
Trinkwasserlehre zu erschüttern, besteht darin, dass man die 
Zweifel, die bezüglich des unmittelbaren Nachweises einer 
Verunreinigung der Wasserquellen mit Typhusbazillen be¬ 
stehen, überträgt auf den davon ganz unabhängigen mittelbaren 
Beweis, dass die Epidemie wegen der Koinzidenz zwischen 
Wasserversorgung und Typhus nicht anders entstanden sein kann, 
als durch das Wasser. Zunächst verlangt man den Nachweis 
der Krankheitserreger im Wasser selbst. Leider ist er vorläufig 
sehr schwer zu führen, weil unsere Untersuchungsmethoden dafür 
nur selten ausreichen. Mehrfach ist er zwar geliefert worden, aber 
aus erklärlichen Gründen erst zu einer Zeit, wo die Wasserquelle 
schon aus anderen Gründen verdächtigt, von der Benutzung aus¬ 
geschlossen und daher nicht mehr imstande war, Krankheit zu er¬ 
regen. Wirklich beweisend wäre der Bazillenbefund nur, wenn er 


1) Vielleicht zu liefern wäre gewesen eine Zusammenstellung über 
die Zahl der Leitungsanschlüsse und sonstigen Wasserversorgungen in jeder 
^Gemeinde. Sie würde uns sicher Aufschluss geben über manche zweifel¬ 
hafte Punkte. 


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noch während des Fortbestandes der Trinkwasserepidemien geliefert 
würde. Das ist aber meist schon ans dem Grunde nicht möglich, 
weil die Verseuchung des Wassers nur eine vorübergehende zu sein 
pflegt, zu dem Zeitpunkt der Untersuchung also nicht mehr besteht, 
da diese im besten Falle in den ersten Wochen nach dem Beginn 
der Epidemie und wegen der langen „Inkubationszeit“, die der Typhus 
zu seiner Entwicklung braucht, 3—4 Wochen nach dem Eintritt der 
Typhu8bazillen in das Wasser vorgenomraen werden kann. 

Auf den Nachweis der Erreger selbst wird man also im all¬ 
gemeinen verzichten müssen. Aber auch ein ziemlich vollgültiger 
Ersatz dafür, der sichere Beweis, dass Abgänge von Typhuskranken 
zur kritischen Zeit vor der Epidemie in das Wasser hineingeraten 
seien, ist der Regel nach nicht zu führen. Man muss sich gewöhn¬ 
lich mit der Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit begnügen, 
dass das geschehen ist. Das liegt in der Natur der Sache, dient 
aber den Gegnern zum willkommenen Anlass, von blossen „Indizien¬ 
beweisen“ zu sprechen. Es wird mit wenigen Ausnahmen immer 
so bleiben, da man voraussichtlich die Typhusbazillen nicht dazu 
bringen wird, selbst ihre Schuld einzugestehen, und die Bakteriologen 
besseres zu tun haben, als die Wässer unserer Leitungen prophy¬ 
laktisch auf Typhusbazillen zu untersuchen. In unserm Gelsen- 
kirchener Falle hat man mehr als eine Möglichkeit der Wasserver¬ 
unreinigung aufgedeckt. Es haben sich aber unerwartete Schwierig¬ 
keiten ergeben, als es hiess, vor dem Gericht eine dieser Möglich¬ 
keiten zur Wahrscheinlichkeit oder Sicherheit zu erheben. Für mich 
zwar, der ich die Verbreitung der „Stichrohre“ an den Wasserwerken 
der Ruhr und ihren Zusammenhang mit Typhusepidemien aus eigner und 
fremder Erfahrung (s. o.) seit einiger Zeit kannte, war es vom ersten 
Augenblicke an, da ich von der Gelsenkirchener Epidemie hörte, 
nicht zweifelhaft, dass nur ein solches die Ursache der Seuche sei. 
Bis diese Auffassung die offizielle Anerkennung erhielt, ging viel Zeit 
verloren, und gar drei Jahre dauerte es, bis sie zur gerichtlichen 
Prüfung gelangte. Dass letztere nicht zu ihren Gunsten ausfiel, ist 
bekannt, macht mich aber nicht an ihr irre. Die Gelegenheit, den 
strengen Beweis zu führen, war eben verpasst. Wer den verwickel¬ 
ten Bau des Brunnen-, Schieber- und Rohrsystems der Gelsenkirchener 
Werke aus den Gerichtsverhandlungen kennen gelernt hat, wird sich 
darüber nicht wundern. Ausser durch das Stichrohr wäre eine 
Verseuchung der Leitung noch denkbar gewesen durch einen Rohr¬ 
bruch, der Mitte August ein Hauptdruckrohr betroffen hatte und 
durch die im Bau begriffenen neuen Filtergalerien auf der linken 
Ruhrseite. Die erste Hypothese verteidigt Springfeld, die zweite 
Gr ahn. Offenbar sind sie nur Notbehelfe, zu denen man seine Zu¬ 
flucht genommen hat, weil man die Stichrohrtheorie durch ge- 


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wisse Zeugenaussagen und technische Ausführungen für widerlegt 
hielt. Ich kann das aus den oben erwähnten Gründen nicht zu¬ 
geben, brauche mich deswegen aber auf keine längere Erörte¬ 
rung einzulassen, da hier nicht, wie in der Gerichtsverhandlung, die 
Schuldfrage zur Entscheidung steht, und die aus dem Verlauf und 
der Verbreitung der Seuche erschlossene Tatsache, dass die Gelsen- 
kirchener Epidemie nur durch das Wasser des Leyther Hochbehälters 
verursacht werden konnte, nicht davon berührt wird, ob eine der 
drei genannten oder eine vierte oder fünfte Möglichkeit 1 ) für das 
Zustandekommen der Wasserverunreinigung zutrifft. Mit anderen 
Worten: Mag die Entscheidung des Gerichts über die Schuldfrage 
also auch auf ein non liquet hinauslaufen, das ändert nichts an dem 
Charakter der Gelsenkirchener Epidemie als Wasserepidemie. Der 
Gerichtshof hat es erklärlicherweise, weil er eben jetzt kein Interesse 
mehr daran hatte, dahingestellt sein lassen, „ob es überhaupt Wasser¬ 
epidemien gibt und ob in diesem kritischen Fall eine Wasserepidemie 
vorliege u . Wie Wolter daraus „eine glänzende Bestätigung des 
Pettenkoferschen Wortes“ herauslesen kann, dass „die epidemiolo¬ 
gischen Tatsachen, genau untersucht, der Trinkwassertheorie stets 
höchst ungünstig sind“, ist mir unverständlich. 

Wir kommen jetzt zu einem Einwande Emmerichs, den wir 
eigentlich von der „epidemiologischen Schule“ nicht erwarten 
sollten. Die gerade zuerst oder vielmehr ausschliesslich durch 
epidemiologische Beobachtungen festgelegte Trinkwasserlehre soll 
dadurch widerlegt werden, dass die Typhusbazillen sich nicht 
genügend lange im Wasser halten und in derjenigen Menge, in 
der sie im Wasser Vorkommen, überhaupt nicht fähig seien, eine 
Ansteckung zu vermitteln. Damit begibt sich unser Gegner selbst 
auf das Gebiet der so verschrienen „reinen Bakteriologie“, freilich 
ohne den geringsten Erfolg! Bakteriologisch vielfach festgestellt ist 
nur, dass Typhusbazillen im Wasser keinen ihnen besonders zusagen¬ 
den Nährboden finden und deshalb gewöhnlich ohne sich zu vermehren 
früher oder später daraus verschwinden. Auf das Früher oder 
Später ist aber der Hauptwert zu legen. Bald sind es Tage, bald 
Wochen und selbst Monate. So kann es denn nicht wundernehmen, 
dass in neuester Zeit wiederholt Typhusbazillen aus verschiedenen 


1) Wie verschlungen die Wege der Wasserinfektionen manchmal 
sind, lehrt uns z. B. die Arbeit von P rief er (Zeitschi Hyg. 46), In Saar¬ 
brücken wurde 1902 von zwei Kasernen, die die gleiohe Wasserleitung 
hatten, nur die eine von Typhus betroffen. Es zeigte sich, dass dort wegen 
eigentümlicher Druckschwankungen in der Leitung ein gebrochenes 
Wasserrohr Unrat in das Kohrsystem eingesogen hatte. Wie oft mag eine 
ähnliche Erklärung sich finden in andern Fällen, wo auf den ersten Blick 
ein Zusammenhang zwischen Typhus und Wasser unmöglich erscheint! 


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Wässern gezüchtet worden sind 1 ). Wieviel Bazillen nötig sind, um 
Menschen erkranken zu lassen, wissen wir nicht, ziffernmässige An« 
gaben darüber zn machen, ist ganz unmöglich, da experimentelle 
Feststellungen darüber erklärlicherweise nicht vorliegen, es genügen 
aber nach allen Erfahrungen, die wir über Ansteckung von Person 
zu Person machen, wohl recht wenige, Spuren, von denen der Laie 
sich kaum eine Vorstellung machen kann. Dennoch ist es nicht 
nur möglich, sondern wahrscheinlich, dass von der Anzahl der vom 
Menschen genossenen Bazillen der Erfolg der Infektion bis zu 
einem gewissen Grade abhängt, dass also nicht unter allen Umständen 
ein einziger Bazillus genügt, um die Krankheit hervorzubringen. 

Anstatt dass Emmerich nun die in der Literatur leicht aufzu¬ 
findenden Beobachtungen, die die Widerstandsfähigkeit der Typhus¬ 
bazillen beweisen, erwähnt, bringt er selber Versuche bei, die schon 
wegen ihrer geringen Zahl und ihrer Anordnung nicht allgemein gül¬ 
tig sind, aus denen er aber doch folgende verblüffende Schlüsse zieht. 

„Selbst wenn alle 2 Sekunden 1 Typhusstuhl in den Eibergbach 2 ) 
gelangt, oder in 24 Stunden ca. 25000 Typhusstühle, so werden 
doch alle darin enthaltenen Typhusbazillen vernichtet, bevor das 
infizierte Wasser ans Stichrohr in der Ruhr gelangt. Voll Bewunde¬ 
rung sehen wir hier staunend, welch grossartige Wirkungen die 
Natur durch den Kampf ums Dasein zum Wohle der Menschen 
erzielt.“ 

Und wer wirkt, fragen wir, dieses Wunder? Emmerich 
antwortet: die Flagellaten und andere mikroskopische Tierchen, die 
die Gewässer in zahllosen Mengen bevölkern und alle etwa hinein¬ 
geratenen Typhusbazillen fressen sollen. Versuche mit Münchener 
Mangfallwasser, das „stehen gelassen wurde, bis es keim¬ 
freiwar“, werden dafür angeführt, ausserdem solche mit Ruhr- und 
Eibergbachwasser, die ergaben, dass je 1 cm dieser Wässer 200 bis 
300000 Typhusbazillen in der Stunde abtöteten. 


1) So z. B. aus dem Wasser der Detmolder Leitung, allerdings erst 
einige Monate nach der Epidemie. Man hat auch aus dieser Tatsache den 
Trinkwassertheoretikern einen Strick drehen wollen, insofern als ja die 
Gegenwart der Bazillen im Wasser offenbar nicht genügt habe, um Er¬ 
krankungen hervorzurufen. Für mich beweist diese Beobachtung nur wie¬ 
der, dass es Dinge gibt, die wir noch nicht völlig durchschauen. 
Die Unschädlichkeit der Bazillen kann in verschiedenen Umständen ge¬ 
legen haben, erstens an fehlender „Virulenz* für den Menschen — wir sehen 
im Laboratorium sehr häufig solchen Virulenzverlust eintreten —, zweitens 
an zu grosser Verdünnung im Wasser, drittens an mangelnder Empfäng¬ 
lichkeit der Bevölkerung, die ja zu 7°/ 0 durchseucht war, für die in der 
Leitung kreisenden wenigen und vielleicht noch wenig virulenten Bazillen. 

2) Der oberhalb des Stichrobres einmündende aller Wahrscheinlich¬ 
keit nach mit Typhusbakterien verunreinigter Bach. 

Oentralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jabrg. 21 


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Ich muss sagen, ich beneide Herrn Emmerich nm seinen 
Optimismus. Sollte er wirklich sicher sein, dass es in der Natur 
immer so sein wird, wie die paar Reagensglas-Versuche besagen? 
Wo sollen denn die Flagellaten, die man doch nur mit Mühe und Not 
in wenigen Exemplaren in frischem Fluss- nnd Brunnenwasser zu 
finden pflegt, gerade in der Ruhr in so grosser Menge herkomtnen? 
Warum fressen sie nicht auch die anderen Bakterien, die sich so 
massenhaft im Ruhrwasser herumtummeln? Warum hat überhaupt 
die Selbstreinigung der schnellfliessenden Ströme nur so geringe Bedeu¬ 
tung, dass man 40 Kilometer unterhalb Köln noch ungefähr die 
gleiche Bakterienzahl trifft, wie 10 Kilometer unterhalb? 1 ) Wie 
kommt es dann, dass die Stadt Sens, die 100 Kilometer von Paris 
entfernt liegt, gleichzeitig mit Paris durch die Wasserleitung ihren 
Typhus bekommt? 

Doch Emmerich hat selbst den Verdacht, dass er vielleicht 
zu weit gegangen in seiner Annahme von der erfolgreichen Tätig¬ 
keit der Wassertierchen. Es könnten ihnen doch einige Typhuskeime 
entrinnen. Um nun zu beweisen, dass diese wenigen Keime dem 
Menschen nicht schädlich sein könnten, greift er zurück auf ältere 
Versuche von Schönwerth, die ergeben, dass selbst grosse Mengen 
von Keimen im Wasser genossen keinen Schaden stiften. Leider! 
gelten nur die Versuche für die Cholera, und zwar nicht die der 
Menschen, sondern der Hühner! Dass übrigens auch diese 
Krankheit entgegen den S ch önwerthsehen Ergebnissen durch Wasser 
übertragen werden kann, hat ein einwandfreier Versuch Kitts 
gelehrt. Was sollen uns aber überhaupt solche zweifelhaften Ana¬ 
logien? von der sonst in ihrer Verbreitung und sogar in ihrem 
Erreger dem Typhus recht ähnlichen menschlichen Krankheit, der 
Ruhr, weiss man 2 ), dass sie höchstens ausnahmsweise durch das 
Trinkwasser übertragen wird. Warum wählt nun Emmerich dieses 
Beispiel nicht, das doch so schön sich seiner Auffassung von der 
Unschädlichkeit der Wasserinfektion anzupassen scheint? Aus dem 
einfachen aber nur für uns erfreulichen Grunde, weil die grossen 
Ruhr-Epidemien einen so gänzlich anderen Charakter 
tragen, als die Typhus-Epidemien, die wir auf das Trink¬ 
wasser zurtickführen. Gerade der rheinisch-westfälische In¬ 
dustriebezirk, wo seit Jahrzehnten beide Seuchen nebeneinander 
Vorkommen, zeigt das sehr schön. Oft genug hat Gelsenkirchen 
selbst und seine Umgebung neben der Ruhr schwer leiden müssen* 
aber niemals konnte ein Mensch auf den Verdacht kommen, dass 


1) Vgl. Kruse, dieses Centralbl. 1899 S. 29. 

2) Vgl. Kruse, dieses Centralbl. 1900 S. 217 und Vierteljährsschr. 
f. öff. Gesundheitspflege 1905 S. 22. 


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sie durch das Trinkwasser verursacht werde, weil Wasserleitüngs- 
und Seuchengebiet nicht im entferntesten überein¬ 
stimmten. Emmerich selbst erwähnt an einer anderen Stelle, 
auf die wir gleich zurückkommen werden, die Analogie zwischen 
Typhus und Ruhr, spricht aber nicht von diesem grundlegenden 
Unterschied, der aüf das bestimmteste beweist, dass bei der Ent¬ 
stehung der Typhusepidemien ein Faktor eine Rolle spielt, 
der nichts zu sagen hat bei der Ruhr — kein anderer 
als eben das Trinkwasser, 

Wenn mit den direkten Einwänden Emmerichs gegen die 
Trinkwasser-Theorie kein Staat zu machen ist, wie steht es mit 
dem indirekten Beweis, den er daraus ableitet, dass die Typhus¬ 
epidemien sich auf andere Weise, nämlich durch die Pettenkofer¬ 
sehe Grundwasser- oder Boden- oder lokalistische Theorie, viel 
besser, ja allein einwandfrei erklären lassen sollen? Dieser, sagen 
wir positive Beweisführung widmen Emmerich und Wolter bei 
weitem den grössten Teil ihrer Ausführungen. Glücklicherweise kann 
ich kürzer sein. 

Zunächst besteht darüber kein Zweifel, dass Typhusepidemien 
auch auf anderem Wege entstehen, als durch Genuss von Wasser, 
z. B. durch Nahrungsmittel (Milch u. a.), aber auch durch direkte 
oder indirekte Berührung (Kontakt). Man hat das in weiteren 
Kreisen längere Zeit unterschätzt, war es ja doch so bequem, das 
Wasser ganz im allgemeinen anzuschuldigen, man hatte dann bloss den 
Brunnen zu schliessen, und die Pflicht schien getan. Pettenkofer 
hat mit Recht diese oberflächliche Art der epidemiologischen For¬ 
schung kritisiert, aber auch andere sind nicht blind dagegen ge¬ 
wesen. Z. B. ich selbst habe darauf stets in meinen Kursen hin¬ 
gewiesen und 1901 bei Gelegenheit einer Reise, die ich im Auftrag 
des Medizinalministers in die vom Typhus verseuchten Regierungs¬ 
bezirke Trier und Aachen gemacht, gegenüber der offiziellen Auf¬ 
fassung energisch betont, dass hier in der Mehrzahl der Fälle dem 
Trinkwasser und der Milch keine Rolle zufiele, sondern der Über¬ 
tragung von Person zu Person, und von Haus zu Haus. Später ist 
dieselbe Ansicht über den Typhus an unseren westlichen Grenzen durch 
R. Koch so populär geworden, dass manche Leute schon wieder 
in den entgegengesetzten Fehler verfallen und behaupten, die Trink¬ 
wassertheorie wäre ins Wanken geraten. 

Im einzelnen ist natürlich festzustellen, wieweit die ge¬ 
nannten Ursachen bei jeder Epidemie zur Wirkung gelangen. 
Fast gewöhnlich' verbinden sich verschiedene Einflüsse mitein¬ 
ander, so sahen wir schon, dass am Schlüsse einer Wasser¬ 
epidemie sehr häufig eine Kontaktepidemie erscheint. Im rheinisch- 1 
westfälischen Industriebezirk sind die letzteren wegen der dichteren 


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und wechselnden Bevölkerung und ungflnstigen Abwasserverhältnisse- 
besonders zu furchten. Dass sie auch ohne Anschluss an Wasser¬ 
epidemien Vorkommen können, ist gar nicht zu bezweifeln, breiten 
sich doch auch die Ruhrepidemien hier in ganz ähnlicher Weise aus;, 
indessen wissen wir, dass wenigstens die in den letzten Jahren be¬ 
kannt gewordenen grossen Typhusepidemien ursprünglich durch 
Wassergenuss entstanden sind. Nur im oberschlesischen Industrie¬ 
bezirke, wo die Zustände sonst ähnlich liegen, ist im Jahre 1900 
unter einer Bevölkerung von 65 000 Menschen im Kreise Beu- 
then eine Epidemie von 927 Fällen beobachtet worden, die aller 
Wahrscheinlichkeit nach nicht oder nur nebensächlich auf das 
Wasser, vielmehr in erster Linie auf Kontakt zurUckgefflhrt werden 
kann 1 ). 

Über die älteren Epidemien sind unsere Nachrichten nicht so- 
vollständig. Die in Essen sind allerdings zugegebenennassen, die 
in Gelsenkirchen und Bochum sehr wahrscheinlich durch das 
Wasser verursacht worden. Aber auch bei den Übrigen Städten,, 
die von der Ruhr her versorgt werden, wird man den Verdacht 
nicht los, dass hier Stichrohre und ähnliche Einrichtungen, die dem 
periodischen Wassermangel abhelfen sollten, fUr die Verbreitung des 
Typhus eher verantwortlich zu machen sind, als der Kontakt. 
Dichte Bevölkerung und schlechte Abwasserverhältnisse, die eine 
solche begünstigen, haben ja alle unsere grösseren Städte früher ge¬ 
habt und doch war in ihnen der Typhus sehr ungleich verbreitet. 
Die Unterschiede beziehen sich vielmehr auf die Wasserversorgung. 
So ist es doch wohl kein Zufall, dass die vom Rhein her ver¬ 
sorgten Städte Köln, Düsseldorf und Elberfeld in der fol¬ 
genden Tabelle die günstigsten, und zwar beständig abnehmende 
Zahlen zeigen. Der Überfluss an Wasser, den ihnen ihre im Rhein¬ 
tal gelegenen Brunnen liefern, macht Stichrohre überflüssig. Vor 
der Einrichtung der Wasserleitungen, die in die 70 er Jahre fällt,, 
hatten auch sie hohe Typhussterblichkeit, so z. B. Elberfeld 1871—75 
8,4 °/ooo «nd 1876—80 5,1 (s. Tab. S. 299). 

Bei den übrigen Städten der Tabelle, die von der Ruhr her 
versorgt werden, kommt es natürlich darauf an, ob sie ein Stich¬ 
rohr gehabt, wie oft sie es gebraucht haben, und inwieweit das 
von ihnen benutzte rohe Ruhrwasser Verunreinigungen mit Typhus¬ 
bazillen ausgesetzt war. Die Geschichte dieser Verhältnisse könnte 
uns über den Zusammenhang zwischen dem Typhus in diesen 
Städten und ihrem Trinkwasser unterrichten, wird freilich aus 
erklärlichen Gründen niemals geschrieben werden. Für mich ist 
aber der plötzliche Abfall der Typhuszahl in Essen nach 1895 


1) Nötel, Zeitschr. Hygiene 47. 211 (1904). 


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Cs starben an Typhus auf je 10000 Einwohner *). 

Köln Düsseldorf Elberfeld Barmen Dortmund Hagen Witten Bochum Gelsenkirchen Essen Mttlheim Duisburg 


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1) Die Z&hlen für die einzelnen Jahre von 1881—1898 findet man in dies. Centralbl. 1900 S. 182. 



— 300 — 

und in Gelsenkirchen nach 1901 so überzeugend, dass ich vorläufig- 
d. h. bis znm Beweis des Gegenteils auch in den übrigen Fällen an¬ 
nehme, dass hier den Hauptanteil an der Typhussterblich¬ 
keit nicht der Kontakt, sondern die Wasserversorgung hatte. 

In anderen grossen Städten bat man Ähnliches beobachtet, so 
sank die Typhussterblichkeit in Hamburg seit der Einführung der 
Filter im Jahre 1893 unmittelbar auf 1,0—0,5°/ oco , während vor¬ 
dem niemals diese Zahlen auch nur annähernd erreicht worden 
waren. Andere Einflüsse, als die Wasserverbesserung waren aus¬ 
geschlossen *). 

Ebenso fielen in Wien nach Weyl*) die Typhuszahlen, die 
1871—73 noch 12,4 betragen hatten, nach Einführung der Hoch¬ 
quellenleitung im Jahre 1873, auf 3,3 im Jahre 1874—83. In Berlin 
hätte man nach demselben Autor eine solche Beziehung zwischen 
Typhus und Wasser nicht anzunehmen, da die Wasserleitung schon 
1855 eingeführt war und trotzdem bis 1876 hohe Typhussterblicb- 
keit bestand. Während noch 6,3 °/ 000 bi» dahin die niedrigste Zahl 
gewesen war, ging sie 1877 auf 2,1 herunter und hielt sich jahre¬ 
lang auf dieser geringen Höhe, um nach einer vorübergehenden 
Steigerung (3,0—3,6 in 1881—83) noch weiter und nach 1894 bis 
auf O,5 0 / 000 und weniger zu sinken. Weyl sieht als Ursache der 
Abnahme des Typhus die Durchführung der Kanalisation an. Aber 
diese erfolgte doch, wie die von Weyl mitgeteilten Zahlen der 
Hausanschlüsse beweisen, sehr langsam, während der Typhus plötz¬ 
lich sich verminderte. Ich glaube, die wahre Ursache mit Sicher¬ 
heit darin gefunden zu haben, dass die Wasserleitung, die 1873 nur 
die Hälfte aller Einwohner versorgt hatte, mit Übernahme der Werke 
in den städtischen Betrieb (1874) und Ausführung der Neuanlage (1877) 
wie mit einem Schlage dem grössten Teil der Berliner die Wohl¬ 
taten der zentralen Wasserversorgung zuteil werden liess*). Mit 
1894 erfolgte die letzte Abminderung der Typhussterblichkeit, offen¬ 
bar ganz wesentlich unter dem Einfluss der Filterverbesserung 1 2 3 4 ). 

In München sind die Verhältnisse leider viel undurchsichtiger. 
Auch hier sanken die Typhuszahlen recht plötzlich, denn sie betrugen. 

1871-75 15 <7*0 

1876—80 8 „ 

1881—85 2 „ 

1886—90 1 „ 

_ 1891-1900 0,5 °/ 0 oo. 

1) Vgl.Reineke, The epidemiology of enteric fever and cholera in 
Hamburg. Transact. of the epidemiolog. society in London. 23. Bd. 1904. 

2) Vgl. Th. Weyl im 4. Suppl. des Handb. der Hygiene S. 25 (04). 

3) Vgl. „die Anstalten der Stadt Berlin“. Festschrift für die 59. Ver^ 
samml. der Naturf. u. Äjrzte 1886. S. 241 ff. 

4) Kruse dies. Centralbl. 1900 S. 140. 


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301 


Der Hauptabfall fand statt zwischen 1880 mit 6,4°/ooo und 
1881 mit 2 J ,8°I 000 . Die Mangfall-Quellenleitung wurde erst 1883 
eröffnet, sie konnte also die Ursache der Verbesserung nicht sein. 
Die Kanalisation war schon in den 60 er Jahren begonnen worden, 
gerade in der kritischen Zeit zum Stillstand gekommen und erst 
später wieder in Fluss geraten, bat also auch nicht das massgebende 
Verdienst. In ihrer Not, eine Erklärung zu finden, hat dann die 
Pettenkofersche Schule die Einführung des Schlachthaus¬ 
zwangs als die eigentliche Ursache herausgegriffen. Leider er¬ 
folgte sie aber schon 1878 und hat in allen sonstigen Städten 
(Berlin 1883) diesen gewaltigen Einfluss nicht gehabt 1 2 ). Theoretisch 
zu erklären wäre er auch in keiner Weise, denn eine Verminderung 
der Gelegenheit zu Kontakten wird doch ebensowenig dadurch 
bewirkt, wie eine Verbesserung der Wasserversorgung, und die 
von Pettenkofer angezogene Verschmutzung des Bodens durch die 
Schlachtabfälle könnte sich doch höchstens an den verhältnismässig 
wenigen Stellen, wo die Schlächtereien lagen, geäussert haben. Ich 
bin der Ansicht, dass wir auch in München den Zusammenhang des 
Wassers mit dem Typhus darlegen könnten, wenn wir das nötige 
Material über die Wasserversorgung der Stadt in den kritischen 
Jahren zur Verfügung hätten. Dass schon die Einführung der 
Mangfallquellen recht reichlicbe Mengen von Wasser in mehr oder 
weniger einwandfreien Leitungen an Stelle der früher gebrauchten, oft 
sehr zweifelhaften Brunnenwässer der Bevölkerung zugeführt wurden, 
ist sicher*). Man müsste nur die Anzahl der Leitungsanschlüsse in 
den einzelnen Jahren und die Beschaffenheit der Leitungen kennen. 
Im übrigen soll die Mitwirkung anderer Ursachen, vor allem der 
Kontaktinfektion bei der Entstehung des Typhus in München wie in 
anderen Städten keineswegs geleugnet werden. 

Könnte nun die Pettenkofersche Schule nicht zufrieden sein 
mit diesem Zugeständnis, das ihr nicht etwa erst jetzt, sondern seit 
jeher die Trinkwassertheoretiker machen? Keineswegs, für sie ist 
die Übertragung durch Kontakt beim Typhus ebenso unmöglich, 
wie die durch Trinkwasser! Auch in dieser Beziehung setzen sich 
die Pettenkoferianer in den strengsten Gegensatz zu der am meisten 
unter den Ärzten verbreiteten Auffassung. Fast jeder Arzt gibt die 
Kontaktansteckung heutzutage zu, sowohl bei Typhus, wie bei 
Gholera und Ruhr. Wenn Emmerich die Gelegenheit seines 
Aufenthalts in Gelsenkirchen wahrgenommen hätte, um die dor- 


1) Vgl. die Angaben in der Tabelle auf S. 299. 

2) Nach der Festschrift zur 27. Versammlung des deutsch. Vereins 
f. öffentl. Gesundheitspflege 1902 S. 79 konnten Ende der 70er Jahre die 
Leitungen etwa 30000 cbm täglich liefern. 


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302 


tigen Kollegen Ober ihre Ansicht betreffend den Typhus and 
die Ruhr za fragen, so hätte er das erfahren können. Bei 
der Ruhr kennt man ja überhaupt kaum eine andere Art der In¬ 
fektion. Unter Kontakt verstehen wir hier, wohl bemerkt, nicht 
bloss die unmittelbare Ansteckung von Person zu Person, z. B. durch 
Berührung, sondern auch die mittelbare, durch beschmutzte Kleider, 
Wäsche, Geschirre, Fussbodenschmutz, Aborte, offene Abwasser¬ 
rinnen usw. Wir sind der Überzeugung, dass besonders die Kinder, 
denen ja die Reinlichkeit erst anerzogen werden muss, und die 
auf den Höfen, in den Strassen und Schulen untereinander leicht 
in engere Berührung kommen, besonders häufig die Übertragung 
vermitteln, dass schmutzige Gewohnheiten, dunkle, feuchte, dicht¬ 
bevölkerte Wohnungen, schlechte Abwasserverhältnisse sie begünstigen, 
Die Eigenschaften der drei Krankheitserreger, die wir aus dem 
Laboratorium kennen, lassen es uns wohl verständlich erscheinen, 
dass sie in der genannten Weise übertragen werden, sie halten sich 
Stunden, Tage, unter Umständen auch länger ausserhalb der Kranken 
am Leben, wenn sie nur vor dem vollständigen Eintrockneu und starker 
Belichtung bewahrt sind. Diese beiden Einflüsse vertragen sie sehr 
schlecht. Es ist das nicht unwichtig, denn daraus müssen wir den 
Schluss ziehen, dass eine Übertragung von Typhus, Ruhr 
und Cholera durch die Luft, durch Einatmen von Staub 
unmöglich ist. 

Bisher nicht nachgewiesen ist ferner die Vermehrung 
der Erreger des Typhus und der Ruhr in der Aussenwelt. 
Nur vom Cholerabazillus wissen wir, dass er z. B. auf feuchten, mit Kot 
befleckten Wäschestücken vorübergehend zum üppigen Wachstum 
gelangen kann. Im allgemeinen sind die Bedingungen zur Ver¬ 
mehrung für alle diese Bakterien in der Aussenwelt wohl nur aus¬ 
nahmsweise gegeben, da sie dem Wettbewerb der gewöhnlichen 
Fäulniskeime (Saprophyten) gar zu leicht erliegen. Ob ein solches 
„ektogenes“ Wachstum unserer Parasiten jemals von Bedeutung ist 
für die natürliche Entstehung der Seuchen, ist daher sehr zweifelhaft. 
Das genauere Studium der Einzelfälle des Typhus, wie es z. B. in 
den endemischen Typhusbezirken an unseren westlichen Grenzen 
seit einigen Jahren betrieben wird, hat auch gerade für diese 
Krankheit den Beweis geliefert, dass der wesentliche Faktor 
für ihre Verbreitung der kranke Mensch selbst, oder derjenige 
Mensch ist, der wie ein Kranker Typhusbazillen ausscheidet. Dass 
es solche Personen gibt, die sog. Bazillenträger, ist eine wichtige 
neue Errungenschaft dieser Typhus-Studien. Auch bei der Ruhr 
kommen solche Bazillenträger, wie ich neuerdings gefunden habe, 
vor. Diese Tatsache scheint uns manche Fälle erklären zu können, 
die bisher in ihrem Ursprung zweifelhaft waren, weil sie nicht auf 


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303 


Berührung mit einem Kranken oder seiner Umgebung zurttck- 
zuffihren waren. 

Für Pettenkof er, Emmerieh und Wolter gelten alle diese 
Sätze nicht, sie verfechten vielmehr den einzigen, dessen allgemeine Be¬ 
rechtigung wir haben bezweifeln mflssen, nämlich die Behauptung, 
dass der Keim des Typhus wie der Ruhr und der Cholera sich in 
der Aussenwelt vermehre. Nun liesse sich ja darüber, wie über jede 
andere Hypothese reden, da die Unmöglichkeit dieser Annahme 
nicht bewiesen werden kann, das schlimme ist aber, dass Petten¬ 
kof er seinen Lehrsatz als eine alle anderen Möglichkeiten aus- 
schliessende Regel hinBtellt, dass er mit anderen Worten behauptet, 
die genannten Krankheitserreger werden nur dann 
infektionsfähig, wenn sie vorher in der Aussenwelt ge¬ 
wachsen, gewissermassen einen Reifungsprozess durch¬ 
gemacht haben. Als Ort dieses Reifungsprozesses sieht Petten- 
kofer den Boden an, der bestimmte Eigenschaften besitzt, nämlich 
Durchlässigkeit, eine gewisse Feuchtigkeit und starke 
Verschmutzung durch organische Abfallstoffe. Die richtige 
Feuchtigkeit solle bei der nötigen Durchlässigkeit des Bodens in 
der Jahreszeit erreicht werden, in der die Niederschläge ab¬ 
nehmen, und das ßrundwasser sinke, also die oberen 
Bodenschichten verhältnismässig trocken werden. Pettenkofer 
stellt sich vor, dass durch diese Beschaffenheit des Bodens die ört¬ 
liche und zeitliche Disposition für den Ausbruch der 
Cholera-, Typhus- und Rnhrepidemien gegeben werde, 
der Ausbruch aber selbst erst erfolge, wenn gleichzeitig der Keim 
dieser Krankheiten an den betreffenden Ort eingeschleppt werde, 
während eine solche Einschleppung an einem nicht disponierten Ort 
zu keiner Epidemie führe. 

Ehe wir die Beweise für die Theorie prüfen, wollen wir ein¬ 
mal Zusehen, welch genaueres Bild wir uns denn danach von der 
Entstehung einer Typhusepidemie machen könnten. Bei Pettenkofer 
selbst, der ja seine Lehre aufstellte, bevor man unsere Krankheits¬ 
erreger kennen gelernt hatte, finden wir keine klare Schilderung, 
er nahm wohl ursprünglich an, dass das „Gift“ oder der Keim der 
Cholera- und Typhuskrankheit durch die Luft von dem Boden auf 
die Menschen verbreitet würde. Das war sehr einfach, lässt sich nach 
unseren heutigen Kenntnissen (s. o.) aber nicht mehr aufrecht erhalten. 
So hat sich denn Emmerich neuerdings die Sache in folgen¬ 
der Weise zurechtgelegt. Vereinzelte Typhusfälle, die den Epide¬ 
mien monatelang vorhergehen, sorgen bei schlechten Abwasser¬ 
verhältnissen dafür, dass die Typhusbazillen an vielen Stellen auf 
den Boden geraten. Durch die Fttsse der Menschen werden sie 
in die Umgebung dann weiter verschleppt und bleiben an allen 


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diesen Stellen, wenn der Boden empfänglich ist, nicht nnr leben- 
dig, sondern vermehren sich zu der kritischen Zeit, sobald näm¬ 
lich ein längeres Ausbleiben von Regen und das Sinken des Grund¬ 
wassers dem Boden die richtige mittlere Feuchtigkeit verliehen 
hat, in üppigstem Masse. Durch Insekten, wie Fliegen, Ameisen, 
Schaben, aber auch Mäuse, Ratten und anderes Ungeziefer werden 
die Bazillen auf die Nahrungsmittel in den Wohnungen übertragen, 
wachsen dort wieder und geraten schliesslich fast gleichzeitig in den 
Mund und Darm zahlreicher Personen. Man sieht, an Einbildungskraft 
fehlt es Herrn Emmerich nicht, die Epidemie ist so einfach genug 
erklärt. Wie stebt’s aber mit den Beweisen? Hat Emmerich die 
Typhusbazillen in dem verseuchten Boden überhaupt nur an einer 
Stelle nachgewiesen, hat er bewiesen oder wahrscheinlich gemacht, 
dass Typhusentleerungen in dem ganzen Bezirk, in dem gleichzeitig 
die Seuche ausbricht, im empfänglichen Boden abgelagert worden sind, 
hat er die Vennehrung der Typhusbazillen im Boden auch nur im 
Laboratorium beobachtet, hat er sie jemals an einem verseuchten 
Orte, z. B. in Detmold, wo er zur Zeit der Epidemie seine Unter¬ 
suchungen anstellte, in den Zwischenträgern, den Fliegen usw. 
oder auf den Nahrungsmitteln entdecken können? Kann Emme¬ 
rich oder Pettenkofer uns sagen, welchen Grad von Durch¬ 
lässigkeit, Verunreinigung und Feuchtigkeit der Boden haben muss, 
damit Krankheitserreger darauf gedeihen können, haben sie bei 
ihren vielen Bodenprüfungen etwa dafür bestimmte Formeln gefunden, 
oder sind wir immer nur auf ihr subjektives Urteil angewiesen? Wie 
kommt es, dass die kanalisierten und nicht kanalisierten, die gänz¬ 
lich abgepflasterten und daher gegen Bodeneinfltisse doch geschützten 
und die mehr ländlichen Teile des Gelsenkircbener Bezirks im wesent¬ 
lichen gleich vom Typhus betroffen wurden, dass die benachbarten 
Gemeinden des Emschergebiets, z. B. bei Baukau und Herne, 
die mindestens ebenso ungünstige Boden- und Abwasserverhältnisse 
haben und darum von der Ruhr ebenso häufig heimgesucht werden 
wie Gelsenkirchen, im Jahre 1901 von der Epidemie frei geblieben 
sind, obwohl der Typhuskeim auch dort vorher reichlich genug 
ausgestreut war. Wie kamen im Jahre 1900 Duisburg, das auf Lehm¬ 
boden, und Bochum, das wie das früher arg heimgesuchte Essen auf 
der Höhe des Haarstranges liegt, und 1902 Lüdenscheid, das ganz 
auf dem Berg liegt, zu ihren Epidemien und blieben in dem trockenen 
Jahre 1901 ebenso wie das vermeintlich allein durch seine Kanali¬ 
sation geschützte Essen verschont? Warum hat in dem überaus 
trockenen und daher besonders disponierten Jahre 1904 nur 
Detmold eine Epidemie gehabt, und keine andere der so zahl¬ 
reichen noch schlecht kanalisierten Städte des Deutschen Reiches? 
Wie kommen die nicht seltenen Winterepidemien (z. B. Essen und 


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Gelsenkircben 1891) von Typhus und Cholera zustande? Wie finde» 
bei der niederen Temperatur die Krankheitskeime die Möglichkeit 
im Boden zu wachsen, wer überträgt sie, da Fliegen in dieser 
Jahreszeit fehlen? 

Weder Pettenkofer, noch Emmerich und Wolter gebe» 
uns befriedigende Antworten auf alle diese Fragen. Emmerich 
will allerdings experimentelle Belege für seine Auffassung bei¬ 
gebracht haben. Worin bestehen sie ? In einigen vergleichenden 
Kulturversuchen mit Typhusbazillen in verunreinigtem und nicht 
verunreinigtem, aber immer sterilisierten Boden! Im ersten blie¬ 
ben sie längere Zeit, im letzten kurze Zeit am Leben. Wirklich 
vermehrt haben sie sich auch im ersten kaum, und wenn sie es getan, 
würde es uns nicht wundern. Sollten solche Versuche etwas für 
die natürlichen Bedingungen beweisen, in denen die Bodenkeime 
ja in siegreichen Wettbewerb mit den Krankheitserregern treten? 
Selbst dem Laien werden solche Experimente nicht genügen, wenn er 
unmittelbar darauf vernimmt, wie gross die Unterschiede sind, wenn 
man Typhusbazillen in natürliches und sterilisiertes Wasser bringt- 
Weiss Emmerich sicher, dass es im Boden keine Flagellaten 
usw. gibt, die mit Vorliebe Typhuskeime fressen? Warum sollte 
die Natur denn nicht auch hier dasselbe Wunder wie im Wasser 
vollbringen ? 

Was die Rolle der Insekten und ähnlicher Zwischenträger 
angeht, so geben wir selbstverständlich zu, dass sie hier und da 
in Frage kommen kann, aber nicht den geringsten Beweis haben 
wir dafür, dass sie eine ähnliche Wichtigkeit haben, wie etwa die 
Ratten bei der Pest oder die Stechmücken bei der Malaria. Das 
Gegenteil ist sogar schon bewiesen durch das Vorkommen der 
Wasserepidemien und unmittelbaren Kontakte. 

Das, worauf die Pettenkofer sehe Schule unzweifelhaft am 
meisten Mühe verwendet, das ist der Versuch, das Bestehen einer ört¬ 
lichen und zeitlichen Disposition, in ihrem Sinne gesprochen^ 
das Vorhandensein eines siechbaften Bodens für jede Epidemie nachzu¬ 
weisen. Und man wird Pettenkofer das Verdienstzugestehen müs¬ 
sen, auf diese Dinge immer wieder mit Nachdruck hingewiesen zu 
haben. Manches ist unzweifelhaft daran richtig. Aber damit ist 
das Verdienst der Münchener Schule auch erschöpft. Über der 
Disposition übersiebt sie die anderen wichtigen Faktoren der Infektion, 
ihre Bedeutung übertreibt sie ins ungeraessene, die Erklärung, die 
sie zu den disponierenden Einflüssen gibt, ist ungenügend, ja phan¬ 
tastisch. Sehen wir uns die einzelnen disponierenden Momente 
einmal näher an. Die zeitliche Disposition, die Vorliebe für be¬ 
stimmte Jahreszeiten, tritt bei der Cholera und der Ruhr — viel 
weniger bei dem Typhus — so in den Vordergrund, dass sie mit 


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Händen za greifen ist and daher auch von Pettenkofer nirgends 
verkannt warde. Ihre Erklärung begegnet leider noch manchen 
Schwierigkeiten, die damit Zusammenhängen, dass wir der Frage 
kaum experimentell nachgehen können. Am wahrscheinlichsten 
dünkt uns vorläufig die Deutung, dass der Darm des Menschen um 
die Zeit des Sommers und namentlich des Spätsommers durch die 
andauernde Hitze, reichlichen Wasser* und Obstgenuss u. dgl. ge* 
schwächt, Schädlichkeiten in der Nahrung geringeren Widerstand ent¬ 
gegensetzt. Bei dem Brechdurchfall der Erwachsenen und der Kinder 
den wir nicht einfach als ansteckende Krankheit betrachten dürfen, 
finden wir die gleiche Vorliebe für diese Jahreszeit. Die Lokalisten 
haben es ja leicht mit ihrer Annahme, dass die Wärme die Entwicklung 
der Keime im Boden begünstige, aber trockne Hitze ist ihnen ge¬ 
radezu schädlich, und man sieht nicht ein, warum dann nicht die Epi¬ 
demien schon zur Zeit der höchsten Hitze, sondern erst später entstehen. 
Auch die örtliche Disposition, die durch die starke Verunreinigung 
des Bodens oder, besser gesagt, schlechte Abwasserverhält- 
nis8e gegeben wird, ist für die Entstehung der Ruhr, des Typhus 
und der Cholera zuzugestehen. Die praktischen Engländer, von den 
Römern nicht zu reden, haben darauf ja, unabhängig von Petten¬ 
kofer, ganz wesentlich ihre Massregeln zur Seuchenbekämpfung 
gebaut, indem sie lange vor unB ihre Städte kanalisierten. Nach 
dem, was wir früher über die Entstehung der Kontaktinfektion 
gesagt, ist der Einfluss, den eine schnelle und gründliche Entfernung 
der Abfallstoffe auf die Beseitigung der Infektionsgefahr haben 
muss, ohne Zuhülfenahme der Pettenkofersehen Annahme, leicht 
zu verstehen. Auch durch die Verhinderung der Brunneninfektion 
wird sich aber teilweise die wohltätige Wirkung der Kanalisation 
erklären. Andererseits darf man aber den Einfluss der Boden¬ 
verunreinigung nicht übertreiben. Es ist freilich in allen von 
Epidemien betroffenen Städten sehr leicht, Bodenverunreinigungen 
flachzuweisen, weil es bisher überhaupt erst ziemlich wenig tadellos 
kanalisierte Städte gibt 1 ), aber die vom Typhus betroffenen Städte 
sind doch auch nicht immer die schmutzigsten. Das gilt von Det¬ 
mold, das auf den Unbefangenen durchaus nicht den schlechten 
Eindruck macht, wie auf Emmerich, sondern im Gegenteil als das 
erscheint, was es ist, eine weitgebaute Rentnerstadt und Sommer¬ 
frische, die höchstens in der Altstadt einige schlechte Quartiere hat, 
von Duisburg, Bochum, Lüdenscheid, und teilweise selbst von 
dem so verschrienen Gelsenkirchen. Entgegen dem Gutachten 
Bremes, auf das sich Wolter und Emmerich in erster Linie 
stützen, haben die Bekundungen der medizinischen Sachverständigen, 


1) Vgl. Kruse und Laspeyres a. a. 0. 


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die die Epidemien an Ort and Stelle verfolgt haben, ergeben, das» 
der Typhus anch hier unabhängig von dem Zustand der Abwasser- 
verbältnisse aufgetreten ist. Oie Erklärung liegt einfach darin, das» 
diese Epidemien eben als Wasserepidemien mit der Bodenver¬ 
unreinigung nichts zu tun hatten. 

Die Bedeutung der atmosphärischen Niederschläge, der Boden- 
durcblä88igkeit und -feuchtigkeit für die Entstehung von Seuchen hat 
man schon lange erörtert, aber erst die Münchener Schule, zunächst. 
Buhl, dann Pettenkofer, war es Vorbehalten, die Beziehungen 
der Grundwasserschwankungen zum Ausbruch von Typhus- und. 
Cholera-Epidemien aufzudecken und daraus die sog. Grundwasser¬ 
oder lokalistische Theorie zu entwickeln. Tatsächlich ist in vielen- 
Fällen die Beobachtung gemacht worden, dass Epidemien entstanden 
sind bei tiefstehendem oder wenigstens sinkendem Grundwasser, 
oder, was ungefähr auf dasselbe herauskommt, nach länger dauern¬ 
der Trockenheit. In München ist das z. B. mit solcher Regelmässig¬ 
keit geschehen, dass der Mathematiker Seidel daraus mit einer 
Wahrscheinlichkeit von 36000 zu 1 „auf einen gesetzmässigen Zu¬ 
sammenhang der beiden Erscheinungen“, d. h. der entgegengesetzt 
gerichteten Bewegungen der Typhusmorbidität und des Grundwasser» 
für München schloss. 

Es wäre natürlich ein logischer Fehler, daraus zu folgern, das» 
die Erklärung, die Pettenkofer für diesen Zusammenhang auf¬ 
gestellt hat, also die Pettenkofersche Theorie, die gleiche Wahr¬ 
scheinlichkeit habe. Diese Theorie ist, von allem anderen abgesehen, 
schon deswegen unbrauchbar, weil nicht überall dieselben Erfahrungen, 
gemacht worden sind, wie in München 1 2 ), dann aber auch, weil die 
Theorie ja nur die in einem kleinen Teil des Jahres vorkommenden. 
Fälle, die wegen ihrer Häufung als epidemische betrachtet werden, nicht 
die im übrigen Teil des Jahres beobachteten Erkrankungen erklären 
könnte. Im allgemeinen wird dieser Punkt viel zu wenig berück¬ 
sichtigt, die in den Schriften der Lokalisten übliche Darstellung- 
der Jahreskurven, bei der der unterste Teil weggelassen wird, 
ist entschieden geeignet, Missverständnisse zu verursachen *). So- 
ist nach Pettenkofer die Verteilung der Typhustodesfälle in 
München auf die einzelnen Monate, in Prozenten der Gesamtzahl 
berechnet, durchschnittlich folgende gewesen: 

I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII 

12,6 13,7 11,8 8,6 6,5 5,6 5,8 6,2 5,9 5,5 7,0 10,5 


1) Vgl. hierzu Flügge, Verbreitungsweise und Verhütung der 
Cholera etc. Zeitsch. Hyg. 14. 122 (1898) und von Fodor, „Boden* in 
Weyls Handb. der Hygiene. 

2) Wenn ich Emmerich wäre, würde ich das ein „Manöver* der 
Lokalisten nennen. VgL die Kurven auf S. 128 der Jubiläumsschrift 


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Also auch in den iMonaten April bis November sind noch sehr viel 
Typhen, mehr als die Hälfte aller Fälle, in München vorgekoinmeb 
und das trotz des hohen Grundwasserstandes! Wo bleibt da die 
Theorie? 

Diese unzureichende Übereinstimmung der Tatsachen mit* der 
Pettenkofersehen Theorie entbindet uns natürlich nicht von 
der Pflicht, nach einer Erklärung für die von ihm gefundenen Tatsachen 
selbst zu suchen. — M. E. liegt sie nabe genug: beim Sinken und nament¬ 
lich beim grössten Tiefstand des Gruhdwassers liefern die Brunnen und 
Wasserleitungen weniger Wasser. Dasselbe braucht darum im all¬ 
gemeinen noch nicht schlechter zu sein als sonst 1 ); jede Verun¬ 
reinigung, die es trifft, wird aber gewöhnlich mehr ins 
Gewicht fallen und darum gefährlicher sein, als bei hohen Wasser¬ 
ständen; und — was das wichtigste ist, bei Wassermangel nimmt 
man erfahrungsgemäss, aus reiner Not, seine Zuflucht 
zu Wasserquellen, die man wegen ihrer schlechten Be¬ 
schaffenheit sonst nicht benutzt. Das ist ja die Psychologie 
des Sticbrobrs! So entstehen in den Städten mit Wasserleitung 
die grossen, in denen mit Brunnen die kleinen Wasserepidemien. 

Die besondere Gefährlichkeit der Verunreinigungen, die das 
Wasser bei niedrigem Wasserspiegel treffen, wird durch Vorkomm¬ 
nisse beleuchtet, die ziemlich oft beobachtet, von der Pettenkof er¬ 
sehen Schule freilich aus erklärlichen Gründen immer geleugnet 
worden sind: Sie betreffen den Einfluss von stärkeren Regen¬ 
güssen oder Hochwässern, die plötzlich in trocke¬ 
nen Zeiten hineinfallen. Ich habe in meiner Arbeit über 
die Einwirkung der Flüsse auf Grund Wasserversorgungen 2 ) schon 
darauf hingewiesen, und oben die Pariser Erfahrungen erwähnt. 
Sanitätsrat Lindemann 3 ) in Gelsenkirchen (jetzt in Bochum) hat 
aber auch gezeigt, wie gerade für das Gebiet der Ruhrwasser¬ 
leitungen ein derartiger Zusammenhang durch die Tatsachen be¬ 
stätigt wird. Das erste Beispiel bietet die grosse Typhusepidemie, 
die in Gelsenkirchen und Essen gleichzeitig Ende 1890 und Anfang 
1891 herrschte. Am 1. Dez. 1890 begann eine Frostperiode, die 
bis zur Mitte Januar 1891 anhielt und dann vom Tauwetter ab¬ 
gelöst wurde, das am 23. Jan. zu einem gewaltigen Hochwasser führte. 
Ein solcher Frost bedingt in den Ruhrwasserleitungen erfahrungs- 
gemäss einen Wassermangel, der noch grösser ist, als dem Fluss- 


1) So braucht denn auch die chemische Untersuchung der Brunnen 
und Flüsse beim Tiefstand der Grundwasser kein schlechtes Resultat 
zu geben. 

2) Dieses Centralbl. 1900 S. 137. 

3) Ebd. S. 388; vgl. auch die Gerichtsverhandlungen (bei Grahn, 
Abdruck S. 46. 


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Wasserspiegel eigentlich entspricht. Es ist mir deswegen jetzt nicht 
im geringsten Grade zweifelhaft, dass damals die zngegebenermassen 
in Essen wie in Gelsenkirchen bestehenden Stichrohre stark in An¬ 
spruch genommen worden. Solange das Frostwetter herrschte, 
blieb die Verseuchung des Wassers mit Typhusbazillen eine geringe, 
die Epidemie eine sehwache; als aber plötzlich das Tauwetter ein¬ 
trat, wurden eine Menge Typhusbazillen in die Ruhr eingeschwemmt 
und erzeugten einen enormen Anstieg der Typbuskurve in der ersten 
Hälfte des Februar *). Ähnlich ging es 1901 zu. Die lange Trocken¬ 
heit im Sommer 1901 hatte im Gelsenkirchener Werk zur Benutzung 
des Sticbrohrs geführt, sie hatte aber nur geringen oder kanm einen 
schädlichen Einfluss bis zum 31. Aug. Da schwemmte ein starkes 
Gewitter grosse Mengen von Bazillen in die Ruhr, die Epidemie 
begann deutlich zu werden in der zweiten Septemberwoche und er¬ 
reichte ihren Höhenpunkt in der dritten. Das stimmt vortrefflich 
zu unseren Kenntnissen von der Inkubation bei Typhus, die zwischen 
1—4 Wochen schwankt und durchschnittlich etwa 2—3 Wochen be¬ 
trägt, stimmt aber nicht zu der Annahme Emmerichs, dass der 
Regen am 31. Aug. die Stärke der Epidemie „gebrochen“ habe, 
denn der Abfall folgte erst in der 4. Septemberwoche. Nun wirft 
Emmerich weiter ein, wenn der Regen am 31. Aug. die Typhus¬ 
zahl in die Höhe getrieben hätte, so hätten notwendigerweise auch 
die häufigen Regengüsse, die gegen Mitte September eintraten und 
sogar zu einem erheblichen Steigen der Ruhr führten, den gleichen 
Einfluss ausüben müssen. Dieser Schluss ist keineswegs zwingend, 
denn es liegt doch auf der Hand, dass gerade die ersten Nieder¬ 
schläge nach langer Trockenheit (1901), der erste Tag des Hoch¬ 
wassers (1891) den Hauptteil des angesammelten Schmutzes in das 
Wasser gespült haben werden; spätere Regen und die grossen Massen 
des Hochwassers konnten sehr wohl die Typhusbazillen schon so ver¬ 
dünnt haben, dass sie unschädlich waren. In dieser Beziehung lassen 
sich also die Behauptungen der Lokalisten von dem günstigen Einfluss 
der starken Niederschläge im Verlaufe von Typhus- und Cbolera- 
epidemien vortrefflich mit der Trinkwassertheorie vereinen. In unserem 


1) In der obigen Abhandlung hatte ich, weil ich damals die Verhält¬ 
nisse der Wasserwerke von Gelsenkirchen und Bochum noch nicht kannte, 
die Herkunft der Epidemie in Gelsenkirchen 1890/91 und in Bochum 1900 
vom Wasser für unwahrscheinlich gehalten. Die eigene Erfahrung und 
die Mitteilungen von Lindemann haben mich seitdem eines Besseren 
belehrt, doch wohl ein Beweis, dass auch die „Trinkwassertheoretiker“ nicht 
auf vorgefassten Meinungen bestehen, sondern sich von den Tatsachen 
belehren lassen. In Hamburg ist es bekanntlich anderen Leuten, die so¬ 
gar Anhänger der Bodentheorie waren, nach 1892 ebenso ergangen. Sie 
verbesserten ihre Anschauungen zugunsten der Trinkwassertheorie. 


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Falle scheint es Übrigens, als ob die Regen am Mitte September, 
die in der Gelsenkirchener Gegend selbst nicht, nur im Gebiet der 
oberen Rahr sehr reichlich waren, die Epidemie wieder angefacht 
hätten, denn Ende September und Anfang Oktober begannen in der 
Tat die Typhuszahlen wieder za steigen, um dann erst dauernd ab- 
znsinken. Die Verhältnisse werden aber natürlich nm so undurch¬ 
sichtiger, je länger eine Epidemie besteht, weil dann die Kontakt¬ 
infektionen grosse Bedeutung gewinnen können. Als reine Trink¬ 
wasserepidemie kann man daher immer nur die ersten 3—4 Wochep 
betrachten; den Feststellungen Springfelds und seiner Mitarbeiter, 
die auf Grund der in jedem einzelnen Falle vorgenommenen Prü¬ 
fungen die Wasserepidemie noch länger hinausziehen, möchte ich 
keinen allzu grossen Wert beilegen. 

Wo man hinsieht, erweist sich also die lokalistische Lehre als 
unhaltbar. Unsere Auffassung, die dem Genuss von Trinkwasser 
(und anderen Nahrungsmitteln) oder dem Kontakt die massgebende 
Rolle zuschreibt, ist nicht nur für viele Fälle unumgänglich, son¬ 
dern gibt auch für diejenigen Erscheinungen, auf die sich die 
Pettenkofersche Schule vor allem beruft, eine bessere Erklärung. 
Damit soll keineswegs gesagt sein, dass man unser Wissen als ab¬ 
geschlossen betrachten dürfe. Wir Bakteriologen wissen am besten, 
wie viel wir von den Eigenschaften der Krankheitserreger und ihrer 
Angriffsobjekte, der menschlichen Körper, noch nicht kennen. Im 
vorstehenden habe ich schon mehrfach darauf bingewiesen. Ich bin 
aber doch der Überzeugung, dass die vermeintlichen Geheimnisse der 
Epidemiologie, zum mindesten soweit der Typhus in Betracht kommt, 
mehr darin liegen, dass uns die vorliegenden Berichte über die uns 
wesentlich interessierenden Verhältnisse der Wasserversorgung usw. 
schlecht unterrichten, als darin, dass neue uns noch unbekannte 
Einflüsse an der Entstehung der Epidemien beteiligt sind. 


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Zur Eröffnung der Waldschule der Stadt 
M.-Gladbach. 

Von 

Dr. Schaefer, 

Direktor der Heilstätte M.-Gladbach. 


Mit Abbildung. 


Während sich früher nur der wohlhabende Erholungsbedürftige 
den Luxus eines Aufenthaltes in einem Kurorte oder „auf dem 
Lande“, gestatten konnte, hat sich in neuerer Zeit das Bestreben 
gezeigt, diese Annehmlichkeit und Wohltat auch den Minder¬ 
bemittelten zugänglich zu machen. Zumal für den Arbeiter der 
grossen Städte und seine Familie, den kleinen Beamten und Hand¬ 
werker, die oft in ihren Mietswohnungen kaum ein Stückchen 
blauen Himmels zu sehen bekommen, musste es doch überaus wohl¬ 
tuend sein, wenn er oder einer der Seinigen für einige Zeit, sei es 
auch nur für wenige Tage in der freien Natur, wo nicht der Staub 
und die üblen Gerüche der Grossstadthinterhäuser ihn belästigten, 
zubringen konnte. Und unter diesen wieder die Schwächlichen, 
diejenigen, die eine schwere Krankheit überstanden haben, wie 
anders müssen sie sich da draussen in frischer Waldluft bei guter 
Kost erholen als in ihrem dumpfen Heim, wo sie nur mit Mühe 
sich und ihre Familie durchschlagen können, zumal wenn durch 
Krankheit noch der tägliche Verdienst knapp geworden ist. Von 
diesem Gedanken gingen der kürzlich verstorbene Dr. W. Becher 
und Dr. Lenhoff aus, als sie mit der neuen Idee der Errichtung 
von Walderholungsstätten auftraten, deren es jetzt schon eine ganze 
Reihe gibt, und die ja schon seit der kurzen Zeit ihres Bestehens 
so unendlich viel Segen gestiftet haben. 

Von einer ähnlichen Erwägung ging man bei der Errichtung 
der ersten Waldschule in Charlottenburg aus: den blutarmen, skrofu¬ 
lösen, schwächlichen Schulkindern die Gelegenheit zu geben, bei 
kräftiger Kost den ganzen Tag in der frischen Luft zuzubringen. 

Oentralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 22 


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312 


Damit aber die Kinder nicht dem Unterrichte entzogen würden und 
dadurch gegen ihre gesunderen Kameraden zurückblieben, wurde 
der ganze Schulunterricht ins Freie verlegt. Der Magistrat der 
Stadt Charlottenburg spricht sich über den Zweck der Waldschule 
folgendermassen aus: „ln unseren Gemeindeschulen befinden sich 
eine nicht geringe Anzahl von Schülern und Schülerinnen, deren 
Gesundheitszustand es dringend erheischt, sie nicht mit den übrigen 
Schülern zusammen in den Geraeindeschulklassen zu unterrichten. 
Für sie ist die Luft in einem Schulzimmer, in welchem 50 oder 
mehr Schüler einen ganzen Vormittag fast ununterbrochen sich auf¬ 
halten, besonders schädlich, die Pausen zu kurz bemessen und die 
Anstrengung eines 4—5 ständigen Unterrichtes zu gross, als dass 
sie dauernd an demselben mit Aufmerksamkeit teilnehmen könnten. 
Es sind vornehmlich diejenigen Schüler, welche mit schweren 
chronischen Krankheiten behaftet sind, mit Lungenleiden, Herz¬ 
krankheiten, schwerer Blutarmut und Skrofulöse, Kinder, welche 
nicht krank genug sind, um in einem Krankenhause Aufnahme zu 
finden und doch zu schwächlich um mit Gesunden gleichen Schritt 
zu halten. Der Verbleib in den stark besetzten Klassen der 
Gemeindeschulen bringt solche Kinder leicht in die Gefahr, dass 
sich aus ihren ursprünglich leichten Leiden allmählich schwerere 
entwickeln. Diese Kinder von den übrigen zu sondern, sie unter 
tunlichster Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand gemeinsam in 
reiner Luft zu unterrichten liegt ebensosehr im Interesse der kranken 
wie gesunden Schüler, ebensosehr im Interesse der Schule wie des 
Elternhauses. a 

Die Charlottenburger Waldschule ist bereits seit dem 1. April 1904 
in Betrieb, und es hat sich gezeigt, dass die Besucher derselben 
nicht nur körperlich wesentlich gekräftigt dieselbe verliessen, sondern' 
auch trotz des nur zweistündigen täglichen Unterrichtes nicht hinter 
ihren Mitschülern zurückblieben. Durch die guten Resultate ermuntert, 
ist man daher schon zu einem weiteren Ausbau geschritten, so dass 
zur Zeit 240 Kinder aufgenommen werden können. 

Der Waldschule hat man natürlich von allen Seiten das grösste 
Interesse entgegengebracht. Denn zumal im Kampfe gegen die 
Tuberkulose, zu der sich ja jetzt alle Kreise und Stände zusammen¬ 
getan haben, glaubt man in der Waldschule einen mächtigen Mit¬ 
kämpfer gefunden zu haben. Wenn es gelingt, auch nur einen 
Teil der Kinder, die vielleicht sonst in ihren Bltitejahren der 
Schwindsucht anheimgefallen wären, durch frühzeitige Kräftigung 
so zu stählen, dass sie den Kampf gegen die mörderischste aller 
Krankheiten, die vielleicht schon in ihrem jugendlichen Körper 
Wurzel gefasst hat, siegreich aufnehmen können, so ist schon wieder 
viel auf dem Gebiete der Tuberkulosebekämpfung gewonnen. 


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313 


Bei den verhältnismässig geringen Kosten der Waldschule 
-wird man auch bei weitem mehr Kinder und länger dort unter¬ 
bringen können als in Sol- und Heilbädern, zumal nicht nur die 
Ferien in Betracht kommen. Es hat ja auch manches für sich, 
dass die Kinder für längere Zeit nicht ganz ihren häuslichen Ver¬ 
hältnissen entzogen werden. 

Dass auch an allerhöchster Stelle die Entwicklung der Wald¬ 
schule mit grösster Aufmerksamkeit verfolgt wird, zeigt folgender 
Erlass des Kultusministers an die Regierungen und Provinzialschul¬ 
kollegien : 

„Im September-Oktober-Hefte des Zentralblattes für die gesamte 
Unterrichtsverwaltung in Preussen, Jahrgang 1905 ist eine Beschreibung 
<ier Charlottenburger Waldschule in Westend abgedruckt. Im Hin¬ 
blick auf die Gefahren, welche in grossen Städten und Orten mit 
vorwiegend industrieller Beschäftigung der Bewohner für eine gesunde 
Entwicklung der Jugend bestehen, sind alle Veranstaltungen lebhaft 
■zu begrttssen, welche auf eine gesundheitliche Kräftigung der Schul¬ 
jugend abzielen. Je wirksamer solche Massnahmen sind, um so 
nachdrücklicher sind sie zu empfehlen und um so tatkräftiger zu 
fördern. Unter denselben verdient die Waldschule wegen ihrer 
eigenartigen Verbindung des gesundheitlichen Zweckes mit dem 
erziehlichen vorzugsweise Beachtung. Indem ich auf den be- 
zeiebneten Abdruck noch ausdrücklich aufmerksam mache, veranlasse 
ich auf besonderen Befehl seiner Majestät des Kaisers und Königs 
die Königliche Regierung, in geeigneter Weise für die weitere Ver¬ 
breitung der Darlegung zu sorgen und überall da, wo seitens 
grösserer Städte und Landgemeinden ihres Bezirkes sich das Bestreben 
nach Begründung ähnlicher Einrichtung zeigt, dieses Bestreben 
möglichst wirksam zu fördern. Über etwaige in dortigem Bezirke 
getroffene Einrichtungen vorbezeichneter Art ist mir zu berichten. u 

Trotz der guten Erfahrungen war bis jetzt die Waldschule bei 
Charlottenburg die einzige ihrer Art geblieben. Nun ist ihrem Bei¬ 
spiele an zweiter Stelle die Stadt M.-Gladbach gefolgt, die am 
28. Mai in dem westlich der Stadt gelegenen Hardter Walde eine 
Waldschule für einstweilen 50 Kinder eröffnete. Die Anregung dazu 
ging von dem Oberbürgermeister Piecq der Stadt M.-Gladbach aus, 
und zwar aus Anlass der Silberhochzeit unseres Kaiserpaares. Die 
Mittel zur Errichtung bewilligte das Kuratorium der Luise-Gueury- 
Stiftung. 

Das Schulgebäude ist ganz von Wald umgeben und in Form 
eines nordischen Blockhauses aus Holz gebaut. Es enthält zwei 
Räume: ein Klassenzimmer, ein kleines Zimmer für die unter¬ 
richtende Person und eine grosse überdeckte Halle. Ein kleiner 
Kellerraum dient zum Aufbewahren von Gerätschaften. Etwa 20 m 


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314 


vom Hauptban entfernt, befindet sich ein kleines Gebäude in gleichem 
Stile, wie das Hauptgebäude mit Klosetts und Waschräumen. Da* 
grosse Klassenzimmer enthält vollständige Scbuleinrichtung. Die 
Wände sind mit reizenden Bildern, deutsche Märchenszenen dar¬ 
stellend, geschmückt. Der eigentliche Unterricht wird im Freien 
unter hohen Kiefern abgehalten wo Schulbänke und Tafel auf¬ 
geschlagen sind. Nur wenn draussen unmöglich, soll derselbe im 
Innern des Hauses stattfinden. Turngeräte (Barren, Reck, Rund¬ 
lauf) und Spiele (Reifen, Ball, Tamborinspiele etc.) sowie allerhand 



Waldschule der Stadt M.-Gladbach. 


praktische Gerätschaften, Schiebkarren und Spaten sorgen für 
tüchtige Bewegung und Beschäftigung der Kinder im Freien. 

Bis jetzt sind 38 Kinder, Mädchen und Knaben in der Wald¬ 
schule. Den gemeinsamen Unterricht erteilt eine Lehrerin, der auch 
die Aufsicht obliegt. Es liegt jedoch bereits eine Reihe weiterer 
Anmeldungen vor, so dass wohl in absehbarer Zeit die Klasse 
geteilt und eine zweite Lehrkraft herangezogen werden muss. 

Der eigentliche Unterricht beschränkt sich auf zwei Stunden, 
nachstehender Stundenplan gibt eine Übersicht über die Tages¬ 
einteilung. 


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315 



Montag 

Dienstag 

Mittwoch 

Donner*-' 
tag 

Freitag 

Samstag 

9—9V* 

Religion 

Deutsch 

I 

Rechnen 

Religion 

Rechnen 

Deutsch 

-10 

Erholung 

— 

— 

— 

— 

— 

io-iov g 

Rechnen 

Naturk. 

Deutsch 

Rechnen 

Naturk. 

Rechnen 

-11 

Erholung 

— 

— 

— 

— 

— 

11-11V* 

Gesch. 

Rechnen 

Schreiben 

Gesch. 

Deutsch 

Schreiben 

12 

Mittagessen | 

— 

— 

— 

— 

1-3 

Ruhepause in den Liegestühlen 

— 

— 

— 

3-31/2 

Gesang || Deutsch || Turnen 

Gesang 

Deutsch 

Turnen 

-6 

Spaziergang oder Spiel 

— 

i — 

— 

6 

Milch 


i 

— ! 

1 _ 

- 

6 V 2 

1 Abmarsch 

zur Bahn 


1 

j _ 

— 


Die Auswahl der Kinder geschieht durch die Schulärzte der 
Stadt; die Aufsicht über den Schulunterricht hat der Schulinspektor 
der Stadt M.-Gladbach, die Aufsicht in hygienischer Beziehung 
untersteht den Ärzten der Heilstätte Luise-Gueury-Stiftung. 

Ausgeschlossen von der Aufnahme sind Kinder mit Auswurf, 
schweren Herz- und Nervenleiden, ansteckenden und ekelerregenden 
Krankheiten. Der Pflegesatz beträgt 'pro Tag 50 Pfg.; darin ist 
die Fahrt M.-Gladbach und zurück einbegriffen. Die Mahlzeiten 
(zweites Frühstück, Mittagessen, Vesper, Milch um 6 Uhr) werden 
in der nahen Walderholungsstätte der Stadt eingenommen, wohin 
sie mittels Speisewagen von der Heilstätte Luise-Gueury-Stiftung 
hingebracht werden. 

Wenn man auch in der kurzen Zeit des Bestehens der Wald¬ 
schule noch nicht von Erfolg sprechen kann, so kann man doch 
schon sagen, dass das Aussehen und das ganze Wesen der Kinder 
bereits nach einigen Tagen ein ganz anderes geworden. Die 
bleichen Stadtgesichter sind überraschend schnell bei dem ständigen 
Aufenthalt in der frischen Waldluft geschwunden und das oft 
«twas scheue gedrückte Wesen der Arbeiterkinder hat einer aus¬ 
gelassenen Fröhlichkeit Platz gemacht. 

Jedem, der die fröhliche Kinderschar in Gottes freier Natur 
sieht, sei es beim Unterricht unter den hochragenden Kiefern, sei 
«s beim munteren Spiel im schattigen Walde oder bei den Mahl¬ 
zeiten, wo man so richtig sieht, wie die Luft den Appetit an¬ 
zuregen versteht, dem drängt sich unwillkürlich der Wunsch auf: 
„Mögen doch bald dieser Waldschulen noch mehr entstehen!“ 


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Die Verteilung der Infektionskrankheiten 
auf Stadt und Land. 

Von 

Dr. Siegfried Rosenfeld. 

(Schluss.) 


Schon bei einigen der bisher besprochenen Infektionskrank¬ 
heiten sahen wir ein stärkeres Befallensein des Kindesalters als der 
Gesamtheit aller Altersklassen. Noch mehr ist dies bei den nun 
an die Reibe kommenden Krankheiten, Blattern, Scharlach, Masern, 
Keuchhusten, Diphterie, der Fall. Dies bringt eine andere Be¬ 
rechnungsart der Verhältniszahlen mit sich. Am wenigsten sind es noch 
die Blattern, welche den Namen einer Kinderkrankheit verdienen. 

So wie der Flecktyphus, so kommen auch die Blattern als 
Todesursache nur in Galizien und Bukowina in Betracht, so das^ 
es genügt, die Statistik nur dieser beiden Länder zu bringen. Es 
starben an Blattern in 




überhaupt 


im Alter bis 

zu 5 Jahren 


landwirt- i 

■ nichtlandwirt- 

landwirt- 

nichtlandwirt- 


schaftliche 

schaftliche 

schaftliche 1 

schaftliche 


Bevölkerung 1 

I Bevölkerung 

Bevölkerung 

1 Bevölkerung 


M. | 

W. 

1 BG.| 

(M. 

W.| 

BG.| 

M. | 

W. | BG.| 

| M. | 

W. 

IBG. 

Galizien. 

2871 

3022 

5893 

I 519 

558 

1077 

1129 

1087 2216 

198 

190 

388 

Bukowina .... 

464 

378 

1 842 

l l 

'111 

; l 

114 

225 

163 

119 282 

56 

59 

115 

Österreich .... 

3430 

3485 

69151 

! 1 

1720 

II 1 

761 

1481 

1303 

12192522 

267 

232 499 


Nach der Grössenkategorie der Ortschaften verteilen sich die^ 
Blatterntodesfälle in 


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317 



Galizien 

Bukowina 

Österreich 


M. 

w. 

BG. 

M. 

W. |BG. 

M. 

W. 

BG. 

—500 Einwohner.... 

368 

395 

763 

29 

20 

49 

467 

489 

956 

501—2000 „ .... 

1970 

2042 

4012 

233 

194 

427 

2258 

2303 

4561 

2001-5000 „ .... 

723 

789 

1512 

217 

188 

405, 

969 

985 

1954 

5001-10000 „ .... 

103 

117 

220 

49 

46 

95 

152 

168 

320 

10 001-20000 „ .... 

68 

63 

131 

8 

6 

14 

84 

71 

155 

über 20000 * .... 

158 

174| 

332 

39 

38 

77 

220 

230 

450 


Da die Todesfälle an Scharlach, Masern, Diphterie und Keuch¬ 
husten, weniger auch an Blattern fast ausschliesslich das Alter bis 
zu 10 Jahren betreffen, an Keuchhusten sogar eigentlich nur bis 
zu 6 Jahren, so muss der Berechnung der Verhältniszahlen nur die 
Zahl der im Alter bis zu 10 Jahren (für Keuchhusten eigentlich 
nur 5 Jahre) zugrunde gelegt werden. Dabei ergeben sich manche 
Schwierigkeiten und Inkongruenzen. Die im Alter bis zu 10 Jahren 
stehende landwirtschaftliche Bevölkerung ist bei der Volkszählung 
des Jahres 1890 für Wien und Triest ausgewiesen, bei der Volks¬ 
zählung des Jahres 1900 ist sie für Wien in Vereinigung mit Nieder 
Österreich, für Triest in Vereinigung mit Görz-Gradiska und Istrien 
ausgewiesen; bei beiden Volkszählungen sind Görz-Gradiska mit 
Istrien, Tirol mit Vorarlberg vereinigt. Die Zahl der im Alter bis 
zu 10 Jahren Lebenden ist im Jahre 1890 für alle 6 Ortschafts¬ 
grössen angegeben, im Jahre 1900 nur für die Grössenkategorien 
2000 E., 2000—10 000 E. und mehr als 10000 E. Die bei letzterer 
Volkszählung vorgenommene Zusammenlegung je zweier Grössen¬ 
kategorien der Ortschaften erscheint ohnehin bei Berechnung der 
Verhältniszahlen wegen Kleinheit des Materiales notwendig. Die 
Berechnung werde ich hier so vornehmen, dass ich für die drei 
Grössenkategorien des Jahres 1900 eine Zahl aus 6 / 7 der Zahl 
des Jahres 1890 und */ 7 der Zahl des Jahres 1900 zugrunde lege 
und überdies noch bloss auf Grund der Volkszählung des Jahres 1890 
die Verhältniszahlen für die Orte bis zu 500 E. und von 501—2000 E. 
berechne. 

Von je 1000000 Lebender im Alter bis zu 10 (eventuell 
5 Jahren) starben an Blattern in 


- 

Galizien 

j Bukowina 


M. 

W. ;BG. | 

M. 

| W. ! BG. 

landwirtschaftliche ) 

496 

1 

517 507 

840 

692 767 

nichtlandwirtschaftliche j ® evö ^ kerun 8‘ 

332 

370 350 

622 

623 623 


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318 





Galizien 

Bukowina 




M. 

Iw. 

BG. 

M. 

W. 

BG. 

im Alter bis| 

landwirtschaftliche ) 

t 1 Bevölkerung“ 
nichtlandwirtschaftl.J 

893 

848 

871 

1365 

1006 

1187 

zu 5 Jahren] 

576 

573 

575 

1446 

1469 

1458 


1 —500 Einwohner .... 

244 

260 

262 

774 

449 

597 

in 

501-2000 

„ .... 

573 

689 

581 

870 

643 

793 

Ortschaften 

—2000 

i» .... 

471 

486 

479 

858 

684 

770 

mit 

2001—10000 

V .... 

580 

632 

606 

836 

749 

793 


über 10000 

r .... 

513 

553 

533 

655 

! 633 

644 


In Galizien sind die Blattern unter der landwirtschaftlichen 
Bevölkerung stärker als unter der nichtlandwirtschaftlichen ver¬ 
breitet, in Bukowina nur unter der über 5 Jahre alten Bevölkerung, 
bei der bis zu 5 Jahre alten landwirtschaftlichen Bevölkerung da¬ 
gegen schwächer. In beiden Ländern leiden die kleinsten Dörfer 
weniger als die grösseren Dörfer, die Dörfer weniger als die Klein¬ 
städte, diese jedoch mehr als die Mittel- und Grossstädte an Blattern. 

Da die Tatsachen in beiden Ländern nicht gleichsinnig sind, 
so können wir über den Einfluss von Stadt und Land auf die Ver¬ 
breitung der Blattern uns nur zum Teil äussern. Dieser Teil be¬ 
trifft die Tatsache, dass die Blattern in beiden Ländern mehr land¬ 
wirtschaftliche als nichtlandwirtschaftliche über 5 Jahre alte Per¬ 
sonen hinwegraffen. Hier sehen wir also von den Kindern bis zu 
einem Jahre ab, bei denen die Impfung entweder aus Kränklichkeit 
oder wegen Terminmangels nicht vorgenommen wurde, und die bei 
der ihnen eigenen grossen Letalität der Blattern die Statistik der 
Blattemtodesfälle im Kindesalter ausserordentlich beeinflussen. Zur 
Erklärung der Tatsache können wir wohl nicht daran denken, dass 
das Blatternvirus auf dem Lande kräftiger als in der Stadt ist, sondern 
wohl nur daran, dass die Blatternprophylaxe in den Städten Galiziens 
und der Bukowina, so schlecht sie auch daselbst seiu mag, doch 
noch besser als in den Dörfern ist. Als Prophylaxe kann hier so¬ 
wohl die Impfung als die Individualprophylaxe bei einem Krank¬ 
heitsfälle verstanden werden. Das Elend in den galizischen Städten 
ist sprichwörtlich und nicht zum wenigsten durch Zusammengepfercht¬ 
sein in den Wohnungen charakterisiert. Somit wären gerade in 
den Städten die Bedingungen zur raschen Verbreitung der Blattern 
gegeben. Wenn dennoch die nichtlandwirtschaftliche Bevölkerung 
mehr als die landwirtschaftliche unter den Blattern leidet, so muss 
entweder der Impfschutz ein besserer sein oder es vermag die 
Sanitätsbehörde die Folgen eines Krankheitsfalles besser zu be¬ 
schränken. 


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319 


Die statistischen Daten für den Scharlach geben die beiden 
folgenden Tabellen wieder, die weiteren zwei Tabellen die Daten 
über die Masern, die des besseren Vergleiches wegen wir sofort 
bringen. 


Es starben an Scharlach 

überhaupt 

im 

Alter bis zu 

5 Jahren 

Und 

schaf 

Be 

kei 

M. 

wirt- 
tliche 
v öl* 

•uug 

W. 

nicht 

wirtach 

Be 

ker 

! M. 

Und- 

aftliche 

vö\- 

ung 

W. 

Undwirt- 

schaftliche 

Bevöl¬ 

kerung 

M, | W. 

| nicht 
iwirts« 
Be 

1 ker 

| M. 

Und- 

jhaftl. 

völ- 

ung 

W. 

Wien. 

14 

9 

1 060 

992 

1 

3 

206 

206 

Niederösterr. exkl. Wien 

277 

2681 

351 

319 

51 

57 

67 

67 

Oberösterreich. 

55 

62 

84 

80 

13 

18 

19 

17 

Salzburg. 

9 

13 

13 

24 

1 

3 

2 

5 

Steiermark. 

345 

324 

226 

195 

41 

44 

28 

17 

Kärnten. 

127 

14$ 

76 

53 

3 

3 

6 

4 

Krain. 

796 

737 

244 

244 

139 

91 

37 

39 

Triest s. Gebiet .... 

29 

22 

236 

231 

14 

6 

99 

87 

Görz und Gradiska. . . 

198 

234 

116 

90 

} 268 

253 

106 

69 

Istrien. 

911 

827 

216 

189 

Tirol. 

335 

330 

184 

182 

} 122 

110 

77 

60 

Vorarlberg. 

5 

10 

7 

7 

Böhmen. 

1727 

1661 

3 007 

2 773 

564 

520| 

954 

818 

Mähren. 

1520 

15041 

1639 

1502 

338 

323 

374 

325 

Schlesien. 

464 

455 

643 

601 

209 

187 

315 

272 

Galizien. 

27 246 

25 187 

4 909 

4468 

8 359 

7 526 

1482 

1341 

Bukowina. 

2 361 

2 300 

464 

411 

472 

455 

90 

82 

Dalmatien. 

212 

! 179! 

1 ! 

41 

1 

32 

72 

63 

15 

11 

Österreich. 

36 631 

j 34 26 oj 

13 516 

12 393 

10 667 

9 662 

3 877 

1 

3 420 

Es starben an Masern 






| 



Wien. 

20 

21 

2 110 

2129 

5 

6 i 

846 

906 

Niederösterr. exkl. Wien 

517 

511 

628 

599 

199 

188 

264 

224 

Oberösterreich .... 

193 

227 

285 

296 

65 

77l 

121 

128 

Salzburg. 

26 

28 

48 

44 

23 

21 

28 

29 

Steiermark. 

527; 

575: 

515 

504 

99 

116 

163 

167 

Kärnten. 

139 

150 

57 

73 

67 

67 

21 

29 

Krain. 

359 

32^ 

126 

140 

171 

157 

54 

51 

Triest s. Gebiet . . . 

T 

ll 1 

129 

116 

2 

1 

24 

21 

Görz und Gradiska . . 

128 

107: 

48 

39 

i »> 

i 

37 

39 

Istrien. 

227 

214 

97 

99 

88 

Tirol. 

Vorarlberg. 

199 

1 

155j 

2 

92 

18 

100 

11 

1 « 

55 

52 

48 

Böhmen. 

2199 

2 221 

3 937 

3 975 

883 

900 

1562 

1625 


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320 



überhaupt 

im 

1 Alter bis zu 

5 Jahren 

Es starben an Masern 

landwirt¬ 
schaftliche 
Be¬ 
völkerung ! 

nichtland¬ 
wirtschaft¬ 
liche Be¬ 
völkerung 

landwirt¬ 

schaftliche 

Be¬ 

völkerung 

rieht land¬ 
wirtschaft¬ 
liche Be¬ 
völkerung^ 


M. 

1 w. 

| M. 

I W. 

M. 

W. 1 

M. 

! w. 

Mähren. 

1374 

1321 

1 

1273 

1 164 

462 

414 

i 

! 360 

351 

Schlesien. 

380 

328 

386 


94 

66 

110 

128 

Galizien. 

13 190 

12 5431 

2 394 

2112 

6538 

| 6128, 

1151 

1037 

Bukowina. 

980 

912 

145 

i 128 

302 

278 

41 

43 

Dalmatien. 

230 

266i 

41 


23 

20 

4 

4 

Österreich. 

20 696 

19 92l| 

12 329 

12 00ß| 

9091 

8o82| 

; 4838 4830 


Danach starben an Scharlach auf je 1000000 Lebende im 
Alter bis zn 10 Jahren in 



landwirtschaftliche 

Bevölkerung 

nichtlandwirt¬ 

schaftliche 

Bevölkerung 


M. 

j W. 

B.G. 

M. 

W. 

B.G. 

Niederösterreich. 

535 

486 

510 

833 

766 

799 

Oberösterreich. 

169 

197 

183 

259 

243 

251 

Salzburg. 

127 

193 

159 

180 

300 

243 

Steiermark. 

538 

497 

517 

630 

464 

497 

Kärnten. 

682 

797 

739 

645 

448 

547 

Krain .. 

2217 

2064 

2141 

2055 

2078 

2066 

Küstenland. 

2916 

2871 

2894 

2116 

1930 

2023 

Tirol und Vorarlberg. 

730 

734 

732 

611 

622 

616 

Böhmen. 

815 

774 

794 

887 

823 

855 

Mähren. 

1438 

1414 

1426 

1470 

1351 

1411 

Schlesien. 

2031 

1965 

1998 

1622 

1525 

1674 

Galizien. 

4709 1 

1 4308 

4508 

3140 

2960 

3051 

Bukowina. 

4258 1 

4211 

4235 

2602 

2247 

2422 

Dalmatien. 

406 ! 

368 

387 

646 

508 

578 

Österreich. 

2766 | 

| 2578 

2672 

1346 

1242 

j 1294 


Es starben ferner im Alter bis zn 5 Jahren von 1000000 
Lebender desselben Alters an Scharlach 


Niederösterreich exkl. Wien . . 

457 

1 510 

483 

479 

472 

475 

Oberösterreich. 

197 

274 

235 

280 

245 

262 

Salzburg. 

66 

211 

137 

131 

292 

216 

Steiermark. 

308 

322 

315 

307 

189 

248 

Kärnten. 

78 1 

78 

78 

241 

161 

201 

Krain. 

1820 

1179 

1498 

1439 

1511 

1475 

Küstenland. 

3328 

3088 

3209 

3603 

2777 

3198 

Tirol und Vorarlberg. 

1260 

1139 

1199 

1154 

930 

1044 


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321 


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Österreich. 9429 1 8996 26 016 |24 010 j| 8264 | 7680 |j 1855 | 1620 1061 1033 3522 3314 50 147 46 653 






































— 322 — 



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Endlich starben an Scharlach auf je 1 000 000 Lebender im Alter bis zu 10 Jahren inklusive 











323 



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324 



landwirtschaftliche 

nichtlandwirt- 


Bevölkerung 

schaftliche 

Bevölkerung 


M. | 

w. 

B.G. 

M. 

W. 

B.G. 

Böhmen. 

1284 

1162 

1222 

1327 

1144 

1238 

Mähren. 

1510 

1432 

1471 

1553 

1362 

1452 

Schlesien. 

4227 

3642 

3929 

3620 

3155 

3388 

Galizien. 

6613 

5877 

6244 

4310 

4047 

4181 

Bukowina. 

3956 

3845 

3901 

2324 

2042 

2117 

Dalmatien. 

669 

614 

642 

1140 

: 8i8 

977 

Österreich. 

3783 

3399 

3679 

OG 

! 1584 

1686 


An Masern starben auf je 1000000 Lebender im Alter bis zu 
10 Jahren inkl. 


landwirtschaftliche nichtlandwirtschaftliche 

Bevölkerung Bevölkerung 



M. 

W. 

BG. 

M. 

W. | 

1 BG. 

Niederösterreich. 

987 

969 

978 

1617 

1594 

1605 

•Oberösterreich. 

607 

720 

663 

878 

897 

888 

Salzburg. 

365 

416 

390 

664 

550 

604 

Steiermark . 

822 

881 

852 

1209 

1198 

1204 

Kärnten. 

746 

808 

777 

484 

617 

551 

Krain. 

1000 

921 

961 

1061 

1192 

1126 

Küstenland. 

928 

880 

904 

1021 

961 

991 

Tirol und Vorarlberg . . . 

429 

339 

384 

352 

365 

358 

Böhmen. 

1038 

1035 

1036 

1162 

1180 

1171 

Mähren. 

1299 

1242 

1270 

1142 

1047 

1094 

Schlesien. 

1669 

1417 

1539 

974 

1058 

1016 

Galizien. 

2280 

2146 

2212 

1529 

1399 

1466 

Bukowina . .. 

1767 

1670 

1719 

813 

700 

756 

Dalmatien. 

441 

547 

492 

646 

953 

799 

Österreich. 

1563 

1499 

1531 

1228 

1203 

1216 


ferner starben an Masern im Alter bis zu 5 Jahren von je 1000000 
Lebender desselben Alters (s. S. 325). 

Masern und Scharlach weisen zum grossen Teile gleiche Ver¬ 
teilungsverhältnisse auf. Beide finden wir zumeist beim männlichen 
Geschlechte stärker, doch kommen auch nicht selten Kronländer 
vor, wo entweder bei der landwirtschaftlichen oder bei der nicht¬ 
landwirtschaftlichen Bevölkerung oder bei beiden das weibliche Ge¬ 
schlecht stärker belastet erscheint. Der Grund hierfür ist nicht er¬ 
sichtlich. Er dürfte zumeist in lokalen Verhältnissen liegen, da 
beideroale fast dieselben Kronländer diese Erscheinung aufweisen. 
•Grösser ist nämlich die Sterblichkeit des weiblichen Geschlechtes 


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325 



landwirtschaftliche 

Bevölkerung 

M. ! W. | BG. 

nichtlandwirt8chaftliche 

Bevölkerung 

M. | ff. | BG. 

Niederösterreich excl. Wien 

1783 

1681 

1732 

1888 

1577 

1731 

Oberösterreich. 

985 

1172 

1078 

1781 

1848 

1815 

Salzburg. 

1523 

1480 

1502 

1827 

1696 

1758 

Steiermark. 

745 

848 

797 

1790 

1853 

1821 

Kärnten. 

1739 

1749 

1744 

845 

1165 

1005 

Krain. 

2238 

2035 

2136 

2120 

1976 

2038 

Küstenland. 

1333 

1061 

1198 

1047 

1068 

1057 

Tirol und Vorarlberg . . . 

589 

569 

579 

779 

744 

762 

Böhmen. 

2010 

2012 

2011 

2171 

2273 

2227 

Mähren. 

2020 

1835 

1927 

1495 

1460 

1477 

Schlesien. 

1901 

1285 

1588 

1264 

1485 

1374 

Galizien. 

5174 

4785 

4978 

3347 

3130 

3240 

Bukowina. 

2531 

2362 

2449 

1059 

1071 

1065 

Dalmatien. 

214 

195 

205 

306 

297 

301 

Österreich. 

3224 

3019 

3121 

2230 

2237 

2234 


an Scharlach überhaupt in Oberösterreich 1. B. 1 ), Salzburg b. B. 
Kärnten 1. B., Krain n. B., Tirol b. B., an Scharlach im Alter bis 
zu 5 Jahren in Niederösterreich 1. B., Oberösterreich 1. B., Salz¬ 
burg b. B., Steiermark 1. B., Krain n. B., an Masern überhaupt in 
Oberösterreich b. B., Salzburg 1. B., Steiermark 1. B., Kärnten b. B., 
Krain n. B., Tirol n. B., Böhmen n. B., Schlesien n. B., Dalmatien 
b. B., an Masern im Alter bis zu 5 Jahren in Oberösterreich b. B., 
Steiermark b. B., Kärnten b. B., Küstenland n. B., Böhmen b. B., 
Schlesien n. B., Bukowina n. B. Die Differenz ist öfters so klein, 
dass sie ohne weiteres als zufällig betrachtet und faktische Sterbens¬ 
gleichheit beider Geschlechter angenommen werden kann. In diesem 
Falle würde es genügen, nur das Gesamtresultat für beide Ge¬ 
schlechter zu vergleichen. Der Vorteil dabei läge nicht bloss in 
der Einschränkung des Gebietes des Zufallfehlers. Wo wir, wie 
bei den infektiösen Kinderkrankheiten, die Verbreitungsmöglichkeit 
sich auf dieselbe Weise durch Schul- und Kirchenbesuch, durch 
Zusammenspielen etc. bei Knaben wie bei Mädchen, bei der land¬ 
wirtschaftlichen wie bei der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung 
vollziehen sehen, ist es für unsere Frage gleichgiltig, welches Ge¬ 
schlecht und in welchem Masse ergriffen wird und wird uns die 
Wirkung derselben Ursachen durch die Höhe der Gesamtsterblich- 


1 ) 1. B. = landwirtschaftliche Bevölkerung, n. B. = nichtlandwirtschaft¬ 
liche Bevölkerung, b. B. = landwirtschaftliche und nichtlandwirtschaftliche 
Bevölkerung. 


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— 326 — 



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Auf je 1000000 Lebende im Alter bis 10 Jahre incl. kamen Maserntodesfälle 



















327 


keit charakterisiert. Daher sei im folgenden nnr die Sterblichkeit 
beider Geschlechter für die weiteren Ausführungen berücksichtigt. 

Die Sterblichkeit an Scharlach und Masern ist bald bei der 
landwirtschaftlichen Bevölkerung, bald bei der nichtlandwirtschaft¬ 
lichen Bevölkerung grösser. Auch hier handelt es sich beidemale 
fast stets um dieselben Kronländer. Die Sterblichkeit der nicht¬ 
landwirtschaftlichen Bevölkerung ist deutlich grösser an Scharlach 
überhaupt in Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Böhmen, an 
Scharlach im Alter bis zu 5 Jahren in Oberösterreich, Salzburg, 
Kärnten, Dalmatien, an Masern überhaupt in Niederösterreicb, Ober¬ 
österreich, Salzburg, Steiermark, Krain, Küstenland, Böhmen, Dal¬ 
matien, an Masern im Alter bis zu 5 Jahren in Oberösterreich, Salz¬ 
burg, Steiermark, Tirol, Böhmen, Dalmatien. Die Sterblichkeit der 
landwirtschaftlichen Bevölkerung ist deutlich grösser an Scharlach 
überhaupt in Kärnten, Krain, Küstenland, Tirol, Schlesien, Galizien, 
Bukowina, an Scharlach im Alter bis zu 5 Jahren in Steiermark, 
Tirol, Schlesien, Galizien, Bukowina, an Masern überhaupt in 
Kärnten, Mähren, Schlesien, Galizien, Bukowina, an Masern im Alter 
bis zu 5 Jahren in Kärnten, Krain, Küstenland, Mähren, Schlesien, 
Galizien, Bukowina. Im allgemeinen ist daher die Sterblichkeit an 
Scharlach und Masern in Alpenländern bei der nichtlandwirtschaft¬ 
lichen, in den Karpathenländern bei der landwirtschaftlichen Be¬ 
völkerung grösser. 

In den kleineren Dörfern sind in der Regel weniger Todes¬ 
fälle an Scharlach und Masern als in den grösseren Dörfern; Aus¬ 
nahmen bilden nur für den Scharlach Steiermark, Istrien und Vorarl¬ 
berg, für die Masern Kärnten, Görz-Gradiska und Istrien. In den 
Ortschaften mit 2001—10000 Einwohnern ist zumeist Scharlach 
häufiger, Masern seltener als in den Ortschaften bis 2000 Einwohner. 
Ausnahmen bilden für Scharlach Istrien, Vorarlberg, Mähren, Galizien, 
Dalmatien, zu trifft es für Masern bei Oberösterreich, Kärnten, Krain, 
Görz-Gradiska, Böhmen, Mähren, Galizien, Bukowina. In vielen 
Kronländern kommen auf die Ortschaften von 2001—10000 Ein¬ 
wohner nur wenige Todesfälle an Scharlach und Masern, so dass 
die betreffenden Verhältniszahlen kein sicheres Bild zeichnen. Aus 
diesem Grunde seien auch die Städte mit über 10000 Einwohner 
nur mit den Ortschaften bis 2000 Einwohner verglichen, diese als 
Dörfer, jene als Städte bezeichnet. 

Der Unterschied zwischen Städten und Dörfern ist bei der 
Masernsterblichkeit grösser als bei der Scharlachsterblichkeit. Zu¬ 
meist ist die Sterblichkeit an beiden Todesursachen in den Städten 
grösser als in den Dörfern. Ausnahmen bilden bei Scharlach Görz- 
Gradiska, Istrien, Vorarlberg, Galizieu, Bukowina, Dalmatien, bei 
Masern Görz-Gradiska, Tirol, Vorarlberg, Galizien, Bukowina. Die 

Centralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 23 


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328 


Regel betrifft also die Alpen- und Sudetenländer, die Ausnahme die 
Karpathen- und Karstländer. 

Scharlach und Masern sind Krankheiten, deren Weiter Verbreitung 
von Person zu Person geschieht. Wohl sind Fälle beschrieben, wo 
die Übertragung der Krankheit durch dritte Personen oder durch 
Sachen stattfand. Wenn man auch diesen Fällen volle Beweiskraft 
zuerkennt, so kommen sie doch bei ihrer Seltenheit gegenüber der 
direkten Übertragung der Krankheit nicht in Betracht. Die Gelegen¬ 
heit für die Übertragung findet sich hauptsächlich in der Schule 
und beim Spiele. Wäre die Schule die Hauptursache, so könnte 
ceteris paribus kein Unterschied zwischen Dorf und Stadt bestehen. 
Ist es jedoch das ausserschuliche Beisammensein, so begreifen wir, 
dass die Krankheit dort stärker sich ausbreitet, wo die Wohndichte 
eine grössere ist, als in Städten. Und an die ausserschuliche Ver¬ 
breitung müssen wir bei der Sterblichkeit um so mehr denken, da 
ihr zumeist vorschulpflichtige Kinder zum Opfer fallen. Der Gegen¬ 
satz zwischen Dörfern und Städten hinsichtlich der Sterblichkeit an 
Scharlach und Masern in den Alpen- und Sudetenländern würde 
uns daher erklärlich, der in den Karpathen- und Karstländern um 
so unbegreiflicher erscheinen. 

Doch liegt die Sache nicht ganz so einfach. Bei obiger Aus¬ 
einandersetzung haben wir nicht an die Immunität gedacht. Es ist 
z. B. bei Typhus beobachtet worden, dass ein Teil eines Ortes 
stärker, ein anderer schwächer von der Endemie befallen wurde, 
ohne dass Verschiedenheiten in der Milch beschaff ung, Trinkwasser¬ 
versorgung, Bodenverunreinigung etc. dafür beschuldigt werden 
konnten*). Als Ursache dieser regionären Immunität entdeckte 
man, dass die Bewohner des schwächer befallenen Teiles vor vielen 
Jahren von Typhus heimgesucht worden, dessen Übersteben sie im¬ 
mun gemacht hatte. Ein so viele Jahre zurückliegender Zeitpunkt 
für die Erwerbung der Immunität ist bei Scharlach und Masern 
nicht anzunehmen, schon deswegen nicht, weil die Krankheiten 
Kinderkrankheiten sind und binnen wenigen Jahren wieder eine 
empfängliche Kindergeneration in der Stärke der früheren da ist. 
Es kann sich in unserem Falle also nicht um eine erworbene Im¬ 
munität handeln, sondern]] um eine angeborene. Der mystische 
Nebel, in welchen sich vielfach der Begriff der regionären Immu¬ 
nität überhaupt hüllt, könnte sich zu einer greifbaren Gestalt ver¬ 
dichten, wenn es gelänge, ihn auf angeborene Immunität zurück¬ 
zuführen, die wieder ihrenjürsprung in durch vielfache Krankheits- 
ttberstehung erworbene Immunität der Altvorderen hätte 2 ). Im 

1) Vgl. z. B. P. Frosch, Über regionäre Typhusimmunität. Fest¬ 
schrift zum 60. Geburtstage von R. Koch. Jena 1903. 

2) Bei Masern scheint eine regionäre Immunität ohne vorhergegan- 


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329 


ganzen Universum finden wir das Walten der Anpassung und nur 
der Mensch sollte sich dem E rankheitsgifte nicht anpassen können, 
er sollte die erworbene Immunität nicht fortzüchtend steigern und 
übertragen können? Man braucht nicht an die Vererbung erworbener 
Eigenschaften zu glauben und kann doch eine Vererbung und 
Steigerung der Immunität annehmen, da es sich hierbei um das 
Übergehen eines chemischen Körpers durch die Placenta direkt 
oder durch die Muttermilch indirekt in das Blut des Kindes handelt. 

Würde der Gegensatz von Dorf und Stadt bezüglich der Schar¬ 
lach- und Masernsterblichkeit auf solcher regionärer Immunität be¬ 
ruhen, so müsste eine ausreichende Statistik den Beweis dafür er¬ 
bringen. Denn die gegenwärtig weniger befallenen Gegenden 
müssten in früheren Zeiten stärker befallen gewesen sein. Für 
diesen Beweis reicht unsere Statistik gegenwärtig noch nicht aus. 
Hier ist von der historischen Statistik noch ein grosses Arbeitsfeld 
zu bebauen. 

Für Masern erscheint trotz Madsen das Vorhandensein einer 
regionären Immunität übrigens sehr zweifelhaft. Alle Autoren stimmen 
darin überein, dass, wo immer Masern auftreten, alle nicht durch¬ 
maserten Kinder empfänglich sind. Für Scharlach ist das nicht in 
gleichem Masse erwiesen; möglicherweise gibt es hier eine regio¬ 
näre Immunität. Damit kontrastiert aber die von uns gefundene 
Tatsache, dass der Gegensatz von Dorf und Stadt bei der Masern¬ 
sterblichkeit grösser als bei der Scharlachsterblichkeit ist. 

Masern- und Scharlachsterblichkeit in Städten grösser als in 
Dörfern zu finden, erscheint überraschend beim Gedanken an die 
Triumphe der Prophylaxe der Infektionskrankheiten. Ja es er¬ 
scheint als um so ärgerer Hohn, wenn wir diese beiden Todes¬ 
ursachen in den hygienisch besser gestellten Städten der Alpenläuder 
stärker als in den Dörfern, in den hygienisch vernachlässigten 
Städten der Karpathenländer schwächer als in deren Dörfern auf¬ 
treten sehen. Wer gewohnt ist, die Todesursachenstatistik als Be¬ 
weis für die Erfolge der Prophylaxe ins Feld zu führen, wird von 
dieser Tatsache wenig erfreut sein, welche vor einseitiger Ausschro¬ 
tung der Statistik zu warnen geeignet ist. 

Bevor wir uns weiter mit den Tatsachen der Scharlach- und 
Masernsterblichkeit auseinandersetzen, wollen wir sehen, was die 
Statistik der zwei noch erübrigenden von Person zu Person über- 

gene Krankheit vorzukommen. So berichtet z. B. Madsen (Referat in 
Virchow-Hirschs Jahrbuch 1878), dass auf den Faröer-Inseln die bei der 
Epidemie des Jahres 1846 nicht befallenen Ortschaften auch bei der Epi¬ 
demie des Jahres 1876 verschont blieben. Es ist wohl kaum anzunehmen, 
dass diese Ortschaften ganz ausser Verkehr mit den befallenen Ortschaften 
gestanden haben. 


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330 


tragbaren Krankheiten lehrt. Ich bringe zuerst die Statistik der 
Diphterie. 


Es starben an Diphterie 

überhaupt 

im 

Alter bis zu 

5 Jahren 

landwirt¬ 

schaftliche 

Bevöl¬ 

kerung 

M. ! w. 

nicht 

wirtsch 

Be 5 

ker 

M. 

land- 

aftliche 

eöl- 

ung 

W. 

land 

scliaf 

Be'' 

ker 

M. 

wirt- 

tliche 

röl- 

nng 

W. 

nicht 

wirts< 

Be^ 

ker 

M. 

land- 

jhaftl. 

röl- 

ung 

W. 

Wien. 

22 

12 

1786 

1605 

3 

1 

560 

479- 

Niederösterr. exkl. Wien 

1251 

1168 

1 179 

1063 

326 

301 

312 

293 

Oberösterreich. 

769 

786 

| 630 

569 

215 

200 

219 

181 

Salzburg. 

156 

187 

127 

103 

55 

68 

44 

33 

Steiermark. 

2 232 

2029 

909 

921 

490 

446 

234 

249 

Kärnten. 

711 

MER 

321 

293 

218 

204 

91 

90 

Krain. 

2 446 

2 494 

610 

606 

447 

411 

112 

130 

Triest s. Gebiet .... 

48 

53 

441 

382 

12 

9 

120 

97 

Görz und Gradiska . . 

639 

633 

201 

185 

} 316 

275 

108 

84 

Istrien. 

1230 

1143 

1 280 

386 





Tirol. 

581 

587 

345 

322 

1 ion 

IAA 

Ql 

st 

Vorarlberg. 

26 

23 

100 

63 

j 1 £\J 

1UU 

«71 


Böhmen. 

4 251 

3 969 

5550 

5 265 

1361 

1328 

1893 

1646 

Mähren. 


2 706 

2 075 


859 

833 

611 

591 

Schlesien. 

1078 


771 

807 

394 

341 

261 

274 

Galizien . 

32 616 

29 976 

! 4 996 

4 418 

9 849 

8 710 

1527 

1397 

Bukowina . 



| 357 

363 

261 

275 

82 

59 

Dalmatien . 

1448 

1329 

188 

129 

254 

226 

51 

24 

Österreich. 

iiaii 

20 866 19 459 

15 180 13 718 

6316 

5713 


Auf je 1000000 Lebender im Alter bis 10 Jahre inkl. kamen. 
Todesfälle an Diphtherie 



landwirtschaftliche 

Bevölkerung 

M. | W. 1 B.G. 

nicl 

sc 

Be 

M. 

ltlandwirt- 
baftliche 
völkerung 
! W. | B.G. 

Niederösterreich exkl. Wien . . 

2339 

2150 

2244 

1751 

1558 

1665 

Oberösterreich. 

2417 

2492 

2454 

1941 

1726 

! 1833 

Salzburg. 

2240 

2774 

2502 

1756 

1289 

1511 

Steiermark . .. 

3482 

3110 

3295 

2133 

2190 

2161 

Kärnten. 

3816 

3695 

3756 

2726 

2477 

2601 

Krain. 

6812 

6985 

6898 

5138 

6161 

5149 

Küstenland. 

4913 

4848 

4881 

3434 

3227 

3332 

Tirol und Vorarlberg .... 

1304 

1317 

1310 

1421 

1267 

1292 

Böhmen. 

2070 

1849 

1928 

1638 

1563 

1601 

Mähren. 

2610 

2544 

2577 

1862 

1869 

1865- 


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331 



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332 




landwirtschaftliche 

nichtlandwirt- 



Bevölkerung 

schaftliche 

Bevölkerung 



M. 

W. 

B.G. | 

M. | 

W. | 

I B.G. 

Schlesien . . . . 

. 

4718 

4431 

4574 

1945 1 

2048 

! 

1996 

Galizien. 


5638 

5127 

5381 

3195 

2927 

! 8063 

Bukowina . . . . 

. 

3635 

3709 

3672 

2002 

1984 

1993 

Dalmatien . . . . 


2774 

2735 

2755 

2963 

2050 

2508 

Österreich. 

4099 

3826 

3962 

2079 

1960 

2015 


Es entfielen ferner DiphtherietodesfiLlle im Alter bis zu 
5 Jahren auf 1000000 Lebender des gleichen Alters 


Niederösterreich exkl. Wien . . 

2921 

2691 

2806 

2281 

2062 

2146 

Oberösterreich. 

3257 ( 

3044 

3151 

3223 

2613 

2915 

Salzburg. 

3642 

4089 

3858 

2855 

2222 

2529 

Steiermark. 

3685 

3260 

3470 

2570 

2763 

2666 

Kärnten. 

5657 

5324 

5490 

3660 

3618 

363» 

Krain. 

5852 

5326 

5588 

4356 

5086 

4697 

Küstenland.* . 

3871 

3386 

3630 

3911 

2937 

3433 

Tirol und Vorarlberg .... 

1239 

1035 

1137 

1363 

1256 

1314 

Böhmen. 

3098 

2968 

3033 

2634 

2303 

2473 

Mähren. 

3839 

3692 

3765 

2641 

2458 

2549 

Schlesien. 

7969 

6642 

7293 

2999 

3178 

3088 

Galizien. 

7794 

6801 

7294 

4441 

4216 

4330 

Bukowina. 

2188 

2324 

2256 

2117 

1469 

1787 

Dalmatien. 

2361 

2204 

2284 

3895 

1784 

2819 

Österreich. 

5383 

4826 

5104 

2913 

2644 

2780 


Bei der Diphteriesterblichkeit herrscht viel grössere Gleich¬ 
artigkeit als bei der Scharlach- oder Masernsterblichkeit. Die Ge¬ 
samtsterblichkeit ist in allen Kronländern bei der landwirtschaftlichen* 
Bevölkerung grösser als bei der nichtlandwirtschaftlichen. Desgleichen, 
die Sterblichkeit im Alter bis zu fünf Jahren, doch hier mit Aus¬ 
nahme von Tirol und Dalmatien. Auch ist sowohl bei der land¬ 
wirtschaftlichen, wie bei der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung- 
die Sterblichkeit des männlichen Geschlechtes fast immer grösser 
als die des weiblichen Geschlechtes. 

Die Diphteriesterblichkeit ist in den kleineren Dörfern grösser 
als in den grösseren Dörfern mit Ausnahme von Kärnten, Mähren^ 
Schlesien, Galizien, Bukowina und Dalmatien. Sie ist in den Dörfern 
grösser als in den Ortschaften mit 2001 —10000 Einwohnern mit 
Ausnahme von Salzburg, Steiermark und Vorarlberg, sie ist in dea 
Dörfern grösser als in den Ortschaften mit mehr als 10000 Ein¬ 
wohnern mit Ausnahme von Oberösterreich, Salzburg, Kärnten, Görz- 
Gradiska, Tirol und Dalmatien. Die Sterblichkeit in den kleineren Städten 


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Auf je 100000fr Lebende im Alter bis 10 Jahre inkl. kamen Todesfälle an Diphtherie 


333 



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334 


ist in Niederösterreich, Oberösterreich, Kärnten, Krain, Görz-Gra- 
diska, Tirol und Dalmatien kleiner, in Salzburg, Steiermark, Vorarl¬ 
berg, Schlesien, Galizien und Bukowina grösser als in den grösseren 
Städten. Der Gegensatz zwischen landwirtschaftlicher und nicht¬ 
landwirtschaftlicher Bevölkerung ist also durchgreifender als zwischen 
Dorf und Stadt und dieser stetiger als zwischen kleineren und 
grösseren Städten. 

Alle diese Tatsachen würden unter dem einen Gesichtspunkte 
ohne weiteres ihre Erklärung finden, dass die Diphteriesterblichkeit 
gegenwärtig in ihren Schwankungen nur den Ausdruck für die 
Intensität der Serumanwendung bildet. Diese Hypothese, epidemio¬ 
logisch sicherlich ungerechtfertigt, bedarf vor allem der mangelnden 
historischen Bestätigung durch die Statistik, welche darzutun hätte, 
dass die geschilderten Verhältnisse sich erst mit der Einführung des 
Diphterieheilserums in die ärztliche Praxis so gestaltet haben, in 
der Zeit vor dem Jahre 1895 aber nicht in ähnlicher Weise be¬ 
standen haben. Zu einem geringen Teile ist das statistische Material 
wohl vorhanden, doch da es für unseren Zweck keineswegs aus¬ 
reicht, sehe ich von dessen Anführung ab. Betrachten wir nun 
obige Verhältnisse vom — jetzt wohl nur wenig mehr geteilten — 
Standpunkte eines Serumfanatikers, so werden wir uns vor allem 
sagen, dass das Serum in den Städten häufiger als in den Dörfern, 
bei der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung häufiger als bei der 
landwirtschaftlichen Anwendung findet. In den kleineren Städten 
Schlesiens, Galiziens und der Bukowina ist die Anwendung des 
Serums weit weniger allgemein als in den grösseren Städten, während 
dies von den kleineren Städten anderer Kronländer nicht ausgesagt 
werden kann. Dadurch erklären sich auch Verschiedenheiten in 
dem Verhalten der kleineren zu den grösseren Städten. Wenn wir 
aber noch weiter ins Detail gehen, so finden wir Tatsachen, die 
mit der ausschliesslichen Serumtheorie unvereinbar sind und auf 
das Wirken epidemiologischer Faktoren hinweisen wie z. B. die 
grössere Diphteriesterblichkeit in den Städten gegenüber den Dörfern 
einiger Kronländer. 

In allen Kronländern finden sich weit mehr Keuchhustentodes¬ 
fälle bei der landwirtschaftlichen als bei der nichtlandwirtschaft¬ 
lichen Bevölkerung verzeichnet, ausgenommen nur Böhmen bei allen 
Todesfällen und Dalmatien für die Todesfälle im Alter bis zu fünf 
Jahren. Auf das Verhalten der beiden Geschlechter übt die Be¬ 
schäftigung der Eltern keinen Einfluss aus. 

Die kleineren Dörfer haben eine deutlich höhere Keuchhusten¬ 
sterblichkeit als die grösseren Dörfer in Niederösterreich, Steiermark, 
Kärnten, Krain, eine deutlich niedrigere Sterblichkeit in Oberöster¬ 
reich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg, Böhmen, Schlesien, Galizien und 


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335 


Die statistischen Daten über die Sterblichkeit an Keuchhusten 
bringen die beiden folgenden Tabellen. 


Es starben an Keuch¬ 
husten 


überhaupt 


landwirt- nichtland- 

schaftliche wirtschaft- 

Be- liehe Be¬ 

völkerung | völkerung 


im Alter bis zu 
5 Jahren 

landwirt- nichtland¬ 
schaftliche Wirtschaft- 
Be- liehe Be¬ 
völkerung völkerung 



M. 

W. 

M. 

W. 

M. 

vv. 

M. 

W. 

Wien. 

2 

3 

311 

388 


2 

152 l 

185 

Niederösterr. exkl. Wien 

287 

342 

267 

352 

108 

139 

1L«! 

134 

Oberösterreich .... 

216 

255 

167 

212 

90 

120 

78 

95 

Salzburg. 

46 

42 

30 

33 

16 

18 

13 

13 

Steiermark. 

618 

659 

279 

311 

189 

196 

94 

102 

Kärnten. 

170 

203 

59 

78 

45 

58 

15 

24 

Krain. 

564 

573 

135 

133 

204 

213 

34 

44 

Triest s. Gebiet . . . 

6 

4 

90 

106 

2 

3 

36 

52 

Görz und Gradiska . . 

178 

182 

40 

64 

[ 131 

144 

43 

43 

Istrien. 

126 

183 

26 

27 

1 




Tirol. 

567 

614 

262 

283 

! 250 

261 

129 

148 

Vorarlberg. 

19 

22 

29 

67 

1 



Böhmen. 

1049 

1212 

1675 

2042 

432 

518 

636 

768 

Mähren. 

604 

709 

549 

601 

245 

297 

225 

225 

Schlesien. 

915 

1 025 

588 

679 

367 

401 

246 

276 

Galizien. 

32 020 

33 214 

3127 

3180 

11 109 

11 200 

9961019 

Bukowina. 

2 395 

2 596 

279 

308 

663 

672 

96' 

84 

Dalmatien. 

118, 

14l| 

1 _io 

20 

52 

59| 

8j 

12 

Österreich.| 

39 900| 

41 979 

7923 

8884 

13 903 14 301 

: 2909 3224 


Auf je 1 000000 Lebender im Alter bis zu zehn Jahren inkl. 
kamen Todesfälle an Keuchhusten: 



landwirtschaftliche 

nichtlandwirtschaftliche 


Bevölkerung 

Bevölkerung 


M. 

W. 

BG. 

M. 

w. , 

BG. 

Niederösterreich. 

531 

628 

580 

341 

434 

387 

Oberösterreich. 

679 

808 

743 

515 

634 

579 

Salzburg. 

647 

624 

636 

410 

413 

412 

Steiermark. 

965 

1010 

1 988 

655 j 

739 

697 

Kärnten. . 

912 

1094 

1003 

501 

659 

580 

Krain. 

1576 

1605 

1590 

1137 

1183 

1135 

Küstenland. 

794 

978 

885 

581 

745 

663 

Tirol und Vorarlberg . . . 

1258 

1316 

1374 

931 

1152 

1040 

Böhmen. 

495 

565 

530 

494 

606 

550 

Mähren. 

574 

666 1 

619 

493 

541 

517 


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— 336 — 



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337 



landwirtschaftliche 

nichtlandwirtschaftliche 


Bevölkerung 

Bevölkerung 


M. ! 

w. 

B.G. 

M. 

W 

B.G. 

Schlesien. 

4005 

4427 

4217 

1484 

1723 

1603 

Galizien. 

5535 

5683 

5608 

2000 

2107 

2053 

Bukowina ...... 

4319 

4753 

4534 

1564 

1684 

1625 

Dalmatien. 

226 

290 

258 

158 

318 

273 

Österreich. 

3013 

3159 

3086 

789 

890 

840 


Es kamen ferner Todesfälle an Keuchhusten im Alter bis zu 
fünf Jahren auf je 1000000 Lebender des gleichen Alters: 


Niederösterreich exkl. Wien 

968 

1243 

1105 

754 

943 

858 

Oberösterreich. 

1348 

1826 

1594 

1148 

1371 

1261 

Salzburg. 

1059 

1269 

1161 

848 

760 

802 

Steiermark. 

1418 

1433 

1425 

1032 

1104 

1068 

Kärnten. 

1168 

1513 

1340 

603 

964 

784 

Krain ......... 

2671 

2760 

2715 

1324 

1705 

1514 

Küstenland. 

1576 

1752 

1664 

1356 

1691 

1520 

Tirol und Vorarlberg . . 

2582 

2702 

2642 

1933 

2294 

2110 

Böhmen. 

982 

1158 

1071 

892 

1075 

979 

Mähren. 

1095 

1316 

1206 

934 

936 

935 

Schlesien. 

7423 

7810 

7620 

2827 

3202 

3013 

Galizien. 

8791 

8745 

8768 

2896 

3075 

2984 

Bukowina. 

5657 

5679 

5618 

2479 

2091 

2282 

Dalmatien. 

483 

575 i 

528 

608 

892 

752 

Österreich. 

4948 

5031 

4981 

1342 

1493 

1417 


Bukowina. Die Dörfer haben eine niedrigere Sterblichkeit als die 
Ortschaften mit 2001—10000 Einwohnern in Mähren und Dalmatien, 
sonst überall eine oft sehr beträchtlich höhere, ihre Sterblichkeit ist 
gegenüber den Städten mit mehr als 10 000 Einwohner überall mit 
Ausnahme Steiermarks höher. Die Keuchhustensterblichkeit der 
Ortschaften mit 2001—10000 Einwohnern ist höher als die der 
Städte mit mehr als 10000 Einwohnern in Kärnten, Görz-Gradiska, 
Istrien, Tirol, Vorarlberg, Böhmen, Mähren, Schlesien, Galizien, 
Bukowina, Dalmatien, niedriger in Oberösterreich, Salzburg, Steier¬ 
mark und Krain, lauter Kronländer mit einer geringen Zahl von 
Keuchhustentodesfällen in den Orten mit 2001 — 10000 Einwohnern. 
Wir können daher sagen, dass fast überall die Keuchhustensterb¬ 
lichkeit mit der Zunahme der Ortsgrösse abnimmt. 

Die Keiichhustensterblichkeit zeigt in noch entschiedenererWeise 
jenes Verfemten, das wir an der Diphteriesterblichkeit kennen ge¬ 
lernt haben. Hier steht uns nicht der Erklärengsgrund eines Heil- 


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338 



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Auf je 1000000 Lebende im Alter bis 10 Jabre inkl. kamen Todesfälle an Keuchhusten 




















339 


serums zur Verfügung. Auch darin können wir nur eine weitere- 
Warnung erblicken, in dem Verhalten der Diphteriesterblicbkeit 
ohne weiteres nur die Wirkung des Diphterieserums zu sehen. 

Wenn Keuchhusten tatsächlich unter der landwirtschaftliche» 
Bevölkerung und in Dörfern häufiger als unter der nichtlandwirt¬ 
schaftlichen Bevölkerung und in Städten ist, so liegt darin eine ver¬ 
nichtende Kritik jener Therapie, welche keuchhustenkranke Kinder 
aus den Städten in die Dörfer evakuiert, ein Verfahren, das jeder 
Hygieniker aufs schärfste verurteilen muss, da es mit einem Grund¬ 
sätze der modernen Prophylaxe der Infektionskrankheiten in schroffen* 
Gegensätze steht, und das übrigens immer mehr und mehr von de» 
Kinderärzten als nutzlos anerkannt wird. Fast möchte mir sogar 
dieses Verfahren schädlich für das keuchhustenkranke Kind dünken, 
wenn tatsächlich der Keuchhusten unter der ländlichen Bevölkerung* 
mehr Opfer fordert, sei es, weil das Virus verbreiteter, sei es, das* 
es wirksamer ist. Ist doch z. B. nach Gran eher 1 ) die Prognose der 
Masern bei Privatbehandlung besser als bei Spitalsbehandlung, ins¬ 
besondere sind die Masernpneumonien in Spitälern prognostisch ungün¬ 
stiger, da das Virus durch den wiederholten Übergang von einem Ma¬ 
sernkranken zum anderen an Giftigkeit gewonnen zu haben scheint. 

Bevor wir in der Erörterung weiter gehen, wollen wir sehen, 
wie sich nach anderen Autoren die Verbreitung der letztbesprochenen 
Krankheiten in Stadt und Land stellt, wobei wir uns immer vor 
Augen halten müssen, dass eine Übereinstimmung nicht nötig ist, 
da wir ja auch in unserer Statistik dieselbe nicht immer gefunden. 

Nach Finkelnburg 2 ) ist im 2. Lebensjahre die Gefährdung* 
durch Scharlach, Masern und Keuchhusten in den Städten eine 
grössere, aber keineswegs viel grössere als auf dem Lande, während 
die Diphterie im Gegenteil mehr Opfer auf dem Lande zu fordern 
pflegt als in den Städten; in späteren Jahren des Kindesalters sind 
alle Infektionskrankheiten auf dem Lande häufiger als in den- 
Städten. Dies ist aber auch schon im 2. Lebensjahre dort der Fall, 
wo die sozialen Zustände der arbeitenden Klassen und die sanitäre 
Verwahrlosung von ähnlicher oder vielleicht noch schlimmerer Art 
sind als in den Fahrikstädten. 

Während Finkelnburg seine für die Rheinprovinz geltenden 
Aussagen auf eine Beobachtungszeit von 5 Jahren stützt, benützt 
Kruse 3 ) für seine Untersuchungen nur einzelne Jahre aus der 

1) Nach einem Referate in d. Ztschr. f. Schulgesundheitspflege. 8. Bd. 

2) Über den hygienischen Gegensatz von Stadt und Land, insbeson¬ 
dere in der Rheinprovinz. Wiederabgedruckt in: Ausgew. Abhandlungen 
und Vorträge aus dem Gebiete der Hygiene und Psychiatrie. Berlin 1898^ 

3) Über den Einfluss des städtischen Lebens auf die Volksgesund¬ 
heit. Centralbl. f. allg. Gesundheitspflege. 17. Bd., 79 Seiten; auch einzeln 
zum Preise von Mk. 1,— zu haben. Verlag von Martin Hager, Bonn. 


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340 


preussischen Statistik, wodurch natürlich Zufälligkeiten als Regel 
erdcheinen können. Doch auch er findet, dass im ersten Lebens¬ 
jahre Diphterie, Masern und Scharlach zusammen und Keuchhusten 
auf dem Lande häufiger als in der Stadt, in Kleinstädten häufiger 
als in Grossstädten ist, dass im Alter von 3—5 Jahren Masern und 
Diphterie in den Städten, Scharlach und Keuchhusten auf dem 
Lande häufiger ist. 

Im Jahre 1900 waren Masern in Österreich und in England, 
nicht aber in der Schweiz in den Städten häufiger, Scharlach in 
Österreich seltener, in England häufiger, Diphterie in der Schweiz 
und England häufiger, in Österreich ziemlich gleich häufig, Keuch¬ 
husten in Österreich und der Schweiz seltener, in England häufiger 
in den Städten als im ganzen Staate, ln diesem einen Jahre ver¬ 
halten sich diese drei Staaten sehr verschieden 1 2 3 ). 

Nach Noder*) ist die Morbidität an Diphterie, Masern, Schar¬ 
lach und Keuchhusten in Augsburg, oft sogar bedeutend, grösser 
als in Schwaben. Bei Roth 8 ) lesen wir, dass Masern, Keuchhusten 
und Diphterie allgemein, in Bayern, Sachsen und Württemberg ausser¬ 
dem auch Scharlach auf dem Lande überwiegen. Es ist wohl nicht 
nötig, noch weitere Autoren zu zitieren, da die vorgebrachten Zitate 
Beweis genug dafür sind, dass die Verteilung von Scharlach, Masern, 
Diphterie und Keuchhusten auf Land und Stadt in den verschiedenen 
Staaten variiert, wenn auch manche Gleichheiten bestehen. Die Ver¬ 
teilung hängt eben nicht hauptsächlich mit dem Begriffe der Stadt 
oder des Landes, sondern mit anderen Faktoren zusammen, wie dies 
ja auch Finkelnburg in seiner erwähnten Bemerkung annimmt; 
die Erforschung dieser Faktoren würde die Prophylaxe der Infektions¬ 
krankheiten stark fördern, falls sie von der Art sind, dass der 
Mensch ihnen schon entgegentreten kann. Doch bevor man an die 
Erforschung dieser Faktoren herantritt, gilt es erst genau festzustellen, 
inwiefern die Statistik den Tatsachen entspricht. 

Kruse hält einen Zweifel an der Richtigkeit seiner Statistik 
nicht bloss für erlaubt, sondern sogar für nötig, da als Todesursache 
nicht überall die Infektionskrankheit, sondern oft die Folgekrank¬ 
heit angegeben wird. Dieser Meinung ist auch Stadler 4 * ) für Öster¬ 
reich. Wo dies geschieht, lässt Stadler unentschieden, während 


1) 19. Jahresbericht der Fortschritte und Leistungen auf dem Ge¬ 
biete der Hygiene. 

2) Die Gesundheitsverhältnisse in Grossstädten und auf dem Lande. 
Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege. 34. Bd. 

3) Die Wechselbeziehungen zwischen Stadt und Land in gesundheit¬ 
licher Beziehung und die Sanierung des Landes. Braunschweig 1903. 

4) Die Infektionskrankheiten im Jahre 1899. Das österreichische 

Sanitätswesen, Jahrg. 1900. 


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341 


Kruse meint, dass dies in den Städten geschehe. Wenn ich der 
gegenteiligen Ansicht bin und meine, dass gerade auf dem Lande 
häufiger die Folgekrankheit als Todesursache figuriert, so steht An¬ 
sicht gegen Ansicht, da ich für meine Ansicht keinen bindenden 
Beweis beibringen kann. Ich kann nur erwähnen, dass die ärzt¬ 
liche Behandlung auf dem Lande viel zu wünschen übrig lässt, dem 
Laien aber der Zusammenhang zwischen Infektionskrankheit und 
Folgekrankheit zum grössten Teile unbekannt ist und sie demgemäss 
schliesslich an die vorhergegangene Infektionskrankheit nicht denken. 

Die Setzung der Folgekrankheit an Stelle der infektiösen 
Grundkrankheit hat nur dort statistische Bedeutung, wo erstens die 
Folgekrankheit häufig ist, und eine grosse Letalität hat, und wo 
zweitens nicht das Hauptkontingent der Todesfälle wenige Tage 
nach Ausbruch der Infektionskrankheit sich ereignet. Es kann 
dies daher nicht bei Diphterie, wohl aber bei Keuchhusten, bei 
Masern und bei Scharlach der Fall sein. Wir können demnach die 
Statistik der Diphterie als richtig hinnehraen, soweit obiger Ein¬ 
wand in Frage kommt; tatsächlich stimmen auch hinsichtlich der 
Diphteriemortalität alle Statistiken überein. Von den anderen drei 
Krankheiten werden wahrscheinlich die Masern am meisten in ihrer 
Statistik durch obigen Umstand beeinflusst erscheinen, da Pneu¬ 
monien und Lungentuberkulose, die zu den häufigsten Todes¬ 
ursachen bei Masern gehören, oft erst nach Monaten letal endigen. 
Die widerrechtlich der Statistik der Masern, des Scharlachs und 
des Keuchhustens entzogenen Todesfälle werden der Statistik der 
Tuberkulose, der Lungenentzündung, der Krankheiten der Respira¬ 
tionsorgane und der der Harnorgane zufallen. Aus der Statistik 
dieser Todesursachen herausbringen, inwieweit und wo dies sich 
ereignet, ist nicht möglich, weshalb ich von der Beibringung dieser 
Statistik absehe. Denn woher will man das Mass nehmen, das von 
diesen Todesursachen nicht überschritten werden darf? 

Die Statistik der Infektionskrankheiten wird um so weniger Ein¬ 
busse erleiden, je schwerer die Krankheit im Volke bewertet wird 
und je ängstlicher ärztliche Hilfe aufgesucht wird. Der Ruf, welchen 
die Diphterie geniesst, wird sie davor bewahren, so oft wie Masern 
und Keuchhusten unbehandelt zu bleiben; wird bei letzteren später 
ein Arzt herbeigezogen werden müssen, wird man ihm aus begreif¬ 
lichen Gründen die Grundkrankheit zu verheimlichen trachten. Dies 
aber wird sicherlich auf dem Lande, bei der landwirtschaftlichen 
Bevölkerung, häufiger als in der Stadt, bei der nichtlandwirtschaft¬ 
lichen Bevölkerung sich ereignen. Sind Masern und Keuchhusten 
in den Städten, bei der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung häufiger, 
so wird der Gegensatz dort um so stärker auftreten, wo es um die 
Beschaffung ärztlicher Hilfe am schlechtesten bestellt ist. 


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342 


Der aus diesem Grunde auftretende schroffere Gegensatz wird 
aber nicht alle Altersklassen gleich betreffen, sondern nur bis zum 
5. Lebensjahre anzutreffen sein. Für das schulpflichtige Alter 
haben wir im Schulbesuche bis zu einem gewissen Grade eine Kon¬ 
trolle für das Auftreten der Infektionskrankheiten. Es wird daher 
ein auffällig schroffer Gegensatz in der Statistik der ersten 
5 Lebensjahre gegenüber der für die ersten 10 Jahre eine Bestäti¬ 
gung für die Berechtigung von Zweifel an der Statistik bilden. 

Der schroffere Gegensatz findet aber bei Keuchhusten in 
einem anderen Umstande eine — wie weit gehende, lässt sich nicht 
bestimmen — Abmilderung, da es beim Volke, wie jeder praktische 
Arzt weiss, sehr beliebt ist, jeden stärkeren Husten als Krampf¬ 
husten aufzufassen. Der Arzt, der zu einer terminalen Pneumonie 
bei einem Bronchialkatarrhe oder zu einem auf andere Weise töd¬ 
lich endigenden Bronchialkatarrh gerufen wird, wird die ihm ent¬ 
gegengebrachte Diagnose des Keuchhustens auf Treu und Glauben 
hinnehmen, wozu noch kommt, dass Todesfälle an Keuchhusten 
nach zurückgelegtem 5. Jahre zu den Seltenheiten gehören. 

Vergleichen wir nun kronlandweise 1 ) das Mortalitätsverhältnis 
der landwirtschaftlichen und der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung 
für jede der 4 Infektionskrankheiten mit dem Mortalitätsverhältnisse 
bis zu 5 Jahren für die Summe beider Geschlechter. Der lOOfache 
Quotient betrug: 




Scharlach 

1 Masern 

Diphtherie 

Keuchhusten 



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Oberösterreich 


137« 

111 

134 

168 

75 

93 

78 

79 

Salzburg. . . 


153 

158 

155 

117 

60 

66 

65 

69 

Steiermark . . 


96 

79 

141 

228 

66 

77 

71 

75 

Kärnten . . . 


74 

258 

71 

58 

69 

66 

58 

59 

Krain . . . . 


97 

98 

117 

95 

75 

84 

71 

56 

Küstenland. . 

. 

70 

100 

109 

88 

68 

95 

75 

91 

Tirol u. Vorarlberg 

84 ! 

87 

93 

132 

99 

116 

76 

80 

Böhmen . . . 


108 

101 

113 

111 

SS 

82 

104 

91 

Mähren . . . 


99 

99 

86 

77 

72 

68 

84 

78 

Schlesien. . . 

. 

84 

86 

66 

87 

44 

42 

38 

39 

Galizien . . . 

. , 

68 

67 

66 

65 

57 

59 

37 

34 

Bukowina . . 

. 

57 

54 

44 

43 

54 

79 

36 

41 

Dalmatien . . 

• • 

149 

152 

162 

147 

91 

123 

92 

142 


1) mit Ausnahme von Niederösterreich. 


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343 


Gerade in Galizien finden wir die Quotienten am wenigsten 
voneinander verschieden, beinahe so wie z. B. in Böhmen. Die 
durch die Schulpflicht entstandene Kontrolle wirkt demnach in 
Ländern mit schlechter Beschaffung ärztlicher Hilfe nicht anders 
auf die Statistik der Infektionskrankheiten ein, als in Ländern mit 
guter Beschaffung ärztlicher Hilfe. Wir haben also an ihr keinen 
Beistand bei der Entscheidung über die Richtigkeit unserer Statistik, 
deren Verschiedenheiten wir daher — allerdings mit Vorbehalt — 
als der Wirklichkeit entsprechend anzunehmen uns genötigt sehen. 

Welches sind nun die Ursachen der verschiedenen Häufigkeit 
von Masern, Scharlach, Diphterie und Keuchhusten bei der land¬ 
wirtschaftlichen und bei der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung, 
in Dörfern und in Städten? 

Bei Keuchhusten ist die Erklärung wohl nicht schwer. Da 
seine Diagnose zu den vom Volke mit Vorliebe gestellten gehört, 
wird er bei der landwirtschaftlichen Bevölkerung, in Dörfern häufiger 
als bei der nichtlandwirtschaftlichen, in Städten als Todesursache 
verzeichnet sein. Dies wird durch den Modus der Infektion und 
die Prophylaxe nicht abgeändert. Letztere ist auf dem Lande so 
gut wie gar nicht vorhanden, und auch in den Städten ist es um 
sie nicht zum besten bestellt. Immerhin kommt es doch in Städten 
eher noch vor, dass von keuchhustenkranken Kindern die anderen 
Kinder fern gehalten werden. Auf dem Lande tritt dies nur dort 
ein, wo die keuchhustenkranken Kinder in entlegenen Höfen wohnen 
oder nur für gesunde in entlegenen Höfen wohnende Kinder. Sonst 
ist der Infektion Tür und Tor geöffnet, und da sie fast nur durch 
direktes Anhusten zustande kommt, unterscheiden sich diesbezüglich 
nicht die ländlichen Verhältnisse von den städtischen. Wenn nun 
weiterhin auf dem Lande durch zu späte Inanspruchnahme der ärzt¬ 
lichen Hilfe das Sterblichkeitskonto des Keuchhustens mehr als in 
Städten belastet wird, so hier wieder dadurch, dass es sich — dank 
dem städtischen Massenelend — oft um schwächliche, durch Magen¬ 
darmaff ektionen herabgekommene, rhachitisch gewordene Kinder 
handelt. Diese Erwägung lässt es wahrscheinlich erscheinen, dass 
Stadt und Land eigentlich hinsichtlich des Keuchhustens nicht ver¬ 
schieden sind. Man erkennt aber auch, dass die Bekämpfung des 
Keuchhustens als Todesursache nicht bloss von der Verhütung der 
Übertragung abhängt, sondern dass wir die Keuchhustensterblich¬ 
keit nur dann wirksam herabsetzen können, wenn wir bessere sani¬ 
täre Zustände zu schaffen trachten, zu welchen für das Land die 
rechtzeitige ärztliche Hilfe, für die Stadt die Bekämpfung des 
Massenelendes, speziell die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit 
gehört. Dass aber auch die Infektionsgelegenheit an der Ver¬ 
schiedenheit der Keuchhustensterblichkeit beteiligt ist, ist ja an 

Oentralblatt f. aller. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 24 


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344 


und für sich selbstverständlich und ersehen wir es überdies an dem 
Verhalten der Mittel- und Grossstädte hinsichtlich der Zahl ihrer 
Keuchbustentodesfälle, das nicht in allen Kronländern sich gleich bleibt. 

Die Diphterie gehört zu den Krankheiten, deren Prophylaxe 
eine möglichst sorgsame ist. Sie steht also diesbezüglich im Gegen¬ 
sätze zum Keuchhusten. In prophylaktischer Hinsicht steht ihr 
Scharlach nahe, dem Keuchhusten Masern. Alle diese vier Krank¬ 
heiten sind in grösseren Städten fast ununterbrochen vorhanden, 
während sie in vielen Dörfern oft jahrzehntelang nicht Vorkommen. 
Brechen sie aber daselbst aus, so verhalten sie sich nicht gleich. 

Bekannt ist die geographische Form der Masernverbreitung. 
Sie verbreiten sich nicht sprungweise, sondern kontinuierlich und 
wo sie sich in einem Dorfe einfinden, befallen sie fast immer alle 
noch nicht durchgemaserten Kinder. Es sind zwar auch davon Aus¬ 
nahmen bekannt. So beschrieb z. B. Gryglewicz 1 ) eine Masern¬ 
epidemie in Introschin, wo nur Kinder der einen Konfession (Ka¬ 
tholiken) befallen wurden, die der anderen Konfessionen (Evange¬ 
lische, Juden) nicht; doch ist zu bemerken, dass jede Konfession 
auch ihre eigene Schule hatte. Wäre aber auch diese Erklärung 
nicht vorhanden, so würde es sich immerhin hier nur um eine Aus¬ 
nahme handeln. Die Regel ist, dass in Dörfern der erste Masern¬ 
fall die Durchraaserung des ganzen Dorfes veranlasst. Ähnliches 
wiederholt sich von Zeit zu Zeit (in Zwischenräumen von 2—5 Jahren) 
auch in Städten, nur mit dem Unterschiede, dass auch in Nicht¬ 
epidemiejahren — durchaus nicht vereinzelt dastehende — Masern¬ 
fälle Vorkommen. Da die Prophylaxis der Masern, weil stets zu 
spät einsetzend, nichts ausrichtet, so werden wir, im allgemeinen, 
zumal bei der genauer in Städten befolgten Anzeigepflicht von In¬ 
fektionskrankheiten, eine grössere Masernverbreitung in Städten, 
resp. bei der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung finden. Masern¬ 
ausbreitung und Masernsterblichkeit decken sich aber nicht. Die 
Letalität bei Masern wird mit zunehmendem Elende wachsen. Da 
wir dieses Elend in grösserem Massstabe in Grossstädten finden, 
werden wir bei jenen Kronländern, wo die Städteentwicklung be¬ 
deutender ist, in den Städten die grössere Masernsterblichkeit an¬ 
treffen. Wo wir dieses Elend, wie z. B. in Galizien und Bukowina, 
auch auf dem Lande — und da oft noch stärker als in den Städten 
— antreffen, werden wir in Dörfern, bei der landwirtschaftlichen 
Bevölkerung die grössere Sterblichkeit antreffen. 

Anders wieder bei Diphterie und Scharlach, wo auch die 
Prophylaxe der Ausbreitung der Krankheit entgegentritt. Bei diesen 
beiden Krankheiten kommt es nicht regelmässig wie bei Masern 


1) Zitiert nach Zeitschr. f. Schulgesundheitspflege, 7. Bd. 


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345 


yur Masseneruption. Wohl sind auch solche Fälle bekannt und sie 
sind bei Diphterie durchaus nicht allzu selten. Ohne mich weiter in 
Literaturangaben einzulassen, bemerke ich nur, dass eine Durch¬ 
seuchung ganzer Ortschaften mit Diphterie in annähernd ähnlichem 
Grade wie bei Masern dort beobachtet wurde, wo die Diphterie eine 
bis dahin ganz oder fast ganz unbekannte Krankheit war. Das 
epidemische Auftreten der Diphterie scheint sich tatsächlich danach 
zu richten, ob sporadische Fälle vorgekoramen sind oder nicht. Wo 
die Diptherie nie ausstirbt, wie in Städten, dort erreicht eine Epi¬ 
demie nicht die Höhe wie in Dörfern, wo sie bis dahin unbekannt 
war. Nicht — oder nicht bloss —, weil das Gift schwächer ist. 
Sondern, weil es wahrscheinlich eine grosse Zahl unter dem Bilde 
leichter Anginen verlaufender Infektionen erzeugt hatte, welche Im¬ 
munität bewirkten. Denken wir nun weiter daran, dass die Pro¬ 
phylaxe der Diphterie in Städten besser als auf dem Lande ist, so 
werden wir das stärkere Befallensein der landwirtschaftlichen Be¬ 
völkerung, resp. der Dörfer begreifen. 

Scharlach verhält sich zum Teil ähnlich wie Diphterie, doch 
scheinen Scharlachepideraien in ihrer Stärke weniger von dem bis 
herigen Verschontsein einer Gegend abhängig zu sein. Auch ver¬ 
breitet sich Scharlach ebenso wie Diphterie nicht kontinuierlich, 
sondern mehr sprungweise. Dagegen ist die Prophylaxe in Städten 
nicht allzuviel besser als in Dörfern. So bildet dann das Verhalten 
des Scharlach ein Mittelglied zwischen dem Verhalten der Masern 
und der Diphterie und es hängt von epidemischen Faktoren ab, 
ob er stärker die landwirtschaftliche oder die nichtlandwirtschaft¬ 
liche Bevölkerung heimsucht. 

Diese Auseinandersetzungen finden ihre volle Bestätigung in 
unserer Statistik, aus der wir aber für die Prophylaxe von Masern, 
Scharlach und Diphterie nur wenig lernen können. Wir haben nur 
gesehen, dass es kein der Stadt oder dem Dorfe als solchem eigen¬ 
tümlicher Faktor ist, welcher die stärkere Ausbreitung dieser Krank¬ 
heiten hier oder dort bedingt. Wir fanden vielmehr — mit Aus¬ 
nahme etwa der Diphterie —, dass wir es stets mit durch den 
Menschen beeinflussbaren Faktoren zu tun haben, nur dass eine Be¬ 
einflussung der Faktoren, so genau man auch den einzuschlagenden 
Weg kennt, sehr schwer möglich ist. Da müssen wir uns vorder¬ 
hand mit dem durch das Verhalten der Diphterie angeregten Ge¬ 
danken trösten, dass jedes Krankheitsgift in sich selbst auch den 
Keim zu seiner Bekämpfung trägt, indem Krankheiten durch Her¬ 
vorbringung von Immunität vielleicht sogar aussterben können. 


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Antwort auf den offenen Brief des Herrn 
Sanitätsrates Dr. Lindemann. 

Von 

Dr. Rudolf Emmerich, 

Kgl. Universitätsprofessor. 


Soeben kommt mir Ihr offener Brief an mich im 5. und 6. Heft 
des Zentralblattes für allgemeine Gesundheitspflege 1906 in die 
Hände. Ich beantworte denselben sofort. 

Sie sagen: „Pathos und Schwulst und masslose Übertreibung, 
die geeignet ist zu demagogischer Aufreizung, sind hässlich hervor¬ 
tretende Eigenschaften des Emmerichschen Gutachtens/ 

Darauf erwidere ich nochmals, dass es für mich dringend 
nötig war, eine energische Sprache zu reden, „um die von den 
Trinkwassertheoretikern mit Füssen getretene und fast schon erdrosselte 
Wahrheit zum Durchbruch zu bringen.“ 

Von einer demagogischen Aufreizung durch mein Gutachten 
war aber absolut nichts zu bemerken. Dagegen hatte die Auf¬ 
wiegelung der Volksmassen durch die von den Trinkwassertheoretikern 
gegen das Wasserwerk erhobenen schweren Anschuldigungen einen 
sehr hohen Grad erreicht, so dass sogar Entschädigungsklagen Pri¬ 
vater im Betrage von mehr als 100 000 Mk. anhängig waren. 

Sie haben ja immer nur das Wasserwerk beschuldigt und 
von der Boden Versumpfung und Verunreinigung, den schlimmen 
Salubritätszuständen, von dem Mangel und der Mangelhaftigkeit 
fast aller sanitären Einrichtungen des Epidemiegebietes hat niemand 
ein Sterbenswörtchen gesagt. Da war es meine Pflicht und Schuldig¬ 
keit diese an den Pranger zu stellen und nacbzuweisen, dass die 
lokalen und zeitlichen Bedingungen für die Entstehung einer Typhus¬ 
epidemie, die Sie ebenfalls völlig ignorierten, im höchsten Masse 
gegeben waren. 

Für die Behauptung, dass ich übertrieben habe, sind Sie mir 
bis heute den Beweis schuldig geblieben. 

Mir aber beweisen äusserst zahlreiche, zum Teil sehr umfang¬ 
reiche Zuschriften Ihrer früheren und jetzigen Mitbürger, dass meine 


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347 


Schilderungen noch lange nicht alle Missstände berührten, welche 
bei der Entstehung der Epidemie eine ätiologische Rolle gespielt 
haben. 

Sie werfen meinem Gutachten Mangel an Sachlichkeit und 
Ruhe vor, während Sie sich selbst in Ihrem offenen Briefe wie ein 
brüllender Löwe gebärden. 

Diese masslose Heftigkeit und Gereiztheit, die aus jeder Zeile 
Ihres offenen Briefes spricht, zeigt mir, dass ich die schwache Seite 
Ihres Gedankenganges getroffen habe, und dass Sie, freilich ohne 
es einzugesteben, selber einsehen, wie gänzlich haltlos Ihr Versuch 
ist, die am 30. und 31. Aug. gefallenen Regen als eine Ursache 
der Gelsenkirchener Epidemie hinzustellen. 

Wenn die Regen vom 30. und 31. Aug. die Epidemie durch 
Hineinschwemmen von Schmutzstoffen und Typhusbazillen in die 
Ruhr, wie Sie behaupten, verursacht hätten, dann müsste der Beginn 
der Epidemie d. h. die Anmeldung der ersten Fälle auf den 9. oder 
10. Sept. fallen, da es, wie Sie selbst sagen, 8—9 Tage dauert, 
bis nach erfolgter Infektion die Krankheitserscheinungen ausgeprägt 
sind. Das ist doch richtig, und Sie haben dagegen nichts ein¬ 
zuwenden. 

War es nun so, wurden die ersten Typhusfälle wirklich erst 
vom 10. Sept. ab angemeldet?! Nein, da fehlt es weit, sehr weit! 

Im August bis zum 1. Sept. waren im Kreise Gelsenkirchen 
und Königsteele allein 31 Typhusfälle zur Anzeige gelangt. 

Dazu kommen bis zum 10. Sept. noch 57 Typhusfälle, deren 
Infektion vor den angeblichen Regen am 30. und 31. Aug. statt¬ 
gefunden haben muss, da, wie Sie selber hervorheben, die Diagnose 
frühestens 8—9 Tage nach erfolgter Infektion gestellt werden kann. 

Ihre Ansicht wäre also selbst nicht einmal dann richtig, wenn 
es beim Typhus keine Inkubationszeit gäbe. Sie führen die Ent¬ 
stehung der Seuche auf eine Ursache zurück, die erst zu wirken 
begann, als die Epidemie bereits in voller Entwicklung war. Wo 
bleibt da die Logik, ich will nicht sagen der gesunde Menschen¬ 
verstand?! 

Auch die anderen Anhänger der Trinkwassertheorie sind 
nicht Ihrer Ansicht und verurteilen dieselbe auf das bestimmteste. 
Selbst Springfeld verlegt den Beginn der Epidemie auf den 
29 . Aug. Tatsächlich hat die Epidemie in Königsteele schon Ende 
Juli, in Gelsenkirchen Stadt am 20. Aug., in Wanne und Bismarck 
am 13 Aug. und in Ueckendorf am 14. Aug. begonnen. 

Aber gesetzt den Fall, die in den ersten Tagen des Sept. in 
Gelsenkirchen angemeldeten Typhusfälle wären wirklich durch die 
vom Regen am 30. und 31. Aug. bewirkte Infektion der Ruhr ver¬ 
ursacht. Wie wollen Sie es dann erklären, dass der erste Typhus- 


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348 


fall in Katernberg und Kray erst am 14. Sept., im Amte Bner am 
23. Sept. und in rheinisch. Leyte gar erst am 30. Sept. sich 
ereignet hat? Da müssten Sie ja annehmen, dass der Typhus i» 
-Gelsenkirchen keine, in Katernberg und Kray eine vierzehntägige,, 
in Buer eine dreiwöchige und in Leythe eine dreissigtägige- 
Inkubationszeit hat! 

Sie sind also nicht bloss im Unrecht, es war vielmehr gerade 
das Gegenteil von dem, was Sie behaupten, wie auch Herr Geheim¬ 
rat Dr. Koch in der Gerichtssitzung anerkannte, der Fall. Die 
starken Regen zu Ende August und am 1. Sept. hatten zur Folge, 
dass die in steilem Anstieg begriffene Typhusfrequenzkurve vonk 
18. Sept. ab eine stark abfallende Richtung annahm. Das steht 
fest, da beisst die Maus keinen Faden ab. 

Mit vollem Recht habe ich Ihnen entgegengehalten: „Gesetzt 
den Fall, die Regen zu Ende August hätten das Unglück verursacht, 
dann hätten doch die stärkeren Regen zu Mitte September noch vieE 
verheerender wirken müssen, da nunmehr die Typhusdejektionea 
der schon so zahlreichen Kranken in noch viel grösserem Masse: 
in den Fluss gelangen mussten, als zu Ende August.“ 

Diesen Einwand können Sie nicht durch die Tatsache be¬ 
seitigen, dass der grösste Teil des Epidemie-Gebietes nach der 
Emscher und nicht nach der Ruhr entwässert; denn auch im Ruhr¬ 
gebiet kamen, wie die betreffenden Ärzte in der Gerichtssitzung- 
nachwiesen, im September viele Typhusfälle vor, so z. B. bis zum» 
26. Sept. in Königsteele allein acht Fälle. Auch das ist nicht richtig, 
dass der kleine Teil des Gebietes, der seine Abwässer nach der 
Ruhr ableitet, diese unterhalb der Pumpstation des Wasserwerke» 
dem Flusse zuführt. Haben Sie denn den berüchtigten und historisch 
gewordenen Eibergbach, der 300 m oberhalb der Pumpstation in 
die Ruhr mündet, schon wieder ganz vergessen? Haben Sie in 
den Gerichtsverhandlungen, in denen alles „unparteiisch und nach 
bestem Wissen und Gewissen a festgestellt wurde, nicht gehört, das» 
die Dejektionen des typhuskranken Torbegen in der Wiesenstrasser 
nicht im August, sondern im September in den Eibergbach gelangten, 
und dass in der gleichen Strasse auch am 11., 14. und 17. Sept. 
Typhusfälle vorgekommen sind? 

Da es schon am 9. Sept. stark regnete, und da es bis zun* 
18. Sept. ununterbrochen aussergewöhnlich stark fortregnete, so- 
mussten in dieser Zeit ungemein viel grössere Massen von Typhus¬ 
bazillen in die Ruhr gelangen als bei den viel kürzer dauerndea 
Regen zu Ende August, als die Epidemie erst im Beginn war. Da» 
Stichrohr wurde ja erst am 22. oder 24. Sept. beseitigt. 

Aber es trat wieder gerade das Gegenteil von dem ein, wa» 
man nach Ihrem Wasserstandpunkt annehmen müsste. 


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349 


Statt eines Anstieges der Typhusfrequenzkurve erfolgte genau 
drei Wochen nach diesen Regenfällen eine fortgesetzte Abwärts¬ 
bewegung der Typbus-Morbilitätskurve, und zwar ging dieselbe bald 
ebenso steil nach abwärts, wie sie sich zu Anfang September in 
raschem Anstieg erhoben hatte. 

Diese Tatsache tritt noch um so bestimmter hervor, wenn man 
bedenkt, dass es nach dem Auftreten der ersten Symptome immer 
einige Tage dauert, bis der Arzt die Diagnose sicher gestellt hat, 
nnd den Fall zur Anzeige bringt. Hierüber steht mir ziffermässiges 
Material zur Verfügung, welches ich bei einer Typhusepidemie in 
einer bayrischen Stadt gesammelt habe. 

Ich bin ganz damit einverstanden, dass wir es nunmehr dem 
Urteile der Fachgenossen überlassen, auf wen von uns beiden mein 
Wort passt: „Wer so leichthin in so schwerwiegenden Fragen Schlüsse 
zieht, sollte mit der Kritik anderer vorsichtiger sein. 44 

Ich beschränke mich auf Wunsch der Redaktion auf die 
Widerlegung des sachlichen Teils Ihres offenen Briefes; nötigen¬ 
falls werde ich Ihnen aber zeigen, dass ich auch von dem Sprich¬ 
wort Gebrauch machen kann: „Auf einen groben Klotz gehört ein 
grober Keil. 44 Das Bibellesen muss ich Ihnen überlassen. Vielleicht 
finden sie darin mehr Befriedigung als in Ihren nichts weniger als 
glücklichen epidemiologischen Bemühungen. 

Den Aufsatz von Dr. Volkhausen über die Typhusepidemie 

1904 in Detmold habe ich längst gelesen. Dagegen scheint Ihnen 
die Abhandlung des geistreichen nnd logisch denkenden Detmolder 
Arztes Dr. Anerbach (Die Typhusepidemie in Detmold und die 
Trinkwassertherie Journ. für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung 

1905 p. 862 etc.) unbekannt zu sein, in welcher derselbe schlagend 
nachweist, dass das Trinkwasser nicht die Ursache der Detmolder 
Epidemie war. 

Die epidemiologischen Tatsachen zeigen, dass Typhusbazillen, 
auch wenn sie ins Trinkwasser gelangen sollten, keine Infektionen 
verursachen, und in der Tat haben die Detmolder das typhus¬ 
bazillenhaltige Leitungswasser, in welchem Stabsarzt Dr. Nötel am 
10. Nov. Typhusbazillen nachgewiesen hat, bis zum 28. Nov. ungekocht 
getrunken, ohne dass auch nur ein einziger erkrankte. 

Nur im Interesse der Feststellung der Wahrheit habe ich mich 
zu dieser Entgegnung auf Ihren offenen Brief entschlossen. Ich 
will nun sehen, Herr Sanitätsrat, ob Sie sich vor den Tatsachen 
beugen, oder ob Sie auch weiterhin auf Ihrem Irrtum beharren. 


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350 


Kleine Mitteilungen. 


Staffelbauordnungen in deutschen St&dten. 

Von J. Stübben, Dr.-Itig. 

Aus den Ergebnissen einer Rundfrage teilen wir die nach¬ 
stehende Zusammenstellung mit, die zwar keineswegs Inhalt und 
Wesen der abgestuften Bauordnungen erschöpfend darstellt, wohl 
aber eine allgemeine Übersicht gibt über die Art, in welcher die 
in den verschiedenen Städten zuständigen Behörden die Staffelung 
der Bauvorschriften aufgefasst haben. Des besseren Vergleichs 
wegen weicht die Bezeichnung der Bauklassen zum Teil von der 
an Ort und Stelle gebräuchlichen ab. Für Eck- und ähnliche 
Grundstücke ist in der Regel eine etwas engere Bebauung zu¬ 
gelassen. — Zur Ergänzung dieser Übersicht wären in gesundheit¬ 
licher Beziehung vornehmlich noch vergleichende Angaben nötig 
über die geforderten Hofflächen, über das Verhältnis zwischen 
Gebäudehöhe und Hofbreite, über die zulässige Grössthöhe, über 
Zulässigkeit von Fabriken, von Keller- und Dachwohnungen, endlich 
über die Abstufung der Bestimmungen je nach der Gebäude¬ 
gattung (grosse und kleine Häuser, Mietkasernen und Ein- oder 
Zweifamilienhäuser). Ergänzende Mitteilungen dieser Art seien 
deshalb für eine weitere Veröffentlichung Vorbehalten. 

Bemerkenswert ist der grosse Unterschied in den Flächen¬ 
anteilen, die in den verschiedenen Städten der offenen Bauweise 
(bezw. halboffenen und Gruppenbauweise) zugewiesen sind. Während 
die Städte Düsseldorf und Elberfeld mit 5 bezw. 4,5 °/ 0 , die Stadt 
Metz sogar mit 3 °/ 0 offener Bebauung sich begnügen, steigt der 
Prozentsatz in Barmen auf 36, in Bonn auf 42, in Altona auf 47, 
in Karlsruhe auf 50, in Mannheim auf 77 und in Wiesbaden auf 
74 °/ 0 des Geländes. 



i 

Ist 

geschlos¬ 

sener 

Reihenbau 

i 

Unge- 1 

fährer 

Anteil 

Zulässige 
Zahl der | 
Wohn- | 

Grösster | 
zu be¬ 
bauender 1 
Anteil deri 
Grund- ( 
Stücks- | 
fläche in i 
normalen 
Fällen | 



Bauklassen 

statthaft 
oder offene 
Bauweise 
vorge¬ 
schrieben ?| 

am ge- 1 
samten , 
Bau- | 
geländei 

°/o i 

geschosse | 
(ohne An-| 
l rechnung 1 
ivon Keller! 
und Dach)| 

Bemerkungen 


I 

geschl. 1 

26 

5 

1 0,75 



II 


24 

5 

! 0,67 


Altona 

III 

! iv 

r> I 

offen 

2 

2 

3 

3 

0,67 

0,67 



V 

T» 

| geschl. 

45 

3 ! 

0,33 1 



il VI 

i i 

4 

0,67 | 



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351 


Bauklassen 


Barmen 


I 

Ha 

b 

nia 

b 

c 


Bonn | 

Cassel | 

Dflssel- I 
dorf | 

Elber- j 
feld | 


I 

II 

III 

IV 

I 

II 

III 

I 

II 

III 

IV 

I 

II 

lila 

b 

c 

d 


Ist 

geschlos¬ 
sener 
Reihenbau 
statthaft 
oderoffene 
Bauweise 
| vorge- 
| schrieben? 


Unge¬ 
fährer 
Anteil 
am ge¬ 
samten 
Bau- 
geländej 

°/n 


Zulässige 
Zahl der 
Wohn- I 
geschosse j 
(ohne An-| 
rechnung j 
von Kellerj 
und Dach) 


Grösster 
zu be¬ 
bauender 
Anteil der 
Grund¬ 
stücks¬ 
fläche in 
normalen 
i Fällen 


g68Chl. 

i» 

offen 

geschl. 

offen 


17 

24 

1 

23 

23 

12 


geschl. 

rt 

* 

offen 

geschl. 

n 

offen 

geschl. 

offen 

w 

geschl. 

n 

»» 

v 

offen 

V 


1.5 
24 

32.5 
42 

70 

20 

10 

13 

82 

0,5 

4.5 

1 

16.5 
4 

73 

1 

1 

3.5 


4 

3 

3 

3 

3 
2 

4 

4 

3 

2 

5 

5 1 ) 

5 1 ) 

41) 

3*) 

2 

2 

5 

4 


3 

3 

2 

3 

9 


0,751) 

0 , 502 ) 

0,408) 


0,75 

0,60 

0,50 

0,40 

0,67 

0,50 

0,50 

0,67i) 
0,50 2 ) 
0,50 
0,50 

0,75 

0,75 

0,75 

0,50 

0,60 

0,50 

0,50 


Erfurt 


Essen 


I 

II 

III 

IV 
V 

I 

II 

III 

IVa 

b 

Va 

b 


geschl. 

7) 

n 

offen 

geschl. 

n 

v 

v 

offen 

geschl. 

offen 


30 

28 

12 

15 

15 

2 

19 

16,5 

30 

3 

23 

6,5 


Frank¬ 
furt 
a. M. 






◄ 


f IVa 

b 

Va 

I b 

Ivi (fttrik- 

Twrtil) 


geschl. 

offen 

» 

geschl. 

offen 

geschl. 

offen 

geschl. 


10 



15 


4-5 

3-4 

2- 3 

3- 4 

2 

4 

4 

4 

3 

3 
2 
2 

5 

4 

3i) 

4 

3 1 ) 

3 


0,67 

0,67 

0,50 

0,67 

0,30 

0,75 

0,70 

0,65 

0,60 

0,60 

0,50 

0,50 

0,80 

0,60 

0,50 

0,60 

0,50 

0,70 


Glogau 


I 

II 

III 

IV 


geschl. 

n 

offen 

7t 


23 

36 

16.5 

24.5 


4 

3 

3 

2 


0,70 

0,67 

0,6 

0,5 


Bemerkungen 


1) ausserdem 0,05 eingeschossig 

2 ) ausserdem 0,10 eingeschossig 

s ) ausserdem 0,10 eingeschossig 


!) 4 an Strassen von weniger 
als 17 m Breite 

9 Auf Grundstöcken mit Hinter¬ 
wohn. nur 3 Wobnungsgesch. 
und 0,60 bebaute Fläche 
‘) Auf Grundstöcken mit Hinter¬ 
wohn. nur 2 Wohnungsgesch. 
und C.3S bebaute Fläche 


Fabrikviertel 


1) In Strassen bis zu 14 m 
Breite sind nur 2 Wohn- 
geschosse zulässig 

Die Anteile der Zonen am Bau¬ 
gelände sind nur geschätzt 


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352 



Bauklassen 

18t 

geschlos¬ 

sener 

Reihenbau 
statthaft 
oder offene 
Bauweise 
vorge¬ 
schrieben? 

Unge¬ 
fährer 
Anteil 
am ge¬ 
samten 
Bau¬ 
gelände 

% 

Zulässige 
Zahl der 
Wohn- 
geschosse 
(ohne An¬ 
rechnung 
von Keller 
und Dach) 

Grösster 
zu be¬ 
bauender 
Anteil der 
Grund¬ 
stücks¬ 
fläche in 
normalen 
Fällen 

Bemerkungen 

1 

I 

geschl. 

10 

4 

0,75 


Halle J 

II 


45 

3 

0,67 


a. S. 1 

III 


22,5 

2 

0,60 


\ 

IV 

offen 

22,5 

2 

0,50 



I Altstadt 

II hitrt Zom 

geschl. 

4 

37 

4 

4 

0,67 

0,67 

Von dem Gesamtgebiet d. Stadt 

Han- 

lila inuere Zote 
b WehiTiertel 

n 

15 

18 

4 

3 

o;eo 

0,60 

sind 1814 ha Baugelände ; 
d. Rest mit 651 ha Grösse 

nover 

c Fabrikviertel 


9 

4 

0,75 

ist noch keiner Bauzone su- 


dl Landhaus- 

offen 

6 

2 

0,50 

gewiesen u. deshalb neben- 


ef viertel 

geschl. 

4 

2 

0,50 

stehend ausser Betracht ge- 


f obie Fabriken 


7 

4 

0,60 

blieben. 

( 

I 

geschl. 

10 

5 

0,75 


Karls- 1 

II 


15 

5 

0,67 


ruhe 1 

III 


25 

4 

0,60 


1 

IV 

offen 

50 

2-3 

! 0,50 



I 

geschl. 

4,5 

5 

1 0,75 



II 

9 

19 

5 

0,67 


Kiel 

III 


50 

4 

0,50 


IV 

n 

3,5 

3 

0,40 



V 

offen 

10,5 

2 

0,33 



VI 

Fabrikviertel 

12,5 

3 

0,70 


i 

Ia 

geschl. 

1,5 

4 

0,75 

Zu Klasse III sind vorläufig &ueh 


b 


7 

4 

0,65 

alle ausserhalb d. Bebauungs¬ 

Köln 

1 

n 

in ! 

9 

17 

3 

0,50 

0,50 

planes liegenden Flächen 

V 

9 

1 1 

57 

2 

(Ackergrundstfleke, Festungs¬ 
werke, Stadtwald. Rhein¬ 


IV 

offen 

17,5 

2 

0,40 

strom) gerechnet 


i 

geschl. 

20 

4 

0,67 


Mag¬ 

ii 


17 

3 

0,67 


hi 


28 

3 

0.50 


deburg 

IV 

offen 

18 

3 

0,50 



V 

; Fabrikviertel 

17 

— 

0,67 



Ia 

1 

geschl. | 

} 15 { 

5 

0,60 



b 

9 

5 

0,75 


Mann¬ 

heim 

Ila 

•b 

c 

9 

offen 

} 6 { 
7,5 

4 

4 

4 

0,50 

0,65 

0,50 



lila 

geschl. 

1,5 

3 

0,40 



b 

offen 

70 

3 

0,55 


[ 

I 

geschl. 

79,5 

5 

0,80 


Metz | 

n 

m 

» 

9 

11 

6,5 

5 

4 

0,70 

0,50 


l 

i IV 

offen 

3 

3 

0,40 

1 


i 

geschl. 

— 

5i) 

0,752) 

l *) Rückgebäude in den meisten 


ii 

1 v 

— 

4 

0,67 

Bauklassen 1 bis 2 Ge¬ 


m 

9 

— 

4 

0,67 

schosse weniger. 

Mün¬ 

chen 

IV 

9 

— 

3 

0,67 

2) In alten Bauanlagen 0,75 bis 

V 

9 

— 

2 

0,67 

0,80; in Neuanlagen 0,67. 

VI 

offen 

_ 

4 

i 0,67 \ 

s ) In der off. Bauweise bleibt 


VII 

9 

— 

4 

0,67 L 
0,67 j 

ausser d. Vorgarten auch d. 


VIII 

7) 

— 

3 

seitliche Weg, letzterer auf 


IX 

79 

— 

2 

0,50 ) | 

l Haustiefe, ausser Rechnung 


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353 


Nüm- I 
berg | 


Posen 


Wies¬ 

baden 


Wien 


1 

fl 

© 

1 

2 
« 

Ist geschlossener 

Reihenbau statthaft 

oder offene Bauweise 

vorgeschrieben? 

Unge¬ 
fährer 
Anteil 
am ge¬ 
samten 
Bau¬ 
gelände 

% 

Zulässige 
Zahl der 
Wohn- 
geschosse 
(ohne An¬ 
rechnung 
von Keller 
und Dach) 

Grösster zu be¬ 
bauender Anteil 

der Grundstücks¬ 
fläche in normalen 

Fällen 


geschlossen 

2,3 

5 

0,80 

11 

offen 1 ) 

86,6 

4 

0,67 

m 

V 

0,2 

4 

0,50 

IV 

7) 

2,8 

3 bezw. 2 

0,40 

V 

n 

7 

3 

0,67 

VI 

i j 

0,7 

2 

0.67 

VII 

» 

0,4 

3 

0,67 

* 

geschlossen 

8 

5 

0,70 

Ila 

geschlossen mit Fa- 

6 

) 



brikbegünstigung 


4 

0,67 

b 

geschlossen ohne Fa¬ 

32 

) 



brikbegünstigung 




lila 

offen oder halboffen 

5 



b 

geschlossen 

25 

1 3 

v,OU 

IVa 

offen oder halboffen 


1 o 


b 

geschlossen 

! 10 

) 2 j 

U,DD 



1 0*1 


fl. Streifen 1.00' 


I 

geschlossen 

3,6 

4 

J 2. „ 0,60 






13. „ 0,50 






fl. Streifen 1,00 


II 


15,4 

4 

K2. * 0,50 

- 1 ) 





13. „ 0,35 


nJ 




[l. Streifen 1,00 



V 

7 

3 

!{*. * o,S5 






(3. . 0,30) 


IV 

Gruppenbauweise 

7 

3 

0,40 

V 

offen 

9,5 

3 

0,33 

VI 


14 

3 

0,25 

vn 

» 

43,3 

3 

0,2 2 ) 

VIII 

halboffen 

0,2 

4 

0.5 

i 

geschlossen 

2 

5—6 

0,85 

ii | 

n 

14 

5 

0,85 

m 

yy 

10 


0,85 

IVa 

offen 

20 

3 1 

— 

b 

geschlossen 

4 

3 

— 

V 

Fabrikviertel 

24 

— 

0,85 

Von 

der Bebauung frei- 




zuhalten 

! 26 1 

1 — 1 

— 


Bemerkungen 


*) Die offene Bauweise ist 
stellenweise mit geschlosse¬ 
nem Reihenbau durchsetzt. 


In den Bauklassen III a u. IV a 
ist unter bestimmten Voraus¬ 
setzungen nach Wahl der 
Beteiligten offene Bauweise, 
Gruppenbauweise oder halb¬ 
offene Bauweise (2 Block¬ 
seiten geschlossen, die beiden 
andern Seiten offen) zu¬ 
gelassen. 

l ) Der erste Streifen erstreckt 
sich von der Baufluchtlinie bis 
zur Tiefe von 6 m; der zweite 
Streifen erstreckt sich von 
dort bis zurTiefe von 32 m. 
Ein grosser Teil des Bau¬ 
gebietes VII kommt vorläufig 
nicht zur Bebauung; es ist 
nicht unwahrscheinlich, dass 
Teile dieses Gebiets später 
zu engerer Bebauung zuge¬ 
lassen werden. 


Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege. 

Nach einer Mitteilung des ständigen Sekretärs, Dr. Pröbsting 
in Cöln a. Rh., wird die diesjährige Jahresversammlung des Vereins 
in den Tagen vom 12.—15. September in Augsburg stattfinden, 
unmittelbar vor der am 16. September beginnenden Versammlung 
Deutscher Naturforscher und Ärzte in Stuttgart. 

Folgende Vcrhandlungsgegenstände sind in Aussicht genommen: 

1. Die Bekämpfung der Tollwut. 


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354 


2. Die Milchversorgung der Städte mit besonderer Berück¬ 
sichtigung der Säuglingsernährung. 

3. Walderholungsstätten und Genesungsheime. 

4. Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Strasse. 

5. Welche Mindestforderungen sind an die Beschaffenheit der 
Wohnungen insbesondere der Kleinwohnungen zu stellen. 


Literaturbericht. 


Bericht des Wiener Stadtphysikats über seine Amtstätigkeit und 
über die Gesundheitsverhältnisse der Stadt Wien in den Jahren 
1900—1902. (Wien 1905. Verlag des Wiener Magistrats.) 

Der Bericht ist ausserordentlich reichen Inhalts. Auf 593 Seiten 
linden wir die hygienischen, sanitätspolizeilichen und medizinischen 
Angelegenheiten der österreichischen Hauptstadt mitgeteilt, soweit 
sie in den Jahren 1900—1902 zum Geschäftsbereich des Stadt- 
physikates gehörten. Nicht weniger als 371552 Geschäftsstücke 
waren in diesem Jahre zu behandeln. Nur einige Punkte von ak¬ 
tuellerem Interesse seien herausgegriflfen. 

Einen besonders reichen Inhalt weist das Kapitel über 
Gewerbehygiene auf. Hier können wir uns überzeugen, dass 
wenigstens in Wien auf diesem Gebiete eine ebenso rege und 
umfassende Tätigkeit herrscht, wie bei uns, wo Gewerbeinspektor 
und Kreisarzt zusammen in immer steigendem Masse gewerbe¬ 
technische und gewerbehygienische Fragen zu entscheiden haben. 

Aus dem Kapitel über Wasseruntersuchungen ist be¬ 
merkenswert, dass in einer öffentlichen Badeanstalt sich plötzlich 
zahlreiche blutrote Larven einer Mücke einstellten, deren Ursprung 
trotz der genauesten Untersuchungen unaufgeklärt blieb. Die Eis¬ 
gewinnung aus öffentlichen Gewässern wird von dem Resultate 
einer genauen bakteriologischen und chemischen Untersuchung 
derselben durch das Stadtphysikat abhängig gemacht, ein Verfahren, 
das auch bei uns seinen grossen Wert hätte. Auch in Wien 
wurden besondere Vorschriften über die Bezeichnung, Aufbewahrung 
und Abgabe der Essig - Essenz notwendig, die sich allmählich 
in unserem Haushalt zu einem der gefährlichsten Gifte für die 
Kinderwelt entwickelt hat. Ein Unfug, der bei uns glücklicher¬ 
weise noch nicht bekannt ist, besteht in der Verwendung von 
Schwefeläther als Reiz- und Genussmittel. 


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355 


Leichenwesen: Urnen mit Asche von auswärts Verbrannten- 
dürfen nur unterirdisch in Gräbern oder Grüften beigesetzt werden. 
Infektiöse Leichen dürfen nur dann in der Wohnung bleiben, wenn 
das Stadtphysikat dazu seine Einwilligung gegeben hat. Es muss 
aber dänn der Sarg im Beisein des Amtsarztes zugelötet werden 
und die Aufbahrung in der einfachsten Weise, zumal ohne Ver¬ 
wendung von Blumen, stattfinden. Eine nachherige strenge Des¬ 
infektion ist vorgeschrieben. 

Schule: Das Physikat gab sein Gutachten dahin ab, dass 
gebrauchte Schulbücher bei der Schwierigkeit, eine sichere Des¬ 
infektion derselben mit Formalin zu erreichen, wenn irgend möglich 
an weitere Kinder nicht abgegeben werden dürften. Die Vor- 
und Nachteile von staubbindenden Ölen, deren Benutzung für die 
Schulen in Frage stand, werden ausführlich gegeneinander ab¬ 
gewogen mit dem Ergebnis, dass die Vorteile bei sachverständiger 
Verwendung der Öle durchaus überwiegend seien, zumal in 
der Richtung, dass sie einen günstigen Einfluss auf die Erkrankung 
der Respiration so rgane und eine geringere Gelegenheit zur Über¬ 
tragung der Infektionskrankheiten in Aussicht stellten. Schulärzte 
gibt es in Wien nicht. Die Verfasser glauben, dass durch eine 
Erweiterung des schulärztlichen Dienstes der städtischen Bezirks¬ 
ärzte die hygienischen Interessen der Schule ebensogut und 
jedenfalls billiger als durch besondere Schulärzte wahrgenommen 
werden können. 

Das Desinfektionswesen ist dezentralisiert und an die 
einzelnen, sog. Sanitätsstationen angegliedert. Im Durchschnitt 
wurden von den Bezirken jährlich 25000 Desinfektionen ausgeführt. 
Die Desinfektionen erfolgen kostenlos durch die Gemeinde; nur 
bei Wohlhabenden wird verlangt, dass sie die Desinfektionsmittel 
selbst stellen. Im ganzen erhält man aus der Schilderung den Ein¬ 
druck, dass das Desinfektionswesen in Wien nicht gerade auf 
besonderer Höhe steht. In den meisten Bezirken werden zum 
Transport der zu desinfizierenden Gegenstände bis in die Anstalt 
geschlossene Handwagen benutzt. 

Wasserleitung: Wien hat sich mit grossen Kosten ein 
einwandfreies Wasser durch eine teure Hochquellenieitung geschaffen. 
Im Jahre 1900 beschloss der Gemeinderat noch eine zweite Hoch¬ 
quellenleitung aus dem Quellgebiet des Salzaflusses zur Versorgung 
der Stadt einzurichten. Dabei waren ausserordentliche technische 
Schwierigkeiten zu überwinden. Die Leitung vermag täglich 
200000 cbm Wasser auf einer Strecke von 182 km zur Stadt zu 
bringen. Die Anlagekosten betrugen 100 Millionen Kronen. Die 
alte Wientalleitung wird in einem Gutachten als hygienisch 
direkt bedenklich hingestellt. Das Gutachten verlangt, dass man 


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356 


das Wasser derselben nur für Feuerlöschzwecke, zur Strassen- 
bespritzung, Spülung von Aborten, Kanälen usw* benutze. Auch 
die Assanierung Wiens durch Vergrösserung des Kanalnetzes hat 
in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht« Im Jahre 1900 
waren etwa 17 °/ 0 der Häuser nicht an die Kanalisation an¬ 
geschlossen. 

Nahrungsmittel: Der Verkauf von Wurst mit Mehlzusatz 
ist verboten. Ein Antrag der Fleischselcher, bei Mehlgehalt bis 
zu 3 °l o keine Anzeige zu erstatten, wurde abgelehnt, da der Zusatz 
von Mehl entbehrlich sei und die Wurst minderwertig mache. 
Abgesehen davon würde die Kontrolle eines bestimmten Prozent¬ 
gehalts grosse praktische Schwierigkeiten machen. 

Über die medizinalpolizeilichen Verhältnisse sei 
bemerkt, dass an der Spitze der Geschäfte das Stadtphysikat steht, 
das aus einem Oberstadtphysikus, zwei Stadtphysikern, einem 
städtischen Oberbezirksarzt und drei Physikatsassistenten besteht. 
Ausser der Aufsicht haben diese Stellen die Untersuchung und 
Begutachtung von Beamten in Krankheitsfällen und bei Pensio¬ 
nierungen, die Gutachten zur Aufnahme ins Waisenhaus, in Heil¬ 
bäder U8w. zu erledigen. Die Zahl dieser Untersuchungen betrug 
im Jahre 1902 3884. Des weitern haben die Physiker den ärzt¬ 
lichen Dienst bei der Feuerwehr und bei Polizeigefangenen. Unter 
diesen Ärzten stehen 26 Bezirksärzte, die im wesentlichen etwa 
die Amtsgeschäfte unserer Kreisärzte zu versehen haben. Dazu 
kommt noch eine dritte Gruppe von beamteten Ärzten, die sog. 
städtischen Ärzte, welche die kassenärztlichen Geschäfte bei den 
städtischen Arbeitern und Bediensteten, ferner die ganze Toten¬ 
beschau in der Stadt und noch eine Reihe sonstiger Sanitäts-Agenden 
zu besorgen haben. Die Zahl der praktischen Ärzte hat in Wien 
eine ständige Zunahme erfahren, und zwar sowohl absolut, als 
auch im Vergleich zur Zunahme der Bevölkerung. Kam im 
Jahre 1897: ein Arzt auf 724 Einwohner, so war das Verhältnis 1902: 
ein Arzt auf 667 Einwohner. Nicht weniger als 2572 Ärzte und 
Zahnärzte waren im Jahre 1902 in Wien tätig. Die Lage der Ärzte 
ist „anerkannt ungünstig“. Die gewerbsmässige Kurpfuscherei 
ist in Österreich verboten. Trotz vieler Prozesse und trotz aller 
Warnungen der Statthalterei blüht aber doch das Gewerbe der 
Kurpfuscher und der „Dürrkräutler“. Die Verhältnisse der Zahn¬ 
ärzte, Zahntechniker, der Hebammen und des Krankenpfleger¬ 
personals zeigen ungefähr dasselbe Bild, wie bei uns. Der Rettungs¬ 
dienst und der Krankentransport wird zum grossen Teil aus frei¬ 
willigen Mitteln bestritten. Der Versuch der Ärzte den Rettungs¬ 
dienst zu organisieren und an die Berufsfeuerwehr anzuschliessen, 
scheiterte an den Kosten. Der Wunsch, für plötzlich auf der Strasse 


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357 


Verstorbene besondere Leichentransportmittel einzurichten, wurde 
von dem Physikat als nicht berechtigt hingestellt, da seiner Ansicht 
nach unbedenklich die gewöhnlichen Krankentragbahren der Sanitäts¬ 
stationen auch zu diesem Zweck verwendet werden könnten. (?) 
Sehr bemerkenswert ist die Feststellung, dass von allen in die 
Hospitäler aufgenommenen Infektionskranken etwa nur 55—59 °/ 0 
die besonders vorgeschriebenen Infektionskrankenwagen zur Fahrt 
ins Hospital benutzten. Auch in Wien strebt man besondere, schon 
äusserlich kenntliche ärztliche Aufnahmescheine für Infektions¬ 
kranke an, wie sie in Hamburg bereits bestehen. Die Verfasser 
stellen die Frage zur Diskussion, ob nicht für den Krankentransport, 
zumal für Sammeltransporte aus einem Hospital ins andere be¬ 
sondere Strassenbahnwagen beschafft werden sollen. Für die 
wachsenden Grossstädte wird wohl die Zeit kommen, wo man nicht 
nur zum Transport von Kranken, sondern auch zum Transport der 
Leichen besondere Kranken- bezw. Leichenzüge auf den Strassen- 
bahnen zulassen wird. Das Stadtphysikat musste sich auch mit 
der Frage, ob eine zweite Knopfreihe an den Röcken der Sanitäts¬ 
diener zu empfehlen sei oder nicht, beschäftigen. Löblicherweise 
wurde die zweite Knopfreihe aus sanitären Gründen abgewiesen. 

Die Kapitel über Badeanstalten und gesundheitsgemässe 
Volkswohnungen sind auffällig kurz geraten, um so reichhaltiger 
aber das Kapitel über die Hospitäler. Hier interessiert uns be¬ 
sonders eine Reihe mustergültiger Dienstanweisungen für das 
Krankenpflegepersonal, welches man auch in Wien besser aus¬ 
zubilden und berufsmässig zu organisieren bestrebt ist. 

Die Mortalität der Wiener Bevölkerung betrug im Jahre 1900: 
20,7°/ 00 ,1901: 19,8°/*), 1902: 19,6 0 /oo, die Zahl der Eheschliessungen 
war eine fast konstante bereits seit 1895; dagegen ist seit dieser 
Zeit die der Geburten und der Sterbefälle stets gesunken, die erstem 
um 1,9 °/ 0 , die letzteren um 3,7 °/ 0 , Die Zahl der anzeigepflichtigen 
Infektionskrankheiten betrug 1891 3336 Fälle gegen 2021 Fälle 
im Jahre 1902. Dieser Abfall der Sterblichkeit ist unverkennbar, 
und es trägt nach Ansicht der Verfasser diese Ziffer in sich das 
Resultat der zahllosen auf die Bekämpfung der Infektionskrankheiten 
gerichteten Bemühungen des Stadtphysikats. Besonders hat Wien 
in den letzten Jahren den traurigen Ruf, die Stadt der Tuberkulose 
vor andern zu sein, mehr und mehr verloren. Während sich die 
Bevölkerung verdreifacht hat, ist die Sterblichkeit an Tuberkulose 
in derselben Zeit auf die Hälfte d,er früheren Ziffer gesunken. 
Immerhin beträgt der Anteil der Tuberkulose an der Sterblichkeit 
noch 21,9 °/ 0 . Interessant ist das statistische Ergebnis, dass bei 
Tuberkulose der Anteil der Mortalität im ersten Lebensjahr der 
höchste ist, im zweiten bis fünften Lebensjahr auf die Hälfte und 


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im Alter der Schulpflicht auf ca. 1 j b herabsinkt, von da ab aber — 
bis zum 40. Lebensjahre steigend — sich immer noch unter der 
Höhe des zweiten bis fünften Lebensjahres hält, um sodann wieder 
herabzusinken, ohne jedoch selbst im Alter zwischen 60—65 Jahren 
die tiefe Stufe zu erreichen, auf welcher sich die Sterblichkeit 
in dem Alter der Schulpflicht hält. Daraus schliessen die Verfasser, 
dass die Schule sehr wenig Gelegenheit zur Verbreitung der 
Tuberkulose bietet, so dass man selbst hustenden Lehrern gegen¬ 
über erst dann besondere Vorsichtsmassregeln anwenden müsse, 
wenn sie ins Stadium vorgeschrittener Infektion gelangt wären. 
Auch der Einfluss der Schule auf die Morbiditätszahlen an Infektions¬ 
krankheiten wird bemerkenswerter Weise von den Verfassern nicht 
besonders hoch angeschlagen, da von den 30000 Infektionskrank¬ 
heiten im Jahre nur etwa */ 4 auf die schulpflichtige Zeit ent¬ 
fallen. 

In vorstehendem habe ich nur einige Punkte des reichen 
Inhalts herausgegriffen. Auf alle Fälle beweist das Buch, dass 
die Tätigkeit des Wiener Stadtphysikats eine ausserordentlich 
weitgehende, aber auch segensreiche ist. Man kann ohne alle 
Frage aus der Lektüre des Buches vieles lernen. 

Krautwig (Cöln). 

Der Alkoholismus. (Zeitschr. f. wissenschaftliche Erörterung d. Alkohol¬ 
frage, 1906, Heft 1—2.) 

P. v. Gruetzner (Tübingen): Bemerkungen über die Wirk¬ 
samkeit beziehungsweise Giftigkeit verschiedener Alkohole, insonder¬ 
heit des Äthylalkohols. 

Gruetzner erörtert die Wirkungen des Äthylalkohols, die 
er für sehr unerfreulich hält, und vergleicht damit die Wirkung 
der anderen einatomigen Alkohole. Dieser Vergleich muss sich an 
die chemische Einheit halten. Dann ergibt sich, dass der Methyl¬ 
alkohol am schwächsten wirkt, der Aethylalkohol 3 mal so stark, 
und dass die Giftigkeit der höheren Alkohole schnell zunimmt bis 
zu einer Wirksamkeit des Amylalkohols gleich 225 gegenüber dem 
Methylalkohol. 

Ernö Deutsch: Einiges über den Einfluss des Alkohols. 

Der Verfasser hat in der Budapester Gratismilchanstalt Unter¬ 
suchungen über die Herkunft und Lebensweise der Eltern von 
1011 Säuglingen gemacht. Er fand dabei, dass wenn die Mutter 
Trinkerin war, seltener natürliche Ernährung möglich war, dass 
die Kinder abstinenter Eltern am besten, die, deren Vater oder 
Mutter Trinker waren, am schlechtesten genährt waren, dass 
ferner die Neigung der Kinder zur Erkrankung des Nervensystems 


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und der Verdauungsorgane bei den Kindern trunksüchtiger Mütter 
&m grössten war. 

Beiträge zur Alkoholfrage. 

Im Reichsarbeitßblatt ist eine Zusammenstellung des Durch¬ 
schnittsverbrauchs von Wein, Bier und Branntwein, sowie des darin 
enthaltenen Alkohols auf den Kopf der Bevölkerung in verschiedenen 
Ländern erschienen. Bei derselben schneidet Deutschland nicht 
schlecht ab. Immerhin muss die berechnete jährliche Ausgabe für 
alkoholische Getränke in der Höhe von ungefähr 3 Milliarden, die 
nur von dem Betrage der Reichsschulden noch in etwas übertroffen 
wird, die dagegen dreimal so gross ist, wie die jährliche Auf¬ 
wendung für Heer und Marine und beinahe siebenmal so gross 
wie die Aufwendung für die öffentlichen Volksschulen doch wohl 
als recht bedenklich bezeichnet werden. 

B. Laquer: Die Trunksucht und die Haushaltung der 
deutschen Städte. 

Laquer erörtert in der ihm eigenen objektiven Weise, wie 
sehr die deutschen Städte durch den Alkoholismus belastet werden. 
Die Armenausgaben der Städte infolge der Trunksucht dürften 
20—25 Millionen, die des gesamten deutschen Reiches 50 Millionen 
Mark betragen. Der Verfasser bespricht dann im Anschluss an 
diese Zahlen die Verstaatlichung der Wirtschaften und widerlegt 
die dagegen geltend gemachten Einwendungen, dass dadurch der 
Gastwirts- und Mittelstand bedroht sei. 

Dr. Schäfer: Die Alten und der Alkohol. 

Eine Reihe ganz interessanter Zitate aus den alten Schrift¬ 
stellern. 

Dr. Dicke: Die Notwendigkeit eines obligatorischen Alkohol¬ 
unterrichts in den oberen Klassen der Volksschulen. 

Per Inhalt deckt sich mit dem Titel. 

Kurt Boas: Wie soll der Alkoholismus im Schulunterricht 
bekämpft werden? 

An einigen Beispielen wird gezeigt, wie auf jedem Gebiete 
eine Anknüpfung zur Belehrung und Aufklärung zu finden ist. 

Eine sehr gut ausgearbeitete Biographie, deren Zusammen¬ 
setzung der Bibliothekar Schmidt in Dresden besorgt hat, sowie 
wertvolle Besprechungen, unter denen besonders die von Laquer 
über Adolf Cluss: „Die Alkoholfrage vom physiologischen und 
wirtschaftlichen Standpunkt “ hervorzuheben ist, ergänzen den Inhalt 
der beiden Hefte. Aschaffenburg. 


Otntralblatt f. allg. Oeeandhgitipfiege. XXV. Jahrg. 


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B&ier, Bongert und Stetefeld, Untersuchungen über die hygie¬ 
nische Bedeutung der Kühlanlagen mit offener Salzwasser¬ 
kühlung. (Zeitschr. f. d. ges. Kälte-Industrie, April 1905.) 

Die Versuche zielten darauf hin: 

1. die Desinfektionskraft der in den Kühlanlagen mit offener 
Solebertihrung benutzten Sole kennen zu lernen, 

2. die chemischen Veränderungen festzustellen, welche die 
Sole nach längerem Gebrauche im Betriebe erlitten hat. 

Die Verf. kommen zu folgenden Schlussfolgerungen: 

Die bei den Kühlanlagen mit Soleberieselung benutzten 
20prozentigen Salzlösungen üben auf Bakterien und Schimmelpilze 
nur eine wachstumhemmende Wirkung aus vermögen aber erst 
nach Wochen sporenfreie Keime abzutöten, während die wider¬ 
standsfähigen Sporen sich jahrelang in den Salzlösungen ent¬ 
wickelungsfähig erhalten können. Durch die Soleberieselung werden 
die in der Kühlhausluft enthaltenen Pilzkeime niedergeschlagen 
und die riechbaren Gase durch Absorption entfernt. In alter Sole 
fanden sich bis zu 22,5 mg Ammoniak in 1 Liter. 

Aus regenartig aus grösserer Höhe niedergefallener Sole 
können feinste, keimhaltige Tröpfchen auf ziemlich weite Strecken 
hin bis in das Kühlhaus durch die Druckluft fortgetragen werden. 
Diese Tröpfchen können jedoch durch Einbau einer dichten Hecke 
von Birkenreisern oder dergl. vollständig abgefangen werden, und 
cs gelingt hierdurch, die gekühlte Luft fast vollständig keimfrei 
zu machen. 

Der Röhrenluftkühler gibt zur Staubentwickelung Veranlassung 
und bewirkt nur in beschränktem Masse eine Reinigung der Luft 
von Pilzkeimen und riechbaren Gasen. Grosse-Bohle (Cöln). 

Bruns, Leitfaden für die Ausführung bakteriologischer Wasser¬ 
untersuchungen. Anweisung für Keimz&hler. (Berlin 1906. Verlag 
von Rieh. Schoetz.) 

Eine einheitliche Betriebsordnung fordert für die sämtlichen 
grösseren Wasserwerke an der Ruhr die regelmässige Kontrolle, 
eines Zapfhahnes und derjenigen Schöpfbrunnen, welche durch 
ihre Lage und Entfernung vom Fluss nicht bereits vollständig 
keimdicht sind. Auf den von dem Institut für Hygiene und 
Bakteriologie zu Gelsenkirchen entfernter gelegenen Werken sind 
kleine Laboratorien angelegt, die bedient werden von sogen. Keim¬ 
zählern, Laien, die in 4—6 wöchigen Kursen im genannten Institut 
ausgebildet worden sind, von diesem die sterilen Nährböden er¬ 
halten und unter dessen stetiger Kontrolle ihre Arbeiten verrichten. 
Ausser den bakteriologischen Keimzahlbestimraungen haben sie 
Untersuchungen des Wassers auf Durchsichtigkeit und abnormen 


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«Geruch und Geschmak zu machen sowie Temperaturraessungen 
•und sonstige Beobachtungen vorzunehmen und den Befund in ein 
Huch einzutragen. Diese Einrichtung hat sich vollkommen bewährt. 

Das Büchlein soll den Keimzählern zur Anleitung und zur 
Rekapitulation dienen. In ganz hervorragender Weise wird der 
Verf. dieser Aufgabe gerecht. Die Vorschriften sind bis ins kleinste 
detailliert und dabei knapp gehalten; der Stil ist elegant und all¬ 
gemein verständlich. 

Auch für den Arzt, der sich über die Kardinalfrage der 
-öffentlichen Gesundheitspflege, die Wasserversorgung der Städte, 
•orientieren will, eine höchst empfehlenswerte und genussreiche 
Lektüre. Bermbach (Cöln). 


E. Senft, Mikroskopische Untersuchung des Wassers mit Bezug 
auf die in Abwässern und Schmutzwässern vorkommenden 
Mikroorganismen und Verunreinigungen. (Wien 1905. §afäh) 

Die mikroskopische oder besser biologische Wasseruntersuchung 
hat in den letzten Jahren ausserordentlich an Bedeutung gewonnen 
und sich ebenbürtig neben die chemische Analyse und die bakterio¬ 
logische Prüfung gestellt, soweit es sich um den Nachweis einer 
Verunreinigung von Oberflächenwasser handelt, und die Menge 
der dem Wasser zugeführten Schrautzstoffe nicht zu gering ist. Die 
biologische Untersuchung gibt unter diesen Voraussetzungen sichere 
Aufschlüsse über den Reinheitszustand, insbesondere auch in den 
keineswegs seltenen Fällen, wo die Wasserverunreinigung nur 
periodisch verfolgt und die chemische und bakteriologische Prüfung 
daher oft ergebnislos bleiben. 

Die vorliegende Arbeit ist weniger umfangreich, als das 
bekannte Werk von Mez, weil Verf. von den zahlreichen Wasser- 
»bakterien nur einige Arten hauptsächlich die Fadenbakterien, 
bespricht. Diese Beschränkung erscheint durchaus zweckmässig, 
denn die Bestimmung der übrigen Spezies ist durchweg entbehrlich. 
Verf. behandelt zunächst im allgemeinen Teile die Grundzüge der 
mikroskopischen Technik und gibt Anweisungen zur Entnahme, 
Aufbewahrung und Untersuchung der Proben. Im speziellen Teile 
werden die leblosen Schwebestoffe, die Fadenbakterien, die wichtig¬ 
sten Algen, Pilze, Protozoen, Rotatorien, sowie einige Würmer, 
Krebstiere und Milben beschrieben. Senft ist einen Schritt weiter 
gegangen als Mez, indem er auch einige höhere Tiere aufgenommen 
hat. Ref. möchte empfehlen, dass dieser Weg bei einer Neu¬ 
auflage des trefflichen Werkes weiter verfolgt würde, da ausser 
den mikroskopisch kleinen auch manche makroskopisch erkennbare; 
Organismen (Würmer, Schnecken, Muscheln, Insektenlarven, Wasser- 


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pflanzen) wichtige Anhaltspunkte fiir die Beurteilung des Reinheits- 
zustandeß der Oewässer liefern können. 

Das Werk ist zur Einführung in die biologische Wasser^ 
Untersuchung sehr geeignet. Der Text wird durch zahlreiche 
gute Abbildungen erläutert. Grosse-Bohle (Cöln). 

G. Adam, Der gegenwärtige Stand der Abw&sserfrage, d&rgestellt 
für die Industrie unter besonderer Berücksichtigung der Textil¬ 
veredelungsindustrie. (Braunschweig 1905. Vieweg.) 

Die Schrift ist aus Veranlassung des Vereins der deutschen* 
Textilveredelungsindustrie Düsseldorf entstanden und in erster 
Linie für die Mitglieder dieses Vereins bestimmt; sie behandelt, 
daher besonders die Verhältnisse der Gewerbebetriebe, welche Roh¬ 
garn und Rohgewebe weiter verarbeiten, also der Bleichereien, 
Färbereien, Zeugdruckereien und Appreturen, berücksichtigt aber 
auch die übrigen Industriezweige und gibt eine allgemeine Dar¬ 
stellung der heutigen Ansichten über Abwasserreinigung und Fluss-»- 
verunreinigung überhaupt. Grosse-Bohle (Cöln). 

Dunbar, Zur Beurteilung der Wirkung von Abwasserreinigungs¬ 
anlagen. (Ges.-Ing. 1905, Nr. 10 u. 12.) 

In England sind für verschiedene Stromgebiete Kommissionen 
eingesetzt, welche für die Reinhaltung der in ihr Gebiet fallenden 
öffentlichen Gewässer Sorge zu tragen haben. Mehrere dieser 
Kommissionen haben sogenannte Standards festgesetzt, auf Grund 
deren sie entscheiden, ob ein Abwasser genügend gereinigt ist 
und in die Flussläufe eingeleitet werden darf. 

Verf. führt demgegenüber aus, dass man auf Grund solcher 
Forderungen zu einem richtigen Urteile nicht gelangen könne; 
nicht die absoluten Mengen von organischer Substanz, organischem 
Stickstoff usw., welche ein Abwasser noch enthält, sondern der- 
erzielte prozentuale Reinigungserfolg zeigt an, ob das gereinigte 
Wasser noch fäulnisfähig ist. Der einfachste Maasstab für den 
Reinigungserfolg ist die Oxydierbarkeit; wenn diese um 60—65 0 / a 
durch die Reinigung herabgesetzt worden ist, so ist das gereinigte 
Wasser der Fäulnis nicht mehr zugänglich, auch wenn es mehr 
organische Stoffe enthält, als ein fäulnisfähiges, ungereinigtes Ab¬ 
wasser. Denn durch die biologische Reinigung wird nicht etwa 
nur ein beträchtlicher Teil der Schmutzstoffe beseitigt, während 
der Rest unverändert bleibt, sondern auch die in den Abflüssen 
noch enthaltenen Stoffe sind durch die Reinigungskörper durch¬ 
greifend verändert worden, so dass sie der Fäulnis nicht anheim¬ 
fallen. 

Es wäre zu wünschen, dass die massgebenden Sachverständigen. 


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in Grossbritannien und Deutschland sich dahin verständigten, die 
Abwasseranalysen nach übereinstimmenden Grundsätzen auszuführen, 
damit die grosse Summe analytischer Arbeit, welche in diesen 
beiden Ländern geleistet wird, zu vergleichbaren Ergebnissen führt. 

Grosse-Bohle (Cöln). 

Imhoff, Die biologische Abwasserreinigung in Deutschland. (Mitt. 
aus der Königl. Prüfungsanstalt f. Wasservers. u. Abwässerbes. Berlin 
1906, Heft 7.) 

Die vorliegende Arbeit ist auf Grund von Besichtigungsreisen 
entstanden, welche der Verfasser mit anderen Herren der Königl. 
Prüfungsanstalt in den Jahren 1903—1905 unternommen hat. Sie 
bringt eine Beschreibung von 37 bestehenden Anlagen und behandelt 
in 15 Kapiteln sehr ausführlich und gründlich die Beschaffenheit 
der Kanal Wässer, die Vorreinigung derselben, die biologischen 
Körper, die Nachbehandlung der vorgereinigten Abwässer, die 
Schlammfrage, die Desinfektion, die Beziehung zur Vorflut, dann 
die Anlage und den Betrieb, sowie deren Kosten und viele sonstigen 
einschlagenden Fragen. Die gestellte Aufgabe ist wesentlich von 
«ler praktisch-technischen Seite behandelt worden, und liefern die 
reichen Zahlenangaben, insbesondere für den projektierenden Tech¬ 
niker, ein sehr wertvolles Material. Steuernagel (Cöln). 

Verhandlungen des internationalen Vereins zur Reinhaltung der 
Flüsse, des Bodens und der Luft auf der 27. Generalversammlung 
in Frankfurt a. M. 1905. (Hamburg, Verlag von Lüdeking.) 

Mitterraaier-Heidelberg spricht sich in seinem Vortrage 
„Das System der Abfuhr für die menschlichen Fäkalien, 
verglichen mit anderen Systemen der Städtereinigung“ 
gegen jede Einleitung von städtischen Abwässern in die Flussläufe 
aus und empfiehlt für kleine und mittlere Städte ein Abfuhrsystem 
ohne oder mit Torfstreu, für grössere Städte das besonders in 
Holland bewährte Liernursystem. 

Bonne-Klein Flottbeck redet über „Die Verkennung der 
Volkswirtschaft und der Hygiene des Landes seitens 
schwemmsüchtiger Stadtgemeinden“. Erbeklagt, dass die 
Zahl der Städte, die sich, von dem Taumel des englischen Wasser¬ 
klosetts erfasst“, zur Schwemmkanalisation verleiten Hessen, zu¬ 
sehends wachse, obwohl sie oft von einer geradezu düngerhung¬ 
rigen Landwirtschaft umgeben seien. Hamburg-Altona verpesteten 
durch ihre Abwässer die Elbe, Cassel die Fulda. Kiel beabsichtigte 
sein Abwasser in das Meer zu leiten; fingen wir aber erst an, 
4tueh unsere Meeresküsten so zu verschmutzen, wie wir es mit 
unseren Flüssen getan haben, so würden wir bald neben der Binnen- 


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fischerei auch die Küstenfischerei aufgeben und nur noch Hoch* 
Seefischerei treiben dürfen. 

Redner schliesst mit den Worten „Aber unsere Enkel werde» 
uns fluchen!“ 

C lassen-Zweibrücken berichtet über seine Studienreise nach 
Holland zur Kenntnisnahme des dort eingeführten Liernursystems; 
das Ergebnis ist recht interessant: das so eindringlich empfohlene 
Liernursystem wird in Amsterdam nicht weiter ausgedehnt, obwohl! 
von 500 000 Einwohnern nur 100000 angeschlossen sind, weil die 
Fäkalien durch überreichliche Spülung der Klosetts vielfach so- 
stark verwässert werden, dass sich ihre Verarbeitung nicht mehr 
lohnt. Die Jauche wird in solchen Fällen einfach in die Grachten, 
entlassen, und es haben sich infolgedessen „heillose Zustände“ ent* 
wickelt. Trotz dieser üblen Erfahrung mit dem Liernur System,, 
der er keine günstigeren gegenüberstellt, glaubt Redner, dieses* 
System allen Städten als das beste empfehlen zu können, unter 
der Voraussetzung, dass der Spülwasserverbrauch in den Klosetts, 
eingeschränkt wird. 

Die Versammlung nimmt eine Resolution an die Reichsregierung' 
und die Regierungen der Einzelstaaten an, worin sie u. a. eia 
Verbot jeder Einleitung von Fäkalien in die Flüsse verlangt. 

Grosse-Bohle (Cöln). 

v. Montigny, Die Kanalisation der Stadt Aachen und die biologisch» 
Versuchskl&ranlage daselbst. (Techn. Gemeindebl. 1905, Nr. 1 u. 2.) 

Verf. bespricht zunächst die Kanalisation der Stadt Aachen,, 
welche im Jahre 1900 fertiggestellt und nach dem Schwemmsystem 
angelegt worden ist. Der Stadt Aachen steht nur ein kleiner Vor* 
fluter, der Wurmbach, zur Verfügung, so dass eine durchgreifende 
Reinigung des Abwassers erforderlich ist. Da Berieselung der 
örtlichen Verhältnisse wegen von vornherein als ausgeschlossen 
betrachtet werden musste, entschloss sich die Stadt auf Grund 
eines von Prof. Proskauer erstatteten Gutachtens, eine Versuchs* 
kläranlage nach dem biologischen Verfahren einzurichten. Diese 
Anlage gestattet die tägliche Reinigung von 500 cbm Abwasser 
in Füllkörpern und besitzt ausserdem noch zwei Tropfkörper. Das* 
durch einen Sandfang und Recher mit 20 mm Stababstaud von 
seinen gröbsten Bestandteilen befreite Abwasser kann sofort den 
Reinigungskörpern zugeführt oder auch vorher in einen Faulraum 
geleitet werden. Das Faulverfahren erschien für die Aachener 
Verhältnisse zweckmässig, weil das Kanalwasser grössere Mengen 
feiner, aus den zahlreichen Tuchfabriken stammender Wollfasem 
enthält, die bei direkter Aufleitung des Rohwassers auf die Rei¬ 
nigungskörper die Oberfläche dieser Körper sehr bald verstopfen. 


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würden, durch das Faulbecken aber fast vollständig niedergeschlagen 
werden; man hoffte aber auch durch die Ausfaulung die Schlamm- 
menge zu vermindern. Der Schlamm aus dem Faulbecken hat 
nur 77°/ 0 Wasser (gewöhnlicher Klärschlamm mindestens 90°/ 0 . 
Ref.) und trocknet schnell. 

Die vom städtischen Chemischen Untersuchungsamte ausge¬ 
führten, noch nicht abgeschlossenen Untersuchtingen des rohen und 
gereinigten Abwassers lassen das Faul verfahren mit nach¬ 
folgender Reinigung durch Tropfkörper vorläufig als 
das für Aachen zweckmässigste Klärverfahren erscheinen. 

Die Tropfkörper reinigen bei gleichem Klärerfolge wesentlich 
grössere Abwassermengen und verschlammen nach den bisherigen 
Erfahrungen weit weniger schnell als die Füllkörper. Es empfiehlt 
sich, die Tropfkörper 2 m bis 2,50 m hoch aufzubauen, um an 
Gelände wie auch an Anlagekosten zu sparen. 

Die Kosten der Versuchskläranlage betrugen, ohne Grund¬ 
erwerb, aber mit Einschluss aller Materialien und Einrichtungen 
für den Betrieb sowie der Arbeitslöhne für einen vierwöchigen 
Probebetrieb 23 600 Mk. oder für das cbm der täglich zu reinigen¬ 
den Wassermenge (725 cbm) 32,55 Mk. 

Grosse-Bohle (Cöln). 

Über den augenblicklichen Stand der Abwasserreinigung nach 
dem biologischen Verfahren. (Techn. Gemeindeblatt 1905, Nr. 9.) 

K. Thumm hielt über dieses Thema vor dem „Sonder¬ 
ausschüsse für Abfallstoffe“ der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft 
einen Vortrag, in dem er, gestützt auf eigene Untersuchungen und 
die Ergebnisse einer Studienreise nach England, sehr beachtenswerte 
Mitteilungen über das biologische Verfahren machte, die sich in 
folgende Sätze kurz zusammenfassen lassen. 

1. Das biologische Verfahren kann für Klein- und Gross¬ 
betriebe als eine vollwertige Reinigungsanlage angesehen werden. 
Wenn mit diesem Verfahren bisher in Deutschland oft Misserfolge 
erzielt worden sind, so ist das darauf zurückzuführen, dass die 
Anlagen meist zu klein gebaut werden und die Aufsicht über den 
Betrieb ungenügend ist. 

2. Das biologische Verfahren steht der Berieselung nicht 
unwesentlich nach, weil es den Bakteriengehalt des Abwassers nur 
wenig beeinflusst. 

3. Vor Erbauung einer definitiven biologischen Kläranlage 
empfiehlt es sich, Vorversuche mit dem zu reinigenden Abwasser 
anzustellen, weil die Verschiedenheit in der Beschaffenheit der 
Abwässer für das Ergebnis der Reinigung oft von grosser Bedeutung 
ist; die Anstellung solcher Versuche ist um so notwendiger, je 


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grösser die Anlage werden soll. Bei diesen Versuchen ist sowohl 
das Tropf- als auch das Füllverfahren zu berücksichtigen und die 
Frage der Qchlammbeseitigung ebenfalls sorgfältig zu prüfen. 

4. Das Füllverfahren kann nicht dem Tropfverfahren gegen¬ 
über als minderwertig bezeichnet werden, sondern beide Verfahren 
besitzen gewisse Vorzüge. Wenn genügendes Gefälle vorhanden 
ist oder das Abwasser ohnehin gehoben werden muss, oder wenn 
nur ein beschränkter Raum zur Verfügung steht, ist das Tropfen¬ 
verfahren vorzuziehen, in anderen Fällen das Füllverfahren. Ober 
die im Faulbecken beobachtete sog. Schlammzehrung äussert sich 
Thumm sehr skeptisch. 

ö. Die Kosten der biologischen Anlagen sind keineswegs 
gering und höher, als man in Deutschland gewöhnlich annimmt; 
sie dürften etwa 15—20 Mk. pro Kopf der angeschlossenen Be¬ 
völkerung, die Betriebskosten nach Bredtschneider 1,1—1,5 Pfg., 
nach englischen Angaben 0,8—3,2 Pfg. für 1 cbm Abwasser be¬ 
tragen. Grosse-Bohle (Cöln). 

Krüger, Die biologische Kläranlage mit intermittierendem Betriebe 
der Stadt Merseburg. (Technisches Gemeindebatt 1905, Nr. 5.) 

Die Anlage ist drei Jahre im Betriebe. Das Abwasser (1200 cbm 
täglich) gelangt zunächst in einen Sandfang, darauf tritt es in die 
Absatzbrunnen, alsdann durchfliesst es ein Nachklärbecken, und 
endlich wird es auf die Filterkörper geleitet, von denen vier Stück 
von je 33*/ 2 m Länge und 15 m Breite vorhanden sind. Die Filter¬ 
körper sind 0,80 m hoch mit Steinkohlenschlacken gefüllt, deren 
Korngrösse zwischen 3 und 15 mm sich bewegt. Die Füllung der 
Filter beansprucht l 1 /,—2 Stunden. Nach der Füllung bleiben 
die Körper l j 2 Stunde in Ruhe, alsdann werden sie entleert. Das 
so behandelte Abwasser ist klar, zeigt keinen Fäulnisgeruch und 
ist auch nicht fäulnisfähig. 

Bei der Vorreinigung werden aus 1 cbm Abwasser 1,65 Liter 
Schlamm gewonnen. Der Schlamm wird als Dünger an die Land¬ 
wirte verkauft. Grosse-Bohle (Cöln). 

Dunbar, Ist die Wirkung der Oxydationskörper eine rein mecha¬ 
nische? (Ges.-Ing. 1905, Nr. 15.) 

Bredtschneider hat eine neue Hypothese über die Wirkungs¬ 
weise der beim künstlichen biologischen Verfahren der Abwasser¬ 
reinigung angewendeten Reinigungskörper (Dunbar gab ihnen den 
Namen „Oxydationskörper“, Bredtschneider zieht die Bezeich¬ 
nung „Brockenkörper“ vor) aufgestellt. Er sagt: 

Die sogenannten gelösten organischen Stoffe sind in der Tat 
als äusserst kleine feste Teilchen im Abwasser enthalten. Diese 


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feinen Körperchen unterliegen den Gesetzen der Schwere und der 
Adhäsion, sie sind klebrig und haben die Eigenschaft, wie ein 
Schwamm Wasser aufzusaugen. Der Reinigungsvorgang im Oxy¬ 
dationskörper ist in der Weise zu erklären, dass sich die feinen 
Schwebestoffe mechanisch auf die Oberfläche der Brocken aufsetzen 
und an ihr haften bleiben. Die Organismen bewirken zwar in dem 
Oxydationskörper den Abbau der organischen Massen, aber mit 
der eigentlichen Reinigung haben sie nichts zu schaffen. 

Dunbar lehnt die Bredtschneidersche Hypothese ab und 
führt aus, dass schon ihr Ausgangspunkt, die von mehreren 
Forschern gemachte Beobachtung, dass Eiweisslösungen unter dem 
Ultramikroskope Körnchen erkennen lasse, keine feste Basis sei, 
weil diese Körnchen nach Michaelis nicht die Gesamtmasse des 
Eiweisses darstellen. Die Wirkung der biologischen Reinigungs¬ 
körper ist Dach Dun bar nur durch AbsorptionsWirkungen in Ver¬ 
bindung mit der Tätigkeit von Kleinlebewesen, daneben auch durch 
chemische Vorgänge zu erklären. Wenn nämlich Abwasser mit 
bakterientötenden Chemikalien versetzt wird, so hört die reinigende 
Wirkung der Oxydationskörper bald auf. Derselbe Erfolg tritt 
ein, wenn man die Bakterien ruhig weiterwachsen lässt, aber den 
Sauerstoffzutritt ausschliesst. Diese experimentell begründeten Tat¬ 
sachen beweisen, dass es sich beim biologischen Verfahren nicht 
um ein mechanisches Festhalten von kleinen pseudogelösten Teil¬ 
chen handeln kann. Nach der Hypothese Bredtschneiders ist 
es ferner nicht zu erklären, dass Abwässer durchweg ihre Fäul¬ 
nisfähigkeit verlieren, wenn die Oxydierbarkeit um 60—65°/ 0 her¬ 
abgesetzt wird, wobei es gleichgültig ist, wie gross die Menge der 
ursprünglich vorhandenen organischen Stoffe war. Ein gereinigtes, 
noch etwa 60 mg organischen Stickstoff enthaltendes Meiereiab¬ 
wasser erwies sich z. B. als nicht mehr fäulnisfähig, während ein 
unbehandeltes Meiereiabwasser mit ebenfalls 60 mg organischen 
Stickstoffes in hohem Masse der stinkenden Fäulnis zugänglich war. 

Hierauf erwidert Bredtschneider (1. c.): 

Bredtschneider, die Reinigung des städtischen Ab¬ 
wassers im Brockenkörper ist eine rein mechanische. 

Im filtrierten Abwasser sind mit Hilfe des Ultramikroskopes 
ungezählte Mengen von selbständigen Körperchen erkennbar. Wenn 
man filtriertes Abwasser in einer Zentrifuge einer Geschwindigkeit 
von 4000—5000 Umdrehungen in der Minute unterwirft, so gelingt 
es, ihm 65—80°/ 0 der sogenannten „gelösten 4 * organischen Bestand¬ 
teile zu entziehen. Das wäre nicht möglich, wenn die organischen 
Stoffe in gelöstem Zustande sich befänden. Wenn mit desinfizieren¬ 
den Chemikalien versetztes Abwasser sich nicht mehr biologisch 
reinigen lässt, so liegt das daran, dass die chemischen Zusätze die 


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Klebrigkeit der feinsten Teilchen aufheben. Organismen sind zur 
Umwandelung des Ammoniaks in Salpetersäure nicht erforderlich, 
sondern die feuchte Luft allein kann diese Oxydation herbeiftthren 
(diese Annahme widerspricht allen bisherigen einwandfreien Beob¬ 
achtungen Ref.). Verf. spricht es ferner unverhohlen aus, dass er 
sich für das Wunder der Bakterientätigkeit nicht begeistern kann, 
er meint, dass es nicht nötig sei, die Umwandelungen, welche eine 
organische Masse erfährt, auf die Wirksamkeit der Kleinlebewesen 
zurückzuführen. So nehmen beim Durchfliessen des Abwassers 
durch Klärräume die „gelösten 44 organischen Stoffe ihrer Menge 
nach ab, während die gelösten anorganischen Stoffe unverändert 
bleiben. Dieses Verhalten ist nur durch die Annahme zu erklären, 
dass die organischen Stoffe nicht gelöst sind, sondern sich im 
Abwasser als feste Teilchen befinden. (Bei der Abnahme der 
gelösten organischen Stoffe in Klärräumen handelt es sich tatsäch¬ 
lich nur um bakterielle Zersetzungsvorgänge, die sich im Abwasser 
äusserst schnell, und in gleicher Weise wie in Klärräumen auch 
in auf bewahrten Wasserproben vollziehen, durch Sterilisierung oder 
Zusatz bakterientötender Stoffe aber völlig aufgehoben werden 
können. Eine Sedimentierung findet hierbei nicht statt. Ref.). 

In einer kurzen Entgegnung bemerkt Dunbar, er könne 
die Bredtschneiderschen Ausführungen in keinem Punkte als 
stichhaltig anerkennen, habe jedoch durch sie den Eindruck gewonnen, 
dass es wünschenswert sei, die erörterten Fragen in einer Weise 
zu behandeln, die den Bedürfnissen derjenigen entspreche, welche 
den Wunsch haben, sich in die in Betracht kommenden Vorgänge 
möglichst zu vertiefen, ohne jedoch über die durchaus erforder¬ 
lichen Vorkenntnisse zu verfügen; er beabsichtige, eine derartige 
Arbeit vorzubereiten. Grosse-Bo hie (Cöln). 

Reich, Die Beseitigung und Verwertung städtischer Fäkalien nach 
dem System Deininger-Andrä. (Techn. Gemeindebl. 1905, Nr. 23.) 

Nach diesem Verfahren sollen städtische und Fabrikabwässer 
eingedampft und die trockenen Rückstände durch Zusatz von 
Ätzkalk verbrannt werden, um Ammoniak, Phosphorsäure und 
Kali zu gewinnen. 

Die Eindampfung der Abwässer von Städten mit Schwemm¬ 
kanalisation wird praktisch wohl nie in Frage kommen. (Ref.) 

Grosse-Bohle (Cöln). 

Paul, Die Wirkungen der Luft bewohnter Räume. (Zeitschr. f. Hyg. 
u. Inf., 49. Bd., 3. Heft, S. 405—433.) 

Übereinstimmend mit den bereits früher referierten Arbeiten 
von Flügge und Heymann gelangt Verfasser auf Grund seiner 


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Versuche zu dem Ergebnis, dass die unangenehmen Symptome,, 
wie sie in Versammlungslokalen, Kirchen, Schulen etc. sich ge¬ 
legentlich einstellen, unabhängig von der Einatmung der betreffen¬ 
den Luft zustande kommen, und dass demgemäss die chemischen 
Verunreinigungen der Luft nur eine ganz untergeordnete Rolle 
spielen können. Die Versuche haben gelehrt, dass eine grosse 
Bedeutung dem physikalischen Verhalten der Luft in den genannten 
Örtlichkeiten beigemessen werden muss. Zweifellos sind es vor¬ 
zugsweise die, in solchen Räumen herrschenden Temperatur- Feuch- 
tigkeits- und Luftbewegungsverhältnisse, welche eine ausreichende 
Wärmeabfuhr von seiten des menschlichen Körpers verhindern^ 
und so zu den bekannten, am besten mit dem Sammelnamen 
„Wärmestauungssymptome“ zu bezeichnenden unangenehmen Er¬ 
scheinungen führen. Mastbaum (Cöln). 

Heymann, Über den Einfluss wieder eingeatmeter Exspirations¬ 
luft auf die Kohlensäure-Abgabe. (Zeitschr. f. Hyg. u. Inf., 49. Bd. r 
3. Heft, S. 388-405.) 

Ob die menschliche und tierische Exspirationsluft eine schäd¬ 
liche Wirkung auf ihre Produzenten ausübt, ist eine vielumstrittene 
Frage. In einer im 47. Band des Archivs, für Hyg. erschienenen 
Arbeit kommt Wolpert zu dem Ergebnis, dass „in zu klein be¬ 
messenen oder aus anderen Gründen unzureichend gelüfteten Auf- 
enthalt8räumen durch sich ansammelnde Ausatemluft die Kohlen¬ 
säureausscheidung des Menschen herabgesetzt wird.“ Damit sei 
eine Beeinträchtigung des normalen Stoffwechsels erwiesen, welche 
bei längerer Dauer oder häufigerer Wiederkehr den Gesamtorga¬ 
nismus empfindlich schädigen müsse, und die Frage nach der 
Existenz schädlicher Stoffe in der Exspirationsluft sei nun in posi¬ 
tivem Sinne entschieden. 

Die Deutung dieser Resultate verwirft Hey mann in der vor¬ 
liegenden Arbeit und bezeichnet es als unzulässig, ohne weiterem 
und solange andere Erklärungen möglich sind, die Exspirations¬ 
produkte als Ursache dafür anzusehen, dass die Versuchspersonen 
eine allmählich geringere Kohlensäureausscheidung gezeigt haben. 
Es ist dies aus anderen Versuchsbedingungen zu erklären (andauernde 
Ruhe, Mangel an Nahrungsaufnahme, Temperatursteigerung). Eine 
Abnahme der von diesen und von zahlreichen anderen Bedingungen 
abhängigen, unter normalen Verhältnissen fortgesetzt erheblichen 
Schwankungen unterworfenen Kohlensäureausscheidung des Menschen 
kann ausserdem in den Grenzen, um die es sich in den oben 
erwähnten Versuchen Wolperts handelt, als ein den Körper ernst¬ 
lich schädigendes Moment überhaupt nicht angesehen werden. 

Mastbaum (Cöln) 


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Ercklentz, Das Verhalten Kranker gegenüber verunreinigter Woh¬ 
nungsluft. (Zeitschr. f. Hyg. u. Inf., 49. Bd., 3. Heft, S. 432—447.) 

Im Anschluss an die früher referierten Arbeiten von Plügge, 
Hey mann und Paul stellte Verfasser Versuche über das Verhalten 
Kranker gegenüber verunreinigter Wohnungsluft an und kommt eben¬ 
falls zu dem Resultate, dass eine mit gasförmigen Ausscheidungen von 
Menschen verunreinigte Luft nicht auf Grund ihrer chemischen 
Veränderung bei Menschen Gesundheitsstörungen hervorrufen könne, 
sondern dass diese durch Wärmestauung verursacht wurden. 
Verfasser weist in seiner Arbeit nach, dass dasselbe auch für 
Kranke gilt, nur bezüglich Asthmatikern behält er sich sein Ur¬ 
teil vor, da er an solchen keine Versuche ansteilen konnte. 

Mastbaum (Cöln). 

Pfützner, Die Lüftung der Theater. (Ges.* Ing. 1906, Nr. 3.) 

Soll aufwärts oder abwärts gelüftet werden? Das ist eine 
Frage, die bei dem Baue von Theatern immer wieder auftritt. 
Pfützner hat diese in einem bei der fünften Versammlung der 
Heizungs- und Lüftungsfachmänner gehaltenen Vortrage ausführlich 
behandelt. Den Engländer R e i d als Begründer der Aufwärts¬ 
lüftung bezeichnend, da dieser schon 1836 seine Erfindung bekannt 
machte, und den Franzosen Morin als hauptsächlichsten Förderer 
der Abwärtslüftung, indem auf dessen Veranlassung mehrere fran¬ 
zösische Theater mit solcher Lüftung versehen wurden, bringt 
Pfützner zuerst die geschichtliche Entwicklung der Theaterlüftung 
und die verschiedenen Ansichten, welche über diese Frage be¬ 
stehen. Die Art der Beleuchtungseinrichtung, ob Gas oder Elek¬ 
trizität, ist hierbei von grosser Bedeutung und auch berücksichtigt. 

Sodann bespricht Pfützner die Vorzüge, welche sich bei 
beiden Systemen einstellen und erstreckt diese Betrachtungen auf 
die Güte und Reinheit der Atmungsluft, die Gleichmässigkeit der 
Raumtemperatur, die Entwärmung der Personen und des Raumes, 
die Zugbelästigungen und schliesslich die Sicherheit der Theater¬ 
besucher bei Theaterbränden. In erster Linie kommt er auf die 
Beschaffenheit und Reinheit der Atmungsluft. Es ist anzustreben, 
dass die Atmungsprodukte möglichst rasch aus dem Bereiche der 
Zuschauer entfernt werden, damit die Luft nicht verschlechtert wird. 
In verschiedenen Theatern wurden Messungen der Luft bezgl. deren 
Koblensäuregehaltes, welcher ja als Massstab für die Güte der Luft 
gilt, ausgeführt und hierbei konstatiert, dass dieser auf der Galerie 
durchschnittlich nur wenig grösser war als im Parkett. Als 
grösster Kohlensäuregehalt wurden 6,55 °/ 00 beobachtet. In einem 
Saale war sonderbarer Weise das umgekehrte Verhältnis zu kon¬ 
statieren, und zwar: an der Decke 0,5 °/ 00 , am Fussboden 1,03 °/ 00 


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und in der Atmungshöhe (ca. 1,5 m ab Fussboden) 3,0 °/ 00 . Dabei 
war in dem Saal ein unterer Abzug angeordnet. Sodann erwähnt 
Pfützner, in welchem Verhältnisse die ausgeatmete Luft infolge 
des Feuchtigkeitsgehaltes bei ihrer Abkühlung schwerer wird, des¬ 
halb eher sinkt als steigt. Da aber anderseits wieder anzunehmen 
ist, dass die eingeatmete Luft sich sehr rasch mit der übrigen 
Luft vermengt, so liegt die Wahrscheinlichkeit vor, dass ein un¬ 
gehindertes Abströmen der Luft nach oben doch günstiger ist, um 
so mehr, als die Wärmeabgabe der Menschen hierzu noch mithilft. 
Zur Verhütung einer Staubaufwirblung spricht nun wieder mehr 
die Abführung der Luft nach unten, es müsste denn sein, dass die 
Zuluftkanäle bis zur Austrittsöfftmng und der Fussboden selbst 
vollständig rein gehalten werden. 

Als zweiter Hauptpunkt wird die Gleichmässigkeit der Tem¬ 
peraturen in verschiedenen Höhenlagen des Zuschauerraumes be¬ 
sprochen. Bei der Abwärtslüftung ist eine gleiche Temperatur auf 
allen Plätzen leichter zu erreichen als bei der Aufwärtslüftung ; 
es wurde aber auch festgestellt, dass bei letzterer zwischen Parkett 
und Galerie auch nur eine Differenz bis zu 1,5° C. besteht, welche 
beinahe nicht ins Gewicht fällt. In der Beziehung wären demnach, 
beide Lüftungsarten von gleichem Erfolge. 

Auf die Entwärmung der Personen und des Raumes kommend,. 
bemerkt Pfützner, dass im Gegensätze zur Erhaltung einer 
möglichst gleichen Temperatur die Forderung weit schwieriger ist, 
die normale Temperatur nicht über 20° C. steigen zu lassen. Es 
kommt in Betracht, dass alle Wärme, die durch die Zuschauer und 
die Beleuchtung erzeugt wird, in der Hauptsache mit der Luft¬ 
abfuhr beseitigt werden muss, da durch die Umschliessungsflächen, 
welche meistens ganz eingebaut sind, nur ganz wenig Wärme 
entweicht. Indem noch dargelegt wird, in weicher Weise die 
Luft den Zuschauer umspült und sich dadurch erwärmt, muss 
hiernach nach Ansicht Pfützners die Entwärmung der Menschen 
bei der Abwärtslüftung als weniger hinreichend bezeichnet werden, 
als dies bei der Aufwärtslüftung der Fall ist. 

Sodann wird das Auftreten von Zugbelästigungen besprochen, 
welche selbstredend bei einer guten Theaterlüftung nicht auftreten 
dürfen. Sie sind oft die Veranlassung, dass eine Lüftungsanlage 
überhaupt nicht betrieben wird, oder höchstens nur während der 
Zwischenpausen. Bei der Frage, ob die Abwärts* oder Aufwärts¬ 
lüftung mehr für das Auftreten von Zugerseheinungen Veranlassung 
gibt, bemerkt Pfützner, dass bei ersterer ein Zug vermieden 
werden kann, wenn die ganze Decke gleichsam für den Luftaustritt 
durchlöchert ist und nicht, wie es meistens der Fall ist, die Decken 
an bestimmten Stellen grosse Eintrittsöffnungen haben. Dies lässt 


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«ich in architektonischer Beziehung allerdings nicht immer ganz 
erreichen. Bei der Aufwärtslüftung werden von der eintretenden 
Luft nur die Beine getroffen, und kann auch hier eine Zug- 
-erscheinung auf treten. Es fragt sich jetzt nur, kann man am Ober¬ 
körper oder an den Beinen besser einen Zug ertragen, das ist 
aber ganz individuell. Eine weitere Zugerscheinung kann auftreten, 
wenn aus den Neben räumen oder von der Bühne kalte Luft eintritt. 
Diese kann durch Herstellung von Überdruck im Zuschauerraume 
vermieden werden, und soweit dies nicht vollständig zu erreichen 
ist, müssen wenigstens die anschliessenden Räume auf solche 
Temperaturen gebracht werden, dass die eintretende Luft auf 
keinen Fall ein kaltes Gefühl hervorruft. Schliesslich bespricht 
Pfützner den letzten Punkt seiner Betrachtung, die Feuersicherheit. 
Als Grundbedingung wird hier verlangt, dass im Zuschauerraum 
Überdruck nach der Bühne besteht, da erfahrungsgemäss die 
meisten Brände auf der Bühne entstehen. Die Aufwärtslüftung 
wird für Brandunfälle günstiger wirken, wie Pfützner bemerkt, 
da der Rauch auf natürliche Weise abziehen kann und nicht mehr 
in das Bereich der Zuschauer gedrückt wird. Meiner Ansicht 
würde bei der Abwärtslüftung dasselbe erreicht werden, wenn für 
den Fall eines Brandes der Ablüftungsventilator umschaltbar ein¬ 
gerichtet wird, d. h. er müsste im Falle eines Brandes Luft ein¬ 
pressen statt abziehen. Diese Einrichtung macht zwar konstruktive 
Schwierigkeiten, lässt sich aber ausführen. Ob die Frischluftzufuhr 
getrennt für die Bühne in bezug auf Feuersicherheit von Vorteil 
ist, dürfte noch nicht genügend ausprobiert sein. 

Hiermit beschliesst Pfützner seine Betrachtungen über die 
Hauptgesichtspunkte einer Theaterlüftung und kommt, nachdem 
er noch die Notwendigkeit einer guten Bedienung und einer Über¬ 
wachung der Anlage, sowie die von Krell konstruierten Pneumometer 
zum Messen des Überdrucks im Theater hervorhebt und seine 
eigenen in verschiedenen Theatern gemachten Erfahrungen erwähnt, 
zu dem Schlussresultat, dass beide Lüftungsarten ihre Vor- und 
Nachteile haben; indessen scheinen die grösseren Vorteile auf seiten 
der Aufwärtslüftung zu liegen. Um vollständige Klarheit im 
Lüftungssystem zu erhalten, schlägt Pfützner vor, es möchten 
von unparteiischer Seite in Theatern mit den verschiedenartigsten 
Lüftungssystemen Versuche angestellt und die Ergebnisse ver¬ 
öffentlicht werden. Dieser Vorschlag kann im Interresse der Zu¬ 
schauer nur begrüsst werden, weil es dazu führen würde, dass im 
Theater ein angenehme Temperatur erhalten wird und die Klage 
verstummt: „Es zieht!“ Herbst (Cöln). 


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Flügge, Über Luftverunreinigung, W&rmestauung und Lüftung in 
geschlossenen Räumen. (Zeitschr. f. Hyg. u. Inf., 49. Bd., 3. Heft, 

S. 363—387.) 

Bereits im Jahre 1883 haben Versuche von Hermans es 
wahrscheinlich gemacht, dass die chemischen Änderungen, welche 
durch die normalen gasförmigen Ausscheidungen des Menschen in 
der Luft bewohnter Räume hervorgerufen werden, einen Einfluss 
auf die Gesundheit nicht haben. Hiergegen wurde von vielen 
Seiten Widerspruch erhoben, aber die späteren Beobachtungen 
lauteten wieder meistens in dem Herrnansschen Sinne dahin, dass 
die Gesundheitsstörungen auf thermischen Einflüssen beruhen. Das 
Resultat seiner Versuche fasst nun Flügge in folgende Sätze 
zusammen. 

1. Zahlreiche, mit feineren Prüfungsmethoden und unter 
genauer Berücksichtigung der thermischen Verhältnisse an gesunden 
und kranken Menschen angestellte Versuche haben ergeben, dass 
die chemischen Änderungen, welche in bewohnten Räumen durch 
die gasförmigen Exkrete der Menschen hervorgerufen worden, eine 
nachteilige Wirkung auf die Gesundheit der Bewohner nicht 
ausüben. 

2. Wenn in geschlossenen, mit Menschen gefüllten Räumen 
gewisse Gesundheitsstörungen, wie Eingenommenheit des Kopfes, 
Ermüdung, Schwindel etc. sich bemerkbar machen, so sind diese 
Symptome lediglich auf Wärmestauung zurückzuführen. 

3. Die thermischen Verhältnisse der uns umgebenden Luft, 
Wärme, Feuchtigkeit, Bewegung sind für unser Wohlbefinden von 
erheblich grösserer Bedeutung als die chemische Luftbeschaffenheit. 
Auch das erfrischende Gefühl, welches bei ausgiebiger Lüftung 
geschlossener Räume oder im Freien empfunden wird, resultiert 
nicht sowohl aus der grösseren chemischen Reinheit der Luft, 
sondern aus der besseren Entwärmung des Körpers. 

4. Eine Überwärmung unserer Wohnräume muss daher tun¬ 
lichst vermieden werden. Während dies im Hochsommer oft schwer 
durchzuführen ist, gelingt es in den übrigen Jahreszeiten relativ 
leicht. 

5. In erster Linie müssen die Heiz Vorrichtungen stets so 
betrieben werden, dass die Temperatur die oberste Grenze von 
21° niemals überschreitet. Namentlich ist dies in öffentlichen 
Räumen (Schulen) scharf zu kontrollieren. In der Regel soll die 
Temperatur der beheizten Räume zwischen 17 und 19° liegen. 

6. In überwarmen Räumen kann oft schon durch künstliche 
Zirkulation der Luft ohne Zufuhr von Aussenluft eine gewisse 
Abhülfe geleistet werden. 

7. Durch Lüftung in überwarmen Räumen Abhilfe zu schaffen, 


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ist im Winter während der Benutzung des Zimmers durch Menschen 
gefährlich und zu vermeiden, weil durch die Einwirkung kalter 
Luftströme auf die vorher überwärmte Haut leicht Erkältungs¬ 
krankheiten entstehen. 

8. Dagegen kann durch periodische Lüftung der Räume zu 
unbewohnter Zeit der Überwärmung wirksam begegnet werden. 

9. Für die in Wohnräumen vorkommenden Gerüche, welche 
vorzugsweise den Zersetzungen auf Haut und Schleimhäuten, sowie 
den Kleidern der Bewohner entstammen, ist eine gesundheitsschäd¬ 
liche Wirkung nicht nachgewiesen. 

10. Dagegen erzeugen diese Gerüche beim Betreten der 
Räume Ekelempfindung und sind deshalb tunlichst zu beseitigen. 

11. Dies kann teils geschehen durch Vorbeugung und Desö- 
dorisation, teils durch kontinuierliche Aspirationslüftung, oder durch 
periodische Zugltiftung des unbewohnten Zimmers. 

12. Die Lüftung hat nicht die Aufgabe und ist nicht im¬ 
stande, bewohnte Räume von Staub oder Contagien zu befreien. 

Mastbaum (Cöln). 

Hoffmann, Überdrucklüftung mit Ventilatorenbetrieb in Schulen. 

(Ges.-Ing. 1906, Nr. 4.) 

Von dem Gedanken ausgehend, dass in neuerer Zeit den 
hygienischen Einrichtungen in Schulen immer mehr Wert bei¬ 
gelegt wird, bespricht Hoffmann die Notwendigkeit einer guten 
Lüftung in Schulzimmern. 

Er weist insbesondere daraufhin, dass diese um so wichtiger 
ist, da ja die Kinder zum Schulbesuch gezwungen sind, was vom 
Besuch der Theater, Gasthäuser und dergl. nicht gesagt werden 
kann. Die mit einer ausgiebigen Lüftung zusammenhängenden 
Ausgaben sollten von keiner Behörde gescheut werden. 

Da aber trotzdem von manchen Seiten Bedenken über zu 
hohe Kosten entstehen, bringt Hoffmann in seiner Abhandlung 
Vorschläge, auf welche Art genügende Lüftung mit geringem 
Kostenaufwandc erreicht werden kann. 

Zuerst bespricht er das in Dresden von Schmitt eingefübrte 
Lüftungssystem (örtliche Heizkörper für die Beheizung und gemein¬ 
same Luftvorwärmung auf Korridortemperatur und Nachwärmung 
für jeden Raum getrennt auf Zimmertemperatur, beides im Keller), 
gegen das nach seiner Ansicht nichts einzuwenden ist, wenn es 
auch den Nachteil hat, wie so viele andere Systeme, dass es nur 
durch den von dem Temperatur-Ünterschiede herrührenden Auftrieb 
wirkt. Dabei ist aber wieder günstig, dass die Lüftung nur vom 
Heizer und nicht vom Lehrpersonal geregelt Werden kann. 

Hoffmann erwähnt nun noch, dass Prof. Nussbaum die 


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Nützlichkeit des ganzen Systems bezweifelt und es für das beste 
hält, von jeglicher künstlichen Lüftung der Schulsäle abzusehen 
und sich auf die Fensterlüftung in den Zwischenpausen zu be¬ 
schränken. Dieser Ansicht tritt Hoffmann mit vollem Heehte 
entgegen, weil abgesehen von der dann nur einmaligen Lüftung 
pro Stunde der Betrieb im Verhältnisse zur Leistung ausserordentlich 
kostspielig sich gestalten würde. 

Als beste Lösung der Lüftungsfrage findet Hoffmann, um 
von allen Nebenumständen unabhängig zu sein, den Ventilatorbetrieb. 
Er weist rechnerisch nach, dass bei Annahme von Doppelfenstern 
durch den in den Räumen hergestellten Überdruck eine geringere 
Abkühlung erfolgt und die dadurch entstehende Ersparnis an 
Kosten bei Herstellung und Betrieb der Heiz- und Lüftungsanlage 
die Unkosten für Ventilatorbetrieb ziemlich decken würde. 

Ferner können Zugerscheinungen, wie Hoffmann schreibt, 
an den Fenstern vollkommen vermieden werden, da ja Überdruck 
in den Räumen besteht. Den hygienischen Forderungen bezgl. 
reiner Luft zu genügen, setzt Hoffmann voraus, dass alle Luft¬ 
kanäle vollständig glatt und abwaschbar hergestellt und auch rein 
gehalten werden. Ausreichende Reinigungsmöglichkeit ist ebenfalls 
vorzusehen. 

Für die Lüftung mit Ventilatorbetrieb empfiehlt Hoffmann 
drei Arten, und zwar: Entweder örtliche Heizkörper in Verbindung 
mit Luftheizung, oder reine Luftheizung, oder schliesslich das Dres¬ 
dener System, jedoch ohne örtliche Heizkörper. 

Um bei der ersten Art in allen Räumen gleichmässige 
Temperaturen zu erhalten, schlägt er für die örtlichen Heizkörper 
Temperaturregler vor, die allerdings noch sehr teuer zu stehen 
kommen und noch immer nicht zuverlässig genug arbeiten; zugleich 
wäre dann die normierte Luftmenge mit gleichbleibender Temperatur 
jeder Klasse zuzuführen. Die Bedienung könnte auf diese Weise 
nicht einfacher gestaltet werden. 

Als Grundbedingung gilt bei allen drei Systemen, dass aus¬ 
schliesslich der Heizer die Heizung, wie die Lüftung reguliert. 

Am Schlüsse seiner Abhandlung hebt Hoffmann noch her¬ 
vor, dass der Ventilatorbetrieb auch im Sommer gute Dienste 
leisten wird, weil die feuchte, schwüle Luft aus den Schulzimmern 
leicht entfernt werden kann, welcher Meinung vollständig beigestimmt 
werden muss. Herbst (Cöln). 

Brabble, Die Lüftungsanlagen beim Baue der grossen Alpentunnels 
in Österreich, mit besonderer Berücksichtigung der Bewegung 
atmosphärischer Luft in Röhren. (Ges.-Ing. 1905, Nr. 28 u. 29.) 

Gelegentlich der fünften Versammlung der Heizungs- und 

Oentralblatt f. allg. Gesundheitspflege. XXV. Jahrg. 26 


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Liiftungsfachmänner zu Hamburg hielt Brabböe einen sehr ein¬ 
gehenden Vortrag über obiges Thema. Er brachte die vielen 
Erfahrungen, die er bei dem Baue von Tunnels gemacht hat, uad 
erläutert, wie wichtig unter all’ den maschinellen Einrichtungen, 
wie Gesteinsbohrung, Förderung der Ausbruchs- und Baumaterialien, 
Betrieb der Beleuchtung und dergl. die künstlich zu erzeugende 
Lüftung ist. Abgesehen davon, dass diese mehr Kraftverbrauch 
nötig hat als alle übrigen maschinellen Installationen zusammen, 
ca. 250 PS., so muss berücksichtigt werden, dass, sowie der 
Lüftungsbetrieb versagt, naturgemäss die ganze Arbeit eingestellt 
werden muss. Dazu kommt noch die Schwierigkeit, dass die 
Tunnels eine Länge von 4770 m bis 8526 m haben und eine ver¬ 
öffentlichte Theorie für die Ventilation so langer Tunnels noch 
nicht besteht. 

Bevor Brabble auf den Gegenstand seines Themas eingeht, 
erwähnt er noch, dass man früher, z. B. bei dem Arlbergtunnel, 
die Arbeitsstrecke ventilierte, indem man durch ungeheure Wasser¬ 
säulenmaschinen und Gebläse Frischluft durch verhältnismässig 
kleine Röhren in den Tunnel presste, während man später hinter¬ 
einander gekuppelte Zentrifugalventilatoren verwendete und im 
Gegensatz zu früher die Luft durch weitere Rohre führte und 
jetzt das alte Prinzip ganz verlassen hat und das Programm 
moderner Lüftungsanlagen verfolgt, das Brabble in die Worte 
zusammenfasst: Viel Luft, weite Rohrleitungen, wenig Druck. Für 
diesen Grundsatz führt Brabble den Simplontunnel als Beispiel 
an. Dort wurde nämlich die ganze Tunnelröhre als Lüftungsleitung 
verwendet, welcher Umstand auch der Hauptgrund für die Wahl 
zweier eingleisiger Paralleltunnels gewesen sein soll. 

Von den drei Hauptteilen einer Lüftungsanlage für grosse 
Alpentunnels, nämlich Antriebsmotoren, Ventilatoren und Lüftungs¬ 
leitungen wendet sich Brabble den letzteren zu; auf die vielen 
Versuche hinweisend und diese anführend, welche auf dem Gebiete 
der Luftleitungen von vielen Autoritäten ausgeführt worden sind, 
kommt Brabble auf seine eigenen Versuche und Messungen, 
welche er ganz ausführlich darlegt, und von denen er die daraus 
geschöpften Resultate, die in Tabellen und Diagrammen dargestellt 
werden, beifügt. Auch beschreibt Brabböe die Messinstrumente, 
welche für seine Versuche gedient haben. Allen, welche sich mit 
der Theorie der Bewegung atmosphärischer Luft in Röhren befassen, 
kann das Studium der von Brabble gemachten und aufgestellten 
Theorien sehr anempfohlen werden. Herbst (Cöln). 


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rMarcuse, Die geschlechtliehe Aufkl&rung der Jugend. (Leipzig, 
F. Dietrich) 1 ). 

'Laschnewska, Die geschlechtliche Belehrung der Kinder. (Frank- 
* furt a/M. J. D. Sauerländer) l ). 

Beide Aufsätze haben dasselbe Ziel im Auge, nämlich eine 
.geschlechtliche Belehrung und Aufklärung der Schulkinder. Vor 
allem die Jugend bedarf der Aufklärung, da sie am meisten durch 
geschlechtliche Verirrungen gefährdet ist, gegen deren Gefahren 
sie bei ihrer Unkenntnis nichts schützen kann. Bisher herrscht 
bei der Erziehung in Schule und Haus nur das Prinzip, „alle das 
•Geschlechtsleben betreffenden Fragen zu ignorieren, und alles, was 
daran erinnern könnte, dass Mann und Weib sich nicht völlig 
gleichen, mit einem aus Heuchelei und Prüderie gewobenen Scham- 
tüchlein zu bedecken.“ Es ist höchste Zeit, dass mit diesem Prinzip 
gebrochen wird, welches dazu führt, dem Kind allerdings auch 
eine Aufklärung über geschlechtliche Dinge zu geben, aber nur 
auf die schmutzigste Weise, im dunklen Winkel und verschwiegenen 
Versteck, von klügeren Kameraden u. a. Eltern und Erzieher 
müssen die Pflicht anerkennen, die geschlechtliche Belehrung der 
Kinder in die Hand zu nehmen. Marcuse schildert in über¬ 
zeugender Weise des näheren die Gefahren, denen die Kinder in 
der Schule, in sonstigen Erziehungsinstituten und später im Leben 
ausgesetzt sind, und mit wie grossem Elend sich die Unwahrhaftig¬ 
keit in der Erziehung rächt. Das Vertuschungssystem und die 
.Geheimniskrämerei, welche den Kindern die Unbefangenheit rauben 
und die Neugier reizen, müssen aus der Erziehung verschwinden. 
Das Kind muss „zu gesunder Freude an allem Schönen, mag es 
Kunst oder Natur, nackt oder angezogen sein, und zum gesunden 
.Abscheu vor allem, was wirklich unschön ist“, erzogen werden. 

Die Mittel und Wege hierzu gibt uns Lischnewska an. Sie 
-weist auf die Tatsachen hin, dass Schulknaben mit Prostituierten und 
in Bordellen verkehren, und dass nach Äusserungen von Ärzten und 
Xehrern auf dem Internationalen Schulhygienekongress in Nürnberg 
90 °l 0 aller Schüler der höheren Lehranstalten geschlechtlichen Ver¬ 
irrungen ergeben sind. Um ein gesundes, reines Geschlechtsleben wie¬ 
der in unserm Volke zu schaffen, muss der Kampf gegen Schmutz und 
Entartung des Geschlechtslebens aufgenommen werden. Der Kultur¬ 
mensch muss lernen, die Natur mit reinen Augen anzu